Rebellen und Konvertiten von DANIEL BENSAID und ALAIN KRIVINE ic Medien sprechen von den „Er- D eignissen des Mai 68" so wie man früher von den ..Ereignissen von Algerien" sprach. Der Plural zeigt eine Ausflucht: vorherrschend ist eine erzählerische Objektivität, die nicht über die chaotische Oberfläche der Begebenheiten hinauskommt. Worin bestand eigentlich im Mai und Juni 1968 das Ereignis**? Im Aufbegehren der Studenten? In den Barrikaden der Rue Gay-Lussac? In De Gaulles Flucht nach Baden-Baden? Im Brand der Börse? In den Vereinbarungen von Grenelle? Den Wahlen vom Juni? Natürlich in alledem. Doch woher rührt die Einheit all dieser Ereignisse, die aus dem Mai 68 einen Bezugspunkt ganz anderer politischer und symbolischer Tragweite macht als die spektakulären Demonstrationen japanischer Studenten, das Massaker an den mexikanischen Studenten auf dem Platz Tlatelolco oder die Arbeiterkämpfe des heißen Herbstes in Italien?
Der Mai 68. der wirklich in die Geschichte eingeht, der ein authentisches Ereignis" darstellt, ist nicht in erster Linie der der Barrikaden. der Sorbonne oder des Odéon. Er ist sicherlich auch nicht der Mikrokosmos der Pariser Intelligenz. die von der Straße in den Salon zurückgekehrt ist. Der Unterschied zwischen dem Mai und den andern, gleichzeitig ablaufenden Kämpfen, aus dem seine besondere Ausstrahlung erwächst, liegt im Zusammentreffen der studentischen mit der Arbeiterbewegung, liegt im größten Streik unserer Geschichte. Diese entscheidende Tatsache verschwimmt im Mißmut derjenigen, die den Glanz zersetzen und die lebendigen Bilder nach Maßgabe ihres Überdrusses in ein ödes Grau tauchen wollen.
Unter dem Pflaster ...
liegt der Streik
Bevor wir eine Reihe von Zahlen auflisten, müssen wir auf den Geist des Generalstreiks eingehen, seine befreiende Wirkung, seine Entwicklungen und Wandlungen. Ein Generalstreik ist etwas ganz anderes als eine Summe lokaler Streiks, etwas anderes als ein großer Aktionstag, der andauert und sich einen Monat lang fortsetzt. Plötzlich bricht der cherne Kreis der Ausbeutung, der Unterwerfung unter die Stechuhr, der Unterordnung unter die Maschine, zusammen. Die Idole der tagtäglichen Ordnung stürzen ein: der Warenfetischismus, der Staatsfetischismus. Die Beziehung zwischen den Menschen gewinnt die Oberhand über die Beziehung zwischen den Sachen. deren Gefangene erstere war. Die Quelle der Wiederentdeckung der Rede, der Kommunikation, der Geselligkeit, die mit Erstaunen und Verzückung erlebt wurden, braucht man nirgendwo anders zu suchen. Oft ist die Nacht des 10.Mai in der Rue Gay-Lussac beschrieben worden, als die Anwohner ohne allzugroße Aufregung ihre Autos brennen sahen und cinige sogar den Schlüssel herausrückten, um die Sache zu vereinfachen. Es wurde von Rauchern erzählt, die den Verzicht auf Tabak, und von Autonarren, die die Benzinknappheit mit Heiterkeit ertrugen. Und Nervenbündel wurden plötzlich ganz ruhig und heiter. Wir wurden nicht 1968 geboren. Wir waren schon lange vorher politisch aktiv, gegen den Algerienkrieg, gegen den Vietnamkrieg. gegen den Gaullismus und die Universitätsreform. 1965 wurden wir aus der Kommunistischen Partei ausgeschlossen, eben weil wir Kommunisten und keine Stalinisten, weil wir Revolutionäre und keine platten Reformisten sein wollten.
Im Frankreich von 1965, dem der Dreißig glorreichen Jahre" des Wirtschaftsbooms der Nachkriegszeit, der Entkolonialisierung und der beinahe Vollbeschäftigung, war es nicht weniger außergewöhnlich als heute, von sich zu sagen, man sei Revolutionär. Schon damals war der ewige gesunde Menschenverstand" der gute Schüler und gute ENA-Absolventen (franz. Verwaltungshochschule ENA), gute Väter und Gatten produziert, war der ,, Wirklichkeitssinn" auf der anderen Seite: auf der der gaullistischen Technokraten, der sozialdemokratischen Notablen, der fortgeschrittenen Demokraten* der Kommunistischen Partei. Nach dem Maßstab ihrer Vernunft sind und bleiben wir Verantwortungslose. Die Revolution von 1917 war eine Sache von Schulungskursen, der Lektüre einiger Brocken Lenin in der Schule. des vertrauensvollen Gedenkens an die russische Revolution, an die Volksfront und die Libération. Um die Aktualität der sozialen Revolution in den entwickelten kapitalistischen Ländern aufzuzeigen, verwiesen wir damals auf die belgischen Streiks von 1960-61 und den Bergarbeiterstreik von 1963. Doch unsere Gegenargumente wogen wenig: die Theoretiker des Neokapitalismus, der Konsumgeselischaft, der Verbürgerlichung der Arbeiterklasse, der Befriedung der gesellschaftlichen Konflikte durch Verhandlungen bestimmten die Debatte.
Nichts wäre falscher als die Politisierung der Generation des Mai 68 der angeblichen Entpo- JAHRE
M A I litisierung der Jugend der achtziger Jahre gegenüberzustellen. Die Jugend ist heute in ihrer Masse unendlich viel aktiver als sie es Anfang der sechziger Jahre war. Man möge nur seinen Blick auf die europäische Situation lenken und die gesamten Mobilisierungen der Jugend gegen den Krieg, die Raketen der NATO. gegen den Rassismus, gegen die Universitätsreform (in Frankreich, Spanien, Italien. Osterreich ...) betrachten: sie waren unvergleichlich grö- Ber als die Mobilisierungen gegen die Atomwaffen, die Reformen oder selbst gegen den Vietnamkrieg. die zwischen 1964 und 1967 nur einige wenige tausend Menschen auf die Beine brachten. Und dennoch befanden wir uns innerhalb weniger Wochen mittendrin in einer außergewöhnlichen Lehre. die uns die Wirklichkeit erteilte. Die praktischen Tätigkeiten gingen weit über den theoretischen Rahmen hinaus, die Realitäten unterspülten unsere Vorstellungen und überbordeten unsere gewagtesten Hoffnungen. Wie hatten wir doch angestrengt gegen die Beweise der Passivitat der Arbeiterklasse argumentiert. welchen Glauben hatten wir nicht in die Analyse der großen historischen Bewegungen gegen die betrüblichen Feststellungen der Soziologie gesetzt, als daß wir von jener grandiosen Bestätigung hätten überrascht sein können. Insgesamt gesehen kam jener Generalstreik jedoch schneller und ungestümer, als wir es uns hätten träumen lassen. Doch er rührte aus der inneren Logik des Kapitals selbst.
Mai 68 in Zahlen 1936 zählte man in etwa drei Millionen Streikende, auf dem Höhepunkt der Streiks 1947 2.5 Millionen. 1953. während des heißen
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Sommers im Öffentlichen Dienst, 850.000. Im Mai 68 wurden alle Rekorde geschlagen. Die absolute Mehrheit der Lohnempfänger, wahrscheinlich die immense Mehrheit der Arbeiterklasse (damals etwa 15 Millionen Menschen) befand sich im Streik, zum ersten Mal in einem entwickelten kapitalistischen Land. Diese Daten werden durch das Studium nicht nur der Zahl der Streikenden, sondern auch der verlorenen"* Streiktage bestätigt. Alle statistischen Vergleichszahlen wurden weit übertroffen. Die Schätzungen des Arbeitsministeriums für das gesamte Jahr 1968 gehen von 150 Millionen Streiktagen aus! Man muß sie mit den zwei Millionen von 1969, den 4.3 Mio. von 1971 und der Million von 1985 vergleichen; oder aber mit den 37 Millionen des italienischen Mai 1969. die ebenfalls ein Landesrekord waren. den 14 Millionen von 1974 in Großbritannien, dem Jahr. als der Bergarbeiterstreik die konservative Regierung Heath zu Fall brachte. Zur Dauer der Streiks: der Höhepunkt lag in der Woche vom 22. bis 30.Mai (dem Tag. als De Gaulle in einer Ansprache einen Rücktritt rundheraus ablehnte und die Auflösung der Nationalversammlung verfügte). Mehr als vier Millionen Streikende haben drei Wochen lang ausgeharrt, über zwei Millionen einen Monat. Zehn Tage nach De Gaulles Ansprache gab es noch mehr Streikende als auf dem Höhepunkt der Streikwelle zu Zeiten der Volksfront. Und gerne möchten wir die neuen Erscheinungen festhalten, die sein Gesicht prägten: die ..wei- Ben Kragen** besetzten ihre Büros. die Fußballer ihre Vereinsheime. die Schauspieler ihre Theater. Wie 1936 zeigte sich die Zunahme der Lohnabhängigen auch in den Streiks. Damals waren wir überrascht. daß neue Sektoren. etwa die Verkäuferinnen der großen Warenhäuser. in den Streik traten. Die Rebellion ging durch alle Institutionen. die Presse. den ORTF (Rundfunk und Fernsehen), die Justiz. Gewissermaßen handelte es sich um cinen nationalen Streik, der die Wirklichkeit einer Gesellschaft vermittelte. in der erstmals über 80% Lohnempfänger waren. Schaut man aber genauer hin, sicht man, daß das Gerippe des Streiks von den traditionellen Ballungen des Industrieproletariats gestellt wurde, der Metallindustrie, der Chemie und dem Transportwesen. Auch wenn Erfahrungen wie die von CEA Saclay spektakulär sind. war es trotzdem die Metallindustrie. die mit Sud-Aviation-Bouguenais ab dem 14. Mai die Bewegung losgetreten hat: tags darauf folgten Renault-Cléon und die Werften in Bordeaux, schließlich Berliet. Saviem-Blainville. Snecma in Gennevilliers. Renault-Billancourt ab dem 16. oder 17. Nach den Vereinbarungen von Grenelle kämpfte wiederum die Metallindustrie weiter, es folgten die Kämpfe bei Renault-Flins und Peugeot-Sochaux. Renault-Billancourt nahm die Arbeit erst wieder am 17.Juni auf, Citroen am 24.Juni und Usinor-Dunkerque am 25. Juni. Im allgemeinen nahm die Bewegung je nach Betriebsgröße unterschiedliche Gestalt an: die Streikverluste waren fünfmal stärker in den Betrieben mit über tausend Beschäftigten als in denen, wo weniger als zehn arbeiteten. Die jungen Proletarier unter 25 machten auf massive Weise ihre ersten Streikerfahrungen. Dasselbe galt für die Frauen, die in immer grö- Berer Zahl auf den Arbeitsmarkt drängten. Die Angelernten befanden sich häufig an der Spitze der Aktionen. Alles in allem waren es also nicht die neuen Proletarier im tertiären Bereich" oder die in der Hochtechnologie Beschäftigten, die die Initiative ergriffen, sondern die großen Bastionen des Industrieproletariates, die den harten Kern der Kämpfe stellten. Es handelte sich unbestreitbar um den größten Streik in der Geschichte der französischen Arbeiterbewegung. Es wäre heute lächerlich zu behaupten. man hätte eine solche Sturmflut vorhersehen können; nur waren cinige viel stärker überrascht als andere. Seit er die Wahlen von 1965 erst im zweiten Wahlgang für sich entscheiden konnte, hatte De Gaulles Autorität einen Knacks erhalten. 1967 hatte er sich durch Betrugsmanöver in den Überseeprovinzen gerade noch eine parlamentarische Mehrheit sichern können. Diese Schwächung der Macht und seine Starrköpfigkeit boten ein günstiges Umfeld für den seit 1966 spürbaren Anstieg der Kämpfe. Die sozialen Auseinandersetzungen nahmen zu. Die Löhne, die durch den Stabilisierungsplan von 1963 eingefroren waren, gerieten in Rückstand. Die Lohndifferenzierungen nahm zu. Von den Früchten des Wachstums" profitierten die höheren Angestellten zweimal so stark wie die Arbeiter und Arbeiterinnen. Die Lohnhierarchie, eine der differenziertesten in Europa, ermöglichte es einigen, hundertmal mehr zu verdienen als andere. Die durchschnittliche wöchentliche Arbeitszeit war zwischen 1950 und 1962 angestiegen und erreichte 46 Stunden, in manchen Branchen sogar 52 Stunden. Die „höllischen Taktzeiten" waren keine Leerformel aus der maoistischen Rhetorik. Die Barrikaden
Am 10.Januar 1966 war die erste zwischengewerkschaftliche Vereinbarung zwischen der CGT und der CFDT unterzeichnet worden. Am 17. Mai 1966 fand einer der größten Aktionstage seit langem statt. Studenten und Schüler beteiligten sich zahlreich an den Aufmärschen der Arbeiter. Die Idee einer Verbindung zwischen der Jugend und der Arbeiterbewegung. die von kleinen revolutionären Orga-
nisationen propagiert wurde, ward Wirklichkeit. Bei den Sozialwahlen von 1966 erreichten die Arbeitergewerkschaften die besten Ergebnisse ihrer Geschichte: 77.9% bei den Kollegien insgesamt, 83.8% im Arbeiterkolleg. 1967 stellte die Rezession in der BRD eine erste Warnung dar. Sie kündigte bereits das Ende der langen Welle der Nachkriegsexpansion und neue, immer synchroner verlaufende Rezessionen in den wichtigsten imperialistischen Ländern an. Die Krise von 1973 erschien bereits am Horizont. Auf die Warnungen reagierte das gaullistische Regime mit den Verordnungen von 1967, darunter der über die Sozialversicherung. Die Verkündung dieser Verordnungen bot eine gemeinsame Zielscheibe, die hinfort die lokalen Konflikte zentralisierte und politisierte. Jene nahmen seit 1966 zu. Die Streikenden der Rhodiaceta in Besançon griffen die Tradition der Fabrikbesetzungen wieder auf. Ab dem Sommer 1967 brachen harte Streiks aus, die zu Straßenschlachten mit der Polizei führten. In Caen nahmen sie ihren Ausgang bei Saviem, in Mühlhausen, Saint-Nazaire, Redon, Le Mans bei Renault. In der vordersten Front kämpften oft junge Angelernte, die frisch vom Land gekommen waren.
Unmerklich entstand ein Klima. Auf den Studentendemonstrationen, die durch die Aufstände der Arbeiter immer kühner wurden, verlor sich die Angst vor den Gendarmen. Zu Beginn des Herbstsemesters 1967 überwanden die Demonstranten gegen die Reformgesetze Fouchets an der Ecke Rue Soufflot/ Boulevard Saint-Michel die Polizeiabsperrungen. Im April 1968. während einer Solidaritätsdemonstration für Rudi Dutschke, der Opfer eines faschistischen Attentats geworden war, entlud sich der aufgestaute Zorn spontan gegen die Zugriffe der Polizei. An der Ecke Rue des Ecoles/ Boulmich lernten die Tische und Stühle, die Verkehrsschilder, die Tassen und sogar Untertassen plötzlich das Fliegen. Die Bullen standen immer noch an der Straßenecke, aber aus den Köpfen waren sie verschwunden.
Wir kannten die Bedeutung des Kräfteverhältnisses, des Klassenkampfes und der Rolle der Arbeiterklasse hierin. Die Barrikaden vom 10. Mai 1968 waren weithin das Werk einer spontanen, ansteckenden, kommunikativen Stimmung, die plötzlich die Pflastersteine zum Tanzen brachte. Wir haben uns an dieser Stimmung bewußt beteiligt. Die Maoisten hüllten sich in den Mantel der Theorie, verschrieen diese Tätigkeit als kleinbürgerliche .,Gärtnerarbeiten" (sic) und zogen sich in ihr Daunenbett in der Rue d'Ulm (wo Althusser lehrte, d. Ü.) zurück. Die Mitglieder der Kommunistischen Partei empfanden alles als Provokation und verschwanden in der Metro. Die „Lambertisten" gingen von Barrikade zu Barrikade. um das Abenteuer anzuprangern, das zu einem Massaker führen könne, da sich der starke Staat faschisiere (eine ihrer Lieblingsthesen von damals).
In dieser Nacht des 10. Mai verschmolzen die Dynamik des sich zersetzenden Regimes, die demokratische Legitimität der Studentenbewegung in der öffentlichen Meinung und die Aufnahmebereitschaft einer sich selbst in voller Radikalisierung befindlichen Arbeiterklasse miteinander. Es war das Zusammenwirken eines nicht auf die Höhe der Barrikaden, die Zahl der mobilisierten Studenten, die Aggressivität der aufgebotenen Polizeikräfte reduzierbaren Kräfteverhältnisses.
Wir haben keinen Ratschlag abgehalten, um darüber zu debattieren. Wenn das Ereignis seinen Lauf nimmt, bleibt keine Zeit, das Für oder Wider lange abzuwägen. Die Zeit der schnellen Entschlüsse ist dann gekommen. Nur die vorherige Erkennung der Lage macht sie möglich. Anfang 1968 verfügten wir im gro- Ben und ganzen über diese Erkenntnis, jedenfalls mehr als die größeren Organisationen. Man könnte darüber hinweggehen. wäre die Sache nicht einige Überlegungen wert. Denn natürlich muß man sich fragen, ob wir bei grö- Berer Erfahrung und Reife und einer besseren sozialen Verankerung nicht wie die maoistischen Genossen oder jene der Kommunistischen Partei eine schlechtere Wahl getroffen und den Ort verlassen hätten, mit dem Aufruf. morgen wiederzukommen, wenn wir mit den Führungen der Gewerkschaften und der Linksparteien formgerecht Kontakt aufgenommen haben würden? ... Denn es stimmt, daß jede Entwicklung einer politischen Kraft organisatorischen Konservativismus und ideologische Verhärtungen mit sich bringt. Umgekehrt aber, wie könnte man vergessen, daß die Erfahrung von 1968, die durch die Barrikaden symbolisiert wird, einen infantilen, im wahrsten Sinne ultralinken Kult der direkten Aktion genährt hat? Und-es stimmt ebensosehr. daß die wirklich fruchtbare Intuition des „strategischen Augenblicks", die Initiative, die den Lauf der Geschichte ändert, aus einem geduldig von der Theorie beackerten Boden erwächst. Gegen die doppelte Klippe der lähmenden Routine und der verantwortungslosen Improvisation gibt es keine absolute Garantie. Doch ein kämpferisches Kollektiv (sagen wir eine Organisation), die eine gemeinsame Erziehung durchlaufen, sich eine gemeinsame Sicht der Lage erarbeitet hat und von derselben Vision der Ereignisse und Aufgaben zusammengehalten wird, hat die besten Aussichten, auf die plötzliche Beschleunigung der Geschichte zu reagieren, ohne auseinanderzufliegen.
Ein Generalstreik - der nie ausgerufen wurde Der Streik, der mit dem größten Recht Generalstreik genannt werden darf, hat nie die verdiente Auszeichnung erhalten. Ab dem 14. Mai hat er sich wie ein Flächenbrand ausgeweitet und generalisiert, ohne daß es von seiten der Gewerkschaften einen Aufruf oder eine Parole zum Generalstreik gegeben hätte. Der frühere CGT-Generalsekretär Séguy sagte dazu: „Mehrere Diskussionsteilnehmer haben die Frage aufgeworfen, warum im Mai 68 nicht die Parole zum Generalstreik ausgegeben und warum kein zentrales Streikkomitee eingerichtet wurde. Meine ehrliche Antwort ist, daß diese Frage damals in der CGT nur intern angesprochen wurde. Niemand in der CGT kann sich an eine Diskussion dieses Themas in unse- JAHRE
M A I ren Reihen erinnern, aus dem einfachen Grund, weil es sie nicht gegeben hat. Jeder hat die Gefahr gesehen, den Streik um eine Parole zu bündeln und an der Spitze zu einer Vereinbarung zu kommen, die brüchig und verletzlich gewesen wäre und jeden Augenblick vom einen oder anderen Partner hätte gebrochen werden können. Es war in jeder Hinsicht besser, den Ablauf des Streiks in die Verantwortung und Wachsamkeit der Arbeiter selbst zu legen."
Die Frage nach dem Generalstreik warf sogleich die Frage nach seiner Führung auf, die nach dem zentralen Streikkomitee. Ein Streik von solchen Ausmaßen, der vor allem eine Arbeiterklasse mobilisierte, von der kaum ein Drittel gewerkschaftlich organisiert war, und der neue, nicht-organisierte oder anders als in Gewerkschaften organisierte Teile der Gesellschaft involvierte (Studenten- und Lehrergewerkschaften. Bauernbewegungen. verschiedene Vereinigungen und Komitees), kann nicht durch ein brüchig gewordenes Kartell von zusammengeschlossenen Gewerkschaftsführungen geleitet werden.
Eine so breite und mächtige Bewegung krempelt Routine und Hierarchien um. Sie verbindet die Erfahrung der erprobten Aktivisten mit der erfinderischen Energie neuer Kräfte. Dieser ganze Reichtum muß seinen getreulichen Ausdruck im Mechanismus einer eigenen. einheitlichen, demokratischen und kontrollierten Führung finden. Man denke nur an den Streik der Studenten vom November und Dezember 1986 gegen das Gesetz Duvaquet oder an den Eisenbahnerstreik, an die souveränen Vollversammlungen, an die mit klarem Auftrag gewählten Vertreter, die ihren Wählern verantwortlich waren. Man denke an die Beratungen der Koordination der Studenten. Man denke an den Streik bei Lip und die öffentlichen Ver-
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M A handlungen. Oder noch an die Verhandlungen von Danzig 1980, aus denen sich Solidarnosc entwickelte, und die über Lautsprecher direkt an die Streikenden übertragen wurden. 1968 lag ein derartiges zentrales Streikkomitee, welches die Einheit aller Sektoren im Kampf. die Einheit aller Gewerkschafter und Nichtgewerkschafter um gemeinsame Kampfziele herum organisiert hätte, im Bereich des Möglichen. Es hätte die Bewegung vereinheitlicht und zentralisiert, die Einheit und das Vertrauen in ihre Sprecher gekräftigt und Spaltungsmanöver unendlich viel schwieriger und riskanter gemacht. Die Historikerin Rolande Trempé hat in ihrem Beitrag zum Kolloquium der CGT (über den Mai 68) den wunden Punkt getroffen: Ich darf diejenigen, die es vielleicht nicht wissen, daran erinnern. daß die Errichtung eines zentralen Streikkomitees zur revolutionären Tradition der Arbeiterbewegung gehört und daß verschiedene Organisationen der extremen Linken behaupteten, ein solches gebildet zu haben. 1968 wäre wegen der verschiedenen Gewerkschaften und der Ausweitung der Bewegung auf Unorganisierte ein solches Komitee weitgehend offen gewesen und die CGT wäre dort womöglich in die Minderheit geraten. Dieses Risiko wollte sie nicht eingehen. und dies umso mehr, als es mit anderen Gewerkschaften (UNEF. SNE-Sup. CFDT) über die Modalitäten und Ziele der Bewegung starke Meinungsverschiedenheiten gab."
Wenn die Parole des Generalstreiks und das zentrale Streikkomitee vergessen" wurden. dann weil es eine politische Entscheidung gab. für die die Führung der CGT zusammen mit denen der anderen Gewerkschaften die Verantwortung trägt. Ein richtiger Generalstreik ist. im Gegensatz zu einem verlängerten Aktionstag — nicht cinfach ein Spielzeug. Die Fälle. wo es zu einer solchen Parole gekommen ist. sind in der Geschichte der französischen Arbeiterbewegung sehr selten: am 1.Mai 1906 für den Acht-Stundentag: im Mai 1920; am 12. Februar 1934 gegen die faschistische Gefahr: im November 1936 der Streik und Aufstand und schließlich im November 1947 die Libération. Von diesen Aufrufen waren nur wenige von Erfolg gekrönt. Aber in allen diesen Fallen erfüllte der Aufruf eine öffentliche Funktion. Darin liegt der Kern des Problems. Während des ganzen Mai und Juni 68 haben die Gewerkschaftsführungen und Linksparteien wachsam auf eine rigorose Arbeitsteilung geachtet. Der Streik sollte eine breite Bewegung für ökonomische Forderungen unter Führung der Gewerkschaften bleiben, während die Parteien ihrerseits auf der institutionellen und parlamentarischen Ebene politische Lösungen ausbrüteten. Wenn man den Generalstreik ausgerufen hätte, wäre der Streik sofort und unmittelbar politisch geworden; es hätte sich das Problem der Führung, der gemeinsamen Plattform und der Formen seiner Zentralisierung gestellt.
Am 22. Mai, als die Bewegung in Gang gekommen war, wurde zwischen den Führungen der CGT und der CFDT eine gemeinsame Erklärung ausgehandelt. Sie nahm die fünf Forderungspunkte der Vereinbarung vom 10.Januar 1966 wieder auf: 1. Verbesserung der Kaufkraft, der Lebens- und Arbeitsbedingungen; 2. Verteidigung und Ausweitung der gewerkschaftlichen Rechte in den Betrieben; 3. Reduzierung der unproduktiven Ausgaben: 4. Beschäftigungsgarantie: 5. Reform der Steuergesetze. Dies war zumindest vage und allgemein, und lag weit zurück hinter den genauen und in Zahlen ausgedrückten Forderungen, die man in den Katalogen der Streikenden fand. Auf Initiative eines zentralen Streikkomitees wäre es möglich gewesen, die ganzen Anklagepunkte"* zu sammeln, über demokratische Generalstände die wesentlichsten Punkte herauszuarbeiten, daraus den einigenden Bezugsrahmen der Kämpfe zu machen und so das Kräfteverhältnis vor den Verhandlungen zu konsolidieren.
Eine solche Vorgehensweise wäre unweigerlich über eine Sammlung sozialer und demokratischer Forderungen hinausgegangen. Vom ersten Schritt an hätte sich ein heikles Thema ergeben: Mit wem verhandeln? Sollte man aus dem Rücktritt De Gaulles und der Regierung eine Vorbedingung für die Eröffnung von Verhandlungen machen? Der Aufruf zum Generalstreik hätte zweifellos in diese Richtung gewirkt und so die spontanen Gefühle der Straße — …Zehn Jahre sind genug!" — in einen klaren politischen Willen umgesetzt. Sich auf die Diskussion mit Pompidou, Chirac und Jeanneney in Grenelle einzulassen bedeutete hingegen, den Charakter der Bewegung strikt auf wirtschaftliche Forderungen zu beschränken: zumindest war dies die Absicht der Gewerkschaftsführer. Denn keine Linkspartei fühlte sich in der Lage. die Verantwortung für eine politische Krise auf sich zu nehmen. Keine wollte auf dem Rücken der Forderungen der Straße an die Regierung getragen werden. Der Streik gehört den Streikenden?
Insgesamt zielte die Haltung der Verantwortlichen in den Gewerkschaften und Parteien also darauf ab. die Möglichkeiten der Bewegung cinzugrenzen und sie sich nicht entwickeln zu lassen. Rückblickend, nachdem einige Zeit vergangen ist, Zeugnisse und Berichte gesammelt und ausgewertet wurden, kann man diese Tatsache immer weniger bestreiten. Jede konkrete Situation führt zu einer bestimmten Palette von Möglichkeiten, zum wirklich Möglichen. Jede Wahl, jede Option. jede Entscheidung bestimmt unweigerlich jeweils aufs Neue, welche potentiellen tatsächlich reale Möglichkeiten werden. Selbst der Irrtum und Mißerfolg tragen dazu bei. Aus dem gescheiterten Angriff auf die Moncada-Kaserne 1953 auf Kuba ergab sich die Möglichkeit der Landung der Granma 1956. Die Niederlage vom Juli 1917 in Rußland war die Vorbotin des Sieges vom Oktober. Die Zerschlagung der roten Gebiete von Kiangsi 1934 in China führte zum Langen Marsch, Yenan und zur siegreichen Offensive von 1948 ... Die revolutionäre polihat fait LE tische Aktion folgt keinem vorherbestimmten Pfad, dessen Etappen und Ablauf von vornherein bekannt wären. Sie ist fortwährend dem Zufälligen ausgesetzt.
1968 war die Bewegung stark genug. daß vorstellbar wurde. daß sie einen anderen Weg einschlagen und zu anderen Horizonten aufbrechen könnte. Diejenigen, die in unterschiedli-
chen Funktionen entscheidende Verantwortung trugen. weigerten sich, diese Möglichkeiten auszuprobieren. Aus der Perspektive der Revolutionäre ist es nur allzu richtig, besonders auf dieses Fehlen eines Projekts, eines Willens, eines Ehrgeizes hinzuweisen, das von vornherein bestimmte Türen zur Zukunft verschließt, ohne daß auch nur der Versuch gemacht worden wäre, sie zu öffnen. In aller Gerechtigkeit und Klarheit muß man sie aber auch, ohne die besondere Verantwortung dieser Führungen zu mindern, auf die wirkliche Dynamik der Bewegung beziehen.
Man hätte weitergehen und höhere Ziele anstreben können. Soviel wenigstens steht fest. Darüberhinaus ist es unnütz, im nachhinein über politische Verkettungen und unbekannte Konstellationen zu spekulieren, die möglicherweise zu anderen Entscheidungen geführt hätten. Allerdings muß festgehalten werden, daß die vorsorgliche Kapitulation zu keiner massiven Mißbilligung an der Basis führte. Man kann die Hartnäckigkeit einiger Kämpfe, den Widerstand, wieder an die Arbeit zurückzukehren, das Gefühl konfuser Verwirrung, die OURG
BAR
OYAL LUXS manchmal explizite Behauptung, man hätte es viel besser machen können, die Revolte der Arbeiter bei Wonder und noch eine Reihe anderer gegen das anführen, was direkt Verrat genannt wurde. Insgesamt hielt sich die Überbordung der offiziellen Gewerkschaftsführung im Vergleich zum kolossalen Ausmaß der Bewegung in Grenzen.
Die Brüche und Differenzierungen, die unmittelbar darauf folgten, blieben ebenfalls begrenzt. In der CGT gab es den Rücktritt von A. Barjonet und hie und da wurden Mitgliedsausweise zerrissen. In der PCF brachen einige Basismitglieder, aber auch bekanntere wie Jean Coin. mit der Partei. Zugegebenermaßen blieb dies alles — auch wenn wir keineswegs die Bedeutung herabsetzen wollen - recht begrenzt. Die größten Auswirkungen zeigten sich erst allmählich und nach einiger Zeit: die Radikalisierung in der CFDT, die Differenzierungen in der PCF und der CGT. die Gründung und Konsolidierung einer immer stärker in den Fabriken verankerten extremen Linken. Die sogenannten traditionellen gewerkschaftlichen und politischen Organisationen organisicren und vertreten auch weiterhin den weitaus größten Teil der Arbeiterklasse, wenn auch ihre Fähigkeit zur Kontrolle und ihre Organisationskraft unwiderruflich geschwächt wurden. Doch der Preis, den die Apparate für die Versöhnung zu zahlen hatten, blieb bescheiden. Es gab kein mit dem großen Streik von Renault-Billancourt 1947 vergleichbares Ereignis, der sich anfangs der bürokratischen Kontrolle der CGT entzog und schließlich zum Rücktritt der kommunistischen Minister aus der Regierung führte.
Möglichkeiten und Grenzen der Aktionskomitees
Eines der entscheidenden Merkmale von 1968 liegt genau hierin, in der Kluft zwischen der Größe und Tiefe, der „ruhigen Kraft", der Mobilisierung einerseits und der Beschränktheit ihres Inhaltes und ihrer Organisationsformen andererseits. Die Besetzung von Fabriken und Arbeitsplätzen war ein beinahe allgemei- JAHRE
M A I nes Phänomen. Keine Straße, an der es nicht Spruchbänder und Fahnen (oft rote!) an den Fenstern oder den Einfriedungsmauern gegeben hätte. Die Tradition der täglichen Streikvollversammlungen setzte sich ebenfalls durch. In den meisten Fällen blieben sie Informations- und Diskussionveranstaltungen, die von den Gewerkschaftsfunktionären geleitet wurden und sich nicht zu souveränen Entscheidungsgremien entwickelten. Schon am 13. Mai schickte die Zentrale der CGT einen Rundbrief an die Mitglieder: Man möge überall die Initiative ergreifen und die Arbeiter versammeln, sich wegen ihrer Forderungen mit ihnen beratschlagen und mit ihnen über Aktionen entscheiden. Überall muß die Streikführung durch die Wahl eines Streikkomitees sichergestellt sein." In Wirklichkeit wollten die Führungsinstanzen der CGT aus einem für sie in den Schlüsselsektoren der Arbeiterklasse noch sehr günstigen gewerkschaftlichen Kräfteverhältnis Nutzen ziehen, um sich von Anfang an die Hegemonie über den Ablauf der Bewegung zu sichern.
Es gab wenig Streikkomitees. die von den Streikenden einheitlich und demokratisch gewählt worden wären. Oft bestanden die sich Streikkomitees nennenden Organe nur aus gewerkschaftlichen und zwischengewerkschaftlichen Instanzen. Eine Studie über den Streik im Norden (Pas de Calais) zeigt auf, dall es mehr Streikkomitees als besetzte Fabriken gab! Nur in 14% der Fälle gab es gewählte Streikkomitees, in 23% der Fälle nahmen an den Komitees Nicht-Gewerkschaftsmitglieder teil und gar nur in 2% der Falle konnten die Gewerkschaftskomitees von ihren Vollversammlungen abberufen werden!
Wir haben unsererseits immer den Akzent auf die vom Standpunkt der Selbstverwaltung aus
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M A gesehen fortgeschrittensten Erfahrungen gelegt. auf diejenigen. die beispielgebend waren und in unterschiedlicher Hinsicht den Weg weisen konnten. Andere haben genauso gehandelt. In der Sammlung der Cahiers de Mai findet man einen Bericht über diese Erfahrungen. J.Pesquet hat den Sowjets" von Saclay ein kleines Buch gewidmet: Y.Guin ein anderes dem Streikkomitee von Nantes. Oft wurde die CSF von Brest erwähnt. wo die Arbeiter Walkie-Talkies für den Streik gefertigt haben solien: oder die Aktionskomitees von Rhône-Poulenc in Vitry. Ausgehend von unbestreitbaren Tatsachen verwechseln diese Berichte mitunter allerdings Wunschvorstellungen mit der Realität. Jedenfalls handelte es sich in all diesen Fallen um Ausnahmen.
Das intergewerkschaftliche Streikkomitee von Nantes, das man als das mit der fortgeschrittensten Erfahrung betrachtet. hatte das Verdienst. über den Rahmen der Fabrik hinauszugehen und sich Problemen des Umlandes und der Stadt zu stellen. besonders den Bewachungs- und Verteilungsfragen. Trotzdem steht es einer zwischengewerkschaftlichen Koordination immer noch näher als cinem gewählten Sowjet" oder …Rat". Diese Grenzen in der Entwicklung der Selbstorganisation 1968 lasteten in den folgenden Jahren schwer auf den Radikalisierungsformen und dem Verhältnis der Arbeiterbewegung zu ihren traditionellen Organisationen.
Sie sind unlöslich mit einer weiteren Frage verknüpft: der der Funktion der Streikleitungen. Wenn es darum geht zu informieren. zu verhandeln oder als Mittler zu den Gewerkschaftsführungen zu dienen, scheint das System konsultativer Versammlungen, die von den gewerkschaftlichen Verantwortlichen geleitet werden. zumeist zu genügen. Die Forderungen nach direkter Demokratie können aus Meinungsverschiedenheiten mit diesen Verantwortlichen oder einem zugespitzten demokratischen Bewußtsein herrühren. Doch meistens ergeben sie sich aus viel konkreteren Situationen. aus funktionalen Bedürfnissen. wenn die Produktion wieder zum Laufen gebracht. die Selbstverteidigung in den Griff bekommen werden oder wenn man sich auf lokaler Ebene koordinieren muß. um die Verpflegung zu organisieren.
Angesichts eines so massiven und langen Streiks mit Fabrikbesetzungen kann es erstaunen. daß sich eine solche Entwicklung 1968 nicht abgezeichnet hat. In einigen Betrieben wurde die Wiederaufnahme der Produktion zugunsten des Streiks angestrebt oder gar begonnen. Doch handelte es sich hier um Ausnahmefälle, obgleich man sich eine Wiederinbetriebnahme. etwa im Transportwesen, gut hätte vorstellen können. und wäre es nur um damit die Information. die Verpflegung, die Koordination und Zentralisierung der Kämpfe voranzutreiben. Der Geist von LIP war noch nicht präsent. Man beschäftigte sich weithin mit Problemen der Arbeiterkontrolle über die Taktzeiten, die Organisation und Zielsetzung der Produktion, aber vor allem auf der Ebene von Debatten in Kommissionen; selten ging man zur Tat über. Was die Selbstverwaltung betrifft. so war diese sehr viel mehr ein Thema des Diskurses vom Mai 68 als eine praktische Realität, sofern man sich nicht ein X für ein U vormachen und Lumpen für Servietten oder das Aktionskomitee vom Odéon für den Sowjet von Petrograd halten wollte.
Genau diese Aktionskomitees waren ein weiterer Ausdruck sowohl der Möglichkeiten wie auch der Grenzen der Bewegung. Sie entwikkelten sich an ihren Rändern. In den Fabriken. in denen sie entstanden, vereinigten sie ungeachtet gewerkschaftlicher Zugehörigkeit sehr häufig die kämpferischsten Mitglieder und jene. die den Apparaten gegenüber das größte Mißtrauen entgegenbrachten. Daher rührte auch ihr zwiespältiger Charakter: einerseits waren sie im Keim eine in den Betrieben beinahe noch inexistente Arbeiteravantgarde. andererseits Zeugnis einer unzureichenden Selbstorganisation. Die Aktionskomitees in den Stadtteilen oder Ortschaften waren in der Regel nur untergeordnete Gebietsstrukturen. Und, die diversen Verbindungskomitees schließlich (zwischen Arbeitern. Studenten und Bauern) waren eher freiwillige Zusammenschlüsse. nützliche Notbehelfe zum Aufbau von Kontakten, als Massenorgane. Diese buntgemischten Organisationsformen. die zu den Besonderheiten des Mai gehören. stellen auch seine Schwachpunkte dar. Durch ihr Bestehen weisen sie auf das augenfällige Fehlen von demokratischer Selbstorganisation und horizontaler Koordination hin. Sie können sie nicht ersetzen. Ende Mai haben wir aus der Zentralisierung dieser Komitees eines unserer Ziele gemacht und ihren pluralistischen und Binheitscharakter gegen die Versuche verteidigt. sie zu Zentren einer neuen politischen Ideologiebildung zu machen. Wir hatten nicht die Illusion zu glauben. daß sie die Rolle eines zentralen Streikkomitees oder einer Räteversammlung spielen könnten. Sie waren keineswegs repräsentativ. Nur meinten wir. daß sie vielleicht in der Lage wären. da sie Ausdruck des kämpferischen Flügels der Bewegung waren, zu einer Veränderung des Kräfteverhältnisses beizutragen.
Da die meisten von uns aus der Kommunistischen Partei kamen. kannten wir die Wirklichkeit der Arbeiterbewegung zu genau. als daß wir uns über unsere Randstellung getäuscht hätten. Es hätte einer soliden Verankerung. eines Netzes von erprobten Mitgliedern mit Gehör in den Betrieben und soliden Positionen in den Gewerkschaften bedurft. um das Problem einer einheitlichen und demokratischen Zentralisierung des Streiks erfolgreich angehen zu können. Wir konnten Vorschläge dazu
machen. Aber wir hatten aus eigener Kraft nicht die Möglichkeit, sie in die Tat umzusetzen. Die Aktionskomitees boten hingegen unmittelbar ein größeres Publikum für revolutionäre Ideen, das mittels praktischer Initiativen. die Schule machen konnten, ausgeweitet werden konnte. In einer Situation wie 1968 ändert die Geschichte ihr Tempo. Oft schon hat man betont, daß hier binnen Tagen Erfahrungen gemacht wurden. für die man sonst Jahre braucht. Doch diese Beschleunigung konnte keine Wunder vollbringen.
Zwanzig Jahre danach erlaubte der Eisenbahnerstreik von 1986, sich eine Vorstellung von dem Weg zu machen, der durchlaufen wurde. Heute gibt es wirklich eine Arbeitervorhut. nicht vor, sondern hinter den Fabriktoren. Man kann sie in allen wichtigen Kämpfen der letzten Monate finden: bei den Lehrern, bei Thompson, bei EGF oder der Post. Die Eisenbahnerkoordination zeigte ein viel fortgeschritteneres Bewußtseinsniveau und Mißtrauen, als was wir 1968 erlebten. Allerdings ist sie nicht soweit gegangen, die Leitung des Kampfes und die selbständige Führung der Verhandlungen zu fordern. Sie hat sich eher wie eine einheitliche und demokratische Instanz verhalten, die das Verhalten der gewerkschaftlichen Vertreter kontrollierte. So entstand im Ansatz eine Doppelmacht in der Kampfführung. Um zu dem Punkt zu gelangen, an dem solche Instrumente eine höhere Legitimität und Autorität bekommen als die gewerkschaftlichen Instanzen. bedarf es weiterer Erfahrungen und Beschleunigungen (des Lernprozesses). Im Keim war dieses schon im Mai 1968 angelegt.
Der Repressionsapparat blieb intakt Während beinahe alle Institutionen (Erziehungs- und Gesundheitswesen, Information. Sport, selbst die Justiz) in ihrer Funktion der Reproduktion der gesellschaftlichen Beziehungen angegriffen wurden, scheinen die zentralen Institutionen des Repressionsapparates im wesentlichen vor dem Sturm bewahrt geblieben zu sein.
Auch die Armee, obwohl sie doch zu über der Hälfte aus Wehrpflichtigen bestand, wurde kaum angekratzt. Oft haben wir den Aufruf der Soldaten des 15. Infanterieregimentes in Mützig herausgestellt: .... Wie alle Wehrpflichtigen sind wir gezwungen, in den Kasernen zu bleiben. Wir werden darauf vorbereitet, als Repressionskräfte eingesetzt zu werden. Die Arbeiter und Jugendlichen sollen wissen. daß die Soldaten dieses Kontingentes niemals auf Arbeiter schießen werden. Wir, das Aktionskomitee, wehren uns mit aller Kraft gegen die Umzingelung von Fabriken mit Soldaten. Morgen oder übermorgen sollen wir eine Waffenfabrik umstellen, weil dreihundert Arbeiter, die dort arbeiten, sie besetzen wollen. Soldaten des Kontingentes, bildet Komitees! Unsere Sofortforderungen sind: Verkürzung des Militärdienstes auf acht Monate militärischer Grundausbildung; Abschaffung der zwanghaften militärischen Disziplin; freie politische und gewerkschaftliche Organisationsmöglichkeit: Reform der Führung auf der Grundlage des Dialogs bei der Militärausbildung und der Mitsprache bei allen Aktivitäten. Es lebe die Solidarität der Arbeiter, Soldaten, Studenten und Schüler! Es lebe die Arbeiterdemokratie! Es lebe die Freude, die Liebe, die schöpferische Arbeit! 22.Mai 1968" Diese Initiative wird umso häufiger zitiert, als sie außergewöhnlich, ja einzigartig war. Es gab in diesem Regiment einen einzigen Genossen der JCR. Das reichte aus, um die Glut einer lange Zeit verlorengegangenen Tradition wieder anzufachen. Sie trat nach dem Mai wieder an die Oberfläche, im Prozeß von Rennes gegen die Soldaten Hervé. Devaux und Trouilleux 1970; dann im Appell der Hundert 1974, bei der Gründung der Soldatenkomitees, bei den Soldatendemonstrationen von Draguignan und Karlsruhe, bis hin zum Prozeß von Landau 1984. In allen diesen Kämpfen haben die Genossen der Ligue Comuniste Révolutionaire (LCR) eine entscheidende Rolle gespielt. Über junge portugiesische Emigranten haben sie ein Echo gefunden in den Ansätzen der Komitees Soldaten vereint werden siegen" (SUV), die in Portugal 1975 eine zentrale Rolle gespielt haben. Davon waren wir im Mai 68 trotz des Ausma- Bes der Erschütterungen weit entfernt. Die „Große Stumme" (die Armee) blieb ihrem Namen treu und nur einige Gerüchte über Truppenbewegungen drangen nach draußen. Wenn ein einziges Mitglied der JCR zu einer solch exemplarischen Initiative in der Lage war, stellt sich die Frage, was die Hunderte JAHRE
M A von jungen Mitgliedern der Kommunistischen Partei in der Armee taten, um den schrecklichen Komplott für einen Putsch abzuwenden. der von ihrer Partei beinahe täglich so wortreich angeprangert wurde. Daraus ergibt sich umso deutlicher, daß die relative Gelassenheit der Armee einen weiteren Hinweis auf die Grenzen des Mai 68 darstellt. Muß man daraus schließen, daß es sich um eine auf wirtschaftliche Forderungen beschränkte, demokratische Bewegung gehandelt hat, die begleitet wurde von einem großen kulturellen Fest, und daß die politische Krise sich auf die Zweifel und Launen von General De Gaulle beschränkt hat? Das Machtvakuum und die verpaßte Gelegenheit
Die Staatsmacht war nicht desertiert und konnte nicht einfach wie eine reife Frucht gepflückt werden. Doch zeitweilig gab es Risse und Lähmungen. Dies zeigte sich ab dem 24.Mai, als in Reaktion auf die Rede De Gaulles, in der er eine Volksbefragung ankündigte. die Börse in Flammen aufging, bis zur Rede -vom 30.Mai, in der er die Auflösung der Nationalversammlung verfügte. Während dieser Woche war der Präsident. der für den Fall eines negativen Ausgangs des Referendums, dessen Resultat immer ungewisser wurde (im Gegensatz zu den Behauptungen Waldeck Rochets, des Generalsekretärs der PCF) mit seinem Rücktritt gedroht hatte, ein Mann auf Abruf. In den Büchern von R.Tournoux, in der monumentalen Biographie von J. Lacouture, in den Berichten und Indiskretionen von Massu, Jobert. Tricot finden sich genügend Elemente.
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M A die aus der mysteriösen Reise nach Baden- Baden am 29.April eine richtige Flucht nach Varennes machen, eine Etappe auf dem Weg ins Exil, mit Familie und Gepäck. Es scheint sogar, daß der „ruhige und couragierte" Pompidou — die Legende von seiner Kaltblütigkeit beruht auf dieser Episode - ihm angeraten habe. Vorbereitungen für den Fall zu treffen. daß er die Flucht antreten müsse. Für diese Version, für die es zahlreiche Zeugnisse gibt. spricht die politische und psychologische Wahrscheinlichkeit. Massu soll De Gaulle überzeugt haben, hart zu bleiben und ihn zum Flugzeug zurück nach Paris geleitet haben. Die Einzelheiten und Zeitabläufe haben hier ihre Bedeutung. Wäre De Gaulle länger geblieben, hätte er in Baden-Baden übernachtet. hätte das alte Symbol der Reise nach Koblenz seine Bedeutung wiedererlangt. Die Legitimität des Präsidenten hätte unheilbaren Schaden genommen. Die politische Krise hätte sich wahrscheinlich ausgeweitet. Zweifellos hätte es eine gute Woche lang ein Hin und Her und Anzeichen von Panik bei den Repräsentanten des Staates gegeben, die seit Jahren wenig Erfahrung mit einer stürmischen sozialen Bewegung hatten. Gerade die mittleren Etagen im gaullistischen Gebäude hätten das Zaudern der Spitze noch verbreitert. Allerdings muß man auch festhalten, daß sich viele Rädchen weitergedreht haben. nicht nur aus Routine. sondern auch aus Klarsicht. So wie General Massu oder der Polizeipräfekt Grimaud schienen die Verantwortlichen der großen Repressionsapparate keineswegs den Kopf verloren zu haben. so dal, Brüche und das Abdriften von Leuten Ausnahmen blieben.
In einer revolutionären Situation spielen zumindest zwei Seiten mit. Auf der einen Seite zeigt die gestern noch so üherlegene Staatsmacht plötzlich innere Risse. Doch auf der anderen Seite ist eine Streikbewegung. und sei sie noch so stark, nicht schon an und für sich Kandidatin für die Macht. Denn die herrschende Klasse begreift nur zu gut. daß die Opposition keinesfalls auf den hochschlagenden Wellen eines Generalstreiks an die Macht geschwemmt werden möchte. Die Führungen der Gewerkschaften und der kommunistischen und sozialistischen Partei haben alles in ihrer Macht stehende getan. um solches zu verhindern.
Dabei war die Woche vom 24. zum 30. Mai entscheidend. Am 24.Mai, als sich zehntausende von Demonstranten am Gare de Lyon versammelten, sprach De Gaulle im Radio. Die Demonstranten hatten Transistorradios am Ohr. Die Spitze des Zuges stoppte auf der Höhe der Waffenfabrik Homme Armé, wo ein Schild einen Mann mit Waffe im weit ausgestreckten Arm zeigt. Der General kündigte eine Volksbefragung an. Sollte sie negativ ausgehen, würde er aus dem Amt scheiden. Die spontane Antwort der Straße war: ,, Wir schei- Ben auf seine Rede!" Am Abend stand die Börse in Flammen. Tags darauf bestätigten die Telegramme der Präfekten ans Innenministerium: der General hatte eine monumentale Dummheit begangen.
Am Samstag, den 25., beginnen die Marathonverhandlungen von Grenelle. Am Montagmorgen, den 27.Mai, verkündet G.Pompidou die Ergebnisse. In Gegenwart von G.Séguy und B.Frachon werden die Vereinbarungen mit Pfiffen von der Vollversammlung der streikenden Werke von Renault-Billancourt zurückgewiesen. Am Nachmittag findet eine Demonstration zum Stadion Charléty in Paris statt. während 50.000 Menschen in Nantes auf einen Aufruf des zentralen Streikkomitees hin auf die Straße gehen. Am 28.Mai führen die Linksparteien ein Spitzengespräch, weil sie die Gefahr spüren, die die Zurückweisung der Vereinbarungen von Grenelle und das immer realere Machtvakuum darstellen. F. Mitterrand ergreift einseitig die Initiative und schlägt eine Provisorische Regierung vor. Am Mittwoch den 29., findet eine Demonstration der CGT statt. Überall verbreiten sich Gerüchte. Einige murmeln, daß die Kommunistische Partei den Demonstrationszug nicht wie vorgesehen am Gare Saint-Lazare auflösen, sondern bis zum verlassenen Elysée-Palast „drängen" will. Andere kommentieren das rätselhafte Verschwinden De Gaulles und kündigen einen unmittelbar bevorstehenden Militärputsch an. Am Bahnhof Saint-Lazare rollt die CGT weise ihre Transparente zusammen. De Gaulle kehrt heim aus Baden-Baden. Am Abend erklärt sich Mendes-France nach einer Unterredung mit Mitterrand bereit, eine eventuelle Übergangsregierung zu leiten — unter bestimmten Bedingungen. Am 30. Mai schließlich hält De Gaulle eine weitere Rede: Ich werde nicht zurücktreten."
Die Nationalversammlung wird aufgelöst. In den Fabriken und Fakultäten wird diese Rede nicht mehr mit der spöttischen Zuversicht aufgenommen wie jene vom 24. Mai. Verwirrt begreift man. daß eine Gelegenheit vorüber ist. daß es an einem Projekt und einem Willen gefehlt hat. Zwei Stunden später zeigt die gaullistische Demonstration auf den Champs- Elysée die Veränderung der Lage noch deutlicher. Malraux. der zuckt wie noch nie, und Debré, der voller Inbrunst die Marseillaise singt, stützen sich gegenseitig wie zwei abgekämpfte Boxer: der k.o. ist gerade noch mal an ihnen vorübergegangen.
Die großen Straßendemonstrationen (am 13.. 24.. 28., 29.. und 30.Mai) sind ein Merkmal von 1968. Im Unterschied zum Juni 1936, wo die Arbeiter ihre Energie auf die Fabriken beschränkten, werden die Besetzungen jetzt als Mittel eingesetzt. Druck zu machen, um die Forderungen durchzusetzen. während der politische Protest sich in den Demonstrationszügen ausdrückt, an denen Millionen teilnehmen. Die Beziehung zwischen beiden wird ausgeblendet, als ob es sich um zwei unvermittelt nebeneinander bestehende Teile handeln würde. Die Tage zum Monatsende sind also die Tage der politischen Krise. Durch die Zurückweisung des ersten Abkommens von Grenelle drücken die Streikenden das Gefühl ihrer Stärke aus. Das erlaubt ihnen nicht nur. auf substantiellere soziale Errungenschaften zu hoffen, sondern setzt sie auch in die Lage, eine Gegenleistung von der Regierung zu fordern. Die Linksparteien, die 1967 beinahe eine Parlamentsmehrheit errungen hätten. sind auf diesen Fall nicht vorbereitet. Sie wünschen ihn auch nicht. Für die Kommunistische Partei ist es die große Zeit des antimonopolistischen Bündnisses** und der fortgeschrittenen Demokratie*. Alle Anstrengungen richten sich auf die Präsidentschaftswahlen von 1972. Dieser Kalender soll doch um Gottes Willen nicht umgestoßen werden.
Was wir wollten, was wir konnten Wir waren damals eine Organisation mit einigen hundert Mitgliedern, deren Durchschnittsalter kaum die Volljährigkeitsgrenze von damals erreichte: 21 Jahre. Es braucht nicht weiter ausgeführt zu werden, daß wir in größter Eile von Versammlung zu Demonstration liefen und uns kaum die Zeit nahmen, über die Dinge nachzudenken. In den Universitäten, im Streik, auf der Straße befanden wir uns -- nach Maßgabe unserer bescheidenen Kräfte - in unserm Element. Die Lösung des Problems der Regierung spielte sich auf einer anderen Ebene ab, auf der wir kaum zugegen waren. Wir spürten das, und dieses Gefühl nährte wahrscheinlich das Mißtrauen vieler Aktivisten des Mai gegen das, was man das Politikastertum nannte, die institutionalisierte, berufsmäßige Politik. Der libertäre Anstrich der Bewegung drückte auch diese Ohnmacht, diese Enteignung aus. Als wir uns an der großen Demonstration der CGT vom 29.Mai beteiligten, versuchten wir jedoch eine Antwort auf die Fragen der Stunde zu geben. Mitterrand hatte vorgeschlagen, eine Provisorische Regierung zu bilden, „ohne Vorbedingungen und Ausgrenzungen** . Die Kommunistische Partei und die Demonstranten der CGT antworteten darauf mit der Parole „Regierung des Volkes* , die völlig abstrakt und rätselhaft und nur auf Zeitgewinn abgestellt war. Wir gaben damals die kernige Parole aus: Volksregierung ja - Mitterrand, Mendes-France nein!" Sie wurde von den Demonstranten häufig aufgegriffen.
Die Formel spielte mit der Doppeldeutigkeit. Sie stellte die Regierung des Volkes, die die kämpferischsten Sektoren als Ergebnis ihres Streiks und seiner Organe interpretieren konnten, einer Regierung von politischen Persönlichkeiten" gegenüber. Sie bekämpfte nicht frontal eine Koalitionsregierung der Linksparteien, sondern eine solche aus Persönlichkeiten ohne eindeutige Bindung an die Arbeiterbewegung, von denen man annehmen konnte, daß sie ihre institutionelle Autonomie für irgendwelche Machenschaften der Klassenkollaboration ausnützen würden.
Die wirklichen Fragen wurden nicht gestellt: eine Provisorische Regierung, ja, aber um was zu tun? Mit welcher Verpflichtung und wem verantwortlich? Verantwortlich einem nicht existierenden Streikkomitee, den Aktionskomitees, oder den künftigen Sowjets? Absurde Vorstellung. Den Gewerkschaften verantwortlich? In einigen Diskussionen kam diese Idee auf. Sie wurde von den Gewerkschaftern im Namen der gewerkschaftlichen Unabhängigkeit zurückgewiesen, und von den kämpferischen Mitgliedern, weil sie sich für eine Regierung des reformistischen Generalstabs nicht zu begeistern vermochten. Trotz ihrer gewollten Vagheit hatte die Parole der Regierung des Volkes" den Vorteil, eine Regierung der Linksparteien zu meinen, ohne genauere Betrachtungen über ihre Zusammensetzung anzustellen.
Anläßlich der Studentendemonstrationen vom Dezember 1986 vor der Nationalversammlung JAHRE
M I hat man manchmal den Antiparlamentarismus vom Mai 68 mit dem Respekt der demokratischen Organisationen zwanzig Jahre später verglichen. Statt sich gegen die Nationalversammlung zu wenden und die Parlamentarier zu Erklärungen, zur Rechenschaft zu zwingen, wie die Studenten 1986, nahmen die Demonstranten des Mai ohne Umstände ihren Weg zum Palais Bourbon. Das Parlament war damals eine leere Hülse, ein Afterparlament, das von der Exekutive erstickt worden war. Es gab noch einen anderen Grund. Der Antiparlamentarismus von damals war durchaus zweischneidig. Er drückte ein tiefes Mißtrauen gegen die betrügerischen, die wirklichen gesellschaftlichen Entwicklungen blockierenden Delegationsmechanismen aus. Er war auch eine Folge der Kluft zwischen der gesellschaftlichen Kraft der Bewegungen und dem Fehlen eines politischen Ausdrucks, in dem sie sich hätte wiedererkennen können, ein taubes Ohnmachtsgefühl auf der eigentlich politischen Ebene. Mit unseren schwachen Kräften konnten wir ab einer bestimmten Schwelle nur die wichtigsten Probleme benennen, sie erklären und in unseren Veröffentlichungen allgemeine Antworten darauf geben. Doch die Regierungsfrage stellte sich während einer kurzen Zeitspanne in aller Schärfe. Eine wirklich verankerte revolutionäre Partei hätte alle Elemente einer Antwort in den Händen gehalten: Entwicklung der demokratischen Zentralisierung des Generalstreiks, um eine eventuelle Provisorische Regierung, wie sie auch immer ausgeschen hätte. zu. kontrollieren; die Beteiligung auf der Grundlage genauer Verpflichtungen an einer solchen Regierung oder ihre bedingte und kritische Unterstützung ohne direkte Beteiligung. je nachdem. Eine wirklich revolutionäre Partei hätte in diesem Sinne gehandelt.
Die französische Kommunistische Partei tat
JAHRE
M A nichts dergleichen. 1971, als er schon Sprecher seiner Partei war, schrieb Pierre Juquin mit dem seiner damaligen Funktion innewohnenden Zynismus. De Gaulle habe „das Machtvakuum nur gemimt" (immer dasselbe Thema der Provokation) und vor dieser künstlichen Leere" habe den Führern der nicht-kommunistischen Linken der Kopf gedröhnt. Man könnte glauben. daß diese Schwindelanfälle ansteckend gewesen sind, denn auch die soliden Köpfe am Place Colonel Fabien (Zentrale der PCF) wurden — wenn auch nur kurzzeitig — nicht davon verschont. P.Juquin spielte auf die Demonstrationen vom 29. Mai an, als er erklärte: .In den letzten Tagen des Mai hat uns der Instinkt gedrängt, auf den Gashebel zu treten. Doch die Kommunistische Partei hat umfassende Bedingungen geschaffen, die es ihr jederzeit ermöglichen, mit größter Objektivität, also größter Sicherheit zu entscheiden." Damals definierte P.Juquin die Kommunistische Partei als die Akademie für politische Wissenschaften auf der Höhe unserer Zeit". Voll Schmerz erinnerte er daran. daß die „Wissenschaft hart sei", die Partei sich aber. dank dieser guten Ratgeberin. nicht habe gehen lassen.
War alles möglich?
Darüber, daß es 1968 eine politische Krise gab, kann man nicht streiten, selbst wenn verschiedene Interessen darin übereinkommen, ihre Bedeutung zur relativieren. Hat sie den Umfang einer wirklich revolutionären Situation angenommen? Das ist eine ganz andere Frage. F. Mitterrand hat sie kategorisch beantwortet: Ich verneine. daß im Mai 68 die Situation eine revolutionäre war." Wie soll man eine revolutionäre Situation definieren? Für die Beantwortung dieser Frage gibt es keine genauen Kriterien. Es besteht immer das Risiko, ein statisches, photographisches Urteil abzugeben über eine sich in Entwicklung befindenden Situation. In einem berühmten Text hat Lenin die drei Merkmale aufgelistet, die in seinen Augen entscheidend waren: wenn die oben nicht mehr regieren können wie vorher; wenn die unten sie nicht mehr dulden wollen, und wenn diejenigen, die sich in der Mitte befinden, sich nach unten orientieren. Trotzki fügte noch einen subjektiven Faktor hinzu (die revolutionäre Kraft, die in der Lage ist, die Krise zu lösen) und er bestand auf dem Wechselverhältnis der Faktoren. Da wir niemals geglaubt haben, die Spontaneität der Arbeiter könne binnen einiger Wochen die offensichtlichen Mängel des „subjektiven Faktors" ausgleichen (es gab keine revolutionäre Partei von Bedeutung und keine ernsthafte Verankerung der Avantgarde, in den Betrieben), waren wir immer recht vorsichtig, die Situation als eine revolutionäre einzuschätzen. Die terminologischen Haarspaltereien haben heute keine Bedeutung. Wir sprachen lieber von einer vorrevolutionären Situation, um eine ungelöste Schwierigkeit auszudrücken. Von anderen Strömungen wurden wir deswegen der Halbherzigkeit und der Mäßigung beschuldigt. Einige sprachen von einer objektiv revolutionăren Situation". Und subjektiv? Eine eigenartige Logik, die das Objektive und Subjektive so auseinanderreißt. Wenn die objektive Situation so eindeutig revolutionär war, wie kann man dann erklären, daß der subjektive Faktor" nicht grundlegender verändert wurde? Daß der Mai 68 wenn schon nicht zu einer siegreichen Revolution, so doch zur Entstehung einer revolutionären Massenpartei geführt hat? Auf die Frage nach den Grenzen ihres eigenen Wachstums hin haben dieselben revolutionären Organisationen - darunter wir - betont,daß man aufgrund eigener Fehler nicht gesiegt habe, daß aber auch gewisse Grenzen in der ....objektiven Situation" die Schuld daran trügen, Eine auf den Hund gekommene Dialektik. Der Fehler ist an der Wurzel zu suchen. Eine kritische Situation kann man nach der Art Lenins durch eine Reihe von Elementen charakterisieren, ohne daß man damit aber die Gesamtheit in den Griff bekommt. So fehlte es 1968 am „subjektiven Faktor" , aber nicht in der Art, daß ein Teilchen gefehlt hätte, welches man zu den andern Teilen eines Puzzels hätte hinzufügen können. Diese Fehlen schlug auf die Gesamtheit zurück: auf die Art und Weise der politischen Krise an der Spitze, auf die Mobilisierungsformen an der Basis, auf die Entwicklung der Mittelschichten. Darüberhinaus müßte man noch genauer bestimmen, worin eigentlich genau das fehlende Teil bestand. In jener Zeit antworteten wir: im Fehlen einer revolutionären Partei. Das stimmte ganz offensichtlich. Doch war es nur die halbe Antwort. Denn sie isolierte einen Faktor von den anderen Determinanten. Daher die Schlußfolgerung, daß es nur darauf ankäme, einen Ersatz für das fehlende Teil zu finden, um die Lücke zu schließen. Hier liegt der implizite oder explizite Grund für den zügellosen Voluntarismus und das Ultralinkstum nach 68. Der überschäumende Aktivismus und die exemplarische Aktion sollten möglichst schnell das Fehlen einer revolutionären Partei. die dieses Namens würdig gewesen wäre, ausgleichen. Die Schwäche der organisierten revolutionären Kräfte zu Beginn der Bewegung konnte man auf das Konto der Untaten des Stalinismus und der Sozialdemokratie schreiben. Doch wenn man nicht in einen tollen Idealismus fallen wollte, mußte man zugeben. daß sie auf deformierte Weise auch einen bestimmten
allgemeineren Zustand der Arbeiterklasse, ihrer kämpferischen Strömungen und ihrer natürlichen Vorhut in den Fabriken und Gewerkschaften ausdrückte. Die politische Avantgarde der Arbeiterklasse braucht ein für sie förderlichesTerrain, nämlich die täglichen Kämpfe und die akkumulierten Erfahrungen. Die Widersprüche zwischen der Dynamik des Kampfes, seinen Möglichkeiten und der Politik der reformistischen Führungen, der Kommunistischen Partei wie der SFIO, sind 1968 Joch eines autoritären Regimes abwerfen. Von da bis zur Revolution ist es noch ein weiter Weg.
Worauf fußte der konfliktträchtige Konsens zwischen den Arbeitern und ihren Führungen? Auf den sozialen Errungenschaften der Expansionsperiode. Um die seit dem Zweiten Weltkrieg aufgebauten gesellschaftlichen Beziehungen zu charakterisieren, spricht man inzwischen vom fordistischen Kompromiß" . Der Begriff deckt die verschiedenen Prozeduren ab, die im Rahmen des „Wohlfahrtstaates" errichtet wurden, um das Verhältnis zwischen Kapital und Arbeit zu regeln. Es handelt sich um mehr oder weniger fortgeschrittene Formen der gleitenden Lohnskala, der sozialen Sicherheit, der Arbeitslosenentschädigung und der institutionalisierten Zusammenarbeit zwischen Unternehmern und Gewerkschaften. Sie sollen die „Erfolgsspirale" von Produktion und Massenkonsum garantiert haben. Tatsächlich entsprachen die „dreißig glorreichen Jahre" der Nachkriegszeit einer langen Expansionsphase, während der die für den Industriczykluse typischen Rezessionen nur in abgeschwächter Form auftraten. Im Deutschland, Frankreich oder Italien der Nachkriegszeit war die Bourgeoisien durch Nazismus, Faschismus oder Vichy geschwächt und diskreditiert. Die Möglichkeit der Revolutionen war in der traumatisierten Welt nicht bloß ein leeres Wort. Die sozialen Zugeständnisse bildeten den zü zahlenden Preis zur Eindämmung dieser gro- Ben Angst. Im Namen der großen Teilung der Welt, wie sie in Jalta und Potsdam ausgehandelt worden war, leisteten die Führungen der großen Arbeiterparteien einen eifrigen Beitrag zur Restaurierung der kapitalistischen Ordnung. Doch dafür wollten sie etwas haben. Längerfristig kam die Bourgeoisie durchaus auf ihre Kosten. In der Expansionsperiode wirkten die zugestandenen Konzessionen bei der Regulierung der Kapitalakkumaulation mit, weil sie die Früchte des Produktivitäts- JAHRE
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Prosperität der verflossenen Jahre verbundenen Institutionen waren in ihren Augen noch keineswegs illegitim.
Die Legitimität des Staates und die Anerkennung der demokratischen Institutionen sind zwei Paar Stiefel. Die Demokratie erscheint als notwendiges Begleitwerk der sozialen Errungenschaften. Nach Chruschtschows Enthüllungen der Verbrechen Stalins, nach den Arbeiteraufständen von 1956 in Polen und Ungarn, wurden ihre relativen Verdienste aufgewertet. Um die Menschen davon abzubringen. ten zu Rissen, Rebellionen und Brüchen. Doch blieben sie Randerscheinungen. In der Geschichte gibt es die Beispiele des großen Verrats der Reformisten, der im allgemeinen zu tiefen Erschütterungen geführt hat, die traditionellen Apparate von oben nach unten durchgerüttelt bzw. gespalten hat. Der spektakulärste Fall ist sicherlich der der deutschen Sozialdemokratie während und nach dem Ersten Weltkrieg. 1968 gab es keinerlei vergleichbaren Effekt, zumindest nicht direkt. Damals haben die kleinen revolutionären Organisationen ihre ersten Arbeiter rekrutiert. Aber für eine ausgestreckte Hand - wieviel verschlossene, mißtrauische oder direkt feindselige Gesichter gab es da! Im Unterschied zu dem, was sich ein Jahr später in Italien ereignete, blieb der Dialog zwischen Studenten und Arbeitern die Ausnahme. Wenn es so wenige gewählte Streikkomitees gab, wenn die Gewerkschaftsführungen bei den Verhandlungen die Initiative behalten haben, wenn die traditionellen Parteien, zumindest die PCF, ihre Verluste an Mitgliedern nach links durch Neueintritte ausgleichen konnten, bedeutete dies, daß sie, obgleich sie Möglichkeiten kaputt gemacht haben, doch den geistigen Zustand der großen Masse reflektierten. In ihrer Masse wollten die Streikenden soziale Konflikte regeln und das fortschrittes (ungleich) aufteilten und dadurch für eine Ausweitung des Binnenmarktes sorgten. Die Arbeiter ihrerseits blickten auf eine ungleiche, aber unbestreitbare Zunahme ihres Lebensstandards (zu einem Zeitpunkt, wo die Theoretiker der Kommunistischen Partei mit der Theorie der „absoluten Verelendung" hausieren gingen.
1968 war ein Schlüsseldatum. In einer Situation der beinahen Vollbeschäftigung verfügte die Arbeiterklasse über ein Maximum an Kraft. Sie fühlte sich in der Lage, ihr Hinterherhinken hinter der sozialen Entwicklung auszugleichen. Gleichzeitig hatte sie ein konfuses Gefühl, daß eine Epoche zu Ende ging und daß am Horizont Wolken auftauchten, die voll gro- Ber Gefahren für die Beschäftigung und das soziale Netz waren. Die Arbeitenden machten einen Generalstreik, doch am 17.Juni gingen sie massiv an die Wahlurnen und stimmten weiterhin für ihre traditionellen Parteien. Sie schrieen ihre Ablehnung von zehn Jahren gaullistischen Regimes hinaus, verspotteten De Gaulle wegen seiner Starrheit und seinem altmodischen Regierungsstilund sehnten sich nach einer Demokratisierung des politischen und gesellschaftlichen (in den Betrieben) Lebens. Doch der Staat und die mit der relativen müßten sie die Erfahrung einer höheren Form von direkter und pluralistischer Demokratie machen, die die künstliche Trennung zwischen dem Politischen und dem Sozialen, dem Offentlichen und Privaten aufheben würde. Der Generalstreik hat nicht bis zu diesem Punkt geführt.
Somit blieben bestehen: die Legitimität des Staates, die materiellen Grundlagen eines gewissen sozialen Konsenses, der keimhafte Zustand einer neuen Arbeiteravantgarde, die speziellen Grenzen der Bewegung von 1968, das Mißverhältnis zwischen ihrer kolossalen Kraft und ihrem subversiven Inhalt, die Art der politischen Krise und ihre rasche Lösung.... Man muß 1968 richtig einordnen, weder banalisieren noch mystifizieren. Diejenigen, die daraus ein Modell und einen Höhepunkt der revolutionärer Situation machten, sahen später nur noch Rückgang und Zusammenbruch, Absturz und Ernüchterung.
Wenn wir vom Mai 68 als einer ..Generalprobe" gesprochen haben, dann dachten wir nicht an ein Modell, sondern eher an einen Versuch der Geschichte, die sich tastend, durch Akkumulation von Erfahrungen, durch Erfolge und Irrtümer voranbewegt. Natürlich war 1968 für
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M A uns keine Apotheose, sondern die erste wesentliche Episode eines langen Kampfes. Es brauchte Zeit und weiterer Auseinandersetzungen, um die nötigen Kräfte zu sammeln und zu schmieden. Davon waren wir überzeugt. Diejenigen, die während des Algerienkrieges oder Anfang der sechziger Jahre Kommunisten geworden waren, hatten eine langfristige, gut überlegte Wahl getroffen. Die Gründe für diese Wahl wurden 1968 bestätigt. Dieses Jahr war nicht das Ende, nein, eher der Anfang. Noch heute behaupten wir. daß es andere Möglichkeiten und Wege gegeben hätte; nicht die große Offenbarung oder die Revolution in Großbuchstaben, sondern den Sturz des Regimes durch Streik und außerparlamentarische Mobilisierung. Danach hätte eine andere Geschichte begonnen. und es wäre eitel, sie auf den Sandstrand zu schreiben. Was wäre aus dem Gemeinsamen Programm, der Linksunion, aus dem europäischen politischen Kontext an der entscheidenden Wende zu den siebziger Jahren, zum Zeitpunkt der portugiesischen Krise und dem Sturz des Frankismus geworden?
InFüereinnLinsengericht?oci einem billig verschleuderten Streik, er sei für ein „Linsengericht" verkauft worden. Wie war es mit dem Gericht von Grenelle? Trotz einer viel massiveren Bewegung als 1936 waren die sozialen Errungenschaften weit bescheidener. Die Matignon-Vereinbarungen (von 1936) blieben im Gedächtnis der Arbeiter mit der Vierzig-Stundenwoche und dem bezahlten Urlaub verbunden, die Libération mit der Durchsetzung der Sozialversicherung. 1968 gab es keine in roter Tinte aufgeschriebene, bedeutsame Maßnahme, die eine qualitative Veränderung im Arbeiterleben gebracht hätte. Die vagen Formulierungen über eine nach und nach vorzunehmende Verkürzung der Arbeitszeit verschoben die Vierzig-Stunden-Woche auf den St.Nimmerleinstag (nach Berechnungen der CFDT aufs Jahr 2008), obgleich sie dreißig Jahre früher schon einmal erreicht war. Dies ist mehr als ein Symbol. Die konkreten Ergebnisse blieben weit hinter dem zurück, was man angesichts des außergewöhnlichen Kräfteverhältnisses hätte erreichen können. Trotzdem waren sie nicht ganz ohne Bedeutung. Es gab keine Vereinbarungen von Grenelle. Niemand hat das Protokoll vom 27. Mai unterzeichnet. Von der Regierung redigiert, betitelte man es Projekt eines Vereinbarungsprotokolls der am 25., 26., und 27.Mai unter dem Vorsitz des Premierministers im Arbeitsministerium abgehaltenen Sitzungen". Die Unternehmer beschlossen, die Ergebnisse einzuhalten, und die Arbeiter bemühten sich, sie über Branchen- und Betriebsvereinbarungen zu verbessern.
So waren bereits Ende Juni 94 Branchenvereinbarungen abgeschlossen. Oft bestand man auf der Unterschrift unter eine Betriebsvereinbarung, bevor der Streik beendet wurde. Davon gab es tausende. Bei den Arbeitskonflikten vor dem Mai 68 knauserten die Unternehmer schon ab einem Prozent. Das Protokoll von Grenelle sah Reallohnerhöhungen in der Grö- Benordnung von 10% vor. In vielen Betrieben erreichten die Lohnerhöhungen 15%, ja 20% und mehr. Im Durchschnitt betrugen sie 1968 im Privatsektor 13.5%, bei Preissteigerungen von 7%, also eine Steigerung der Kaufkraft von 6.5%.
Hinter dem Durchschnitt verbirgt sich eine deutlich höhere Steigerung bei den unteren Lohngruppen und der Köder einer Reduzierung der Breite der Lohnpalette. Am 1 Juni wurde in Paris der SMIG (Mindestlohn) um 35% angehoben. Die Abschaffung des Mindestlohns in der Landwirtschaft und die Anwendung des SMIG auf diesen Bereich entsprach einer Erhöhung zwischen 56% und 59% je nach Gebiet. Die Anhebung des SMIG ermutigte auch eine Angleichung der unteren Lohngruppen in verschiedenen Berufen durch Branchenabkommen, nachdem diese sich ein Jahrzehnt lang nicht bewegt hatten. Die Zahl der Nutznießer der Indexierung der Löhne stieg binnen weniger Tage von 200.000 auf 600.000, doch wurde keine allgemeine gleitende Lohnskala durchgesetzt.
In den meisten Streikplattformen wurde die Rückkehr zur Vierzig-Stunden-Woche ohne Lohnminderung verlangt. In Grenelle verpflichteten sich Regierung und Unternehmer auf eine Zug um Zug zu erfolgende wöchentliche Verkürzung der Arbeitszeit mit dem Ziel der Vierzig-Stunden-Woche. Als Sofortmaßnahme akzeptierten die Unternehmer vor 1971 nur einen Abschlag von einer Stunde bei einer Arbeitszeit zwischen 45 und 48 Stunden, und von zwei Stunden bei über 48 Stunden Wochenarbeitszeit. ... In etwa zehn Branchen und etwa fünfzig Betrieben erhielt man eine fünfte bezahlte Urlaubswoche, doch das Parlament verweigerte deren Gewährung an die Jugendlichen.
Die nationale interprofessionelle Vereinbarung über die Beschäftigungsgarantie, die am 10. Februar 1969 unterzeichnet wurde, sah besondere Zeiträume zur Information der Betriebsräte (comités d'entreprises) im Falle von Entlassungen, die Schaffung paritätischer Kommissionen und Ausgleichzahlungen bei Versetzungen vor. Den Gewerkschaften oder Betriebsräten wurde kein suspendierendes Vetorecht bei Entlassungen zugestanden, eine Forderung, die 1972 im Gemeinsamen Programm der Linksparteien auftauchte. Neben begrenzten, aber realen Errungenschaften blieb ein Kapitel, obwohl es Arbeitern wie Gewerkschaften am meisten am Herzen lag. offen: das über die Sozialversicherung. Die Verordnungen vom 21.August 1967 hatten die Sozialversicherung in vier Kassen aufgeteilt,die Wahl der Verwaltungsräte abgeschafft und in Wirklichkeit den Unternehmern in den Leitungsgremien ein entscheidendes Stimmrecht verschafft. Die Gegenseite wurde auf 20% - 30% reduziert. Die Rücknahme dieser Verordnungen war eine der wichtigsten Forderungen im Abkommen zwischen CGT und CFDT vom 22.Mai. In Grenelle setzten sich die Gewerkschaftsvertreter, obwohl sie neun Millionen Streikende und Tausende besetzter Fabriken im Rücken hatten, nicht durch. Die Regierung testete in diesem Punkte ihre Entschlossenheit und trug einen politischen Sieg heim.
Außer den Lohnerhöhungen werden von den Gewerkschaftsführern vor allem die neuen gewerkschaftlichen Rechte als die Haupterrungenschaft des Mai 68 betont. Dies ist kein Zufall. 1965 erklärte der Vorsitzende des CNPF (franz. Unternehmerverband) noch gegenüber dem Figaro: „Niemals werden wir das Eindringen der gewerkschaftlichen Aktion in die Betriebe hinnehmen. Man muß das schon mit Gewalt gegen uns durchsetzen, was glücklicherweise noch nicht der Fall ist. " Am 27.Dezember 1968 beschloß das Parlament fast einstimmig (mit 438 Stimmen gegen 4 bei 22 Enthaltungen) das Gesetz über die gewerkschaftlichen Freiheiten. das das Protokoll von Gre-
nelle sanktionierte. Dadurch wurden erreicht: die Freiheit, Gewerkschaftsgruppen in den Betrieben mit über S0 Beschäftigten aufzubauen; ein Gewerkschaftslokal in den Betrieben mit über 200 Beschäftigten; Schutz der gewerkschaftlichen Delegierten und Freistunden für diese Aufgaben; monatliche Versammlungen im Betrieb, freie Verteilung der Gewerkschaftspresse und Recht auf freien Anschlag. Die Konsequenzen waren erheblich. Zwischen 1969 und 1976 stieg die Zahl der Betriebe über 50 Beschäftigte mit einer oder mehreren Gewerkschaftsgruppen von 6.267 auf 19.063; sie verdreifachte sich also. Die Verankerung der Gewerkschaften in den betroffenen Betrieben stieg von 22% auf 51%. Was bleibt von 68?
Was von 1968 bleibt, ist nicht auf die nackten Zahlen der erfüllten bzw. unerfüllten sozialen Forderungen reduzierbar. Doch in unseren Zeiten des ideologischen Schwulstes muß man damit beginnen. Genauso wichtig ist es, von der großen und zentralen Tatsache der Krise auszugehen, vom Generalstreik. Heute sagen manche, 1968 habe seine Verwirklichung in den seither realisierten Reformen und der Modernisierung gefunden. Als wären die gro- Ben Hoffnungen von damals nichts weiter gewesen als ein unbewußtes Ideal der heuchlerischen Sozialdemokratie.
Tatsächlich hat der Mai 68 zu einer dauerhaften Veränderung des Kräfteverhältnisses zwischen den grundlegenden Klassen unserer Gesellschaft geführt. Seit gut zehn Jahren haben die Arbeiter sicherlich Niederlagen erlitten. Doch die Jugend brauchte im Dezember 1986 nur auf die Straße zu gehen, um das Gespenst von 1968 wieder auftauchen zu lassen. Es müssen nur hier und dort radikale Streiks ausbrechen und entsprechende Koordinationen aufgebaut werden, und schon warnt André Bergeron (der Vorsitzende der Gewerkschaft FO) als berufsmäßiger Mittler zwischen Kapital und Arbeit die Regierung vor einem neuen Mai.
Der Mai 68 hat auch langsam, aber tiefgreifend, die Beziehungen innerhalb der Arbeiterbewegung verändert. Die Kommunistische Partei hat sich nie von ihrem geplatzten Rendezvous mit einer neuen Arbeitergeneration erholt. Zum erstenmal seit 1936 und der Résistance hat sie den Sinn der gesellschaftlichen Veränderungen nicht erfasst, hat sie sie nicht auszudrücken, zu vertreten vermocht. Sie hat den Saft, der ihre Kräfte hätte erneuern können, vorüberfließen lassen. Das war keine Unbeholfenheit, kein Mißgriff, sondern Ergebnis der Sackgasse ihrer Politik auf nationaler und internationaler Ebene, in die sie seither immer weiter hineingeschlittert ist. Die Hegemonie der Kommunistischen Partei wurde seit 1968 fortwährend angegriffen und zersetzt, einerseits durch den Aufstieg der Sozialistischen Partei, auf der anderen Seite durch die Entwicklung einer minoritären, aber zähen revolutionären extremen Linken. Jene extreme Linke, ihre Mitglieder, Gewerkschafter, Jugendlichen. Feministinnen haben vicle Veränderungen durchgemacht und Höhen und Tiefen erlebt. Es gab Sternstunden. Quantitativ stellte die imposante Demonstration anläßlich der Beerdigung von Pierre Overney 1972 vielleicht ihren Höhepunkt dar. Bei Wahlen hat sic ihre besten Ergebnisse bei den Gemeinderatswahlen 1977 erzielt: in den großen Städten zwischen 5% und 10%. Man vergißt viel zu schnell, daß in Ländern wie Italien oder der BRD solche Ergebnisse es ermöglicht hätten. in vielen Stadträten Fuß zu fassen und auf der institutionellen Ebene Glaubwürdigkeit zu gewinnen. Nicht in Frankreich. Doch auch die Kommunistische Partei mußte auf dieses Phanomen aufmerksam werden. Bei ihrer Politik 1977-78 (Bruch der Linksunion, A.d.U.) hat es wahrscheinlich eine Rolle gespielt. Die Regierungsjahre der Linken waren trübe. Einerseits ging man zum Realismus der Verwaltung des Bestehenden über, andererseits warf man die Brocken hin. Die extreme Linke hat Einbußen hinnehmen müssen. Doch, was bleibt, sind erfahrenere und besser verankerte Mitglieder. In den Kämpfen vom Winter 1986- 87 zeigte sich in aller Deutlichkeit: in der Jugend, bei den Eisenbahnern, bei der Post, bei Thompson, bei Air Inter — es gab keinen bedeutenden Konflikt, wo die Mitglieder der LCR, von Lutte Ouvriere, chemalige Mitglieder nicht eine wichtige. ja entscheidende Rolle gespielt hätten, jedenfalls eine unvergleichlich bedeutungsvollere als noch vor zehn oder zwanzig Jahren. Die Paradoxe, die Zweideutigkeiten und Widersprüche der Bewegung von 68 spiegeln sich im besonderen Weg dieser Generation wider, nicht im Schaum der universitären und Medien-Kultur, sondern in den zehntausenden Mitgliedern und gesellschaftlichen Akteuren, die das Netzwerk einer tiefen sozialen Bewegung bilden.
In vielen Berufen stellt die Vergangenheit auf der extremen Linken - in der maoistischen oder trotzkistischen Version - eher eine schmeichelhafte Referenz für den Lebenslauf dar, als sei dies die Reifeprüfung für die Hochschule der Phantasie, der menschlichen Beziehungen und des Sich Zurechtfindens gewesen. Es genügte der Sieg Mitterrands 1981 und die Öffnung der Einfallstore in die Sphären des Staatsapparates, und zahlreiche „Ehemalige" schwangen sich mit Wonne auf die rosarote Welle. Doch über diese Gischt hinaus hat der Mai 68 nicht über die nötige Ausstrahlung verfügt, um eine alternative Generation zu schmieden. Der Kommunistischen Partei gelang es nicht, sie in ihre Reihen aufzunehmen: die Krise ihrer Studentenorganisation hatte ab 1965 ihre Unfähgikeit gegenüber den Bedürfnissen der Jugend gezeigt. Doch die Kräfte, die aus der Erfahrung des Mai entstanden sind. haben sich in alle Winde zerstreut: von der CFDT zur CGT, von der Sozialistischen über die Kommunistische Partei bis zu den zahlreichen Familien der extremen Linken. Der obige Text ist ein umfänglicher Auszug aus dem ersten Kapitel des Buches von Daniel Bensaid, Alain Krivine, Mai Si!, Rebelles et Repentis 1968-1988, Paris (La breche) 1988 JAHRE
M A
Anmerkungen:
1. Über die Dynamik und Organisationsform der portugiesischen Revolution vgl. D.Bensaid/ C.Rossi/ C.A.Udry. Porrugal, la Révolution en Marche. Ed. Bourgeois Paris: sowic G. Filoche. Le printemps portugais. La breche. Paris 2. 1973/74 besetzten die Arbeiter von LIP bei Besançon angesichts der drohenden Entlassungen und Fabrikschlic- Bung die Fabrik. bemächtigten sich der Maschinerie und fingen an, zu produzieren: .. Wir produzieren, wir verkaufen. wir zahlen uns selbst den Lohn!"! 3. Am 21.6.1791 wurde Ludwig XVI. bei Varennes. in der Nahe der französischen Grenze, auf der Flucht ertappt und von Abgeordneten der Konstituante nach Paris zurückgebracht. Diese Tat entschied über sein Schicksal und das der Monarchie 4. M.Grimaud. im Mai 68 Polizeipräfekt von Paris, schrieb das Buch. En Mai, fais ce qu'il te plait. Stock. Paris 1977 5. P.Juquin. Le sens du réel. Grasset 1971 S. F.Mitterrand, Ma part / ité, Livre de poche 1972 6. Der Begriff der revolut n Situation wird von Lenin vor allem in ..Der Zusammenbruch der Zweiten Internationale* und von Trotzki in der ..Geschichte der russischen Revolution" entwickelt. Wir haben auf diese Bezüge bereits in unserem. Buch Mai 68, une répétition générale". Maspéro 1968 verwiesen.
7. Diese Begriffe der .Regulierung"* und des fordistischen Kompromisses* werden vor allem von den Autoren der sog. Regulierungsschule (R.Boyer. B.Coriat. A.Lipietz. M Aglietta) entwickelt. P.Dockes und B.Rosier schlagen das Konzept der ..Produktionsordnung" vor. (vgl. ihre Bücher: Rythmes économiques und Les Théories des crises économiques bei La Découverte.) Dieses Konzept versucht. eine bestimmte Akkumulationsweise. eine spezifische Arbeitsteilung. eine technologische Phase, eine dominante Arbeitsorganisation und die Art der Beziehungen der Arbeiterbewegung und ihrer Organisationen zum Staat zu erklären.
JAHRE
M A I
Der
Prager
Frühling von ANNA LIBERA nfang Januar 1968 ernannte das Präsidium des ZK der KP der A Tschechoslowakei (KPC) nach schweren internen Auseinandersetzungen Alexander Dubcek zum ersten Se- kretär. Doch erst am 4. März wurde ein ..detaillierter Rechenschaftsbericht des ZK-Präsidiums als vertrauliches Schreiben verbreitet. Dort konnte man lesen: ..Im Verlauf der Diskussion hat die Reflexion über die politische Arbeit der Partei zu einer Konfrontation des Alten mit dem Neuen geführt. Die erste Tendenz äußert sich darin, daß sie das bereits erreichte Stadium der sozialistischen Entwick-• lung unserer Gesellschaft nicht in Rechnung stellt und überkommene Arbeitsformen der liegen die Ursachen unserer Schwächen vor Partei hartnäckig verteidigt; in ihren Augen allem in den Problemen, die sich aus der wirt- schaftlichen Entwicklung ergeben. in den Mängeln der ideologischen Arbeit. in fehlen- der Strenge und in der liberalen Haltung an der ideologischen Front sowie in den Auswirkun-
gen der ideologischen Ablenkungsmanöver des Westens. Für diese Tendenz gibt es sowohl in der Partei als auch im ganzen Land genug Demokratie. Es gab sogar eine Stimme, die die Behauptung aufstellte, bei uns gäbe es ein Übermaß an Demokratie'. Demgegenüber sind deutliche Tendenzen zum Ausdruck gekommen .... die die Dringlichkeit eines neuen Kurses betonten ... und von der Notwendigkeit ausgingen, die politische Aktion auf ein Niveau zu heben, das der gegenwärtigen Entwicklung unserer Gesellschaft entspricht und die Auswirkungen der technisch-wissenschaftlichen Revolution in Betracht zieht. Die Entwicklung der Ökonomie und ihrer neuen Formen der Leitung erfordern unausweichlich eine Änderung der Führungsmethoden der Partei, um den gesellschaftlichen Gruppen genügend Raum für Initiative und öffentliche Aktivitäten zu verschaffen." Repräsentant der ersten Tendenz war Novotny; das zweite, heterogene Lager fand seinen Wortführer in Dubcek. Am 5.April 1968 wurde das Aktionsprogramm der KPC angenommen.
Nach zwanzig Jahren des Schweigens erklärte Alexander Dubcek kürzlich in einem Interview mit der Tageszeitung der italienischen KP. daß zwischen der Perestroika Gorbatschows und