Inprekorr 1971–1992

Archiv der Internationalen Pressekorrespondenz der IV. Internationale

20 Jahre Mai 68: Die Tet-Offensive

· Inprekorr Nr. 204/205, Juli/August 1988 · S. 47-54 · 3.915 Wörter

Vietnam und Indochina USA und Kanada Frankreich Sowjetunion

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dieser noch nie dagewesenen Offensive kämpfen vor allem die lokalen Milizen in vorderster Front. Die regulären Kräfte der Nationalen Befreiungsfront (FNL) stehen den US-Truppen in einer Schlacht großen Stils bei der US- Militärbasis Khe Sanh gegenüber, nahe der Demarkationslinie zwischen Nord- und Südvietnam. Hue, im Zentrum des Landes, wird von den Befreiungskräften erobert. Die Schlacht von Hue dauert bis zum 24. Februar. Die Amerikaner erlangen die Kontrolle über die alte Kaiserstadt erst wieder, nachdem sie sie durch Bombardierungen zu 80 % zerstören.

Im ganzen Land dauern die Kämpfe den Februar hindurch an. Eine zweite Welle erobert im Mai 119 städtische Zentren und Militärbasen. Im August und September, im Verlauf der dritten Welle, greifen die Befreiungsstreitkräfte die amerikanischen Einrichtungen systematischer an. Aber das Gros der Tet-Offensive 1968 findet im Februar statt.

von PIERRE ROUSSET

Die von den Befreiungskräften während dieses Jahres unternommenen Anstrengungen sind beträchtlich. Angesichts der amerikanischen Schlagkraft ebbt jedoch die revolutionäre Welle ab. Die USA profitieren in Süd-Vietnam von ihrer uneingeschränkten Vorherrschaft in der Luft und von einem starken Übergewicht bei Artillerie und Panzerbewaffnung. Es kommt zu einem planmäßigen Rückzug. Der Sieg steht diesmal noch aus. Bis zum endgültigen Triumph der Revolution vergehen noch sieben Jahre, verbunden mit zahlreichen Verlusten.

In den USA ist der Schock verheerend. Trotz der vor Ausbruch der Offensive gesammelten Informationen kann das US-Kommando ihr nicht zuvorkommen oder ihr Ausmaß vorhersehen. Das südvietnamesische Regime und die Saigoner Armee machen eine erbärmliche Figur. Die Kämpfe finden vor laufenden Fernsehkameras statt. Eindringliche Bilder des Todes gelangen in die Wohnzimmer. In den USA nimmt die Antikriegsbewegung einen neuen Aufschwung. Die Antikriegsstimmung wird zu einem bestimmenden politischen Faktor.

Die internationale Solidarität

In der ganzen Welt schlägt die Stunde der Solidarität mit dem vietnamesischen Volk. Von Jugend die amerikanische Intervention. Die Wirklichkeit imperialistischer Herrschaft zeigt sich ungeschminkt in der Entfachung eines massiven Vernichtungskrieges gegen ein armes Volk, das für seine Selbstbestimmung kämpft. Sein Widerstand ist heldenhaft, die Gerechtigkeit auf seiner Seite. Mehr poch, von jetzt an scheint der Sieg möglich, selbst als im März erneut ein Rückschlag eintritt. Die Tet- Offensive begeistert in zahlreichen Ländern die radikalisierten Sektoren der Jugend. Sie wird zum Auslöser für die Mobilisierungen. die den französischen Mai 68 ankündigen. In Paris beginnen die Verhandlungen zwischen Vietnamesen und Amerikanern. Aber es handelt sich bisher nur darum, den politischen und militärischen Kampf nun auch auf der Ebene der Diplomatie fortzusetzen. Die wirklichen Verhandlungen finden erst einige Jahre später statt. Sie werden zum Abkommen von 1973 und zum Rückzug der amerikanischen Truppen führen.

Die Tet-Offensive ist eins der größten politischen und militärischen Ereignisse der letzten Jahrzehnte und auch eins der komplexesten. Für die von 1968 und Vietnam Enttäuschten", für die Intellektuellen der neuen Rechten jedoch ist sie bloß Ausdruck des revolutionaren Mythos", ja sogar eine Erfindung der Medien. Wäre das Fernsehen nicht zur Stelle gewesen, so seufzt auch Kissinger? . hätte der Krieg einen anderen Verlauf genommen. Doch besonders in diesem Fall haben nicht die Medien das Ereignis geschaffen: es war für sich allein schon so bedeutsam, daß sie es nicht einmal übertreiben konnten. Die Medien haben es nur der Weltöffentlichkeit und dem amerikanischen Volk enthüllt, sehr zum Nach-

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Ein ungerechter Krieg

Wenn sich so die öffentliche Meinung jedesmal mehr gegen den schmutzigen Krieg in Vietnam gewandt hat, dann nicht aufgrund der Agitation einiger Fernsehjournalisten, sondern weil zu viele amerikanische Soldaten starben und weil die Tet-Offensive nach Jahren der militärischen Intervention zeigte, daß für die USA der Sieg weiter entfernt war als jemals zuvor. Dieser ungerechte Krieg fand kein Ende.

Weit davon entfernt, ein Mythos zu sein, waren die Ereignisse in Vietnam 1968 eine Offenbarung. In ihrer ganzen Komplexität förderten sie die wesentlichen Charakterzüge der Gegenwart zutage - vielleicht in größerem Maß, als wir es selbst damals vor zwanzig Jahren, während wir für die Verteidigung dieses exemplarischen Befreiungskampfes mobilisierten, erkannt haben.

Damals haben wir erkannt, wenn auch eher oberflächlich, was die Tet-Offensive über die Grenzen der Macht der USA und dasaußerordentliche Potential eines Massenwiderstandes aussagte. An der vietnamesischen Revolution waren schon in den 50cr Jahren klassische imperialistische Großmächte wie Frankreich und Britannien gescheitert. 1959 hatte der Sieg der kubanischen Revolution den neuen Gendarmen der kapitalistischen Welt, die USA. herausgefordert, und dieser war unfähig gewesen, dem castristischen Regime, das sich vor seiner Haustür etabliert hatte, seinen Willen aufzuzwingen.

Die vietnamesische Revolution ist in den 60er Jahren eine der ersten, die dem von Washington als Antwort auf die kubanische Herausforderung entfachten globalen konterrevolutionären Krieg ausgesetzt ist. Nach dem Abzug der französischen Truppen hatte das US-Engagement in Vietnam bereits sehr früh begonnen. schon vor 1954. Seit 1961 führten US-Berater ihren „besonderen Krieg" . Aber erst 1965 beginnt die eigentliche militärische Eskalation der USA mit dem totalen Einsatz der Luftwaffe und der Landung eines Expeditionskorps in Südvietnam, das rasch eine Stärke von 550.000 Mann erreicht.

Mit allen Mitteln, über die sie verfügen, entfachen die USA in Vietnam ein wahres „Stahlgewitter". Es geht dabei vor allem darum, den Glauben an die amerikanische Stärke wiederherzustellen, der durch die kläglich gescheiterte Invasion in der kubanischen Schweinebucht 1961 schwer erschüttert worden war. Allmählich wird die vietnamesische Probe zu einem Kernstück der Weltpolitik der USA; sie gerät zu einem Mißerfolg, der sich in der Tet-Offensive ankündigt.

Der Mißerfolg beginnt in Vietnam selbst. Trotz der Schwere der den Volkskräften zugefügten Niederlagen gelingt es der amerikanischen Kriegsmaschinerie nicht, dem Widerstand das Rückgrat zu brechen, dessen Stütze eine Kommunistische Partei und eine Befreiungsbewegung sind, die im nationalen und sozialen Leben des Landes verwurzelt sind. Unterstützt von einer jahrzehntealten Erfahrung beweist der Widerstand seine Standfestigkeit

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und Beweglichkeit. Er paßt sich den neuen Bedingungen an und geht zu einem langandauernden Kampf über. Er behält die strategische Initiative und ergreift regelmäßig die taktische — und dies auf politischem, militärischem und bald auch diplomatischem Gebiet. Unter diesen Bedingungen ist für Washington ein militärischer Sieg unmöglich.

Stattdessen wird der US-Imperialismus Gefangener seiner eigenen in Vietnam eingesetzten Mittel: er muß das Expeditionskorps und die Saigoner Armee schützen, die politisch untragbaren Verluste mindern und dabei die Kontrolle über das Land sichern, auf die Gefahr hin, vom Feind geschlagen zu werden. Die konterrevolutionäre Armee befindet sich in einem Zustand der Unbeweglichkeit. Die USA hängen mehr und mehr von einer schwerfälligen Technologie und einem korrupten Regime ab, das mehr mit internen Fraktionskämpfen als mit dem Kampf gegen den Kommunismus beschäftigt ist. Washington trägt die Last der immer kostspieligeren Kriegsanstrengungen und einer immer künstlicheren südvietnamesischen Ökonomie. Ein Teufelskreis. Unter solchen Bedingungen ist kein Sieg über die Revolution möglich. Man ist in eine Sackgasse geraten.

Die „Vietnamisierung" des Krieges

Der Mißerfolg in Vietnam wird für die US- Regierung zu einer nationalen und internationalen Schlappe. Mit der Tet-Offensive beginnen die amerikanische Bourgeoisie und ihre politischen und militärischen Repräsentanten ein Bewußtsein von den Grenzen ihrer Macht zu erlangen.4 Die amerikanischen Ressourcen DEL sind nicht unerschöpflich. Die Fortsetzung der Kriegsanstrengungen steht im Widerspruch zu den Erfordernissen der Wirtschaft, denn die Dollarkrise und das Ende der Expansionsperiode kündigen sich an. In Wirtschaftskreisen ist man beunruhigt. Die Konzentration des militärischen Einsatzes in Vietnam stellt die militärische Präsenz der USA im Weltmaßstab von Europa bis zum Mittleren Osten, vom Indischen Ozean bis zum Nord-Pazifik - in Frage und bremst infolge fehlender finanzieller Mittel die Modernisierung der Waffen. Als Nordkorea ein amerikanisches Spionageschiff aufbringt, kann Washington nur reagieren. Das Pentagon ist gespalten. Die Kosten an Menschenleben — natürlich nur amerikanischen — werden für die Bevölkerung unakzeptabel. 1970 erreicht die Antikriegsstimmung in den USA ihren Höhepunkt. Die Politiker sind verwirrt und aufgeschreckt.

Jedoch erfordert die Politik der , Vietnamisicrung des Krieges, die ab 1968 darauf abzielt, die amerikanischen Verluste durch vietnamesische zu ersetzen, massive materielle Investitionen. Erneut ein Teufelskreis. Es müssen noch einige Jahre vergehen, bis für Washington klar ist: man muß verhandeln. Man weiß nun, daß der Sieg unmöglich ist, hofft aber noch, wenigstens die Niederlage zu vermeiden. Die Tet-Offensive beginnt, eine zweifache Wahrheit zu enthüllen: die Grenzen der Ressourcen des mächtigsten imperialistischen Staates und die Bedeutung der Reserven, über die ein gleichzeitig nationaler und Volkswiderstand verfügt. Eine sicherlich alte Wahrheit, die aber frisch ins Gedächtnis gebracht werden mußte. Es sind die Völker Indochinas, die diese Lehre zu einer Zeit demonstrieren, als das Weiße Haus die pax americana in der ganzen Welt durchsetzen will. Sie haben dafür einen hohen JAHRE

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Die Notwendigkeit einer revolutionären Internationale

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Die Tet-Offensive ließ auch diesen Preis erkennen, ebenso die neuen Schwierigkeiten des revolutionären Kampfes. Dies haben wir damals weniger gut verstanden. Wir wissen, dab man in der Hitze des Kampfes nur das Licht sehen darf". Nicht weniger wichtig bleibt die Reflexion über die Probleme der zeitgenössischen Revolutionen, mit ihren obskuren Fallstricken und den Widersprüchen, mit denen sie konfrontiert sind.

Im Januar 1968 fällte das Politbüro der vietnamesischen KP die endgültige Entscheidung für die Tet-Offensive. Sie sollte zu einem Wendepunkt in diesem Krieg werden, indem sie seinen Verlauf grundlegend änderte. Die Führung der Partei verband damit in umsichtiger Weise eine ganze Skala möglicher Ziele, von weitreichenden Vorstellungen (das Schlagen einer „Bresche" , die letztlich einen raschen Sieg ermöglicht) bis zur Perspektive, damit in den USA eine politische Krise auszulösen, begleitet von einer harten militärischen Gegenoffensive seitens der USA und dem Übergang zu einem kombinierten Prozeß von Kämpfen und Verhandlungen. Letzteres kam dem, was wirklich passiert ist, recht nahe. Das Resultat der Tet-Offensive war nicht klar vorauszusehen. Ab 1965 änderte sich die Situation rasch, und die realen Möglichkeiten mußten im Verlauf des Kampfes selbst erprobt werden. Das Gros der regulären Streitkräfte sollte mobil bleiben. Um eine maximale Wirkung zu erlangen, sollten Aufstände mit der eigentlichen militärischen Offensive kombiniert werden, besonders in den Städten. Bei dieser Perspektive kam die entscheidende Rolle der politischen Infrastruktur im Untergrund der Städte zu*.

Die Kombination des Aufstands mit allen Kampfformen spielt im politisch-militärischen Denken der Vietnamesen eine bedeutende Rolle. Dies geht zurück auf die von der Komintern geerbten Tradition und vor allem auf die ursprünglichen Erfahrungen der Revolution von August 1945 sowie der späteren Verankerung einer Guerilla in den dicht besiedelten Gebieten, manchmal sogar in direkter Nachbarschaft zur Metropole Saigon, wie in der revolutionären Bastion von Cu Chi®. Zu Beginn der Tet-Offensive traten Probleme auf (die regulären Streitkräfte konnten sich nicht so frei in der Region um Saigon entfalten wie vorgesehen). Dennoch, die gesetzten Ziele wurden erreicht. bis auf ein, allerdings bedeutendes: es gab keine Aufstandsbewegung in Saigon. Was die Kosten der Offensive betrifft. so waren sie sehr hoch, die Verluste beträchtlich. Der geheime politische Apparat mußte ans Tageslicht, um zu versuchen, die Bevölkerung zu organisieren.

Schwere Verluste

Zahlreiche übelebende Kader verließen die Zonen ihrer traditionellen Verankerung, einerseits wegen des militärischen Rückzugs, andererseits aus Angst vor der Repression. Letztere traf die Aktiven in den folgenden Monaten und Jahren hart. Die Saigoner Organisation, die bereits 1968 nur eingeschränkt operieren konnte, wurde nun gefährlich geschwächt. Allgemein gesagt hatte die Revolution nach der Offensive die Kontrolle über einen Teil ihres früheren Gebietes verloren. 1969 waren weder die Revolutionäre noch die Konterrevolution fähig, im nationalen Maßstab wirklich die Ini-

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tiative zu ergreifen. Beide mußten ihre Kräfte neu organisieren. Die endgültige Bilanz der Ter-Offensive hing somit in bedeutendem Ausmaß von der Art und Weise ab, in der die Kontrahenten ihre Kräfte reaktivieren würden, indem sie ihre starken Seiten ausspielten und ihre Schwächen korrigierten. Ende 1968 war der Erfolg oder Mißerfolg der Tet-Offensive nicht klar ersichtlich. Aber es war die KP. die am schnellsten aus der gemachten Erfahrung die entsprechenden Lehren zog und so die Initiative zurückerlangte. Ihr politisch-militärisches Denken - wahrscheinlich das reichhaltigste aller Befreiungsbewegungen — wurde weiterentwickelt. Die Offensiven von 1972 und 1975 sollten es beweisen.

Die Tet-Offensive war ein Sieg und ein Schlüssel für die Zukunft des Befreiungskampfes. Aber der Preis dafür war tatsächlich sehr hoch. Er ist heute noch spürbar, insbesondere in der Schwächung des Apparats der verankerten und erfahrenen Kader. Und dies hat offensichtlich schwer auf den Prozeß der Bürokratisierung gewirkt, der sich unmittelbar nach dem Sieg von 1975 zeigte.

In der Kommunistischen Partei Vietnams entwickelte sich eine - manchmal scharfe - Debatte darüber, ob 1968 nicht dieselben Resultate mit geringeren Kosten zu erzielen gewesen wären, vor allem bei einer früheren Einstellung der Offensive. Wie läßt sich die Abwesenheit von Massenmobilisierungen in Saigon im Februar 1968 erklären? Zunächst durch den Feuerhagel. Die Amerikaner benutzten die gesamte Feuerkraft ihrer Waffen, ohne sich über die Zivilbevölkerung Gedanken zu machen. Wie konnte vor einem militärischen Sieg der Befreiungskräfte, die zumindest vorübergehend das Feuer des Feindes lähmten, eine Aufstandsbewegung organisiert werden? Auch die politischen Bedingungen wirkten sich aus. Die Organisation der Befreiungsfront war in der Hauptstadt wahrscheinlich nicht stark genug, alleine zu siegen, und die regulären Streitkräfte konnten die amerikanische Verteidigung nicht durchdringen. Letztlich war das Land sozialen und politischen Veränderungen unterworfen, es litt an einem immer schrecklicheren Krieg, an Deportationen der Bevölke- JAHRE

M A I rung, sozialen Antisubversionsmaßnahmen und ökonomischen Erschütterungen. Die Offensive auf Saigon

Die Tet-Offensive fand zu einem Zeitpunkt statt, zu dem sich Südvietnam stark verănderte; die vietnamesische KP war sich der Tiefe dieser Veränderungen nicht wirklich bewußt. Es scheint, daß sie das Ausmaß dieses Problems erst nach dem Sieg von 1975 verstanden hat. In diesem von einem modernen Krieg ungekannten Ausmaßes und ungekannter Härte veränderten Land wurde der soziale Zusammenhalt der Saigoner Bevölkerung

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ständig untergraben, was die Frage der revolutionären Eigenaktivität der Massen und mehr noch die der Arbeit der Organisation immer problematischer werden ließ.

Die Jahre vergingen und das Problem verschärfte sich. Aber die Erfahrungen der Offensive von 1968 offenbarten bereits seine Bedeutung. Die meisten unter uns haben es damals nicht wahrgenommen. Wir hatten sicherlich eine unabhängige Analyse der Geschichte der vietnamesischen KP. Doch unsere Betrachtung der Revolution war noch naiv. Wir nahmen die fast grenzenlos scheinende Energie dieses siegreichen Widerstands wahr. Wir sahen nicht wirklich, wie dieser Jahrzehnte dauernde Kampf zermürbte — so ungleich verteilt, wie die materiellen Ressourcen waren. Wir hatten noch nicht richtig gelernt, die Lehren aus den Schwierigkeiten und Mißerfolgen zu ziehen. Mit dem zeitlichen Abstand erweisen sich die JAHRE

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Tet-Offensive und die ihr folgenden Ereignisse durch die Fragen, die sie aufwerfen, als eine außerordentliches Lehrstück über revolutionäre Initiative und revolutionären Realismus. Es handelt sich um einen Erfahrungsschatz, der es verdient, erneut studiert zu werden. Viele unter uns brauchten einige Zeit, um die Bedeutung der diplomatischen Aktion, die mit der Offensive von 1968 eingeleitet wurde, zu begreifen.

Wir wußten, daß der US-Imperialismus die bürokratischen Schwächen Moskaus sowie die Erschütterungen der maoistischen Kulturrevolution und den Konflikt zwischen der UdSSR und China dazu benutzen würde, die indochi- •nesische Revolution noch mehr zu isolieren. Wir wußten, wie sehr die KP Vietnams ihren unabhängigen Aktionsspielraum auf internationaler Ebene zu bewahren suchte. fest entschlossen, wie sie war, sich nicht mehr in die untergeordnete Position zu begeben, die ihr die Genfer Verhandlungen 1954 aufgezwungen hatten' . Wir erkannten denen Kämpfenden das absolute Recht zu, die Kompromisse einzugehen, die sie für notwendig hielten. Wir haben es verstanden, zwei große Irrtümer zu vermeiden. Der erste war der, die Rolle der Solidaritätsbewegung mit der eines Vermittlers zu verwechseln, wie es einige Teile von ihr taten. Insbesondere zwei Persönlichkeiten der amerikanischen Antikriegsbewegung engagierten sich direkt auf diplomatischem Gebiet, indem sie sich auf die Suche nach Kompromißformeln begaben, die zugleich für Washington und die Vietnamesen akzeptabel sein sollten. Wir haben verstanden, daß die Rolle der Solidarität eine andere ist: die Bedingungen zu schaffen für einen raschen und so weit wie möglich vollständigen Sieg (bis hin zur Möglichkeit, wie 1972, aktiv auf einen vietnamesischen Appell zu antworten, um eine konkrete diplomatische Initiative zu unterstützen). Die Entscheidung über eventuelle Kompromisse (die Gegenstand jeder Verhandlung sind) liegt einzig in der Verantwortung derer. die kämpfen und als einzige fähig sind, die wirklichen Kräfteverhältnisse zu beurteilen, die die Grundlage fürdiplomatische Entscheidungen sind.

Wir haben uns auch nicht denen angeschlossen, die in der Politik der Verhandlungen der Vietnamesen einen Beweis für den Willen zur Kapitulation gesehen haben — eine irrtümliche und gefährliche Auffassung. die besonders von einer Minderheit in unserer eigenen Bewegung verteidigt wurde, ausgehend von einer zutiefst fehlerhaften Analyse des Charakters der vietnamesischen KP. Wir haben in den Pariser Gesprächen 1972-73 nicht ein Zeichen für den Rückzug aus dem Kampf geschen, sondern im Gegenteil ein Voranschreiten der Revolution.

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Wir hatten jedoch Bedenken hinsichtlich der jeder diplomatischen Aktion in einer Phase der Defensive eigenen Zwänge. Gewitzigt durch die schmerzhaften Erfahrungen der Arbeiterbewegung in der Vergangenheit blieben wir auf diesem Gebiet ein wenig ultralinks. Wir hatten die frühen Erfahrungen der russischen Revolution nur zum Teil studiert. Die deutschrussischen Verhandlungen von Brest-Litowsk 1917-18 — die weit entfernt waren von jeder Geheimdiplomatie — verstellten uns die Sicht auf die von Rapallo 1922 aufgeworfenen Probleme, wo die Geheimdiplomatie einen bedeutenden Rang einnahm. Die vietnamesische Erfahrung von 1968-73 war für viele von uns die Gelegenheit, zum ersten Mal die Grundlagen des internationalen Kampfs in ihrer ganzen Komplexität zu studieren, was uns z.B. geholfen hat, die Aktionen der Sandinisten nach der nicaraguanischen Revolution besser zu verstehenAuf dem Gebiet der militanten internationalen Solidarität sind wir niemals ultralinks" gewesen.

Die Radikalisierung der Jugend

Die internationale Solidarität und die Antikriegsbewegung in-den USA waren für den Sieg der indochinesischen Revolution unverzichtbar.Sie zu stärken war eine Pflicht, ein zwingendes Gebot. Der Kampf der Völker Indochinas hat seinerseits eine beispielhafte Rolle für die Herausbildung einer weltweiten neuen revolutionären Generation gespielt und auch das Terrain vorbereitet für die Befreiungskämpfe in den ehemaligen portugiesischen Kolonien in Afrika sowie in Nicaragua. Die internationale Solidarität ist immer hinter den Erfordernissen der Situation zurückgeblieben, und wir können wohl sagen, daß das revolutionäre Indochina durch seinen Kampf mehr für die Welt getan hat, als es an internationaler Unterstützung erhalten hat. Die sowjetische und chinesische Hilfe haben sicherlich eine bedeutende Rolle gespielt, aber sie haben nie das Ausmaß erreicht, das erforderlich gewesen wäre - schlimmer noch, sie waren begleitet von unakzeptablen politischen Bedingungen. Die Mobilisierung der Arbeiterbewegung in den imperialistischen Ländern war zu zaghaft und zu schwach, wegen der Politik der reformistischen Führungen.

In Frankreich richtete sich durch den Aufruhr vom Mai 1968 die gesamte Aufmerksamkeit auf die nationalen politischen Kämpfe, was dazu führte, daß die Kontinuität der Solidaritätsbewegung in einem entscheidenden Augenblick durchbrochen wurde. Organisationen wie das Nationale Vietnam-Komitee (CVN) hörten praktisch auf zu existieren. Es war nötig. 1969-70 eine neue Bewegung aufzubauen, die Front Solidarité Indochine (FSL). Wir gehörten zu den ersten, die diese Wiederbelebung der internationalistischen Aktion ermöglichten.

Die ganze Zeit, die der internationalen Solidarität verlorenging, all die kriminellen Ausflüchte und Spaltungen wurden in Indochina teuer bezahlt: mit zusätzlichen Jahren des Krieges, der Zerstörung und Erschöpfung. Die von Vietnam Enttäuschten" sollten das nicht vergessen!

Ebensowenig können die chinesisch-indochinesischen Kriege von 1978-79 mit ihren verheerenden Auswirkungen in der Region wie international die Lehren in Sachen Internationalismus vergessen lassen, die Indochina für die kämpferische Generation von 1968 bedeutete® . Die Vietnamesen benötigten die tatkräftigste und breiteste Solidarität, eine Solidarität, die fähig war, sich über die Rivalitäten und Streitigkeiten der Parteien und Strömungen hinwegzusetzen. Die FNL, die auf diesem Gebiet bereit war, mit allen zusammenzuarbeiten, brauchte eine bedingungslose Solidarität ohne Hintergedanken. Für uns war es ein praktisches Lehrstück in einer wirklich nach Einheit strebenden Konzeption der Solidarität, gegen alles organisationsbornierte Sektierertum: „Alles für Vietnam, alles für Indochina." Es war eine heilsame und heute noch aktuelle Lehre — aktuell für Nicaragua, El Salvador, die Philippinen, Südafrika und viele weitere Kämpfe. Jenseits des Zynismus und der Müdigkeit von zu vielen Angehörigen der 68er Generation ist der Internationalismus ein „Geisteszustand von vor zwanzig Jahren, der es verdient bewahrt und heute zu neuem Leben erweckt zu werden.

April 1988 Anmerkungen:

1. Tet ist der Name des vietnamesischen Neujahrs, das etwa einen Monat nach unserer Zeitrechnung stattfindet. 2. Von 1954 bis 1975 war Vietnam durch eine .,Demarkationslinie* in zwei Teile geteilt: im Norden die Demokratische Republik Vietnam (DRV) und im Süden das neokoloniale Regime der Republik Vietnam. Dort haben während dieser Periode die US-Streitkräfte die Nachfolge der französischen Truppen angetreten.

3. Einer der wichtigsten Architekten der amerikanischen Außenpolitik während der Kriegsjahre und Chef der amerikanischen Delegation bei den Pariser Verhandlungen. 4. Das letzte Buch von Gabriel Kolko enthält eine reichhaltige und interessante Analyse der globalen Entwicklung des Vietnamkrieges und der US-Politik: Vietnam. Anatomy of a War 1940-75. Allen & Unwin, London-Sydney 1986. 5. Weil eine ausreichende Dokumentation dazu fehlt. hat ein Teil dieser Beschreibung nur hypothetischen Charakter. 6. Die Zone von Cu Chi wurde durch ihr ausgedehntes Netz an unterirdischen Tunneln berühmt, die es dem bewaffneten Widerstand ermöglichten, hinter den Linien des Feindes zu opericren.

7. Während der Verhandlungen mit Frankreich 1954 zwangen Moskau und Peking den revolutionären vietnamesischen. laotischen und kambodschanischen Kräften eine Reihe fataler Kompromisse auf.

8. Zur chinesisch-indochinesischen Krise und der Periode nach 1975 vgl. die Resolution des XI. Weltkongresses der IV. Internationale.

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Die Flut von Literatur über den Mai 68 Die wichtigste Rolle spielte er ab 1965 in und was davon 20 Jahre danach übrig ge- der Solidaritätsbewegung gegen den US blieben ist, wird dominiert von nostalgi- Krieg in Vietnam. Er war zusammen mit schen Erinnerungen. desillusionierter Ralph Schoenmann Mitorganisator des Abrechnung und der (bürgerlichen) Scha- Russell-Tribunals gegen den Vietnamdenfreude darüber. daß die Revolutions- krieg und nahm in dieser Eigenschaft romantik im Gestrüpp der überfälligen 1968 am Vietnamkongreß in Berlin teil. Modernisierung der kapitalistischen Ge- Sein Engagement führte ihn nach Hanoi sellschaft hängengeblieben sei. ebenso wie nach Bolivien, auf den Spuren des Che. Er lernte viele hervorragende In Frankreich, dem Land, wo die Revolté politische Führer jener Zeit kennen und der Chance einer Revolution am nächsten Bach zeichnet von ihnen ein lebendiges Porgekommen ist, fällt die Abrechnung mit trait. Dadurch werden diese Erinnerungen der Vergangenheit am krassesten aus. zu einem einzigartigen Stück Zeitge-