Inprekorr 1971–1992

Archiv der Internationalen Pressekorrespondenz der IV. Internationale

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GM ist nicht mehr die Nr. 1

Inprekorr Nr. 203, Mai 1988 · S. 15-19 · 3.337 Wörter

USA und Kanada Gewerkschaften und Streiks Japan und Korea Weltwirtschaft und Krise

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Als Antwort auf den wachsenden Druck der in- Der Herausgeber der Zeitschrift Against The ternationalen Konkurrenz und die Verschlimme- Current, Robert Brenner, interviewte Eric Mann, rung der internationalen Krise sucht die Autoindu- einen langjährigen Aktivisten der Bürgerrechtsstrie eine neue, umfassende Strategie. Diese bein- und Antikriegsbewegung. Seit fünf Jahren arbeitet haltet die Schließung unprofitabler Betriebe und er im Betrieb von General Motors in Van Nuys in haltet die Schließung unprofitabler Betriebe und er im Betrieb von General Motors in Van Nuys in technologische Umwälzungen wie die Einführung , Kalifornien (UAW Local 645), wo er die Kamvon Robotern. Sie beinhaltet auch eine neue Stra- pagne gegen die Schließung von GM-Van Nuys tegie in den Arbeitsbeziehungen. Schließlich wird koordiniert hat. Sein Buch, Taking on General Modabei systematisch die Methode praktiziert, die tors (Der Kampf gegen GM), eine Fallstudie zur Arbeiter eines Betriebs gegen die eines anderen UAW-Kampagne gegen die Schließung von GM- Betriebs auszuspielen, wobei demjenigen Betrieb Van Nuys, wurde kürzlich vom UCLA Institute for Arbeit gegeben wird, der die meisten Konzessionen Industrial Relations veröffentlicht. macht.

ATC: Können Sie etwas über die verschiedenen Aspekte der Strategie von General Motors sagen?

Eric Mann: Wir müssen sehen, daß nicht alles, was GM tut, ein Angriff auf die Automobilarbeiter ist. GM hat den Eindruck, es werde selber angegriffen, und zwar international. Darin liegt ein Stück Wahrheit, und ich glaube, daß jegliche Art von Widerstandsbewegung innerhalb der UAW (Vereinigte Automobilarbeitergewerkschaft) sich zumindest auf die Tatsache des internationalen Konkurrenzdrucks einlassen muß. Beginnen wir mit den Löhnen. Die Stundenlöhne incl. Zuschläge der Arbeiter bei Hyundai in Korea liegen ungefähr bei 2.40 Dollar, gegenüber 25 Dollar bei GM. Damit wird ganz klar, warum sie in Südkorea ein diktatorisches System brauchen, um die Löhne so niedrig zu halten. Daraus ergeben sich auch für GM bestimmte Probleme. Die Lohnkonkurrenz ist so scharf, daß Japan beginnt, einen ganzen Teil seiner Autoproduktion nach Südkorea zu verlegen. Ich habe mit einer ganzen Anzahl von Vertetern der Computerbranche gesprochen, die mir gesagt haben: Die Japaner sagen: Vergeßt alles, was wir in Bezug auf die Arbeitsplatzsicherheit für japanische Arbeiter gesagt haben, wir gehen nach Korea."

Andererseits verringert sich der Abstand zwischen den Lohnkosten bei GM und bei den Japanern. Bei GM liegen die Lohnkosten bei 25 Dollar pro Stunde, bei japanischen Automobilherstellern bei 20 Dollar.

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Deshalb droht den Arbeitern, wenn das GM-Managament in Schwierigkeiten kommt, mit den niedrigeren koreanischen Löhnen und den effizienteren japanischen Herstellern konkurrieren zu müssen. Natürlich entschuldige ich damit nicht die Haltung von GM, aber wenn man versucht, sich eine Kampfposition zu erarbeiten. dann muß man verstehen, unter welchem Druck sich das Unternehmen befindet.

ATC: Warum arbeitet GM ineffizient? Eric Mann: GM hat eine falsche Unternehmensführung. Daraus ergeben sich weitergehende Fragen, weil es eine Tatsache ist. daß die Kapitalisten ihre eigenen Betriebe nicht führen können. GM machte 1986 ganz gute Profite. Was aber steckt hinter diesen Zahlen? GM profitierte: von der General Motors Acceptance Corp. (GMAC), der Finanzgesellschaft von GM: von den curopäischen Anteilen nicht sehr stark. da ist Ford besser dran; von einem 600 Mio.Dollar Steuernachlaß, der nur einen Regierungsrabatt bedeutet und genau genommen dem Unternehmen von den Verbrauchern geschenkt wird; u.a. Wenn man die Gewinne von GMAC, die Auslandsanteile und die anderen Posten außer acht läßt, dann zeigt sich, daß GM bei der Produktion von PKWs und LKWs in Nordamerika 1986 einen Verlust von 300 Mio. Dollar eingefahren hat. Das muß man mit Ford vergleichen, wo glaube ich zur Zeit 2 Mrd. Dollar Profit pro Jahr aus der einheimischen Produktion gezogen werden, und mit Chrysler, das jährlich 1.5 Mrd. Dollar Gewinne macht.

Historisch gesehen haben die GM-Arbeiter immer eine gewisse Militanz an den Tag gelegt auf der Basis des Gefühls: …Wir sind die Nr.1". Wie Walter Reuther, ein Gründer der UAW und ihr Präsident von 1946-1970, zu sagen pflegte. ging unser Kampf um die Größe des Kuchenstücks. Jetzt müssen die GM-Arbeiter verstehen, daß der Kuchen kleiner wird und GM zuerst daran glauben muß. ATC: warum verliert GM in dieser Weise?

Eric Mann: Erstens hat sich GM von den neuen Technologien um der Technologie willen blenden lassen. GM ist hingegangen und hat EDS für 2.5 Mrd. Dollar von Ross Perot gekauft. Der Kauf von EDS war der Versuch, hochleistungsfähige Computer-Software einzuführen, computergestütztes Design und computergestützte Herstellung.

Außerdem hat GM zusammen mit Fanuc Lid. die joint venture GMF Roboties Corp. gegründet und zusätzlich Hughes Aircraft für 5 Mrd. Dollar gekauft. Die Vorstellung war, Mikroprozessoren aus der Luftfahrtindustrie für das Auto der Zukunft zu verwenden. Überraschenderweise hat sich aber gezeigt, daß die leistungsstärksten Unternehmen solche sind wie unseres hier in Van Nuys. Das haben mir mehrere Industricanalytiker bestätigt. Dies sind ältere, arbeitsintensivere Betriebe, wo GM verdammt noch mal weiß, was es tut. Seine hochgezüchteten High- Tech-Betriebe dagegen laufen chaotisch, mit sehr hohen Kosten, haufenweise kaputten Computern, unvereinbaren Software-Systemen und kaputten Robotern. High-Tech bedeutet nicht notwendig grö- Bere Effizienz oder größeren Profit. Irgendjemand hat gesagt, das Hauptprodukt von GM sei seit einiger Zeit Unfähigkeit. Nicht viele seiner Teile werden gut produziert. Wenn sie gut produziert werden, sind sie viel zu teuer. Es ist eine Ironie, daß GM versucht. die Lohnkosten zu senken, aber die Kosten nicht wirklich sinken. Die Kosten pro Einheit sind schr hoch. So resultiert daraus das Schlechteste der Welt: kapitalistische Unerbittlichkeit ohne Effizienz. Schließlich hat GM noch ein Design-Problem. Es gibt eine ernsthafte Krise im Desing von GM, das einer Qualitätskrise gleichkommt. Chryslers Präsident Lee lacocca war nie ein großes Fabrikantengenie, aber er ist ein großartiger Designer. Er hat es verstanden, einen Wagen auf den Markt zu bringen und Verbraucher dazu zu bringen, ihn zu kaufen. Offensichtlich können Toyota und Nissan das auch.

Es gibt außerdem eine ernsthafte Überkapazitätskrise sowohl bei GM als auch in den USA überhaupt. In den USA kommen die Autos aus vier Lieferquellen: die hauptsächlich japanischen Importe; die im Inland produzierten Autos; die Eigenimporte US-amerikanischer Unternehmen; und die Transplantate" . d.h. die Autos, die innerhalb der USA von ausländischen Firmen hergestellt werden. Dazu gehören Honda in Marysville, Ohio; Nissan in Smyrna, Tennessee; usw. Aber der Gesamtmarkt wächst nicht. Jährlich werden elf Millionen Neuwagen verkauft. Doch die Unternehmenskapazität liegt bei 13 - 13.5 Millionen. Das führt innerhalb der USA zu einer Uberproduktionskrise und einem echten Überhang an Unternehmenskapazität innerhalb der GM-Bereichs.

ATC: In welcher Form beeinflussen GMs wirtschaftliche Probleme die Verhandlungen mit der Gewerkschaft?

Eric Mann: GM will eigentlich zwei Dinge: weniger Arbeiter und mehr Produktivität pro Arbeiter. Es versteht, dal die UAW zu stark ist, als daß die Löhne jetzt unmittelbar gesenkt werden könnten. Das bedeutet nicht, daß irgendwann einmal, wenn der Gewerkschaft vollständig das Rückgrat gebrochen wurde, nicht ein Vorstoß in dieser Richtung stattfinden kann. In Zukunft ist das möglich, aber es ist nicht die gegenwärtige Strategie. GMs Kampagne zur Arbeitsintensivierung Im Augenblick hat GM das Lohnkostenpaket von insgesamt 25 Dollar pro Stunde abzeptiert, das in der Autoindustrie Standard ist. Es versucht, die Zahl der Beschäftigten zu senken, wenn möglich drastisch. Und es will, daß die Arbeiter schneller arbeiten. Wenn man es schafft, daß vier Arbeiter die Arbeit von fünfen machen, kann man die Lohnkosten um 20% senken.

ATC: Wie erfahren die Arbeiter diese Intensivierung?

Eric Mann: Die Öffentlichkeit erfährt natürlich nichts davon, sondern nur, daß die Gewerkschaft gegen die „Flexibilität" ist. die das Unternehmen will. In Wirklichkeit redet das Management, wenn es von Veränderungen in der Regelung der Arbeitsverhältnisse spricht, über die Macht des Unternehmens, pro Person und

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Minute mehr Arbeit herauszupressen. Arbeitsintensivierung ist der Kernpunkt, che im Arbeitsprozeß gewollt. Sie wollen zitäten zu nutzen, um mit der Schließung und diese wird durch die Deregulierung nicht nur höhere Löhne. der Fabriken zu drohen und seinen Willen der Arbeitsverhältnisse erreicht. Walter Reuther versuchte, die Entfrem- durchzusetzen. ATC: In welcher Weise führt GM eine dung der Arbeiter zum Thema zu machen.

solche Deregulierung ein? Welche Rolle ten: Sich mal, GM kümmert sich um die Aber GM war absolut dagegen. Sic sagspielt dabei die Zusammenarbeit mit der Löhne und die ärztlichen und zahnärztli- Mitbestimmung am Arbeitschen Beihilfen, aber Ihr habt uns nicht zu platz. ist ein Mythos sagen, wie die Arbeiter in den GM-Fabriken zu arbeiten haben. " Die UAW kapitulierte in dieser Frage und sagte: In Ord- Eine der größten Kontroversen in der nung, wir schließen einen Kompromiß." UAW gibt es heute um das Saturn-Pro- Indem die Arbeiter von jedem bestimmen- jekt. Dies Projekt wurde von GM und der den Einfluß über den Arbeitsprozeß fern- UAW gemeinsam entworfen, und zwar gehalten wurden, schuf GM allerdings zur Eröffnung einer neuen Fabrik in Gruppen von Arbeitern, die sich vom Springhill, Tennessee, in den frühen 90cr betrieblichen Gewerkschaft? Unternehmen entfremdet fühlten. Sie Jahren, wo ein Subkompaktwagen hergedrückten ihren Widerstand dadurch aus. stellt werden soll. GM fragte die Gewerk- Eric Mann: Unterschätzt nicht den ideo- daß sie alle Vorschläge des Konzerns ab- schaft: „Wie können wir beim jetzigen logischen Aspekt im Vorgehen der Unter- lehnten. Donald Ephlin, der Vorsitzende Subkompaktwagen nehmer. Besonders in den westlichen ka- der GM-Abteilung der UAW. hat dies die bauen, der sich für 4.500 Dollar verkaupitalistischen Staaten gibt es einen Pro- „Kultur der Konfrontation" genannt. Auf fen läßt?" Die UAW erlaubte GM also, zeß, die Arbeiter, oder zumindest einen diese Weise bekommst Du junge Arbeiter den Lohn auf 80% des Standardlohns in beträchtlichen Teil der Arbeiterschaft, für ins Werk, die sich dadurch einen Ruf auf- GM-Unternehmen zu senken. Diese den Unternehmerstandpunkt bauen, daß sie ihren Vorarbeiter anraun- strukturelle Konzession wurde dadurch nen, so daß sie Sympathie und Identifika- zen. Sie lassen z.B. ihre Spritzpistole fal- noch verschlimmert, daß der Dachvertion mit ihm entwickeln. Die Firma be- len und sagen: „Leck mich am Arsch, den band der UAW versuchte, sie als einen ginnt mit der Aussage: ,Sich mal, ich Job mache ich nicht, es reicht. " Vielleicht Sieg zu verkaufen. Die Gewerkschaft behabe ein Problem. Mein Problem ist. daß müsen sie sich vor der Personalabteilung hauptete, sie habe im Tausch für den der Wagen sich nicht verkauft oder nicht verantworten. Dann kommen sie als Hel- Lohnabbau mehr Einfluß über den Proin genügender Anzahl, um Dir zahlen zu den in die Halle zurück und als nächstes duktionsprozeß gewonnen. Doch sie können, was Du haben willst; ich brauche werden sie zum Mitglied des Gewerk- stimmte cinem Vertrag zu, in dem Bealso Deine Hilfe." Dahinter steht, wenig- schaftskomitees gewählt. Einige der mili- Stimmungen, die die Arbeiter gegen die stens in den USA, der Hinweis auf einen tanten Arbeiter hatten keine besonders Willkür des Managements schützten, im unterstellten Krieg. Es ist der Krieg gegen klare politische Perspektive, konnten aber Namen der Kooperation am Arbeitsplatz die ausländische Konkurrenz, mit stark als Komiteemitglieder so lange arbeiten, aufgehoben wurden und damit die ganze anti-asiatischen Untertönen. Er wird nicht wie das Unternehmen sichere Profite ideologische Basis der Gewerkschaft unimmer so stark betont, aber gelegentlich bedeutete den terhöhlt wurde. Was als eine kurzfristige tritt der Rassenkrieg offen hervor - am Kampf mit den sturen Vorarbeitern; das Konzession hätte dargestellt werden müsdeutlichsten bei der Zerstörung von To- Unternehmen machte wenig Anstrengun- sen, um der Gewerkschaft Zeit zu veryota-Wagen oder noch deutlicher beim gen, sie zu integrieren. Unter der Dro- schaffen, sich neu zu organisieren und brutalen Mord an Vincent Chin. Der Vo- hung der Konkurrenz aber hat General ihre Macht zu stärken, wurde als Sieg gerarbeiter, der Chin in einer Bar in Detroit Motors versucht, japanische Führungsme- feiert. Das ist das Gefährliche an dem Saentdeckte, verfolgte und mit einem Base- thoden nachzuahmen, wie es sie versteht. turn-Vertrag. ballschläger erschlug, ist heute auf freiem Das Ziel ist, eine brave, angepaßte, füg- Fuß. Das war vielleicht der extremste Fall same Arbeitèrschaft zu entwickeln und die ATC: Wie passen die Qualitätszirkel und von anti-asiatischem Chauvinismus, aber Männer des Gewerkschaftskomitees als das Team-Konzept dahinein? er entsteht aus dem, was GM und die Verbündete zu gewinnen.

UAW propagieren. Eric Mann: Die Qualitätszirkel sind ein GMs Modell ist dreispurig. Erstens ist es Versuch des Unternehmens, einen ver- Der erste Appell an die Arbeiter geht also unbedingt notwendig. heute jede Spur stärkten Einsatz der Arbeiter zu erreidarum, daß wir" in einem internationa- gewerkschaftlicher Militanz der UAW zu chen. In jedem Unternchmen haben die len Kampf gegen die Japaner und die Ko- tilgen. Zweitens muß der Arbeiterklasse Arbeiter das starke Bedürfnis, eine Konreaner stehen. Viele Arbeiter akzeptieren eine Ideologie der Fügsamkeit gegenüber trolle über den Arbeitsprozeß zu bekomdiesen Chauvinismus vielleicht nicht, aber dem Management eingeimpft werden. men. GM beutet diesen Wunsch sehr klug sie akzeptieren eine gewisse Logik in der Wenn dieses also von Kooperation redet, aus, indem es sagt: „ Wir können nicht mit Argumentation, daß sie sich auf diese dann geht es ihm nicht um die Koopera- den Japanern konkurrieren, wenn wir Konkurrenzsituation einstellen müssen. tion zwischen Gleichen, das ist klar. Drit- nicht die Intelligenz der amerikanischen tens macht es den Versuch, die Überkapa- Arbeiter nutzen." Ein Qualitätszirkel

Weiter macht sich der Konzern einen der kann im Gegensatz zum Team-Konzept.

stärksten Impulse der Arbeiter zunutze, das den tatsächlichen Versuch darstellt, den um Selbstbestimmung und Einfluß am eine Reorganisation der Produktion durch Arbeitsplatz. Von Beginn des Kapitalis- die Arbeiter selbst zuzulassen, beim gemus an haben die Arbeiter mehr Mitspra- genwärtigen Fließbandsystem auch aus INPREKORR 203 einem Arbeiter pro Arbeitsgang bestehen.

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Damit wird versucht, die Arbeitsmoral zu heben und einen größeren Einsatz der Arbeiter unter den Bedingungen eines bestehenden Arbeitsprozesses zu erreichen. Du hast meinetwegen Abteilungssitzungen über die Qualität der Produktion, aber danach kchrst Du in die Halle zurück und am Arbeitsablauf hat sich nichts geändert. Zuerst hört sich das gut an. Die Arbeiter werden gefragt: , Was hältst Du von diesem und jenem?" und das Unternehmen schreibt alles auf, was die Arbeiter vorschlagen. Die mit den besten Vorschlägen bekommen für gewöhnlich eine Prämie. Aber dann bildet sich ein Muster heraus. Alle „Vorschläge"" der Arbeiter werden pflichtschuldigst aufgezeichnet - und vergessen. Tatsächlich laufen die Fragen daraufhinaus: Können die Arbeiter schneller arbeiten? Wo muß abgespeckt werden? Könnt Ihr uns dabei helfen? Das bedeutet wieder Arbeitsintensivierung. Nachdem ein bißchen der Dampf abgelassen wurde, ein bestimmtes Vertrauen zwischen den Arbeitern und den Trainern, die die Qualitätszirkel überwachen, aufgebaut worden ist, suchen sich die Trainer die aufstiegsorientierten, gefügigen und zum Verrat bereiten Arbeiter heraus. Sie reden mit ihnen, vielleicht unter vier Augen, darüber, wer am Band keine oder nicht genügend Qualitätsarbeit leistet. Die Firmenvertreter stellen eine heimtükkische Frage. Sie fragen nicht direkt: Wozu brauchen wir eine Gewerkschaft?" Sie sagen: „Wozu brauchen wir eine Gewerkschaft, die auf Konfrontation aus ist?" Der Trainer wird sagen: ,Ich kämpfe gegen die Leute im Management, die Dir feindlich gesonnen sind. Sie sind Dinosaurier. Kennst Du nicht auch Militante in Deinem Ortsverband, die unnötig die Konfrontation suchen? Vielleicht, weil ich hinter den Kulissen daran arbeite, die Starrköpfe im Management loszuwerden, könntest Du uns helfen, auch die Starrköpfe unter den Arbeitern loszuwerden." Also fangen die Arbeiter an, kämpferische Arbeiter und Gewerkschaftsführer als ein Hindernis für die Sicherheit ihres Arbeitsplatzes zu betrachten. Darum geht es bei den Qualitätszirkeln.

ATC: Was ist mit dem Team-Konzept? Eric Mann: Das ist ein Versuch, die Arbeit in Gruppen von vier bis acht Leuten zu organisieren, um eine stärker kooperative Zusammenarbeit im direkten Produktionsprozeß zu erreichen.

Die meisten Automobilarbeiter glauben wahrscheinlich, daß es besser ist, wenn acht von uns in einem Team zusammenarbeiten und sich in der Arbeit abwechseln können. Das Team-Konzept verspricht in der Theorie Kooperation und die Ausbildung zu verschiedenen Arbeiten. Es folgt dem Gedanken, daß ein Team komplexe Arbeiten erledigen kann. Das richtet sich gegen die Entfremdung am Band, wo der Arbeiter nur einen kleinen Handgriff im Gesamtarbeitsprozeß tun darf.

Unter den Arbeitern gibt es ein echtes Bedürfnis nach komplexer und stärker kooperativer Arbeit. Unter diesem Aspekt wird die Arbeit im Team verkauft. Aber was heißt das in der Praxis? Fangen wir von vorne an: Lange vor dem Team-Konzept haben Arbeiter am Band ihre eigene, informelle Form der Arbeitskooperation herausgebildet. Arbeiter z.B., die sehr schnell sind, können sich drei, vier Minuten am Band vorarbeiten und für andere Arbeiter einspringen, so daß diese auf die Toilette gehen können. Beim Team-Konzept werden die Arbeiter miteinbezogen in die Berechnung, wie eine bestimmte Arbeit schneller erledigt werden kann, nicht nur ein paar Minuten lang, sondern sechzig Minuten pro Stunde, acht Stunden pro Tag.

GM und die UAW arbeiten zusammen, um das Problem zu lösen, wie sich die GM-Arbeiter gegenseitig unter Druck setzen, schneller zu arbeiten. Eine der größten historischen Errungenschaften der Gewerkschaft, das Fließband auf eine annehmbare Geschwindigkeit verlangsamt zu haben, wird jetzt auf dem Altar der internationalen Konkurrenz geopfert. Der Druck von Gleichberechtigten ist höllisch. Arbeiter, die genügend Zeit rausholen, um für andere einzuspringen, können sehr viel leichter einem Vorarbeiter sagen, sie könnten nicht schneller arbeiten, als sie das jemandem sagen können, mit dem sie zusammenarbeiten.

Dann ist da die Sache mit dem Stoppen des Fließbands. Als GM die Idee des Team-Konzepts aufbrachte, ließ es die Arbeiter in dem Glauben, sie könnten das Band anhalten, wenn es die Qualität der Produktion erfordert. Das war offensichtlich ein Propagandamanöver, denn die Macht über das Band ist für die Arbeiter von großer Bedeutung. Was aber hat der Konzern wirklich getan? Sowohl im GM- Werk in Missouri wie auch bei United Motors Manufacturing in Fremont, California (ein Gemeinschaftsunternehmen von Toyota und GM), gab das Management den Teams das Recht, das Band anzuhalten. Das dauerte sechs Monate, die „ideologische Phase" der Team-Idee; doch unter dem Druck der Produktion wurde dies sehr bald wieder eingeschränkt.

ATC: Welches ist die Strategie der UAW?

Eric Mann: Der grundsätzliche Rahmen der gewerkschaftlichen Strategie ist der „Realismus"* . Es beginnt damit, daß die Gewerkschaft sagt: Wir sagen es nicht gern, aber der Konzern hat da ein gutes Argument an der Hand. Wir müssen realistisch sein und der internationalen Konkurrenz ins Auge sehen. Der Konzern hat wirklich Profitprobleme." Die langjährige Sozialpartnerschaft zwischen der UAW und dem Konzern in der Nachkriegszeit führte zum bekannten Vertrag von Detroit. Die Gewerkschaft erreichte nie zuvor dagewesene Lohnsteigerungen und Beihilfen als Ausgleich für die Anerkennung der Privilegien und der Macht des Managements. Walter Reuther pflegte offenbar zur Unternehmensleitung zu gehen und zu sagen: „Hören Sie mal, meine Herren, es ist zwar Ihr Kuchen, aber unsere Mitglieder möchten ein größeres Stück davon. * Wenn Du einmal zugegeben hast, daß es ihr Kuchen ist und Du Dich nur um ein größeres Stück bemühst, hat die Gewerkschaft keine Kampfposition, wenn das Unternehmen sagt: „Ja, es ist unser Kuchen, und der Kuchen wird kleiner." Wenn Du Dir die Geschäftsbücher ansiehst und der Verkauf ist wirklich zurückgegangen und sie brauchen eine ganze Menge Geld für neue Investitionen, ist es schwierig, ihrer Analyse nicht zuzustimmen. Da der Kuchen kleiner wird, folgt daraus, daß wir ein kleineres Stück bekommen.

Die Gewerkschaft geht von der Voraussetzung aus, daß der Kuchen größer wird. Aber ihr „Realismus" läuft darauf hinaus, sich die Aufgabe zu stellen, das Kapital zu stützen. Grundsätzlich hat die Gewerkschaft zwei Taktiken entwickelt: den Protektionismus und den Konzessionismus. Die Ironie dabei ist, daß der Protektionismus wegen der Internationalisierung des Kapitals nicht funktioniert. Wie ihr wißt, gehörte zur Strategie der UAW die Forderung, daß japanische Firmen sich in den USA ansiedeln sollten. Doch nun, wo sie da sind, bewirken sie eine größere

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