Inprekorr 1971–1992

Archiv der Internationalen Pressekorrespondenz der IV. Internationale

Palästina

Heimarbeit und gewerkschaftliche Organisation

Inprekorr Nr. 201, März 1988 · S. 15-17 · 1.891 Wörter

Nahost und Palästina Gewerkschaften und Streiks Frauen Mittelamerika

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Die Bekleidungsindustrie ist eine der blühendsten und sie entwickelt sich gut. Zumeist besteht sie aus Kleinbetrieben, die Lieferarbeit erledigen1. So entsteht eine extreme Abhängigkeit von israelischen Zulieferern, die zugleich Lieferanten und Abnehmer sind. Für die Israelis lohnt es sich viel mehr, palästinensische Arbeitskräfte zu beschäftigen, weil sie auf diese Weise kaum oder gar nicht in den besetzten Gebieten zu investieren brauchen, wo die politische Lage immer unsicher ist; zugleich können sie die Arbeitskraft vor Ort ausbeuten, die vor allem von Frauen gestellt wird. Das Endprodukt wird nach Europa exportiert, oder, unter einem Phantasieetikett, in die arabischen Länder oder in die besetzten Gebiete. Der folgende Beitrag erschien 1983 in Brüssel in dem Sammelband Les femmes palestiniennes aujourd'hui et demain. In einer der Werkstätten werden Jeans niedrigsten Löhne sind die der Frauen — hergestellt aus Stoff, der aus Israel bei gleicher Arbeit liegt noch der höchste kommt; die Frauen setzen die Teile zu Lohn einer Frau unter dem des Mindest- Hosen zusammen, die wieder nach Israel lohns eines Mannes. Um gegen diese gebracht werden, von wo aus sie nach harte Diskriminierung zu kämpfen, haben Europa exportiert werden. Die Herstel- sich die Arbeiterinnen in der Bekleidungslung dieser Exportprodukte geschieht industrie im „Komitee der arbeitenden zumeist in Kleinbetrieben, die maximal Frauen" organisiert; es ist der Textilgeacht ledige, geschiedene oder verwitwete werkschaft angegliedert. Frauen beschäfigen, die fast alle aus den Dörfern oder Flüchtlingslagern kommen. Ausbeutung... Nahila arbeitet hier seit zwölf Jahren, seit Shahira arbeitet in der Textilgewerkihr Mann gestorben ist, der ihr zwei schaft; sie ist im Betriebsrat und im „Kokleine Kinder im Alter von einem und mitee der arbeitenden Frauen" sehr aktiv. zwei Jahren hinterlassen hat. Sie ist die Sie wohnt bei ihrer Familie, mit ihren El- Arbeiterin mit der längsten Betriebszuge- tern und elf Geschwistern zusammen, zur hörigkeit und bekommt den höchsten Miete in einem Haus in der Altstadt von Lohn hier, 450 israelische Schekel (IS) im Nablus. Auch sie ist ein Flüchtling wie Monat, ca. 120DM. Sie sagt: „Wenn ich etwa ein Drittel der Bewohner des Westeine besser bezahlte Arbeit fände, würde jordanlands. Wo früher ihr Geburtsort ich sofort gehen, aber ich habe keine Per- stand, steht heute die israelische Stadt Pespektive. Wenn ich nach Israel in die Tex- tah Tikva. Nach der Flucht 1948 fand der tilindustrie arbeiten ginge, würde ich Vater Arbeit als Landarbeiter und als Baumehr verdienen, aber dann müßte ich je- arbeiter. Shahira hat die Grundschule beden Tag mehrere Stunden fahren und sucht. Dann zog die Familie in das Jorwäre über zehn Stunden von zu Hause dantal und arbeitete als Halbpächter für weg; das wäre nicht gut für die Kinder." einen Großgrundbesitzer: drei Viertel der Ernte gingen an den Besitzer, ihnen blieb Nach einem Monat Arbeit in Räumen, die nur ein Viertel. Inzwischen hatte die Mutvoller Staub und Lärm sind, verdienen die ter sieben Kinder zur Welt gebracht und Frauen gerade soviel, daß sie sich ein Shahira mußte die Schule abbrechen, um Kleid oder ein Paar Schuhe kaufen kön- dem Vater auf dem Feld zu helfen. Als die nen. Bei einer Inflationsrate von minde- Mutter schwer krank wurde, konnte sie stens 130% im Jahrz bedeutet das einen die brütende Hitze sommers im Jordantal ständigen Kampf um die Kaufkraft. Die nicht mehr ertragen und die Familie zog PALÄSTINA nach Nablus, wo sie ein Haus in der Altstadt mietete. Ihr Vater arbeitete wieder als Bauarbeiter, diesmal in Israel. Zum Glück konnten ihre Brüder weiter zur Schule gehen; die Mutter begann, als Näherin zu Hause zu arbeiten. Shahira fuhr fort zu lesen, damit sie nicht vergaß, was sie in der Schule gelernt hatte, und lernte das Nähen bei ihrer Mutter. Zum Zeitpunkt der Besetzung 1967 flieht die ganze Familie mit Ausnahme der Eltern nach Jordanien. Kurz danach heiratet Shahira — mit 16 Jahren - einen Vetter, der etwas älter ist als sie und gerade die Realschule abgeschlossen hat. Er setzt sein Studium in Beirut fort, wo er drei Jahre bleibt; als er zurückkehrt, wird er an der Grenze verhaftet und für zwei Jahre ins Gefängnis geworfen, aus Sicherheitsgründen*. Shahira muß hart arbeiten, weil sie für die kleinere Schwester ihres Mannes sorgen muß, die noch zur Schule geht. Sie macht eine Nähwerkstatt auf; als der Mann freigelassen wird, arbeiten alle beide darin, bis der Mann 1978 erneut verhaftet wird, ein Jahr nach der Geburt des ersten Sohnes; er wird eineinhalb Jahre in Präventivhaft gehalten. Für eine Frau ist es nicht gut, allein zu leben Nach ein paar Jahren läßt Shahira sich scheiden und kehrt wieder zu ihren Eltern zurück, weil eine alleinstehende Frau nicht akzeptiert wird: Es wäre einfacher, wenn mein Sohn größer wäre, aber zur Zeit wäre es nicht gut für mich, allein zu leben und ich könnte nicht mit anderen Männern verkehren; im Haus meines Vaters ist das möglich."

Shahira ist bereits aktives Mitglied der Gewerkschaft, als ihr Mann zum zweitenmal verhaftet wird. Nachdem sie persönlich erfahren hat, was Ausbeutung heißt, als sie im Jordantal drei Viertel der Ernte an den Besitzer abgeben mußten, der selber keinen Finger rührte, wird sich Shahira bewußt, daß es diese Ausbeutung auch in Nablus, unter ihrem Dach gibt: ihre Mutter macht noch Heimarbeit. Die Heimarbeiterinnen stellen eine Arbeitskraft zum niedrigsten Preis dar, derer sich alle kleinen Textilbetriebe bedienen, die damit die Sozialausgaben sparen. Der Lohn ist armselig; dabei werden lokale Vorurteile und Sitten ausgenutzt. Es sind vor allem ältere Frauen, die gezwungen sind zur Heimarbeit. Wenn sie außer Hauses arbeiteten, würden die Leute sagen: Welch eine Schande, sie hat keinen Sohn, der sie unterhalten kann."

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PALÄSTINA

Vor einigen Jahren hat Shahira als einzige Frau zu den Führungsgremien der Gewerkschaft kandidiert. Die Brüder und der Vater haben diesen Schritt sehr begrüßt, aber der Rest der Familie hat sie dafür scharf kritisiert. Die Gewerkschaft hatte sich an Shahira gewandt, weil bei der galoppierenden Inflation und der wirt- Druckmaschine für EL SALVADOR

Bücher sind Waffen - aber das, was im Kopf passiert, hat auch materielle Voraussetzungen. Die Companeras und Companeros in El Salvador brauchen für die Druckerei der FDR/FMLN eine neue Druckmaschine, die wir hier in Frankfurt für ca. 20000 DM kaufen könnten, wenn wir sie hätten Spendenkonto:

Postgiroamt Frankfurt

BLZ 500 100 60, Konto-Nr. 307382-607 C. Kreis, Stichwort: Druckmaschine Weitere Informationen:

Nicaragua/El Salvador-Komitee Frankfurt, Friesengasse 13, 6000 Frankfurt 90 533.

Die Notwendigkeit einer revolutionären Internationale

Zur Diskussion über die Notwendigkeit ciner revolutionären Masseninternationale ist jetzt eine Broschüre erschienen. Sie informiert über die Entwicklung der Arbeiterinternationalen seit Marx und über die Geschichte der IV.Internationale. Es handelt sich dabei um den Text der Resolution, den die GIM (Gruppe Internationale Marxisten - deutsche Sektion der IV. Internationale) auf ihrer letzten Konferenz im Juni 1986 vor ihrer Vereinigung mit der KPD zur Vereinigten Sozialistischen Partei (VSP) verabschiedet hat Zu bestellen über: INPREKORR, c/o Buchladen Neuer Kurs, Zülpicherstr. 39, 5000 Köln. Preis: 2.50DM schaftlichen Krise in den besetzten Gebieten eine wachsende Zahl von Frauen in Nähwerkstätten arbeitete und die männlichen Gewerkschaftsmitglieder nicht wußten, wie sie die weibliche Arbeitskraft organisieren sollten. Shahira ist vor einem Jahr in die Gewerkschaft eingetreten, weil sie tüchtig und klug ist. Die Gewerkschaft fragt nicht nach Zeugnissen; für sie zählt die Erfahrung und die Motivation. Vor ein paar Jahren sind in etwa dreißig Ortschaften und Zentren im Westjordanland „Komitees arbeitender Frauen" entstanden. Die Frauen, die außer Hauses arbeiten, sind sehr zahlreich und sind alle potentielle Gewerkschaftsmitglieder. Die Komitees geben der Gewerkschaft an, um welche Fragen sie sich vorrangig kümmern muß; sie kämpfen um einen Mindestlohn. Eines ihrer Ziele ist der gleiche Lohn bei gleicher Arbeit; das Verbot von befristeter Beschäftigung und die Einstellung von Studenten während der Ferien, die Gewährung von Mutterschaftsurlaub und der 8. März als Feiertag.

Die Unternehmer beuten die Vorurteile der Männer aus In einer Reihe von fortschrittlichen Betrieben wurden diese Forderungen schon durchgesetzt. Shahira sicht jedoch noch einen starken Widerstand auf der Seite der Unternehmer gegen die gewerkschaftliche Organisation von Frauen. Die Unternehmer wenden sich manchmal an den Vater oder den Bruder und bitten sie zu verhindern, daß die Arbeiterin Mitglied bei der Gewerkschaft wird. Die Frauen werden doppelt ausgebeutet, om Unternehmer und von der Gesellschaft. Ihre Löhne liegen viel niedriger als die der Männer, manchmal betragen sie nur ein Drittel. Die Männer sagen, die Frauen können ruhig arbeiten gehen, damit sie sich etwas zerstreuen und nicht den ganzen Tag im Haus herumhängen und sich langweilen. In Wirklichkeit ist es die wirtschaftliche Not, die die Frauen zwingt zu arbeiten, und die Männer schämen sich, das zuzugeben. Die gleichen Männer aber stürzen sich am Monatsende auf den Lohn der Tochter oder der Schwester! Die Unternehmer greifen das Argumente auf, daß die Frauen nur der Zerstreuung wegen außerhalb arbeiten, und rechtfertigen damit das niedrigere Lohnniveau. Sie behaupten auch, die Frauen bräuchten nicht viel Geld, weil „sie immer eine Familie haben, die für sie sorgt". Dabei berücksichtigen sie gar nicht, daß nicht alle Frauen cine Familie haben, auf die sie zählen können.

In Nablus sind die Arbeiterinnen in der Textilbranche besser organisiert als in anderen Branchen. Der Organisationsgrad liegt hier bei 80%. Soviel Bewußtsein über ihre Rechte wird von vielen Besitzern von Nähwerkstätten nicht gern gesehen. Sie fürchten die Forderungen der Arbeiterinnen und versuchen, die Werkstätten von den Städten in die Dörfer zu verlegen. Auf diese Weise können die Unternehmer noch niedrigere Löhne zahlen, weil sie es hier mit Frauen zu tun haben, die nicht in die Stadt zur Arbeit gehen können, sei es aus familiären Gründen oder weil die Familie es ihnen nicht erlaubt. Die Komitees beschränken sich nicht darauf, die Rechte und Interessen der eingeschriebenen Mitglieder zu verteidigen. Da die Palästinenser im Westjordanland nicht über einen Staat verfügen, der ihnen ein Minimum an sozialer Versorgung und kulturellem Angebot bietet, kümmern sich die Komitees auch darum. All diese Aktivitäten stehen unter der strikten Aufsicht der israelischen Behörden. Seit 1980 wird Shahira nicht erlaubt, das Westjordanland zu verlassen; als sie versuchte, ihre Familie zu besuchen, wurde sie an der Grenze auf der Brücke zurückgeschickt. Als sie in Salfiet versuchte, Frauen zu organisieren, wurde sie vom Geheimdienst vorgeladen, verhört und gemahnt, sich ausschließlich um die materiellen Interessen der Frauen zu kümmern. Das ist außerordentlich heuchlerisch, weil die Militärbehörden sich zunehmend in die Gewerkschaftswahlen einmischen und von der Gewerkschaft fordern, daß ihnen die Kandidatenlisten zur Zustimmung vorgelegt werden.

Shahira wurde drei Tage hintereinander im Generalquartier von Nablus verhört, weil die „Union der Komitees der arbeitenden Frauen" eine Postkarte angefertigt hatte, auf der eine Studentin abgebildet war, die von einem israelischen Soldaten an den Haaren gezogen wird. Die Mutter von Shahira war sehr verstört darüber, weil ihr Sohn bereits drei Jahre im Gefängnis verbracht hatte. Wenn Shahira aber manchmal sagt, es wäre besser aus dem Westjordanland fortzuziehen, meint die Mutter verärgert: „Was soll aus den Menschen hier werden, wenn selbst Leute wie du die Waffen strecken?"

Anmerkung:

1. Die Betriebe müssen das Rohmaterial von israelischen Firmen kaufen, verarbeiten es in kleinen Werkstätten mit maximal acht Beschäftigten zu Kleidungsstücken und müssen es dann wieder an israelische Firmen verkaufen.

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