Eine Kritik der Theorie des «Marktwirtschaftlichen Sozialismus» n seinem Buch The Economics of Feasible Socialism (Die Ökonomie des machbaren Sozialismus) kritisiert Alec Nove die Methoden marxistischer Wirtschaftswissenschaftler als für den Aufbau des Sozialismus irreführend und belanglos; er verwirft das Ziel der marxistischen Politik - ein Sozialismus ohne Warenproduktion — als nicht realisierbar. Um ernsthaft auf seine Einwände zu antworten, muß man die gleiche Herangehensweise anwenden, die Marx in seiner Untersuchung über die Entstehung des Kapitalismus angewandt hat. D.h. man darf nicht von einem letztlich zu erreichenden Ideal oder einem normativen Ziel ausgehen, sondern muß von den Ele-
wachsende objektive Vergesellschaffung der Arbeit. Alle miteinander verknüpften Bewegungsgesetze der kapitalistischen Produktionsweise: die ständige Suche nach höherer Intensität und Produktivität der Arbeit; die unaufhörliche Jagd nach neuen Märkten; der Druck, arbeitssparende neue Technologien einzuführen; die immer stärkere Konzentration und Zentralisation des Kapitals; das Wachstum der organischen Zusammensetzung des Kapitals; der tendenzielle Fall der Profitrate; das Ausbrechen periodischer Krisen der Überproduktion und Überakkumulation; der unerbittliche Trend zur Internationalisierung des Kapitals - all das zusammen mündet letztlich in dem einen Ergebnis: der wachsenden objektiven Vergesellschaftung der Arbeit. I. Die objektive Vergesellschaftung der Arbeit
Was bedeutet sie? In erster Linie bedeutet sie eine wachsende gegenseitige Interdependenz von beidem: der Arbeitsprozesse und der Auswahl und Produktion der Güter, die wir verbrauchen. Solch eine Interdependenz galt im 14.Jahrhundert bezogen auf den durchschnittlichen Einwohner eines europäischen oder asiatischen Landes vielleicht für einige hundert Menschen. Heute gilt sie buchstäblich für Millionen von Menschen. Aber objektive Vergesellschaftung der Arbeit bezeichnet noch etwas viel Weitergehendes. Sie bedeutet eine dramatische Ausweitung der geplanten Organisation der Arbeit. Unter den Bedingungen der Industrialisierung herrscht innerhalb der Fabrik nicht der Markt, sondern die Planung. Je größer die Fabrik, desto größer das Ausmaß, der Umfang einer solchen Planung. Mit dem Beginn des Monopolkapitalismus dehnt sich die Planung von der Fabrik auf die Firma aus, d.h. auf Institutionen, die eine Vielzahl von Betrieben umfassen. Mit der Entwicklung multinationaler Konzerne heutzutage ist die Planung international geworden; juristisch gesprochen bezieht sie sich oft auf eine Mehrzahl von Firmen. Die Folge dieses jahrhundertelangen Prozesses war eine radikale Verringerung der über den Markt vermittelten Arbeit im Spätkapitalismus zugunsten unmittelbar zugewiesener Arbeit. Die hauptsächliche Ursache für diesen Niedergang der Vermittlung von Arbeit über den Markt liegt nicht in den wachsenden Eingriffen der öffentlichen Hand in die Wirtschaft oder in der Entstehung des Wohlfahrtsstaates oder in den Errungenschaften des Klassenkampfs - obwohl dies alles zu diesem Ergebnis beigetragen hat. Die Hauptursache liegt in der inneren Logik des Kapitalismus selbst und in seiner besonderen Dynamik von Akkumulation und Wettbewerb. Natürlich kann unmittelbar, direkt zugeteilte Arbeit begleitet sein von Finanzbuchhaltung; das ist in den bürokratisch geplanten Wirtschaftssystemen der UdSSR, Chinas oder Osteuropas. der Fall. Das aber bedeutet keineswegs
Zuteilung über den Markt. Wenn die Ersatzteile für Lastwagen bei General Motors im Betrieb X, die Karosserien für die Fahrzeuge im Betrieb Y hergestellt werden und die Montage im Betrieb Z durchgeführt wird, dann bedeutet die Tatsache, daß die Computerausdrucke, die den Transport der Ersatzteile begleiten und bis ins Kleinste gehende Kostenberechnungen enthalten, keineswegs, daß der Betrieb X Ersatzteile an den Betrieb Y „verkauft". Verkauf beinhaltet einen Wechsel des Eigentümers und zugleich eine tatsächliche Aufsplitterung der Entscheidungsgewalt, das geplante Ziel der Lastwagenproduktion bestimmt die Anzahl der herzustellenden Karosserien. Die Karosseriebau- Werkstatt kann nicht „bankrott" gehen, weil sie „zu viele" Einheiten an die Montage-Werkstatt geliefert hat.
Natürlich herrscht nach wie vor eine kapitalistische Marktwirtschaft in dem Sinne, daß alle diese Vorgänge typischerweise auf das Stadium der Zwischenverarbeitung von Waren beschränkt sind - d.h. der Waren, bevor sie den Endkunden erreichen. (Wir sagen hier Kunde statt Verbraucher, weil der Kunde auch eine andere Fabrik sein kann, die Maschinen, oder der Staat, der Waffen kauft). Aber ihre Wirkungsweise beruht mehr und mehr auf Mechanismen, die nicht vom Markt ausgehen, und zwar nicht nur auf dem Gebiet der Produktion, sondern auch auf dem der Zirkulation. Die Tatsache, daß die ökonomische Vergesellschaftung der Arbeit unter der Herrschaft des Kapitals begleitet wird von und verflochten ist mit zunehmend politischen Formen der Arbeitszuteilung, die nicht dem Markt entspringen, macht die Widersprüche im ganzen Prozeß nur noch explosiver. Planung
Wir haben das Wort „Planung" gebraucht. Aber der Begriff selber muß bestimmt werden. Planung ist nicht gleichzusetzen mit „perfekter" Zuteilung von Ressourcen, auch nicht mit „wissenschaftlicher" Zuteilung, nicht einmal mit „humaner" Zuteilung. Planung bedeutet schlicht „direkte" Zuteilung, ex ante (im vorhinein). Als solche ist sie das Gegenteil von Zuteilung über den Markt, die ex post (im nachhinein) stattfindet. Dies sind die beiden grundsätzlichen Arten der Zuteilung von Ressourcen; sie unterscheiden sich wesentlich voneinander, obwohl sie gelegentlich in prekären und hybriden Ubergangsformen, die sich nicht automatisch selbst reproduzieren, kombiniert auftreten können. Sie folgen jedoch einer von Grund auf verschiedenen inneren Logik. Sie setzen verschiedene Bewegungsgesetze in Gang. Sie schaffen andere Motivationen unter den Produzenten und Organisatoren der Produktion, und sie schlagen sich in unterschiedlichen gesellschaftlichen Werten nieder.
Beide Arten der Arbeitszuteilung hat es im breitesten Umfang im Verlauf der Menschheitsgeschichte gegeben. Beide sind also durchaus „machbar". Beide sind auf die verschiedenste Art und mit sehr unterschiedlichen Ergebnissen angewandt worden. Es gibt ,,despotische" Planung und ,,demokratische" Planung (wer letzteres leugnet, hat sich niemals mit einem Bantudorf in der vorkolonialen Zeit befaßt). Es gibt eine Planung, die auf Routine, Gewohnheit, Tradition, Magie, Religion und Unwissenheit beruht und den Regeln von Regenmachern, Schamanen, Fakiren und Analphabeten aller Art gehorcht. Schlimmer noch: es gibt eine Planung, die von Generälen bestimmt wird; denn jede Armee beruht auf einer Zuteilung von Ressourcen a priori. Es gibt auch eine Planung, die auf halb rationale Weise von Technokraten organisiert wird, oder auf höchster Ebene von wissenschaftlicher Intelligenz, von Arbeitern und uneigennützigen Spezialisten. Doch was auch immer die Form der Planung sein mag, sie bedeutet stets Zuteilung von Ressourcen a priori (einschließlich der Arbeitskräfte), durch die vorsätzliche Entscheidung irgendeines gesellschaftlichen Organs. Im Gegensatz dazu steht die Zuteilung von Ressourcen über objektive Marktgesetze, die a posteriori vorher zersplitterten Entscheidungen, die getrennt voneinander oder autonom von privaten Körperschaften getroffen wurden, entgegenwirken oder diese korrigieren. So gesehen hat es Marktwirtschaften im Sinne einer Zuteilung von Ressourcen ex post historisch in den unterschiedlichsten Formen gegeben. Im Prinzip kann es Marktwirtschaft mit „perfekt" freiem Wettbewerb geben, obwohl dies in der Praxis kaum jemals verwirklicht worden ist. Es kann Marktwirtschaften geben, die durch die Vorherrschaft mächtiger Monopole in eine Schieflage geraten, weil diese weite Bereiche der wirtschaftlichen Aktivität kontrollieren und über lange Zeiträume damit die Preise festlegen. Freie Märkte können mit brutalen Formen der Selbstherrschaft und des Despotismus einhergehen, wie dies unter dem Absolutismus im 18. Jahrhundert der Fall war, oder unter dem Zarismus im 19. Jahrhundert, ganz zu schweigen von den verschiedensten Formen der Militärdiktatur oder der faschistischen Diktaturen im 20.Jahrhundert. Sie können aber auch mit fortgeschrittenen Formen parlamentarischer Demokratie kombiniert sein, wie das in der zweiten Hälfte dieses Jahrhunderts der Fall war - wenn auch in weniger als zwanzig von den einhundertfünfzig Ländern, die die kapitalistische Welt ausmachen.
Marktwirtschaften können das Elend breiter Massen verschärfen, indem sie ihren Lebensstandard absolut senken, wie dies in den meisten Ländern des Westens den größten Teil des 18. und des 19. Jahrhunderts hindurch der Fall war, in Osteuropa bis ins 20. Jahrhundert hinein, und wie es heute noch für mindestens die Hälfte, wenn nicht mehr, der Einwohner der südlichen Hemisphäre zutrifft. Sie können auch, unter anderen Umständen, zu einer erheblichen Steigerung des durchschnittlichen Lebensstandards der Bevölkerung führen, wie dies im Westen in den dreißig Jahren der Fall war, die dem Ersten Weltkrieg vorangingen, und in dem viertel Jahrhundert, das auf den Zweiten Weltkrieg folgte. Aber in all diesen gegensätzlichen Fällen ist es immer das Marktprinzip, das herrscht, d.h. eine Zuteilung der Ressourcen a posteriori, bestimmt durch den Verkauf und den Gewinn (im Kapitalismus: Profit).
Historisch betrachtet erreichte die Marktwirtschaft den Höhepunkt ihrer Verbreitung in der Zeit des Übergangs von der kleinen Warenproduktion zur Anfangsphase des Kapitalismus mit relativ kleinen Betrieben, in der laissez-faire-Welt der Mitte des 19.Jahrhunderts. Danach gerieten rein marktwirtschaftliche Grundsätze der Zuteilung zunehmend mit den Erfordernissen einer rational geplanten Produktion innerhalb der großen Fabrik und des Großunternehmens in Konflikt. Engels formulierte diesen Widerspruch in einer berühmten Passage des Anti-Dühring eindrucksvoll so: „Je mehr die neue Produktionsweise auf allen entscheidenden Produktionsfeldern und in allen entscheidenden ökonomischen Ländern zur Herrschaft kam und damit die Einzelproduktion bis auf unbedeutende Reste verdrängte, desto greller mußte auch an den Tag treten die Unverträglichkeit von gesellschaftlicher Produktion und kapitalistischer Aneignung.... Dieser Widerspruch zwischen vergesellschafteter Produktion und kapitalistischer Aneignung stellt sich jetzt so dar, daß die gesellschaftliche Organisation der Produktion innerhalb der Fabrik sich zu dem Punkt entwickelt hat, wo sie unverträglich geworden ist mit der neben und über ihr bestehenden Anarchie der Produktion in der Gesellschaft. **1 Wir haben selber im Spätkapitalismus das Argument angeführt, daß man aus diesem grundlegenden Widerspruch ein allgemeineres Bewegungsgesetz der bürgerlichen Gesellschaft insgesamt (des gesellschaftlichen Überbaus wie
auch der Basis) ableiten könne, und zwar den Widerspruch zwischen den gleichzeitigen Tendenzen zu Teilrationalität und zu globaler Irrationalität im Kapitalismus. Die beiden verschiedenen Systeme der Zuteilung von Ressourcen stehen in struktureller Beziehung - sie sind sogar weitgehend identisch - mit zwei entgegengesetzen Arten der Anpassung der Produktion an die Bedürfnisse. Denn jede menschliche Gesellschaft ist letztendlich auf Verbrauch ausgerichtet, da es ohne den Verbrauch der Produzenten, also der Reproduktion ihrer Arbeitskraft, keine Produktion, keine Arbeit oder menschliches Überleben überhaupt geben könnte. dürfnissen anzupassen. Entweder nimmt man diese Bedürfnisse als etwas von vornherein gegebenes an, als ex ante von welcher gesellschaftlichen Körperschaft auch immer gesetzt, so daß die Produktion so organisiert wird, daß diese Bedürfnisse befriedigt werden. Oder aber sie gelten als unbekannt oder jedenfalls als ungewiß, so daß der Markt gezwungen ist, sie ex post durch die Ausgaben für die „effektive Nachfrage" zu enthüllen.
Die Debatte
Nach dem Zweiten Weltkrieg vertrat die herkömmliche bourgeoise Auffassung die Meinung, die Nachfrage selbst sei in der Epoche der antizyklischen Wirtschaftsund Wohlfahrtspolitik in gewissem Maße durch Gestaltung und Intervention der öffentlichen Hand beeinflußbar. Aber im vergangenen Jahrzehnt hat es gegen keynesianische Ideen und Techniken in der kapitalistischen Welt eine scharfe Reaktion gegeben und eine zügellose Rehabilitierung des Marktes und der Warenproduktion als zivilisatorische Werte an sich. Dieser Wandel beeinflußte auch weitgehend die Linke. Heute besteht die Gefahr, daß das gesamte sozialistische Gedankengebäude, das älter ist als Marx, dem er aber wissenschaftlichen und systematischen Ausdruck verliehen hat, das eine Kritik der Warenproduktion und des Marktes an sich darstellt und eine gründliche historische Entmystifizierung der theoretischen Annahmen von Hobbes, Locke und Smith, unterschiedlos über Bord geworfen wird. Denn es sind nicht nur konservative Akademiker oder Politiker, sondern immer mehr Sozialisten, vor allem auch zahlreiche linke Sozialdemokraten und Eurokommunisten, die jetzt in ihrem gesellschaftlichen Denken bürgerliche Axiome wiederentdecken und wieder aufnehmen, obwohl sie keinerlei wissenschaftlichen oder empirischen Gehalt haben; sie sind schlicht Gegenstand blinden Glaubens oder Aberglaubens. Der logische und weitverbreitete Schluß, der aus diesem Meinungsumschwung gezogen wird, ist der Unglaube auch nur an die Möglichkeit bewußter Planung und die Ubernahme, wenn nicht gar Kultivierung, der Marktideologie, die sich direkt gegen die Sache des Sozialismus richtet. Bei den aktuellen Diskussionen geht es in Wirklichkeit nicht um die kurzfristige Frage, wie weit man in der Zeit unmittelbar nach einer antikapitalistischen Revolution gezwungen ist, auf Warenaustausch zurückzugreifen, sondern ob es sich überhaupt lohnt, für das langfristige Ziel des Sozialismus, die klassenlose Gesellschaft, die aufzubauen man vielleicht hundert Jahre braucht, einzutreten, und warum dies Ziel verwirklicht werden soll. Das war es, worum es jener langen Reihe von Denkern ging, die von Babeuf und Saint- Simon bis zu Engels und Rosa Luxemburg reicht und auch für uns heute die zentrale Frage bleibt, wenn wir Alec Noves ,,Ökonomie des machbaren Sozialismus" lesen. Das bringt mich in eine Schwierigkeit, in die jeder gerät, der versucht, auf Alec Nove und andere Verfechter des ,,marktwirtschaftlichen Sozialismus" einzugehen. Sie möchten die ernsthaften Funktionsmängel der Übergangswirtschaften in der Sowjetunion, Osteuropa und China analysieren und korrigieren, was an sich eine legitime und notwendige Aufgabe ist. Wir glauben nicht, daß diese Gesellschaften in irgendeiner Hinsicht sozialistisch sind. Noch glauben wir, daß der Sozialismus, wie Marx ihn definiert hat, in diesen Ländern kurz vor seiner Verwirklichung steht. In keinem dieser Länder ist die radikale Abschaffung der noch bestehenden Marktverhältnisse im Augenblick wünschenswert oder praktikabel. Aber die ganze Stoßrichtung von Noves Buch geht dahin zu argumentieren, daß „marxistischer Sozialismus* , wie er klassisch definiert wurde, nirgendwo auf der Tagesordnung steht und von Anfang an eine utopische Vorstellung war. Mit anderen Worten: Noves Argumente beziehen sich nicht nur auf die Ubergangsperiode mit ihren besonderen wirtschaftlichen Problemen, sondern auf den Charakter, die Natur des Sozialismus selbst. Beweise, die aus der Erfahrung der Sowjetunion abgeleitet werden, auf der die ganze historische Last der Rückständigkeit, Kriegszerstörung und bürokratischer Mißwirtschaft lag, • werden angeführt, um den klassischen Argumenten gegen sozialistische Planung als solche Gewicht zu verleihen. Muß man aber nicht fragen, ob die besonderen Probleme in den Wirtschaften sowjetischen Typs nicht teilweise auf die unreifen Bedingungen für eine Verallgemeinerung der Vergesellschaftung zurückzuführen sind? Ich glaube sogar, daß man beweisen kann: es gibt objektive Tendenzen in den fortgeschrittensten Ländern, die darauf hinweisen, daß es dort die materiellen, technischen und menschlichen Ressourcen gibt, die für eine Planung notwendig sind; und in diesen fortgeschrittenen Gesellschaften zeigt sich auch, wie hoch die Kosten sind, die dafür gezahlt werden, daß es dort keine Planung gibt. Ganz sicher muß sich doch jedes realistische Programm, das mit der Massenarbeitslosigkeit, mit der Überausbeutung weiblicher Arbeitskräfte oder ethnisher Minderheiten, mit der gewaltigen ökologischen Verantwortungslosigkeit der Konzerne und Regierungen fertig werden will, auf völlig neue gesellschaftliche Prioritäten stützen, die mit Hilfe wirklicher Vergesellschaftung und demokratischer Planung festgelegt werden müssen. Marx selbst hat die Warenproduktion (.,Marktwirtschaft") im Sozialismus nicht nur aus Gründen der wirtschaftlichen Effizienz verworfen, oder aus blindem Glauben in das Proletariat. Es wäre absolut falsch, das gewaltige Gebäude an sozialistischer Tradition, das in seinen Schriften gipfelt, einfach deswegen beiseite schieben zu wollen, weil sein Werk auch fälschlicherweise von den sowjetischen Verfechtern der bürokratischen Zentralisierung in Anspruch genommen wird, die sich auf Marx berufen. Dies zu tun, wäre ebenso falsch wie die Verwerfung des Grundsatzes der Menschenrechte, nur weil auch reaktionäre Kapitalisten sich darauf berufen.
Einwände tralen Einwände einzugehen, die Alec Versuchen wir nun, auf cinige der zen- Nove gegen das erhebt, was er für die klassische marxistische Auffassung von sozialistischer Planung hält. Ausgehend von seiner unbestrittenen Kenntnis der Sowjetwirtschaft lautet sein Argument, in der Sowjetunion würden wahrscheinlich zwölf Millionen verschiedene Güter produziert. Nur der Markt könne deshalb die Funktion ausüben, diese nach rationalen Kriterien zuzuteilen, weil die Zahl der zu treffenden Entscheidungen sonst einfach zu groß sei, als daß sie von irgendeiner Form der demokratischen Assoziation der Produzenten getroffen werden könnten?. Was fangen wir mit diesem Argument an? Zunächst sei ein Mißverständnis geklärt. Die Zahlen, die Nove angibt, umfassen eine gewaltige Anzahl von Zwischenprodukten und Ersatzteilen, ebenso wie besondere Sorten von Ausrüstungsgütern, mit denen der normale Bürger niemals etwas zu tun hat und die er nie konsumiert. Die Zahlen umfassen auch außeror-
dentlich viele Varianten des gleichen Verbrauchsgutes. In den westlichen Gesellschaften reichen diese von zehn verschiedenen Arten von Reinigungsmitteln bis hin zu dreißig Sorten von Brot usw. Gewöhnlich werden die Menschen wohl nur eine oder zwei Sorten konsumieren, aber nicht alle. Sich dies klarzumachen ist wichtig, um die Schwierigkeiten zu definieren, vor denen Nove steht. Denn in Wirklichkeit ist es nicht so, daß der Markt in den fortgeschrittenen kapitalistischen Ländern Millionen von Waren „verteilt,, - seien es Verbrauchs- oder Produktionsgüter. Im alleräußersten Fall dürften private Verbraucher in ihrem ganzen Leben wohl nur einige tausend verschiedene Waren kaufen (und selbst dies dürfte für viele von ihnen eine übertrieben hohe Schätzung sein). Sie haben gar keine Zeit, „Millionen" verschiedener Waren ZU konsumieren oder auf „Marktsignale" zu reagieren, wenn sie diese Güter „auswählen". Die von liberalen Wirtschaftswissenschaftlern und seinerzeit von Stalin gehegte Vorstellung, es gebe einen „unbegrenzten Bedarf an Verbrauch**, dessen Befriedigung eine „unbegrenzte Anzahl von Gütern" notwendig mache, ist schlicht dumm. Man kann keine unbegrenzte Anzahl von Gütern in einer begrenzten Zeit verbrauchen, und unglücklicherweise ist unser Verweilen auf dieser Erde absolut begrenzt!
Die Lage ändert sich nicht wesentlich, wenn man auch die Produktionsgüter (einschließlich der Zwischenprodukte) mitberücksichtigt. Die Masse der Zwischenprodukte wird, wie bereits bemerkt, überhaupt nicht über den Markt zugeteilt. Sic wird auf Bestellung gefertigt. Das ist offensichtlich. Weniger beachtet wird aber, daß dies heute auch auf die meisten größeren Maschinen zutrifft. Man geht doch nicht in den Supermarkt, um dort hydroelektrische Turbinen für eine Talsperre zu kaufen; diese werden unter Angabe schr genauer, bis ins kleinste Detail gehender Präzisierungen bestellt. Sogar wenn das durch eine öffentliche Ausschreibung geschicht, ist es doch nicht das gleiche wie die „Zuteilung über den Markt. Die verschiedenen Kostenvoranschläge bedeuten doch nicht, daß tatsächlich verschiedene Produkte hergestellt werden, unter denen man cine Auswahl treffen kann. Sie führen doch dazu, daß nur ein Produkt wirklich hergestellt wird, das dann automatisch gebraucht wird. Das gleich Verfahren kann natürlich auch angewandt werden, ohne daß ein Marktmechanismus dazwischentritt. Statt miteinander konkurrierende Angebote zu vergleichen, könnte man die unterschiedlichen Produktionskosten in den verschiedenen Produktionseinheiten berechnen und dem billigsten Lieferanten den Zuschlag geben, vorausgesetzt, daß sowohl die gewünschte Qualität als auch die technischen Details eingehalten werden.
So gelangen wir zu einer ziemlich verblüffenden Schlußfolgerung. Bereits heute wird in den fortgeschrittensten kapitalistischen Ländern die Masse der Verbrauchs— wie auch der Produktionsgüter keineswegs als Reaktion auf ,Marktsignale* produziert, die sich von Jahr zu Jahr, oder gar von Monat zu Monat änderten. Die Masse der heutigen Produktion richtet sich nach Verbrauchsmustern, die sich eingependelt haben und nach im vorhinein festgelegten Produktionstechniken, diw weitgehend, wenn nicht gar vollständig vom Markt unabhängig sind. Wie ist es dazu gekommen? Es ist genau das Ergebnis der objektiv zunehmenden Vergesellschaftung der Arbeit. Warum soll denn die Zuteilung der Ressourcen, die für die Produktion dieser Güter benötigt werden und die im großen und ganzen im voraus bekannt sind, nicht durch die assoziierten Produzenten mit Hilfe moderner Computer erfolgen können, die durchaus mit den Millionen von Gleichungen" fertig werden können, die Nove so entmutigend findet? Sicher ist richtig, daß daß Verbrauchsgewohnheiten sich ändern. Ein langfristiger Wandel in der Technologie kann zu einer radikalen Änderung in der Zusammensetzung der Verbrauchsgüter führen und zur Veränderung der Art und Weise ihrer Herstellung. Vor einem Jahrhundert gehörten Pferdewagen mit allem Zubehör zu den Standard-Produktionsgütern. Heute sind Autos an ihre Stelle getreten, mit den entsprechenden Folgen (Benzin, Autobahnen, Ersatzteile, usw.) Vor einem Jahrhundert wurde für den Häuserbau kaum Zement, Stahl oder Glas und überhaupt kein Aluminium verwandt. Heute spielen Holz und Ziegel beim Bau der meisten Wohnungen eine viel geringere Rolle. Aber Veränderungen dieser Art erfolgen in breitem Umfang nur langfristig. Außerdem wird der Anstoß dazu niemals vom Markt oder vom Verbraucher gegeben. Er geht von Neuerern aus und von mit ihnen verbundenen Produktionseinheiten. Es gab nicht zehntausend Verbraucher, die händeringend herumgelaufen wären und gerufen hätten: Lieber Henry Ford, gib uns Autos! Liebe Freunde vom Apple Konzern, versorgt uns doch bitte mit Personalcomputern!" Es gab Geschäftszweige (erfinderische, in der Tat! - Marx hat auf den Druck zu steter technologischer Veränderung und Innovation, der durch die innerkapitalistische Konkurrenz und den Klassenkampf zwischen Kapital und Arbeit hervorgerufen wird, über ein halbes Jahrhundert vor Schumpeter hingewiesen), die neue Produkte für den Konsum lancierten, um so die notwendige
Nachfrage zu schaffen, die es erlaubt, daß sie möglichst viele von ihren Waren verkaufen.
II. Mangel und Überfluß
Die Kompliziertheit der „Zuteilung" in einer fortgeschrittenen industriellen Wirtschaft, wie sie Nove darstellt, ist also weitgehend ein Scheinproblem. Niemand wird leugnen, daß eine demokratische sozialistische Planung auf praktische Schwierigkeiten stößt, von denen wir heute schon einige voraussehen können, andere noch nicht. Es gibt aber keinen Grund anzunehmen, daß es technisch unmöglich sei, sie zu überwinden, wie Nove es darstellt. Seine Kritik der marxistischen Auffassung vom Sozialismus beschränkt sich jedoch nicht auf die Methoden, die diese für den Aufbau einer klassenlosen Gesellschaft vorschlägt, sondern richtet sich gegen das Ziel des Sozialismus selbst. Denn der Überfluß, der nach der Marxschen Vorstellung vom Kommunismus die Vorbedingung für diesen ist, ist, wie Nove behauptet, völlig utopisch. Hierzu sagt er: „Überfluß sei definiert als das, was nötig ist, um Bedürfnisse zum Null-Tarif zu befriedigen, so daß kein vernünftiger Mensch unzufrieden bleibt oder von irgendetwas mehr verlangt (zumindest von dem, was reproduzierbar ist). Diese Vorstellung spielt in der Marxschen Vision vom Sozialismus/Kommunismus eine entscheidende Rolle. Überfluß beseitigt den Konflikt über die Zuteilung von Ressourcen, da es ja der Definition nach für jeden genug gibt, so daß es keine einander ausschließenden Entscheidungen gibt. ... Darum gibt es auch für die verschiedenen Menschen oder Gruppen keinen Grund, miteinander zu konkurrieren, für sich selbst in Besitz zu nehmen, was für alle frei verfügbar ist. Laßt mich als Beispiel die Wasserversorgung in schottischen Städten anführen. Natürlich gibt es sie nicht umsonst; sie verursacht Kosten. Arbeit muß verausgabt werden für den Bau von Wasserreservoirs und Rohren zur Reinhaltung des Wassers, für Reparaturen, Instandhaltung usw. Es gibt jedoch sehr viel Wasser. Es ist nicht nötig, den Verbrauch des Wassers durch …„Rationierung über den Preis" zu regeln, denn es ist für alle Zwecke in ausreichender Menge vorhanden. Es wird nicht in irgendeiner Hinsicht vermarktet" • noch auch wird die Versorgung durch irgendein „Wertgesetz" oder das Kriterium des Profits bestimmt. Es gibt keine Konkurrenz um das Wasser, keinen Konflikt. ... Wären andere Güter ebenso leicht und frei erhältlich wie das Wasser in Schottland, dann könnte sich ein neues menschliches Verhalten entwickeln: die Gewinnsucht würde absterben; Besitzrechte und Verbrechen, die Eigentumsdelikte sind, würden ebenso verschwinden.""
Noves Fehlschlüsse
Es gibt in dieser Schlüsselpassage eine ganze Reihe von Ungereimtheiten. Nove beginnt damit, daß er uns sagt, „Überfluß" bedeute fehlender Konflikt über die Zuteilung von Ressourcen. Damit aber reduziert er stillschweigend die „Zuteilung von Ressourcen* auf die Bedürfnisse der Konsumenten, denn natürlich würde es keinen „Überfluß an Wasser" in Schottland geben, wenn dort fünfzig Kraftwerke errichtet würden. In anderen Worten, Nove geht von der stillschweigenden Annahme aus, daß der ,,Überfluß" bestimmt wird durch die aktuellen lokalen Bedürfnisse der Verbraucher und nur durch sie, während alles andere gleich bleibt. Anders ausgedrückt: er hält die augenblicklichen Verbrauchergewohnheiten (und Produktionsmuster) für gegeben und stabil. Aber er legt diese Annahme nicht offen. Würde er es tun, würde er damit selber seine ursprüngliche Behauptung widerlegen, Überfluß sei unmöglich und Marxscher Sozialismus darum nicht machbar.
Es gibt noch einen weiteren Widerspruch in seiner Argumentation. Einerseits vermerkt Alec Nove, daß um den ,.Überfluß an Wasser" für die Einwohner Schottlands bereitzustellen, Arbeit für Rohre, Reservoirs, Unterhalt usw. verausgabt werden muß. Nun ist aber Arbeit ,,relativ Knapp**. Die gleiche Arbeitskraft, die in Wasserrohre und Reservoirs investiert wird, könnte auch für eine ganze Reihe von Alternativen aufgewendet werden: z.B. für den Bau von Golfplätzen, Kraftwerken oder sogar Raketen. Dennoch kann auf geheimnisvolle Weise, trotz des im allgemeinen unvermeidlichen „Konflikts über die Zuteilung von Ressourcen" Wasser in Schottland zum Null-Tarif verteilt werden und offenbar entsteht kein Konflikt über die Zuteilung der Arbeit. die dazu notwendig ist. Die Verbindung. die Nove ebenso wie unzählige andere Ökonomen, ganz zu schweigen von Soziologen und menschenfeindlichen Philosophen, zwischen allgemeiner Knappheit und spezifischen Verhaltensmustern herstellt, ist also nicht bewiesen, das ist das mindeste, was man sagen kann. Denn sein cigenes Beispiel beweist, daß Menschen sich in Bezug auf bestimmte Güter, unter besonderen Umständen, durchaus auf nicht gewinnsüchtige Weise verhalten können, vorausgesetzt, es sind eine Anzahl von Bedingungen erfüllt.
Welches sind diese Bedingungen? Warum ist die Rationierung über den Preis" beim Verbrauch von Wasser durch die schottischen Bürger nicht nötig? Uberraschenderweise erwähnt Alec Nove nicht den offensichtlichen wirtschaftlichen Grund dafür, obwohl es marxistischen und liberalen Wirtschaftswissenschaftlern nicht schwer fallen würde, hierin übereinzustimmen. Derselbe Grund erklärt auch, warum das gleiche nicht zuträfe, wenn die Anzahl von Kraftwerken in dieser Gegend vervielfacht würde. Die Rationierung über den Preis" ist deshalb nicht nötig, weil die Veränderung der Nachfrage nach Wasser für den privaten Durchschnittsverbraucher gegen Null geht. Wahrscheinlich gibt es infolge der Belieferung mit Wasser zum Null-Tarif sogar eine leichte Verschwendung" . Aber diese Verschwendung fällt weniger ins Gewicht als es eine „Festsetzung der Kosten" dieses Verbrauchsgutes wäre (durch Installation von Wasseruhren, die Einstellung und Kontrolle von Personal, die Ausstellung von Rechnungen usw.). Unter diesen Bedingungen macht es sich schlicht nicht bezahlt, für Wasser einen Preis zu fordern. Die voraussehbare feste (tendenziell sinkende) Nachfrage ist das empirisch bestimmende Schlüsselelement. Alles andere ergibt sich daraus.
Wenn aber ein Überfluß an Wasser trotz fortbestehender Knappheit an Ressourcen insgesamt vorstellbar ist, warum kann dann das gleiche nicht auch für andere Güter und Dienstleistungen unter ähnlichen Umständen gelten? Ist es wirklich möglich, daß schottisches Wasser das cinzige Gut ist, für das die Veränderung der Nachfrage gegen Null geht? An dieser Stelle bewahrheitet sich die Marxsche .Vision vom Sozialismus/Kommunismus" . Denn mit fortschreitendem gesellschaftlichen Reichtum, dem Wachstum der Produktivkräfte und der Entfaltung von nachkapitalistischen Einrichtungen kann die Anzahl von Waren und Dienstleistungen, für die bislang eine Inelastizität der Nachfrage gilt, die aber dann umsonst verteilt werden könnten, allmählich zunehmen. Wenn sagen wir bis zu 60% oder 75% aller Verbrauchsgüter und Dienstleistungen auf diese Weise zugeteilt werden, wird das steigende Anwachsen der kostenlosen Versorgung die ,menschlichen Verhältnisse* dramatisch verändern.
In Noves Schlußfolgerungen hat sich auch cine andere petitio prinicipii (logischer Beweisfehler)eingeschlichen. Er scheint anzunchmen, daß Eigentumsrechte" die unvermeidliche Folge von Knappheit" sind. Damit Knappheit solche Rechte aber überhaupt hervorbringt, muß es doch erst besondere gesellschaftliche Einrichtungen geben, die die private Aneignung von Produktionsmitteln und die Trennung der Produzenten vom freien Zugang zu ihnen
ebenso wie zu den natürlichen Grundlagen ihres Lebensunterhalts (Land, Wasser, Luft) ermöglichen, erleichtern, aufrechterhalten, verteidigen. Diese wiederum hängen mit der Herausbildung bestimmter Gesellschaftsklassen zusammen, die besondere Interessen verteidigen im Gegensatz zu anderen Gesellschaftklassen, die andere Interessen verteidigen. Knappheit" war in einem traditionellen Bantu- Dorf durchaus eine Realität. Dennoch führte sie Jahrtausende hindurch nicht zu „Eigentumsrechten" an Land. Würden die Menschen in Schottland (oder Großbritannien, oder Europa oder in einem Sozialistischen Weltenbund) beschließen, potentiellen Investoren in hydroclektrische Energic keine Eigentumsrechte einzuräumen, dann könnte kein ökonomisches Gesetz auf geheimnisvolle Weise das Wasser, das sich im öffentlichen Besitz befindet, einfach infolge von Knappheit in Privatbesitz verwandeln. Sie müßten vielleicht die „Kosten tragen" für teurere Energie (d.h. für einen größeren Einsatz von verfügbarem Material und menschlichen Ressourcen zur Erzeugung von Energie), weil sie es vorzichen, den Verbraucher im Überfluß mit sauberem, kostenlosen Wasser zu versorgen. Das aber wäre ihre Entscheidung und ihr Recht, als Verbraucher und als Bürger. Aus dem gleichen Grund ist es nicht weniger falsch, aus der Knappheit eine allgemeine „„menschliche Gewinnsucht" abzuleiten. Eher gibt es eine Neigung zur Gewinnsucht; diese hat ihren Grund jedoch nicht so sehr in der Knappheit an Gütern im allgemeinen, oder sogar in der Knappheit an bestimmten Gütern, sondern in der relativen Intensität bestimmter Bedürfnisse. Ein Rolls-Royce ist ein sehr schönes Auto. Es gehört auch zu den knappen Gütern. Viele Autofahrer (und gewil auch die meisten Autoliebhaber) würden liebend gern einen Rolls Royce besitzen. Aber die überwiegende Mehrheit der Bevölkerung schlägt sich nicht darum, einen Rolls Royce zu ergattern. Es zahlt sich nicht aus, jeden Pfennig zu sparen, um um jedem Preis einen „knappen Rolls" zu bekommen. Die Bevölkerung verspürt keinen mächtigen „Trieb" , um in den Besitz dieses Wagens zu gelangen. Sie ist nicht neurotisch frustriert, wenn sie weiß, daß sie niemals einen bekommen wird. So kann also der „Besitztrieb", die „Gewinnsucht" absterben, lange che die „Knappheit überhaupt" verschwunden ist - genauso wie er bei den Menschen in Schottland hinsichtlich des Wassers abgestorben ist, Es genügt, daß die stärksten Bedürfnisse befriedigt werden, oder daß der Hunger der Verbraucher auf diesem Gebiet gesättigt wird. Das ist die grundlegende Annahme, auf der Marx seine Vision vom Sozialismus aufgebaut hat. Sie ist absolut realistisch und vorstellbar.
III. Die Rangordnung der Bedürfnisse
Als Antwort auf Noves Kritik am marxistischen Erbe haben wir den Begriff der „relativen Intensität der Bedürfnisse" eingeführt. Dieser Begriff enthält eine Reihe von Implikationen für die Diskussion um die sozialistische Planung, die wir nun behandeln wollen. Im Westen findet die veränderliche Intensität der Bedürfnisse der Verbraucher heute ihren Ausdruck in ihrem unterschiedlichen Verhalten Gütern und Dienstleistungen gegenüber, die einen Preis haben, auch wenn sie kein „Preisschild" tragen. Das muß nicht indirekt in Geld gemessen werden. Die Bedürfnisse können empirisch festgestellt werden, z.B. indem man die Veränderungen der physischen Verbrauchergewohnheiten untersucht, wenn das Einkommen plötzlich sinkt (wie es für erhebliche Teile der Bevölkerung während der jetzigen Depression der Fall war). Bestimmte verbreitete Muster werden dann deutlich erkennbar. Denn einige Ausgaben werden früher als andere gekürzt. Bestimmte Sorten von Gütern innerhalb einer größeren Kategorie von Verbrauchsgütern werden eingeschränkt, während andere zunehmen (z.B. wird mehr Schweinefleisch und weniger mageres Rindfleisch verbraucht). Die Ausgaben für die Gesundheit sind gleichbleibender als die für Toilettenartikel. Das sind keine willkürlichen Vorlieben. Einer der wichtigsten Erkenntnisfort schritte, die im Kapitalismus erzielt wurden - in gewissem Sinn ist das ein Kompliment für das Kapital — ist, daß es heute wegen des gestiegenen Lebensstandards zuerst der Mittelklassen, dann breiter Bevölkerungsschichten eine große Anzahl an empirischen statistischen Daten über die Verbrauchergewohnheiten gibt, die in zahlreichen Ländern einander auffallend ähnlich sind. Sie legen eine objektive Rangfolge für hunderte Millionen Menschen über mehrere Jahrzehnte bloß. Jede ernsthafte Untersuchung der menschlichen Bedürfnisse muß von diesen Tatsachen ausgehen.
Aus dieser Untersuchung ergibt sich ein Muster, das der preußische Statistiker Engel bereits vor 150 Jahren festgestellt hat. Wenn mit dem Wachstum der Wirtschaft die Bedürfnisse mannigfaltiger werden, kann man unter ihnen eine bestimmte Rangfolge festmachen. Es gibt Grundbedürfnisse, zweitrangige Bedürfnisse; es gibt auch Luxus- oder marginale Bedürfnisse. In einer groben Einteilung — und hier lassen wir uns gern von empirischen Daten, nicht aber von metaphysischen Spekulationen korrigieren würden wir in die erste Kategorie einreihen: die Grundnahrungsmittel und Getränke, Kleidung. Wohnung und den dazugehörigen Standardkomfort (Heizung. Elektrizität, fließendes Wasser, sanitäre Anlagen, Möbel); Bildungs— und Gesundheitseinrichtungen; garantierter Transport vom und zum Arbeitsplatz; und ein Mindestmaß an Erholzeit und Muße. die erforderlich sind, um die Arbeitskraft bei einem gegebenen Ausmaß an Arbeitstempo und Streß zu reproduzieren. Das sind die Bedürfnisse, die nach Marx befriedigt werden müssen, wenn ein durchschnittlicher Lohn— und Gehaltsempfänger bei einem gegebenen Maß an Leistung seine Arbeit fortsetzen soll. Man kann sie in ein physiologisches Minimum und eine historisch-moralische Komponente unterteilen. Sie variieren je nach Raum und Zeit. Sie verändern sich nicht nur mit der Veränderung der durchschnittlichen Arbeitsproduktivität. Sie verändern sich auch mit den großen Verschiebungen, die im Kräfteverhältnis zwischen den Gesellschaftsklassen eintreten. Aber zu jedem gegebenen Zeitpunkt, in jedem gegebenen Land sind dies objektive Daten, die auch deutlich im Bewußtsein der großen Mehrheit der Bevölkerung präsent sind. All das kann nicht wirklich verändert werden (auch nicht durch das Wirken der „Marktkräfte""), ohne gewaltige Störungen im gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Gefüge insgesamt hervorzurufen. In die zweite Kategorie von Gütern und Dienstleistungen würden wir die meisten der anspruchsvollen Speisen, Getränke, Kleidungsstücke und Haushaltsgeräte (au- Ber den besonders ausgefallenen) einreihen, die verfeinerteren kulturellen" und für die „Muße" bestimmten Güter und Dienstleistungen sowie die Privatautos (im Unterschied zum öffentlichen Transportwesen). Alle anderen Verbrauchsgüter und Dienstleistungen würden wir in die dritte Kategorie der Luxus-Ausgaben einordnen. Sicher ist es schwierig, eine genaue Grenze zwischen diesen drei Kategorien von Bedürfnissen zu ziehen. Die erste kann man am leichtesten abstecken. Der allmähliche Übergang der Bedürfnisse von der zweiten in die erste Kategorie (einschließlich der Güter und Dienstleistungen, die diese Bedürfnisse befriedigen) ist eine Folge des wirtschaftlichen Wachstums und des sozialen Fortschritts (insbesondere auf Grund des proletarischen Klassenkampfs). Bezahlter Urlaub für alle ist erst seit kurzem eine Errungenschaft der Arbeiterklasse; sie datiert von der großen Welle von Betriebsbesetzungen der Jahre 1936-37 (in Frankreich) und deren Nachwirkungen in der industrialisierten Welt. Die Unterscheidung zwischen der dritten und der zweiten Kategorie ergibt sich cher aus sozio-kulturellen Präferenzen, als daß sie ein Massenphä-
nomen widerspiegelte.
Bei all diesen Unterscheidungen ist das allgemeine Muster doch ziemlich deutlich. Die Rangordnung der menschlichen Bedürfnisse ist offensichtlich durch beides bestimmt: durch physiologische und durch gesellschaftlich-historische Momente. Diese sind weder willkürlich noch subjektiv. Man kann dieses Muster auf allen Kontinenten unter den verschiedensten Umständen antreffen, wenngleich nicht synchron, wegen der ungleichen und kombinierten Entwicklung des wirtschaftlichen Wachstums und des sozialen Fortschritts. Die Rangordnung der Bedürfnisse ist nicht das Ergebnis irgendeines Diktats, weder der Marktkräfte, noch einer despotischen Bürokratie oder aufgeklärter Experten. Sie findet ihren Ausdruck im spontanen oder halbspontanen Verbraucherverhalten selbst. Der einzige „Despotismus"* , den es gibt, ist der der großen Mehrheit* • „Exzentrische" Minderheiten, die in absoluten Zahlen meist gar nicht so klein sind, passen in dieses allgemeine Muster nicht hinein: Abstinenzler versus Konsumenten alkoholischer Getränke; Raucher versus Nichtraucher; Vegetarier versus Fleischesser; Menschen, die sich weigern, fernzusehen oder keine Zeitungen oder Bücher lesen können oder wollen; andere, die es ablehnen, einen Arzt aufzusuchen oder sich prinzipiell weigern, ins Krankenhaus zu gehen. Dennoch - angesichts der Tatsache, daß es um sehr viele Menschen geht, Hunderte von Millionen, — werden diese Ausnahmen durch das Gesetz der großen Zahl aufgewogen, und über Zeit und Raum hinweg zeichnet sich ein Muster ab, das eine bestimmte Rangordnung von Bedürfnissen unter der überwiegenden Mehrheit der Verbraucher ergibt. Diese Rangordnung hat noch einen weiteren, sogar bedeutenderen Aspekt. Nicht nur tendiert die Veränderung der Nachfrage gegen Null; rücken Güter, die ganz oben auf der Prioritätenliste stehen, mit jedem Schub wirtschaftlichen Wachstums Stufe um Stufe in der Rangordnung nach unten. Dies geschieht auch mit ganzen Kategorien von Bedürfnissen. Der pro Kopf-Verbrauch an Grundnahrungsmitteln (Brot, Kartoffeln, Reis, usw.) in den reichsten Industriestaaten ist heute im Sinken begriffen, und zwar sowohl dem absoluten Volumen nach wie auch ihrem Anteil an den nationalen Geldausgaben nach. Das gleiche gilt für den Verbrauch von einheimischen Früchten und Gemüsen und - zumindest dem Geldwert nach - für den Verbrauch an Unterwäsche und Strümpfen sowie an der Grundausstattung mit Möbeln. Die Statistik zeigt auch, daß trotz der zunehmenden Differenzierung der Geschmäcker und der Produkte (viele Arten von Brot und Kuchen, eine viel grö- Bere Auswahl an Nahrungsmitteln und Kleidern allgemein) der Gesamtverbrauch an Nahrungsmitteln, Kleidung und Schuhen tendenziell einen Sättigungsgrad crreicht hat und beginnnt, sich rückläufig zu entwickeln, wenn man ihn in Kalorien, Quadratmetern Stoff und Paar Schuhen mißt.
Verbraucherverhalten lichen und stalinistischen Glauben an das Diese Tatsachen widerlegen den bürgergrenzenlose Wachstum der Bedürfnisse des Durchschnitts der Menschen. Nichts ist weiter von der Wahrheit entfernt, wenn man das am gegenwärtigen Konsumverhalten mißt. Im Westen kann man eine Tendenz zur Sättigung der Grundbedürfnisse feststellen, nicht nur, weil die Intensität des Wunschs nach Befriedigung der Bedürfnisse abnimmt, wenn eine gewisse Schwelle einmal überschritten ist, sondern auch weil sich die Motivation ändert. Rationales Verbraucherverhalten tritt allmählich mehr und mehr an die Stelle des angeblich instinktiven Wunsches, immer mehr zu konsumieren. Was hier als „rational" bezeichnet wird, wird nicht diktiert, vorgeschrieben (sollte es auch nicht!), weder durch Marktkräfte, noch durch bürokratische Planung oder allwissende Experten. Es entwickelt sich infolge einer größeren Reife der Verbraucher selbst, wenn die Prioritäten der Menschen sich verändern und sie sich ihrer eigenen Interessen bewußter werden. Der Verbrauch von Nahrungsmitteln liefert für diesen Prozeß ein schlagendes ANZEIGE
Die Notwendigkeit einer revolutionären Internationale
Zur Diskussion über die Notwendigkeit ciner revolutionären Masseninternationale ist jetzt eine Broschüre erschienen. Sie informiert über die Entwicklung der Arbeiterinternationalen seit Marx und über die Geschichte der IV.Internationale. Es handelt sich dabei um den Text der Resolution, den die GIM (Gruppe Internationale Marxisten - deutsche Sektion der IV. Internationale) auf ihrer letzten Konferenz im Juni 1986 vor ihrer Vereinigung mit der KPD zur Vereinigten Sozialistischen Partei (VSP) verabschiedet hat.
Zu bestellen über: INPREKORR, c/o Buchladen Neuer Kurs, Zülpicherstr. 39, 5000 Köln. Preis: 2.50DM Beispiel. Seit undenklichen Zeiten wandelt die Menschheit am Rand von Hunger und Hungertod. Sogar im 20.Jahrhundert ist das erzwungenermaßen die Lage der überwiegenden Mehrheit der Bevölkerung auf unserem Planeten. Unter solchen Umständen ist es nur natürlich, daß Menschen nach Essen gieren. Fünf Jahre akuten Lebensmittelmangels im kontinentalen Europa während des Zweiten Weltkriegs genügten, eine wirkliche Explosion der Völlerei zu entfesseln, als so etwas wie ein „unbegrenzter Verbrauch" von Nahrungsmitteln nach 1945 wieder möglich geworden war (in einigen Ländern Europas begann diese Phase erst sehr viel später). Aber wie lang hat dieses Zechgelage gedauert? Weniger als zwanzig Jahre, nachdem Nahrungsmittel wieder in Fülle vorhanden waren - nur eine Generation lang! - und schon begannen sich die Prioritäten drastisch zu verschieben. Es wurde zur Regel, weniger und nicht etwa mehr zu essen. Gesundheit wurde wichtiger als satt sein. Diese Veränderungen verdankten sich nicht der „Auferlegung" eines neuen Verbraucherverhaltens durch Arzte oder die „Gesundheitsindustrie" Es war der Instinkt zur Selbsterhaltung, der dazu führte. Lange bevor es eine ..Gesundheitsindustrie" gab, konnte man schon ähnliche Veränderungen im Verbraucherverhalten der Reichen beobachten, die „für sich den Sozialismus bereits verwirklicht* hatten. Zwischen den beleibten englischen und französischen Angehörigen der herrschenden Klassen anno domini 1850 und den schlanken amerikanischen Millionären ein Jahrhundert später hat es einen ganz schöne gastronomi- Korrektur:
Im Bericht über die Tagung des Internationalen Exekutivkomites in der INPREKORR-Ausgabe Nr.196 vom Oktober 1987 ist uns ein Fehler unterlaufen. Im Abschnitt über Westeuropa: Wiederaufbau einer neuen radikalen Linken, 2.Abs. muß der letzte Satz gestrichen werden. Im 4.Abs. muß nach dem ersten Satz eingefügt werden: Sie hat zwar seit 1979 die Bedeutung der Verankerung in der Industriearbeiterschaft und von Einheitsfrontinitiativen erkannt, aber sie hat keine politischen Schlußfolgerungen für die Perspektiven des Organisationsaufbaus gezogen.
Im letzten Abs. muß der 8.Satz durch folgende Formulierung ersetzt werden: Es gibt methodische Elemente, die in diesem Zusammenhang zu berücksichtigen sind: weder ist die ultimative Forderung sinnvoll, die Gesamtheit des revolutionăr-marxistischen Programms zu akzeptieren, noch ist es die kurzfristig angelegte Einigung auf ein revolutionäres Minimalprogramm", : das Grundsatzfragen ausklammert, die leicht zu Sprengsätzen werden können.
sche Umwälzung gegeben. Heute finden gewöhnliche Bürger im Westen mehr Genuß an abwechslungsreicheren Mahlzeiten. Für sie ist die Kochkunst sogar zum Zeitvertreib geworden. Dennoch neigen sie dazu, ihre absolute Aufnahme an Kalorien zu senken, um zwanzig Jahre länger zu leben, statt vor der Zeit an übermäßigem Eßgenuß und Arterienverkalkung zu sterben.
Die Verbrauchergewohnheiten der Kranken oder an einer Krankheit leidenden Menschen zeigen ein ähnliches Muster. Daß sich niemand gern seine Gliedmaßen hintereinander wegoperieren läßt, nur weil dies nichts kostet, liegt auf der Hand. Aber der scharfe Anstieg im Verbrauch von Medikamenten nach dem Krieg ebenso wie die Zunahme an Zahnprothesen und Brillen nach der Einführung eines Nationalen Gesundheitsdienstes in Großbritannien - war nicht hauptsächlich Ausdruck der passiven Unterwerfung unter den Reklamedruck der pharmazeutischen Industrie, sondern vor allem Ausdruck angestauter unbefriedigter Grundbedürfnisse. Wenn dieser Stau einmal verschwindet und ein gewisser Grad der Sättigung erreicht ist, wird jede sorgfältige und gründliche Aufklärungskampagne, die die schädlichen Auswirkungen des ungezügelten Verbrauchs von Medikamenten aufzeigt, Wirkung haben. Der Konsum von Medikamenten wird sich auf einem bestimmten Niveau einpendeln und sogar zurückgehen (bei begüterten Schichten der Gesellschaft kann man diesen Verlauf bereits feststellen). Es ist wirklich nicht übertrieben optimistisch, wenn man feststellt, daß die systematische Aufklärung der Öffentlichkeit über die Schädlichkeit des Rauchens zu einem deutlichen Rückgang des Zigarettenverbrauchs geführt hat, trotz aller Bemühungen der Tabakindustrie, das Gegenteil zu erreichen.
Aus diesen Überlegungen lassen sich zwei Schlußfolgerungen ziehen. Erstens: Da „Knappheit" mehr und mehr für immer weniger lebenswichtige Güter gilt, wird es durchaus möglich sein, die Rolle des Geldes in der Wirtschaft insgesamt zurückzudrängen, weil Waren und Dienstleistungen, die kostenlos zur Verfügung gestellt werden, zahlreicher sein werden als solche, die man kaufen muß. Die Annahme, daß Verbraucher ihre Bedürfnisse nur indirekt artikulieren können, indem sie ihr Geld für verschiedene Güter und Dienstleistungen ausgeben, ist absurd. Warum sollten Menschen den Umweg über das Geld nehmen, um festzustellen, was sie brauchen? In Wirklichkeit ist es doch genau umgekehrt. Sie möchten eine bestimmte Menge an Nahrungsmitteln, Kleidern oder Freizeitangeboten haben, wobei sie für bestimmte Sachen eine besondere Vorliebe haben, und dann sagen sie sich: Ich habe soundsoviel Geld, um meine Bedürfnisse zu befriedigen. Das bedeutet, daß ich mir nicht alles leisten kann und darum muß ich eine Auswahl treffen." Es ist doch nicht so, daß sie zuerst das Geld haben, damit herumlaufen und sagen: „Weil ich soviel Bargeld in der Tasche habe und die Fensterauslagen der Läden vor mir sehe, weiß ich jetzt, daß ich Hunger habe." Der einfachste, und auch demokratischste Weg, die materiellen Ressourcen mit den gesellschaftlichen Bedürfnissen in Einklang zu bringen, ist nicht, das Medium Geld dazwischenzuschalten, sondern herauszufinden, welche Bedürfnisse die Menschen haben, indem man sie danach fragt.
Zweitens: Natürlich bestehen die fortgeschrittenen kapitalistischen Länder von heute, die morgen alle zusammen ein sozialistisches Gemeinwesen bilden könnten, aus Millionen verschiedener Menschen je mit ihren eigenen individuellen Vorlieben und Neigungen. In der Phase des Übergangs zum Sozialismus würde jegliche uniforme Standardisierung von Produkten, wie sie im Kapitalismus eingeführt wurde, nach und nach abnehmen. Ab einem gewissen Grad der Bedürfnisbefriedigung bzw. der Sättigung gibt es natürlich einen Wechsel vom passiven zum aktiven Konsum und zu einer stärkeren Individualisierung der Bedürfnisse, was mehr Kreativität erfordert, sie zu befriedigen. Im großen und ganzen würden neue Bedürfnisse wahrscheinlich in zwei Kategorien einzuteilen sein: die Bedürfnisse, die von risikofreudigen und phantasievollen Minderheiten geweckt werden, die darauf erpicht sind, mit neuen Produkten und Dienstleistungen zu experimentieren. Doch die Massenproduktion neuer Güter würde sich nicht automatisch nach diesen neuen Erfindungen richten. Sie wäre Resultat der bewußten Entscheidung der Mehrheit. Zwanzig Prozent der Bevölkerung hätten nicht das Recht, allen Bürgern neue Güter als „Allgemeingut" aufzuzwingen, obwohl sie ihren eigenen Arbeitseinsatz erhöhen könnten, um sicherzugehen, daß diese neuen Güter hergestellt werden. Auf der anderen Seite kann es auch Fälle geben, wo die Mehrheit sich für eine Reihe von neuen Gütern und Dienstleistungen entscheidet und der allgemeine Wirtschaftsplan von Grund auf geändert werden muß, um ihn den neuen Bedürfnissen anzupassen. In der Geschichte des Kapitalismus im 20. Jahrhundert hat es solch große Umwälzungen der Verbrauchergewohnheiten relativ selten gegeben. Drei größere stechen hervor: das Auto, die elektrischen Haushaltsgeräte und Plastikwaren. Sie haben das Leben von hunderten Millionen Menschen radikal verändert. Im Sozialismus würden solche Umwälzungen auf Massenebene
nicht rücksichtslos und anarchisch erfolgen, sondern rational und human, und zum erstenmal auf Verlangen und unter der Kontrolle der Betroffenen selbst. Damit würde die objektive Grundlage für das Absterben der Warenproduktion und der Geldwirtschaft geschaffen. Zugleich könnte sich die Intensität gesellschaftlicher Konflikte vermindern, vorausgesetzt, es gibt Institutionen, die die Erfüllung der Grundbedürfnisse aller zu einer Gewohnheit, Selbstverständlichkeit, alltäglichen Erfahrung machen. Dadurch würde die subjektive Basis für das Absterben der Geld- und Warenwirtschaft geschaffen. Denn der soziale Kampf ist furchtbar bitter und heftig, wenn es um Nahrungsmittel, um Land, um die grundlegenden Arbeitsbedingungen, die elementaren Grundsätze der Erziehung und der Gesundheit, um grundlegende Menschenrechte und Freiheiten geht. Es gibt allerdings kein Beispiel dafür, daß Millionäre sich tagtäglich gegenseitig umgebracht hätten, um den Zugang zu den Stränden der Bahamas nur für sich allein zu haben, oder daß Weltkriege ausgebrochen wären um Bilder alter Meister oder gar um den Zugang zur Chicagoer Börse (so schmerzlich es auch immer sein mag. wenn man das nicht hat und es haben möchte). Es können sogar gelegentliche politische Intrigen, massenhafte Korruption oder sogar Mord eingesetzt werden, um Konflikte über die Zuteilung „knapper Ressourcen" zu lösen. Aber solchen Streit kann man nicht vergleichen mit den Schrecken der irischen Hungersnot, der großen Depression oder des indischen Kastensystems. Würden Konflikte, die durch Hungersnot, Arbeitslosigkeit und Diskriminierung hervorgerufen werden, verschwinden, dann hätten wir eine andere Welt, mit anderen Verhaltensweisen und einer anderen Geisteshaltung. Wenn der „Besitztrieb" sich auf Luxusgüter beschränkt und der Konkurrenzkampf sich um kubanische Zigarren dreht, dann hat das eine grundsätzlich andere Qualität als heutzutage. Es steht außer Zweifel, daß eine solche Welt für 99% der Erdbewohner eine bessere Welt wäre.
Tyrannei über die Bedürfnisse?
Dennoch wird es einige geben, die diese Schlußfolgerungen ablehnen. Denn sobald wir den Begriff „Rangordnung der menschlichen Bedürfnisse gebrauchen, was bedeutet, daß einige von ihnen einen höheren Stellenwert besitzen als andere, kommt ein schrecklicher Verdacht auf insbesondere aufgrund der bürokratisch zentralisierten, d.h. bürokratisch gelenkten und miserabel geleiteten Wirtschaftssysteme unserer Tage. Mit welchem Recht, im Namen welcher Autorität und mit welch unmenschlichen Ergebnissen könenn solche „Prioritäten" den Menschen aufgezwungen werden? Ist das nicht ein „Weg in die Sklaverei"*?
Das ist ein Argument, das Sozialisten, die sich für die menschliche Emanzipation, d.h. die Freiheit, mehr engagieren als die Verfechter jeder anderen Philosophie oder politischen Theorie, sehr ernst nehmen müssen. Es ist wichtig, damit sorgfältig und gewissenhaft umzugehen. In einer von Nove empfohlenen Veröffentlichung, Diktatur über die Bedürfnisse" klagt Ferenc Feher die Herrscher in der UdSSR, China und Osteuropa rundheraus an, sie praktizierten eine absolute Tyrannei über die Bedürfnisse der jeweiligen Bevölkerung. Der Standpunkt, den er vertritt, hat durchaus etwas für sich. Er ist aber auch einseitig, denn er enthält einen wichtigen eigenen Widerspruch. Die Quelle dieses Widerspruchs liegt in einer Auffassung, die in den Werken nicht nur von Ferenc Feher und Agnes Heller, sondern auch von Ota Sik, Branko Horvath, Wlodimierz Brus und vielen anderen Verteidigern einer „sozialistischen Marktwirtschaft,,^ immer wiederkehre Es ist kein Zufall, daß der gleiche Begriff auch in den Schriften der theoretisch anspruchsvolleren und intellektuell konsequenten Neo-Liberalen zu finden ist, so etwa bei von Mises, Hayek oder Friedman. Der Begriff, um den es geht, ist der der „gesellschaftlich anerkannten Bedürfnisse" . Für alle diese Theoretiker, was immer auch ihre sonstigen, größeren Differenzen sein mögen, bildet die Knappheit der Ressourcen die Grundlage, auf der die Wirtschaftstheorie — jede Wirtschaftsheorie - zu fußen hat. Knappheit von Ressourcen bedeutet jedoch automatisch, daß nicht alle individuellen Bedürfnisse befriedigt werden können. Das ist die stillschweigende Voraussetzung, die sich hinter der Formel „gesellschaftlich anerkannte Bedürfnisse" versteckt: die individuellen Bedürfnisse werden nicht automatisch von der Gesellschaft anerkannt. Das gilt für die Marktwirtschaft ebenso wie für die Planwirtschaft. Die Tyrannei ist also unvermeidlich. Die einzige Frage ist, welche spezifische Form sie annimmt und welche gesellschaftspolitischen Folgen daraus jeweils entstehen. Formen und Folgen
Für Liberale und Verfechter der „sozialistischen Marktwirtschaft" scheint es in gleicher Weise offensichtlich, daß der Despotismus des Marktes - die „Rationierung über den Geldbeutel" - für das Individuum weniger schmerzlich und für die persönliche Freiheit weniger schädlich ist als der Despotismus des Plans - oder schlicht die Rationierung. Das erscheint durchaus überzeugend, wenn man besondere Extreme auf der nördlichen Halbkugel - z.B. die Rationierung über Einkommensunterschiede im Wohlfahrtsstaat Schweden mit der Rationierung über den Gosplan im Rußland unter Stalin vergleicht. Aber solche Extreme sind historisch cher die Ausnahme denn die Regel. Nimmt man jedoch den historischen Durchschnitt der kapitalistischen Rationierung über Marktbeziehungen und Einkommensunterschiede, der sich durch große Massenarmut und extreme Ungleichheit der Einkommen auszeichnet (das ist der Durchschnitt der gesamten kapitalistischen Welt in den letzten 150 bis 200 Jahren), dann sieht die Schlußfolgerung ganz anders aus.
Je weniger die Grundbedürfnisse über die Einkommensverteilung befriedigt werden, desto gleichgültiger werden den Menschen auch die besonderen Formen, die dieser Mangel an Befriedigung annimmt. Nachrichtenagenturen berichteten kürzlich, ein katholischer Priester in Santiago habe festgestellt, nach der letzten Abwertung des chilenischen Peso hätten die Armen in der Stadt (das sind mehr als 50% der Einwohner der Hauptstadt) nicht einmal mehr Brot von ihrem Geld kaufen können. Milton Friedman und die Chicago Boys hätten Schwierigkeiten, sie davon zu überzeugen, daß sie „freier" sind als Bürger der DDR, die nicht unter dem Mangel an den wichtigsten Lebensmitteln leiden, gleich welche Tyrannei auch immer über ihre anderen, weniger grundlegenden Bedürfnisse ausgeübt werden mag. Das heutige Afrika liefert ein anderes Beispiel für die Bestätigung dieser Wahrheit. Wenn der Sahel von Hungersnot verwüstet wird, wer würde dann die Verteilung von Nahrungsmitteln an Verhungernde durch physische Rationierung als „diktatorische Zuteilung" verurteilen, weil sie sie zu „Sklaven" machte, während es sie „freier" machte, wenn die Nahrungsmittel an sie verkauft würden? Wenn in Bangladesh eine schwere Epidemie ausbricht, wird dann die direkte Verteilung von Medikamenten im Vergleich zum Verkauf von Medikamenten über den Markt als schädlich empfunden? In Wirklichkeit ist es sehr viel billiger und vernünftiger, Grundbedürfnisse nicht über den indirekten Weg der Zuteilung über den Markt und den Geldbeutel zu befriedigen, und statt dessen über die direkte Verteilung, oder Umverteilung, aller vorhandenen Lebensmittel.
Geld- und Marktverhältnisse erweisen sich hingegen als vorteilhafte Instrumente, um eine größere Verbraucherfreiheit in dem Maße zu ermöglichen, wie die
Grundbedürfnisse bereits befriedigt sind. Denn Verbraucherfreiheit bedeutet Auswahlmöglichkeit für den Verbraucher. und wenn es um wirklich grundlegende Bedürfnisse geht, hat der Verbraucher eben keine Wahl. Im allgemeinen „wählt" man nicht zwischen Grundschule und einem zweiten Fernseher, zwischen Gesundheitsversorgung und einem Perserteppich. Geld ist als Instrument der Verbraucherfreiheit nur wirkungsvoll, wenn man zwischen relativ überflüssigen mus gefolgt und haben die Probleme des Konsums in den Mittelpunkt gestellt. Aber das ist natürlich recht einseitig. Denn die Durchschnittsbürger eines industriell fortgeschrittenen Landes sind nicht nur und sogar nicht einmal vorwiegend Verbraucher; das gilt für den größten Teil der Erwachsenen. Sie sind immer noch vor allem Produzenten. Sie verbringen immer noch neun bis zehn Stunden pro Tag, fünf Tage in der Woche damit, zu arbeiten und zur Arbeit und wieder nach Menschen sich einem solchen Zwang unterwerfen, nur damit 50 oder gar nur 20% der Mitbürger zehn Prozent mehr „Konsumbefriedigung" haben? Aber genau dazu zwingt sie die Marktwirtschaft, wenn sie nicht hilflos oder unfähig werden wollen, für ihre Familie und sich selbst zu sorgen. Ist das wert, den Preis der völligen Entfremdung im Produktionsprozeß zu zahlen? Das geringste, das sich dazu sagen läßt, ist, daß das noch lang nicht bewiesen ist. Wäre es nicht besser, auf • Dingen zu entscheiden hat, wenn es einen hohen Grad an Einkommensgleichheit gibt. Als Mittel, um die Grundrichtung der Zuteilung gesellschaftlicher Mittel zu bestimmen, ist Geld sowohl ungerecht als auch unwirksam.
Wenn eine Gesellschaft demokratisch entscheidet, bei der Zuteilung der Ressourcen der Befriedigung der Grundbedürfnisse Priorität einzuräumen, verringert sie automatisch dadurch die verfügbaren Mittel für die Befriedigung zweitrangiger Luxusbedürfnisse. In diesem Sinn wird man einer „Diktatur über die Bedürfnisse" nicht entkommen, solange wie unbefriedigte Bedürfnisse nicht eine völlig randständige Erscheinung geworden sind. Aber gerade hier offenbaren sich die politischen Vorzüge des Sozialismus. Denn man muß sich fragen, ob es gerecht ist, die Grundbedürfnisse von Millionen den zweitrangigen Bedürfnissen von Zehntausenden zu opfern! Diese Frage wird nicht gestellt, um die Frustration der gehobeneren Bedürfnisse zu predigen, die mit der Entwicklung der Industriellen Revolution entstanden sind. Das Ziel des Sozialismus ist die allmähliche Befriedigung von immer mehr Bedürfnissen, nicht allein die Beschränkung auf die grundlegenden Bedürfnisse. Marx war niemals ein Anwalt von Asketentum und Sparpolitik. Im Gegenteil, die Auffassung von einer vollentwickelten Persönlichkeit, die seiner Vision des Kommunismus zugrundeliegt, geht von einer großen Mannigfaltigkeit menschlicher Bedürfnisse und ihrer Befriedigung aus, nicht von einer Verengung unserer Bedürfnisse auf lebensnotwendige Nahrungsmittel und auf Wohnraum. Das Absterben der Markt- und Geldverhältnisse, das Marx vorausgesagt hat, bedeutet eine allmähliche Ausweitung des Prinzips der Zuweisung von Mitteln zur Befriedigung dieser Bedürfnisse ex ante auf eine stetig wachsende Zahl von Gütern und Dienstleistungen, in einer größeren, nicht geringeren Mannigfaltigkeit, als sie heute unter dem Kapitalismus existiert. IV. Tyrannei über Produzenten
Bis hierher sind wir Alec Nove und anderen Kritikern des Marxschen Sozialis- Hause zu fahren. Wenn die meisten Menalles in allem sechs Stunden für Konsum, Ruhezeit, Erholung, Sexualleben und gesellschaftliche Beziehungen.
An dieser Stelle ergibt sich ein zweifacher Zwang, mit dem sich die Verfechter der „Konsumfreiheit" schwer tun. Denn je mehr man die Zahl der zu befriedigenden Bedürfnisse einer gegebenen Bevölkerung steigert, desto größer ist die Arbeitsbelastung, die man dem Produzenten bei einem gegebenen Niveau der Technologie und der Arbeitsorganisation abverlangt. Wenn Entscheidungen hinsichtlich der Arbeitsbelastung nicht bewußt und demokratisch von den Produzenten selbst getroffen werden, dann werden sie ihnen aufgezwungen: entweder durch unmenschliche Arbeitsgesetze wie unter Stalin oder durch die unbarmherzigen Gesetze des Arbeitsmarktes mit seinen Millionen Erwerbslosen, die es heute gibt. Sicherlich muß sich ein Anwalt einer gerechteren, humaneren Gesellschaft von dieser Tyrannei über die Produzenten ebenso abgestoßen fühlen wie von der Tyrannei über die Verbraucher. Denn das System der ,,Belohnung und Bestrafung"* das den Markt beherrscht und von den Linken heutzutage so naiv gepriesen wird, ist nichts anderes als die kaum verhüllte Tyrannei über die Zeit und die Leistungen des Produzenten und damit über sein ganzes Leben.
Dieses System von „Belohnung und Bestrafung" bezieht sich nicht nur auf höhere bzw. niedrigere Einkommen, auf „bessere" bzw. „schlechtere" Arbeitsplätze. Es bezieht sich auch auf periodische Entlassungen, auf das Elend der Arbeitslosigkeit (einschließlich des demoralisierenden Gefühls, ein nutzloses Mitglied der Gesellschaft zu sein), auf die Beschleunigung des Arbeitstempos, die Unterwerfung unter das Diktat der Stoppuhr und des Fließbands, die Autorität und Divisi nd physische Gesundheins churden, Geräuschbelästigungen, Entfremdung von jeglicher Kenntnis über den Produktionsprozeß als Ganzes, auf die Verwandlung der Menschen in Anhängsel von Maschinen und Computern. Warum sollte es natürlich sein, daß Millionen den Betamax, den Zweitwagen (vielleicht sogar den Erstwagen, wenn angemessene öffentliche Verkehrsmittel zur Verfügung stehen), auf das elektrische Fleischmesser zu verzichten und dafür zehn Stunden pro Woche weniger zu arbeiten, mit bedeutend weniger Streß - wenn dadurch die Befriedigung der Grundbedürfnisse nicht gefährdet wird? Wer weiß, wie die Produzenten entscheiden würden, wenn sie wirklich die freie Wahl hätten, d.h. wenn die Alternative nicht lautete: Einschränkung der Befriedigung der Grundbedürfnisse oder katastrophale Zunahme der Existenzverunsicherung?
In einer Marktwirtschaft, d.h. in jeder auf den Markt orientierten Wirtschaft, wie "gemischt" sie auch immer sein mag, einschließlich der „sozialistischen Marktwirtschaft" - können die Produzenten diese Entscheidung nicht nach freiem Ermessen treffen. Sie wird hinter ihrem Rücken gefällt, entweder weil die Unternehmer an ihrer Stelle entscheiden, oder weil es „objektive Gesetze" gibt, auf die sie keinen Einfluß haben. Doch diese Tyrannei ist keineswegs schicksalshaft. Der vermeintliche Kaiser ist tatsächlich ohne Kleider. Es gibt keinen zwingenden Grund, der die Produzenten in einer freien Gesellschaft daran hindern könnte zu sagen: „Wir sind eine Million Menschen. Wenn wir zwanzig Stunden in der Woche arbeiten und dabei zwanzig Millionen Stunden damit zubringen, eine gegebene Ausrüstung zu gebrauchen bei einer gegebenen Arbeitsorganisation, dann sind wir in der Lage, beim jetzigen Stand und für die absehbare Zukunft die Menge X an Grundbedürfnissen zu befriedigen, nicht mehr und nicht weniger! Wir können versuchen, durch Rationalisierung unserer Technik und unserer Arbeitsorganisation diese Arbeitslast in den nächsten zwanzig Jahren auf sechzehn Stunden wöchentlich zu reduzieren. Das hat für uns absolute Priorität. Es gibt zwar noch weitere Bedürfnisse zu befriedigen, aber wir sind nicht bereit, z.Zt. fünf Stunden wöchentlich, und in zwanzig Jahren vier Stunden wöchentlich zusätzlich für die Befriedigung dieser zusätzlichen Bedürfnisse zu arbeiten. Somit legen wir heute eine gesetzliche Wochenarbeitszeit von fünfundzwanzig Stunden und eine wöchentliche Tarifarbeitszeit von zwanzig Stunden fest, die innerhalb der nächsten
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