Zahlreiche Faktoren sind es, die es der schiitischen Hierarchie ermöglicht haben, eine führende Position in der Massenbewegung gegen den Schah zu erringen. Der wichtigste liegt in der Krise der politischen Führung im Iran. Das muß sowohl im konjunkturellen als auch im historischen Sinn verstanden werden. Mit Ausnahme der kurzen Periode während der Konstitutionellen Revolution (1906), als sich ein erster sozialistischer Kern bildete, und der allerersten Jahre der politischen Arbeit der KP (1920) hat es eine Arbeiterpartei, die einen gewissen Einfluß auf die politischen Entwicklungen im Iran hätte ausüben können, nicht gegeben. ... Als die Kremlbürokratie Anfang der 40er Jahre zur Gründung der Tudeh-Partei verhalf, zwang sie diese, sich nicht als Arbeiterpartei zu definieren....
Als nach dem II. Weltkrieg die antiimperialistische Bewegung einen kräftigen Aufschwung erfuhr und die Massen forderten,daß die dem Imperialismus zugestandenen kolonialen Konzessionen vor allem im Erdölsektor annulliert würden, organisierte die Tudeh-Partei Demonstrationen dafür, daß der Sowjetunion Erdölkonzessionen gemacht würden. ... Diese Politik hatte zur Konsequenz, daß die von Mossadegh geführte Nationale Front, eine bürgerliche Formation, sich an die Spitze der Massenbewegung setzte. ...
Die objektiven Bedingungen wie auch die politische Entwicklung der jüngsten Zeit, insbesondere nach der „Weißen Revolution" des Schah, führten dazu, daß religiöse Führer sich zu einer Alternative aufbauen konnten. Bereits 1979 nach dem Putsch von 1953 bildeten einige bürgerliche Politiker Oppositionszirkel, die sich auf den Islam beriefen. Anfang der 60cr Jahre, als die vom Imperialismus unterstützten „Reformen" durchgeführt wurden, fand sich die religiöse Hierarchie zum erstenmal an der Spitze der Opposition. Weder die Tudeh-Partei noch die Nationale Front organisierten einen ernsthaften Kampf gegen diese „Reformen" Die religiöse Opposition mit Khomeini an der Spitze organisierte im Juni 1963 Massenmobilisierungen in ciner Reihe von wichtigen Städten. Die Demonstrationen wurden von der Armee blutig unterdrückt. Tausende von Demonstranten wurden getötet, religiöse Führer verhaftet und Khomeini ins Exil geschickt. ... Die schiitische Opposition mit ihrer Verbindung zum Basar und zum Kleinbürgertum, das durch diese Reformen direkt gefährdet war, bekämpfte fast instinktiv die Weiße Revolution". Heute, nach 15 Jahren Erfahrung, sind die verheerenden Ergebnisse dieser Reformen" offensichtlich für jeden. Was den Massen in Erinnerung ist, das sind nicht die besonderen Gründe, die Khomeini Anfang der 60cr Jahre in die Opposition gegen den Schah und seine Politik trieben, sondern daß er dies von Anfang an standhaft tat.
In der Stunde des Sturzes des Schah erscheint Khomeini radikaler als die Tudeh-Partei und die Nationale Front. ... Er widersetzt sich jedem Kompromiß mit dem Monarchen. Die Nationale Front hingegen verlangt nur die „Rückkehr zur Konstitutionellen Monarchie" Bis zur Verhängung des Kriegsrechts im September 1978 begnügte sich die Tudeh-Partei mit der Forderung nach ,,Bildung einer Regierung der Nationalen Koalition', bei der auch Teile der herrschenden Klasse, die gegen den Schah sind, mitmachen sollten. ... Schließlich muß man auch berücksichtigen, daß die Massenbewegung unter den Bedingungen der scharfen Repression die Moscheen als Versammlungszentren und Orte politischer Arbeit nutzen konnten.
1980