Inprekorr 1971–1992

Archiv der Internationalen Pressekorrespondenz der IV. Internationale

Inprekorr 1987: Frankreich

Erneuerer in der KPF

Inprekorr Nr. 200, Februar 1988 · S. 33-47 · 12.003 Wörter

Frankreich Nahost und Palästina Griechenland und Türkei

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in der KPF aus einem Interview mit einem führenden Mitglied der französischen Sektion der IV.Internationale

Seit November/Dezember gibt es tatsächlich eine Wende in der politischen Situation Frankreichs. Sie zeichnet sich vor allem durch einen neuen Aufschwung der Massenbewegung. zum anderen durch Anzeichen einer politischen Krise aus, die die Regierung Chirac geschwächt hat. ...

Die Studenten waren die ersten, die die neuen Form der Organisation des Kampfs aufgebracht haben. Von dort aus hat sie sich auf die Eisenbahner und auch auf andere Sektoren ausgeweitet. Die Arbeiter haben dies aufge griffen, weil sie gesehen haben, daß es ihnen die Möglichkeit bot, ihre Spaltung zu überwinden und die Einheit im Kampf herzustellen. ... Die Gewerkschaftsapparate haben ihre Kontrolle über die Mitgliederbasis stark eingebüßt. Dies ist vor allem Folge der Unterordnung der Gewerkschaftsführungen unter die Politik der Linksregierung in den Jahren 1981-86 und ihrer Anpassung an die Krise und die Forderungen der Unternehmer nach einer auf Wettbewerbsfähigkeit orientierten Wirtschaftspolitik.... In den Betrieben und Büros hat dies Raum geschaffen für neuen Formen der Selbstorganisation neben den Gewerkschaften. ... Die heutige Krise der KPF zeichnet sich dadurch aus, daß die Opposition sowohl Mitglieder in den kommunalen Apparaten der KP umfaßt, als auch solche, die eine kämpferische und auf Einheit orientierte Gewerkschaftspolitik suchen, als auch solche, die einfach die spalterische, sektiererische Politik der KP gegenüber den anderen politische Kräften ablehnen. ... Die Opposition ist zur Zeit sehr heterogen. Sie nennt sich aber insgesamt die Erneuerer" und hat ein Manifest veröffentlicht. das wir unter dem Strich positiv bewerten, weil es eine Entwicklung nach links ausdrückt.

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mer versucht, zwei Momente miteinander zu verbinden: die politische Berichterstattung und die Analyse der Ereignisse aus der Sicht engagierter Revolutionärinnen, die mit der analytischen Erfassung der Wirklichkeit auch eine Handlungsorientierung verbunden wissen wollen. Die Tatsache, daß viele dieser Artikel von Aktivisten und Aktivistinnen aus den jeweiligen Ländern geschrieben wurden, die eine aktive Rolle im Klassenkampf ihres Landes spielten und sich dennoch dem gemeinsamen Ziel Resolutionen der IV. Inter nationale Peru Iran Serie Teil des Aufbaus einer revolutionären Masseninternationale verpflichtet fühlten, hat dies erleichtert. Die Zeitschrift Inprekorr hat immer gro- Ben Wert darauf gelegt, daß das Ziel der sozialistischen Revolution ein Ziel ist, an dem von der Arbeiterklasse in den verschiedenen Ländern und Kontinenten gemeinsam gearbeitet werden muß; die strategischen und taktischen Fragen, die sich jeweils stellen, auch für die Arbeiterbewegung in anderen Länder relevant sind. Aus dieser Sichtweise, daß der revolutionäre Prozeß bei allen Unterschieden in der nationalen Form eine Einheit darstellt, ergibt sich das Bestreben, die Ereignisse des Klassenkampfs nicht jeweils isoliert voneinander zu sehen, sondern aus ihnen das herauszufiltern, was sich verallgemeinern und an Lehren auf andere Länder und andere Situationen übertragen läßt. Dieses Bemühen ist bis heute charakteristisch geblieben für die Analysen, die in Inprekorr angestellt werden. In diesem Sinne stellen viele Artikel einen Beitrag zur Erarbeitung einer politischen Strategie dar. Das wird auch an der Auswahl ersichtlich, die wir in diesem Extra dokumentieren. Wenn man die Artikel heute noch einmal nachliest, kann man nicht umhin festzustellen, daß viele von ihnen ihre Aktualität bewahrt haben. Sie haben auch heute nicht nur ein historisches, sondern auch ein politisches Interesse. Das liegt an ihrem doppelten Charakter: einerseits Ergebnis sorgfältiger politischer Recherchen zu sein, die ohne Scheuklappen und relativ vorurteilsfrei getätigt wurden; andererseits Element in einer umfassenderep Strategiediskussion zu sein. Zu diesen Artikeln gehören u.a. die Lehren aus dem Vietnamkrieg, die Analyse von Maos Rolle in der Kulturrevolution, die Lehren aus den chilenischen Ereignissen, das Programm der Selbstverwaltung von Solidarnosc, usw. Nur einmal, in den Jahren 1974-75, hatte In- Wir haben uns bemüht, die Entwicklung von prekorr den Ehrgeiz, es der französisch— und Inprekorr durch eine Auswahl von Artikeln zu englischsprachigen Ausgabe gleichzutun und dokumentieren, die in dieser Zeitschrift erin einem vierzehntägigen Rhythmus zu er- schienen sind. Zwangsläufig fällt diese Ausscheinen. Dies fiel zusammen mit einer Phase, wahl sehr subjektiv aus: wir können nicht einin der das Internationale Zentrum in Paris eine mal den Anspruch erheben, daß auch nur die beachtliche Verstärkung seiner personellen wichtigsten Klassenkampfereignisse der letzund materiellen Ressourcen erfuhr. Der Rück- ten 17 Jahre, oder die wichtigsten Ereignisse, gang der Klassenkämpfe, der den Hoffnungen zu denen Inprekorr ausführliche Analysen geauf einen raschen Sieg der Revolution auch im bracht hat, hier aufgenommen worden wären. kapitalistischen Europa ein Ende setzte, hat Wichtige Bruchpunkt wie der Tod Francos, die auch hier in der zweiten Hälfte der 70cr Jahre portugiesische Revolution, der Sturz der Milieine Verlinderung bewirkt. Der Rhythmus der tärdiktatur in Griechenland, die Entwicklung deutschsprachigen Inprekorr, die zeitweise in in Südasien, breite Teile des schwarzen Konti- Paris erstellt wurde, konnte nicht gehalten nents, die Klassenkampfentwicklung in Japan, werden. Phasen des unregelmäßigen Erschei- um nur einige zu nennen, bleiben völlig ausgenens wechselten sich ab mit Phasen der monatlichen Herausgabe der Zeitung.

Zu einem größeren Einbruch in der Konzeption der Zeitung kam es aber erst 1985, als die GIM ihr damaliges theoretisches Organ, die INPREKORR internationale, nicht mehr halten konnte und mit der Einlage der gelben Innenseiten versuchte, dafür einen Ersatz zu schaffen. Seither Solidarnosé-Linke hat sich Inprekorr bemüht, noch mehr Gewicht MANIE MOE formiert sich darauf zu legen, einen Beitrag zur politischen Debatte und Strategie zu leisten. Heute geht es dabei allerdings nicht mehr hauptsächlich um gute Propaganda für die IV.Internationale, sondern darum, daß die IV.Internationale als wellenländer Teil der revolutionären Kräfte, in Zusammenarbeit und in Diskussion mit ihnen ihren Bei- Tauwetter in trag zu leisten versucht. Die Darstellung der Lateinamerika Erfahrung anderer und die Diskussion darüber nimmt entsprechend größeren Raum ein. Dies gilt sowohl für die Reflexion über die Strategiedebatte auf den Philippinen, als auch für die Darstellung der Debatten innerhalb der polnischen Solidarnosc, der Charta 77 u.a. Größeren Raum nimmt heute auch die Auseinandersetzung mit den Aufbauprojekten und —erfahrungen anderer Sektionen ein, die verstärkt auf die nationalen Gegebenheiten reagieren und blendet. Wir mußten verschiedene Kriterien zugleich berücksichtigen: die klassenpolitische Bedeutung des Ereignisses, der Stellenwert dessen, was Inprekorr dazu zu sagen hatte, die Dokumentation von Aktivitäten der IV.Internationale selbst, Beiträge zur Entwicklung MIRR programmatischer Positionen, Stellungnahmen zu wichtigen Debatten innerhalb der Linken (wie um Kambodscha). Oft haben wir uns davon leiten lassen, welche Fragen in der westdeutschen Linken eine besondere Rolle gespielt haben.

Alles in allem hoffen wir jedoch, daß aus diesen Beiträgen ein Bild entsteht über das, was die IV. Internationale politisch zu sagen hat und was die Aktualität ihrer politischen Positionen ausmacht.

entsprechend unterschiedliche Erfahrungen machen. In diesem Sinne reflektiert Inprekorr ein verändertes Selbstverständnis der IV. Internationale, was die Zeitschrift heute offener und interessanter macht für politische Strömungen außerhalb der Reihen der IV. Interna-

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Jahre schrittweise eingeführt wird, auch wenn dies bedeutet, daß dann einige Bedürfnisse unberücksichtigt bleiben." Durch welchen Grundsatz der „Fairness" , der Gerechtigkeit", der .,Demokratie" oder der „Menschlichkeit" kann den Produzenten das souveräne Recht verwehrt werden, darüber zu befinden, wieviel Zeit und Mühe sie der Befriedigung von Konsumwünschen opfern sollen? V. Objektive informelle Kooperation

Nove befaßt sich nicht direkt mit dieser Frage. Aber er wird sicher erwidern, daß sein Buch eine unausgesprochene Antwort auf diese Frage enthält. In Die Ökonomie des machbaren Sozialismus" argumentiert er, obwohl der Markt Nachteile habe, sei die einzige Alternative dazu — im Sinne einer geschlossenen, wirtschaftlich organisierenden Kraft — eine mächtige zentralisierte Bürokratie. Das ist ein Leitmotiv seines Buches. Aber es ist ein dogmatisches Vorurteil, das bislang unbewiesen geblieben ist. Tatsächlich kann empirisch nachgewiesen werden, daß diese Behauptung sich gerade heute in Ost und West zunehmend als unwahr herausstellt, noch bevor eine dem Marxismus adäquate Form von Sozialismus verwirklicht worden ist. Nove hat übersehen, daß weder der Markt noch zentralisierte bürokratische Planer den zunchmenden Widerspruch zwischen der objektiven Vergesellschaftung der Arbeit und der fortbestehenden Zersplitterung der Entscheidungsgewalt in den Griff bekommen. Was törichte und irrationale Systeme am Zusammenbruch hindert, ist die Tatsache, daß dieser Widerspruch in Wirklichkeit täglich millionenfach durch Akte der objektiven informellen Kooperation umgangen wird.

Was meinen wir damit? Um zu verstehen, worum es hier geht, muß man einen wichtigen Unterschied machen. Geldbeziehungen sind nicht einfach identisch mit Marktbeziehungen; sie können quasioder pseudo-Marktbeziehungen sein. In solchen Fällen verbirgt sich hinter derselben monetären Form ein ganz unterschiedlicher Inhalt. Eine Marktwirtschaft wird von Preisschwankungen geleitet. Die „,Wirtschaftsagenten" , gleich ob Verbraucher oder Firmen, reagieren auf Signale des Marktes. Wenn es keine solche Reaktion gibt, dann ist es schwierig zu beweisen, daß das Signal ökonomisch relevant war (es sei denn, es handelt sich um ein Axiom, das keines Beweises bedarf, d.h. ein verhülltes Dogma). Aber was sagen uns diesbezüglich die Untersuchungen über das heutige Verbraucherverhalten und über den Konsum der Arbeiterklasse in den fortgeschrittenen Ländern? Sie zeigen, daß die große Mehrzahl der laufend produzierten Güter im Laden oder beim Versandhandel gekauft werden, unabhängig von den Schwankungen der Preise. Es ist nicht übertrieben zu sagen. daß dieses Verhalten auf mindestens 80% des Konsums der Durchschnittsverbraucher zutrifft.

Keine gewöhnliche Preisfluktuation wird den normalen Kunden veranlassen, plötzlich seinen Bäcker, Lebensmittelhändler, den Bus, die U-Bahn, seinen Friseur, Supermarkt oder Kurzwarenhändler zu wechseln, geschweige die Schule der Kinder oder das Krankenhaus. Der gewöhnliche Käufer läuft nicht von einem Obsthändler zum anderen, um herauszufinden, wo das Pfund Äpfel fünf Pfennige billiger ist. Seine Zeit (und vielfach auch seine Gewohnheit, sein Wunsch, mit ihm bekannten Verkäufern oder anderen Kunden zu plaudern) ist ihm mehr wert als diese geringen Preisdifferenzen. Nur wenn wirtschaftliche Katastrophen eintreten (z.B. die Ölpreise um 300% steigen oder das Einkommen infolge Arbeitslosigkeit um 30% sinkt) ist es üblich, daß sich das Verbraucherverhalten ändert und auf die Marktsignale reagiert; aber selbst dann betrifft dies bei weitem nicht alle Güter und Dienstleistungen. Das beweist, daß marktunabhängiges Verhalten in vielen Bereichen des täglichen Wirtschaftens die Überhand über marktorientierte Reaktionen gewonnen hat. Sogar in Arbeitervierteln wird mit Argwohn reagiert, wenn Apfel plötzlich billiger angeboten werden (geringere Qualität?" , „ein Reklametrick?"); von diesen Früchten werden weniger, nicht mehr verkauft als von den etwas teureren. Eine relativ bescheidene Preiserhöhung bei Pauschalreisen, um sagen wir 10%, kann die Ausgaben für den Urlaub eher fördern als drosseln, solange Einkommen und Beschäftigung unverändert bleiben.

Wirtschaftliche Beziehungen dieser Art sind weder typisch für eine wirkliche Marktwirtschaft noch für eine bürokratisch zentralisierte Planwirtschaft. Sic sind einfach elementare Formen spontaner Kooperation. Sie können oft über Jahre, wenn nicht Jahrzehnte relativ stabil bleiben. Natürlich sind sie veränderbar, je nach dem Belieben des Individuums oder des Haushalts; das geschieht oft, aber ohne daß von außen ein Zwang ausgeübt wird, der solche Veränderungen diktierte, oder daß dies große wirtschaftliche Konsequenzen hätte. Das gleiche gilt für viele Lieferungen von Firma zu Firma. Die emsige Suche unter einer Vielzahl von Lieferanten nach dem, der die Materialrechnung um 5% verbilligt, rentiert sich für eine große Firma nicht, wenn ihr Lieferant erfahrungsgemäß angemessene Lieferfristen und eine ordentliche Qualität der Ware garantiert; kleine Preisunterschiede werden dadurch mehr als ausgeglichen. In dieser Art und Weise werden heute die meisten Geschäfte in den kapitalistischen und in den sog. sozialistischen Ländern abgewickelt.

Ein Einwand

Nun mag man einwenden: diese Millionen Akte freiwilliger Kooperation, die weder von Marktsignalen, noch von bürokratischen Direktiven gesteuert werden. werden dennoch ermöglicht und gestützt durch die mächtigen Kräfte der wirtschaftlichen Zentralisierung. sei es der Markt oder die Planung. Routinemäßiges Zusammenwirken reguliert nur relativ kleine dezentrale Handlungen, aber nicht solche von hohem Zentralisationsgrad. Dieser Einwand enthält ein Stück Wahrheit. Es ist jedoch geringer, als es auf den ersten Blick ausschen mag. Seine Aussagekraft beruht auf dem Gegensatz zwi schen sagen wir einerseits Millionen Kunden, die gewöhnlich in einen kleinen Laden oder Supermarkt gehen, um dort ihre Kondensmilch zu kaufen, ohne mit Adleraugen auf geringfügige Preisänderungen zu achten, die sie veranlassen könnten. die Milch in einem anderen Laden billiger zu kaufen; und andererseits der Firma Nestlé oder Carnation, die durch die Kräfte des Marktes gezwungen sind, tatsächlich mit Adleraugen über die Produktionskosten und Gewinne bei der Herstellung der Kondensmilch zu achten, bei Strafe des Bankrotts. Hat hier nicht der Markt gerade die beiden Giganten gezwungen zu fusionieren, oder war es nicht der Markt?

Nun, Nestlé hat ein eigenes Vertriebsnetz mit tausenden von Einzelhandelsgeschäften, das völlig durchrationalisiert ist. Der Ausstoß an Dosenmilch wird hochgradig automatisiert und standardisiert sein. Der Markt greift kaum in ökonomisch relevanter Weise in diesen Ablauf ein, da Nestlé als Monopolunternehmen die Preise auf der Basis der durchschnittlichen Produktionskosten plus einer vorher festgelegten Gewinnmarge diktieren kann. Die Leute brauchen in jedem Fall Milch und sie konsumieren sie in mehr oder weniger feststehenden Mengen, sodaß die einzige wirtschaftlich bedeutsame Frage die ist, wie hoch der Teil des Nationaleinkommens (oder der nationalen Ausgaben) ist, der für Milch ausgegeben wird, und welcher Anteil an produktiven Ressourcen für die Produktion und Verteilung von Milch unter optimalen Bedingungen der Ernährung und Hygiene zur Verfügung steht. Angesichts der bereits gegebenen hochentwikkelten Technik sind alle anderen Schwan-

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kungen belanglos.

Ein noch eindrucksvolleres Beispiel liefert die Energiewirtschaft. Ein nationales Energienetz - z.B. das internationale Energienetz der EG incl. einiger Anrainerstaaten - funktioniert reibungslos auch ohne Markt und ohne zentrale Bürokratie. Die geringen Schwankungen im Bedarf an elektrischer Energie können anhand von Statistiken ganz genau ausgeglichen werden. Die Höchstlast zu bestimmten Zeiten des Jahres ist im voraus bekannt. Ausreichende Reserven gegen die Gefahr eines plötzlichen Zusammenbruchs des Netzes oder eines sprunghaft ansteigenden Bedarfs können bereit gehalten werden. Das Ergebnis ist, daß für eine dauerhafte Versorgung von Millionen von Abnehmern mit Strom weder Marktkräfte noch eine aufgeblähte Bürokratie benötigt werden. Sie kann weitgehend von Computern anhand der verfügbaren Daten errechnet werden®. Die Preisgestaltung" dieser Ware wird zunchmend irrational (zumindest für private Verbraucher und mittlere Unternehmen, während die wenigen industriellen Großverbraucher von Elektrizität ohne weiteres mehr zahlen könnten). Wenn sie abgeschafft würde, könnten bis 90% der in der Energiewirtschaft tätigen Bürokraten in Ost und West entlassen werden.

Solche Fälle können nicht für alle Güter und Dienstleistungen in jeder Branche, Industrie oder in jedem Bereich der Gesellschaft verallgemeinert werden. Einige Probleme der Zentralisierung sind derart, daß Entscheidungsgremien tatsächlich nicht durch Routine ersetzbar sind. Die grobe Aufteilung der wirtschaftlichen Ressourcen (auf nationaler und internationaler Ebene) zwischen den verschiedenen Tätigkeitsfeldern und Bereichen der Gesellschaft muß bewußt durch eine entsprechende Instanz erfolgen. Aber gerade der Trend zu einer zunehmend umfangreichen de facto-Kooperation zwischen einfachen Leuten, die sich parallel zur objektiven Vergesellschaftung der Arbeit entwickelt hat, zeigt, daß es zwischen der Scylla der blinden Marktkräfte und der Charybdis einer überzentralisierten Bürokratie einen Ausweg gibt: die demokratisch zentralisierte, organisierte Selbstverwaltung auf der Grundlage bewußter und freier Kooperation.

VI. Innovation und Motivation

Idealisierung von Routine und Gewohn- Führt diese „dritte Lösung" nicht zur heit und damit zur wirtschaftlichen Stagnation? Gewiß nicht im Bereich der Produktion, wo das Interesse der Produzenten für die Minderung ihrer Arbeitslast und die Verbesserung der menschlichen Umwelt einen inneren Antrieb zur Kostensenkung darstellt. Vielleicht würde die Nachfrage nach neuen Konsumgütern sinken. Eine Änderung der Warenströme wäre an sich kein großes Unglück, denn auch die reichsten Verbraucher haben früher glücklich gelebt ohne elektronische Spiele und Autotelefon. Nur Misanthropen können den relativen Fortschritt und das Heil der Menschheit daran messen, daß die Bürger eine wachsende Menge zunehmend nutzloser Dinge konsumieren. Eine sozialistische Demokratie wird einen Zuwachs an Zivilisation bringen, nicht einfach mehr Konsum, d.h. ein Mehr an sinnvollen menschlichen Aktivitäten und Beziehungen: in der Erziehung der Kinder und der Massenbildung, der Fürsorge für

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die Kranken und Behinderten, der kreativen Arbeit, der Pflege von Kunst und Wissenschaft, der Erfahrung der Liebe, der Erforschung der Erde und des Universums. Wäre eine Gesellschaft, die dem Kampf gegen Krebs und Herzkrankheiten höchste Priorität cinräumt, die sich mehr um das Studium der Entwicklung des Charakters und der Intelligenz der Kinder kümmert, die sich um das Verständnis und den Abbau von Neurosen und Psychosen bemüht, langweilig und reizlos verglichen mit der angeblich freudvollen, dynamischen Welt, in der wir heute leben? Ist die Freiheit, bei geistiger und körperlicher Gesundheit länger zu leben, weniger wichtig als die Freiheit, einen zweiten Fernscher zu kaufen?

Das Fehlen der Konkurrenz bedeutet nicht notwendig einen Mangel an Innovationen im Produktionsprozeß. In der bisherigen Geschichte wurden die meisten entscheidenden Entdeckungen und Erfindungen ganz ohne kommerziellen Anstoß gemacht. Es gab noch keinen Profit, als das Feuer zum erstenmal konserviert wurde. Landwirtschaft und Metallurgie wurden nicht durch den Markt entwickelt. Der Buchdruck wurde nicht erfunden, um damit Gewinn zu machen. Die meisten gro- Ben Fortschritte in der Medizin - von Jenner bis Pasteur, von Koch bis Fleming - wurden nicht von der Hoffnung auf eine finanzielle Belohnung angeregt. ° Der Elektromotor wurde im Labor einer Universität und nicht eines Unternchmens entwickelt. Sogar der Computer, geschweige die Raumfahrt, waren ursprünglich für öffentliche (wenngleich militärische) Nutzung gedacht, nicht für die Bereicherung privater Anteilseigner. Es gibt nicht den geringsten Grund anzunehmen, daß das Absterben der Marktbeziehungen und finanzieller Belohnung zum Verschwinden von technischen Neuerungen führen würde. Denn deren Impulse liegen viel tiefer als der gewinnsüchtige Wettbewerb: nämlich in der natürlichen Neigung der einfachen Produzenten, Arbeit zu sparen, und in der ungezwungenen wissenschaftlichen Neugier der Menschen. Ebensowenig ist die weitverbreitete Meinung begründet, daß soziale Gleichheit ein Hindernis für wirtschaftliche Effizienz sei. Im israelischen Kibbuz läßt sich ohne weiteres der Nachweis für das Gegenteil finden; dort wächst heute eine dritte Generation von Menschen in einer Umgebung auf, die sowohl in der Produktion wie auch im Verbrauch grundsätzlich keine Geldbeziehungen kennt. Natürlich ist der Kibbuz keine sozialistische Gemeinschaft. Im Gegenteil, er ist ein militärisches Siedlerdorf, das als kolonialistischer Keil gegen das palästinensische Volk gedient hat, mit all den damit verbundenen Spannungen und Korruption. Außerdem ist der Kibbuz in eine kapitalistische Wirtschaft eingebettet, die ihn subventioniert und nach außen zunehmend verflicht mit Lohn— und Kapitalbeziehungen. Aber gerade wegen dieser ungünstigen äußeren Bedingungen ist es umso bemerkenswerter, daß die Abschaffung von Geld- und Marktbeziehungen allein schon zu vielen sozio-ökonomischen Ergebnissen im Kibbuz geführt hat, die Marx und Engels vorausgesagt haben. Trotz des völligen Verschwindens finanzieller Belohnung und Bestrafung produzieren die Menschen im Kibbuz normal, und in Wirklichkeit leisten sie im Durchschnitt mehr als die umliegende Marktwirtschaft. Es gibt keine neue ,,nicht-monetäre" Form der ökonomischen Ungleichheit, Privilegien, Ausbeutung oder Unterdrückung. Gewalt und Verbrechen sind fast völlig verschwunden. Es gibt keine Gefängnisse oder ,,Umerziehungslager". Der durchschnittliche Zustand der Gesundheit, Kultur und des Wohlstands ist viel besser als in der restlichen israclischen Gesellschaft. Es besteht unbegrenzte politische und kulturelle Freiheit. All das wird nicht nur von Anhängern des Kibbuz-Systems bestätigt, sondern auch von sehr kritischen Beobachtern wie dem Psychoanalytiker Bruno Bettelheim, dem Liberalen Dieter Zimmer oder dem Soziologen Melford Sipro?. Natürlich gibt es viele Konflikte zwischen den Generationen und Geschlechtern, das zum einen. Der Kibbuz ist keine erfüllte Utopie. Individualistische Neigungen und individuelles Verhalten sind infolge der sozio-ökonomischen Gleichheit durchaus nicht verschwunden. Warum sollten sie? Das non plus ultra in der Entwicklung einer klassenlosen Gesellschaft ist nicht die Gleichheit der Individuen, sondern die größtmögliche Entfaltung der größtmöglichen Anzahl von Individuen. Das Ziel des Sozialismus ist nicht so sehr die Sozialisierung des Menschen, sondern die Vermenschlichung der Gesellschaft - die umfassendste Entwicklung der einmaligen Persönlichkeit eines jeden Individuums. VII. Organisierte Selbstverwaltung Die Motivation — zur Wirtschaftlichkeit, Kooperation und Innovation - ist also für die sozialistische Demokratie kein unlösbares Problem. Größere Schwierigkeit bereitet die Institutionalisierung der Volkssouveränität als solche. Wie kann ein Maximum an Konsumbefriedigung mit einem Minimum an Arbeitsbelastung der Produzenten verbunden werden? Alec Nove verweist zurecht auf diesen Widerspruch, den kein ernsthafter Marxist leugnen wird. Aber diesen Widerspruch zur Kenntnis nehmen - daß man nicht unendlich Güter und Dienstleistungen bereitstellen kann, wenn die wöchentliche Arbeitszeit sich gegen 1 oder 0 Stunden bewegt, es sei denn mithilfe einer noch in der fernen Zukunft liegenden „totalen" Automatisierung - bedeutet nicht, daß man die Befriedigung der Konsumwünsche aller Menschen nicht beträchtlich steigern kann, bei gleichzeitiger spürbarer Verminderung der Arbeitslast und -entfremdung für die unmittelbaren Produzenten. Ein System organisierter Selbstverwaltung könnte dieses Ziel weitgehend erreichen. Seine grundlegenden Mechanismen und Institutionen würden folgendermaßen funktionieren:

Regelmäßig — sagen wir der Einfachheit halber einmal jährlich - tagende Kongresse nationaler (und sobald wie möglich internationaler) Arbeiter- und Volksräte würden anhand vorliegender Alternativen, die zuvor anläßlich der Wahlen zu diesen Kongressen von allen Bürgern diskutiert wurden, die grobe Verteilung des Nationalprodukts festlegen. Die Entscheidungen, d.h. die wichtigsten voraussehbaren Folgen jeder Option würden deutlich herausgearbeitet: die damit verbundene durchschnittliche Arbeitsbelastung (die Länge der Wochenarbeitszeit); die vorrangigen Bedürfnisse, die mittels einer gesicherten Zuteilung der Ressourcen (ihrer „freien" Verteilung) zu befriedigen sind; der Umfang der für das „Wachstum" bereitzustellenden Mittel (ein Reservefond + dem Konsum der zuwachsenden Bevölkerung + den Nettoinvestitionen infolge der technologischen Entscheidungen, die ebenfalls deutlich her-

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ausgearbeitet werden müssen); der Umfang der für die nicht wesentlichen" Güter und Dienstleistungen bereitzustellenden Ressourcen, die über den Markt verteilt würden. Der globale Rahmen des Wirtschaftsplans wird dabei durch eine bewußte Auswahl von einer Mehrheit der Betroffenen abgesteckt.

Ausgehend von den so getroffenen Entscheidungen würde dann der allgemeine Plan erstellt, wobei man sich der inputoutput-Tabellen und der Materialaufstellungen bedienen kann, die für jeden Produktionszweig (Industriesektoren, Transportwesen, Landwirtschaft und Distribution) und für das gesellschaftliche Leben (Erziehung, Gesundheit, Nachrichtenwesen, Verteidigung, falls noch erforderlich, usw.) die zur Verfügung stehenden Ressourcen angeben. Der nationale und internationale Kongreß würde diesen allgemeinen Rahmen nicht überschreiten und würde keine besonderen Festlegungen für die einzelnen Branchen oder Produktionseinheiten oder Regionen treffen. Die Selbstverwaltungorgane - z.B. Arbeiterräte und Kongresse in der Schuh-, Lebensmittel—, Elektro- und Stahlindustrie oder Energiewirtschaft - würden handenen Produktionseinheiten verteilen und/oder die zusätzlich zu schaffenden Produktionseinheiten für die nächste Periode planen, wenn die Verwirklichung der Produktionsziele bei dem gegebenen Arbeitseinsatz dies erforderlich macht. Sie würden den technologischen Durchschnittsstandard für die Produktion der Güter herausfinden, also die durchschnittliche Arbeitsproduktivität oder durchschnittlichen „Produktionskosten" (und damit schrittweise auf der Grundlage des bestehenden Wissens an das technische Optimum herankommen). Sie würden jedoch die Einheiten mit der niedrigsten Produktivität solange nicht schließen, wie der gesamte Ausstoß in den anderen Einheiten nicht die Gesamtmenge der Bedürfnisse deckt, und solange nicht neue Arbeitsplätze für die Produzenten unter für sie zufriedenstellenden Bedingungen garantiert sind.

In den Einheiten, die Produktionsmittel herstellen, würde die Produktionspalette weitgehend von den technischen Vorgaben bestimmt, die sich aus den vorangegangenen Entscheidungen ergeben haben. In den Fabriken, die Konsumgüter herstellen, würde der Produktionsumfang durch vorhergehende Beratung zwischen Arbeiterräten und den von der Masse der Bürger demokratisch gewählten Verbraucherversammlungen ermittelt. Ihnen würden verschiedene Modelle vorgelegt, z.B. veschiedene Schuhmodelle, die von den Verbrauchern begutachtet, kritisiert und durch andere ersetzt werden könnten. Ausstellungsräume und öffentliche Anschlagtafeln wären die Hauptinstrumente für solche Verbrauchertests. Es könnte eine Art „Referendum" stattfinden, indem ein Verbraucher, der Anspruch auf sechs Paar Schuhe im Jahr hat, sechs Modelle auf einer Liste ankreuzt, die einhundert oder zweihundert Wahlmöglichkeiten aufweist. Das Modellangebot würde vom Ausgang dieses Referendums bestimmt und zusätzlich ein Mechanismus eingebaut, der die Produktion im Nachhinein der Verbraucherkritik aussetzt. Verglichen mit dem Marktmechanismus hat dieses System den großen Vorteil, daß der Verbraucher einen viel größeren Einfluß auf das Produktionsangebot hat und daß Überproduktion vermieden wird. Der Ausgleich zwischen den Verbraucherwünschen und der Produktion erfolgt vor der Produktion, nicht nach dem Verkauf, wobei zusätzlich eine gesellschaftliche Reserve produziert würde, die als Nachfragepuffer auf Lager genommen wird und deren Größenordnung nach einigen Jahren empirisch (statistisch) optimal bestimmt werden kann. Die Arbeiterräte in den Betrieben wären dann frei, diese Branchenentscheidungen nach ihrem Belieben auf die Ebene ihrer Produktionseinheiten zu übertragen und die Produktion und den Arbeitsprozeß so zu organisieren, daß sie dabei die für sie größtmögliche Arbeitszeitökonomie realisieren können. Wenn sie das Produktionsziel in 20 Stunden pro Woche statt 30 Stunden erreichen, können sie sich nach Überprüfung der Qualität der von ihnen hergestellten Güter eine entsprechende Herabsetzung der Arbeitszeit leisten, ohne daß der gesellschaftliche Verbrauch eingeschränkt werden muß.

Die Überlegenheit der Selbstverwaltung

Alec Nove vermerkt an einer Stelle: „In keiner Gesellschaft ist es möglich, daß eine gewählte Versammlung mit 115 zu 73 Stimmen darüber entscheidet, wem 10t Leder zuzuteilen sind, oder ob weitere 100t Schwefelsäure hergestellt werden sollen. "8 In unserem Modell der organisierten Selbstverwaltung hätte keine Versammlung zwei derartige Entscheidungen zur gleichen Zeit zu treffen; und keine „zentrale" Versammlung oder Planungsgruppe sähe sich vor solche Entscheidungen gestellt. Aber aus welchem Grund sollte ein Kongreß von Arbeiterräten der Lederindustrie nicht mehrheitlich (oder nach vorheriger Diskussion einstimmig über die Zuteilung von Leder entscheiden können (ob die Entscheidung über so kleine Mengen, wie sie in dem Beispiel angeführt sind, dem Fabrikrat überlassen bleiben sollte, ist eine andere Frage). nachdem das Verbraucherziel für Ledererzeugnisse zuvor von anderen Organen festgelegt wurde? Warum könnte er nicht die Gesamtmenge von sagen wir 50.000 t jährlich produziertem Leder auf mehrere Betriebe verteilen (wie es heute ein Leder verarbeitender Konzern auch tut), indem er jeder Produktionseinheit ihre „Kunden" zuweist (d.h. die Endverbraucher der geforderten Mengen an Leder)? Wären die Delegierten eines solchen Kongresses in der Tat nicht besser in der Lage, eine solche Zuteilung vorzunehmen als irgendein Technokrat oder Computer, weil sie ihre Branche besser kennen und eine Menge von Imponderabilien berücksichtigen können, die kein Markt und keine zentrale Stelle in ihre Kalkulation einbeziehen kann, bestenfalls durch Zufall?

Tatsächlich geschehen bei der Zuteilung der Ressourcen ständig riesige „Fehler" die eine aufgeschlossene Arbeiterversammlung niemals machen würde. Kapitalistische Planer haben die Baukosten des Itaipu-Staudamms in Brasilien mit fünf Milliarden Dollar veranschlagt. Nach dem heutigen Stand kostet er achtzehn Mrd. Dollar, und der Staudamm ist noch nicht fertig. Der Landwirtschaftsmaschinenkonzern John Deere mußte trotz der scharfen Konkurrenz neue Produkte mehrmals neu zeichnen, wegen der immer wieder auftretenden Diskrepanz. zwischen den fachlichen Kenntnissen und Interessen der Konstrukteure und den in der Produktion tätigen Ingenieuren. In der gegenwärtigen Rezession hat die bayrische Automobilfirma BMW plötzlich entdeckt, daß man die Lagerbestände von einem elf- Tage-Ausstoß auf einen fünf-Tage-Ausstoß reduzieren konnte, d.h. mehr als 50%. Solche Beispiele ließen sich nach Belieben vermehren.

Nationale Selbstverwaltungsorgane können darüberhinaus die Leitung der öffentlichen Dienste übernehmen: Wohnung, Erziehung, Gesundheit, Nachrichtenwesen, Transport und Distribution. Auch hier würden die betroffenen Bürger Räte wählen, die zu konsultieren wären, bevor endgültige Beschlüsse gefaßt werden. Regionale und lokale Organe würden die zugeteilten Ressourcen ausgeben und zwar unter Entfaltung wiederum eines Maximums an freier Initiative, um den besten Gebrauch davon zu machen, einerseits im Interesse der Befriedigung der Verbraucherwünsche, andererseits der Verringerung der Arbeitsbelastung der Produzenten. Ein solches System würde die Marxsche Vorstellung vom Absterben des Staates mit konkretem Inhalt füllen. Dadurch würde es möglich, daß mit einem Schlag mindestens die Hälfte der heute amtierenden Minister durch Selbstverwaltungsor-

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gane ersetzt würden. Die Folge wäre au- Berdem eine radikale Verminderung der Zahl der Beamten, einschließlich derer in den Planungsbehörden. Das würde zugleich bedeuten, daß buchstäblich Millionen von Menschen nicht nur ,,konsultiert" werden, sondern tatsächlich an den Entscheidungen und an der direkten Leitung von Wirtschaft und Gesellschaft mitwirken. Die gesellschaftliche Arbeitsteilung zwischen denen, die verwalten, und denen, die verwaltet werden - zwischen Bossen und Untergebenen - würde anfangen zu verschwinden.

Die Verwaltung würde nicht mehr auf der „zentralen Ebene" monopolisiert und das Selbstmanagement bliebe nicht auf die betriebliche Ebene beschränkt. Beide würden sich auf der zentralen und auf der lokalen Ebene miteinander vermischen. Die meisten an der Entscheidungsfindung beteiligten Bürger würden diese Tätigkeit nicht als Beruf ausüben und dabei ihre ganze Zeit auf Versammlungen oder auf Reisen zu diesen verbringen. Da die anstehenden Entscheidungen ihr Wohlergehen und ihre Arbeitsbedingungen direkt betreffen, kann man annehmen, daß sie ihre Verantwortung nicht formal oder indifferent wahrnehmen würden, sondern daß sie sich ihrer Aufgabe ernsthaft widmeten. Die Herabsetzung der Arbeitszeit und das Informations- und Kommunikationspotential der Computer würde die wichtigste materielle Grundlage für eine erfolgreiche Streuung der Macht liefern® Wie müßte das zusätzliche Geldeinkommen der produzierenden und verteilenden Einheiten über ihren garantierten Anteil an freien Gütern und Dienstleistungen hinaus kalkuliert werden? Es könnte einem Index der Qualitätskontrolle und der Zufriedenstellung der Verbraucher folgen, der einen Koeffizienten für Arbeitsstreß enthält ( besonders in Bergwerken und an anderen Arbeitsplätzen, wo schwere Arbeit verrichtet wird, die eine höhere Entlohnung erfordert). Für Zwischenprodukte wäre die pünktliche Lieferung ein Bestandteil dieses Index. Der Vorteil eines solchen Systems läge darin, daß es keine eingebauten Hindernisse für einen ehrlichen Informationsfluß über die Ressourcen und Kapazitäten der Produktions- und Distributionseinheiten enthielte, da die die Selbstverwaltung ausübenden Arbeiter kein Interesse daran haben, die Fakten zu verschleieren. Nove macht einen starken Einwand gegen die Vorstellung geltend, ein ehrlicher Informationsfluß könne selbstverständlich sein. Aber er übersieht, daß die Hauptursache für die Verwendung falscher Daten in Gesellschaften wie der Sowjetunion die materiellen Interessen der Fabrikdirektoren sind, die auf einen bestimmten materiellen Produktionsausstoß festgelegt sind. Man kann die Folgen nicht vermeiden, wenn man die Ursachen nicht unterbindet. Hinzu kommt natürlich noch, daß ein computerisierter Informationsfluß, der den Güterstrom begleitet, auf lange Sicht zur Eingabe korrekter Daten für eine demokratisch zentralisierte Planung zwingt. Wie könnte solch ein System im Weltmaßstab ausschen? Zunächst muß man betonen, daß demokratische Selbstverwaltung nicht bedeutet, daß jeder über alles entscheidet. Nimmt man das an, ist die Schlußfolgerung offensichtlich: Sozialismus ist nicht möglich. Denn Milliarden Menschen können in ihrer Lebenszeit nicht einmal einen Bruchteil der alle Menschen betreffenden Angelegenheiten in ihrem Sinne regeln. Das ist aber auch nicht nötig. Einige Entscheidungen können am besten auf der Ebene von Abteilungen getroffen werden, andere auf der des Betriebs, wieder andere auf der der Stadtteile, Ortschaften, Regionen, Kontinente und wieder andere schließlich weltweit. In der Auseinandersetzung mit Nove dreht sich unsere Diskussion bisher hauptsächlich um die nationale Ebene. Welche Entscheidungen könnten und sollten aber im weltweiten Maßstab getroffen werden? Hier bieten sich sofort vier Entscheidungsfelder an. Das erste umfaßt sämtliche Entscheidungen, die eine globale Umverteilung der menschlichen und materiellen Ressourcen bedeuten, zur schleunigen Beseitigung der sozialen und kulturellen Mißstände, die die Ursache für Unterentwicklung, Hunger, Kindersterblichkeit, Krankheit und Analphabetismus in der Dritten Welt sind.

Das zweite wäre die Festlegung der Prioritäten für die Zuteilung wirklich knapper natürlicher Ressourcen, solcher Ressourcen, die absolut zu versiegen drohen und die keine Minderheit der Menschheit das Recht hat, den kommenden Generationen zu rauben: hierüber kann nur die Gesamtheit der heute lebenden Weltbevölkerung von rechts wegen entscheiden.

Das dritte betrifft alles, was die natürliche Umwelt und das Klima auf dem Planeten als ganzes beeinträchtigt.: all jene Prozesse, die die Meere verschmutzen oder umkippen lassen können, die Polargebiete und die Atmosphäre gefährden oder das ökologische Gleichgewicht in solchen, für die gesamte Welt wichtigen Regionen zerstören wie die Amazonaswälder. Schließlich müßte natürlich ein universelles Verbot der Herstellung von Massenvernichtungswaffen, toxischen Drogen u.ä. erlassen werden.

Aus diesen globalen Bestimmungen ergeben sich Zwänge für die Zuteilung der kontinentalen und nationalen Ressourcen, die dann noch verfügbar bleiben für die Planung und Erfüllung der Bedürfnisse; diese wiederum muß jeder Kontinent und jedes Land selbst festlegen. So wären z.B. nach der Festlegung der Tonnen Stahl, die jeweils für Amerika, Europa oder Asien zur Verfügung stehen, die Produzenten und Konsumenten auf diesen Kontinenten frei, die jeweiligen Kontingente nach ihren eigenen Beschlüssen weiter aufzuteilen. Würden sie trotz aller Argumente über Umwelt- und andere Schäden an der Priorität für Privatautos festhalten wollen, die weiterhin ihre Städte verpesten würden, müßten sie hierzu berechtigt sein. Änderungen im eingefleischten Verbraucherverhalten vollzichen sich im allgemeinen nur langsam. Kaum jemand wird glauben, daß die Arbeiter in den USA am Tag nach der sozialistischen Revolution ihre Vorliebe für das Privatauto aufgeben werden. Das Ansinnen, Menschen zu zwingen, ihr Verbraucherverhalten zu ändern, ist weitaus schlimmer, als einige Jahrzehnte lang den Smog in Los Angeles zu ertragen. Die Emanzipation der Arbeiterklasse, die allen gegenteiligen Ansichten zum Trotz zum erstenmal in der Geschichte der Menschheit die absolute Mehrheit der Weltbevölkerung ausmacht, kann nur durch die Arbeiter selbst erreicht werden, und zwar so, wie sie sind: nicht Menschen aus einer anderen Welt, sondern Menschen mit ihren Schwächen, wie wir sie alle haben.

Der Aufbau des Sozialismus

Solch ein Komplex bewußter Zuteilung von Ressourcen, demokratisch zentralisierter Planung und Selbstverwaltung wäre viel wirkungsvoller als eine (monopolkapitalistische) Marktwirtschaft oder eine (bürokratisch zentralisierte) Befehlswirtschaft. Denn es gäbe dann einen machtvollen, eingebauten Mechanismus der Selbstkorrektur von Fehlentscheidungen, den es in den beiden heute vorhandenen Alternativen nicht gibt. Wir glauben nicht, daß „die Mehrheit immer recht hat" , ebensowenig wie wir glauben, daß der Führer, der Papst oder die Partei immer recht haben. Fehler macht jeder. Das gilt auch für die Mehrheit der Bürger, der Produzenten und ebenso für die Mehrheit der Verbraucher. Aber es wird einen grundlegenden Unterschied zwischen ihnen und früheren Mehrheiten geben. In jedem System mit ungleicher Machtverteilung — gleich ob diese auf wirtschaftlicher Ungleichheit, politischem Monopol oder einer Kombination von beiden beruht — bezahlen die, die falsche Entscheidungen über die Zuteilung von Ressourcen treffen, selten den Preis für die Folgen ihrer Fehlentscheidung; niemals zahlen sie den höchsten Preis.

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Wenn Vorstandsmitglieder einer großen Monopolgesellschaft über eine wichtige Investition entscheiden, die sich einige Jahre später nicht auszahlt, werden sie nicht selbst zu Empfängern von Arbeitslosenunterstützung und ihre Wohngebiete verfallen nicht. Aber die Arbeiter, die sie entlassen haben und deren Wohngebiete erleiden genau dieses Schicksal, obwohl sie an der Entscheidung völlig unschuldig sind. Genauso müssen weder die Mitglicder des Präsidiums der KPdSU, noch des Ministerrats noch die Verantwortlichen für den Gosplan auf den Genuß von Fleisch verzichten, wenn sie eine Fehlentscheidung in der Landwirtschaftspolitik treffen, während Millionen Menschen jahrelang an mangelhafter Ernährung leiden und ganze Gebiete verseucht oder zerstört werden können. Im Gegensatz hierzu werden die Masse der Produzenten und Konsumenten, wenn sie eine Fehlentscheidung bezüglich der Zuteilung der Ressourcen getroffen haben, die ersten sein, die für ihren Irrtum zu bezahlen haben. Vorausgesetzt es gibt eine wirkliche politische Demokratie, cine wirkliche kulturelle Wahl- und Informationsmöglichkeit, ist schwerlich anzunchmen, daß sie lieber ihre Wälder dahinsiechen, ihren Verbrauch an Fleisch sinken, ihren Wohnraum zerfallen, ihre Krankenhäuser ohne ausreichendes Personal lassen, als die falsche Zuteilung von Mitteln rasch zu korrigieren.

Das System, das wir beschrieben haben, wäre noch nicht der „reine Sozialismus" den Marx und Engels sich vorgestellt haben. Es wäre immer noch eine Übergangsgesellschaft zum Sozialismus obwohl sie tatsächlich und definitiv auf dem Weg zum Sozialismus wäre und nicht auf dem in eine unbekannte Zukunft oder zurück zum Kapitalismus. Denn es würde immer noch ein Bereich bestehen bleiben, der vom Geld und vom Markt beherrscht wird. Private und genossenschaftliche Unternehmen würden in der Kleinproduktion weiterbestehen (Landwirtschaft, Handwerk, Dienstleistungen, usw.). Privates Unternehmertum wäre nicht verboten. Da alle Bürger ein gesichertes Mindestniveau an Verbrauch hätten, gäbe es keine wirtschaftliche Notwendigkeit, die eigene Arbeitskraft an diese Unternehmer zu verkaufen; Arbeitsverträge mit ihnen wären also wirklich freiwillig. Die „Arbeit auf eigene Rechnung"* könnte zunehmen, wenn Bürger eine Ausstattung an Heimwerkzeugen bekommen, die es ihnen ermöglicht, Dinge für ihren eigenen Bedarf oder den ihrer Familien, ihrer Freunde und Nachbarn herzustellen, und zwar in ihrer Freizeit. Autos, die alle gleich aussehen, machen die Städte häßlich. Sie könnten anders aussehen, wenn die Autobesitzer schöpferische Maler würden und ihre Phantasie darauf verwendeten, ihre Autokarosserien entsprechend zu gestalten. Der Bereich praktischer „do-it-yourself"-Initiativen würde sich erheblich ausweiten.

VIII. Gemischte Wirtschaft ist doppeltes Elend

Alec Nove hat ein Modell eines machbaren Sozialismus vorgeschlagen, das sich aus fünf Segmenten zusammensetzt: cine Kombination von staatlichen, vergesellschafteten, genossenschaftlichen, kleinen privaten und individuellen Unternehmen 1°. Auf den ersten Blick mag der Unterschied zwischen diesem Schema und dem Modell, das wir gerade skizziert haben, relativ geringfügig erscheinen. Doch obwohl sich die Modelle in einigen Punkten überschneiden, weichen sie in drei Punkten wesentlich voneinander ab. Der erste betrifft den Charakter der vorherrschenden Produktions— bzw. Distributionsweise. Für Nove bedeutet individuelle Kostenberechnung auch individuelle Rentabilität der Einheiten. D.h. die Einkommen der jeweiligen Gruppen oder Personen sollen abhängen von der rechnerischen Differenz zwischen den Kosten von Input und Output (in Geld oder Wert ausgedrückt). Mit anderen Worten: diese Einheiten sind unabhängige Firmen. Damit sind wir nicht einverstanden. Unserer Ansicht nach bedeutet das, das Einkommen der Gruppen oder Personen an den „Profit" zu binden, und damit mächtige Impulse wirtschaftlicher Irrationalität fortbestehen zu lassen, die sich gesellschaftlich verheerend auswirken können, da zahlreiche Entscheidungen in Abhängigkeit von besonderen, partiellen Interessen getroffen werden. Aus dem gleichen Grund glauben wir nicht, daß Übereinkünfte zwischen Produzenten und Konsumenten auf Belohnung oder Bestrafung mit Geld beruhen sollten. Anders ausgedrückt: wirkliche Marktverhältnisse, also Warenaustausch, der in Geldform abgewickelt wird, sollte im wesentlichen begrenzt sein auf die Beziehungen zwischen dem privaten bzw. genossenschaftlichen Bereich einerseits und dem individuellen Verbraucher bzw. dem vergesellschafteten Bereich andererseits. Das würde bedeuten. daß in den fortgeschrittenen Industrieländern solche Marktbeziehungen nur ein untergeordnetes Gewicht hätten im Verhältnis zum gesamten Ausstoß und Verbrauch. Die Dynamik des Übergangs würde sich in Richtung auf das Absterben der Warenproduktion bewegen, nicht in Richtung auf ihre Ausweitung.

Zweitens macht Alec Nove einen Unterschied zwischen dem zentralisierten „staatlichen Sektor", wo der Umfang des Einsatzes der Technik und ihre Kompliziertheit seiner Meinung nach eine Selbstverwaltung der Produzenten unmöglich machen, und cinem „vergesellschafteten Sektor* von Unternehmen mit einer weniger aufwendigen Produktion, wo eine solche Selbstverwaltung eingeführt werden könnte. Er scheint auch anzunehmen, daß Einkommensunterschiede in beiden Sektoren unerläßlich wären: möglicherweise gelte das auch für den genossenschaftlichen Bereich. So schreibt er: Einkommensunterschiede (eine Art Arbeitsmarkt) sind die einzig bekannte Alternative zur Lenkung der Arbeit durch Befehle. Es ist wichtig. hier eine geistige Konfusion zu vermeiden: manche mögen cinwenden, daß es innerhalb einer Kommune oder eines Kibbuz völlige Gleichheit oder auch Rotation der Arbeit geben kann ... Das kann man aber nicht auf die ganze Gesellschaft übertragen, zum Teil deshalb, weil dies nur bei kleinen Einheiten möglich ist, wo die Anzahl der Menschen beschränkt ist, sie sich untereinander kennen und täglich treffen können; und zum Teil deshalb, weil solche Kommunen nur Enthusiasten anziehen, die eine solche Lebensform mögen.""!

Dies Argument entspricht scheinbar dem gesunden Menschenverstand, in Wirklichkeit beruht es auf einer Reihe von unbewiesenen Dogmen und Vorurteilen. Es stimmt nicht, daß es nur die Wahl gibt zwischen einer despotischen ,,Leitung der Arbeit" und einem Arbeitsmarkt. Kooperativ verteilt Arbeit ist eine echte Alternative. Noch auch ist es richtig, daß sich sehr große Einheiten nicht ohne Einkommensunterschiede verwalten lassen. Im 19. und im frühen 20. Jahrhundert wurden Gewerkschaften und Kirchen, die zehn— und hunderttausende Mitglieder umfaßten, oft von Menschen geleitet, die keine ernsthaften materiellen Privilegien dafür erhielten. Das trifft auch auf große wissenschaftliche Organisationen zu, darauf weist Alec Nove selbst hin, ganz zu schweigen von den großen Produktionsgenossenschaften. Nove weist zu Recht an anderer Stelle darauf hin, daß nur wenige Professoren lieber Müllmänner wären, auch wenn sie hierfür besser bezahlt würden. Das steht aber doch eher im Widerspruch zu seiner allgemeinen Annahme. Es ist ein Argument dafür, unangenehme, schmutzige oder Schwerarbeit, nicht Verwaltungstätigkeit oder Facharbeit besser zu entlohnen, vorausgesetzt, die Gesellschaft bezahlt für den Einsatz der Qualifikation.

Aber der vielleicht bedeutendste Fehler in Noves Argumentation liegt woanders. Er liegt in dem Gegensatz, den er zwischen „der kleinen Anzahl von Menschen" und der „Großorganisation"* annimmt. Denn es gibt nicht so etwas wie eine unstruktu-

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rierte, also atomisierte Großorganisation. Eine moderne Fabrik oder Bank, ein Hospital oder eine Hochschule sind sicher nichts dergleichen. Alle Einrichtungen dieser Art beruhen in Wirklichkeit auf kleinen Einheiten, die objektiv gesellschaftlich zusammenarbeiten: Arbeitsteams, Büros, Abteilungen, Klassen usw. Warum sollte es undenkbar sein, dal sich diese kleinen Einheiten selbst verwalten? Daß sie Delegierte wählen (auch solche, die rotieren), die dann größere Einheiten verwalten, die ihrerseits das Ganze verwalten? Die Voraussetzungen für demokratische Selbstverwaltung findet man in den Bedingungen, unter denen die heutigen Keimzellen bestehender undemokratischer Institutionen funktionieren: d.h. in den Arbeitsbeziehungen einer kleinen Anzahl von Leuten, die einander kennen, sich täglich treffen und einander brauchen, anders ausgedrückt: die ihre Arbeit ohne gegenseitige Zusammenarbeit überhaupt nicht verrichten können. Darum glauben wir im Gegensatz zu Alec Nove. daß der Wirkungsbereich der Selbstverwaltung grundsätzlich cher ein universeller als ein sektorieller ist, und daß der Anreiz durch Geld und materielle Privilegien nicht unverzichtbar, sondern cher hinderlich ist für eine demokratische Ausübung administrativer Aufgaben.

Der dritte grundlegende Unterschied zwischen Noves Modell und dem unsrigen betrifft die Rolle des Wettbewerbs. Nove ist sich der destruktiven und korrumpicrenden Auswirkungen des Konkurrenzkampfs im heutigen Kapitalismus bewußt. Er möchte dennoch den Geldanreiz im Sozialismus aufrechterhalten. Er argumentiert, man müsse zwischen gutartigen" und „unerwünschten" Formen des Wettbewerbs unterscheiden'2 . Aber die Beispiele, die er anführt, um diesen Unterschied zu verdeutlichen, beweisen in Wirklichkeit, welch geringe Bedeutung er im wirtschaftlichen Leben hat. Es ist offensichtlich, daß der „Wettbewerb" um einen Sitz im schottischen Nationalorchester, um den Sieg auf der Olympia-Bahn oder sogar um die Wahl in den Arbeiterrat eines ,,vergesellschafteten Dupont-Konzerns" mit dem Wettbewerb um den Verkauf von Erdöl, Stahl, Schwermaschinen, Flugzeugen oder Raketen auf dem Markt sehr wenig zu tun hat. Die erste Art von Wettbewerb" hat unseres Wissens nach noch nie Millionen Menschen Elend gebracht (sie hat sehr viel persönliches Leid gebracht — der Marxsche Sozialismus hat allerdings nie von sich behauptet, er könne alles individuelle Leid aufheben). Die zweite Art von Wettbewerb hingegen hat nicht nur immer wieder Massenerwerbslosigkeit und sinkenden Lebensstandard hervorgerufen, wenn nicht gar völlige Armut, sondern auch Kriege, die Millionen Tote kosteten.

Ein falsches Dilemma

Nove wird jedoch unfreiwillig spitzfindig, weil er der konventionellen Sicht des Marktes verhaftet bleibt. Die Kombination von „Markt" und Sozialismus" in seinem Denken verwickelt ihn unvermeidlich in verwirrende Widersprüche. Nove wirft wiederholt Marxisten eine utopische Vision des Sozialismus vor. Er sicht jedoch nicht, daß die von ihm benannten Voraussetzungen: eine höhere Stufe an freiwillig von Individuen übernommener, sozialer Verantwortung und zugleich gesellschaftliche Rahmenbedingungen, die von Wettbewerb, Geldentlohnung und materiellem Gewinn geprägt sind, in höchstem Maße utopisch sind. Sie erinnern abgemildert an die naive (oder zynische) Behauptung der sowjetischen Bürokratie, daß die UdSSR den neuen Menschen" schaffen kann unter Aufrechterhaltung gewaltiger Unterschiede im Einkommen und im Machteinfluß und bei fortbestehendem allgemeinem Streit um materielle Vorteile. Nove treibt es in seine Widersprüche, weil er Gefangener eines falschen Dilemmas ist. Die Logik seines Irrtums wird in folgender Passage deutlich: „Nehmen wir an, es gäbe sechzehn oder mehr Unternehmen (vergesellschaf-

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tete und genossenschaftliche), die das gleiche Produkt oder die gleiche Dienstleistung herstellen. Das mag ein Wolltuch, Zahnpasta, ein Kugellager, Urlaubshotels oder sonst etwas sein. Ihre Aktivität als Produzenten beruht auf Verhandlungen mit den Konsumenten. Letztere können wählen, von wem sie die Güter und Dienstleistungen anfordern. Alle können von ihrem Zulieferer, den sie wählen, die Güter erhalten, die für die Produktion nótig sind. Sie haben ein inhärentes Interesse ANZEIGE informationszentrum dritte welt - ix3w Schwerpunktthema:

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Einzelpreis DM 5,-: Jahresabo: DM 40,- (DM 30,- für einkommensschwache Gruppen) bei 8 Ausgaben im Jahr. Informationszentrum Dritte Welt, Postfach 5328. 7800 Freiburg daran, ihre Kunden zufriedenzustellen ... Wir können hoffen, daß die Motivation zum Wettbewerb nicht in erster Linie darin liegt, mehr Geld zu verdienen. ... Aber wir können nicht annehmen, daß die Masse der Bevölkerung nur um des Erfolgs willen handelt, und daß es keines materiellen Anreizes oder materieller Abschreckung bedarf."13 Mit dem ersten Teil der Argumentation stimmen wir völlig überein. Wir würden noch einschränkend hinzufügen, daß es für die meisten anspruchsvollen oder grö- Beren Ausrüstungsgüter keine sechzehn Lieferanten geben wird. Aber der zweite Teil folgt keineswegs logisch aus dem ersten. Er stellt eine Art Zusatz oder Nachtrag dar, steht aber mit dem ersten Teil in keinem Zusammenhang und entbehrt auch der Begründung. Nove tut so, als könnten Menschen entweder nur völlig uneigennützig handeln oder infolge eines finanziellen Anreizes. Diese Wahlmöglichkeit ist jedoch nicht erschöpfend. Warum soll es nicht Anreize oder Abschreckungen geben, die nicht auf Geld beruhen und keinen Marktcharakter tragen? Die alltägliche Erfahrung lehrt uns, daß diese sogar im Kapitalismus Bedeutung haben. Wenn über 99% der Autofahrer die Verkehrsampeln beachten, so doch nicht in erster Linie deshalb, weil sie der Geldstrafe entgehen wollen, die bei Übertretung dieses Gebots droht, sondern weil sie länger leben wollen. Dieser gesunde Selbsterhaltungstrieb ist durchaus verwandt mit einem anderen menschlichen Impuls: dem Wunsch, unangenehme, mechanische, langweilige und unschöpferische Arbeit zu reduzieren, — Arbeit, die nur vollbracht wird, um Verbrauchsgüter und Dienstleistungen zu beschaffen und die verlorene Lebenszeit bedeutet. Es gibt immer einen potentiellen Anreiz, die Arbeitsbelastung zu verringern, indem man die Arbeit besser organisiert - das ist ein sehr mächtiger Anreiz. Vor allem aber und darüberhinaus scheint Nove vergessen zu haben, daß auch eine „gesellschaftliche Dividende" einen Anreiz darstellen kann. Warum sollte eine zusätzliche Menge an kostenlos zugeteilten Gütern und Dienstleistungen nicht an die jährliche wirtschaftliche Gesamtleistung geknüpft werden und dies durch eine öffentliche Debatte und Telekommunikation publik gemacht werden? Wäre es nicht für alle Produzenten und Distributoren von Gütern ein Anreiz, die Quantität zu steigern, die Qualität der Leistungen zu verbessern und ihre Arbeitsorganisation zu rationalisieren, wenn eine bestimmte Steigerung des Güterausstoßes und der Dienstleistungen, die tatsächlich produziert und verbraucht werden, z.B. verbunden würde mit einer zusätzlichen Verlängerung des bezahlten Urlaubs und kostenloser Reisen für alle (wenn dies von der Mehrheit gewünscht wird)?

Nachdem Nove auf diese Weise einen künstlichen Gegensatz zwischen subjektiven Motivationen geschaffen hat, der ihn zwingt, den finanziellen Anreiz zu verteidigen, läßt er die objektiv irrationalen Folgen außer acht, die sich aus der Kombination einer verbreiteten Marktwirtschaft mit cinem Sektor kostenloser Güter und Dienstleistungen bei gesellschaftlichem Eigentum ergeben. Denn natürlich ist es so, wenn der Profit der grundlegende Mechanismus für die Zuteilung der Ressourcen bleibt, dann gibt es keinen Grund, warum die sich daraus ergebenden negativen Folgen, die im Kapitalismus so deutlich auftreten, nicht wieder auftauchen sollten. Es ist bezeichnend, daß Nove, wenn er auf die Risiken der Zuflucht zum finanziellen Anreiz aufmerksam macht, nur sehr geringfügige Beispiele dafür anführt, nicht die gewaltige Vergeudung, zu der die Produktion für den Profit führt: Überkapazitäten, Überproduktion, Arbeitslosigkeit, Vernichtung von Ausrüstungsgütern und Produkten. All diese typischen Erscheinungsformen beeinträchtigen Produzenten und Konsumenten zugleich viel ernstlicher als die angeblich überzogenen Kosten, die durch das Fehlen der „Disziplin von Gewinn und Verlust" entstehen. Diese Lehre erfährt man nicht nur tagtäglich unter dem Kapitalismus. 1 Man ertahrt sie auch schmerzlich in den nach-kapitalistischen Gesellschaften. Die praktische Erfahrung auch dort — vor allem in Jugoslawien und Polen, aber andere Beispiele werden noch folgen - beweist, daß Versuche, die Verzerrungen und die Unwirksamkeit der bürokratisch zentralisierten Planung durch verstärkte Zuflucht zu Marktmechanismen auszugleichen, nach einigen Anfangserfolgen nur zu einer wachsenden Kombination der Übel der Bürokratie mit denen des Marktes führen, wobei sie sich gegenseitig verstärken, nicht etwa abschwächen.

Dies wird auch für China gelten, obwohl China für die Befürworter eines ,,marktwirtschaftlichen Sozialismus* das günstigste Beispiel darstellt, denn je rückständiger ein Land, desto unerläßlicher bleiben Marktmechanismen, vor allem in der Landwirtschaft. Es gibt keinen Zweifel, daß die Überwindung der katastrophalen Fehler des „Großen Sprungs nach vorn" - ein völlig irrationaler und mystischer Begriff für den Versuch der sofortigen Einführung des Kommunismus - auf dem Land in China zu beträchtlichen Fortschritten geführt hat. Die Produktion und Produktivität sind in die Höhe geschnellt, auf dem Land wird jetzt ein wachsender Überschuß erzeugt. Das war das Ergebnis der Freisetzung gewaltiger produktiver Energien der chinesischen Bauernschaft, die wahrscheinlich fähigste

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Bauernschaft der Welt, mit einer zweitausend Jahre alten Tradition im intensiven Landbau, die in vielen Teilen Westeuropas, ganz zu schweigen von Osteuropa, nicht ihresgleichen hat. Aber der wachsende Uberschuß an Getreide wird zu einem wachsenden Überschuß an landwirtschaftlichen Arbeitskraften fuhren, da weniger Menschen mehr Nahrungsmittel erzeugen. Was wird mit dieser zusätzlichen Bevölkerung in fünfzehn, zwanzig oder dreißig Jahren sein? Bleibt sie dem Markt überlassen, führt das zu einem gewaltigen Anstieg der Arbeitslosigkeit in China — ein Problem, das in den Großstädten bereits empfindlich spürbar geworden ist. Nur eine geplante Industrialisierung kann diese überschüssige Bevölkerung auf dem Land absorbieren und nur eine demokratisch, nicht bürokratisch geplante Industrialisierung kann dies fertigbringen, ohne daß es zu solchen Erschütterungen auf dem Land kommt, wie sie die Zwangskollektivierung in der Sowjetunion darstellte, die wiederum selber ein panische Reaktion auf die Ausweitung der Marktverhältnisse in der Sowjetunion war.

In seiner Zusammenfassung aller negativen wirtschaftlichen Konsequenzen aus dem Markt bietet Nove eine positive, politisch rationale Erklärung dafür: daß der Markt die Entscheidungsgewalt streut und damit zu einem Bollwerk gegen die Tyrannei wird. Das ist natürlich die traditionelle liberale Rechtfertigung des Marktes. Aber auch in sozialistischem Gewand ist diese Auffassung nicht weniger falsch. Das wird daran deutlich, daß Nove zugleich erhebliche Einkommensunterscrede traus thate akten maliene Vorteile genießen, werden sie unvermeidlich versuchen, diese in einen dauerhaften Besitztitel umzuwandeln, d.h. sich an sie zu klammern samt allem wirtschaftlich irrationalen und politisch repressiven Verhalten, das damit verbunden ist. Die Macht neigt zum Monopol. Die Streuung von Macht, für die Nove eintritt, kann nur verwirklicht werden, wenn ihre Ausübung : von Privilegien getrennt wird. Das ist kein Glaubenssatz, sondern eine empirische Tatsache, die sich aus der gesamten schriftlich überlieferten Geschichte der Menschheit ergibt. Wenn Macht und Privileg zusammenfallen, dann ist die Konsequenz daraus die Entfernung von der Demokratie und die Tendenz zum Monopol der Information und des Wissens und der Kontrolle durch eine Minderheit. Nove möchte einen demokratischen Sozialismus. Wenn er aber für Geld als Form der Entlohnung von administrativen Leistungen eintritt, dann ist es kein Zufall, daß er schließlich mit der Notwendigkeit eines starken Staates aufhört. 14 Trotz aller Schärfe seiner Kritik am „real existierenden Sozialismus" gelangt er auf diesem Weg zu zwei Schlußfolgerungen, die sehr viel näher an die Realität der bürokratischen sowjetischen Ordnung herankommen, als an den marxistischen Sozialismus. Es ist bezeichnend, daß Nove Solidarnosc mit ganz ähnlichen Argumenten wie die polnische Bürokratie dafür kritisiert, daß sie sich geweigert hat, Einschränkungen im Lebensstandard der polnischen Arbeiter zuzustimmen'°. Dabei vergißt er, daß die Verantwortung für den Zerfall der Wirtschaft nicht bei den Forderungen der Arbeiter und ihren Streikaktionen liegt, sondern beim ganzen System der bürokratischen Mißwirtschaft vor und nach 198010. In ähnlicher Weise berücksichtigt er nicht den unauflösbaren Widerspruch zwischen der Arbeiterselbstverwaltung und dem „Marktsozialismus" der heute in Jugoslawien zu explosiven Situationen führt. Wenn „objektive wirtschaftliche Gesetze" , die hinter dem Rükken der Produzenten wirken - und das ist das, was Wertgesetz wirklich bedeutet letztendlich über Produktion und Beschäftigung entscheiden, dann können die Arbeiter weder in ihrem Betrieb, noch in ihrem Wohnbezirk noch auf nationaler Ebene bestimmen, was zu geschehen hat. Gibt es denn keine Alternative? Das Leitmotiv des vorliegenden Artikels lautet eben, daß es glücklicherweise einen Ausweg gibt: die demokratische und zentralisierte Selbstverwaltung, die geplante „Selbstherrschaft" der assoziierten Produzenten. Souveränität des Volkes hängt nicht davon ab, daß man eine prästabilierte oder perfekte Harmonie zwischen dem allgemeinen und den besonderen Interessen in der Gesellschaft voraussetzt. Sie geht im Gegenteil davon aus, daß es unvermeidlich Interessenskonflikte gibt zwischen Produzenten und Konsumenten, technisch mehr oder weniger fortgeschrittenen Produktionseinheiten, gesellschaftlich aktiveren und weniger aktiven Menschen, wirtschaftlich und kulturell mehr oder weniger entwickelten Gebieten. Demokratische Selbstverwaltung bedeutet eben ein System eingebauter Sicherungen, die verhindern, daß diese Widersprüche jegliche Art rationaler Planung und gesellschaftlicher Kooperation untergraben und so erneut Klassenkampf und mörderische Gewalt auslösen. „Marktsozialismus" hingegen ist weder eine Lösung gegen die Übel des sog. freien Marktes noch gegen die bürokratische Karikatur des freien Sozialismus. Gemischte Wirtschaft bedeutet nur gemischtes Elend. Die reale Wirtschaft eines machbaren und wünschenswerten Sozialismus wäre eine Alternative zu beidem. Im Gegensatz zu Alec Noves erklärtem Glauben gibt es ein Drittes. Unsere Debatte dreht sich letztlich um ein Problem, das das zentrale Problem der Menschheitsgeschichte ist: ob und unter welchen Bedingungen die Menschheit die Möglichkeit hat, ihr eigenes Geschick zu lenken oder ob Selbstemanzipation und Selbstbestimmung für alle ein ewig unerfüllter Traum bleiben wird. Wenn es den Gesellschaftswissenschaften und der gesellschaftlichen Praxis nicht gelingt, eine Kontrolle über die gesellschaftlichen Prozesse zu erlangen ähnlich der, die die Naturwissenschaften bisher über die Natur errungen haben, dann drohen auch die Fortschritte in den Naturwissenschaften gegen uns zurückzuschlagen. In der uralten Debatte zwischen der Kraft der Vernunft und der Last des Schicksals - letzten Endes ein Wettstreit zwischen Wissen und Aberglauben - stellen die Marktkräfte" nichts anderes dar als das blinde Schicksal, durchsichtig verkleidet als Teil-„Rationalität", Ist die menschliche Erkenntnis der Gesetze ihrer eigenen Entwicklung wirklich eine Frucht, deren Genuß verboten sein sollte?

Anmerkungen:

1. MEW, Bd.20, Dietz-Verlag Berlin 1962, S.252 und 258 2. The Economies of Feasible Socialism, London 1983, S.33. Ich werde mich in diesem Artikel auf die wichtigsten kritischen Einwände von Nove gegen die marxistische Vor. stellung vom Sozialismus konzentrieren und nicht so schr auf seine Meinungsverschicdenbeiten mit der marxistischen Wirtschaftsheorie im allgemeinen. Letztere werde ich in meinem in Erscheinung begriffenen Buch Marxist Theoreti cal Legacy - Restatting the Case for Socialism at the End of the Twentieth Century, London, Verso 1987, behandeln. 3. The Economics of Feasible Socialism, S.15-16 4. s.u.a. Wlodimierz Brus, The Marker Socialist Economy. London 1972; Branko Horvath, The Political Economy of Socialism, London 1976; R.Sezucky. Marxism, Socialism and Freedom, London 1979: Ferenc Feher und Agnes Heller. Dictatorship over Needs, London 1984. 5. Zum Einsatz von Computern für ein vollautomatisiertes Managementsystem in der UdSSR s.Martin Cave, Compu ters and Economic Planning, Cambridge 1980, S.153-67 6. Cesar Milstein, Nobelpreisträger für Medizin im Jahr 1984, hatte sich geweigert, für seine Entdeckung. die bis 1990 einen milliardenschweren Markt erschlossen hätte, cin Patent zu erwirken. .Ein Patent hätte bedeutet, alles gehcim zu halten, während wir uns Gedanken über die Anwendungsmöglichkeiten machten — cine schändliche Belcidigung der Wissenschaft. Patente sind intellektueller Schwindel."* Sunday Times vom 23.10.1984 7. s.u.a. Bruno Bettelheim, The Children of Dream, New York 1969: Rabin-Beit Hallahmi, Twenty Years Later, New York 1982; Gunar Heinsohn (od.), Das Kibbutz-Modell. Frankfurt 1982; Dieter Zimmer, Die Form des neuen Menschen, in Zeitfragen, vom 12.10.1984 8. The Economics of Feasible Socialism. S.77 9. Ein intensives Forschungsprojekt unter Prof. Dümer, einem deutschen Konservativen, hat experimentell nachge wiesen, daß einfache Menschen mit Hilfe des Computers viele komplexe Probleme der sozio-ökonomischen Planung einer mittelgroßen Stadt lösen können. Sie brauchten dazu keine überdurchschnittliche Intelligenz oder fortgeschrittene Kenntnisse. Der Schlüssel zu dieser ihrer Befähigung war das Gefühl, daß sie wirklich Kontrolle ausüben, die Überzeugung, daß sie über echte Entscheidungsgewalt verfügen. s. Dörner (hrsg), Lohausen. Vom Umgang mit Unbestimmzheit und Komplexität, Bern, Stuttgart, Wien 1983 10. The Economics of Feasible Socialism, S.200-201 Il. a.a.o. S.215 12. a.a.O. S.204-205 13. a.a.O. S.204 14. a.a:O. S.229

IS. a.a.O. S.178 16. Andreas Hössli hat eine bemerkenswerte Analyse und Kritik über die Mißwirtschaft der polnischen Bürokratie verfaßt, Die planlose Wirtschaft. Man kann hoffen, dail dieses Buch, das bald in deutsch herauskommt, rasch ins Englische übersetzt wird.

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Schuldenkrise

BORTZ -CASTRO - MANDEL-WOLF SCHULDEN

KRISE

IN DER DRITTEN WELT TICKT EINE ZEITBOMBE

ISP isp-pocket 24, 128 Seiten. DM 14.80 Aus dem Inhalt: Jeffrey Bortz. Die lateinamerikanischen Schulden und die Zyklen der Weltwirtschaft. Fidel Castro. Streicht die Schulden der Dritten Welt! Die unbezahlbaren Schulden können und müssen annulliert werden. Ernest Mandel. Die Verschuldungskrise: Eine tickende Zeitbombe. Winfried Wolf. Schuld, Zins, Profit. Sieben Thesen zu Verhältnis zwischen Dritter. Erster und westdeutscher Welt.

Buch des Monats der Zeitschrift KONKRET, Hamburg, April 1987.

-Gut lesbare Beiträge zur Schuldenkrise ... Eine gelungene Zusammenstellung sich ergänzender Aufsätze.-. ckz-informationsdienst, Reutlingen.

Theologie der Befreiung

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POLITIK

IN DER KRISE

ISP 216 Seiten, Broschur, DM 27,isp-pocket 27 Zahlreiche Tabellen und 144 Seiten, DM 17,80 Abbildungen Dieses Buch stellt die -offe- Dieses Buch ist entstanden, nen Wunden- der Sozialpoli- um einen Beitrag zur krititik und der Sozialversiche schen Aufarbeitung der Vernung im besonderen dar. Es gangenheit für eine wachsavermittelt Fakten über die me Auseinandersetzung mit Geschichte, Grundlagen, Kri- der Zukunft zu leisten. Es senursachen und die einzel- wird versucht, die gesellnen Bereiche der sozialen Si- schaftlichen, wirtschaftlicherung (Kranken, Ren- chen und politischen Grundten-, Arbeitslosenversiche- lagen des deutschen Faschisrung. Sozialhilfe). Dieses mus herauszuarbeiten und Buch stellt aber nicht nur jene antidemokratische Son- -von der Wurzel her» das derentwicklung" des deut- Prinzip einer kapitalorien- schen Kapitalismus ab 1848 tierten Sozialpolitik in Fra- sichtbar zu machen, die ge, sondern versucht auch schließlich im Bündnis von Antworten auf die drän- Großkapital und Faschisgendsten Erfordernisse der mus in die Vernichtungslager Sozialversicherung zu ge- und den angezettelten Zweiben. In diesem Zusammen- ten Weltkrieg mündete. hang werden die sozialpoliti- -Eine gut geordnete and lebendig schen Konzepte der SPD formulierte Darstellung - Die und der Grünen Partei kri- Harke, Nienburger Tageszeitisch vorgestellt. tung, 31.8.1987 FLECHTAES In 122 Zeichnungen schil- DEUTSCHLAND dert Franz Meyer die abenteuerliche Geschichte seiner Flucht aus dem Nazideutschland von 1933. In den Stationen seiner Emigration Holland und Belgien wird er wegen seiner politischen Karikaturen verhaftet, wandert aus dem Internierungslager 144 Seiten, 20 x 20 cm, ins Straflager. mit 122 schwarz/weiß Zeichnungen, broschiert, DM 20,- Weitere isp-Titel zur BRD • SPD - 1986. Zwischen Godesberg und Irsec. 96 Seiten, DM 9.80 • Peter Bartelheimer / Jakob Moneta. Das kann doch nicht alles gewesen sein. Der Streik für 35 Stunden. isp-pocket 9, 160 Seiten, DM 10.80 • Winfried Wolf. Bilanz der Wende oder die kommende Krise. 60 Seiten. DM 4.- • Jakob Moneta. Die Streiks der IG Metall. 100 Seiten. DM 5.-

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Kurdistan Türkei

Ismail Besıkçi

Wir wollen frei und Kurden sein TÜRKEI

STAAT UND

GESELLSCHAFT

Mit Beinigen von Ron Avres. M. Selahattin Dôgan, Aydin Ender. Mehmer Saldh, Turgur Taylan. Pembenu: Sorgun isp-poc isp-pocket 19 isp-pocket 22 isp-pocket 19 128 Seiten. DM 14.80 208 Seiten, DM 19,80 • Turgut Taylan. Kapital Diese Schrift ist ein leiden- und Staat in der Türkei. • schaftlicher Appell, das Aydin Ender. Ursprung Schicksal der Kurden zur und Vermächtnis des Kema- Kenntnis zu nehmen. Kurdi- lismus • Mehmet Salâh. stan ist die gemeinsame Ko- Entwicklung und Perspektilonie der Türkei, des Irak, ven der türkischen Linken • des Iran und Syrien. Pembenaz Yorgun. Die Angesichts dieser Tatsache. Frauenfrage und die Schwiedie auch von den Vereinten rigkeiten des Feminismus in Nationen beharrlich igno- der Türkei • Ron Ayres. Die riert werden schrieb der tür- Auslandsbeziehungen der kische Soziologe und Schrift- Türkei • M.S. Dogân. Die steller, der wegen seiner Entwicklung in der Türkei Schriften seit 1981 im Kerker nach dem Militärputsch. sitzt, seinen Brief an die -Das Verdienst dieser Publika- UNESCO. Mit einer Ein- tion liegt nicht nur darin, einen führung von Livio Maitan. guten Uberblick über die neuere Geschichte der Turkei zu geben, -Wer sich für Menschenrechte en- sondern vor allem darin, daß bier gagiert, am Nahen Osten oder türkische Autoren selbst eine kri- Kurdistan interessiert ist. maß tische Analyse der gesellschaftlidieses hervorragende Buch Besik. chen und polit-ökonomischen çis lesen.- Tilman Züich, Ge- Entwicklung cornehmen.sellschaft für bedrohte Völker, International, Zeitschrift in POGROM 133. Juni 1987. für internationale Politik. Wien. Nr. 2/3.1987 Zionismus

Jakob Taut dern darüber hinaus auch die jüdische Gemeinschaft in Palästina. Diese gefährdete Lage der Juden in Palästina ist der Ausgangspunkt der marxistischen Analyse von Jakob Taut. Er untersucht vor allem zwei Fragen: • Ist der Zionismus die Lösung der Judenfrage? • Sind der Zionismus und der Staat Israel Judenfrage unvermeidlich ein Feind des und Zionismus Befreiungskampfes der Palästinenser? Zur Klärung die. ser zentralen Fragen stellt Taut den Zionismus - seine Praxis und seine Ideologie - 272 Seiten. Broschur. von den Anfängen bis in die DM 29.- jüngste Gegenwart dar: • Aller scheinbaren Stärke Is- Ursprünge des Zionismus raels zum Trotz, ist nicht nur • Die erste Phase der zioni- 46 der Staat Israel bedroht. son- stischen Weltbewegung Nordirland

DIETRICH SCHULZE-MARMELING NORDIRLAND

REPUBLIKANISMUS

UND SOZIALISMUS

M

ISP - POCKET 20 isp-pocket 20, 192 Seiten, DM 18,80 Der tragische Hungerstreik republikanischer Gefangener 1981, die andauernde militärische Kampagne der IKA und die spektakulären Wahlerfolge der Sinn Féin haben den -längsten Kri 3an der westeuropäischen Peripherie wieder stärker in das Bewußtsein der kontinentalen kritischen Öffentlichkeit gerückt. Der Autor widmet sich in seinem Text der jüngeren und jüngsten Geschichte der IRA und Sinn Féin. Er analysiert desweiteren die Anatomie des Nordirlandkonfliktes wie die Probleme, mit denen sich jede sozialistische Strategie der Systemüberwindung in Nordirland konfrontiert sieht.

• Die Periode der Vorbereitung des Staates Israel • Die Judenausrottung durch die Nazis und der Zionismus • Die Errichtung des Staates Israel 1948 • Der Sechs-Tage-Krieg und Israels internationale Beziehungen • Die Degeneration des Zionismus nach 1967 • Dokumente des antizionistischen Widerstandes.

-Sehr bewegend ist seine Anklage Regen die israelische Politik, seine Verarteilung des nationalistischen Radikalismus.- Flensburger Tageblatt, 18.6.1987 Sonstige Titel

JACK LONDON

Krieg der Klassen he Shaiton

УРЕННІВИНАЙ isp-pocket 7, 2. Auflage 268 Seiten, DM 17,80 Jack London zählt zu den erfolgreichsten Schriftstellern aller Zeiten. In diesem Sammelband sind seine politischen Essays und Artikel über Probleme der Arbeiter: bewegung zusammengefaßt, aus denen hervorgeht, daß er sich in Wort und Tat für die Sache des Sozialismus einsetzte.

Das Buch enthält außerdem einige kaum bekannte Kurzgeschichten. Ein ausführliches Nachwort von Paul B. Kleiser über •Jack London und die amerikanische Arbeiterbewegung- gibt den notwendigen Hintergrund. -Für alle, die den ganzen Jack London kennenlernen wollen, ser das Buch -Krieg der Klassen empfohlen-.

Arbeiterkampf, 13.2.1984 Der Autor:

Jakob Taut, Israeli, 1913 in Galizien geboren, seit den dreißiger Jahren in Palästina, nach dem Zweiten Weltkrieg Facharbeiter in einer Erdölraffinerie in Haifa, aktiv in der antizionistischen marxistischen Gruppe Mazpen. ** * * ** Weitere isp-Titel zu Israel und Palästina • Taut / Warschawsky. Aufstieg und Niedergang des Zionismus.

96 Seiten, Broschur, DM 8.- • Freiheit für Michael Warschawski. Gegen die Schließung des Alternativen Informations- • zentrum in Jerusalem im Januar 1987. 48 Seiten, geheftet. DM 3.-

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Revolution ohne Grenzen deutschen Revolution von 1848, über REVOLUTION MICHAEL LOWY nahm Leo Trotzki nach der Russischen Kevolution von 1905, den methodischen OHNE GRENZEN Ansatz, der es ihm im Gegensatz zur-Or thodoxie- ermöglichte, die Klassenkon stellation der Oktoberrevolution von 1917 vorauszuschen.

Michael Löwy analysiert das Marxsche Verständnis, verfolgt den Umgang mit dieser Konzeption bei Kautsky und Ple chanow und vergleicht sie mit der Theorie des Politischen bei Lenin. Anschließend isp hinterfragt er die theoretische Generali sierung, so wie sie durch Leo Trotzki in den Jahren 1925-1940 erfolgte. Löwy konfrontiert die theoretischen Vorstellungen mit dem realen Verlauf revolu- 240 Sciten, Broschur, DM 29.- tionärer Prozesse nach dem Zweiten Weltkrieg. Die Natur der chinesischén, jugoslawischen, kubanischen, vietname- Revolution ohne Grenzen ist eine wichtige sischen und nicaraguanischen Revolution Reflexion über die klassische Streitfrage werden ebenso ausführlich beleuchter. der sozialistischen Bewegung: die Theorie wie die kapitalistische Entwicklung in den der permanenten Revolution und das Ge- Ländern unvollendeter bürgerlicher Re setz der ungleichen und kombinierten volutionen (Mexiko, Algerien, Indien. Entwicklung. Venezuela, Türkei, Ägypten) bilanziert Begrifflich geprägt durch Karl Marx inder wird. Südafrika

NEVILLE ALEXANDER Zwei Hunde und Freiheit Wer Wind sät wird Sturm ernten KULTUR UND POLITIK DER

UNTERDRUCKTEN MEHRHEIT SUDAFRIKAS ISP 88 Seiten, 6 Farbseiten. 30s/w-Zeichnungen DM 15.- 160 Seiten, Broschur, DM 19.80 Schwarze Kinder und Jugendliche, Schü Mit einer Einleitung von Ludwig Helbig ler der alternativen Freizeitschule -open Aus dem Inhalt • Vereinigen wir uns im school- in Johannesburg, erzählen in Auf- Jahr der Einheitsfront • Die Lage der sätzen und Zeichnungen ihren Alltag in Nation • Nation und Ethnie in Südafrika den Ghettos. Entstanden sind erschüt- • Die Rolle der Studenten • Erziehung ternde Dokumente von Armut, Erniedriund gesellschaftliche Veränderung • Ras- gung und Unterdrückung. Einige der se, Ethnie und Nationalismus in den So- Briefe und Bilder geben aber auch Auszialwissenschaften des südlichen Afrika • kunft über das starke Verlangen und die Erziehung nach der Neuen Ordnung. Hoffnung auf ein freies Südafrika, ohne Apartheid und Unterdrückung •... wer sich ein einigermaßen vollständiges Bild von der politischen Situation in Südafrika ter- -So sind einzigartige Dokumenteentstanden, die schaffen will, sollte an ihm nicht vorbeigehen. gar nicht genug jugendliche Leser and Betrachter Denn Neville Alexander gehört zu den fübren finden können. Schulen waren gut beraten, wean den politischen Köpfen in jenem Land und wird sie das Buch für den Gegenartskunde-oder bei den bevortehenden Auseiandersetzungen auch im Englischunterricht nutzten.mit Sicherbeit eine Rolle spielen. - Peter Grubbe FAZ. 12.9.1987. in -Dis Zsit-iL.5. 1987 Lateinamerika

Michael Lowy

Che Guevara isp-pocket 25.

144 Seiten.

DM 17,80 15A51515129 REVOLUTION UND

PERUANTSCHE VIRKLICHKEIT

HERAUSGEGEBEN UNDINGELEITET

VONELEONOREVONCERTZEN

HAVANAMAMA 176 Seiten • 8 Fotosciten broschiert DM 22,- Mariategui (1894-1930), hervorragender Marxist und -Gramsei Lateinamerikas" legt in diesen Schriften die Grundlage für cine Theorie der Revolution in den ab. hängigen kapitalistischen Ländern Lateinamerikas an Hand der realen Verhältnisse Perus.

DER LANGE

KRIEG

JAMES DUNKERLEY 344 Seiten • 8 Fotosciten

Register broschiert DM 36.- Eine umfassende Analyse des erbitterten Kräftemessens zwischen Revolution und Konterrevolution.

....eine essentielle Icktüre für jeden, der die politischen Komplexitaten des recolutionären Prozeses in El Salbador cerstchen will. - Journal of Latein American Studies. Weitere isp-Titel zu Lateinamerika • 20 Jahre Kubanische Revolution in der Analyse der IV. Internationale. 92 Seiten, DIN A 4, DM 6.