ÖSTERREICH: DIE ENTWICKLUNG DER LINKEN UND DIE GRÜNDUNG DER G. R. M. ++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++********++++++ Die Gründung der "Gruppe Revolutionärer Marxisten"' in der ersten Septemberhälfte in Wien stellt eine weitere Differenzierung der österreichischen Linken dar. Auf dem Programm der IV. Internationale aufbauend, betrachtet sich die Gruppe selbst als völligen Neubeginn trotzkistischer Politik in Osterreich. Welche Entwicklungen innerhalb der österreichischen Linken waren Anlaß zur Gründung der GRM?
Das politische Klima innerhalb der studentischen Linken war im letzten Jahr vor allem durch MLS bestimmt worden. Nachdem sich die MLS im Laufe des Herbstes 1971 sowohl politisch wie organisatorisch (durch den Ausschluß der KP - Mitglieder) von der KPO getrennt hatte; konnte sie ihre politische Arbeit auf eine völlig neue Basis stellen. Mit den ersten Versuchen einer selbständigen Betriebsarbeit, die schon lang konzipiert und ein wesentlicher Grund für den gesuchten Kontakt mit der KPO gewesen war, verließ die MLS endgültig den Bereich der ausschließlich studentischen Politik. Die Organisation wuchs in den ersten Monaten dieses Jahres gewaltig. Neben dem politischen Stellenwert der MLS begannen bald alle anderen Sudentenorgani sationen zur Bedeutungslosigkeit herabzusinken. Durch ihren Einstieg in die Betriebarbeit wurde es für die MLS notwendig, eine eindeutige Haltung zu den drängenden Fragen der internationalen Arbeiterbewegung einzunehmen, ihren ideologischen Spandpunkt innerhalb der nationalen und internationalen kommunistischen Arbeiterbewegung neu zu überdenken und auszuformulieren. Denjenigen Genossen in der MLS, die sich bereits seit längerer Zeit der Tradition der Linksopposition verbundden gefühlt hatten, schien eine Entwicklung hin zum revolutionären Marxismus zumindest tendenziell möglich. Wie allgemein bekannt, ist aber die ideologische Entwicklung der MLS anders verlaufen. Indem sie enge Kontakte mit der "Kommunistischen Gruppe Heidelberg" ( Neues Rotes Forum) knüpfte, gelang es der Führung der MLS, die Organisation innerhalb weniger Wochen zu "maoisieren" *. Daß sie dabei kaum auf Widerstand stieß, hatten die führenden Genossen vor allem , ihrem in den letzten eineinhalb Jahren erworbenen Prestige zu danken. Als die Leitung • mit Erfolg - jede längere Diskussion über das Bürokratieproblem, über die Ubergangsgesellschaft, die "Sozialimperialismustheorie" etc. verhinderte und die MLS immer offensichtlicher stalinistischen Positionen zusteuerte, provozierte die "Opposition schließlich diese Auseinandersetzung durch ein internes Papier, das die wesentlichsten Streitfragen anriß und die Diksussion darum forderte. Die Antwort des MLS-Zentralausschusses war eine schwere, in die Offentlichkeit getragene Verleumdungskampagne, die von vornherein jede interne Diskussion abblockte. Damit wurde eine weitere fraktionelle Auseinandersetzung sinnlos, und es wurde kurzfristig ein neuer organisatorischer Rahmen notwendig, um als selbständige Gruppe einer weitgehenden Maoisierung der österreichischen Linken über die MLS entgegentreten zu können. Es handelt sich also um eine notwendige Differenzierung, die in den letzten Jahren in der gesamten europäischen und amerikanischen Linken vollzogen wurde. Hoffentlich wird es gelingen, die Auseinandersetzungen der nächsten Zeit nicht zu jenem politischen Gezänk werden zu lassen, wie es heute in Deutschland an der Tagesordnung ist, wo jede KPD ml - Gruppe ihren politischen Nachbarn zum Klassenfeind zählt. Allerdings sah sich die junge Organisation - die nach einem sehr erfolgreichen Mandel Teach-In Mitte September einen raschen Aufschwung erlebte - bereits äußerst unqualifizierten Attacken von seiten der MLS ausgesetzt, was ihre innere Konsolidierung allerdings nicht behindert, sondern im Gegenteil fördert: Neben zwei Schulungen, die bereits im vollen Gange sind, wird Ende Oktober ein einwöchiges Intensivseminar zur Aufarbeitung einiger fundamentaler Fragen statt- Finden. Neben der Vorbereitung eigener Publikationen liegt das Aktionsschwergewicht der GRM, soweit es organisatorisch möglich ist, bei der Intervention in allen politischen Tages- Fragen sowie selbstverständlich bei der kommenden Indochinakampagne im November. AIDDCYADD
Stärke, um diese Opposition in Massenmobilisierungen zu lenken, sie bleibt also individuell. Trotz der gegen die Arbeiter gerichteten Politik, die zu größeren Reaktionen Führe müßte, lastet die Niederlage von 1967 weiterhin schwer auf die Arbeiterklasse. Es gibt spontane Arbeitsniederlegungen, kleine wilde Streiks, und das ermöglicht den revolutionären Organisationen, sich in gewissen Arbeitersektoren zu entwickeln; aber von einem richtigen Wiederaufschwung der Massenbewegung sind wir noch weit entfernt. Die Opposi. tion der kleinen Fischer und Bauern ist lebhafter, aber sie findet keinen politischen Zeme sie äußert sich darin, daß die Produkte (Fisch oder Gemüse) eher vornichtet werden, als daß man sie zu den von der Regierung festgelegten Preisen auf den Markt bringt, was daz führt, daß die Einfuhr aus dem Ausland gesteigert werden muß. Durch die laufenden Preis erhöhungen und dem skandalösen Zustand der öffentlichen Verkehrsmittel wird bei der Klein bourgeoisie ein dauernder Zustand der Unzufriedenheit erhalten; auf im öffentlichen Sek. for sind Streiks ausgebrochen, und es gab Demonstrationen von Rentnern. Zusammenfassend kann man sagen, daß es der Junta nicht gelungen ist, auch nur in einem Sektor der Bevölk rung eine Massenbasis zu finden. Heute versucht sie, sich physisch (durch Heirat) und vor allem wirtschaftliche (durch den Eintritt von Militärs in die Aufsichtsräte) in die kapitalistische Elite Griechenlands zu integrieren.
Und die Studenten?
Die wachsende Radikalisierung der studentischen Opposition stellt ein wichtiges neues Fak tum in den letzten Jahren dar. Es gibt noch keine richtige organisierte Studentenbewegung Die Versuche, demokratisch studentische Vertreter zu wählen, sind von der Polizei verhindert worden. Nichtsdestoweniger gibt es eine offene Opposition und große Mobilisierungs möglichkeiten.
Welches ist die Situation unserer griechischen Genossen?
Die Diktatur hat sehr hart zugeschlagen, und unsere Organisation hatte trotz einer ansehnlichen Entwicklung in den sechziger Jahren weder die notwendige zahlenmäßige Stärke noch die politische Reife, um zu widerstehen. So kam es zu einer Spaltung kurz nach dem Staatsstreich, und eine große Anzahl von Genossen hat die Organisation verlassen, um sich im bewaffneten Kampf zu engagieren, ohne den Versuch zu unternehmen, die Or ganisation zu festigen. Sie verbündeten sich mit den Kämpfern der Zentrumsunion und der EDA und waren überzeugt, daß ihre Aktionen das Regime stürzen würden. Für die in der Organisation verbliebenen Genossen, wozu ich zählte, stand als Hauptaufgabe, unsere Kräfte zu reorganisieren und uns in den Massen zu verwurzeln. Welche Rolle spielen unsere Genossen in der gegenwärtigen Radikalisierung? Ich möchte nicht behaupten, der Trotzkismus sei die herrschende Strömung in der neuen ra dikalisierten Generation, aber man kann sagen, daß sein Einfluß ziemlich groß ist. Unsere Schriften und auch die anderer Sektionen ( insbesondere über die internationale Wirtschafts krise) werden von der Jugend viel gelesen, und nicht nur von der Studentenjugend. Das Problem für uns ist natürlich das, wie wir uns mit einer potentiellen Massenbewegung der Jugend verbinden können, ohne die ganze Aktivität der Partei, die von der Polizei ver Folgt wird - sie hat schon mehrere Male zugeschlagen -, aufs Spiel zu setzen. Außerdem müssen wir einen klaren Standpunkt über die Mehtoden des Kampfes vertreten: wir sind der Ansicht, daß die Frage des bewaffneten Kampfes gegen die Diktatur in Griechenland auf der Tagesordnung steht, aber wir glauben auch, daß die terroristischen Aktionen, wie sie bisher von gewissen Organisationen durchgeführt wurden (wir haben trotz allem mit diesen brüderliche Beziehungen und Diskussionen unter Kommunisten), nichts anderes als ein Zeichen allgemeiner Ohnmacht gegenüber den beschränkten Möglichkeiten, die Arbeiterklasse zu mobilisieren, sind.
(Aus LA BRECHE Nr. 56 vom 13. Oktober 1972)