Der Kampf der Krupp-Belegschaft in allesamt Ansätze zur Herausbildung Rheinhausen gegen die Schließung des einer neuen betrieblichen Führung, die Stahlwerks hat in der Arbeiterbewe- den Gewerkschaftsführungen ihre Augung der Bundesrepublik ein neues torität streitig macht, neue Formen der Blatt aufgeschlagen. Der Kampf unter- Selbstorganisation entwickelt und Verscheidet sich von den bisherigen Ar- suche der nationalen, über den jeweilibeitskämpfen durch die breite Beteili- gen Sektor hinausgehenden Koordinagung und die Radikalität der Beleg- tion der Kämpfe unternimmt. schaft, durch die bremsende Rolle des Der nachstehende Artikel berichtet offiziellen Gewerkschaftsapparats und über die Generalstreiks in Italien im die selbständige, demokratische Herbst 1987.
Kampfführung im Betrieb. In der Bundesrepublik kann dieser Kampf zu .Verspätungen für Passagiere; Chaos an einem Signal für andere Belegschaften den Flughäfen!" Das war nicht die in anderen Wirtschaftszweigen werden. Schlagzeile eines Boulevardblatts, son Auf westeuropäischer Ebene ist Rhein- dern der Titel der kommunistischen Ta hausen jedoch kein Einzelfall. Die Ar- geszeitung Unita. Die Zeitung berichtete beiterstreiks des letzten Jahres, ange- über einen vierstündigen Generalstreik fangen bei dem französischen Eisen- zu dem die drei italienischen Gewerk. bahnerstreik bis zu den italienischen schaften am 16. November bei der staatli- Streiks im Transportwesen und im Aus- chen Fluggesellschaft Alitalia und an den bildungssektor in diesem Herbst, zeigen Flughäfen aufgerufen hatten. Die Arbeits-
ITALIEN niederlegung legte den Transport lahm. Seit Anfang September hatte es bei der Fluggesellschaft verschiedentlich Streikaktionen gegeben. Sie richteten sich gegen den neuen dreijährigen Tarifvertrag über Löhne und Arbeitszeit. Die Beschäftigten bei den Fluglinien gehören zu den in der ganzen Industrie am schlechtesten bezahlten. Im Transportwesen allgemein liegen die Löhne unter denen anderer Industriezweige. Ein gelernter Flugzeugmechaniker mit fünfzehn Jahren Betriebszugehörigkeit verdient ca. 1.700 DM im Monat bei einer Vierzig-Stunden-Woche. Die Gewerkschaften fordern eine monatliche Lohnerhöhung von 500 DM und zweieinhalb Stunden weniger Arbeit in der Woche. Der letzte Tarifvertrag wurde 1981 abgeschlossen, wurde aber nach seinem Ablauf nicht erneuert. Der jetzige ist seit zweieinhalb Jahren überfällig. Ernsthafte Verhandlungen darüber haben erst im Juni angefangen. 1986 gab es eine Reihe von Arbeitskämpfen in Teilbereichen der Luftfahrt, insbesondere in den Wartungsbetrieben, gegen die Flexibilisierung der Arbeitszeiten.
Im September 1987 starteten die Beschäftigten bei den Fluglinien ihre Kampfmaßnahmen mit einer Reihe von gut organisierten rollierenden Streiks, die die Geschäftsleitung der Alitalia und die Regierung in große Schwierigkeiten brachten. Diese Kämpfe zeichneten sich durch die sehr militante Teilnahme der Beschäftigten aus, die einigenorts Basiskomitees gründeten.
Die Autorität der Gewerkschaften war schwer angeschlagen, trotz des hohen Grads an gewerkschaftlicher Organisicrung (55%). Seit fünf Jahren hat es im Betrieb keine Gewerkschaftswahlen mehr gegeben, weil die Gewerkschaften sich geweigert haben, diese zu organisieren, statt dessen mit dem Management kungel- Selbstorganisation der Eisenbahner
Ein weiterer Streik, der große Beachtung fand, war der der Eisenbahner, Lokführer und Zugbegleitpersonal. Hier ging der Streik von der Basis aus. In sechs aufeinanderfolgenden Arbeitsniederlegungen beteiligten sich jedesmal durchschnittlich 95% der betroffenen Arbeiter. Die Zugführer sind gewerkschaftlich sehr stark organisiert. Doch angesichts der zögerlichen Haltung der Gewerkschaftsführungen haben sie auf eigene Faust ein gemeinsames Koordinationskomitee gebildet. Dieses hat Ende November einen 48stündigen Generalstreik ausgerufen und vorbereitet.
Die Eisenbahner kämpfen ebenfalls um Lohnerhöhungen und bessere Arbeitsbedingungen. Im Verlauf der Auseinandersetzungen wurde noch ein weiteres Koordinationskomitee an der Basis gegründet; es repräsentiert andere Kategorien von Eisenbahnern, besonders die Schaffner. Diese Basiskomitees, (comitati di base — COBAS) bildeten die eigentliche Streikführung. Sie sorgten für ständigen Druck. Sie organisierten Schachbrettstreiks einzelner Berufsgruppen auf regionaler Ebene. Am einen Tag war das Zugreinigungspersonal in Siena dran, am andern die Wartungskräfte in Venedig, am dritten die Schaffner in Mailand. Kurzum, es kam zu erheblichen Verspätungen bei der Bahn, wobei man hinzufügen muß. daß schon in Normalzeiten die Züge sehr unpünktlich fahren. In den Regionen, in denen gestreikt wurde, fielen die Züge einfach aus.
Anders als in Frankreich haben die italienischen Eisenbahner eine lange Erfahrung in Sachen Selbstorganisation von Arbeitskämpfen. Die COBAS gibt es schon seit geraumer Zeit. Sie sind ein Überbleibsel vom „schleichenden Mai" 1969 und haben bis heute überlebt, ebenso wie die Basiskomitees in der Maschinenbauindustrie. Oft stellen sie einfach die lokale Form der gewerkschaftlichen Organisation dar (wobei sie dann Mitglieder aller drei Richtungsgewerkschaften umfassen). Der Generalstreik vom 15. November
Schließlich hat es nach breiten Mobilisierungen im Ausbildungssektor im Frühjahr 1987 gegen den von der Regierung und den Führungen der drei Gewerkschaften unterzeichneten Tarifvertrag im November weitere Streiks gegeben, die von Basiskomitees der Lehrerinnen angeführt wurden.
Vor zehn Jahren (1977) haben die drei Richtungsgewerkschaften und alle im Parlament vertretenen Parteien (von den Kommunisten bis zu den Christdemokraten) einen Super-Sozialpakt unterschrieben, durch den die Gewerkschaften sich bereit erklärten, Mitverantwortung für die kapitalistische Lösung der Krise auf dem Rücken der Arbeiterinnen zu übernehmen. Die Kampfbereitschaft der Arbeiter- Innen wurde dadurch sehr stark beeinträchtigt; doch seit den Mobilisierungen in diesem Herbst nimmt sie eindeutig wieder zu.
Die italienischen ArbeiterInnen haben die Schnauze voll davon, daß ihre Löhne eingefroren bleiben, besonders wenn man ihnen gleichzeitig genußvoll Geschichten auftischt, wie wundervoll sich doch die italienische Wirtschaft erholt habe, und sie nichts davon merken.
Die Streiks vom Herbst 1987 sind aber auch ein Ausdruck des tiefen Mißtrauens in die Gewerkschaftsführungen, die gefangen sind in dem Widerspruch, einerseits der Sparpolitik grundsätzlich ihre Zustimmung zu geben, andererseits ihre Basis unter den Arbeitern nicht verlieren zu dürfen. Deshalb haben sich Kämpfe entwickelt, die zunächst auf einzelne Bereiche beschränkt waren, aber breite Unterstützung fanden und Formen der Selbstorganisation der Lohnabhängigen hervorgebracht haben. Daraus haben sich Debatten über die Möglichkeiten entwikkelt, die Gewerkschaften zu reformieren bzw. die Notwendigkeit, neue aufzubauen.
Zur Zeit markiert die Regierungskoalition (der Fünferblock aus vier bürgerlichen Parteien und der Sozialistischen Partei) den starken Mann. Sie droht mit einem Anti-Streikgesetz. Es sieht vor, daß Streiks rechtzeitig vorher angekündigt werden müssen und während dieser Zeit Friedenspflicht besteht. Ein weiteres Gesetz soll Arbeitsniederlegungen an Feiertagen und während der Urlaubszeit sowie Schachbrettstreiks untersagen. Schließlich hat die Regierung auch damit gedroht, ein altes Gesetz aus der Zeit von Mussolini wieder auszugraben, das die ArbeiterInnen zwangsverpflichtet. Es sollte gegen den Generalstreik der Eisenbahner Ende November eingesetzt werden.
Doch die Regierung ist durch den Erfolg des Referendums über die Atomenergie, das ebenfalls im November abgestimmt wurde, geschwächt worden. Bei dieser Volksabstimmung hat sich die Mehrheit der Bevölkerung gegen den Gebrauch von Atomenergie zu zivilen Zwecken ausgesprochen, trotz einer heftigen Gegenkampagne der Christdemokraten. Die Regierung ist auch gespalten über ein Steuergesetz, das in Reaktion auf den Börsensturz im Oktober verabschiedet werden soll. Die drei Richtungsgewerkschaften haben gegen dieses Gesetz zu einem vierstündi-
gen Generalstreik am 25.November aufgerufen. Sie stehen stark unter dem Druck, der Mitgliedschaft Kampfperspektiven bieten zu müssen. Zugleich versuchen sie jedoch, diese Mobilisierungen unter ihrer Kontrolle zu behalten. Dafür schlagen sie Maßnahmen der „Selbstkontrolle" der Streiks vor. Teilweise greifen sie sogar Vorschläge des Anti-Streikgesetzes der Regierung auf.
Der Generalstreik vom 15. November war ein voller Erfolg. Die Beteiligung war unter den IndustriearbeiterInnen besonders hoch, im Öffentlichen Dienst , vor allem im Ausbildungswesen, niedriger. Nur 40% der LehrerInnen beteiligten sich an diesem Streik. In den großen Städten gab es Massendemonstrationen, an denen sich jeweils zehntausende von Menschen beteiligten. Den letzten Generalstreik dieser Art hatte es 1981 gegeben.
Es gibt zwei Gründe, weshalb sich die Führungen der drei Richtungsgewerkschaften gezwungen sahen, zu diesem Streik aufzurufen. Auf der einen Seite verfolgt die Regierung eine kompromißlose Politik gegen die Arbeiter (z.B. mit ten haben zudem einen erneuten Vorstoß unternommen, die Verfassung zu ändern. Sie stört sie seit langem, weil sie sehr großzügige, demokratische Regelungen vorsicht. (Sie ist vergleichbar mit der Verfassung der Weimarer Republik). Unter anderem wollen sie das Verhältniswahlrecht einschränken, indem eine 5%- Klausel eingeführt wird.
Auf der anderen Seite mußten die Gewerkschaftsführungen zur Kenntnis nehmen, daß an der Basis die Belegschaften entschlossen sind, sich zu wehren. Die Streiks bei Alfa Romeo im Frühjahr, im Ausbildungswesen und im Transport (Fluglinien, Eisenbahn) waren ein Ausdruck davon. Sie hatten sich in den Basiskomitees einen neuen Ausdruck, teilweise auch eine neue Führung verschafft. Diese Komitees sind in der Lage gewesen, Initiativen zu ergreifen, Kämpfe zu führen und der Passivität der Gewerkschaftsführungen etwas entgegenzusetzen. Die Gewerkschaftsführungen liefen deshalb Gefahr, Anhängerschaft und politischen Einfluß zu verlieren. Deshalb haben sie für den 17. November zu einer Demonstration der Rentner in Rom aufgerufen, und für den 25. November zu einem Generalstreik. Den Erfolg des Streiks haben sic im Nachhinein zu einem Sieg der Gewerkschaft über die Basiskomitees erklärt. Dies Urteil ist jedoch vorschnell. Denn noch am Vorabend des Generalstreiks hatten die Basiskomitees der Beschäftigten am Flughafen von Rom zu einem breiten, sehr erfolgreich durchgeführten Streik aufgerufen, gegen die Empfehlung der drei Richtungsgewerkschaften. Und zwei Tage nach dem Generalstreik führten die Basiskomitees der Eisenbahner ihren Generalstreik durch, der 48 Stunden lang das gesamte Eisenbahnnetz in Italien lahmlegte.
Nationale Initiativen der Basiskomitees
In den Streikauseinandersetzungen in diesem Herbst stand die revolutionäre Linke an der Spitze des Kampfs. Sie hat dazu beigetragen, daß die Basiskomitees der LehrerInnen, die Koordination der Eisenbahner, Delegationen der Beschäftigten bei den Fluglinien und VertreterInnen anderer Betriebe am 15. November einen Aufruf zur Durchführung einer gemeinsamen Konferenz herausgegeben haben. Die Konferenz fand eine Woche später, am 21./22.November statt. Basiskomitees aus allen Wirtschaftszweigen nahmen daran teil: Lehrerinnen, Eisenbahner, Postangestellte, U-Bahnfahrer. Die Beschäftigten bei den Fluglinien konnten nicht teilnehmen, sandten aber eine Solidaritätsadresse.
Die Konferenz war ziemlich repräsentativ. 700 Leute waren anwesend. Es wurde ein Aufruf zu einer nationalen Demonstration in Rom am 12. Dezember zur Verteidigung des Streikrechts beschlossen. Die Debatte auf der Konferenz drehte sich in erster Linie um das Streikrecht und um die Herstellung einer Verbindung zwischen den verschiedenen Kämpfen, die sich in den letzten Wochen entwickelt hatten. Es gab aber auch eine Debatte über die Selbstorganisation der ArbeiterInnen außerhalb der bürokratischen Strukturen der Gewerkschaften.
Der linke Flügel der CGIL (der kommunistisch geführten Gewerkschaft) nahm an der Konferenz. teil, ebenso der linke Flügel der CGIL-Lehrergewerkschaft von Rom, der monatelang daraufhingearbeitet hat, daß die Lehrerinnen „selbsteinberufene Versammlungen" durchführten; an ihnen nahmen schließlich 300 bis 400 linke LehrerInnen teil.
ITALIEN
Die Demonstration vom 12. Dezember wurde schließlich ein Fiasko. Nur einige tausend DemonstrantInnen fanden sich in Rom ein. Der Beschluß der Konferenz mußte in den örtlichen und betrieblichen Strukturen der Basiskomtees ratifiziert werden. Hier gelang es nicht, gegen die geballte Gegenkampagne der Medien, der linken wie rechten Parteien, der Gewerkschaftsführungen genügend Unterstützung zu bekommen. Zur gleichen Zeit jedoch organisierten die Basiskomitees der Eisenbahner bereits den siebten Streiktag hintereinander, und an diesem Streik beteiligen sich 80% der Eisenbahner! Dies zeigt, daß die Basiskomitees in ihren jeweiligen Bereichen sehr stark sind, auf nationaler Ebene aber noch keinen Faktor darstellen, der die Gewerkschaftsführungen herausfordern könnte.
Eine neue Avantgarde in den Betrieben
Noch ist es zu früh zu sagen, was sich aus der Bewegung der Basiskomitees entwikkeln wird, ob sie den Anstoß geben zur Entwicklung neuer, oppositioneller Strömungen in den Gewerkschaften, oder ob sie sich darauf beschränken, sektorielle Forderungen zu erheben. In jedem Fall bringt diese Bewegung nach Jahren der Stagnation der Arbeiterkämpfe in Italien frischen Wind in die politische und soziale Situation des Landes. Seit der Niederlage der Fabrikrätebewegung 1984 (als der Abbau der Gleitenden Lohnskala beschlossen wurde) hat es keine größeren Arbeitskämpfe mehr gegeben. Der Kampf der Arbeiter im Frühjahr 1987 bei Alfa Romeo, das im vergangenen Jahr von FIAT aufgekauft wurde, gegen die Rücckehr zur Fließbandarbeit, bildete eine Ausnahme. Die Mobilisierungen in diesem Herbst stellen damit einen Wendepunkt dar, die Chance für die Entfaltung einer breiten, klassenkämpferischen Strömung in den Betrieben und Gewerkschaften, die in der Lage ist, den Gewerkschaftsführungen die Autorität streitig zu machen. Weitere Mobilisierungen sind jetzt im Öffentlichen Dienst möglich. Dort stehen in verschiedenen Bereichen neuen Tarifverträge an. Eine neue Avantgarde ist dabei sich herauszubilden. Das hat die Konferenz der Basiskomitees gezeigt. Sie hat Fragen aufgeworfen, die über die Probleme einzelner Bereiche hinausgehen, politische Fragen nach der Führung von Kämpfen, einem Ausweg aus der Krise und einer Alternative zum Kapitalismus.
BÖRSENKRACH
ERNEST MANDEL
Ein Das kapitalistische Wirtschaftssystem ist am 19.Oktober schwer erschüttert worden. Wir stehen vor einem regelrechten Wendepunkt, weil neues gleichzeitig mit der Krisenentwicklung in den kapitalistischen Ländern auch die Krise in den Ländern sich zuspitzt, die von der Sowjetbürokratie 1929? beherrscht werden. Diese beiden Prozesse zusammengenommen schaffen eine Welt, die wenig mit der gemein hat, die nach 1945 — oder nach Yalta, wie manchmal gesagt wird - entstanden ist.
Das erste, was klargestellt werden muß, Es wird gesagt — formal ist das richtig -, ist, daß es keine chinesische Mauer zwi- daß der unmittelbare Grund für den Kursschen dem gibt, was an der Börse gesche- sturz an der Börse der Anstieg des Zinshen ist, und dem, was einige Kommenta- satzes in den USA in den Wochen und toren die wirkliche Ökonomie nennen. Es Monaten vor dem 19.Oktober gewesen ist völlig unlogisch anzunehmen, die ist. Der durchschnittliche Zinssatz (es gibt Börse wäre in einem ungesunden Zustand viele verschiedene Zinssätze) stieg von gewesen und dies sei der Grund für den 7,5% auf etwas über 10%. Es gibt eine, Kurseinbruch gewesen; die wirkliche allerdings sehr theoretische Regel, daß Ökonomie hingegen sei gesund und die der Preis der Aktien der Kapitalisierung Aussichten für die Wirtschaft nicht der Dividenden entspricht, also den Einschlecht. künften aus den Aktien im Vergleich zum durchschnittlichen Zinssatz. Daraus er- Dazu braucht man sich nur zwei Zahlen gibt sich folgende automatische Bewevon zentraler Bedeutung zu vergegenwär- gung: wenn die Zinsen steigen, fallen die tigen. Allein in den USA haben die Ak- die, die Verluste, die durch den Sturz der Aktienkurse. Ebenso wahr ist, daß einige tienbesitzer innerhalb von zwei Wochen Aktienkurse verursacht wurden, seien Aktienkurse, besonders in Tokio, Hong- 1.100 Milliarden Dollar verloren, das ist reine Papierverluste, buchhalterische kong und New York, ein völlig irrationamehr, als die 3. Welt in 20 Jahren an Verluste, weil niemand gezwungen ist, les Niveau erreicht hatten. An der New Schulden aufgetürmt_hat. Innerhalb von Yorker Börse hatten die Aktienkurse ein Aktien zu verkaufen, die zu stark gefallen zwei Wochen haben die Aktienbesitzer al- sind. Abgesehen davon, daß eine Menge Niveau erreicht, das eine Durchschnittsdiler imperialistischen Länder zusammen- dieser Aktien verkauft wurden und die vidende von nicht mehr als 2,5% ergenommen über 1.600 Milliarden Dollar Verluste somit eingesteckt wurden, ver- brachte (Gewinnausschüttung im Verhältverloren, das entspricht 80% der gesam- gessen die Kommentatoren ziemlich nis zu den Aktienpreisen). In Tokio waren ten öffentlichen Schuld in den USA. leichtfertig, daß es sich hierbei um die die Kurse so angestiegen, daß dieses Ver- Aktien von sehr realen Industrie-, Trans- hältnis nur noch 1,5% betrug. Dieser Zins Angesichts dieser Zahlen ist es völlig ab- port- und anderen Unternehmen handelt. ist niedriger als der, den man erhält, wenn surd anzunehmen, das Phänomen könne Sie repräsentieren einen nicht unbedeu- man sein Geld einfach bei der Bank depoauf die Börse beschränkt bleiben, ohne tenden Teil des Besitzes dieser Gesell- niert. Auswirkungen auf die Wirtschaft. Alle schaften. Die Verluste an der Börse brinernsthaften Wirtschaftsfachleute haben gen das Verhältnis von Besitz und Schul- Vom Standpunkt des möglichen Ertrags zurecht darauf hingewiesen, daß so große den bei diesen Gesellschaften durcheinan- aus gesehen hatte es also keinen Sinn Verluste mit Sicherheit eine Senkung des der. Damit werden ihre Möglichkeiten, mehr, weiter Aktien zu kaufen. Der Ak- Konsums nach sich ziehen werden. Die Kredite zu erhalten und Investitionen zu tienhandel war zu einer rein spekulativen Yuppies werden weniger Jaguars und finanzieren, schwer beeinträchtigt. Transaktion geworden, ohne irgendeinen BMWs kaufen. Einc einschneidende Ver- Bezug zu dem mittels der Aktie zu erzieänderung des Konsumverhaltens, ein- lenden Gewinn. So könnte man, rein techschließlich im Luxussektor, wird sich ne- Die Gründe für den nisch betrachtet sagen, eine Wende an der gativ auf die Beschäftigung auswirken. Börsenkrach liegen in der Börse war unvermeidlich. realen Ökonomie
Wichtiger noch als der Rückgang des Einige Leute haben auch angenommen, Konsums wird jedoch der Rückgang der Nicht nur haben die Ereignisse an der der Einsatz von Computern an der Börse industriellen Investitionen sein, der in- Börse Auswirkungen auf die reale Wirt- habe den Krach herbeigeführt oder befolge der Verluste an der Börse eintreten schaft; auch die Gründe dafür ergeben schleunigt. Zu einem bestimmten Zeitwird. In diesem Zusammenhang muß man sich keineswegs allein aus dem Börsenle- punkt hätten die Börsenmakler auf den eine weitere Legende zerstören, nämlich ben. Bildschirmen nur noch den Befehl gese- 10 INPREKORR 199
hen: „Verkaufe!", und deshalb hätte jeder verkauft. Das ist eine ziemlich oberflächliche Erklärung. Die Computerisierung des Aktienhandels kann höchstens dazu beitragen, eine bestehende Bewegung zu beschleunigen. Diese selbst jedoch hat andere Ursachen als die Kurzsichtigkeit einiger unerfahrener junger Leute, die damit beschäftigt sind, Anteile zu kaufen und zu verkaufen.
Wichtiger ist die ultra-schnelle Internationalisierung des Aktienhandels. Zum erstenmal haben wir erlebt, daß ein Börsenkrach in allen kapitalistischen Ländern gleichzeitig eintrat. 1929 traf der Börsensturz Wall Street. Die anderen Börsen wurden erst mit einer gewissen Verzögerung davon getroffen. Diesmal betrug die Verzögerung nicht einmal 24 Stunden. Der Rückgang der produktiven Investitionen
All diese Faktoren spielen eine Rolle. Grundlegend ist jedoch der Zusammenhang, der zwischen dem Geschehen an der Börse und dem Zustand der kapitalistischen Wirtschaft in der gegenwärtigen Periode besteht. An dieser Stelle sind die Marxisten die einzigen, die mehr als nur eine oberflächliche Analyse anbieten. Seit dem Einsetzen der langen Welle mit depressivem Grundton, d.h. seit 1974 und dem Beginn der ersten allgemeinen Rezession der internationalen kapitalistischen Wirtschaft nach dem Zweiten Weltkrieg, sind wir in eine Phase getreten, in der die Wachstumsraten durchschnittlich weniger als die Hälfte von denen der vorhergehenden 25 Jahre betragen. Das widerspiegelt sich im konstanten Anstieg der Arbeitslosigkeit über alle konjunkturellen Auf- und Abschwünge hinweg. Allein in den imperialistischen Ländern sind_40 Millionen Menschen ohne Erwerbsarbeit. Während dieser langen depressiven Phase ist die Kapitalakkumulation natürlich weitergegangen. Es gibt nicht so etwas wie eine nie endende Krise. Es gibt immer Phasen der Rezession, denen Phasen des Aufschwungs folgen. 1974-75 gab es eine Rezession, 1981-82 eine weitere. Auf diese folgte ein Aufschwung, der von 1983 bis 1986 währte. Genauen Beobachtern springt jedoch ins Auge, daß in all diesen Phasen des Aufschwungs die produktiven Investitionen in neue Fabriken, die nicht nur Waren, sondern auch Dienstleistungen (Telekommunikation, Transport, Elektrizität, Gas, Infrastruktur) produzieren, den zyklischen Bewegungen nicht gefolgt.sind. Die produktiven Investitionen haben mehr und mehr abgenom- BÖRSENKRACH men.
In der Bundesrepublik ist eine Studie erschienen, die von der sehr konservativen US- Wirtschaftszeitschrift Business Week lobend hervorgehoben worden ist, die zeigt, daß trotz der Senkung der Steuern, trotz eines steilen Anstiegs der Profite zwischen 1982 und 1987 die produktiven Investitionen der großen westdeutschen Firmen kaum halb so hoch sind wie in den frühen 70er Jahren. ' Folglich hat eine enorme Überakkumulation von Kapital stattgefunden, das nicht produktiv investiert wurde. Der Grund dafür ist einfach: enorme Überkapazitäten, enorme reale oder potentielle Überproduktion drücken auf den Markt. Es gibt bereits zu viele Autos, zu viele Flugzeuge, zu viele Elektrogeräte. Unter diesen Umständen läßt sich niemand darauf ein, zu den bereits bestehenden Großfabriken neue hinzuzubauen. Also nicht kleine Handwerksbetriebe, sondern Fabriken vom Typ und dem Umfang, wie sie den Motor der Nachkriegsexpansion dargestellt haben.
Die Kapitalisten hatten gehofft, und viele Ideologen, auch in der Arbeiterbewegung, mit ihnen, daß neue Produkte und neue Wirtschaftszweige wie die Informatik und die Herstellung von PCs und Robotern die Rolle übernehmen würden, die die Autos, Elektrogeräte und der Wohnungsbau für die Expansion nach dem Zweiten Weltkrieg gespielt haben. Doch man braucht sich nur die Produktionsund Absatzziffern in diesen Sektoren anzuschauen, dann sieht man, daß davon keine Rede sein kann. Kaum 10-15% der Haushalte besitzen einen PC und ganze 2- 3% der Erwerbsarbeitsplätze sind durch Roboter vernichtet worden. Diese Wirtschaftszweige können daher nicht die Rolle des Motors einer neuen Aufschwungsphase spielen. Unter diesen Bedingungen gibt es neben der Überakkumulation von Kapital eine Überakkumulation von Waren, die nicht verkäuflich sind. Ein guter Teil des Kapitals verbleibt in flüssiger oder halbflüssiger Form und sucht nach anderen Anlagefeldern als der Produktion. Das ist das ganze Geheimnis. Der Verfall der US-amerikanischen Wirtschaft
Wenn man cinmal vom Kleinhandel, Kunstmarkt und derartigen Dingen absicht, gibt es tatsächlich nicht viele Möglichkeiten, 100, 200 oder 300 Mrd. Dollar (das sind die Größenordnungen) pro Jahr anzulegen. Es gibt nur die Börse oder den Grundbesitz.. In diese Sektoren ist die Überfülle an neuem Kapital seit vielen Jahren in großem Umfang geflossen. Dadurch erklärt sich der schwindelerregende Anstieg der Aktienkurse und der Immobilienpreise in den meisten Großstädten der Welt. Diese Preissteigerungen haben mit wirtschaftlichem Ertrag oder ökonomischer Rationalität nichts mehr zu tun. Sie sind nur das Ergebnis der Tatsache, daß gewaltige Kapitalmassen in diese Märkte geflossen sind. Infolge des Gesetzes von Angebot und Nachfrage sind die Preise in die Höhe geschnellt.
Hier kommt nun ein vierter Faktor hinzu. Er ist heute für die internationale kapitalistische Wirtschaft fast zentral. Die USA bleiben der größte Markt der Welt. Sie allein umfassen fast 40% der Importe der kapitalistischen Welt. Ein guter Teil des flüssigen oder halbflüssigen Kapitals ist in die USA geflossen, weil es sonst nirgends anders hinkonnte. Man kann sich kaum einen Ölscheich oder einen japanischen Kapitalisten vorstellen, der 300 Mrd. Dollar in Norwegen oder in Tansania investiert, weil es dort in dieser Größenordnung nichts zu kaufen gibt.
Zur gleichen Zeit aber wird die Konkurrenzfähigkeit der US-Industrie, oder besser gesagt, die Hegemonie des US-amerikanischen Imperialismus in der kapitalistischen Welt, seit Jahren konstant und unwiderruflich untergraben. Ich will eine Zahl dafür angeben, die zeigt, wie schnell dieser Abstieg vor sich geht. Zwischen 1981 und 1986 ist der US-Anteil am Weltexport von 20% auf 13.8% gefallen. Niemals zuvor in der Geschichte des Kapitalismus hat es einen so raschen Niedergang einer wirtschaftlichen Großmacht gegeben. Der Niedergang Großbritanniens hat sich über mehrere Jahrzehnte erstreckt. Und hier sind wir am Kern der Analyse der Ursachen des Börsenkrachs angelangt. Ausländisches Kapital ist genau in dem Moment in die USA geströmt, als die Handelsbilanz. dauerhaft defizitär wurde. Die USA importieren immer mehr und exportieren immer weniger. Diese Entwicklung erstreckt sich nun bereits über zehn Jahre und hat sich zu Beginn der 80cr Jahre noch verschärft.
Nimmt man die beiden Faktoren zusammen: den Zufluß von ausländischem Kapital in die USA und das wachsende Handelsbilanzdefizit, dann führt das unausweichlich zu zwei Ergebnissen: das erste ist der unaufhörliche Verfall des Dollars gegenüber den anderen Währungen. Dic USA brauchen immer_mchr DM, Yen. Schweizer Franken u.a.. um ihre Importe zu bezahlen. Damit steigt die Nachfrage nach Devisen stärker als die Nachfrage. nach Dollars, der Dollar fillt.
Allein in den USA haben die Aktionäre innerhalb von zwei Wochen 1.100 Milliarden Dollar verloren - mehr als die 3. Welt in zwanzig Jahren an Schulden aufgetürmt hat.
BÖRSENKRACH
Gleichzeitg brauchen die USA aber auch ausländisches Kapital, um ihr Handelsbilanzdefizit zu decken, weil sie praktisch über keine Währungsreserven mehr verfügen, um ihre Schulden zu zahlen. Wenn sie das ausländische Kapital nicht bekommen, sind sie auf die vulgäre Situation eines Landes wie Peru, Brasilien oder gar Polen zurückgeworfen; d.h. sie sind bankrott, unfähig, ihre Importe zu zahlen. Sie müssen also ausländisches Kapital anzichen. Dies bewerkstelligen sie mit einer nationalen Währung, deren Wert sinkt. Daher müssen sie den Zinssatz viel höher festlegen als in Tokio, Frankfurt, Zürich oder Amsterdam. In den US-amerikanischen Zinsen ist eine Art Versicherungsprämie gegen die Entwertung des Dollars in Höhe von 3-4% enthalten. Das geht fast automatisch.
Das japanische Finanzkapital exportiert jährlich 140 bis 150 Mrd. Dollar in die USA. das sind 12 Mrd. Dollar pro Monat. Es hat bisher am meisten von der Umorientierung und Umstrukturierung des internationalen Kapitalismus profitiert. Wall Street kracht, weil die Japaner nicht mehr kaufen Im August dieses Jahres fiel dieser Betrag abrupt um 90%, von 12 auf 1 Mrd. Dollar. In Wall Street und in Washington brach die Panik aus: es bestand die Gefahr, daß die Japaner das US-amerikanische Handelsbilanzdefizit nicht mehr dekken würden. Die Japaner begannen, sich von der New Yorker Börse zurückzuziehen. Daraufhin wurde der Zinssatz von 7 auf 7,5% heraufgesetzt. Daraufhin brachen die Aktienkurse an der Wall Street zusammen. Daran sieht man, wie der rechnische Mechanismus an der Börse nicht nur mit den Strukturmerkmalen des Spätkapitalismus, sondern auch mit der Verschiebung des innerimperialistischen Kräfteverhältnisses zusammenhängt, mit allen Konsequenzen.
Der Verfall des Dollarkurses ist gelegentlich als eine Art Verschwörung des US-Imperialismus dargestellt worden, um seine Partner und Konkurrenten zu bestrafen und die Handelsbilanz wieder ins Gleichgewicht zu bringen. Vom rein technischen Standpunkt aus sind die Resultate nicht überzeugend. Es ist wahr, daß das Exportgeschäft einfacher wird, wenn der Dollar fällt. Aber es ist auch wahr, daß die Importe teurer werden. Die Auswirkungen auf die Importe, besonders auf die Ölimporte, sind unmittelbar spürbar. Die Auswirkungen auf die Exporte dagegen spürt man erst mittelfristig: manchmal bleiben sie auch ganz aus. Das Handelsbilanzdefizit kann auch ansteigen, obwohl der Dollar fallt. So etwas ist in den Monaten August und September passiert. Das hat den Börsenspezialisten und Spekulanten einen großen Schrecken eingejagt. Das ist einer der psycholgischen Faktoren, die den •Börsensturz vom 19.Oktober erklären.
Über diesen formalen Aspekt hinaus gibt es aber einen wichtigeren strukturellen. Nehmen wir an, der Dollar fällt. Dann werden die Exporte angekurbelt. Doch gleichzeitig wird aller Besitz in den USA, die Fabriken, Aktien, der Grundbesitz, die Immobilien für ausländische Geldanleger billger. Japanische, deutsche, schweizerische oder holländische Kapitalisten zahlen heute für den Erwerb dieser Güter in den USA 40% weniger als vor zwei Jahren.
Unterstellt, der US-Imperialismus habe den Dollar in verschwörerischer Weise fallen lassen, dann müßte er cine idiotische Politik verfolgen, mit Vorbedacht seinen Besitzstand an ausländische Kapitalisten zu veräußern. Das tut er nicht, zumindest hat eine solche Entwicklung ihre Grenzen. Zwar befinden sich heute in Los Angeles, der zweitgrößten Stadt der USA und dem Zentrum der Westküstenwirtschaft, deren Vorzüge von der westcuropäischen Presse so lautstark besungen worden sind, 75% der großen Gebäude in ausländischem Besitz. Zwar haben die Japaner es fertiggebracht, die größte Bank
der USA zu kaufen. Das ist das erste Mal im 20.Jahrhundert, daß sich derartiges ereignet. Doch als sie Fairchild kaufen wollten, die High-Tech Waffen- und Elektronikfabrik, sagte die US-Administration: Nein. Dies können wir nicht zulassen." Wir befinden uns im Zeitalter des Imperialismus, nicht des Laissez- Faire-Kapitalismus, als die Regierungen keinen Anteil daran nahmen, wer die Fabriken wofür einsetzte. Die Kontrolle über die eigene Rüstungsindustrie ist keine Lappalie für den Imperialismus. Daraus ergibt sich die Schlußfolgerung, daß das Vordringen ausländischen Kapitals weiterhin blockiert wird, nicht durch den Markt, sondern durch die Intervention der US-Regierung. Nicht durch Deregulation, sondern durch Reglement. Deshalb fließen gewaltige Kapitalmassen in Finanzoperationen, an die Börse und in den Grundbesitz.
Die Kräfte des Marktes sind unkontrollierbar In einem strukturellen Sinne, der viel wichtiger ist als die konjunkturelle Analyse, kündigt der Börsenkrach eine Umstrukturierung des großen monopolistischen Kapitals in den Schlüsselländern an, und zwar im umgekehrten Sinne wie zu Ende der 70er Jahre. Die Politik Thatchers und Reagans ist zuweilen als Politik der Desindustrialisierung charakterisiert worden. Doch in der Epoche des Imperialismus bedeutet eine auf die Spitze getriebene Desindustrialisierung den Verlust der wirtschaftlichen und militärischen Macht. Diese Entwicklung mußte sich umkehren. Die gewaltige Entwertung, der enorme Wertverlust des Finanzkapitals seit dem 19.Oktober kennzeichnet den Beginn einer solchen Wende. Das Pendel schlägt jetzt in die andere Richtung aus. und es ist kein Geheimnis, daß damit politische Veränderungen einhergehen werden.
Die Politik der Desindustrialisierung ist von einer bestimmten Schicht von Politikern durchgeführt worden; sie haben Spekulanten und schnelle Erfolge gefördert. Jetzt steht eine andere Schicht von Politikern in den Startlöchern, die im entgegengesetzten Sinn Politik machen will. Nach zehn Jahren abenteuerlicher neo-liberaler Politik sind die Neo-Liberalen heute am Ende. In den USA sind die Republikaner auf dem Weg, die kommenden Präsidentschaftswahlen zu verlieren. Ohne ein Prophet sein zu wollen glaube ich, daß Rechten_auch die Präsidentschaftswahlen in Frankreich verlieren werden. Aus dem gleichen Grund denke ich, daß Thatcher verlieren würde, wenn heute in Großbri- BÖRSENKRACH tannien Wahlen anstünden, und daß die Sozialdemokraten mit Verbündeten, die eine neo-keynesianische Politik verfolgen, wieder auf dem aufsteigenden Ast sind.
Es hat in der Geschichte selten eine derart schnelle Wendung im Zeitgeist der Ideologie der herrschenden Klasse gegeben wie die, die sich in den letzten beiden Wochen ereignet hat. Dazu nur zwei Beispiele, man könnte ein Dutzend anführen. Am 26.Oktober, genau eine Woche nach dem Börsenkrach, druckte die International Herald Tribune auf der Titelseite einen Artikel aus der New York Times nach, der mit folgendem außergewöhnlichen Satz begann, den noch einen Monat vorher kein Sozialdemokrat zu schreiben gewagt hätte: Die Welt ist in Gefahr, in eine schwere Depression zu stürzen. Alles hängt jetzt davon ab, ob uns die unkontrollierbaren Kräfte des Marktes ins Chaos stürzen, oder ob uns die Regierungen mit einer überlegten und vernünftigen Intervention aus der Sackgasse führen.* Das ist das klassische dirigistische Credo in Zeiten der Krise. Wo bleibt der Glaube. an den Markt?
Privatisierungen: ein Flop
Ein zweites Beispiel: Mrs. Thatcher hatte das Pech, ausgerechnet drei Wochen vor dem Krach den Beginn einer großen englischen Revolution anzukündigen. Zum erstenmal werde es mehr Kleinaktionäre geben als Gewerkschaftsmitglieder, also zehn Millionen. Heute würden diese wohl cher eine Gewerkschaft bilden, um die Verluste zu vermeiden, die sie einstecken mußten! Ohne Verstand, ohne Weitsicht und ohne einen Blick auf die Ereignisse an der Börse leitete die Regierung Thatcher die Privatisierung der größten verstaatlichten Gesellschaft ein, der British Petroleum (BP). Sie setzte den Subskriptionspreis bei 330 Pence je Anteil an; alles rannte. Gegenüber dem Aktienpreis an der Börse war darin ein Bonus von immerhin 10% eingeschlossen. Die ganze Wolke von Finanzmaklern, Bankiers und Börsenagenten rauschte hinterher und versprach der Regierung sogar, gegen eine 2% ige Kommission die Garantie für die 330 Pence pro Aktie zu übernehmen. Dann kam der 12.Oktober und die BP-Aktie brach erst an der Londoner Börse und dann an Wall Street zusammen. Sie fiel auf etwa 260 Pence, d.h. 70 Pence pro Aktie, insgesamt ein katastrophaler. Verlust in Höhe von fast 2 Mrd. Dollar. Was machte daraufhin die Armada der Anbeter der Marktgesetze, diese großen Liberalen, die Gegner des Dirigismus und des Staatsinterventionismus? Sie stürzten sich auf Frau Thatcher: ,,Das machen wir nicht mit, wir haben auf Hausse gesetzt, nicht auf Baisse, der Vertrag muß gekündigt werden, so geht das nicht, wir wollen unsere Milliarden wieder, die Regierung muß uns retten, sonst sind wir verloren. Es war ein erbärmliches Schauspiel. Hunderttausende kleiner Aktienbesitzer gingen leer aus, sie bekamen keinen Penny zurück. Aber als einige Großbanken zwei Mrd. Dollar zu verlieren drohten, da griffen die Regierungen natürlich ein: offiziell intervenierten die kanadische und die US-amerikanische Regierung, um einige große Maklerhäuser zu retten. Das größte Brokerhaus in Kanada drohte über 1 Mrd. französische Francs zu verlieren. Schließlich gab es einen Kompromiß und die Bank of England übernahm einen Teil der Verluste.
Darum kippte das Klima innerhalb weniger Tage um. Das Glaubensbekenntnis der Marktwirtschaft, die Tugenden des freien Unternehmertums, der Egoismus und das „Bereichere Dich!" lösten sich auf. Ihre Prediger fanden zum Keynesianismus und Neo-Keynesianismus zurück und flehten die Regierungen an, wie Ge-. neral de Gaulle sagte, „ihre Pflicht zu tun"* In dieser Aufforderung zur öffentlichen Intervention gibt es jedoch einen grundlegenden Widerspruch. Alle Regierungen der imperialistischen Welt sind wütend auf die USA und fordern, sie sollen unverzüglich ihr Haushaltsdefizit beseitigen. Doch waren es die ach so monetaristischen und konservativen USA, die als erste eine neo-keynesianistische Politik verfolgt und weltweit die Nachfrage angekurbelt haben, um aus der Rezession von 1980-82 herauszukommen.
Tatsächlich ist das Haushaltsdefizit, das alljährlich 150 Mrd. Dollar beträgt, die klassische Form des Neokeynesianismus; es steht für deficit spending, für die Ankurbelung der Nachfrage, für die Aufblähung des Geldvolumens, das läuft alles auf dasselbe raus. Natürlich kann man sich darüber streiten, wie die Pfründe verteilt werden. Hier schlagen sich die Neo- Konservativen selbst. Sie fordern im wesentlichen Militärausgaben, Steuergeschenke an die Reichen, und gleichzeitig Kürzungen bei Ausgaben für öffentliche Arbeiten. Die Hälfte der Brücken in den USA ist heute nicht mehr sicher, weil seit Jahren kein Geld mehr in öffentliche Arbeiten investiert wird.
Auf dem Gebiet der Sozialpolitik waren sie im Bereich des Gesundheitswesens vorsichtiger; dies ist in den USA ebenso sakrosankt wie in Europa. Doch darüber-
Das Handelsbilanzdefizit der USA war einer der Gründe für den Börsenkrach vom 19.
Oktober. Es war aber auch verantwortlich für den wirtschaftlichen Aufschwung 1983-86.
Wenn die Staatsverschuldung in den USA gestoppt wird, schrumpfen Binnenmarkt und Importe. Das ist das Ende der westdeutschen und japanischen Expansion. Und das Ende der Zinszahlungen der 3. Welt.
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BÖRSENKRACH hinaus sind die Sozialausgaben wie überall auf der Welt von den Konservativen gekürzt worden. Überall ist also vor allem dank der Aufblähung der Müitärhaushalte die globale Nachfrage und das Geldvolumen gestiegen; damit wurde der wirtschaftliche Aufschwung unterstützt, von dem die kapitalistischen Länder profitiert haben. Der aufgeblähte inneramerikanische Markt hat nicht nur Kapital angezogen, sondern vor allem auch Waren; und auch nicht nur japanische, bundesdeutsche, und in geringerem Umfang italienische, französische, britische und belgische Waren, sondern auch Waren aus einer ganzen Reihe von halbindustrialisierten Ländern der Dritten Welt, Brasilien, teilweise Mexiko, Südkorea, Taiwan, Hongkong. Alle diese Länder haben eine aktive Handelsbilanz mit den USA. Die Schulden der 3. Welt
Einer der am wenigsten verstandenen und irrationalsten Aspekte der Funktionsweise der kapitalistischen Ökonomie ist die Par an saute der Frage der Schulden der 3. Welt. Diese Frage wird ziemlich hochgespielt, zumal jeder weiß, daß diese Schulden niemals zurückgezahlt werden. Aber selbst der drückende Schuldendienst kann nur zurückgezahlt werden, wenn die betroffenen Länder eine aktive Handelsbilanz mit den imperialistischen Ländern aufweisen. Woher könnten sie sonst die nötigen Dollars beziehen? Das heißt aber, daß der IWF und die Weltbank, wenn sie darauf • bestehen, daß die Zinsen an die USA gezahlt werden, darauf drängen müssen, daß das Defizit in der US-Handelsbilanz steigt. Das ist der einzige Weg, auf dem die Länder der 3. Welt die Schulden zurückzahlen können.
Wenn die USA aber heute sagen: „Das Defizit muß beseitigt werden" , dann kommt der ganze Mechanismus, der die internationale kapitalistische Wirtschaft in den letzten fünf Jahren über Wasser gehalten hat, zum Stillstand und die Wirtschaft sauft ab. Das ist die ganze Absurdität dieser Politik. Wenn die Staatsverschuldung in den USA gestoppt wird, schrumpfen der Binnenmarkt und die Importe in die USA. Das ist das Ende der japanischen und westdeutschen Expansion. Es bedeutet das Ende der Zinszahlungen Südkoreas, Mexikos, Brasiliens, Argentiniens und so weiter. Die Rezession wird sich von den USA aus auf alle kapitalistischen Länder ausdehnen.
Dies wird 1988 unweigerlich eintreten. Es wird eine Rezession unter den schlimmsten Bedingungen, viel schlimmer als bei der Rezession 1980-82. Die Inflation, die in den letzten 5-7 Jahren zurückgegangen ist, wird unvermeidlich wieder ansteigen, zumindest in den USA, vielleicht auch in der Bundesrepublik und in Japan. Von den USA aus wird sie sich auf alle Länder der 3. Welt ausbreiten, wo die jetzt schon hohe Inflationsrate noch einmal in die Höhe getrieben wird. Sie wird aber auch die schwächeren kapitalistischen Länder erreichen wie Frankreich, Großbritannien und Italien.
Warum? Die US-Regierung greift zu einem Mittel, das eigentlich ein ökonomischer Unfug ist. Sie will den Fall der Aktienkurse um jeden Preis aufhalten und die Zinssätze drücken. Dafür hat sie die Geldmenge aufblähen müssen. Damit hat sie einen gewissen Erfolg gehabt. Wenn man aber bei einer bereits abgewerteten Währung die Geldmenge vergrößert, wird die Inflation angeheizt und die Zinssätze steigen wieder.
Die Japaner haben schon im August den Kauf von US-amerikanischen Wertpapicren, besonders von Schatzwechseln eingestellt. In diesem Monat werden wieder Schatzwechsel ausgegeben, und wenn die Japaner zögern, sie zu kaufen, wird der Zinssatz wieder um ein, zwei Punkte in die Höhe gehen. Da die Inflationsrate schon bei 5% liegt, kann man sich ausrechnen, daß die Importpreise steigen werden.
Das Kapital stößt an die nationalstaatlichen Grenzen
Die Frage ist, ob die US-amerikanische Staatsverschuldung durch eine wirtschaftliche Expansion in der BRD oder Japan ausgeglichen werden kann, um eine internationale Rezession zu verhindern. Das scheint aus zwei Gründen ausgeschlossen. Erstens/umfaßt der bundesdeutsche Binnenmarkt, also das heute solideste imperialistische Land, nicht mehr als 60 bis 65 Millionen Einwohner; damit kann_nicht ein Binnenmarkt von 240 Millionen Einwohnern wie die USA ersetzt werden. Die BRD kann nicht aus Brasilien, den USA, Südkorea, Taiwan, Mexiko all das importieren, was die USA heute importieren. Zweitens/haben auch die BRD und Japan eine ähnlíche wirtschaftliche Entwicklung durchgemacht und ihre produktiven Investitionen sind sehr, sehr begrenzt. Die großen japanischen Firmen haben Finanzoperationen, Spekulation und schnelle Profite auf Kosten der Produktion gesucht. Die letzte große Investitionswelle hat es im Bereich der Farbfernsehgeräte gegeben. Aber das ist jetzt vorbei. Es gibt keinen neuen, gleichwertigen Impuls
mehr. Deshalb haben sie sich in Finanzoperationen gestürzt. Unter den gegebenen Bedingungen, bei Löhnen, die um 40% unter denen in Europa liegen, kann der japanische Binnenmarkt keine größeren Warenmenge absorbieren.
Aber es gibt noch einen tieferen Grund. Das ist die Internationalisierung des Kapitals, der Spekulation und des Börsenhandels. Die Ursache hierfür liegt bei den großen Firmen, die im Weltmaßstab produzieren, aber nicht von einem Weltstaat in Schach gehalten werden können mit Maßnahmen, wie sie damals Roosevelt in den USA, Churchill in Großbritannien, de Gaulle in Frankreich praktiziert hat. Es gibt keine anerkannte politische Autorität. die die Macht hätte, dem Kapital weltweit ihren Willen aufzuzwingen.
Das Kapital bleibt weiterhin politisch und militärisch in verschiedene Staaten mit einem unterschiedlichen Grad der gegenseitigen Abhängigkeit gespalten. Darin widerspiegelt sich die Herrschaft des Privateigentums, der Konkurrenz und die Benutzung des Staates von seiten national organisierter Kapitalfraktionen, die ihre eigenen Interessen verfolgen. In einer Periode der Krise spitzen sich die innerimperialistische Konkurrenz und die Widersprüche zu.
Dies trifft auch auf Europa zu. Es liegt auf der Hand, daß der einzige Ausweg für Kapitalisten darin bewesteuropäische steht, einen europäischen Binnenmarkt zu schaffen und aus der Verrechnungseinheit ECU eine reale curopäische Währung zu machen. Dies wäre die einzige Möglichkeit, eine schwere Depression abzuwenden. Aber selbst die Westdeutschen und die Franzosen, die sogar eine gemeinsame Armee aufstellen und bereit sind, ein paar jämmerliche tausend Millionen Dollar in einen Topf zu werfen, sagen: „Ja, aber..." Nicht cinmal die absolut notwendige, europäische Einigung wird in dieser Krisenperiode zustandekommen.
Der Weg in die Rezession
Die Rezession ist also unausweichlich. Noch ist es aber zu früh zu sagen, ob sie ähnlich schwer sein wird wie die 1974-75 oder wie die 1980-82 oder schwerer. Die kapitalistische Wirtschaft ist an ihrem schwächsten Kettenglied gebrochen, der Börse. Jetzt sind zwei weitere Kettenglicder bedroht. Eine Reihe von Brokerhäusern und Handelsbanken hat sich im gro- Ben Stil in die Börsenspekulation reingehängt und ist nun mit zehntausenden Mil- BÖRSENKRACH lionen Dollar in den Miesen, für die die Regierungen und Großbanken jetzt die Bürgschaft übernehmen oder auch nicht. Wahrscheinlich werden sie es tun, obwohl schwer zu sagen ist, in welchem Umfang. Das wird sich in den kommenden Wochen entscheiden.
Das andere schwache Glied sind die Länder, die bereits vom Bankrott bedroht sind, vor allem in der 3. Welt, aber nicht nur. Auch einige imperialistische Länder sind bis über beide Ohren verschuldet und könnten in große Schwierigkeiten kommen, wenn die Rezession einsetzt. Es deutet sich jetzt schon an, daß allein die Angst vor der Rezession einen Sturz der Rohstoffpreise ausgelöst hat, was einige Länder der 3. Welt hart trifft. Eine beginnende Rezession wäre ein harter Schlag gegen die Exporte von Ländern wie Brasilien, wo die Rezession wahrscheinlich schon eingesetzt hat; oder von Südkorea, Taiwan und Hongkong, die sich noch in voller Expansion befinden und über Nacht in eine Rezession gestürzt werden können. Einige dieser Länder werden möglicherweise ihren Zahlungsverpflichtungen nicht mehr nachkommen können.
Ein drittes Kettenglied wären die Multis. Es ist vorstellbar, daß eine Serie von finanziellen Einbrüchen einige große internationale Industrie- oder Bergwerksunternehmen in Mitgliedenschaft ziehen. Wenn die finanzielle Solidität dieser Firmen über Nacht ins Wanken gerät, und Verkauf und Umsatz fallen, können sie über den Jordan gehen.
Noch sind diese drei Kettenglieder nicht gebrochen. Das ist aber möglich. Wenn das passiert, dann gibt es eine sehr schwere Krise, wenn nicht, dann wiederholt sich die Rezession von 1980-82. Man