Inprekorr 1971–1992

Archiv der Internationalen Pressekorrespondenz der IV. Internationale

Auf Ruhr

Inprekorr Nr. 199, Januar 1988 · S. 3-4 · 628 Wörter

Gewerkschaften und Streiks BRD und DDR

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Das hat es in der Bundesrepublik schon Lothringen am Rhein: 1984, während bei lange nicht mehr gegeben: aufgebrachte uns die Tarifrunde für die 35-Stunden- Stahlarbeiter halten das Krupp-Stahlwerk Woche lief, setzten die Stahlarbeiter in Rheinhausen faktisch besetzt, stürmen die Lothringen Eisenbahnwaggons in Brand, Villa Hügel, Palast der Familie Krupp und belagerten Gewerkschaftshäuser und Parseit 100 Jahren Tempel des Kapitals und teizentralen. Die Konstellation war ähnder Politik, besetzen in Duisburg Straßen lich. Eine Region wird zum Armenhaus und Brücken. Ein kräftiger Hauch von gemacht, die Gewerkschaftsführung ver- Klassenkampf fegte in den letzten Wo- waltet das mit und den Parteien (gerade chen des Jahres 1987 ein weiteres Stück den linken) fallen dazu nur unverbindliche vom Mythos ,,Proletariat am Ende" weg. Sprüche über „Ersatzarbeitsplätze" und Für kurze Augenblicke liegt die Macht auf „Investitionsprogramme" ein. Rheinhauder Straße - zumindest wird den Herren sen schreibt ein neues Kapitel im Klassenda oben deutlich gezeigt, wie die BRD kampf in der BRD: an die Stelle der geaussehen kann, wenn die Arbeiter sich werkschaftlichen Protestaktion ist die nicht mehr auf gesittet von oben verord- spontane Bewegung der gesamten Belegnete gewerkschaftliche Protestaktionen schaft getreten, die ihren Kampf selbstänbeschränken, sondern auch den Willen dig und demokratisch organisiert, ihren haben, ihre Forderungen durchzusetzen. Betriebsrat zur Rechenschaft zieht, insbe- Duisburg hausen Seit dem 26.November verläßt kein sondere bei den Verhandlungen mit der Werkstück mehr das Betriebsgelände, Geschäftsleitung, und in Betriebsverohne daß der Betriebsrat seine Zustim- sammlungen über Aktionen entscheidet. mung gegeben hat. Wann, was und wie- Der offizielle Gewerkschaftsapparat steht viel produziert wird, das entscheidet in nicht an der Spitze des Kampfes, er bediesen Tagen und Wochen die Beleg gleitet ihn mehr oder weniger, mit großen schaft, nicht die Geschäftsleitung. Die branchenweiten Aktionstagen wie der der Kampftaktik heißt „stop and go", d.h. die IG Metall am 10. Dezember, aber auch Belegschaft ist weiter im Betrieb, aber es mit recht hilflosen Forderungen und kommt zu enormen Produktionsausfällen Schuldzuweisungen an Bonn und Brüssel. (die Hälfte der Monatsproduktion) und die Situation ist für das Management völlig Die Aktionen der Belegschaft sind radiunkalkulierbar. kal, sie lassen sich nicht mehr mit symbolischen Protesten abspeisen, sondern kämpfen, um ihre Forderungen durchzusetzen. Ein Zitat hat die Runde gemacht, das diesen Geist kennzeichnet: „Wenn es hier richtig knallt, sind die Chaoten der Hafenstraße kleine Lichter gegen uns." Dem Bürgertum hat das einen gehörigen Schrecken eingejagt. In der Bevölkerung hat die Belegschaft mit ihrer Entschlossenheit allerdings ein breites, positives Echo gefunden. Ob Kirchen, Vereine, Frauengruppen, Kulturgruppen, der Einzelhandel, sogar Teile der Medien: sie alle unterstützen diesen Kampf, weil am Stahl alles hängt. Am 3. Dezember hat es eine große SchülerInnendemonstration mit 10.000 TeilnehmerInnen gegeben. Und die Belegschaft beschränkt sich in ihrem Aktionsradius nicht auf Rheinhausen; sie weiß, daß der Kampf gegen den Tod auf Raten in der Stahlindustrie nur branchenweit zu gewinnen ist. Sie versucht, die Belegschaften anderer Stahlbetriebe miteinzubeziehen. Dafür muß allerdings häufig der Widerstand sozialpartnerschaftlich orientierter Betriebsratsmehrheiten gebrochen werden. Wenn die Gewerkschaftsführung diesen Kampf unter Kontrolle halten will, dann muß sie eine echte Kampfperspektive bieten, nicht nur die Verantwortung auf die Politiker abschieben. Tut sie das nicht, wird auch in der BRD denkbar, was bei unsern westeuropäischen Nachbarn schon eingetreten ist: dann bilden sich im Betrieb alternative Führungen heraus. (vgl.dazu die nachfolgenden Artikel über Italien, Spanien, Schweden). Auf diesem Weg ist der Kampf der Krupp-Belegschaft in Rheinhausen eine große Hoffnung: sie zeigt, daß es eine Alternative gibt zur Unterordnung unter das Diktat des Kapitals und zur Passivität der Gewerkschaftsführung. Im folgenden veröffentlichen wir ein Interview mit Theo Stegmann, dem stellvertretenden Betriebsratsvorsitzenden von Krupp-Rheinhausen, sowie eine Chronik der Ereignisse.

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