Vor 20 Jahren, am 8.Oktober 1967, wurde Che Guevara im bolivianischen Higuera verwundet, gefangen genommen und erschossen. Sein Tod und vor allem sein Leben machte ihn weltweit zu einem Symbol für revolutionären Humanismus und zu einem Bezugspunkt für eine ganze Generation von Revolutionären in— und außerhalb Lateinamerikas.
Während Ches Internationalismus und marxistischer Humanismus bis heute für Revolutionäre ihre Anziehungskraft nicht verloren haben, entbehrt sein ökonomisches Denken, in dem er Wirtschaftsplanung gegen Marktwirtschaft verteidigt, des zentralen Elements der sozialistischen Demokratie, die gerade heute angesichts der Krise der bürokratisch verknöcherten PLanwirtschaft in den nicht-kapitalistischen Ländern, so hochaktuell ist. Das dritte Element in Ches Denken hingegen, seine politisch-militärische Strategie, ist heute unter lateinamerikanischen Revolutionären Gegenstand einer umfassenden Kritik und Anknüpfungspunkt für eine Neubestimmung ihrer Strategie. ,,Guevaras Thesen über den revolutionären Krieg haben auf eine gesamte Strömung von kämpfenden Organisationen in Lateinamerika (und in gewissem Ausmaß auch auf anderen Kontinenten) sehr gro- Ben Einfluß gehabt. ... Mit seiner berühmten Formulierung: 'Es gibt keine andere Alternative: sozialistische Revolution oder Karikatur der Revolution' hat er einer ganzen Generation von Revolutionáren geholfen, sich aus der stalinistischen Zwangsjacke der "Revolution in Etappen' freizumachen. Und durch seine Betonung der konterrevolutionären Rolle der Streitkräfte und der Notwendigeit, den Unterdrückungsapparat des bürgerlichen Staats zu zerschlagen, hat er einen Beitrag zum Aufschwung einer neuen kämpferischen Vorhut auf dem gesamten Kontinent geleistet. Es stimmt jedoch, daß sich in seinen Schriften ... die Tendenz finden läßt, die Revolution auf den bewaffneten Kampf, den bewaffneten Kampf auf die ländliche Guerilla und diese auf den kleinen Kern des foco zu reduzieren. ... So kam mit dem Che eine ganze Generation von revolutionären Führern um, die heute in Lateinamerika legendäre Figuren geworden sind: Camilo Torres (Kolumbien), Luis de la Puente Uceda (Peru), Guillermo Lobaton (Peru), Yon Sosa (Guatemala), Turcios Lima (Guatemala), Inti Peredo (Bolivien), Carlos Marighella (Brasilien), Carlos Lamarca (Brasilien), Roberto Santucho (Argentinien) und viele andere. ... Eine kritische Bilanz der Ansatzpunkte von Che Guevara muß nicht nur im Lichte der tragischen Ereignisse der Jahre 1960 bis 1975 erfolgen, sondern auch im Lichte der Siege (bzw. positiven Entwicklungen) der Jahre 1979 bis 1987. Dies wird es erlauben, die Grenzen und Irrtümer in Ches Konzeption des foco zu überwinden ... aus dem Vorwort zu: Michael Löwy, Che Guevara, isp-pocket 25, isp-Verlag 1987 Aus Anlaß seines 20. Todestages organisiert der isp-Verlag eine Veranstaltungsreihe mit M.Löwy über Che Guevara in der Bundesrepublik.
NICARAGUA
DIE BÜROKRATIE
IST SCHWERER
ZU BEKÄMPFEN
Das Friedensabkommen von ALS DER
IMPERIALISMUS
Guatemala, das am 7.August von den Präsidenten der fünf lateinamerikanischen Staaten abgeschlossen wurde, sollte am 7.November bilanziert werden.
Diese Frist ist auf den 7.Januar verlängert worden. Während
Nicaragua in einigen Gebieten einen begrenzten Waffenstillstand eingeführt und über die • Vermittlung des Erzbischofs von Managua sogar in Gespräche mit der Contra eingewilligt hat, sind die Friedensverhandlungen in El Salvador und in Guatemala gescheitert. Das folgende Gespräch mit Tomas
Borge, dem Innenminister Nicaraguas, führte Eric Laurent.
Interview mit Tomas Borge
Glaubt ihr, daß es nach der Unterzeichnung des Abkommens von Guatemala reale Chancen für einen Frieden in Mittelamerika gibt?
Nicaragua ist äußerst interessiert an der Verwirklichung des Friedens, sowohl aus prinzipiellen Gründen, wie aus aktueller Not heraus. Wir wollen grundsätzlich Frieden, weil wir die Revolution gemacht haben, um dauerhaften Frieden zu bekommen. Wir brauchen den Frieden aus aktueller Not heraus, weil wir nicht länger in einer Situation des permanenten Kriegs leben können.
Für uns ist der Krieg wie Mangel an Sauerstoff. Es stimmt zwar, daß die moralischen und politischen Reserven eines Volkes in der Revolution unerschöpflich sind, aber es stimmt auch, daß in der Bevölkerung hinsichtlich des Friedens ein gewisses Gefühl der Angst aufgetreten ist. Bisher wurde die Bevölkerung noch nicht von der Erschöpfung überwältigt. Ein Volk in der Revolution findet immer neue Quellen der Energie, selbst wenn seine Kräfte erschöpft scheinen. Ich glaube, ich interpretiere den Willen des nicaraguanischen Volkes richtig, wenn ich sage, daß es sich den Frieden umso sehnsüchtiger wünscht, als es bereits einen großen Blutzoll in den letzten Jahren entrichtet hat. Der größte, reißendste Strom in Nicaragua, das ist nicht der Rio Coco und nicht der Rio Matagalpa, das ist der Strom unseres Blutes.
Das Dokument (von Guatemala, d. Red.) behandelt nicht die Innenpolitik. Es beschreibt unseren Standpunkt über die Demokratie und dieser Punkt birgt für uns keine Probleme, weil es dort heißt: „Die Regierungen erklären sich bereit, einen authentischen Prozeß der Demokratie, des Pluralismus und der Mitbestimmung einzuleiten, der auch die Förderung der sozialen Gerechtigkeit, den Respekt vor den Menschenrechten, die nationale Souveränität, die territoriale Integrität und das Recht aller Nationen beinhaltet, frei und ohne äußere Einmischung über ihr wirtschaftliches, politisches und gesellschaftliches Modell zu entscheiden.
Wir haben diesem Text nichts hinzuzufügen. Es fällt uns leichter, diesen Text zu unterschreiben, als irgendeiner anderen Regierung Mittelamerikas. Daniel Ortega steht also nicht im Widerspruch zu dem, was er im Juni erklärt hat.
Trotz des Friedensabkommens ist es wahrscheinlich, daß die USA ihre Unterstützung für die Contra nicht zurückziehen werden. Ein Waffenstillstand ist daher kaum in Sicht. Was wird Nicaragua in diesem Fall tun? Ich glaube, daß die USA faktisch ein Vetorecht gegenüber dem Abkommen von Guatemala ausüben. Reagan will die Aggression gegen unser Land fortsetzen und den Friedensprozeß in Mittelamerika blockieren. Doch eine Reihe von wichtigen Faktoren erschwert ihm die Verwirklichung dieses Vorhabens.
Die USA hatten bereits beschlossen, direkt in Nicaragua einzumarschieren. Aber dann kamen der Irangate-Skandal, der Absturz des Flugzeuges mit Hasenfus und andere Faktoren dazwischen, die eine sol-
che Intervention unmöglich gemacht haben. In ähnlicher Weise werden, glaube ich, noch weitere Faktoren auftauchen, die die Regierung der USA zwingen werden, das Friedensabkommen von Guatemala als eine Tatsache anzuerkennen. Es ist der Wille der nordamerikanischen Regierung, den revolutionären Prozeß in Nicaragua zu liquidieren. Das ist ihr bisher nicht gelungen. Daß sie diese Absicht jedoch weiter verfolgt, wird deutlich an den Schwierigkeiten, auf die sie bei dem Versuch gestoßen ist, den Abschluß des Friedensabkommens von Guatemala zu verhindern.
Wenn Reagan wenige Tage vor dem Treffen der fünf mittelamerikanischen Präsidenten mit einem eigenen Plan aufgetreten ist, dann beweist das, daß er in der Klemme und gezwungen war, in gewissem Umfang nachzugeben. Obgleich sein Plan für uns unakzeptabel ist, wären wir bereit, mit ihm darüber in eine Diskussion zu treten. Er beweist, daß Reagan einen gewissen Rückzieher macht. Man kann sich auch denken, daß Reagan auf Schwierigkeiten stoßen würde, wollte er wieder von diesem Kurs abgehen. Glaubt ihr, daß das Friedensabkommen ein Erfolg für Nicaragua ist?
Ich glaube, es ist eine Erfolg für alle Länder Mittelamerikas und vor allem für unser Land, das sicher am meisten an diesem Abkommen interessiert ist. Es ist nicht verwunderlich, daß wir bereits begonnen haben, es in die Praxis umzusetzen. Wir sind uns bewußt, daß wir vor der realen Gefahr einer Invasion der USA stehen. Die Unterzeichnung des Friedensabkommens macht es Reagan schwer, die Zustimmung des Kongresses zu neuen Geldern für die Contra zu bekommen. Die Verweigerung dieser neuen Gelder wäre der beste Beitrag der Kongreßabgeordneten zur Verwirklichung des Friedensabkommens von Guatemala. Auf diese Weise würden sie der Reagan-Regierung auch einen ehrenwerten Rückzug ermöglichen. Schon die Tatsache, daß die USA einem Dialog zugestimmt haben, selbst wenn daran Voraussetzungen geknüpft sind, die für uns unakzeptabel sind, bedeutet einen Fortschritt.
Nach langen internen Diskussionen hat die sandinistische Führung sich entschlossen, einem Dialog auf der Grundlage der US-amerikanischen Vorschläge zuzustimmen, obwohl wir wissen, daß die USA einen Standpunkt einnehmen, der unseren Interessen entgegengesetzt ist. Bei allen Verhandlungen nehmen die Partner erst einmal unversöhnliche Positionen ein. Es ist unvorstellbar, daß die USA uns beispielsweise sagen: „Nicaraguaner, wir anerkennen eure Existenz. Wir werden die Hilfe für die Contra einstellen. Wir geben zu, daß ihr eine legitimne Regierung seid. Wir unterstützen das Autonomiestatut für die Atlantikküste. Wir glauben, daß ihr die Menschenrechte respektiert. " Das ist natürlich Utopie, keine Verhandlung.
Unabhängig von Verhandlungen wird der Standpunkt der Reagan-Administration dem unseren immer entgegengesetzt sein. Dennoch müssen wir einen Weg finden, nebeneinander zu bestehen. Wir nehmen Rücksicht auf die Interessen der USA, obwohl sie selbst davon eine gemessen an der Wirklichkeit völlig entstellte Sichtweise haben. Sie befürchten, daß sowjetische Basen auf Nicaragua errichtet werden. Gut, das ist ein konkreter Punkt, über den man sich einigen kann. Wir können uns dazu verpflichten. Sie aber fühlen sich völlig frei, US-amerikanische Basen überall dort zu errichten, wo sie wollen, und Truppen überall in der Welt zu stationieren. Für sie ist jedoch völlig unakzeptabel, daß andere Länder ebenfalls Truppen im Ausland haben. Gut, wir sind Realisten. Wir nehmen Rücksicht darauf, daß der nord—amerikanische Imperialismus existiert und daß wir zu einem Abkommen kommen können, der die Sorgen der USA aufhebt.
Aber wir können nicht über unsere nationale Souveränität und die Existenz der Revolution verhandeln. Gerade dies aber wird von den USA infragegestellt. Jetzt sind sie sehr in Sorge, weil ein Teil des Persischen Golfs vermint ist. Sie selbst aber haben den Hafen von Corinto unter unseren Augen vermint! So sind sie! So ungerecht behandeln sie den Rest der Welt, nicht nur die armen Länder. Wie stark ist die Contra?
Um die Stärke einer Armee zu beurteilen, muß man auch auf ihre Kampfmoral schauen, nicht nur auf ihre Bewaffnung. Kurz vor dem Sieg der Revolution war die Nationalgarde Somozas z.B. noch intakt, wenn man von der Bewaffnung und der Mannschaftsstärke spricht. Durch eine Reihe von politischen und militärischen Ereignissen jedoch wurde sie geschlagen. Die Moral unserer Armee ist exzellent, das kann man von der Contra nicht sagen. Sie hatte sich das strategische Ziel gesetzt, den bewaffneten Kräften der Revolution NICARAGUA eine militärische Niederlage beizubringen und die Macht zu ergreifen. Auf dieses Ziel hat sie verzichtet und sich dafür ein anderes gesetzt: die idealen Bedingungen zu schaffen für eine US-amerikanische militärische Invasion.
Bevor sie sich dieses neue strategische Ziel gesetzt hat, hatte die Contra versucht, einen Teil des Territoriums Nicaraguas zu erobern, um dort eine Regierung zu errichten, eine Stadt zu besetzen und ein Gebiet dauerhaft unter ihre Kontrolle zu bekommen, um eine strategische Operationsbasis dort aufzubauen. All das ist ihr nicht gelungen, vor allem weil ihr Einflußbereich im Norden, an der Grenze zu Honduras liegt. Das ist der wirkliche Kriegsschauplatz, unabhängig davon, daß sie teilweise tief ins Landesinnere vordringen konnte. Die Strategie des Feindes zu verstehen war für uns sehr wichtig, um richtige Prioritäten setzen zu können. Der Contra ist es nicht gelungen, große zusammenhängende militärische Einheiten zu stabilisieren; es fehlen ihr die Truppen dazu und auch unsere Feuerkraft ist überlegen. Deshalb hat die Contra beschlossen, ihre Kräfte nach taktischen, nicht nach strategischen Gesichtspunkten zu zerstreuen. Das schlägt sich nieder in einer Vielzahl kleiner bewaffneter Aktionen in der letzten Zeit, ein Ausdruck strategischer Schwäche. Bisher ist diese strategische Schwäche nicht endgültig und unsere unmittelbare Antwort darauf ist der Versuch, die taktische Zerstreuung in eine strategische zu verwandeln. Es muß verhindert werden, daß sie ihre zerstreuten Kräfte zentral koordinieren kann. Mit unserer militärischen Offensive, den neuen taktischen Einsätzen unserer Armee, unserer Geheimdienste und der anderen Kräfte des Innenministeriums ist es uns gelungen, der Contra bedeutende menschliche Verluste beizubringen. Für jeden von uns, der fällt, werden durchschnittlich drei bis vier Contras außer Gefecht gesetzt.
Uns gelingt es viel leichter, neue Kräfte zu gewinnen, als der Contra. Die Stärke ihrer militärisch geschulten Truppen ist in den letzten beiden Jahren um 50% zurückgegangen. Dennoch rekrutiert sie auch neue Kräfte, vor allem unter rückständigen Bauern, die sie entweder mit Gewalt verpflichtet, oder freiwillig, mit Hilfe ihrer üblichen Propaganda und ihrer üppigen finanziellen Mittel.
Wenn man sich ins Gedächtnis ruft, daß vor ihrer letzten Offensive die Contra cinen großen Teil ihrer Truppen in Hondu-
NICARAGUA
Es ist unmöglich, daß das Volk zur Vergangenheit zurückkehrt. Wenn das passieren sollte, würde ich aufhören, an die Menschen zu glauben.
ras und in den USA ausgebildet hat (u.a. auch im Luftkrieg an technisch hochentwickelten Waffen und in der Benutzung wichtiger Kommunikationsmittel und Instrumente zur Entschlüsselung von Botschaften unserer Streitkräfte), versteht man, daß die bedeutenden Verluste, die wir ihr beigebracht haben, vor allem die militärisch am besten ausgebildeten Truppen getroffen haben. Die neuen Kräfte, die sie rekrutier, bestehen zum größten Teil aus zwölf— bis dreizehnjährigen Kindern und Frauen und sind militärisch viel weniger wirksam.
Von ihren bestgeschulten Truppen hat sie also viele verloren. Das ist eine bedeutende Verschlechterung des Kräfteverhältnisses für sie, die durch das Friedensabkommen von Guatemala noch verstärkt wird. Ihre Schwächung zeigt sich schon allein daran, daß Truppenmitglieder von ihr den Friedensplan begrüßt haben und erklärt haben, sie wollten wieder nach Hause.
Wir haben gezeigt, daß wir es ernst meinen mit der Wiederaufnahme der Männer und Frauen, die der Contra den Rücken kehren. Wir empfangen sie auf eine menschliche Art und Weise und geben ihnen einen Arbeitsplatz oder integrieren sie auf andere Weise wieder ins gesellschaftliche Leben.
Glaubt ihr, daß die rechte Opposition die Wahlen gewinnen könnte?
Die Möglichkeit besteht und die Verfassung legitimiert einen Wahlsieg, der nicht von der FSLN stammt. Aber ich glaube, man kann sich schwer vorstellen, daß das Volk von Nicaragua seiner Geschichte den Rücken kehrt. Das ist noch nie vorgekommen. Ich glaube, es ist unmöglich, daß das Volk wieder zur Vergangenheit zurückkehrt. Wenn das passieren sollte, müßten wir die Macht abgeben; dann würde ich allerdings aufhören, noch an die Menschen zu glauben.
Die rechte Opposition fordert für die praktische Umsetzung des Friedensabkommens die Aufhebung des Ausnahmezustands, die Wiederzulassung von La Prensa und von Radio Catolica. Wie denkt ihr darüber?
Ich lese gerade das Abkommen, das in Guatemala unterzeichnet wurde, und darin steht genau das Gegenteil. Es stellt fest, daß das Ende des Krieges und die Aufhebung des Ausnahmezustands gleichzeitig erfolgen müssen. Wenn man uns mit der Pistole bedroht, wäre es verrückt, uns der, die wir in der Hand halten, zu entledigen. Ich glaube, daß die Verhandlungen zu einer Aufhebung des Ausnahmezustands führen können.
Wir machen sehr rasche Fortschritte in der Umsetzung des Friedensplans. Wir haben die Nationale Versöhnungskommission eingerichtet. Solange wir aber nicht zu einem globalen und gleichzeitigen Abkommmen in Mittelamerika kommen, kann uns niemand zwingen, den Aufnahmezustand aufzuheben. Solange es ein solches Abkommen noch nicht gibt, können wir beschließen, den Aufnahme zustand aufzuheben, wenn wir die Bedingungen dafür gegeben sehen. Der Ausnahmezustand ist kein Selbstzweck. Er ist ein vorübergehender Zustand in einer Situation des Krieges. Unter den gegenwärtigen Umständen können wir weder auf die militärische Bewaffnung, noch auf die politischen und juristischen Waffen verzichten, die die Verfassung zuläßt. Wir sind aber bereit, nicht mehr zu schießen, wenn es keine Feinde mehr gibt, die uns zwingen zu schießen. Wir sind auch bereit, den Aufnahmezustand aufzuheben, ein juristisches Mittel, das die Verfassung erlaubt, wenn dieser nicht mehr nötig ist. Wenn wir dazu nicht mehr bereit wären, würden wir zu einer diktatorischen und illegalen Macht.
Der Sprecher der Christlich—Sozialen Partei (PSC) hat erklärt, es gebe 10.000 politische Gefangene in euren Gefängnissen. Was ist daran?
Es gibt 8.800 Gefangene im Ganzen, die Mehrzahl davon besteht aus Dieben, Vergewaltigern, Drogenhändlern, Viehräubern, also gemeinen Verbrechern. Dazu kommt ein großer Teil von ehemaligen somozistischen Nationalgardisten, die seit der Revolution im Gefängnis sind. Insgesamt sind 2.400 Konterrevolutionäre gefangen.
Ich will Ihnen eine Anckdote erzählen. Als ich in der Bundesrepublik war, hat mich ein gewisser Geißler angesprochen und behauptet, es gäbe Mitglieder der Christlich—Sozialen Partei, die in Nicaragua politische Gefangene seien. Ich habe telephonisch nachgefragt und man hat mir geantwortet, es gebe vier oder fünf gefangene Christlich—Soziale. Diese waren aber nicht im Gefängnis, weil sie der PSC angehören, sondern weil der eine gestohlen, der andere vergewaltigt hatte, usw Nach der Logik von Herrn Geißler gäbe es dann 8.800 gefangene Katholiken in Nicaragua. Man könnte auch sagen, dal die Mehrheit der Gefangenen Sandinisten
sind. Das sind fast 5.000 Gefangene. Sie sitzen nicht, weil sie Sandinisten sind, sondern aus anderen Gründen. Ich kann Ihnen sogar sagen, daß die Mehrzahl der Gefangenen im Norden in der Region VI (Jinotega, Matagalpa) Angehörige der Streitkräfte oder des Innenministeriums sind, die ihre Rechte gegenüber der Bevölkerung mißbraucht haben und das Gesetz aus dem einen oder anderen Grund mißachtet haben; auch sie sind Sandinisten. Kümmert sich jemand um ihr Los? Was ist mit dem Autonomiestatut für die Atlantikküste?
Die Ausarbeitung des Statuts ist in ihrer letzten Phase. Ende August, Anfang September wird der Entwurf der Nationalversammlung vorgelegt. Wie lange die Diskussion darüber dauern wird, hängt von der Nationalversammlung ab, aber normalerweise dürfte es gegen seine Verabschiedung keine großen Hindernisse mehr geben, weil es den Willen der Mehrheit der Bewohner der Atlantikküste widerspiegelt. Dieses Gesetz ist das demokratischste, das ich aus der Geschichte kenne. Es wurde Wort für Wort, Paragraph für Paragraph, Absatz für Absatz von der Bevölkerung der Atlantikküste diskutiert und abgestimmt.
Ich kann sagen, daß ich in einigen Teilen des Textes andere Formulierungen vorgezogen hätte, aber da es das Ergebnis einer kollektiven Diskussion der Bevölkerung der Atlantikküste selbst ist, hieße es, letztere vor den Kopf zu stoßen, wenn man das Gesetz ablehnte. Es wird nicht einfach sein, das Gesetz in die Praxis umzusetzen, weil es kompliziert ist und einen qualitativen Sprung bedeutet. Jeder qualitative Sprung bringt Schwierigkeiten mit sich. Das Autonomiestatut ist das Ergebnis unserer Bemühungen zur Befriedung der Atlantikküste und der Verbesserung der Fehler, die wir begangen haben. Das Gesetz ist ein Vorbild, ein Beispiel für alle, die in ganz Amerika in einer ähnlichen Situation leben. Das wird alle Ureinwohner dieses Kontinents, auch in den USA und in Kanada, ermutigen. Seit 1979 gibt es in Nicaragua ein revolutionäres Regime, in dem es einen wirklichen politischen und gewerkschaflichen Pluralismus gibt. Welche Bilanz zieht ihr darüber?
Der Pluralismus und die gemischte Wirtschaft in Nicaragua sind das natürliche Ergebnis unseres revolutionären Prozesses. Es ist weder etwas Künstliches, noch eine Taktik, um Zeit zu gewinnen. Die Frage ist nicht, ob es positiv oder negativ ist; es ist einfach eine unumstößliche Tatsache. Es war nicht leicht, den politischen Pluralismus einzuführen, weil der Staat im Gegenzug für diesen PLuralismus und die gemischte Wirtschaft erhebliche Zugeständnisse an die Unternehmer machen mußte. Es gab Schwierigkeiten, weil die Politik Vorrang hatte vor der Wirtschaft. Das bedeutet, daß die Sektoren, die von der politischen Macht ausgeschlossen sind (die aber weiter über politische Optionen verfügen, ohne politische Macht zu haben), in der Produktion und in der Wirtschaft insgesamt geblockt haben. Wenn wir die Politik säuberlich von der Wirtschaft hätten trennen und die Probleme getrennt lösen können, wäre vieles einfacher gewesen. Das Problem aber ist, daß Politik und Wirtschaft eng miteinander verflochten sind. Die grundsätzliche Frage war eine politische. Der Unternehmerverband COSEP ist eher eine politische Partei als ein Instrument für die Produktion. Er beteiligt sich an der Koordination Acasa, die ein politisches Instrument derer ist, die in Opposition zur Revolution stehen. Es ist klar, daß der politische Pluralismus umso mehr Spielraum hat, je mehr die Bestimmungen des Friedensplans von Guatemala in die Praxis umgesetzt werden. Denn der Ausnahmezustand hat die Aktivität der Oppositionsparteien natürlich in gewissem Maße eingeschränkt.
Welche Rolle spielen zur Zeit die Sandinistischen Verteidigungskomitees? Die CDS sind die besondere Form der Vertretung der Bewohner in den Stadtvierteln. Sie haben eine Zeit gebraucht, bis sie ihr Aktionsfeld und ihre Funktionsweise gefunden haben. In letzter Instanz können die CDS das Instrument darstellen, das die Beteiligung der Massen an der revolutionären Macht festigt. Heute kümmern sich die CDS nicht mehr hauptsächlich um die revolutionäre Wachsamkeit, jedenfalls nicht mehr in der Form, die vor wenigen Jahren praktiziert wurde. Die CDS sind heute die Garanten und Interpreten der Forderungen der Bewohner der Stadtviertel. Diese verfügen also über einen Kanal, ihre unmittelbaren Forderungen, die natürlich auch in anderen politischen Instanzen zur Sprache kommen, zu Gehör zu bringen. In den CDS gibt es wirklich demokratische Wahlen, sie finden geheim statt. Ich war Zeuge einiger dieser Wahlen in verschiedenen Gebieten des Landes. Die CDS wählen nicht unbedingt die Kandidaten, die von der FSLN vorgeschlagen werden, auch wenn die NICARAGUA
Mehrheit der CDS mit den Positionen der FSLN übereinstimmt und diese als die revolutionäre Avantgarde anerkennt. Was kann man gegen die bürokratischen Auswüchse tun, wenn man bedenkt, daß heute die Hauptgefahr von der imperialistischen Aggression ausgeht?
Ich würde gern das Zauberwort für den Kampf gegen den Bürokratismus kennen. Ich glaube, vorher entdeckt man noch das Mittel gegen AIDS. Man muß wirklich die Mechanismen erkennen, die erlauben, den Bürokratismus zu bekämpfen. Oft ist das sehr schwer, weil die Formen, die die Bürokratie annimmt, so unglaublich vielfältig sind, daß man sich über ihre Überlebensfähigkeit nicht zu wundern braucht. Vor kurzem sagte ich zu einem Freund bei einer Diskussion über die Menschenrechte und die Bürokratie: „Wenn die Menschen jemals den Wahnsinn begehen, einen atomaren Weltkrieg zu entfesseln, wird die Gattung Mensch von der Erdoberfläche verschwinden, aber die Kakerlaken und die Bürokraten werden überleben. " Es ist schwer, gegen die Bürokratie anzugehen. Dennoch muß man es tun und ich glaube, das beste Mittel dazu ist der direkte Kontakt der Führer, der Revolutionäre mit der Wirklichkeit. Die Wirklichkeit lernen wir nicht im Büro kennen, sondern im direkten Kontakt mit den Massen, mit der arbeitenden Bevölkerung, den Bewohnern im Stadtteil, usw. Ich will ein Beispiel geben, um mich verständlich zu machen. In einem Büro geht ein Dokument ein, das die Probleme in einem Betrieb beschreibt, wo die Arbeiter sich über den Lärm beschweren. Das Lesen dieses Papiers ersetzt nicht den Besuch vor Ort. Ich bin in den Betrieb gegangen und habe gesehen, daß es nicht zuviel Lärm gab, sondern daß dieser schier unerträglich war und die Arbeiter schlicht taub würden, wenn man nicht Abhilfe schaffte. Wenn der Beamte oder Minister, der für diesen Betrieb verantwortlich ist, sich nicht an Ort und Stelle ein Bild macht, kann das Problem nicht gelöst werden. In den Berichten kann die Wirklichkeit niemals exakt wiedergegeben werden, sie bleibt immer ausschnitthaft.
Heute sind der Imperialismus und die Bürokratie unsere Hauptfeinde und es ist