Inprekorr 1971–1992

Archiv der Internationalen Pressekorrespondenz der IV. Internationale

Maggy Origer/Marlies Wehner: Bücherkiste: Thema

Frauenarbeit und Reproduktion

Inprekorr Nr. 196, Oktober 1987 · S. 32-38 · 4.487 Wörter

Frauen Griechenland und Türkei Gewerkschaften und Streiks

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Thema: Frauenarbeit und Reproduktion sche, historische wie gesellschaftliche, kapitali- Offiziell werden im Rahmen therapeutischer stische und patriarchalische, halten sie die De- Maßnahmen Unfruchtbarkeit und Erbkrankbatte am Leben, womit sie auch die Tragweite heiten der Patientin Frau „geheilt", sie soll ihr des Kampfs für eine Gesellschaft, in der „die "Mutterglück' finden. Corea aber zeigt Paral- Muße zum Maß des gesellschaflichen Reich- lelen zwischen der Erforschung von Reprotums werden würde" bestimmen. duktionstechniken bei Tieren und bei Frauen .,Es geht um mehr als ein paar Stunden weni- auf, die Frauen auf die Funktion von Brutmager Arbeit in der Woche"; wir haben ,, einen schinen bzw. Brüterinnen reduzieren. Sie wererheblichen Nachholbedarf für Zeit als Quelle den gelockt mit vermeintlichen Rechten" und von Lebensqualität". Wir, das sind insbeson- „Wahlmöglichkeiten" . Aber wie realistisch dere Frauen. Denn "unsere Erwerbs- kann die individuelle Freiheit und Selbstbearbeitswelt (...) kann nur so funktionieren, stimmung sein angesichts der Machtverhältweil die dort handelnden Männer Ehefrauen nisse eines patriarchalisch-kapitalistischen haben, die ihnen den Rücken von sogenannter Staates?

Alltagsarbeit freihalten". Sucht frau ein wenig mehr Lebensqualität, indem sie einen Teilzeit- Voraussetzung der reproduktiven Freiheit arbeitsplatz annimmt, so ist darin zwar ein wäre ein „allseits entfaltetes Menschsein" von Ausdruck praktischer Kritik an den überlan- Mann und Frau. Das Buch macht deutlich: gen Normalarbeitszeiten" zu sehen, doch liegt „Bei den gegebenen Machtverhältnissen jedie Schwäche dieser Kritik (...) in ihrem in- doch lautet die wirkliche Frage: Darf von der dividualistischen Vollzug" und ändert nichts Maschine (d.h.der Frau) entschieden werden, am althergebrachten Rollenverständnis. ob oder wie häufig oder mit welchem Material sie sich an die Produktion macht? Selbstver- Es geht um mehr als ein paar Stunden... Es ständlich nicht."

geht um die Abschaffung der gesellschaftlichen Arbeitsteilung" und der Machtverhält- Im Interesse des Patriarchats liegt nicht nur die nisse zwischen Mann und Frau". Und dazu fremdbestimmte Reproduktionstechnik, auch gehört auch, der vorhandenen „Anfälligkeit der staatlich verordnete Gebärzwang für subalterne Anpassung an kapitalorientierte Abtreibungsverbote zeigt Frauen die Schran- Wirtschaftspolitik in manchen gewerkschaftli- ken ihrer „Freiheit". Die herrschenden Strukchen Strukturen" den Kampf anzusagen - turen, d.h. die Sicherung der Eigentumsvernach dem Motto, ,unsere männlichen Kolle- hältnisse durch legitime Erben und die Ehe stegen gingen uns zu zögerlich voran"'! hen nicht zur Disposition. Und wer bestimmt die Grenzen der Forschung? Was nützt uns Ein faszinierendes, zum Glück nicht immer eine „Selbstbeschränkung" der Forscher, die einheitliches Buch, das zeigt, daß der Kampf nach eigenem Ermessen aufgehoben werden menschenwürdige kann, zumal bei den bestehenden Machtverauch, sondern in erster Linie ein Frauenkampf hältnissen und der Dominanz der unterdrückerischen Geschlechterideologie?

Gena Corea: MutterMaschine. Reproduk- Wir dürfen dieses Forschungsgebiet nicht detionstechnologien. Von der künstlichen Be- nen überlassen, die ihre Erkenntnisse wieder fruchtung zur künstlichen Gebärmutter, einmal gegen uns wenden, sondern müssen Rotbuch Verlag Berlin 1986. Position bezichen für das Selbstbestimmungsrecht in allen Bereichen. Einzelne „Bonbons"

„Es geht nicht um "Mutterglück' für alle für ausgewählte Frauen heben noch lange nicht Frauen, es geht vielmehr um eine Auslese von die grundsätzliche Kontrolle über die Frau bestimmten Frauen, die auch bestimmte Kin- durch das patriarchalische Recht" auf. So der kriegen sollen. " Corea beschreibt den ak- leicht werden sie es uns nicht machen. tuellen Stand und die Möglichkeiten der neuen Maggy Origer

Reproduktionstechnologien. Marlies Wehner |

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len. Beschäftigt ein Unternehmer nur neun- undneunzig Frauen, ist er nicht verpflichtet, eine Kindertagesstätte oder cinen Raum zum Stillen zur Verfügung zu stellen. Natürlich bleiben die Unterneh mer mit der Zahl der Frauen, die sie beschäftigen, meist knapp unter der gesetzlichen Verpflichtung. Aber auch der Staat sorgt nicht für Einrichtungen zur Betreuung der Kinder.

Abtreibung

Zu Beginn der Republik wurde das Bevölkerungswachstum gefördert. Seit 1965 jedoch gibt es ein Gesetz zur Bevölkerungsplanung, das versucht, das Wachstum zu bremsen. 1983 wurden Abtreibung, Sterilisierung und Kastration „freigegeben" Die Hauptforderung der Frauenbewegung in den USA und in Westeuropa hat die Militärjunta also aus freien Stücken akzeptiert. Allerdings mit einer Einschränkung: die Abtreibung ist bis zur 10. Woche der Schwangerschaft erlaubt, aber die Frauen brauchen eine besondere Erlaubnis des Ehemannes. Wenn sie keine vorzeigen können, ist die Abtreibung illegal, die staatlichen Krankenhäuser nehmen ohne eine solche Erlaubnis den Eingriff nicht vor. Die Freigabe der Abtreibung ist also nur eine Maßnahme gegen das Bevölkerungswachstum, sie hat mit dem Selbstbestimmungsrecht der Frau über ihren eigenen Körper nichts zu tun. Im Gegenteil, das Gesetz macht noch einmal klar, wer über den Körper der Frau zu entscheiden hat. Einer Studie zufolge treiben 62,2% der verheirateten Frauen ab. Abtreibung ist im Leben der Frauen also etwas Normales. Unverheiratete Frauen aber werden nach wie vor in die Illegalität getricben, womit auch die privaten Praxen gefördert werden. Die Forderung nach dem uneingeschränkten Recht auf freie Abtreibung ist deshalb immer noch aktuell und etwas, um das die Frauenbewegung kämpfen muß.

Am 24.Juli 1985 hat die Türkei die UN— Konvention gegen die Diskriminierung der Frau in allen Bereichen unterzeichnet. Sie wurde sogar vom Parlament ratifiziert. Die Konvention steht im Widerspruch zu den bestehenden Gesetzen. Dennoch ist sie von Vorteil für die Frauen. Es hat sich jetzt ein Verein gegründet, der für die Durchsetzung der Ziele der Konvention kämpft.

Die Stellung der Frau auf dem Land

Nach der Volkszählung von 1980 sind 48.8% der Bevölkerung weiblich. Die Zahl der arbeitenden Frauen ist auf dem Land mit 5.431.451 höher als die Zahl der arbeitenden Männer (5.051.405). In manchen Gebieten arbeiten nur die Frauen, während die Männer den ganzen Tag im Kaffeehaus sitzen. Dies wird jedoch als selbstverständlich betrachtet und die Arbeit der Frauen auch nicht bezahlt, weil es keine Lohnarbeit ist, sondern die Feldarbeit der Frauen als Hausarbeit betrachtet wird. 92,5% der Frauen, die auf dem Land arbeiten, bekommen diese Arbeit nicht bezahlt. 61,5% dieser Frauen sind Analphabetinnen. Bis zur Heirat arbeiten die Frauen im Vaterhaus; danach arbeiten sie für den Mann und die Familie. Die Frau kann sich den Mann, den sie heiraten soll, nicht frei aussuchen. Eines der größten Probleme ist das Brautgeld, weil seine Höhe durch die dörfliche Konvention festgelegt ist und vielfach nicht aufgebracht werden kann. Besonders scharf stellt sich dieses Problem in Kurdistan. Ein anderes großes Problem ist die Gewalt gegen Frauen. Es ist allgemein bekannt, daß die Frauen auf dem Land häufiger geschlagen werden. Aber ob sie in den Städten weniger geschlagen werden, ist zu bezweifeln, weil man darüber weniger weiß. Auf dem Dorf spricht sich Gewalttätigkeit sofort herum; in der Stadt bekommt man sie oft gar nicht mit, und was man weiß, wird verheimlicht, weil das nicht zum Image einer modernen Gesellschaft paßt. Die Frauen auf dem Land sind vom Mann und von den Traditionen weit mehr abhängig als in den Stadt. Sie müssen auch über die normale Hausarbeit hinaus zusätzlich arbeiten, um nur die elementarsten Bedürfnisse zu befriedigen. In den Häusern gibt es meist weder fließendes Wasser, noch Elektrizität. Die Frauen müssen das Wasser aus dem Dorfbrunnen holen und das Feuer selber machen. In der Familie ist ihre Stellung untergeordnet: besonders in Ostanatolien essen die Frauen immer noch nach den Männern. Auf dem Land werden die Frauen stärker diskriminiert. Aber weil sie ihre Situation immer noch als Schicksal hinnehmen, werden sie hier wahrscheinlich die letzten sein, die sich der Frauenbewegung anschließen.

Frauen und Erwerbstätigkeit

Frauenerwerbstätigkeit wird heute als normal betrachtet. Das bedeutet aber zugleich, daß die Hausarbeit nicht als Arbeit anerkannt wird. Wie überall in der Welt. wird die Hausarbeit nicht bezahlt. Die Industrialisierung hat das Leben der Frauen verändert. Wie in den hochindustrialisierten Ländern auch wurden sie willkürlich und massenweise als Lohnarbeiterinnen eingestellt und wieder ent- TÜRKEI

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3. 19/> waren 73% del Lohnabhängigen männlich und 27% weiblich. D.h. nur ein Viertel aller Erwerbstätigen waren Frauen. 40,8% der erwerbstätigen Frauen arbeiten in der Textilindustrie, 53,1% davon bei TEKEL, in der staatlichen Zigarettenproduktion, und nur 1% in der Chemie— oder Metallindustrie. Den Frauen ist der Zugang zu den hochbezahlten Berufen verwehrt. In der Metall—, Auto- und Chemieindustrie arbeiten hauptsächlich Männer. Die Frauenbewegung muß fordern, daß Frauen auch in diesen Bereichen eingestellt werden, damit die geschlechtsspezifische Arbeitsteilung und die Spaltung in der Arbeiterklasse aufgehoben werden.

Auch türkische Frauen werden in erster Linie als Hausfrauen betrachtet. Es gibt keine Lohngleichheit und ihre Chance, Karriere zu machen, ist sehr gering. Die herrschende Auffassung ist die, daß Frauen dazu bestimmt sind, Kinder zu gebären und die Hausarbeit zu machen; deshalb bräuchten sie nicht an der Arbeitswelt teilzunehmen und schon gar nicht Karriere zu machen. In allen Bereichen sind Frauen in Führungspositionen sehr schlecht oder gar nicht vertreten. 1986 gab eine der größten Banken bekannt, daß von ihren 72 Managern nur vier Frauen seien. In einigen Branchen gibt es nach zwanzig Jahren Betriebszugehörigkeit eine besondere Lohnerhöhung. Diese fallt für Männer fünfmal so hoch aus wie für Frauen. Um die Lohn- ungleichheit abzuschaffen, müssen in den Gewerkschaften Frauengruppen gebildet werden. Das Geld, das die Frauen verdienen, wird nur als Zusatzeinkommen betrachtet. Hinzukommt, daß die Frauen bei der sich vertiefenden wirtschaftlichen Krise aus der Arbeitswelt wieder herausgedrängt werden. 1985 haben 35% der erwerbstätigen Frauen ihren Arbeitsplatz verloren. Die anderen werden zu unregelmäßigen Arbeitszeiten, Überstunden oder Nachtarbeit gezwungen. In dem Maße, wie die elektronische Datenverarbeitung in die Büros einzieht, verlieren die Frauen ihren Arbeitsplatz bei den Banken und ähnlichen Dienstleistungsbetrieben.

Ein anderes Problem der erwerbstätigen Frauen ist die geringe Zahl der zur Verfügung stehenden Kindergärten. In der Türkei gibt es noch ganze 397 Kindergärten, die sind zumeist in den paar Großstädten konzentriert. Es müssen mehr Kindergärten gefordert werden, auch damit die Frauen überhaupt eine Chance bekommen, an der Frauenbewegung teilzunehmen. Es reicht auch nicht, daß der Staat Kindergärten einrichtet. Sie müssen der Kontrolle der Mütter und Väter unterstehen, damit so etwas wie ein erster Schritt in Richtung einer neuen Form der Kinderbetreuung gemacht werden kann. Hausfrauen

Fast alle Frauen sind zugleich auch Hausfrauen. Deshalb muß ihre Situation auch aus dieser Sicht betrachtet werden. Auch die türkischen Frauen sind dreifach diskriminiert: als Erwerbstätige, Hausfrauen und Mütter. Die erwerbstätigen Frauen betonen immer wieder, wie wichtig es für sie ist, ein paar Stunden außerhalb des Hauses zu arbeiten, auch wenn ihnen ihre Erwerbstätigkeit nicht gefällt. Das bedeutet aber zugleich, daß sie von zu Hause zur Arbeit, von der Arbeit nach Hause hetzen, um zugleich den Willen des Ehemannes, der Kinder und der Unternehmer zufriedenzustellen. Erwerbstätige Frauen lesen mehr, obwohl sie kaum Zeit zum Lesen haben - das ergab eine Umfrage von Cumhuriyet. Sie lesen jedoch meist die farbigen Magazin-Zeitungen, d.h.die Publikationen, die sie in ihrer Rolle als Hausfrau und Mutter noch bestätigen. Bei dieser Umfrage antworteten die meisten Frauen auf die Frage: ,,Was machen Sie in ihrer Freizeit?" „Hausarbeit." Ein bißchen beginnt sich eine Arbeitsteilung bei der Hausarbeit zu entwickeln. Die Umfrage von Cumhuriyet ergab auch, daß in den Ehen, die freiwillig geschlossen werden, die Männer sich stärker an der Hausarbeit beteiligen als in solchen, die von der Familie beschlossen werden. Auch Männer mit höherem Schulabschluß helfen mehr bei der Hausarbeit. Doch auch hier ist eine geschlechtsspezifische Arbeitsteilung zu beobachten: während die Männer reparieren oder einkaufen, sind die Frauen mit Kochen, Waschen und der Kinderversorgung beschäftigt.

Trotz der Doppelbelastung wollen 69,4% der erwerbstätigen Frauen weiter arbeiten gehen. Die erwerbslosen Frauen genießen weder die beschränkte Unabhängigkeit, die ein eigenes Einkommen gewährt, noch können sie eigene soziale Beziehungen

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aufbauen.

In Ländern wie der Türkei, wo die Kaufkraft sehr niedrig ist, kommen die Frauen auch nicht in den Genuß der technischen Erleichterungen der Hausarbeit durch elektrische Haushaltsgeräte. Alle Hausarbeit erledigen die Frauen aus eigener Kraft. Sie greifen kaum zu den vorgefertigten Gerichten (Konserven, Tiefgekühltes), zum einen, weil es der Tradition nicht entspricht, zum andern weil es mehr kostet. Das bedeutet, daß die Frauen einen großen Teil ihrer Zeit in der Küche verbringen, wo es meist dunkel und eng ist. Die Frauen müssen auch die älteren oder kranken Familienmitglieder versorgen, weil es so Sitte ist, aber auch weil der Staat nicht die entsprechenden Einrichtungen zur Verfügung stellt.

Hauptberuf: Hausfrau

In den ländlichen Gebieten und in den Elendsgebieten am Rande der Großstädte ist die Solidarität unter den Frauen größer als dort, wo die Familien in Wohnblocks leben. Der Kontakt untereinander ist stärker und sie leben nicht so vereinzelt in ihren Wohnungen. Sie sind sich deshalb ihrer gemeinsamen Probleme auch mehr bewußt, auch wenn sie keine Möglichkeiten sehen, sie zu lösen. Die Frauen in den Städten dagegen leben isoliert und sehen keinen Ausweg aus ihrer Situation. Alle Frauen akzeptieren ihr Hausfrauendasein und finden es beschämend, wenn Männer sich in die Hausarbeit einmischen. Eine Werbeagentur hat einmal untersucht, was die wichtigste Eigenschaft einer Frau sein sollte. Darauf haben die Frauen einstimmig geantwortet: eine gute Mutter, gute Ehefrau und gute Hausfrau zu sein. Aber nur noch 22% der Frauen halten die ökonomische Abhängigkeit für eine gute Eigenschaft. Natürlich ist es auch für die Männer das Wichtigste, daß die Ehefrauen gute Hausfrauen sind. ut der internationalen rrauenkonterer ı Nairobi 1975 wurde die Forderung di kutiert, die Hausarbeit zu und entlohnen und der Erwerbstätigkeit gleichzustellen. Zu dieser Forderung, die in der Frauenbewegung seit langem diskutiert wurde, gab es zwei Positionen: einige fanden es gut, daß die Hausarbeit bezahlt wird, weil sie letztlich dem Kapitalismus zugute kommt. Andere fanden, daß die Hausarbeit die Frauen ruiniert und um das zu verhindern wollten sie sie vergesellschaften. Ein Lohn für Hausarbeit würde diese nur institutionalisieren, was sich letztlich ggen die Frauen wenden würde. Deshalb lehnten sie ihn ab.

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Der Kemalismus hat den Frauen mehr Rechte gegeben. An ihrer sozialen Situation hat er nichts geändert

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NAMIBIA

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World University Service, Deutsches Komitee e.V.. Goebenstr. 35. 6200 Wiesbaden (Tel. 06121 / 4 5525) ISBN 3-92 28 45-01-0 Kalender 1988 Der Namibia-Kalender für 1988 infornuert uber die geschichtlichen und aktueilen Aspekte des Kolonialsystems and des antikolonialen Widerstands. Herausgegeben wird er vom Deutschen Komitee des World University Service. Er IN cin Beitrag zur Wiederentdeckung der geraubten Geschichte" dieses Landes, in dem hundert Jahre lang fremde Kolonialherren versucht haben, den Namibiern einzutrichtern. Geschichte und Kultur hatten in ihrem Land erst mit der Kolonisierung durch die Europaer angelangen. Uberlielerung und Dokumente erzählen uns was anderes: _In der Schule habe ich nie etwas uher die Geschichte meines eigenen Volkes gehort. Dafur durfte ich lernen. daß wir von dem Bremer Kaufmann Adolf Loderitz entdeckt worden sind. Ich kenne die Geschichte des großen deutschen Reiches hestimmt hesser als viele Deutsche." (Unzuvara Katjevena. Namibianer im Exil). Weitere Themen wa. ond. Gcraubtes Land — Die betrügerischen Vertrage. Bass der Apanheid - Kolonale Repression. Katutura — Umsiedlungen und Widerstand. SWAPO - Nationaler Befremingskampl

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Gochenstr. 35.6200 Wieshaden lel. 061.21 4 55 25 Kalender 1988 - Südliches Afrika Der Südafrika-Kalender 1988 wird herausgegeben vom niederländischen Komitee Sudliches Afrika, einer Solidaritätsorganisation mit den Befreiungshewegungen ANC und SWAPO von Namihis. Die südafrikanischen Künstler George Hallett und Gevin Jantjes, zur Zeit in den Niederlanden im Exil. stellten das Photomaterial and die Kommentare (engl.. miederl. u. deutsch) zusammen Auf der letzten Seite werden die Giedächtnistage des Widerstands in Sudafrika erwähnt. Die Bilder sollen laut Aussage der Autoren ein positives Bild der schwarzen Kultur Südafrikas vermitteln. man sicht keine dramatischen Bilder der Unterdrückung. sondern Motive aus dem Alltagsleben von Afrikanern. die zu einem neuen Selbsthewußtsein gelunden haben. Die Bilder sind im Formi DIN A 3 gehalten. Schwarzweil- Photos, im Hochformat auf Hochglanzpapier.

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Tel. 020-27 0X 01 Die Ausbildung der Frauen

In den ländlichen Gebieten und in den unteren Schichten wird nicht viel Wert auf die Ausbildung der Frauen gelegt. weil „sie sowieso heiraten". Obwohl die Grundschule für alle obligatorisch ist. ist der Teil der Analphabetinnen unter den Frauen sehr hoch. In der Arbeiterklasse wollen die Eltern, daß die Töchter in die Fabrik gehen, damit sie die Familie miternähren können. Kleinbürgerliche Familien legen mehr Wert auf die Ausbildung ihrer Töchter, weil sie dann bessere Chancen bei der Heirat haben. Deswegen schicken sie ihre Töchter auf die Universität. Beim Studium wählen die Frauen mehr die sozialwissenschaftlichen Fächer. Der Prozentsatz an Universitätsabgängerinnen ist in der Türkei sehr hoch. 1983—84 betrug er 32,1%. Das ändert aber nicht viel an ihrer gesellschaftlichen Situation. Damit erhöht sich nur die Anzahl der Hausfrauen mit Uni-Abschluß. Zum einen finden Frauen seltener Arbeit, zum anderen hören die meisten nach der Heirat auf, berufstätig zu sein. In manchen Berufen werden auch nur männliche Bewerber eingestellt, z.B. in bestimmten Zweigen der staatlichen Verwaltung. Da dürfen die Frauen zwar die berufsvorbereitenden Prüfungen absolvieren, aber zum Beruf selbst sind sie nicht zugelassen. Auch beim Promovieren werden Männer bevorzugt.

Männer achten weniger als Frauen darauf, welche Ausbildung ihre Partnerin hat. Dies liegt daran, daß die Stellung der Frau in der Gesellschaft vom Mann abhängig ist, nicht umgekehrt. Den Mänist es sogar recht, wenn ihre Ehefrauen eine geringere Ausbildung haben als sie selbst. Bei den Frauen ist es umgekehrt. Andererseits suchen sich die Männer, die eine höhere Ausbildung haben, auch Ehefrauen mit einer der ihren entsprechenden Ausbildung.

Eine wichtige Forderung ist die nach Chancengleichheit in der Ausbildung und im Beruf. Eine andere ist die nach Abschaffung der geschlechtsspezifischen Rollenbilder in den Schulbüchern. Frauen und Sexualität

Die materiellen Bedingungen bestimmen die gesellschaftliche Situation der Frau, aber nicht alles läßt sich mit den materiellen Bedingungen erklären. Unser Leben wird auch bestimmt durch die Traditionen, die religiösen Bräuche und die vorherrschende Denkweise. Das Rollenbild als Frau oder als Mann prägt uns von Kindheit an. Auch revolutionäre Männer wählen ihre Ehefrauen nach kapitalistischen Kriterien. Auch sie machen einen Unterschied zwischen der Frau. die sie heiraten. und der, mit der sie flirten. Die Frauen spielen dieses Spici mit. Von klein auf lernen sie, daß sie sich vor Männern schützen, aber sich zugleich einen guten Ehemann angeln müssen. Ein solches Spiel brauchen die Männer nicht zu spiclen. Sexuelle Beziehungen vor der Ehe sind verboten, aber Frauen müssen Männer genügend reizen, daß sie sie heiraten. Mit der Heirat wechselt die Frau ihren Aufenthaltsort, weil es Gesetz ist, daß der Ehemann den Wohnort der Familie bestimmt. Mit der Heirat beginnt für die Frau auch die Sexualität. Auf dem Land lernen sich die Partner vor der Heirat zumeist nicht kennen, sie werden einander bereits als Kinder zugesprochen. In der Stadt ist das anders, dort liegt die Altersgrenze für die Eheschließung höher und die Partner entscheiden selber. Untersuchungen haben ergeben, daß in den unteren Schichten immer noch vorwiegend die Familie über die Ehe entscheidet, in den höheren Schichten ist die Partnerwahl meist frei. Überall jedoch gilt die Voraussetzung, daß die Frau Jungfrau sein muß. Die Frauen sehen sich selbst als Sexualobjekt und werden auch von den Männern so gesehen. Das sexuelle Leben erleben die Frauen meistens als Zwang. Beide Geschlechter wissen ziemlich wenig über die Sexualität. Weder in der Schule noch in der Familie werden solche Themen angesprochen. Sie sind tabu. Die Frauen kennen ihren Körper nicht und haben wenig Ahnung über Verhütungsmittel. Lesbische Beziehungen werden von der Gesellschaft geächtet und bleiben geheim. Wenn zwei Frauen zärtlich miteinander umgehen, gilt dies meist als harmlos und unschuldig. Anders bei den Männern. Dort wird ein solches Verhalten völlig abgelehnt und unter Strafe gestellt. Homosexuelle werden von der Polizei verfolgt. Solche Beziehungen werden von der Gesellschaft natürlich auch deshalb abgelehnt, weil hier eine Kinderzeugung nicht möglich ist. Die Frau wird solange geachtet, wie sie gebiert. Die unfruchtbare Frau wird von der Gesellschaft verstoßen.

In denletzten Jahren hat die Prostitution stark zugenommen. Die Zahl der Frauen. die selbständig anschaffen gehen, ist grö- Ber geworden im Verhältnis zu denen, die im Bordell arbeiten. Selbst Kinder zwischen zehn und fünfzehn Jahren werden schon zur Prostitution gezwungen. Wegen der wirtschaftlichen Krise verkaufen die Männer ihre Frauen und Töchter. Der

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Oberbürgermeister von Istanbul hat groß angekündigt, daß er weitere Bordelle aufmachen will. D.h. die Prostitution wird vom Staat noch gefördert. Prostituierte genießen keine soziale Absicherung und bekommen keine Rente, sie arbeiten unter miserablen Bedingungen.

Frauen und Politik

Die Frauen sind erst spät in die Politik eingestiegen. Die Zahl weiblicher Parteimitglieder ist sehr gering, und Frauen sind in den Parteien nicht sehr aktiv. In der Vergangenheit haben sich die Frauen zum größten Teil in der jetzt verbotenen CHP (damals die Partei Bülent Ecevits) organisiert. Bei den letzen Wahlen 1983 wurden zwölf Frauen ins Parlament gewählt.

Erst mit der 68er Bewegung haben die Frauen angefangen, sich für Politik zu interessieren. Der Aufschwung der Studenten-und Arbeiterbewegung hat die Frauen stark beeinflußt. Besonders die Studentinnen haben sich an deren Aktionen beteiligt. In dieser Zeit stieg die Zahl der weiblichen Gewerkschaftsmitglieder. Dennoch ist der Organisationsgrad in den Bereichen, in denen überwiegend Frauen arbeiten, wie in der Textilindustrie, nicht so hoch wie in den männlich dominierten Bereichen Metall und Chemie.

Frauen beteiligen sich auch an Streiks, aber bisher gab es keinen Streik, an dem nur Frauen beteiligt gewesen wären oder wo besondere Forderungen für Frauen aufgestellt worden wären. Die revolutionäre Gewerkschaftsföderation DISK hat keine besonderen Forderungen für die Frauen entwickelt und keine Aktivitäten für die Frauen entfaltet.

Die regierungsnahe Gewerkschaft Türk- Iş hat 1979 mit der AFL-CIO ein Seminar über die Probleme der Arbeiterinnen durchgeführt. An diesem Seminar beteiligten sich 935 Personen. Danach hat Türk Is ein Frauenbüro aufgemacht, das aber nicht recht funktioniert. Im allgemeinen wird die politische Betätigung von Frauen geduldet, aber das Feld gehört immer noch den Männern.In ihrer politischen Aktivität sind die Frauen von der Erlaubnis ihrer Ehemänner und Väter abhängig, sogar beim Wählen. Meistens wählen die Frauen, was die Männer ihnen sagen. 1983, bei den ersten Wahlen nach dem Militärputsch, trat erstmals eine Arbeiterin als Rednerin im Wahlkampf auf; sie kandidierte für die Sozialdemokratische Volkspartei (SDP). Eine Zeitung hat über eine Umfrage herausgefunden, daß 70% der Befragten glauben, Frauen seien ebenso fähig wie Männer, Politik zu machen. Die jungen Männer haben auf diese Frage allerdings konservativer geantwor- AL MET

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Nur 10% der Frauen arbeiten im nichtlandwirtschaftlichen Sektor. 90% der in der Landwirtschaft tätigen bekommen ihre Arbeit nicht bezahlt

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TÜRKEI tet als die älteren. Nur 44% von ihnen trauen Männern und Frauen in der Politik gleich viel zu. Daß Frauen sich genauso stark mit Politik beschäftigen müssen wie Männer, glauben 69,1%. Aber 96.3% glauben, daß Ärztinnen genauso erfolgreich sind wie ihre männlichen Kollegen. Das Vorurteil, daß Politik Männersache sei, ist also immer noch stark verankert. Frauen in linken Organisationen Die Frauenfrage wurde lange Zeit nicht als eine eigenständige Frage anerkannt. Auch unter den Linken war sie der Frage untergeordnet, wie die Gesellschaft insgesamt auf ein höheres Niveau der Entwicklung zu heben sei. Den Kampf, der in der Oktoberrevolution gegen die Frauendiskriminierung geführt wurde, hat die türkische Linke in den 70er Jahren nicht registriert. Erst nach dem Militärputsch wurde dieser Faden aufgegriffen und Analysen darüber angestellt. Die feministische Bewegung, die aus der 68er Bewegung heraus entstand, hat in der Türkei kein Echo gefunden. Die Frauen wurden noch ganz traditionell als Hüterin der Familie und als gute Ehefrauen betrachtet. Die traditionellen Beziehungen zwischen Frau und Mann wurden im Namen der Revolution hochgehalten. Die Losung .,Ohne Befreiung der Frau keinen Sozialismus, ohne Sozialismus keine Befreiung der Frau " wurde von allen revolutionären Organisationen übernommen, doch ohne ihren Inhalt zu verstehen und ohne Maßnahmen zu ergreifen, damit sie verwirklicht würde. Die zentristischen Organi- sationen haben für die Revolution gekämpft und die Lösung aller anderen Probleme auf den Tag nach der Revolution verschoben. Die Moskau-orientierten Organisationen hatten Frauenvereine, diese dienten aber nur dazu, neue Mitglieder zu gewinnen. Die besonderen Probleme der Frauen wurden dort nicht behandelt.

In der sozialistischen Bewegung haben die beiden Geschlechter die Frauenfrage mit den gleichen Augen gesehen. Die Frauen waren Genossinnen, aber die Aufgaben in der Partei wurden nach Geschlechtern verteilt. Die Genossinnen durften putzen, tippen und Tee kochen, während die Männer die „schwereren Aufgaben" erfüllten. Diese Arbeitsteilung wurde aber auch von den Genossinnen akzeptiert. Sie durften auch ihre Weiblichkeit nicht zeigen. Sie haben meistens die Verhaltensweisen der Männer übernommen. Sie waren in dem Rahmen Revolutionärin und Frau, wie die Männer es zuließen. Die wenigen Frauen, die in den Zentalkomitees saßen, sahen dies nicht anders. Auch sie haben nicht gegen die geschlechtsspezifische Rollenverteilung protestiert, obwohl sie für die Gleichheit eintraten.

Der 8. März wird nicht von allen gefeiert. In den Zeitschriften erscheinen zumeist ein paar Artikel, und damit hat es sich. Alle linken Organisationen sind anti-feministisch, obwohl der Feminismus unter den Frauen ein immer größeres Echo findet.

Die Entwicklung nach 1980 Nach dem Militärputsch bekamen die