Inprekorr 1971–1992

Archiv der Internationalen Pressekorrespondenz der IV. Internationale

Taras Lehkyj Die Internationale

Die Tage von Tschernobyl

Inprekorr Nr. 192, April 1987 · S. 19-26 · 7.046 Wörter

Ökologie und Atomkraft Sowjetunion

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Die Tage von Tschernobyl ein Bericht aus sowjetischen Quellen Taras Lebkyj

Am 26. April jährt sich die Reaktorkatastrophe von Tschernobyl. In Ost wie West ist sie bis heute verniedlicht, ihre Folgen totgeschwiegen worden. Verschärfte Sicherheitskontrollen" undeine verbesserte Meldepflicht über Unfälle sind alles, was von ihr übrig geblieben zu sein scheint. Vom damaligen Schock hat sich die Atomlobby wieder so weit erholt, daß sie ungerührt selbst die Verstrahlung zahlreicher Arbeiter mit Plutonium bei Alkem und Nukem als „gesundheitlich ungefährlich" verhöhnt. Einem Bericht der Nuklearen Sicherheitskommission der USA zufolge werden in den kommenden 70 Jahren allein in der Sowjetunion 10.000 Menschen an den Folgen der durch die Reaktorkatastrophe von Tschernobyl freigesetzten erhöhten Radioaktivität sterben; 4.000 zusätzlich in Europa. Schwere Gesundheitsschäden werde es für 135.000 Menschen geben. In der BRD erleben wir die Langzeitfolgen als strahlende Molke, als sprunghaft erhöhten Anstieg der Geburten mongoloider Kinder, totgeborener oder mißgebildeter Kälber.

In der Sowjetunion geht es darum, ein Gebiet, das auf mindestens 120 mal 150 km hochkontaminiert ist, zu entseuchen. Einem taz-Bericht zufolge gibt sich keiner freiwillig dazu her. Fast überall in der Sowjetunion führt das Militär Zwangsrekrutierungen durch, vorzugsweise unter Arzten, Bauarbeitern und unterdrückten Nationalitäten wie den Esten. Viele flüchten, bevor Militärs sie abtransportieren. Einige verpflichten sich lieber freiwillig nach Sibirien. „Tschernobyl ... ist ein riesiges Arbeitslager .... aufgefüllt mit Arbeitern, die zwangsweise in die Todeszonen gebracht wurden und dort unter Kriegsrechtsbedingungen das Gebiet entseuchen müssen", so schildern es sowjetische Emigranten gegenüber der taz, die bis Ende 1986 in der Sowjetunion lebten. Die Wahrheit wird man nur langsam und bruchstückhaft herausfinden können, trotz der vielbeschworenen glasnost. Der Autor des vorliegenden Berichts hat versucht, anhand offizieller sowjetischer Quellen (meist ukrainische Zeitungen) zu rekonstruieren, was in den Tagen von Tschernobyl geschah. Wer zwischen den Zeilen liest, mag einiges von den Berichten der sowjetischen Emigranten bestätigt finden.

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Die sowjetischen Medienberichte haben Dampfkesselabteilung wurde durch fallende zwar sehr viele Details zum Thema gebracht, Trümmer getötet. Oberingenieur (operator aber sie unterliegen der offiziellen Zensur. Anatolii Kurkhuz und Elektriker Aleksandr Daher finden sich verwirrende Lücken in den Leletschenko starben ein paar Tage später im Berichten, besonders, was die Höhe der auf- Krankenhaus. Kurkhuz erhielt eine schwere gezeichneten Strahlung angeht, wieviel Men- Strahlendosis, als er verzweifelt versuchte, schen noch in den Krankenhäusern von Kiew die Feuertüren um den Reaktor zu schließen. und Moskau liegen, und wie aus der Zone um Leletschenko nahm es auf sich, die Gasventidas Kraftwerk evakuiert wurde. Viele Aussa- le in der elektrischen Werkstatt zuschließen, gen von führenden Regierungsmitgliedern nachdem die Explosion Graphit über den und Spezialisten waren vage, irreführend, Fußboden gejagt hatte. In den Aussagen seimanche waren unehrlich. Erst, wenn die ner Arbeitskollegen heißt es: „Leletschenko Menschen, die dieses Unglück erleiden muß- ›alste aut, dals keiner seiner jungs eine gefähr ten, die Gelegenheit haben, ihre Erfahrungen liche Strahlendosis abbekam. Er trieb sic darzustellen, können die offizielle Version buchstäblich aus der Werkstatt, blieb aber und die zensierten Berichte der Journalisten, selber da. Und dann, als er kaum noch stehen auf die sich dieser Artikel notwendigerweise konnte, aber uns unsere Verfassung ansah, stützen muß, wirklich kritisch gewürdigt wahrscheinlich an unseren Gesichtern, bewerden. gann er, Witze zu erzählen. " Die Feuerwehrmannschaft vom Dienst hörte las Dröhnen der Explosion. Sekunden spä ter war ie per Telefon informiert unc raste. zum Schauplatz, wo sie um 1 Uhr 30 ankam. Volodymir Prawyk, der Leiter der Mannschaft, konnte vom Boden aus sehen, daß die Flammen über dem Reaktordach an Die Havarie mehreren Stellen sich über das Dach der Maschinenhalle ausbreiteten. Er befahl seinen Männern, von allen Seiten anzugreifen. •Da wußte er noch nichts vom Ausmaß des Schadens, den die Explosion angerichtet hatte.

Eine weitere Feuerwehrmannschaft, die in Prypiat, einer Siedlung für Arbeiter des Kraftwerks, stationiert war, erreichte den Schauplatz um 1 Uhr 35 in der Nacht. Ihr Der Bericht der Sowjet-Regierung an die Leiter, Viktor Kybenok, führte eine Such- Internationale Atomenergiebehörde führt mannschaft in die Reaktorhalle, wo er erfuhr, die Explosion auf grobe Fahrlässigkeit bei daß der Kern brannte und daß die Wasserleider Beachtung der Sicherheitsvorschriften tungen für das Kühlsystem des Reaktors und seitens der Arbeiter im Atomkraftwerk zu- die Feuerlöschanlage durch die Explosion rück, während an einem der Turbo-Generatoren Experimente durchgeführt wurden. Leonid Teliatnykow, der kommandierende Während dieser Experimente gab es einen Offizier der Kraftwerksfeuerwehr, traf um 1 Energiestoß im Reaktor Nr. 4, den die Arbei- Uhr 56 bei Prawyk und Kybenokein. Erhatte ter nicht beenden oder unter Kontrolle brin- zu der Zeit Urlaub und war sechs Kilometer gen konnten. Der Reaktor erhitzte sich weit vom Werk entfernt, als die Explosion stattüber die Toleranzgrenze und das Wasser im fand. Teliatnykow übernahm die Leitung der Kühlsystem verdampfte, schließlich barsten gesamten Operation und arbeitete eine Stradie Rohre. Der Dampf strömte über die Ver- tegie zur Eindämmung der Feuer auf den kleidung der Brennstäbe (eine Circonium- Dächern und zum Schutz des Reaktors Nr. 3 Verbindung) und den Graphitblock um den Reaktorkern; durch die chemische Verbindung entstand Wasserstoff. Das Wasser- Zu diesem Zeitpunkt waren erst 28 Feuerstoffgas sammelte sich an und explodierte um wehrleute am Schauplatz der Explosion. 1 Uhr 24 am 26. April, indem es Tonnen von Löschversuche mit Wasser blieben völlig er- Brennstoff und radioaktiven Graphitteil- folglos, da wegen der großen Hitze des brenchen durch das Dach trieb. Als der Graphit- nenden Graphits das Wasser sofort vermantel mit Luft in Berührung kam, beganner dampfte. Die Feuerwehrleute mußten sich gewaltig zu brennen. Das Feuer breitete sich darauf beschränken, das Feuer über dem Reüber die Reaktorhalle aus, dann über die aktor unter Kontrolle zu halten. DieMänner Wände und den noch stehenden Teil des am Boden standen die ganze Zeit in einem Daches, und schließlich über das Dach der Regen radioaktiven Graphits, den der Reakdanebenliegenden Maschinenhalle. Dann torkern ausspuckte. Ihre Stiefel blieben im drohte es auch auf das Dach des Reaktors Nr. geschmolzenen Bitumen stecken, was ihre 3 überzugreifen. Arbeit erschwerte. Die Feuerwehrleute auf Die Explosion und das schnell um sich den Leitern und den Dächern waren in einer greifende Feuer forderte die ersten Opfer. noch gefährlicheren Position, da sie direkt im Volodymir Schaschenok, Einrichter an der Weg des ausströmenden giftigen Gases und Reaktor-Automatik, starb an hochgradigen des radioaktiven Staubes standen. Verbrennungen von 80 % seiner Körper- Erst um 4 Uhr morgens konnten Prawyks oberfläche. Valerii Kodentschuk, ein Vor- und Kybenoks erschöpfte Mannschaften programmierer (senior operator) in der durch frische Feuerwehrmannschaften abge- 20 INPREKORR 192 löst werden, die aus den benachbarten Städten Tschernobyl, Polissisa, Iwankiw, Roswaschiw und Wilcha und den umliegenden Distrikten und aus Kiew kamen. Die Feuer an Dach und Gebäude waren um 4 Uhr 50 morgens unter Kontrolle und um 6 Uhr 35 endgültig gelöscht. Der Reaktorkern aber brannte ungehindert weiter. Siebzehn der ersten 28 Feuerwehrleute wurden so schnell wie möglich ins Krankenhaus gebracht. Die anderen, besonders die, die auf den Leitern über dem Feuer gearbeitet hatten, spürten die Wirkung der Radioaktivität erst später am Tag. Auch sie mußten ins Krankenhaus. Kontrolle des Brandherds

Wie alle atomaren Kraftwerke untersteht auch Tschernobyl und seine Umgebung in einem Radius von 2,5 Kilometern der Kontrolle von Sonderabteilungen zentraler Regierungsstellen und des Militärs. Die Verwaltung des Werks, die Feuerwehr und das medizinische Personal sind Moskau direkt unterstellt und haben, wenn überhaupt, wenig mit den örtlichen Behörden bzw. den Dienststellen des Distrikts oder der Republik Ukraine zu tun. Sie tragen keine formale Verantwortung für die Umweltsituation und die Gesundheit der Bevölkerung außerhalb der 2,5- Kilometerzone.

Der Gedanke an eine solche Explosion, die eine Wolke radioaktiver Partikel zur Folge hat, die sich über die Stadt Prypiat und die ländliche Umgebung ausbreitet und bis nach Bielo (Weiß-)Rußland zieht, war offensichtlich bei dieser behördlichen Vielfalt von Verantwortung und Kommandostrukturen noch nicht aufgetaucht. Das Ausmaß des Unglücks zwang die ukrainische und bielorussische wie auch die Zentralregierung zum unmittelbaren Handeln in weiten Bereichen der nördlichen Ukraine und des südlichen Bielorußlands. Der Telephonist, der Prawyk und Kybenok angefordert hatte, rief ebenfalls sofort das Ministerium der Republik in Kiew an, das Feuerwehr, Krankenwagen und Tausende von Milizionären in die Gegend entsandte. Kiew informierte ohne Zweifel Moskau: die Ministerien der Zentralregierung wußten von dem Unglück mit Sicherheit durch ihre eigene direkte Leitung nach Prypiat. Das Politbüro begann am Tag der Explosion, eine Regierungskommission zu bilden und schaltete das Militär, besonders die Luftwaffe unter Generalmajor Nikolai Antoschkin ein, um das Reaktorfeuer zu bekämpfen.

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Zuerst wurde der Versuch gemacht, den zerstörten Reaktor mit Wasser zu kühlen. Eine Spezialmannschaft, die von der Abteilung für Innere Angelegenheiten in der Stadt Kiew zusammengestellt worden war, baute eine große kreisförmige Sprinkler-Anlage, die über die Reaktorkuppel paßte und fortwährend Wasser über dessen Außenseite laufen lassen sollte. Luftwaffen-Hubschrauberpiloten versuchten, die Metallschlinge mit angekoppelten Zufuhrschläuchen über dem Reaktor anzubringen, aber schon der leiseste Windstoß versetzte sie in unkontrollierbare Schwingungen, und der Versuch mußte aufgegeben werden.

Dann wurde entschieden, per Hubschrauber Ladungen von Blei, Sand, Ton und Bor über dem Reaktor abzuwerfen, so den Krater zu verstopfen und weitere Ausschüttungen von Radioaktivität zu verhindern. Schleppermannschaften auf dem Prypiat-Fluß bag gerten Sand aus dem Fluß. Lastwagenfahrer aus der Gegend gruben on aus einer nahen Kiesgrube und fuhren ihn sechs Tage lang nach Prypiat, bevor sie ins Krankenhaus kamen. Die Piloten entwarfen Spezialnetze, mit denen sie bis zu zehn Tonnen Material aufnehmen konnten und befestigten sie mit Schnappschlössern, so daß sie ihre Lasten genauer abwerfen konnten, ohne über dem Krater verweilen zu müssen. Aleksandr Serebriakow, ein erfahrener Pilot, war der erste, der eine Bomberroute zwischen den Kühltürmen flog, die in den folgenden zwei Wochen Hunderte von Malen wiederholt wurde. Zu ihrem Ziel leitete sie ein Funker, der sich gefährlich nahe am Reaktorraum befand; dadurch konnten die Piloten schließlich mit 140 Kilometern pro Stunden anfliegen und den Krater aus einer Höhe von 200 Metern bombardieren. Am 12. Mai hatten sie den Reaktor mit mehr als fünftausend Tonnen Material aufgefüllt und zugedeckt.

Die Auffülloperation verminderte zwar zunehmend das Austreten von Radioaktivität, aber die wachsende Last auf dem Reaktor drohte die Fundamente zu sprengen. Die Hitze des glühenden Reaktorkerns konnte nur nach unten ausweichen, und wenn dieser Kern durch die Blasenkammer (_bubbler pool") brach oder, noch schlimmer, den überfluteten Keller der Kernkraftwerksanlage erreichte, würde das neue Explosionen von so gewaltiger Intensität hervorrufen, daß das gesamte Atomkraftwerk von Tschernobyl in die Luft gejagt würde. Die Anzahl menschlicher Opfer und die Umweltschäden für ganz Mitteleuropa in einem solchen Fall wären unvorstellbar gewesen.

Das Wasser aus der Blasenkammer wurde von drei Kraftwerksarbeitern abgelassen — von B. Baranow, Schichtführer, V. Bespalow, Ingenieur. Sie erreichten die Schiebeventile der Kammer durch überflutete Korridore und in nassen Anzügen. Das Ablassen des Wassers aus dem Keller erwies sich als schwieriger. Dort mußte das Wasser abgepumpt werden, weil die Luftzuführung aus dem Keller (die bei normaler Arbeit den Reaktor kühlt), unter drei Metern radioaktiven Wassers stand und die Schiebeventile zugeklemmt waren. Diese Arbeit wurde von fünf Der zubetonierte Reaktor von Tschemnoby! Feuerwehrleuten aus der Stadt Bila Tserwka, etwas südlich von Kiew, übernommen. Angeführt von Heorhii Nahaiewsky, einem berühmten Bekämpter ungewöhnlicher und komplizierter Feuer, fuhren sie einen Pumpwagen direkt in den Keller, wo sie die Pumpen einrichteten, um nur gelegentlich bei ihrem Ausfall zurückzukehren undsie wiederanzuwerfen. Nach fünfzehn Stunden fast kontinuierlichen Pumpens war der Keller trocken. Die Gefahr des größten Albtraums — einer Kernschmelze bis hinunter zum Grundwasser — war noch nicht abgewendet, aber die im Reaktor arbeitenden Menschen konnten ein bißchen aufatmen. Die Radioaktivität um den und unter dem Reaktor blieb hoch, und alle weitere Arbeit wurde in genau kontrollierten Schichten getan, die an den gefährlichsten Stellen 5 bis 30 Minuten dauerten. Die nächste Phase der Hilfsoperation machte es nötig, unter dem Reaktor Tunnel zu bohren, um das unter der Bodenoberfläche stehende Wasser abzusaugen. Dafür mußte ein Netzwerk von Rohren gelegt werden, durch die flüssiger Stickstoff gepumpt wurde, um Hit ze vom Reaktor abzuziehen und den umgebenden Boden gefrieren zu lassen. Schließlich wurde eine riesige, mit Blei gefütterte Betonschüssel unter die Kraftwerksanlage gescho. ben, um eine weitere Verstrahlung des Bodens zu verhindern. Die Schüssel war die Basis einer Betonhülle, die den gesamten Reaktor auf Dauer einschließen sollte. Die Tunnelarbeiten, die Rohrlegung und die Betonarbeiten wurden zunächst von Bergarbeitern aus dem Donbas und der Provinz Tula und von Bauarbeitern der Kiewer Metro ausgeführt.

Am 11. Mai erklärte ein Mitglied der von der Sowjetregierung eingesetzten Untersuchungskommission, daß die kritische Periode zuende sei.

Evakuierung -Die stand an der Kreuzung, hielt in der einen Hand ein Bündel und winkte mit der anderen.Der Fahrer hielt an., Ich suche meinen Mann', sagte sie und hielt ihre Schätze fest, während sie in die Knie sank. Ja, ich bin aus Prypiat. Wir haben beide im Kraftwerk gearbeitet. Wir leben in einem Haus, von dem aus man alle vier Kühltürme sehen kann. Diese junge Frau, deren Geschichte anonym in der Radianska Ukraina vom 23. Mai erzählt wurde, machte in der Nacht der Explosion gerade ihre Wäsche fertig. Ihre Kinder schliefen und ihr Mann, ein Fahrer, war zur Arbeit. Plötzlich hörte sie ein dumpfes Dröhnen und ging auf den Balkonihrer Wohnung hinaus. Die Helligkeit am Himmel woher kam sie? Möglicherweise von festlichen Lichtern von Vorfeiern zum ersten Mai. Sie dachte nicht weiter darüber nach, beendete ihre Wäsche und legte sich dann zu den Kindern schlafen. Schwere Schritte weckten sie am frühen Morgen. Ein Nachbar berichtete ihr von dem Unglücksfall. Autos rasten draußen auf der Straße vorbei. Die Frau ergriff ihre Kinder und was sie sonst noch aus

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der Wohnung mitnehmen konnte und fuhr in Mann Verstärkung aus den Bezirken Tscherein entferntes Dorf. Erst später, als sie ver- nobyl, Iwankiw und Polissia. In den frühen suchte, nach Prypiat zurückzukehren, um Morgenstunden richtete Berdow ein Hauptihren Mann zu suchen, hörte sie, daß die quartier in der Polizeistation von Prypiat ein Miliz alle Straßen gesperrt hatte und die und befahl seinen Männern, die Stadt und Bevölkerung evakuiert wurde. allen ein- und ausgehenden Verkehr unter Die sowjetische Presse hat wenig über die Kontrolle zu halten. Die Leitung der politi- Situation der ersten 36 Stunden nach der schen Abteilung des Ministeriums des Inne- Explosion in Prypiat berichtet. Sie betonte ren übernahm Generalmajor A. I. Borowyk. mehrfach, daß es keine Panik gegeben habe, und der Minister, General I. D. Hladusch, und daß die Evakuierung. die erst am Nach- traf später ein, um die Gesamtleitung der mittag des 27. April begann, geordnet durch- Maßnahmen zu übernehmen. geführt wurde. Es hat aber andere Artikel Generalmajor V. la. Pitsura, stellvertretengegeben, wie zum Beispiel den oben zitierten. der Minister des Inneren, kommentierte spädie berichteten, daß einige Leute auf eigene ter das Chaos auf den Straßen, bevor die Faust zu entkommen versuchten, so schnell Miliz eingriff. „Ich erinnere mich an diese sie konnten. Dazugehörten Manager, Vorar- ersten Tage, als Menschen versuchten, ihre beiter und Arbeiter des Kraftwerks Tscher- Familienangehörigen zu finden, von denen noby l. Die Flucht von Juri Zahalsky, Sekre- sie zeitweise getrennt waren. Ich verstehe, tär des Komsomol-Komitees der Bauabtei- daß sie ihre Angehörigen finden wollten. Ich lung, und mehrerer anderer Arbeiter wurde verstehe sie und auch unsere eigenen Arbeiauf einem Treffen des kommunistischen Par- ter. Wenn nicht die Zuständigen der staatliteibüros der Stadt Prypiat diskutiert, als sich chen Automobilinspektion fest und geduldig die evakuierten Mitglieder in der Stadt Poli- geblieben wären, würde es gewaltige Schwieske trafen. „Die Komsomolmitglieder haben rigkeiten auf den Straßen gegeben haben, da in den Tagen des Unfalls von Zahalsky nichts sie praktisch die Feuerwehr und die Hilfsakgeschen", berichtete die Prawda am 17. Mai. tionen gelähmt hätten." Pitsuras Aussagen „Er half auch nicht im Arbeiterlager. Er war waren entweder absichtlich vage oder sie mit seinen eigenen Angelegenheiten beschäf- wurden vor der Veröffentlichung zensiert. tigt ... Er ist nicht der einzige. Halyna Lupii, Er sagt nichts darüber, wieviele Leute ver- Sekretärin der Komsomol-Organisation für suchten, in die Stadt zu gelangen (es war das Beschaffungswesen des Kraftwerks, Wochenende, und einige Leute waren anflüchtete ebenfalls. Erst am neunten Tag geln, zelten, usw.), wieviele Leute ihre Kinnach dem Unfall konnte sie per Telegramm der hinausgebracht hatten und jetzt versuchbei Verwandten erreicht werden. Die Abtei- ten, zuruckzukommen, um ihre Ehepartner lung für Beschaffung ließ die Leute ebenfalls zu finden und ihre Sachen zu holen. Ahnlich weitgehend im Stich. Einige der Arbeiter vage sprach Berdew über einen Zusammenversuchten zu entkommen." stoß mit einer Delegation von Bewohnern Die Nachricht von dem Unfall gelangte rasch Prypiats, nachdem die Evakuierung Prypiats zu den umliegenden Siedlungen. Die ersten, angekündigt worden war. Er sagte, die Bedie davon hörten, waren solche mit Telefon- ihnen nicht erlaubt habe, früher zu gehen. wohner seien zornig gewesen, weil die Miliz anschlüssen, natürlich die Angehörigen von Staats- und Parteiinstitutionen. An einigen Prypiat wurde nämlich erst 36 Stunden nach Orten flohen sie mit ihren Familien aus der der Explosion evakuiert. Den Bewohnern Gegend. An anderen versuchten sie, so viele folgten die Einwohner der benachbarten Menschen wie möglich zu evakuieren, bevor Dörfer Andriiwka, Zalissia und Tschewach, die Regierungskräfte der Republik eintrafen dann die aus der gesamten 15-Kilometerzone und die Kontrolle übernahmen. So zum Bei- um das Kraftwerk. Sechs volle Tage nach der spiel Aleksandr Zenkowitsch, Direktoreiner Explosion wurde die Evakuierungszone auf Schule sieben Kilometer vom Kraftwerkent- einen 30-Kilometer-Radius ausgedehnt, und fernt, der sagte, daß niemand im Dorf die Presseberichte aus der Ukraine zeigen an, daß Explosion gehört habe, aber „am ersten Tag noch am 4. und 5. Mai Menschen evakuiert verließen fast die Hälfte der Schüler/innen wurden. Insgesamt wurden 135.000 in den unserer achtklassigen Schule mit ihren Eltern Süden gebracht, in die Bezirke Polissia, Iwandas Dorf, um von Prypiat fortzukommen. kiw, Makariw und Borodiansk. Diese Zahl Die restlichen wurden mit Bussen in den umfaßt nicht die Gesamtevakuierung ukrai- Distrikt Borodiansk gebracht.* nischer Schulkinder, die nach dem 15. Mai aus Teilen Kiews, Tschernitschews, Schito- Das Ministerium für Inneres entsandte nicht mir und den anliegenden Provinzen, sowie nur Feuerwehr und Krankenwagen nach Pry- aus dem südlichen Bielorußland piat, sondern auch Tausende von Milizionären (Polizeikräfte), um die Kontrolle über Die städtischen Siedlungen wurden mit Bus- Städte und Straßen zu übernehmen. Es war sen evakuiert, in einigen Fällen mit Flußschifnötig, die Strafsen für die Feuerwehr und fen. Die Leute hatten wenig Sachen dabei. Sanitätseinheiten freizuhalten und die politi- Bauerngemeinden sche Kontrolle der Situation zu sichern. Wie Schwierigkeiten mit der Evakuierung, weil Hryhoriy Rewenko, der erste Sekretär der die Kollektive und Staatsfarmen ihr Vieh, ihr kommunistischen Partei der Provinz Kiew Geflügel und ihre Landmaschinen mitnahspäter teststellte, wollten die entsprechen- men. Sie bewegten sich nur langsam südden Dienststellen nicht, daß sich „irgendwel. wärts, manche gingen neben ihrem Vieh her. unkontrollierten Bewegungen auf dem Prypiat und wickelten". General Berdow verließ Kiew Dnjepr behinderte die Evakuierung vieler unmittelbar nachdem er von der Explosion Dörfer, Pontonbrücken mulsten gebaut wer gehört hatte mit tausend Milizionären. Er den, um die Menschen über die Flüsse zu befahl den Einsatz von mehreren tausend bringen. 22 INPREKORR 192 Unwissenheit über die Gefahren der Radioaktivität, weniger in der Umgebung des Kernkraftwerks, aber insgesamt bei der sowjetischen Bevölkerung, war einer der Hauptgründe, warum Menschen ihr Zuhause nicht verlassen wollten. Ein weitverbreiteter Fall war der von zwei älteren Frauen aus Prypiat, die sich in ihrem Haus versteckten und die Lautsprecheraufrufe der Miliz und des Radios, die die Evakuierung ankündigten, ignorierten. Sie lebten in ihrem Haus von eingemachten Lebensmitteln und Wasser in Flaschen, bevor sie nach über einem Monat gefunden wurden.

Die Leiter des W.I. Lenin-Kollektivs, dessen Felder und Dörfer Hubyn, Hornostaipil und Strakholissia an der Grenze der 30-Kilometergrenze liegen, bekamen einen Evakuierungsbefehl von der Bezirksregierung. Aber sie weigerten sich. Anatolii Dunaienko, ein dreißigjähriger Agronom und Leiter des Kollektivs, erinnert sich, wie diese Entscheidung zustandekam:

„Ich sah die Karte, auf der die Evakuierungszone eingetragen war, und mir wurde klar, daß alle drei unserer Dorfbrigaden, alle unsere Obstgärten, unser Ackerland und die besäten Felder außerhalb dieser Zone lagen; man hatte mir aber befohlen, abzuziehen, unsere Leute, unser Vieh und Geflügel und unsere Ausrüstung zu evakuieren; ich rief das Bezirkskomitee an und sagte: , Wir bleiben!" Ich möchte nicht sagen, daß das Bezirkskomitee damit gleich einverstanden war. ,Anatolii Jewhenowitsch', sagten sie, , wäge die Situation sorgfältig ab. Der ganze Bezirk wird in geordneter Weise evakuiert. Vielleicht ist es besser, nichts zu riskieren.' Aber was riskieren wir schon, fragte ich. Wir leben an der äußeren Grenze der Gefahrenzone und glauben den gelehrten Leuten und den staatlichen Dienststellen, die die Zone errechnet haben. Im Falle einer Gefahr werde ich alle nötigen Maßnahmen zur Evakuierung ergreifen, aber warum sich beeilen, wenn es nicht nötigist?" Dunaienkos Farm wurde nicht evakuiert. Tatsächlich stieg die Zahl der Menschen dort an, als Leute sich einfanden, die von innerhalb der Evakuierungszone kamen und eigentlich nach Makariw und Borodianka evakuiert werden sollten, aber hier Unterkunft und Arbeit suchten. Sie wollten so nahe wie möglich bei ihrem Zuhause bleiben, um jeden Augenblick dorthin zurückkehren zu können.

Höhere Diensstellen trugen dazu bei, die Illusionen in bezug auf die Schwere des Unglücks zu schüren, indem sie den Menschen eine schnellere Rückkehr nach Hause versprachen. Das geschah ohne Zweifel, um sie leichter zu überreden fortzugehen, bewirkte bei manchen aber auch, daß sie keinen Grund sahen, ihr Zuhause überhaupt zu verlassen. Innerhalb von drei Wochen mußte aber I.S. Pluschtsch, der Vorsitzende des Kiewer Provinz-Zentralkomitees und Mitglied der Untersuchungskommission der Regierung, öffentlich eingestehen, daß die Situation um Prypiat schlimmer war, als ursprünglich angenommen, und dais es lange dauern würde, bevor die Evakuierten nach Flause zurückkehren könnten.Staats-und Parteidienststellen gingen von Haus zu Haus und klärten die Leute auf, daß sie nicht nur nicht schnell

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wieder nach Hause könnten, sondern daß die wurde angekündigt, daß bis zum 15. Mai alle loszuwerden, die nicht verifizierte Horrorvier Bezirke, die sie aufgenommen hatten, Kinder aus Kiew evakuiert würden. Wurde Reschichten brauchten. Wenn es irgendeine ökonomisch auch nicht in der Lage seien, sie hier nach demselben Muster verfahren wie in Gefahr gäbe™ , sagte eine Kanadierin am 2. auf längere Sicht zu behalten. Sie würdenalso Prypiat, Tschernobylundanderen Städten in Mai, wären die Kinder aus Kiew schon längst noch einmal auf ein größeres Gebiet verteilt der Nähe des Reaktors? Und wer war verant- evakuiert. werden müssen. Die ukrainische Regierung wortlich für die Langsamkeit der Evaku- Um diese Aussagen glaubwürdig zu machen, verhängte den Ausnahmezustand, befahl die ierung — die Regierung der Union oder die erklärte die Zentralregierung, das internatio- Errichtung von Häusern für die Evakuierten der Republik oder beide? nale Radrennen in Kiew werde am 6. Mai und mobilisierte dafür Kräfte aus der ganzen Beide Regierungen versuchten, die Schwere stattfinden wie geplant. In der ukrainischen Republik. Die Kinder aus der Zone und der Katastrophe zu leugnen und ließen die Presse gab es Photographien von Kadfahrern außerhalb von ihr wurden fürden Sommeran Bevölkerung zu lange im Dunkeln. Die Zen- beim Training neben kurzen, vagen Berıchdadurch begannen viele der Evakuierten und sicherere Orte in der Ukraine geschickt. Erst tralregierung gab das Unglück am 29. April ten über die Situation in Prypiat mit erneuten zu, als eine radioaktive Wolke über Schwe- Versicherungen, daß die Radioaktivität um ihre Gastgeber den Umfang der Katastrophe den zog. Am nächsten Tag, als Hubschrau- das Anderthalbfache oder Zweifache" gefalberpiloten das Feuer durch den Abwurf von len sei. Selbst die Flußfahrten auf dem Dnjepr

Sandsäcken unter Kontrolle zu bekommen nach Kiew, Tscherkassy und Tscherniversuchten, ließ der ukrainische Ministerrat tschew, 40 Kilometer von Prypiat, wurden wie verlauten, daß die Menschen beruhigt sein jedes Jahr zur Touristensaison normal wiekönnten, weil _die Strahlungssituation im deraufgenommen.

Atomkraftwerk Tschernobyl und der näheren Umgebung besser geworden ist.Der Zu- Aber noch während beide Regierungen in der stand des Luftbereichs über dem übrigen Öffentlichkeit den Eindruck der Normalität

Kiewer Gebiet ist nicht beunruhigend. Die zu erwecken suchten und versicherten, nur Qualität des Trinkwassers und des Wassers die 30-Kilometer-Zone sei verseucht, began- Verantwortung der Flüsse und der Stauseen liegt innerhalb der Toleranzgrenze." Der Ministerrat der nen Dienststellen in der Hauptstadt und in der Provinz Kiew in aller Stille Maßnahmen der Behörden Union gab am selben Tag ähnliche Verlaur- gegen die Radioaktivität auf Farmen außer barungen heraus. halb dieser Zone einzuleiten. Der Presse wur Die Moskauer Fernsehnachrichten (die im de dies erst später bekannt. Am 14. Mai gab ganzen Land empfangen werden) berichteten am 3. April, daf "die Arbeit von Unterneh- Pluschtsch, in der Gewerkschaftszeitung men, Kollektiven und Staatsfarmen in der Robotnyka Gazeta zu, daß in vier Bezirken an Gegend normal verläuft". Sonderkorrespon- der Grenze der Zone Vich im Stall gehalten denten, die über das Unglück in der Ukraine wurde und Winterfutter bekam. Romanenund Bielorußland berichteten, sagten am ko, der Gesundheitsminister der Republik, Die sowjetischen Dienststellen haben für Abend des 5. Mai in den Abendnachrichten, kündigte Sicherheitsmaßnahmen für alle daß „im Süden der Provinz Gomel, zwischen Farmer in den Provinzen Kiew, Schitomir den Zeitplan der Evakuierung keine ange- dem Dnjepr und dem Prypiat, die notwendi- und Tschernitschew an, die die Einführung messene Erklärung abgegeben. Welche Fak- gen Feldarbeiten erledigt werden und das von Traktoren mit luftdichten Fahrerkabitoren also trugen vorrangig dazu bei, daß sie Kartoffelpflanzen auf den letzten Hektaren nen, staubabweisender Spezialkleidung und so spät damit begannen, nämlich erst nach- begonnen hat. ... Große Milchmengen wer- das regelmäßige Abwaschen von Arbeitsplätdem sich die Radioaktivität schon auf Pry- den gerade jetzt produziert." Lastwagen und Traktoren einschloß. piat und Umgebung ausgebreitet hatte Auf die Frage nach der Gefahr für Feldarbei- Desorganisation, Zögern der Dienststellen, Ein Bericht von der Staatsfarm Watunin, 40 ter außerhalb der 30-Kilometer-Zone dräng Widerstand der Betroffenen? Bis jetzt haben Kilometer nördlich von Kiew, die die Haupt- te Konstiantyn Sytnyk, Vizepräsident der wir aus den Medien der Sowjetunion und der stadt mit Milch und Gemüse versorgt, stellte ukrainischen Akademie der Wissenschaften Republik darauf noch keine Antwort, aber fest, daß _heute überall die Arbeit normal „regionale Empfehlungen, die die Situation in Kiew, über die es auch auslän- weitergeht. Die Farm arbeitet in ihrem ge- vom Stand der Radioaktivität abhängen, in dische Berichte gab, ist aufschlußreich. Als wohnten Rhythmus. Das einzig Ungewöhn- allen der Zone benachbarten Regionen ausdie Explosion stattfand, wehten nördliche liche ist vielleicht das Vorhandensein von gesprochen" werden sollten. Es ist bekannt, Winde. Die Wetterberichte in der Radianska Meßstationen für Radioaktivität und chemi- daß Leute weiter auf den Feldern arbeiten, in Ukraina zeigen einen Luftdruckabfall und sche Veränderungen ... Bis jetzt ist noch kein den Obstgärten und auf den Wiesen. Sofern wechselnde Winde an (deren Kichtung nicht Wert über der Norm registriert worden." die wissenschaftlichen. medizinischen und angegeben wurde), und zwar für die tolgen- Der Leiter der Farm sagte in einem Interview, hygienischen Organisationen das erlauben, den vier Tage. Am 2. Mai dagegen sagte der was die Dienststellen von den Farmarbeitern ist das in Ordnung. Wetterbericht eindeutig, daß der Wind nach im Zusammenhang mit dem Unglück erwar- Man muß aber daran denken, daß die Tatsa- Süden drehte. Zu diesem Zeitpunkt herrsch- che, daß die Radioaktivität ständig sinkt, te große Verwirrung in Kiew, Tausende von -Jeder versteht die Notwendigkeit gerade nicht heißt, daß man die Ratschläge zur per- Familien brachten eilig ihre Kinder aus der jetzt, an seinem Arbeitsplatz ein Muster an sönlichen Hygiene und zur zeitweiligen Ver- Stadt, mit Bahn, Bus oder privaten Trans- Arbeitserfüllung zu sein. Der Punkt ist, daß meidung von Obst und Milchprodukten in Die Dienststellen der Unfall im AKW Tschernobyl dem Staat einigen Bezirken, die nicht getestet worden machten keine Aussagen über die Gefähr- große Verluste eingebracht hat. Unsere Auf- sind, in den Wind schlagen sollte". dung der Bevölkerung aufgrund der verän- gabe ist es, sie jetzt auszugleichen."

derten Windrichtung. Sie gaben statt dessen Befehl, daß bewaffnete Miliz in den Straßen Obwohl die zornige Reaktion der Regierung der Stadt und auf den Ausfallstraßen in gro- auf die hysterischen Berichte in den westli- Gleichzeitig versuchten die Behörden, die Ber Anzahl patroullieren sollte, um einen chen Medien verständlich ist, sollte man sich wirtschaftlichen Probleme, die durch die Kaspontanen Exodus zu verhindern. Es muß doch erinnern, daß die Regierung die Über- tastrophe bedingt sind, in den Griff zu beviel Protest gegen diese Zurschaustellung treibungen zu Polemiken benutzte, um ihrer kommen. Sie unternahmen jede Anstrenvon Macht gegeben haben und vermutlich eigenen Bevölkerung keine genauen Angaben gung, um die Menschen in Kiew davon zu verstärkte Spannungen innerhalb der Regie- über das Ausmals der Gefahr geben zu müs- überzeugen, daß die Lebensmittel, die vom rung der Republik. Denn bald danach erließ sen. Interviews mit Ausländern in Kiew wur- Lande kamen, und das Wasser des Stausees das Gesundheitsministerium Empfehlungen den ausgewählt, um Vertrauen in die Dienst- oberhaib Kiews sicher seien. Die Furcht vor über persönliche Hygiene, das Abwaschen stellen zu vermitteln und den Ärger über der Radioaktivität aber blieb. Zuerst hatte von Wohnungen, Bäumen usw. Und dann westliche Rundfunksender und Zeitungen der Gesundheitsminister widersprüchliche

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Aussagen gemacht. Am 22. Mai hatte er ge- Wenn auch solche Maßnahmen die weitere sätzlich Wasser für Städte und Industrien im sagt, man solle nicht in offenen Becken Verbreitung der Verseuchung verzögern. Land ab. Der Fluß bewässert Privatgrundschwimmen und sich nur begrenzte Zeit am wie können sie aber den Schaden verringern, stücke, Obstgärten und die Felder gewaltiger Strand oder in den Wäldern aufhalten. Eine den es schon gegeben hat? Schon 1946 stellte Farmen entlang seinen Ufern und im Land. Woche später änderte er seine Position und die US-Marine auf dem Bikini-Atoll fest, daß An seiner Mündung wird zum Beispiel Waserklärte, es seisicher, in den Flüssen, z.B. dem Holz, Metall und Beton, die radioaktivem ser vom Dnjepr in den nördlichen Krim-Ka- Dnjepr, und in den Stauseen zu schwimmen. Niederschlag ausgesetzt waren, nicht ent- nal gepumpt, außerdem in das landwirt- Allerdings fügte er hinzu, man solle nur auf seucht werden können. Das Abwaschen mit schaftliche Bewässerungsnetz von Kakhivka, Handtüchern oder Wolldecken sitzen, am Wasser treibt die Isotope nur tiefer in diese das drei Provinzen speist. Strand nicht Fußball oder Volleyball spie- Substanzen. Man mußte die Oberfläche bis len, um keinen Staub aufzuwirbeln und in zu einer erheblichen Tiefe abtragen. Wie Jedes Jahr wälzt der Fluß 53,5 Kubikkilomegenügender Entfernung vom Wasser essen! könnte das zum Beispiel mit den Betonwohn- ter Wasser durch die Republik; das ist weit mehr als die 9,3 Kubikkilometer des Dnjestr, Seitdem konnte man auch erfahren, daß Kiew dem zweitgrößten Fluß der Ukraine. Im ein neues Trinkwassersystem einführen will, Norden ist sein Wasser relativ sauber, aber bei dem über 50 Tiefbrunnen durch das weiter im Süden, wo es von den Dämmen Grundgestein unter der Hauptstadt und am aufgehalten, in Millionen von Wohnungen Desna-Fluß getrieben werden sollen, der von und Tausende von Farmen und Fabriken Osten her in die Provinz fließt. Essoll chemi- Prypiat und dann an den Dnjepr abgeben. gepumpt wird und oft wieder in den Fluts sche Sperren geben, die offenbar die radioak- geleitet wird, ist es grau und träge. Der Flufs tiven Teilchen ausfiltern können, und zwar Die langfristigen Auswirkungen des Un- wird flach, er erwärmt sich, ist voller Seegras stromabwärts vom AKW Tschernobyl am glücks werden deutlich, wenn man die Bedeu- und Algen und verliert viel von seinem Sauer- Prypiat und am Dnjepr. Auch diese Maßnah- tung des Dnjepr für die Bevölkerung und für stoffgehalt. Das Ergebnis ist, daß das Wasmen werden als vorsorglich bezeichnet, aber die Wirtschaft der Republik berücksichtigt. serkraftwerk von Kakhivka nur mit 10-15 %% für viele Leute bedeuten sie ein Eingeständ- Einst war der Dnjepr ein gewaltiger, schnell seiner Kapazität arbeitet. nis, daß der Dnjepr schon verseucht ist. fließender Fluß. In den dreißiger Jahren dieses Jahrhunderts wurde er von der Industria- Was also geschieht mit den radioaktiven lisierung überwältigt, an sechs Stellen seines Teilchen? Statt sie schnell in die See zu Laufes aufgestaut und zur Gewinnung elek- schwemmen (nicht gerade eine willkommene trischer Energie benutzt. Hinter diesen Lösung) wird der Dnjepr die Radioaktivität Staudämmen sind große Trinkwasserbecken in seinen Stauseen, seinen Fischen und sei- Tscherkassy, nen Pflanzen sammeln und wird sie noch jahre- Dnjepr Dnjepropetrowsk, Zaporschje, Kherson und lang an alle weitergeben, die fürihren Lebensviele weitere Städte. Alles in allem hängen 10 unterhalt und ihre Erholung vom Fluß ab- Millionen Menschen oder ein Fünftel der hängen.

verseucht ukrainischen Bevölkerung vom Trinkwasser Wer wird für die Toten, die Verletzten, den Schaden für die Lebenden und Ungeborenen, Kanäle, die zum Beispiel von Dnjeproder- für die Ökologie und die Wirtschaft verantschinsk zum Donbas verlaufen, ziehen zu- wortlich gemacht werden? Die Antwort wird Ein Blick auf die Karte genügt, um zu zeigen, wie wenig Voraussicht die sowjetischen Pla- Atomkraft ner der Energiewirtschaft hatten walten las- werke und Gesamtleistung sen, als sie das Atomkraftwerk Tschernobyl Reaktoren [MW(e)| an den Ufern des Prypiat bauten, und zwar Kraftwerks- Argentinien 2 935 am südlichen Rand der Prypiatsümpte. Die kapazitäten Belgien 5 486 Sümpfe erstrecken sich nordwestwärts nach weltweit Brasilien 1 626 Bielorußland, entlang dem Weg, den die ra- Stand: 1986 Bulgarien 4 1 632 dioaktive Wolke genommen hatte. Hun- DDR 5 1 694 derte von Nebenflüssen fließen aus diesen Bundesrepublik 18 885 Sümpfen in den Prypiat, der wiederum in den Finnland 4 2310 Dnjepr fliefst, und zwar ungefähr 20 Kilome- Frankreich 44 693 ter südlich des Kraftwerks. Der Dnjepr Großbritannien CO 10 170 durchfließt die ganze Republik und mündet Indien 6 1 164 ins Schwarze Meer. Italien 3 1 273 Die Explosion, das Feuer und die Wolke Japan 24 754 verstreuten die radioaktiven Isotope über ein Jugoslawien 1 632 weites Gebiet nach Nordwesten. Sie setzten Kanada 11 107 sich auf Straßen, Gebäuden und Ackerland Rep. Korea 4 475 ab. In der Umgebung von Prypiar, wo die Niederlande 508 Verseuchung am größten ist, machen che- Pakistan 1 125 Schweden 9 455 misch ausgebildete Mannschaften alle Versu- Schweiz 2 884 che, diese zu beseitigen, sind aber wenig er- Spanien 8 5 588 folgreich. Es sind Deiche am Fluß gebaut Südafrika 2 1 840 worden, um die Frühlings- und Herbstüber- Taiwan 6 4 918 schwemmungen aufzuhalten. Polyvenylfolie CSSR 7 2 799 wird über das am stärksten verseuchte Farm- Ungarn 3 1235 land ausgebreitet, um den durch Wind verur- USA CO 83 387 sachten Staub festzuhalten, oder Tau und UdSSR 27 657 Regen davon abzuhalten, den Staub tiefer in den Boden zu schwemmen. Gebäude sind Welt insg. 394 270 232 gegen Regen abgedeckt worden.

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weder in Moskau noch in Kiew etwas über die Katastrophe gesagt. Selbst heute nochist das Schweigen, in das sich manche Regierungsmitglieder hüllen, wenn es um wichtige Fragen geht, sehr beredt. Früher oder später wird es gebrochen werden. Hinter den stell- Die Zukunft vertretenden Ministern, die in Ungnade ge- fallen sind, verstecken sich die Minister, und hinter ihnen die Zentralregierung, deren Mi.

nisterpräsident auf dem Parteitag der KPdSU so leidenschaftlich die Unzumutbarkeit von Verzögerungen bei der Erweiterung der Atomindustrie in der Sowjetunion anprangerte.

Es gibt auch Leute in der ukrainischen Regie nicht allein durch eine Untersuchung der rung, die haben und hatten schwere Zweifel Geschehnisse nach dem 26. April gefunden, an der Art, wie man mit dem Unglück umsie muß auch einbezichen, was vorher ging. Die ukrainische Regierung trägt jetzt die Hauptlast bei der Bewältigung der wirtbyl an einem ökologisch so ungeeigneten schaftlichen und politischen Folgen, bei der Standort gebaut? Warum wurde die Stadt Umsiedlung von Tausenden Evakuierter Prypiat auf der Windseite des Kraftwerks und beim Herbeischaffen von Ersatz für angesiedelt? Hat irgendjemand auf Liubow Elektrizität, Wasserquellen und landwirt- Kowalewska gehört, die Journalistin aus Pry- schaftliche Produkte. Die Anstrengung piat, die zwei Monate vor dem Unglück be- macht sie verwundbar gegenüber Angriffen kanntmachte, daß das ganze Werk mit von Moskau und ihrer eigenen Bürger. Es ist schlechtem Material, nach mangelhaften noch zu früh, zu sagen, wer als erstes wem Konstruktionsplänen und von einer demora-/ gegenüber in die Offensive geht. Eins ist aber lisierten Arbeiterschaft gebaut wurde? War- jetzt schon klar. Während die Gesamtbevölum gab es keinen Katastrophenschutzplan kerung der Sowjetunion gegenüber dem atofür die örtlichen Behörden für den Fall einer maren Ehrgeiz des Staates ängstlicher geworunmittelbaren Evakuierung wie am den ist und die offizielle Unterscheidung zwischen „militärischer" und „friedlicher"

Man wird nichts unversucht lassen, um die Nutzung skeptischer betrachtet, haben die Ukrainer das Gefühl, daß sie unter der ato Schuld an dem Unglück auf die unteren maren Gefahr schon gelitten haben, zum Chargen und die Arbeiter abzuschieben. Im Teil, weil ihre Regierung ein ungleicher und Bericht der Zentralregierung an die IAEA untergeordneter Partner in der Unionist und werden bereits Kraftwerksarbeiter beschulkeine Kontrolle über die Atomkraftwerksindigt, sie hätten ihre Abteilungen nicht richtig dustrie auf ihrem Territorium hat. Dieses unter Kontrolle gehabt. Gefühl machte sich vierzig Tage nach der Seit drei Monaten haben verschiedene Regie- Explosion auf dem Kongreß der ukrainirungssprecher angedeutet, die örtlichen Be- schen Schriftstellergewerkschaft in Kiew am hörden trügen die Schuld an der verspäteten 5. Juni Luft. In seiner Eröffnungsrede an die Evakuierung. Wahrscheinlich wird man bald Delegierten warnte ein bekannter Schrift. die Regierung der Republik beschuldigen. steller, daß die Zerstörung der Natur in der Der Besuch Tschernobyls durch das Politbü- Ukraine heute einhergehe mit der Zerstöro-Mitglied Ligatschew und den sowjeti- rung der Sprache und des nationalen Erbes schen Ministerpräsidenten Ryschkow am 2. dieses Landes: Mai scheint genau wie die Ausdehnung der _Unsere Tage sind hart. Niemand verstünde Evakuierungszone auf 30 Kilometer das Ziel uns, wenn wir, die Schriftsteller unseres Volzu verfolgen, die Zentralregierung in eine kes, versuchten vorzugeben, daß die Tragö- Position zu bringen, von der aus sie sagen die von Tschernobyl nicht unsere gesamte kann, sie habe sich einschalten müssen, weil Weltanschauung erschüttert hat. die Regierung der Republik zu langsam war. Werte sind vor unseren Augen zusammenge- Solche Argumente sind jedoch absurd, weil brochen, während andere stark angestiegen die Mitglieder des Untersuchungsausschus- sind. Die menschliche Selbstaufopferung ist ses der Zentralregierung schon am Tag des ein hoher Wert geworden. Die existentielle häuser hatten schon am selben Tag einen Unfalls vor Ort waren. Moskauer Kranken- Tragödie, die weit über die Grenzen des betroffenen Gebiets hinausreicht, ist für vie- „heißen Draht" nach Prypiat. Moskau wußte le zum Schmerz geworden, einer Tat, einem von der Gefahr genau so gut wie Kiew. Eswar Gedanken - uns erfüllt der brennende die Zentralregierung, die die Macht hatte, die Wunsch zu verstehen. Niemand ist gleich- Evakuierungen hinauszuzögern, nicht die gültig. Wir waren und bleiben untrennbar der Republik. Sie hatte auch das Motiv: ihr von unserem Volk. ... Wir nehmen von internationales Ansehen, die Sorge um die hohen Stellen Lob an für die Verteidigung Stabilität des Landes und die Wirtschaftszie- unseres nationalen Erbes und der Natur. Ist es dann nicht an der Zeit, die Macht des Unbezweifelbar gab es in der ukrainischen Gesetzes infragezustellen, die schuldig ist an Regierung eine Gruppe, die mit Moskaus der unverantwortlichen Zerstörung Anordnungen übereinstimmte, und die Linie Monuments der Geschichte, der Kultur, der der „Normalität" mehr als eine Woche nach Architektur und an der Gedankenlosigkeit, dem 26. April noch aufrechterhielt. Von der mit der dieser künstliche Stausee oberhalb Tribüne bei den Paraden zum 1. Mai wurde der Stadt angelegt wurde ....? isp-Literatur

JAKOB MONETA

Aufstieg und Niedergang des Stalinismus

ERNEST MANDEL | Zur Geschichte der KPdSU 188 Seiten, DM 10,50 ISBN 3-88332-027-7 Eine Kritik der offiziellen Geschichtsschreibung der KPdSU, eine Wiederherstellung der historischen Wahrheit der Geschichte des Bolschewismus und der russischen Arbeiterbewegung.

Ernest Mandel

Die langen Wellen im Kapitalismus isp 136 Seiten, DM 17,- 2. unveränderte Auflage

ISBN 3-88332-072-2 Das Ende der sechziger Jahre kennzeichnet in den kapitalistischen Ländern zugleich das Ende eines neuen wirtschaftlichen Booms. Die siebziger Jahre und der Anfang der achtziger Jahre sind gekennzeichnet von ersten größeren internationalen Rezessionen.

In dieser Situation wird eine wissenschaftliche Diskussion, die nach dem Ersten Weltkrieg begonnen hatte, wiederbelebt. Die Frage der Existenz langer Wellen im Kapitalismus.

Ernest Mandel führt in dieser wissenschaftlichen Schrift den empirischen Nachweis der Existenz solcher langen Wellen und stellt diese in ihren politischen Zusammenhang.

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Bal.

Obwohl es bei Marx und Engels einige sehr kritische Bemerkungen über die schrankenlose Ausbeutung der Rohstoffe und den bedenkenlosen Umgang mit der Natur gibt, haben viele moderne Marxisten geradezu träumerische Hoffnungen in die Segnungen moderner Technologie gesetzt. Ernst Bloch war kein Einzelfall, wenn er 1959 noch glaubte, durch die friedliche Nutzung der Atomkraft würden die Sahara und die Wüste Gobi in blühende Gärten, Sibirien, Grönland und die Antarktis in eine Riviera verwandelt werden. Durch diese weit verbreitete Haltung wurde das Problembewußtsein nicht gerade geschärft. Das aber erklärt nicht, warum die Umwelt im Realsozialismus noch bedenkenloser und schlimmer als im Kapitalismus zerstört wird — das hat gesellschaftliche Ursachen. Dennoch steht die Debatte dieser Fragen auch heute noch nicht im Vordergrund. Auf dem 27. Parteitag der KPdSU (1986) wurde das Problem nur am Rande angesprochen und beschränkte sich auf den Gewässerschutz und die Bodenerosion. Das ist erstaunlich, denn immerhin hat der Umweltschutz im Realsozialismus Verfassungsrang Obwohl die Probleme in allen Industrieregionen unübersehbar und auch riechbar sind, gibt es bisher darüber nur wenig zuverlässige Literatur.

Rainer Eckert: Ökologie — Ökonomie — Grenzen des Wachstums. Eine Auseinandersetzung mit Johano Strasser und André Gorz, Verlag Marxistische Blätter, Frankfurt am Main 1978, 132 Seiten.

Das Buch ist nicht wegen seiner polemischen Kritik an zu recht längst vergessenen Büchern erwähnenswert, sondern allein wegen des Kapitels -Die Kommunisten ... und die Grenzen des Wachstums". Hier wird erinnert, wie die DKP das Problem des Wachstums und Umweltschutzes, vor allem auch der Atomkraft sah und sieht. Wer die Probleme hier lösen wolle, „muß um verstärkten demokratischen Einfluß... kämpfen". Im Sozialismus sei es hingegen nicht nötig, denn dort „steht der Mensch im Vordergrund" Belehrt werden wir: „Kernkraftwerke sind nicht an sich.... gefährlich,... sondern weil sie kapitalistisch angewendet werden". Igor Betuschew-Lada: Die Welt im Jahr 2000. Eine sowjetische Prognose für unsere Zukunft, Dreisam-Verlag 1986, 18 DM, 147 Seiten.

Diese offiziöse sowjetische Darstellung des Präsidenten des Komitees für Zukunftsforschung setzt sich von den pessimistischen 26 INPREKORR 192 Bücherkiste