Mit dem nachfolgenden Beitrag soll versucht wer- neuen Technologien auf die Struktur der Arbeiterden, die Diskussion über die Auswirkungen der klasse an einem Beispiel — Frankreich — zu kon- 26,01 %.' Hinter diesen Zahlen verbergen ken auf den neuen Geld- und Finanzmärkten sich verschiedene Tendenzen: die kapitalisti- als auch die Einführung neuer Technologien den und die Folgen des Computereinsatzes in sche Krise, die neue internationale Arbeits- berücksichtigen. Zehntausende von Arbeitsden Betrieben eingehen, soll die Entwicklung in teilung und die damit verbundene Verlage- plätzen sollen im Dienstleistungssektor, bei der französischen Arbeiterklasse seit den rung gewisser Industriezweige in sogenannte der Post, im Fernmelde- und Gesundheits- 60er Jahren dargelegt werden. Dabei stützen Entwicklungsländer, die Politik der indu- wesen abgebaut werden. wir uns auf die offiziellen Berufsstatistiken striellen Modernisierung der sozialistischen Die Entwicklung der Beschattigung in den des Nationalen Instituts für Statistik und Regierungen Pierre Mauroy und Laurent Fa- einzelnen Industriezweigen macht den Wirtschaftsstudien (Institut national des sta- bius. Rückgang der Arbeiterbevölkerung noch tistiques et des études économiques-INSEE), deutlicher. Es sind die traditionellen Sektowenngleich deren Einteilung sich mit unserer In Bruttozahlen steigt die erwerbstätige Ar- ren der Industrie, die am stärksten betroffen Einteilung in gesellschaftliche Klassen nicht beiterbevölkerung (die einen Arbeitsplatz sind. deckt. hat) von 6.914.160 in 1962 auf 7.785.780 in 1975 und sinkt bis 1982 auf 7.065.320. Im Für die Automobilindustrie, die in Frank
Tab. 1 zeigt ein leichtes Anwachsen der Ar- tertiären Sektor, in dem die Mehrzahl der reich entscheidende Bedeutung hat, sei der beiterschaft in der Erwerbsbevölkerung im Angestellten beschäftigt ist, ist die Moderni- Auszug aus einer Studie des Nationalen In- Zeitraum von 1968 bis 1975; danach kehrt sierung voll im Gang. Die Einführung der stituts für Statistik von 1984 zitiert: „Die sich die Tendenz um. Der Anteil der Ange- Burointormationstechnik und die Kationalı- Zahl der Beschäftigten in der Automobilinstellten steigt von 1968 bis 1981. sierung im Dienstleistungssektor werden zu dustrie ist bis 1974 rasch angestiegen, zusam- Von 1982 bis 1985 nimmt der Anteil der einem massiven Abbau von Arbeitsplätzen men mit der Expansion der Produktion. Sie Arbeiter stetig ab. Er sinkt von 31,84% auf führen. Diese Entwicklung hat bei den Ban stieg von 347.000 in 1968 auf 489.000 in 1974. 29,8 %. Der Anteil der Angestellten bleibt ken erst eingesetzt - dabei muls man sowohl 1975 folgte ein gewisser Rückgang, dann gleich, steigt sogar leicht an, von 25,77 % auf die veränderte Rolle und Bedeutung der Ban- stieg die Zahl wieder an; der Höhepunkt
Tabelle 1 Arbeiteranteil an der aktiven Bevölkerung (in %)
1968 1975 1981 Männer 44,9 45,4 44,7 Frauen 21,9 22,4 19,1 Insgesamt 36,6 25,4 23,8 Angestelltenanteil an der aktiven Bevölkerung (in %)
1968 1981 Männer 9,2 9,8 Frauen 25,1 29,4 Insgesamt 15,0 17,5 wurde 1978 mit 509.000 Beschäftigten erreicht, danach sank die Zahl rasch ab und lag 1983 unter 430.000, d.h. unter dem Niveau von 1971... Die durchschnittliche Qualifikation der Beschäftigten in dieser Industrie nimmt langsam zu; in den letzten Jahren wurden vor allem wenig qualifizierte Beschäftigte entlassen, während nach wie vor hauptsächlich qualifiziertes Personal (an elektronisch gesteuerten Maschinen ausgebildete Techniker, Informatiker, usw.) eingestellt wird."
Daneben gibt es auch geographische Umwälzungen. Die Krise hat die einzelnen Regionen unterschiedlich getroffen. Im großen und ganzen teilt die Beschäftigungsentwicklung Frankreich in zwei Teile, den Westen und Süden, wo die männliche und weibliche Arbeitskraft zwischen 1974 und 1980 zugenommen hat, und den Norden und Osten (mit Ausnahme des Elsaß), wo die männliche Arbeitskraft zurückgegangen und die weibliche geringer als in anderen Regionen ange- Beschäftigungseinbruch gibt es in allen Teilen Frankreichs, in gleicher Weise gibt es auch überall freie Wirtschaftszonen. Die Entwicklung der lohnabhängig Beschäftigten insgesamt hat sich von 1968 bis 1980 folgendermaßen entwickelt:
Der Anteil der Lohnabhängigen in den Kleinund Mittelbetrieben nimmt seit 1972-73 unbestreitbar zu. In den Betrieben mit 1 bis 9 lohnabhängig Beschäftigten arbeiteten 1968 28,9 % aller Lohnabhängigen, 1973 26,3 % und 1980 30,2 %. In den Mittelbetrieben (20 bis 199 Beschäftigte) arbeiteten 1968 37,4 % aller Lohnabhängigen, 1973 37,9 % und 1980 38,5 %. In Klein- und Mittelbetrieben arbeiteten also 1973 64,2 % und 1980 66,3 % der Beschäftigten.
In den Betrieben mit 200 bis 500 Beschäftig- 20 INPREKORR 190 Tabelle 2 Sektoren, in denen die Zahl der Beschäftigten zwischen 1976 und 1983 um über ein Viertel zurückgegangen ist Verlust an Arbeitsplätzenabsolut in % Eisenerzeugung 5913 - 61,7 NE-Erzeugung 1 609 - 37 Stahl 60 670 - 36,4 Maschinenbau 21 462 - 27,5 Kunstfaser 12472 - 61,4 Textil 103 645 - 28,3 Binnenschiffahrt 1 127 - 35,1 Werften 15 657 - 25,8 Leder 11 393 - 25 ten arbeiteten 1968 12,6 % der Lohnabhängigen, 1973 14,2 % und 1980 13 %. In Betrieben! mit mehr als 500 Beschäftigten schließlich arbeiteten 1968 20,1 % der Lohnabhängigen, 1978 21,6 % und 1980 18,2 %.
Diese Tendenz hat sich seither fortgesetzt. Nach einer Studie des Verbands der Metallindustrie und des Bergbaus (Union des industries métallurgiques et minières-UIMM), eine einflußreiche Organisation im Unternehmerverband Conseil national du patronat français - CNPF, arbeiteten in Betrieben mit über 500 Beschäftigten 1985 nur noch 16 Prozent der Lohnabhängigen, in Betrieben mit weniger als 50 Beschäftigten hingegen fast die Hälfte der Lohnabhängigen. Natürlich rationalisieren die Großbetriebe ihre Anlagen. Sie legen kleine und mittlere Produktionseinheiten still und konzentrieren die Produktion an einem Standort. Peugeot ist dafür ein gutes Beispiel. Das Unternehmen hat das Werk La Rochelle geschlossen und den Standort Sochaux ausgeweitet. Dennoch nimmt die Zahl der Beschäftigten bei Peugeot-Sochaux in absoluten Zahlen ab. Sie ist von 1974 bis 1985 von 37.000 auf 27.000 gesunken und sinkt weiter. Sicher, Sochaux wird ein Großbetrieb mit über 10.000 Arbeitern bleiben. Doch ist die Beschäftigtenzahl in diesem Unternehmen stark geschrumpft und das gilt auch für die ganze Gruppe Peugeot-Simca-Citroen. Der Arbeitsplatzabbau macht sich in den zugeordneten Betrieben und den betroffenen Regionen stark spürbar.
Zu dieser Entwicklung ist jedoch folgendes zu bemerken: Die Wende in der Zusammensetzung und der Struktur der Arbeiterklasse' wurde vorwiegend in der Mitte der 70er Jahre vollzogen. Damals wurde das stetige Anwachsen der Arbeiterschaft in der erwerbstätigen Bevölkerung gestoppt und die Tendenz. umgekehrt. Etwa zur gleichen Zeit stieg die Zahl der Lohnabhängigen in den Kleinund Mittelbetrieben an, nahm die Zahl der in Großbetrieben Beschäftigten ab. Krise der traditionellen Arbeiterbewegung Diese Entwicklung ist nichteinfach Folge der Krise. Sie hängt auch mit der Herausbildung neuer Formen der internationalen Arbeitsteilung und mit der Auswirkung der neuen Unternehmerstrategien zusammen. Sie verändert das gesamte Industrie- und Sozialgefüge. Das Ziel der Unternehmer ist, mehr kleine Produktionseinheiten zu schaffen, eine Vielzahl von kleinen und mittleren Betrieben über Zulieferverträge mit dem Mutterunternehmen zu verbinden und damit zu ermöglichen, daß letzteres in mehrere kleinere Einheiten aufgegliedert werden kann. Hierin liegt einer der Gründe für die Krise der organisierten Arbeiterbewegung, denn diese Umstrukturierung rüttelt an der Struktur der gewerkschaftlichen Organisation selbst. Die Arbeiterparteien und die Gewerkschaften verlieren erheblich an Einfluß. In allen Industriezweigen werden Arbeitsplätze abgebaut. In den traditionellen Sektoren am meisten: der Stahlindustrie, der Metallindustrie, dem Maschinenbau. Die Regionen, in denen solche Industriezweige seit langem konzentriert sind, waren als erste betroffen, mit den entsprechenden politischen Umwälzungen. Eine solchermaßen niedergehende Region kann zeitweilig wenn nicht gänzlich ihre Rolle als Speerspitze in den Kämpfen der Arbeiterklasse verlieren. Dies gilt z.B. für die lothringische Stahlindustrie.
Die traditionelle Industriearbeiterschaft, wie sie sich seit Jahrzehnten organisiert und in Kampferfahrungen gestählt hat, ist geschwächt. Sie wurde direkt ins historische Mark getroffen. Die unmittelbaren Folgen, die sich daraus ergeben für die Vermittlung ihrer Kampferfahrung und Organisation, liegen auf der Hand.
Die gesamte Arbeiterbewegung macht eine tiefe Krise durch. Sie läßt sich weder auf 1 Das Institut für Statistik hat 1982 seine Klassifizierung geändert. Damals wurden die Beschäftigten im Dienstleistungssektor noch zu den Angestellten gezählt. Die Zahlen für die Arbeiterschaft beziehen sich auf die, die einen Arbeitsplatz. haben.
2 Die freien Wirtschaftszonen wurden zuerst von der Regierung Mauroy eingerichtet. Sie genießen vor allem Steuerfreiheit.
Fragen der politischen Orientierung reduzie- der Disziplinierung und Arbeitsanweisung ren, noch auf die Umstrukturierung in der (den Meister und Vorarbeiter). Diese Ent Arbeiterklasse. Es ist wichtig, diese Verände. wicklung wird noch verstärkt durch die neu rungen genau zu ermessen, um die Mittel en Arbeitsmethoden, die heute auf den Tayrichtig benennen zu können, mit denen die lorismus' folgen und die die Kontrolle über Krise der Arbeiterbewegung zu lösen ist. Die die Arbeit teilweise oder insgesamt in die Krise eines Gewerkschaftsverbandes in der Hände der Arbeiter selbst legen (Qualitäts- Metallindustrie hängt nicht nur mit deren gruppen, Produktteams). Auf diesen Aspek Orientierung und Praxis zusammen. Wenn kommen wir später noch zurück. Die Grup natürlich eine falsche Orientierung zu den pe der produktiven Arbeiter wird in den verheerenden Folgen der Umstrukturierung Maße größer, wie die Produktionsaufgaber in einem Industriezweig hinzukommt, dann komplizierter werden und eine zunehmend verstärken sich die Effekte. Qualifikation erfordern. So erleben wir eine Im tertiären Sektor wächst die Beschäftigung tiefgreifende Veränderung der Zusammennoch. Der Anteil der produktiven Arbeiter setzung der Arbeiterklasse und ihrer Struk tur, nicht ihre Auflösung oder ihr Vernimmt damit weiterhin zugunsten der Be- schwinden. schäftigten im Dienstleistungssektor ab. Aber auch letztere werden die Folgen der Einführung der neuen Technologien zu spüren bekommen, da sie in beiden Sektoren zum Abbau von Arbeitsplätzen führen wird. Der Rückgang des Anteils der Arbeiterschaft Die neuen an der erwerbstätigen Bevölkerung verleitet viele Beobachter dazu, ein Verschwinden der Arbeiterklasse überhaupt zu prognostizie- Technologien ren. Ein solcher Eindruck drängt sich auf, wenn man die tiefen Umstrukturierungen in der Arbeiterklasse betrachtet, oder den Niedergang traditioneller Industriezweige wie der Stahlindustrie, des Bergbaus, der Werften. Das ist jedoch unserer Meinung nach eine oberflächliche Betrachtung.
Zunächst einmal stellt die Arbeiterschaft in Zusätzlich zu den direkten Krisenfolgen dem Sinne, wie der Begriff vom Institut für wirkt sich auch die Modernisierung des Pro- Statistik benutzt wird, immer noch ein Drit- duktionsprozesses auf die Beschäftigung aus. tel der gesamten aktiven Bevölkerung dar. Sie Die Beschäftigungsstruktur in der Automo ist in den offiziellen Statistiken immer noch bilindustrie ist ein gutes Beispiel dafür. Von die größte Einzelgruppederaktiven Bevölke- 1970 bis 1980 sank der Anteil der ungelernten rung, noch vor den Angestellten, die etwa 20 Arbeiter an der gesamten Arbeiterschaft der %, und den mittleren Berufen, die ca. 15 % Branche von 69 % auf 58 %; in der gesamten der erwerbstätigen Bevölkerung ausmachen. Industrie ist er im selben Zeitraum um 51 % Hier von Verschwinden zu sprechen ist cher zurückgegangen. einer der üblichen Taschenspielertricks von Der Abbau von Arbeitsplätzen hängt jedoch Ideologen in Krisenzeiten. nicht unmittelbar von der Anzahl an compu- Zusammengenommen machen mittlere Be tergesteuerten Maschinen ab, die in einem rufe, Angestellte, Arbeiter und Dienstlei- Betrieb eingesetzt werden. Die Massenarstungspersonal 75 % der aktiven Bevölke- beitslosigkeit, die wir in den Industrielänrung aus. Die Unternehmer in Industrie und dern erleben, ist nicht technologisch bedingt, Handel, die freien Berufe und die leitenden sie ist nicht unvermeidliches, unausweichliches Produkt eines vermeintlichen Fort- Angestellten machen dagegen nur 15 % der schritts. Der Verlust an Arbeitsplätzen war aktiven Bevölkerung aus. schon massiv, als es 1974, 1978, 1980 noch Schließlich muß man noch darauf hinweisen, kaum Roboter gab. daß die Zahl der produktiven Lohnarbeiter, oder derer, die direkt für die Produktion Dennoch nimmt die Zahl der Roboter jährlich in jedem Land stark zu. Die Wachstumsverantwortlich sind, durch den vermehrten Einsatz an computergesteuerten Maschinen rate betrug von 1981 bis 1982 in Japan 37 %, zunimmt. Die Anlage (Programme, Softwa- in der BRD 52 %, in Großbritannien 62 % re), für die Benutzung der und in Frankreich 20 %.* Informationsverarbeitungsmaschinen erfor- Dabei sind die Roboter nur die ausgefeiltederlich ist, kann nur vom Menschen bedient sten Automaten. Es gibt die verschiedensten werden, vom Informatiker. Dieser Teil der computergesteuerten Maschinen. Sie wer- Arbeit ist unerläßlich im Produktionspro- den auf vielfältigste Weise in den verschiedezeß, in dem ansonsten Automaten und com- nen Arbeitsbereichen eingesetzt, mit unter putergesteuerte Maschinen einen wachsen- schiedlichen Folgen für die Beschäftigung. So den Anteil übernehmen. Dies gilt noch mehr schätzt man, daß durch den Einsatz von für Grundstoffindustrien wie die Chemie, Industrierobotern in den japanischen Betrie- Raffinerien, Atomkraftwerke, wo der Groß. ben die Produktion verdoppelt werden teil der Arbeit heute schon darin besteht, konnte, ohne die Anzahl der Beschäftigten bestehende Anlagen ingangzusetzen. zu erhöhen. In der BRD soll die Mikroelek tronik, die in allen Sektoren der Wirtschaft In den mittleren Berufen ersetzen Aufgaben eingesetzt wird, verantwortlich dafür sein, der Kontrolle und direkten Aufsicht über die daß die Arbeitslosigkeit bis 1990 auf 12 % automatisierte Produktion tendenziell jene steigt, während sie sonst nur 4 % betragen würde. Durch die Informatik sollen in Großbritannien zwischen 1954 und 1980 670.000 Arbeitsplätze weggefallen sein'.
Tabelle 3 Anzahl an Robotern pro 10.000 Lohnabhängige in der Industrie 1974 1978 1980 1981 Schweden 1,3 13,2 18,7 29,9 Japan 1,9 4,2 8,3 13,0 BRD 0,4 0,9 2,3 4,6 USA 0,8 2,1 3,1 4,0 Frankreich 0,1 0,2 1,1 1,9 Großbritannien 0,1 0,2 0,6 1,2 Quelle: L'Observateur de /'OCDE, Nr.
123, Juli 1983.
Nochmal: wir stehen erst am Anfang dieses Prozesses. In Frankreich soll es bis 1990 20.000 numerisch gesteuerte (NC)-Maschinen geben; 1980 waren es 5.800 und 1985 10.000. 1985 gab es 1.000 Roboter, 1990 sollen es 3.000 sein. Im selben Zeitraum soll es 2.000 CAD-Maschinen* (ca. 100 in 1980) und 460.000 Computer-Terminals geben, viermal mehr als 1980.
Mit Ausnahme der qualifizierten Facharbeiter in der Elektrik, Elektronik und im Dienstleistungsbereich wirkt sich die Entwicklung auf dem Sektor der Informationsverarbeitung auf alle anderen Schichten der Arbeiterschaft aus; sie alle werden von Arbeitsplatzabbau betroffen. Zunehmen wird die Beschäftigung bei der Überwachung der Anlagen, den Einrichtungs- und Wartungstechnikern, den Programmierern und bei der Bedienung der Anlagen.
Die Auswirkungen der Systemverarbeitung zusammen mit denen der Krise bewirken einen Rückgang der Arbeiterschaft im tradi- 3 Unter „Taylorismus" versteht man die wissenschaftliche" Organisation der Arbeit, die zu Beginn des 20. Jahrhunderts in den Betrieben der Großindustrie vor allem in den USA eingeführt wurden. Ihr Ziel ist die Intensivierung der Arbeit. Diese Methode wurde von Frederick Taylor entwickelt. Sie zergliedert den Produktionsprozeß in zahlreiche genormte und festgelegte Einzelvorgänge, die jeder nach kurzer Anlernzeit ausführen kann, indem er ebenfalls genormte Werkzeuge bedient. Diese Arbeitsorganisation wurde von Henry Ford durch die Einführung des Fließbands weiterentwickelt.
4 Benjamin Coriat (hrsg.), La robotique, éd. La découverte, Maspéro.
5 Olivier Pastré, L informatisation ete l'emploi, éd. La découverte, Maspéro.
6 Maschinen für Computer-unterstütztes Design.
tionellen Sinne des Wortes. Es ist jedoch beitskräfte in ungeschützten Beschäftiwichtig zu sehen, daß diese neuen Technolo- gungsverhältnissen bilden, der Übergang gien im Rahmen der wirtschaftlichen Krise von der einen zur anderen Kategorie offen eingeführt werden. sein.
Damit wird das gesellschaftliche Gefüge gesprengt. Die japanischen Arbeitsverhältnisse sind ein Modell für eine Dualgesellschaft. Wie man weiß, orientieren sich die französischen Unternehmer mit ihrem Nachholbedarf an Modernisierung an der japanischen Unternehmer- panischen Arbeiterbevölkerung hat einen si- Organisation der Arbeit. Ein Drittel der jacheren Arbeitsplatz auf Lebenszeit beieinem strategie: der großen Industriekonzerne, die die Wirt- schaft des Landes beherrschen - wenngleich auch diese Errungenschaft heute infragege- Dual- stellt wird. Die übrigen zwei Drittel unterliegen äußerst flexiblen Arbeitsbedingungen: von der 60-Stunden- Woche bis zur Teilzeitgesellschaft arbeit von einer Stunde pro Woche, ohne Arbeitsplatzgarantie.
Die französischen Arbeiter haben sich in den Kämpfen von 1936 tendenziell gleiche Arbeitsbedingungen erstritten; diese Entwicklung wurde durch die Errungenschaften in den 60er und 70er Jahren noch verstärkt: gleiche Lohnerhöhung für alle, Aufstiegsmöglichkeiten vom ungelernten zum nächst hö- Seit einigen Jahren gibt es einen gleichblei- her qualifizierten Arbeiter. Unter dem benden Sockel an Arbeitslosigkeit. Keiner Druck der Offensive der herrschenden Klasder Vertreter aus Politik und Wirtschaft se kehrt sich diese Tendenz seit einigen Jahwagt es, eine rasche Abnahme zu prognosti- ren um, um so mehr, als es die bestorganisierzieren. Dies hat natürlich unmittelbare Fol- ten Sektoren der traditionellen Arbeiterklasgen für die Verschlechterung der Arbeitsbe- se sind, die in den jüngsten Kämpfen am dingungen, die Aufhebung von Schutzbe- meisten Federn gelassen haben, während die stimmungen und Rechten, die die Arbeiter- Errungenschaften, die sie in den Jahrzehnten klasse in Jahrzehnten erkämpft hat (die 40- zuvor erkämpft haben, der gesamten Arbei- Stunden-Woche, die Arbeitsgesetzgebung, terklasse Vorteile gebracht haben. alle ihre Errungenschaften seit 1936). Die Arbeitsschutzbestimmungen und gesetze Durch die Etablierung einer Dualgesellschaft werden abgebaut, ungeschützte Arbeitsver- werden diese Errungenschaften aufgehoben hältnisse, befristete Arbeitsverträge, Teil- und damit auch die Gesetze und Bestimmunzeitarbeit. Übergangsregelungen ausgewei- gen, die die Arbeitsbedingungen einander tet, all dies parallel zu einer anhaltend hohen angleichen. Die Unternehmer führen sogar Arbeitslosigkeit. Teilzeitarbeit wird heute Ausbeutungsmethoden ein, die sie in Betrievon allen Schichten von Arbeitnehmern ak- ben und Konzernen der Dritten Welt erzeptiert. 46 % der Männer und 60 % der probt haben. Die Einrichtung freier Wirt- Frauen, die zur Zeit arbeitslossind, sind dazu schaftszonen in den Industrieländern ist dabereit?. für ein gutes Beispiel. Hier sind die Gesetze, die im Rest des Landes für Unternehmer und Gewisse bürgerliche Strategen halten den Arbeiter gelten, außer Kraft gesetzt. In Zeitpunkt für gekommen, eine Dualgesell- Frankreich wurden die freien Wirtschaftszoschaft zu schaffen, d.h. eine Gesellschaft, in nen zuletzt von Colbert im 17. Jahrhundert der die Arbeiterklasse in zwei Teile gespalten abgeschafft! sein soll, einen Teil, der gezwungen ist, seine Arbeitskraft zu verkaufen. aber ohne die Ga- Schließlich vergrößert die Einführung neuer rantien, über die der andere Teil verfügt. Technologien die Kluft zwischen zwei Kate- Diejenigen, die die „vornehmen" Arbeiten in gorien von Arbeitern: denen, die damit umder industriellen Produktion erledigen, in gehen können, und denen, die vom Erlernen den Grofbetrieben und Konzernen, die tech- des Umgangs mit ihnen ausgeschlossen sind nologisch am fortgeschrittensten sind, sollen das sind in erster Linie die ungelernten Arbeinicht mehr unter der andauernden Angst um ter. Paradoxerweise kann diese Spaltung tenden Arbeitsplatz leben und im Falle von denziell auch eine der Folgen des Tayloris- Entlassung, Umstrukturierung, Umgrup- mus aufheben. Dieser hat die Fähigkeiten des pierung auf besondere Schutzbestimmungen Handwerkers, der das zur Produktion nötige und Entschädigungen Anrecht haben. Arbei- Know-how besaß und sich dadurch vom einter, die einen solchen Status nicht erlangen fachen Arbeiter unterschied, zurückgekönnen, sollen nur unter besonders flexiblen drängt. Die Mechanisierung, die Fließband und ungeschützten Bedingungen arbeiten arbeit öffnete die Fabriktore dem ungelernkönnen, mit minimalem sozialen Schutz. ten Arbeiter. Die Beherrschung der neuen Technologien kann nun eine neue Spaltung Der Übergang von der einen zur anderen einführen zwischen denen, die die nötige Kategorie ist natürlich jederzeit möglich Qualifikation besitzen, und denen, die sie —so stellen es sich jene vor, die eine solche nicht besitzen und damit tendenziell von der Dualgesellschaft als Möglichkeit darstellen, Produktion ausgeschlossen sind. die Krise zu überwinden. Die Arbeitslosen sollen gewissermaßen das Reservoir für Ar- All diese Faktoren tragen dazu bei, daß es 22 INPREKORR 190 neue Spaltungen in der Arbeiterklasse gibt. Es sind andere als in den 50er und 60er Jahren. Die Spaltung in der Arbeiterklasse ist an sich kein neues Problem Sie war niemals geeint. Heute gibt es aber neue Formen der Spaltung.
Der Import japanischer Arbeitsmethoden stößt natürlich auf Grenzen. Die japanischen Unternehmer selbst erklären ihren westlichen Kollegen, daf sie ihre Methoden anpassen müssen, und nicht einfach übernehmen können. In der französischen Arbeiterklasse herrschen umgekehrte Bedingungen wie in Japan: in Japan gibt es ein Drittel feste Arbeitsverhältnisse und zwei Drittel ungeschützte - in Frankreich ist die Situation umgekehrt. Die französischen Unternehmer sind noch weit davon entfernt, den Kampf um die Dualgesellschaft gewonnen zu haben. Fortbildung und Entqualifizie rung Die rechnergesteuerte Maschine kann alles oder einen Teil dessen, was der Arbeiter kann. Damit können beschwerliche und stupide Arbeiten aufgehoben werden. Die Aufgaben und die Funktion eines Facharbeiters können von Grund auf umgekrempelt werden, von der Einstellung und Ingangsetzung der Maschine zur Kontrolle über den reibungslosen Ablauf des Produktionsprozesses vermittels rechnergesteuerter Maschinen.
Man kann in diesem Zusammenhang von einer gewissen Entqualifizierung sprechen, da die Fähigkeiten, die zuvor bei den Menschen lagen, nun bei den Maschinen liegen. Der Mensch ist aber für die Ingangsetzung, Überwachung und Wartung der Maschine unersetzlich. Um die neuen Aufgaben wahrnehmen zu können, müssen sowohl die ungelernten Arbeiter, deren Arbeitsplätze wegrationalisiert werden, als auch die Facharbeiter, deren Arbeitsplätze von Grund auf umgestaltet werden, die Informationsverarbeitung erlernen. Eine Qualifikation oder Weiterqualifikation, die in jedem Fall den Erwerb neuer Kenntnisse bedeutet, ist unerläflich. Der Zugang zu einer Ausbildung in Informatik, an den neuen Technologien ermöglicht dem Interessierten, sein Arbeitsfeld zu erweitern und innerhalb des Betriebs mehrere Arbeitsplätze, die an den vorhandenen Maschinen hängen, zu kontrollieren. Zugleich 7 Jean-Luc Heller, „Enquête emploi 1985", in: Economie et statistique, Juni 1985.
cröffnet sich hier ein weites Feld für die individuelle Weiterbildung. Die gegenwärtige Welle von Heimcomputern ist ein gutes Beispiel dafür.
Was sind die praktischen Konsequenzen der Einführung von Robotern im Betrieb? Ein Beispiel dazu. Ein Roboter, der auf einer Schweißerlinie eingesetzt wird, ersetzt in ei nem Automobilbetrieb 70 Schweißer-Ar beitsplätze. Zugleich werden vier Bedie nungsstellen, zwei Instandhaltungs- und Re ›araturstellen und eine Wartungsstelle ge schaffen. Das gibt eine Vorstellung von der Grölenordnung des Arbeitsplatzabbaus durch die Einführung von Kobotern. Dabei ist der Roboter das noch am wenigsten verbreitete computergesteuerte Werkzeug. Die NC-Maschine ist viel stärker verbreitet. Ihre Einführung zieht bereitserhebliche Ver änderungen in der Organisation einer Abtei lung nach sich. Die meisten Arbeitsplätze werden bei Vorarbeitern, Drehern und Fräsern, Maschineneinrichtern, Zeichnern und Vorzeichnern, Gielsern und Spritzern einge spart . .. Dafür werden Arbeitsplätze für mathematische Ingenieure, Operator, Programmierer, Kontrolleure und Überwachungspersonal geschaffen — sie alle brauchen Kenntnisse und praktische Erfahrung im Umgang mit der Intormatik.
Unter bestimmten Bedingungen geht die Einführung automatischer Maschinen für cinen Teil der Lohnabhängigen im Betrieb mit internem Aufstieg einher. Im Extremfall können Facharbeiter, die für eine Fortbildung als Operator oder Kontrolleur an einer automatisierten Produktionseinheit ausgewählt werden, einen ähnlichen Status wie Techniker erhalten.
Auf der anderen Seite werden zunehmend mehr Menschen von diesem Prozeß ausgeschlossen. Für Jugendliche z.B., vor allem solche, die gerade die Berufsschule hintersich gelassen haben, bieten die neuen Technologien überhaupt keine Chancen. Die Abschlußzeugnisse bescheinigen ihnen eine Qualifikation, die ihnen nichts nützt, von Jenen, die die Schule ohne Abschluß verlassen, nicht zu reden. Mehr und mehr gehen Betriebe dazu über, Jugendliche mit höherem Schulabschluß einzustellen, an Arbeitsplätzen, für die eine solche Qualifikation nicht erforderlich ist. Diese Tendenz zur Überqualifikation einerseits und Entqualifizierung andererseits wird noch dadurch gefördert, daß ein Drittel der unter 25jährigen arbeitslos ist.
Schließlich fördern die neuen Technologien die Klassenspaltung. Die Kinder aus Mittelschichten erlernen den Umgang mit der Mikroelektronik um so leichter, als entsprechende Geräte auch zuhause aufgestellt werden können, was in Familien der unteren Schichten nicht der Fall ist. Dies ist für die Kinder aus diesen Familien ein zusätzliches Handicap.
Die Einführung der neuen Technologien verändert also von Grund auf die Arbeitsbeziehungen. Allerdings sind diese Veränderungen nicht nur der Automatisierung geschuldet. Das japanische Beispiel ist diesbezüglich aufschlußreich. U.a. wird es im Dalle-Bericht über die Automobilindustrie analysiert' Dalle widmet den ganzen dritten Teil des Berichts und das Schlußkapitel der Analyse der Oberichen Freine Seatere derer , unter passung der französischen Automobilindustrie" . Dalle zufolge liegt die Herausforderung hauptsächlich im Organisationsmodell der Industrieproduktion, das in Japan in den 70er Jahren eingeführt wurde, das ein Gegenstück zum Taylorismus ist" . Die europäischen Industriellen haben diesen Schritt damals nicht mitgemacht, weil sie sich weitgehend, auch in der Automobilindustrie, auf die Fremdarbeiter stützten, die zu den schlimmsten Arbeitsbedingungen arbeiten mußten.
Flexible
Produktion
Die japanischen Unternehmer haben in erster Linie die Lagerhaltung abgebaut, ein „charakteristisches Merkmal der tayloristischen Betriebsorganisation". Statt dessen. wird die Produktion in bestimmte Quanten aufgeteilt, womit eine große Anpassungsfähigkeit erreicht wird, da praktisch das Endprodukt „auf Nachfrage" hergestellt wird und auch alle Zwischenprodukte darauf abgestimmt werden, welche Mengen in welcher Zeit benötigt weren. Diese Produktion in kleinen, abgeteilten Serien steht im Gegensatz zur tayloristischen „Endlos"-Produktion in grolem Malstab. Sie hat eine Reihe von Folgen. Durch die Aufteilung der Produktion werden die Arbeiter für die Qualität des Endprodukts verantwortlich gemacht. Sie sind zu diesem Zweck in Qualitätsgruppen zusammengeschlossen. Die neue Arbeitsorganisation ermutigt die Produzenten, selbst an der Verbesserung des Produkts mitzuarbeiten. Nochmals sei Dalle zitiert: (Diese Form) für die Lohnabhängigen, am Arbeitsplatz zu wirken, ist das Ergebnis gesellschaftlicher Beziehungen, die sich im Rahmender natürlichen Arbeitsbeziehungen zwischen den Menschen einer Abteilung herstellen — sie sind viel besser in der Lage, mit den Problemen fertig zu werden, mit denen sie täglich zu tun haben —, und zwischen den Menschen in den Konstruktionsund Planungsbüros, die ebenfalls besser über die Zusammenhänge urteilen, falschen Streit und unfertige Lösungen vermeiden können." Die flexible Produktion in kleinen Einheiten, die Kontrolle der Produktionsmenge, die genau benötigt wird zur Fertigung eines bestimmten Produkts, die Kontrolle der Qualität durch die Produzenten selbst bilden eine Einheit: eine neue Arbeitorganisation, bei der die Einsparung bei den direkten und indirekten Herstellungskosten und die Arbeitsleistung/Arbeitsrentabilität erstaunlich und spektakulär" sind. Dalle zufolge sind diese erstaunlichen Leistungen nur zum geringen Teil Spitzentechnologien ge schuldet, von denen wir in Europa und besonders in Frankreich soviel Aufhebens machen, obgleich sie dadurch gefördert werden. Hauptsächlich sind sie jedoch einer gewissen Form der Vergesellschaftung der Arbeit geschuldet." Diese neuen Arbeitsmethoden. die „Qualitätsgruppen", _Fortschritts- und Sicherheitsgruppen" dürfen nicht mit der Gruppenarbeit verwechselt werden. Dieses Experiment blieb begrenzt auf die beiden Beispiele in der skandinavischen Automobilindustrie, Saab und Volvo. Hier werden die Arbeiter bestimmter Abteilungen zu „Arbeitsgruppen" zusammengefaßt. Gemeinsam montieren sie die Fahrzeugmotoren. Jeder führt diese Aufgabe vom ersten bis zum letzten Handgriff aus und sorgt für einen reibungslosen Produktionsablauf. Die Arbeitsgruppen sind in der Regel festgelegt, die Beteiligten kennen sich untereinander und organisieren ihren Produktionsablauf selbst, entsprechend dem geforderten Soll. Dies bedeutet tatsächlich einen radikalen Bruch mit der tayloristischen Arbeitsorganisation der Fließbandarbeit. Aber sie bildet eine Ausnahme.
Ähnliche Experimente gibt es in Frankreich nicht. In den Betrieben werden heute kleine „autonome" Produktionseinheiten (Module) eingerichtet, die jeweils für den reibungslosen Ablauf ihrer Arbeit verantwortlich sind, innerhalb derer die Arbeiter sich jeweils abwechseln können sollen. Diese Einheiten stehen aber weiterhin unter der Aufsicht cines Meisters.
Der partielle Bruch mit der tayloristischen Arbeitsorganisation kann die unterschiedlichsten Formen annehmen. Obwohl die -Qualitätsgruppen" inzwischen bei Thomson weit verbreitet sind, hat dieser Konzern jüngst eine neue Produktion in Angriff genommen, bei der er ein ganz neues Fließband eingerichtet hat. Die Arbeitsmethode bleibt also sehr tayloristisch. In Frankreich gibt es seit Jahren in einigen Industriebranchen der Stahlindustrie (Solmer bei Fos), bei Usinor- Dunkerque, bei Lesieur in der Nahrungsmittelindustrie und in einigen Werken von Thomson solche Qualitätsgruppen. Ihre Zahl hat auch in Automobilbetrieben stark zugenommen, bei Peugeot u.a.
In Frankreich gabes 1981 nur ca. fünfhundert _Qualitätsgruppen" in verschiedenen Pionierbetrieben. Seither sind es erheblich mehr geworden, vor allem unter den Linksregierungen. 1983 waren es 3.000, 1984 10.000 in 2.000 Betrieben; in ihnen sind 200.000 Lohnabhängige zusammengefaßt. Im Mai 1981 wurde ein französischer Verband der „Qualitätsgruppen" unter der Führung von Unternehmen wie Citroen, Kodak, Lesieur, Péchiney und Thomsongegründet. Ersollfast vierhundert Unternehmen umfassen (die 8 François Dalle, Vorstandsvorsitzender bei /'Oréal und Ehrenpräsident bei Nestléist ein enger Freund François Mitterrands. Er wurde von diesem beauftragt. einen Bericht über die Lage der Automobilindustrie in Frankreich zu schreiben. Dieser erschien in Liaisons sociales vom 24. Oktober 1984. Die Regierung Chirac hat ihn nun beauftragt, eine Studie über Jobs" zu erstellen.
obengenannten 2.000 Betriebe gehören dazu), und ca. 40 % der Beschäftigten. Nach Angaben des CNPF soll es heute in den Betrieben 20.000 Qualitätsgruppen" geben. In einer Studie, die den Titel trägt: » Tut uns leid, Mr. Taylor, anders geht es besser!". schreibt die Ünternehmerzeitschrift Usine Nouvelle : , Vielfältige Einsatzmöglichkeiten, vielseitigere Aufgaben, Qualitätsgruppen, Verbesserung der Arbeitsbedingungen ... allem Anschein zum Trotz setzen sich die neuen Formen der Arbeitsorganisation, die in den 70er Jahren aufgetreten sind, weiter durch. Die Unternehmen reden nur weniger darüber. Und wenn sie darüber reden, dann cher um die Vorzüge einer nichttayloristischen Arbeitsorganisation für die Produktivitätssteigerung, die Flexibilität und die Qualität zu loben, als um ihre positiven Auswirkungen auf das Wohlbefinden der Menschen hervorzuheben, wie das noch vor zehn Jahren der Fall war. Andere Zeiten, andere Prioritäten."
Die Politik der Linksregierungen nach dem Wahlsieg am 10. Mai 1981 (die Gesetze Auroux, die Neubestimmung der Rechte und Interessenvertretung der Belegschaften) folgte denselben Grundsätzen und Methoden, die die Unternehmer mit ihren Qualitätsgruppen verfolgen. Das war sozusagen die sozialdemokratische Variante der in Japan eingeführten Arbeitsmethoden". Krisenlösung durch Produktionsverknappung ...
Anders als die rigiden und streng hierarchischen Strukturen eines tayloristisch organisierten Betriebes, versuchen die neuen Methoden, den Arbeiter ineingutes Betriebsklima einzuspannen und hierarchische Strukturen abzubauen. Damit kann der Einfluß der Gewerkschaften zurückgedrängt werden, zumindest stoßen sie auf Schwierigkeiten, wenn sie dagegen angehen wollen und für Alternativen mobilisieren wollen. Das oberste Ziel im Wettrennen um die Qualität ist die Rentabilität und Produktivität des Betriebs, in Konkurrenz zu den Betrieben, die dieselben Produkte herstellen, selbst in Konkurrenz zu anderen Abteilungen und Sektoren im selben Betrieb. Jeder wird für die Wettbewerbsfähigkeit des Betriebs insgesamt verantwortlich gemacht und muß schauen, ob er oberhalb oder unterhalb der Norm liegt. Auf der Ebene des Betriebes und 24 INPREKORR 190 des Konzerns können die Qualitätsgruppen ihre Erfahrungen mit Hilfe von Treffen oder Zeitungen austauschen. Es gibt auch einen Austausch auf nationaler Ebene, durch einen Kongreß der Qualitätsgruppen bzw. der Zeitschriftenredaktionen, die sich mit ihnen befassen.
Dies ist Gesellschaftspolitik im engen Sinne des Wortes. Sie entfaltet sich vor dem Hintergrund einer liberalen Propaganda, die weitgehend von den Medien aufgegriffen wird. Sie ist natürlich im Rahmen der gegenwärtigen Krise des Kapitalismus zu sehen, aber auch im Rahmen der Krise der Arbeiterbewegung, die die Unternehmer, da sie nicht dumm sind, sehr aufmerksam verfolgen. Die Unternehmer stellen sich dar als diejenigen, die die Gesellschaft erneuern, während auf den Arbeiterorganisationen die enttäuschten Hoffnungen der vergangenen Jahre lasten.
Ironie der Geschichte, die Unternehmer machen sich auf diese Weise die alte Forderung der sozialistischen Arbeiterbewegung zu eigen, die irrationale Trennung zwischen Hand- und Kopfarbeit zu überwinden. Diese ist die hauptsächliche Grundlage des Taylorismus. Durch die neuen Arbeitsmethoden und die Tatsache, daß die Unternehmer „die Intelligenz der Arbeiter, dieses riesige Reservoir an Produktivität" ", wie sie selbst sagen, berücksichtigen, soll diese Irrationalität überwunden werden.
Angesichts der Krise der Arbeiterbewegung scheint ihnen diese Lösung ein Weg zu sein, wie sie gewinnen können. Dabei können sie jedoch nicht vergessen, daß diese „Arbeiterintelligenz", auf die sie sich stützen, ein zweischneidiges Schwert ist, das auch gegen sie gerichtet werden kann, wenn die Arbeiter sich mobilisieren und einen Betrieb lahmlegen.
Die Roboter, die automatischen Maschinen, scheinen der Krisenzeit angemessen, da sie Modernisierung und Flexibilisierung der Produktion und des Menschen unter einen Hut zu bringen suchen. Es geht nicht allein um die Forderung nach technischem Fortschritt, nach modernen Zeiten, sondern um die notwendigen Bedingungen für eine rentable Produktion in einer wirtschaftlichen Krise, die nun schon über zehn Jahre dauert. Die Technik wird ganz in den Dienst der neuen Arbeitsmethoden und des Ziels der „Null- Lagerhaltung" gestellt. Die Organisation der Produktion wird ganz knapp ausgelegt. Die Produktion wird verknappt zueiner Zeit, wo viele Menschen Hungers sterben. Mit einer solchen Verknappung versuchen die Unternehmer die Kluft zwischen der flüssigen Nachfrage und den Produktionskapazitäten zu überbrücken. Es ist natürlich ein unhaltbarer Zustand, daß zuviel produziert wird, wenn zugleich Millionen Menschen im Elend leben. Deshalb der Grundsatz, daß die Lagerhaltung gegen Null gehen mußt°. Auf der anderen Seite dehnt sich die Lebensarbeitszeit der Menschen potentiell aus. Das Ziel ist, die Produktionsanlagen jederzeit ingangsetzen zu können, wenn es die konjunkturelle Nachfrage erfordert. Die Abhängigkeit des Menschen von der Arbeit nimmt damit zu, nicht weil mehr produziert werden muß, sondern weil gesichert werden muß, daß nicht mehr produziert wird, als was in einem krisengeschüttelten Kapitalismus gebraucht wird. Die automatischen Maschinen, ihre elastische Einsatzmöglichkeit (Verfügbarkeit rund um die Uhr) und die Flexibilität der Arbeitszeit ermöglichen dem Unternehmer, den Betrieb der Produktionsanlagen seinen Gewinnmöglichkeiten anzupassen. Die Aufhebung der Lagerhaltung wird möglich, weil die Arbeitswoche maximal ausgedehnt wird, wenn ein Auftrag erledigt werden soll, und drastisch reduziert wird, wenn die Nachfrage fehlt. Das Gesetz von Angebot und Nachfrage regiert alles.
Jegliche rationale Planung der Arbeit entsprechend den Bedürfnissen wird zurückgedrängt, wo doch die neuen Technologien ein mehr an Produktion ermöglichen und damit Befriedigung der Nachfrage bei vermindertem Arbeitseinsatz.
Diese Logik, die der Modernisierung des Kapitals zugrundeliegt, ist uns fremd. Wenn die Arbeiter den Produktionsapparat kontrollierten, könnten sie die neuen Technologien zu ganz anderen Zwecken nutzen. Sie würden sich in erster Linie darum kümmern, zu produzieren was den Menschen fehlt, im Rahmen einer rationalen Produktion. Die ... oder durch Arbeitszeitverkürzung Produktion der Güter würde ausgerichtet nach dem gesellschaftlichen Nutzen, den sie haben. Eine planvoll organısterte Produktion würde erlauben, die konstant anfallende Arbeit auf alle verfügbaren Hände zu verteilen, ohne das Leben der Arbeitenden völlig auseinanderzureißen. Sie würde die Arbeitslosigkeit abschaffen und die neuen Technologien zur Verbesserung der Arbeitsbedingungen nutzen. Nur in diesem Zusammenhang würde man sich Gedanken machen über eine Verringerung der Lagerbestände. 9 Das Recht der Lohnabhängigen, in den Betrieben _über den Inhalt und die Organisation ihrer Arbeit, sowieüber die Verbesserung ihrer Arbeitsbedingungen ihre Meinung zu sagen" wurde von der sozialistischen Regierung mit dem Gesetz vom 4. August 1982 eingeführt. Damals wurde es von den Unternehmern heftig bekämpft. Seither hat die neue Regierung Chirac das Gesetz bestätigr, ohne auf Widerspruch zu stoßen. 10vgl. Gestion de production: Objectif zéro stocks" in: Usine nonvelle, September 1984.
Inmitten der Krise, der Verknappung, des mus machen würde, und die Trennung von einer angemessenen Ausbildung füralle lohn Elends versucht die Bourgeoisie, die Arbeiter Hand- und Kopfarbeit zu rechtfertigen. Wir abhängig Beschäftigten in den Betrieben und in den Wettlauf um die Qualität einzuspan- gehen natürlich von dem legitimen Wunsch Büros, die von den neuen Technologien benen. Man kann nicht gegen eine Qualitäts- der Arbeiter aus, an der Verbesserung ihrer troffen sind. Schlieflich lehnen wir jeden steigerung der Produkte an sich sein. Dabei Arbeitsbedingungen und an der Verbesse- Abbau von Arbeitsplätzen und jede Entlasmuß aber auch klar sein, dal sie die Bedürfnis- rung der Produktion mitzuwirken. Die sung ab, fordern im Gegenteil, daß parallel se der Konsumenten wirklich befriedigen. sind aber keine Ant- zum technischen Fortschritt und zur Be- Aber den Unternehmen geht es heute auch wort auf dieses Bedürfnis; in diesen Gruppen kämpfung der Arbeitslosigkeit die Arbeitsgar nicht in erster Linie um die Qualität. Es dürfen die Arbeiter nur insoweit mitreden, zeit verkürzt werden muß. geht ihnen vor allem darum, den Wettbewerb als sie Fragen der Steigerung der betriebli- Nur so wird es möglich sein, der Unternehzwischen Produzenten identischer Artikel chen Produktivität vom Standpunkt der Be- merstrategie, die ja u.a, darauf abzielt, die zu gewinnen, und dem anderen auf einem triebsleitung aus ansprechen. Wir gehen an Arbeiterorganisationen in den Betrieben ausbereits eingeschränkten Markt noch ein die Frage vom Standpunkt der Kontrolle der zubooten und sie einzubinden in eine kon- Stück Marktanteil zu entreißen. Die Arbei- Arbeiter über die Produktion heran. Wir zertierte Aktion und Zusammenarbeit mit ter unterwerfen sich diesem Krieg zwischen wollen eine Verbesserung der Lebens- und der Unternehmensleitung, etwas entgegenden Kapitalisten, wenn sie am Wettlauf um Arbeitsbedingungen. Wir wollen, daß die zusetzen. Man kann heute nicht überzeudie Qualität teilnehmen, in den Qualitäts- Arbeiter alle Fragen aufwerfen können, die gend für die Vollbeschäftigung argumentiegruppen, die von den Betriebsleitungen ein sie berühren, völlig unabhängig von den Zie- ren, wenn man nicht konkret erklärt, was wir gerichtet werden. Das Lob, das die Arbeiter- len, die ihnen vorgegeben werden. Unser Ziel uns unter der Befriedigung gesellschaftlicher organisationen den Qualitätsgruppen zollen ist, die Lohnabhängigen zu einen und zu Bedürfnisse konkret vorstellen. Jeder gibt — das zeigt das Beispiel der CFDT (Conféde- erreichen, daß das Belegschaftskollektiv das- heute zu, daß es für die Arbeiter in den ration française démocratique du travail - jenige ist, das über den Gang des Betriebs Industrieländern kein überzeugendes die sozialistisch geführte Richtungsgewerk- bestimmt. Modell des Sozialismus mehr gibt. Die Utoschaft) zeigt, wie sehr sie dem kapitalisti- pien haben sich in den Ländern des Ostblocks schen Konkurrenzdenken verhaftet sind. Das Problem taucht dann in aller Schärfe auf, in ihr Gegenteil verkehrt, und Erfahrungen wenn im Betrieb neue Maschinen aufgestellt wie die in Nicaragua sind scheinbar eine Ant- Für die gewerkschaftlichen Organisationen werden. Wir sind nicht gegen die neuen wort auf eine gänzlich andere Situation. im Betrieb ist es wichtig, daß-sie der Unter- Technologien, aber wir fordern eine Konnehmerstrategie der neuen Arbeitsmetho- trolle über sie, über ihre Auswahl, über die Eine der Aufgaben der Revolutionäre ist zu den etwas entgegensetzen. Es geht nicht dar- daran erforderliche Ausbildung und die da- erklären, wozu die Produktionsmittel und um, Gefechte von gestern zu führen, die die mit verbundene Umorganisierung der Ar- die Arbeitskraft, über die die Menschheit Revolutionäre zu Verteidigern des Tayloris- beit. Wir fordern zugleich den Zugang zu heute verfügt, eingesetzt werden sollen. Eine Bild- stampft, sein Name verleugnet und aus den Geschichtsbüchern der Revolution getilgt, sein Abbild auf Photographien wegretubiographie beit ein eigenes Archiv mit Photographienaus David King hat in fast zwanzigjähriger Arvon L. D. dem Besitz von Zeitgenossen Trotzkis und mit Aufnahmen aus Zeitungen und Zeit- Trotzki schriften der 20er und 30er Jahre aufgebaut.
Aus der Sammlung einiger hundert Abbildungen ist in dem hier angezeigten Buch die photographische Biographie eines Mannes entstanden, dessen Lebensgeschichte aufs engste mit der Entwicklung der revolutionären Bewegung der ersten Hälfte unseres Jahrhunderts verbunden war. Neben Leben und Werk Trotzkis spiegelt sich daher auch der Aufstieg und der Niedergang der russischen TROTSKY gung in diesen Photographien. Revolution und der kommunistischen Bewe- Dieser Bildband wurde gegenüber dem Anfang der 70er Jahre bei Penguin erschienenen INTROOUMON TY TAMARA OUT CHER 1923 einsetzende Kampagne gegen den wesentlich erweitert; er enthält eine Einfüh- COMMENTARY BY JAMES RYAN „Trotzkismus" sollte mit der Entfernung dessen, der wie kein anderer nach Lenin für rung von Tamara Deutscher und einen die Abbildungen begleitenden ausführlichen die sozialistische Revolution als Befreiung Text von James Ryan. Diese Photodokuaus Rückständigkeit, Ausbeutung und Unterdrückung stand, den Weg für die Aneig- mentation ist einzigartig. — und sie wird es Lew Dawidowitsch Trotzki, neben Lenin nung der Macht durch eine neue privilegierte für lange Zeit (bis zur Öffnung der Giftder bedeutendste Führer der russischen Ok- Kaste von Partei- und Staatsbeamten freima- schränke der sowjetischen Archive) bleiben. Im Bewußtsein dessen relativiert sich der auf toberrevolution von 1917, erster sowjeti- chen. Nach Trotzkis Ausschluß aus der Par- den ersten Blick womöglich hoch anmutende scher Außenminister und Kriegskommissar, tei und seiner Ausbürgerung aus der UdSSR Preis (19,50 brit. Pfund). ist in der Sowjetunion, die er mitbegründete wurde neben der Vorbereitung seiner Ermorund deren Führung er angehörte, bis der dung darangegangen, auch alle Hinweise auf Trotsky. A photographic biography. Introbürokratische Thermidor den ersten Arbei- seine bloße Existenz systematisch zu ver- duction by Tamara Deutscher, Commentaterstaat der Welt bis zur Unkenntlichkeit nichten. Seine Schriften wurden aus den Bi- ry by James Ryan. Oxford: Basil Blackwell veränderte, noch immer eine Unperson. Die bliotheken entfernt, seine Werke einge- 1986, 336 Seiten. ISBN 0-631-14689-X.
In diesem Jahr nehmen die IG Metall und die IG Druck und Papier einen neuen Anlauf zur Durchsetzung der 35-Stunden-Woche bei vollem Lohnausgleich. Es ist sicherlich nicht vermessen, dieser Auseinandersetzung eine ähnlich große politische Bedeutung zuzumessen wie dem ersten Kampf darum 1984. Trug doch der Kampf 1984 entscheidend dazu bei, den Wendestrategen von Kohl und Kapital einen Dämpfer zu versetzen, so daf in vielen Bereichen die vom Kapital geforderte Wende erst am Anfang steht. Ein „zweites 1984" soll sich, darin sind sich die Kohl-Regierung und Kapital einig, nicht wiederholen. Ein Schritt zur Einengung der gewerkschaftlichen Streikfähigkeit war die Novellierung des S 116 AFG. Hinzu kommt, daß der Kampf diesmal in eine Phase des Konjunkturrückgangs fällt.
Die Bedingungen für die Gewerkschaften sind also nicht einfacher geworden, im Gegenteil. Nur wer kritisch die Erfahrungen des Arbeitskampfes 1984 verarbeitet und an den Schwachstellen ansetzt, wird 1987 in der Lage sein, die Auseinandersetzung erfolgreich zu bestehen.
Unter diesem Aspekt sollen hier einige Bücher über den Arbeitskampf 1984 und die Auseinandersetzung um den $ 116 AFG 1985/86 vorgestellt werden:
... denn 35 ist das Ziel - der Kampf um kürzere Arbeitszeit in der Metallindustrie 1983/84, Union Druckerei und Verlagsanstalt, Frankfurt 1985 ist die offizielle Dokumentation der IG Metall, zusammengestellt von der metall-Redaktion. Sie wendet sich in erster Linie an die handelnden Metaller selbst, die zuhause mit dem reich bebilderten Band die Stationen des Kampfes noch einmal Revue passieren lassen. Kritische Töne sind bei dieser Dokumentation schwerlich zu finden — allzu glatt ist alles dargestellt. Der Wert des Bildbandes ergibt sich also in erster Linie aus dem reichhaltigen Fotomaterial.
Arbeitskampf um Arbeitszeit — Perspektiven gewerkschaftlicher Zukunft in flexibler Arbeitswelt, Verlag Arbeiterbewegung und Gesellschaftswissenschaft, Marburg 1985, Erfreulich an diesem Sammelband von 18 Autoren ist, daß er — im Gegensatz zu anderen Veröffentlichungen — auch den Arbeitskampf in der Druckindustrie und die Tarifauseinandersetzung im Bankgewerbe um die Arbeitszeitverkürzung untersucht. Interes- 26 INPREKORR 190 Bücherkiste