Inprekorr 1971–1992

Archiv der Internationalen Pressekorrespondenz der IV. Internationale

Ein geplantes Massaker

Inprekorr Nr. 19, 15. September 1972 · S. 22 · 621 Wörter

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EIN GEPLANTES MASSAKER +++++7++++++++++++++++++++++++++- •++. ++ Um sich zu rächen und um einen Teil der führenden Kader der revolutionären Bewegung physisch zu liquidieren beschloß Lanusse das Massaker. Dabei ließ er sich vom Beispiel der bolivianischen Militärs inspirieren, die auf Befehl des CIA Che Guevara ermordet hatten. Als die Guerilleros sich kampflos ergaben, beklagte sich der Kommandant der 500 Mann starken Anti-Guerilla-Brigade darüber, daß er auf keinen Widerstand gestoßen war. Schon allein die Tatsache, daß die Gefangenen in Einzelzellen innerhalb der Marinebasis untergebracht wurden, zeigt vom ersten Augenblick an, daß die Militärs sehr unklare Vorstellungen über das Schicksal der Gefangenen hatten. In der Tat, sie waren nur zu leichten Gefängnisstrafen verurteilt oder in Vorbeugehaft. Keiner von ihnen war in die Affaire Sallustro oder Sanchez verwickelt und alle waren unter ihren Gefängnisgenossen sehr angesehen Seit ihrer Gefangennahme am 16. August durften sie von niemanden besucht werden. Die Militärbasis war zu einer Festung geworden, die wie zu Kriegszeiten überwacht wurde. Kein Rechtsanwalt konnte sich mit den Gefangenen unterhalten und in den verschiedenen politischen und sozia len Kreisen bangte man schon um ihr Leben. Zwei Tage vor dem Massaker machte die Rechtsanwaltsvereinigung auf die Gefahr für das Leben der Gefangenen aufmerksam und gab der Regierung im voraus die Verantwortung für alles, was ihnen zustoßen sollte.

Die Befürchtungen wurden in den ersten Stunden des 23. August tragisch bestätigt als man vom Massaker an der Mehrzahl der Gefangenen in der Marinebasis erfuhr: 16 Tote und drei Schwerverletzte. Das offizielle Kommuniqué erklärt lakonisch, daß um 3. 30 Uhr, als der Kommandant der Wache seine Runde machte, während die Gefangenen sich im Gang auf hielten, die Wache von Mariano Pujadas angegriffen worden sei, dem es gelungen sei, ihm die Waffe zu entreißen. Dem Kommandant der Wache sei es gelungen, leicht verletzt zu entkommen. In dieser Situation hätten die anderen Wachhabenden das Feuer auf die Gefangenen eröffnet, die, von Pujadas geführt, sich auf das Ausgangstor zustürzten. Es soll dann eine intensive Schießerei gegeben haben, im Verlaufe derer 15 Guerilleros getötet und 4 andere leicht verletzt worden sei en. Zwei der Verletzten sollten noch später sterben. Selbst wenn wir uns an das offizielle Kommunique halten, so ist daraus zu ersehen, daß es sich nicht um ein regelrechtes Feuergefecht gehandelt haben kann, da nur ein einziger Guerillero eine Waffe hatte, sondern um Mord. Im übrigen weiß jeder, dass die Gefängnisordnung vorschreibt, daß kein Warter seine Runde mit Waffen machen darf. Aber das Hauptargument ist, daß die Gefangenen selbst keinen Grund hatten einen Fluchtversuch zu unternehmen, abgesehen davon, daß dies vollkommen unmöglich gewesen wäre unternehmen, wenn man sich klarmacht unter welchen Bedingungen sie sich eine Woche vor her ergeben hatten als sie die Herren über den Flughafen waren und etwa 60 Geiseln ge- Fangenhielten. Darüberhinaus wäre jeder improvisierte Fluchtversuch nach dem mehrere hun dert Kilometer entfernten Chile von vornherein zum Scheitern verurteilt gewesen: wüstenartige Region, wenig Kommunikationsmittel, starke Massierung von Militäreinheiten. Nachdem die Genossen ihre Pressekonferenz abgehalten hatten, kam es zu langwierigen Verhandlungen zwischen ihnen und den Militärbehörden. Um ein Blutbad zu vermeiden, ergaben sie sich schließlich, nachdem sie Garantien bezüglich ihrer Sicherheit bis zur Rückkehr ins Gefängnis und danach erhalten hatten. Es war ihnen auch zugesichert worden, daß sie nicht auf der Militärbsis festgehalten würden. Diese letzte Bedingung wurde, obwohl sie von den Militärs akzeptiert worden war, wurde nicht sofort erfüllt unter dem Vorwand, daß das Gefängnis noch nicht vollständig unter der Kontrolle der Behörden stehe. Die Nichterfüllung dieser Bedingung ermöglichte das Massaker an diesen Genossen. Bis dahin war die Aktion ein Erfolg gewesen, da die sechs wichtigsten Führer in Freiheit waren, und da Presse, Rundfunk und Fernsehen der Aktion eine sehr große Offentlichkeit gegeben hatten.

(aus ROUGE 169 vom 2. September 1972)