ARGENTINIEN: DAS SCHEITERN VON GENERAL LANUSSE ++++++++++ +++++ ++++++ +++++++ Als General Alejandro Lanusse, der starke Mann der Armee, im Frühjahr 1971 die Staats macht übernahm, hatte er einen genauen Auftrag von den herrschenden Klassen erhalten: er sollte den permanenten und eindrucksvollen Aufschwung der Arbeiter- und Studentenbewegung stoppen... Dieser Aufschwung hatte sich soeben in spektakulärer Weise anläßlich des zweiten Aufstandes von Cordoba gezeigt, wo das Proletariat dieser großen Industriestadt und die Stu. denten sich mehrere Tage lang in unerhört heftigen Straßenkämpfen mit der Armee schlugen. Die Konfrontation endete keineswegs mit der Vernichtung der Gegner der Diktatur, sie kündigte vielmehr neve, für das Militarregime und in letzter Instanz für die bürgerliche Herrschaft in Argentinien insgesamt noch gefährlichere Kämpfe an. Denn in den Fabriken und in den Straßen von Cordoba wurde eines klar: eine neue politische Generation von militanten Ar beitern und Studenten hat diese Kämpfe geprägt, eine Generation, die nicht mehr die bürokro fischen und korrumpierten Fürhungen der Gewerkschaftsbewegung anerkennt. Diese Generation ist in den kämpferischen Sektoren der Avant-Garde der Gewerkschaftsbewegung organisiert. Die Gewerkschaft SITRAC-SITRAM in den FIAT- Werken war das Symbol dieser Kräfte. Noch etwas anderes beunruhigte die Armee und alle Fraktionen der argentinischen Bourgeoisie: die revolutionären Organisationen hatten eine wichtige Rolle in den Kämpfen gespielt, besonders die PRT-ERP, deren bewaffnete Kommandotrupps sich aktiv an den Massenkämpfen in den Stras sen und in den Fabriken beteiligt hatten.
Die zweite Aufgabe für den neuen Präsidentengeneral bestand darin, die Revolutionäre zu iso lieren, um sie dann mit all den Mitteln, über die eine Militärdiktatur verfügt, zu zerschmet tern. Die Aufgabe war nicht einfach... und die Mittel beschränkt. Seit nunmehr fünf Jahren versucht die sich an der Macht befindliche Armee die Arbeiterbewegung und die revolutionären Organisationen durch eine umbarmherzige und systematische Repressionspolitik, die sich am brasilianischen Beispiel inspirieren laßt, zu zerschlagen. Die zwei Aufstände von Cordoba be zeugen den Mißerfolg der Generäle.
Lanusse, der von einem bedeutendem Teil der argentinischen Bourgeoisie gestützt wird, hat do her einen neuen politischen Kurs eingeschlagen: nachdem er die härtesten ' Teile der Armee iso liert hatte, versprach er für 1973 allgemeine Wahlen und die Rückkehr zur bürgerlichen Demo kratie. Die bürgerlichen Parteien, gestern noch verfolgt, wurden jetzt aufgefordert, sich zusammen mit der Armee zu einer Heiligen Allianz namens 'Große Nationale Eintracht" zusam menzuschließen. Im Rahmen dieser Politik werden Verhandlungen mit den Peronisten, der ein flußreichsten politischen Kraft des Landes, geführt, mit dem Ziel, daß diese die von der Diktatur bestimmten Regeln anerkennen. Das Ziel besteht darin,die Kampfkraft der argentinischen Massen zu brechen, die Avantgarde mithilfe des klassischen Mittels, den Wahlillusionen, zu isolieren. Parallel dazu soll eine grausame Repression einsetzen, die nun aber viel selektiver gegen die bewaffneten revolutionären Gruppen angewandt werden kann.
Die Massaker von Trelew und vor allem die dadurch hervorgerufenen Entrüstungsstürme und Massenmobilisierungen beweisen das Scheitern dieser Bemühungen. Während die ökonomische Krise sich verschärft, wahrend extrem hohe Preiserhöhungen fast jede Woche die Kaufkraft der Lohnabhängigen infragestellen, sind die argentinischen Massen nicht demobilisiert. Der Effekt den Lanusse sich von seiner Politik der Offnung erwartete, hat sich gegen ihn gekehrt. Die Aufstände in Cordoba und Rosario gestern, Mendoza und Mar del Plata vor kurzem, zeigen, daß die Mobilisierung der argentinischen Arbeiter ein bisher noch nie erreichtes Niveau erreicht hat, daß sie nicht mehr auf die traditionell kämpferischsten Regionen beschränkt sind, sondern auf das ganze Land übergegriffen haben. Die versöhnlerichsten peronistischen Führer in der peronistischen Partei und innerhalb der Gewerkschaftsbürokratie werden mehr und mehr von ei ner ungeduldigen Basis überbordet, die mit der Diktatur Schluß machen will. In dieser Hinsicht ist die Art und Weise wie die peronistischen Militanten von Buenos Aires ihre Führer zwangen Begräbnisfeierlichkeiten für die Opfer von Trelew zu organisieren, und wie sie diese in Demon strationsveranstaltungen gegen die Diktatur umwandelten, von großer Bedeutung. Die Revolu tionäre fanden im Umfang der Aktion von Rawson sowie in den Massenmobilisierungen , die
dem Massaker folgten, die Bestätigung dafür, daß sich breite Teile der Bevölkerung mit ihrem Kampf solidarisieren. Angesichts dieser Situation spaltet sich die bestürzte Bourgeoisie von neuem. Der ' modernste' Flügel, die eng an den Imperialismus gebundene industrielle Großbourgeoisie, symbolisiert durch den ehemaligen Präsidenten Frondizi, schloß für die nächsten Wahlen ein Abkommen mit den Peronisten ab. Die "Große Nationale Eintracht" existiert nur noch aui dem Papier. Das Regime ist isolierter als je zuvor. Zwei Wege werden sichtbar: .. die R.=kkehr zu einer 'reinen und harten' Diktatur, die von einem Teil der Armee gefordert wird snd die sehr wahrscheinlich die Konfrontation mit den Massen und die Gefahr des Bürgerkriegs heraufbeschwören würde .. Konzessionen an den Peronismus, das De-facto-Zugeständnis, daß der alte Diktator, dessen persönliches Prestige heute großer denn je ist, entweder direkt oder durch einen Mittelsnann an die Macht zurückkehren darf. Die Rede von Lanusse, die einen Tag nach Trelew ankündigt, dais weder er noch irgendein anderes Mitglied seiner Regierung kandidieren wird, scheint in dieser Richtung zu gehen Das entspricht heute dem Willen von immer größeren Teilen der Bourgeoisie, die sich erschreckt auf die Suche nach einem von der Vorsehung gesandten Retter ihrer Klasseninteressen begeben hat. Aber das würde bedeuten, dals die Armee in die Kasernen zurückkehren müßte, und die Armee ist noch weit davon entfern, das zu akzeptieren. Die kommenden Wochen werden entscheidend für Argentinien sein. Die Fähigkeit der Revolutionäre, die konkrete Verbindung ihrer Aktionen mit den Massenkämpfen herzustellen, klar alle Illusionen zu denunzieren, die Peron, der Mann der Vorsehung, hervorrufen könnte, wird ein wesentlicher Beitrag für die Mobilisierung der Arbeiter in Richtung auf die einzig mögliche Lösung der argentinischen Krise sein: die Sozialistische Revolution.
( aus ROUGE 169 vom 2. September 1972)