Im Sommer 1986 erfaßte eine Streikwelle Jugoslawien
A. Udry • m August 1986 ist in jugoslawienein‹ • richtige Streikwellelosgebrochen. Al: ein Journalist der Belgrader Wochenzeitung Nin einen Arbeiter fragte, warum er streike, antwortete der deprimiert: „In einem Land, wo die Arbeiterklasse an der Macht ist, muß sie um ihr Überleben kämpfen." Überleben, das heißt in erster Linie die Kaufkraft verteidigen, die heute von einer galoppierenden Inflation untergraben wird Streiks sind in Jugoslawien nicht neu. Neu ist ihre Ausdehnung, ihre Form und ihre Dauer, der Inhalt der Forderungen. 1982 gab es insgesamt 174 offiziell als solche registrierte Streiks; 1983 warenes 331, 1984 384 und 1985 696. 1986 jedoch schnellte ihre Anzahl drastisch nach oben. In den ersten sechs Monaten von 1986 waren es bereits mehr als im gesamten Jahrdavor. Im Juli und August gabes eine regelrechte Explosion von Streiks. 1985 wurde die Arbeit vorwiegend in kleineren und mittleren Betrieben niedergelegt. In diesem Jahr fanden sie in den Schlüsselbetrieben des Landesstatt, die nicht nur unter den über eine Million Arbeitslosen, sondern auch unter den Beschäftigten als privilegierte gelten. Die Streikbewegung dehnte sich auf die wichtigsten Republiken Jugoslawiens und auf die industriell entwickeltsten Gebiete aus: die Werften des „3. Mai" in Rijeka, die in Split, die Fabrik Jugoplastika in Split, das Krankenhaus von Maribor, die Minen von Usce.
Die Streiks sind meistens von kurzer Dauer. Aber im Vergleich mit 1985, wo sie durchschnittlich fünf bis acht Stunden dauerten, sind sie dieses Jahr länger gewesen. Streiks von der Dauer ei. iger Tage sind keine Seltenheit mehr. Die Konflikte brechen auch immer wieder auf, da die Forderungen nicht erfüllt werden. Diese Streiks fließen nicht zu einer breiteren Bewegung zusammen; sie bleiben auf den Betrieb beschränkt und finden ein Echo in der Stadt oder dem Umland. Ihre Zersplitterung hängt, nach den Worten eines jugoslawischen Soziologen, vor allem „mit der zersplitterten und atomisierten Wirtschaftsstruktur des Landes zusammen"', d.h. mit den starken Unterschieden zwischen den verschiedenen Republiken und autonomen Provinzen und mit der In den Klauen des IWF
Konkurrenzsituation unter den Betrieben.
Lohnforderungen stehen im Mittelpunkt der Streiks. Aber auf den Beschwerdelisten der Arbeiter tauchen auch andere Fragen auf: die Sicherung der Arbeitsplätze — offiziell geben die Behörden zu, daß es eine Million Arbeitslose gibt, von denen die Mehrzahl unter 25 Jahren ist; Konflikte mit der Betriebsleitung und soziale Ungleichheit. Der Prozeß der sozialen Dif. terenzierung ist seit den siebziger Jahrer fortgeschritten. Es wachsen die Einkommensunterschiede zwischen Stadt und Land, zwischen den verschiedenen Regionen und zwischen den verschiede- Wirtschaftszweigen. Andererseits ist die soziale Differenzierung auch das Ergebnis der Akkumulation von Reichtum im privaten Sektor — der Baubranche, dem Transport, dem Tourismus -, der sich seit über zwanzig Jahren ständig ausgedehnt hat, und der Unterschlagung von Geldern durch die Verantwortlichen im „sozialisierten Sektor". Letztere konsumieren ihre Diebesgut in Form von Autos oder Villen und investieren es ihrerseits im privaten Sektor. Parallel dazu „gleitet ein großer Teil der Bevölkerung in absolute Armut ab", schreibt Zoran Pajnic' Anfang September haben sich die Konflikte massiert. Die Arbeiter warten auf die Verkündung der dritten Stufe des „Stabilisierungsplans" ; der im Juni vom 13. Kongreß des Bundes der Kommunisten Jugoslawiens (BKJ) angenommen wurde. Sie soll im Oktober in Kraft treten.
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Der Internationale Währungsfonds hat bereits seine Ansprüche angemeldet: eine Senkung der Löhne, eine Anhebung der Zinsen über das Niveau der Inflationsrate, die fast 100% beträgt, die Abwertung des Dinar gegenüber den ausländischen Währungen, eine Ausweitung der joint ventures mit imperialistischen Unternehmen und mehr Rechte für letztere. Da die Regierung Mikulic mit 20 Mrd. Dollar in der Kreide steht, wird sie diesen Empfehlungen wohl fol- Dieser Wirtschaftskurs bedeutet eine Schrumpfung des Konsums im Innern, niedrigere Löhne, um den Export anzukurbeln, und eine Umleitung der Investitionen zugunsten der Exportbranche. Ein solcher Kurs wird die soziale Ungleichheit noch verstärken und die Spaltung auf dem Arbeitsmarkt steigern. Da die jugoslawischen Produkte auf dem Weltmarkt wenig konkurrenztahis sind, bedeutet die Senkung der Kaufkraft, daß „wenn die Binnennachfrage sinkt, immer mehr fürs Lager produziert wird... Die Verelendung des Großteils der arbeitenden Bevölkerung in Jugoslawien stellt ein Hindernis für jegliche Expansion dar"* Die imperialistischen Gläubigermächte wollen vor allem, daß Jugoslawien zahlt. Bisher hat es das getan. In den ersten sechs Monaten von 1986 wurden mehr als 5,6 Mrd. Dollar an die imperialistischen Banken überwiesen. Es steht aber außer Zweifel, daß ein Teil der westliche Bourgeoisie noch ehrgeizigere Projekte verfolgt. Sie versucht, die wirtschattliche Krise dahingehend auszunutzen, dais sie gezielter stärkeren Druck ausübt: über Bankkredite, Importe, Direktinvestitionen. Ihr Ziel dabei ist, Jugoslawien letztlich wieder vollständig in den kapitalistischen Weltmarkt zurückzuführen.
Dies ist eine starke Herausforderung für die jugoslawischen Arbeiter, für die Arbeiter in Ost und West. Es ist ein Versuch, die Errungenschaften von 1944 und 1948 wieder rückgängig zu machen, nachdem die Bürokratie die Arbeiter bereits politisch enteignet hat. Hier steht ein Teil der Zukunft Europas aut dem Spiel.
20. September 1986 1 Neue Zürcher Zcitung. 26. Marz. 1986 2 Vgl. dazu die weitsichtige Studie von Boris Vuskovic in New Left Review Nr. 95. Januar-Februar 1986, _Social Inequality in Yugoslavia* 3 „On national economies" under yugoslav conditions". in Saruey, Sarajewo 1985. Nr. 1-4. 47.. Pajnic, s.o.
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Streiks und Nationalitätenkonflikte erschüttern Ju- TORKEI goslawien. Der Versuch, die politische Führung wie- SERBIEN der zu zentralisieren, stößt auf Widerstand. MONTE
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