Inprekorr 1971–1992

Archiv der Internationalen Pressekorrespondenz der IV. Internationale

Die größten Chemieunfälle

Inprekorr Nr. 189, Januar 1987 · S. 9-10 · 882 Wörter

Schweiz Gewerkschaften und Streiks Ökologie und Atomkraft

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Tonnen hochexplosiver Chemiekalien: 28 Tote. Wäre das Unglück nicht an einem Samstag passiert, hätte die Zahl der Opfer in die Hunderte gehen können.

• Im Juli 1976 müssen in deritalienischen Industriestadt Seveso 700 Einwohner evakuiert werden. Die Explosion in einer Tochterfirma des Schweizer Chemiekonzerns Hoffmann-La Roche hat eine unbekannte Menge Dioxin freigesetzt. 200 Menschen erleiden schwere Vergiftungen.

• Im November 1979 müssen nach der Explosion emes mit Chlorgas beladenen Güterzuges in der kanadischen Stadt Mississauga bei Toronto 25 000 Menschen evakuiert werden.

• Am 2. Dezember 1984 strömt aus einer Anlage der Firma Union Carbide im indischen Bhopal

Methylisocyanat aus. Zwei- bis dreitausend Menschen sterben, etwa 200000 werden verletzt.

Kratischen Fraktion den „Unfall von Schweizerhalle ein historisches Ereignis" ", verlangte aber, das Prinzip der Eigenverantwortung der chemischen Industrie dürfe nicht durchbrochen werden. Niggi Schoellkopf von der FDP stellte fest, das Vertrauen in die Chemie sei erschüttert; wir seien aber mit der Chemie auf Gedeih und Verderb verbunden. Die Wirtschaft dürfe nicht einer ungerechtfertigten Kontrolle unterzogen werden. Revidierte Haftungsbestimmungen seien einem staatlichen Chemieinspektorat vorzuziehen. Dennoch wurden mehrere rot-grüne Anträge eingereicht, z.B. für die Untersuchung der Katastrophe durch unabhängige Exporte , die Einrichtungeiner unabhängigen Kommission zur Untersuchung der gesundheitlichen Folgen und die Einrichtung eines staatlichen Chemieinspektorats.

Ist damit der Bewegung der Wind aus den Segeln genommen? Wohlkaum. Soll c.B. die Schattung eines Chemieinspek orats nicht nur darın bestehen, dais an Büro des Kantonschemikers ein anderes Schild angebracht wird, dann gibt es noch allerhand zu tun...

Die Gewerkschaft Textil Chemie Papier- GTCP verhielt sich — vornehm ausge- Reaktion der Gewerkschaft drückt — zurückhaltend. Sie legte zwar am 3. November „ Wert auf die Feststellung, daß sich solche Katastrophen in Basel jederzeit ereignen können. Die CTCP fordert einen Ausbau der Katastrophenplanung über die Landesgrenzen hinaus, einen Ausbau des Arbeitsinspektorats, damit das Amt Katastrophenpläne für die schlimmstmöglichen Fälle ausarbeiten kann, die Überprüfung aller Lagerhallen auf ihre Sicherheit hin sowie die vollständige Veröffentlichung der Untersuchungsergebnisse* (Basler Zeitung vom 4.11.). Zudem forderte die GTCP, daß das Gesundheitsrisiko genau abgeklärt werden müsse, bevor mit den Aufräumarbeiten begonnen werde. Dann war Funkstille bei der GCTP bis zum 2. Dezember. An diesem Tag führte sie gemeinsam mit Beat Kappeler, dem Sekretär des Schweizerischen Gewerkschaftsbunds, eine Pressekonferenz durch. Fazit: die Mitbestimmung in den Bereichen Vorsorge und Gesundheitsschutz müsse intensiviert werden, die Chemie müsse die Weichen in Richtung einer umweltverträglicheren Chemie stellen. Beat Kappeler forderte die Einführung der Seveso- Richtlinien in der Schweiz. Grundsätzlich könne die Einführung einer Produktehaftpflicht und die Umkehr der Beweislast für die Umweltverträglichkeit von Produkten die Firmen zum Umdenken zwingen. Für die Durchführung von Kontrollen und entsprechende Maßnahmen seien zusätzliche Verwaltungsstellen nötig. Der Presseberichterstattung ist nicht zu entnehmen, ob die Gewerkschaft dagegen protestierte, daß in den Betrieben in Schweizerhalle am Morgen des 1. November die Frühschicht - also noch während des Alarms - die Arbeit aufnahm.

SANDOZ «Aber nichts Giftiges, gell!» Schweiz

Bei der chemischen Produktion gibt es zwei Arten von Gefahren. Die eine liegt in der Materie selbst. Die andere liegt in der Profitmaximierung. Dies zeigt die Studie der Zürich-Versicherung mit al- Perspektiven der Bewegung ler Deutlichkeit. Darin wurde der Ablauf der Katastrophe in Schweizerhalle genau vorausgesagt. Daher wird die Bewegung Vorschläge für die Herstellung anderer Produkte machen müssen (erinnern wir uns: rund 50000 Arbeitsplätze in der Region hängen mit der Chemie zusammen), aber auch Vorschläge, die sich gegen die kapitalistische Geheimniskrämerei richten. Ob diese Vorschläge durchgesetzt werden können oder nicht, wird nicht unwesentlich davon abhängen, welche Politik die Aktion Selbstschutz, die grünen und roten Orga nısationen und die Gewerkschatt in der nächsten Zeit machen werden. Damit uns hier in Basel die Puste nicht ausgeht, ist es wichtig, daß wenigstens entlang des Rheins ein praktischer Internationalismus zu wirken beginnt: ein internationaler Verbund chemiegeschädigter Rheinstädte von unten, das wäre schon was.

1 Basler Zeitung vom 4.12.1986. 2 Kerner/Maissen, Die kalkulierte Verantwortungslosig keit — Der Basler PCB-Skandal, rororo-aktuell, vergriffen.

3 Eugen Keller (Christliche Volkspartei - CVP) ist langjähriger Präsident des Bundesparlaments. Eines sei ner Anliegen ist der Bau der Nordtangente, einer gigantischen Stadtautobahn um Basel. 4 Die Zürich- Versicherung kam, wie Die Grünen im Bunsdestag aufgedeckt haben, bereits 1981 in einer Risiko. Studie zur Auffassung, die Sicherheitsvorkehrungen bei Sandoz seien nicht ausreichend. Sie lehnte es ab, auf dieser Grundlage Versicherungsschutz zu gewähren. Dies übernahm dann, skrupelloser, die Fa. Gerling. S Die Aktion Selbstschutz zählt mittlerweile 1000 Mitglieder. Die Vorschläge für die weitere Arbeit reichen von der Erforschung von Ausstiegsszenarien aus der Groß chemie; über einen Sandoz-Produkte-Boykott; der Ab klärung der Rechtssituation nach der Katastrophe samt der Erwägung von Strafklagen; der Abklärung gesund heitlicher Schäden; der Organisierung einer Rheindemo von Basel bis Rotterdam; bis zur Erstellung eines Che mickatasters. u.v.a. mehr.

HOECHST A BAYER

SF SIONZA

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Südkorea

Im September demonstrierten Studenten gegen die Diktatur; die Polizei löste eine Kundgebung der NKDP für eine neue Verfassung und die Direktwahl des Präsidenten auf. Während die Opposition sich radikalisiert, scheint Südkoreas Wirtschaftswunder kein Ende zu nehmen.

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