Inprekorr 1971–1992

Archiv der Internationalen Pressekorrespondenz der IV. Internationale

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Thema 1956: 30 Jahre danach

· Inprekorr Nr. 188, Dezember 1986 · S. 24 · 915 Wörter

Sowjetunion Ungarn Stalinismus und Bürokratie

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Vor dreißig Jahren vernebelten die von den Kalten Kriegern in Ost und West verbreiteten Darstellungen der anti-stalinistischen Revolution als „faschistischer Aufstand“ bzw. als „(bürgerlich-)demokratischer Freiheitskampf“ das, was wirklich war. Das heute allgemein zugängliche Material hingegen läßt am Charakter der Revolution wenig Zweifel. Von den leicht zugänglichen Büchern sei hier verwiesen auf:

Der ungarische Volksaufstand in Augenzeugenberichten, herausgegeben von Peter Gosztony, München: dtv, 1981, 14,80 DM, dtv-Taschenbuch 2712.

Diese Dokumentation vermittelt ein vielschichtiges, aber deutliches Bild der ungarischen Revolution, in der auch nationale Forderungen und nationalistische Strömungen eine Rolle spielten. Natürlich lagen auch rechtsradikale Elemente, sogar offene Faschisten auf der Lauer, die katholische Hierarchie versuchte, sich als Machtfaktor zu etablieren, Illusionen in die bürgerliche Demokratie waren weit verbreitet. Aber das entscheidende (zumal für Leute, die Bewegungen nicht danach beurteilen, was sie sich „dünken“, sondern danach, was sie tun und was sie bewirken), kommt in den Forderungen der Arbeiterräte zum Ausdruck, die sich unter verschiedenen Bezeichnungen wie „Revolutionsrat“, „Revolutionskomitee“, „Zentraler Arbeiterrat von Groß-Budapest“ nach Ausrufung des Generalstreiks am 24. Oktober wie ein Lauffeuer in ganz Ungarn ausbreiteten. Einen sehr interessanten Einblick darin, wie die herrschende Bürokratie den Aufstand erlebt hat, wie die Revolution dort beurteilt wurde und unterschiedliche Reaktionen auslöste, liefert der Bericht von

Sándor Kopácsi, Die Ungarische Tragödie, Wie der Aufstand von 1956 liquidiert wurde, Frankfurt, Ullstein Taschenbuch-Verlag, 1981, 9,80 DM, Nr. 38021.

Kopácsi war 1956 Polizeipräsident von Budapest. Im ungarischen Oktober schloß er sich der Gruppe um Imre Nagy an, dem kurzzeitigen Ministerpräsidenten, der im Juni 1958 als „Landesverräter“ und „Wegbereiter der faschistischen Konterrevolution“ hingerichtet wurde.

Eine der eindrucksvollsten Schilderungen der Mechanismen der stalinistischen Schauprozesse gibt das vor kurzem neu aufgelegte Buch von

Béla Szász, Freiwillige für den Galgen, Nördlingen, Greno, 1986, 25,- DM.

Béla Szász gehörte zu den der Spionage und des Landesverrats beschuldigten Angeklagten des berüchtigten Rajk-Prozesses im September 1949. Der Rajk-Prozeß war ein klassischer stalinistischer Schauprozeß – auch darin, daß der Hauptangeklagte, der ehemalige ungarische Außenminister László Rajk alle Anschuldigungen auf sich nahm und – wie viele seiner Vorgänger in den Moskauer Prozessen 1936–38 – ein volles „Geständnis“ aller erfundenen Anschuldigungen ablegte. Das Buch von Béla Szász liest sich stellenweise wie eine Geschichte von Franz Kafka – und ist doch „mitten aus dem Leben“ gegriffen. Es liefert das notwendige Hintergrundwissen, das die Energie und den aufgestauten Haß, der sich im Oktober 1956 schließlich entlud, in allen Einzelheiten verständlich macht. Die Nachwirkungen der 1956er Revolution in Ungarn und die heutigen Auffassungen der ungarischen Opposition kommen in:

Hans-Henning Paetzke (Hrsg.), Andersdenkende in Ungarn, Frankfurt, Suhrkamp, 1986, 14,- DM.

zur Sprache. Das Buch enthält viele Interviews und Gespräche, die der Herausgeber mit mehr als einem Dutzend „Andersdenkender“ (u.a. mit László Rajk jun., András Hegedüs, Agnes Heller, György Dalos, Miklós Haraszti, György Konrád) in Ungarn geführt hat. Dabei wird deutlich, wie wenig viele der hier Vorgestellten in das landläufige Bild vom „Dissidenten“ passen, aber auch wie sehr der Stalinismus und der „aufgeklärte“ Post-Stalinismus in Ungarn, der mit Brot und Spielen seine Herrschaft verteidigt, die Hoffnungen und das Vertrauen auf sozialistische Lösungen vernichtet haben.

Das Jahr 1956 ist auch in der Sowjetunion zu neuer Aktualität gekommen. Die Eröffnung des 27. Parteitags, des ersten unter dem neuen Generalsekretär M. Gorbatschow, wurde auf den 25. Februar gelegt, den 30. Jahrestag von Chruschtschows „Geheimrede“. Seither mehren sich die Anzeichen dafür, daß diese Anlehnung an die „Tauwetter“-Periode nach 1956 kein Einzelfall war. In diesen Wochen sorgt z.B. ein georgischer Film in der Sowjetunion für Aufmerksamkeit, der in lange nicht gezeigter Weise den Massenterror unter Stalin und zugleich die Nicht-Bewältigung dieser Vergangenheit in den fünfziger Jahren thematisiert. Hoffnungen und Erwartungen auf Reformmaßnahmen, wie sie seit mehreren Jahrzehnten innerhalb der Sowjetunion unbekannt waren, konzentrieren sich heute auf den neuen Generalsekretär.

Christina-Schmidt-Häuer [so gedruckt; gemeint ist Christian Schmidt-Häuer], Michail Gorbatschow, München, Pieper – erweiterte und überarbeitete Neuausgabe, 1986, 14,80 DM

verbindet die Schilderung des Aufstieg Gorbatschows, der als fünfundzwanzigjähri- [hier fehlt im Druck eine Zeile] Jugendverbandes Komsomol begann, mit einer kenntnisreichen Darstellung der Probleme, in denen die sowjetische Gesellschaft heute gefangen ist. Schmidt-Häuer gilt als einer der führenden Osteuropa-Experten; als Moskau-Korrespondent der ARD und der Zeit von 1970 bis 1979 schöpft er aus eigener Anschauung und aus Informationen seiner sowjetischen Gesprächspartner. Im Unterschied zu

Zhores Medwedjew, Der Generalsekretär, Michail Gorbatschow, Eine politische Biographie, Darmstadt, Luchterhand, 1986, 39,80 DM

stellt Schmidt-Häuer seine Schilderung in den breiten Rahmen einer Darstellung sozialer und ökonomischer Veränderungen. Die immensen strukturellen Schwierigkeiten, auf die jeder Versuch einer bürokratischen Selbstreform ohne Antastung der Grundlagen der Herrschaft der Bürokratie stößt, werden so deutlich. Medwedjews Buch versammelt Material für eine Biographie, das aus öffentlichen und inoffiziellen Quellen zusammengetragen wurde.

Zhores Medwedjew wurde 1973 nach längerer Haft aus der Sowjetunion ausgebürgert. Über seinen in Moskau lebenden Bruder, den oppositionellen Historiker Roy, sind ihm Informationen zugänglich, die seine Analysen und Schilderungen weit über das Niveau westlicher „Kreml-Astrologen“ erheben. Er bietet Einblicke in die Innenwelt der sowjetischen Partei- und Staatsbürokratie, die in die Beurteilung eingehen müssen. Er behandelt auch den ersten ernsthaften Testfall Gorbatschows, die Atomkatastrophe von Tschernobyl Ende April des Jahres. „Für Gorbatschow signalisiert Tschernobyl das Ende der Schonzeit: Ab jetzt wird er sich nicht mehr mit den Versäumnissen seiner Vorgänger entschuldigen können, sondern alle Fehler und Schwierigkeiten selbst verantworten müssen.“

Obwohl Medwedjew Gorbatschow nicht für einen „mutigen Reformer“ hält und in einer ersten Bilanz der „neuen Ära“ zu mageren Ergebnissen kommt, richten sich seine Hoffnungen gleichwohl auf einen „Reformkommunismus“ von oben.

Helmut Ludwig