Inprekorr 1971–1992

Archiv der Internationalen Pressekorrespondenz der IV. Internationale

Editorial

Sie hän alles im Griff uff em sinkende Schiff

Inprekorr Nr. 188, Dezember 1986 · S. 3 · 379 Wörter

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Die Katastrophe ist viel größer, als uns bewußt ist, weil der Mensch noch einmal mit einem blauen Auge davongekommen ist. Da ist zum einen das, was nicht passiert ist, aber nur weil wir Glück hatten: in zehn Metern Entfernung befanden sich Stoffe, die bei Kontakt mit Löschwasser wie Bomben hochgegangen wären; 250 m weiter lagerte Phosgen, Grünkreuz, ein ätzendes Lungengift, das im 1. Weltkrieg als Kampfgas eingesetzt wurde. Eine halbe Million Menschen ist knapp dem Massentod entkommen Die langfristigen Folgen für den Menschen sind überhaupt nicht abschätzbar. Was heißt das: der Rhein ist auf dem Abschnitt zwischen Basel und Mainz ökologisch tot? Pflanzen- und Insektenvertilgungsmittel und Quecksilber sind in unvorstellbaren Mengen in den Fluß gelangt. Nur ein Teil davon ist in die Nordsee geflossen, und vergiftet dort das Wattenmeer, die Kinderstube unserer Meeres- und Flußfauna. Der Rest lagert sich am Grunde des Rheins ab. Wann bekommen wir das zurück, über die Trinkwasserverseuchung und die Nahrungsmittelkette?

Die Katastrophe von Schweizerhalle scheint den Ring des Schweigens, der bleiern um die Umweltverbrechen der chemischen Industrie lag, einen Augenblick durchbrochen zu haben. Die fort. laufend neuen Katastrophenmeldungen, incl. auf deutscher Seite - BASF, Hoechst —, sind sicher nicht auf eine unglückliche Verkettung von Umständen zurückzuführen, sondern eher darauf, daß die plötzlich gesteigerte Sensibilität ein Verschweigen von Pannen in der alltäglichen Praxis der Chemiewerke zur Zeit verbietet.

REQUIEM- FÜR DEN RHEIN

Es kann also nicht um die Bewältigung das, und auch hier steht der eigene Profit einer einmaligen Katastrophe gehen. Es wieder an oberster Stelle. Nein, wenn muß eine Antwort gegeben werden, ob wir überleben wollen, müssen wir die wir diese Todesproduktion überhaupt Sache selbst in die Hand nehmen. Ein wollen, und wie wir mit der Verantwor- erster Antang für so eine Initiative „Bürungslosigkeit derer umgehen, die alles ger kontrollieren die chemische Induvas über ihren Profit hinausgeht, als strie" ist die Basler Aktion Selbstschutz, „Restrisiko" abtun. Die Industrie und deren Plattform wir nebenstehend wiedie Regierungen der Rheinanliegerstaa- dergeben. Das längerfristige Ziel solcher ten haben die Diskussion wieder glück- Aktionen kann nur die Enteignung der lich in die Bahnen von besseren Alarman- Chemiemultis und die Zerschlagung der lagen und Schadensersatzforderungen Macht der dahinterstehenden Banken gelenkt. Eine rechte Leichenfleddereiist sein.