Der Kampf Eritreas um seine Selbstbestimmung reicht weit zurück. Im Gegensatz zum es bedrückenden Athiopien konnte es unter der italienischen Kolonialherrschaft in beschränktem Maße eine Industrialisierung durchmachen. Die Eritreische Volksbefreiungsfront kombiniert die Lösung der nationalen Frage mit der Umwälzung aller gesellschaftlichen Verhältnisse — einschließlich des Verhältnis- Paul Worcester
Der Kampf Eritreas um sein Selbstbestimmungsrecht reicht lange zurück. Er begann als Kampf gegen den italienischen und den britischen Imperialismus, seit die italienische Kolonialherrschaft über dieses Territorium 1889 von Äthio- Pils Ambiel nen auf dieses ferdisdien hatte.
Im Vorfeld des Zweiten Weltkriegs eroberte Italien 1936 auch Äthiopien selbst. Als die Briten dann 1941 die italienischen Truppen in ihrer ostafrikanischen Kolonie besiegt hatten, hielten sie Eritrea bis 1950 unter ihrer Verwaltung, während Äthiopien sofort wieder unabhängig wurde. Offiziell hatten sie nur das Verwaltungsmandat der Alliierten, aber sie verfolgten ihre eigenen Ziele: die Aufteilung Eritreas zwischen dem Sudan, der unter ihrer Herrschaft stand, und Äthiopien. Britannien kontrollierte damals Ägypten, Sudan, Aden (Südjemen), den nördlichen Teil von Somalia und hatte auch Einfluß in Äthiopien. Dem britischen Imperialismus ging es hauptsächlich um die Kontrolle über den Suez-Kanal und das Rote Meer und damit über die Handelswege nach Indien und dem Fernen Osten. Die Lage Eritreas war dazu äußerst wichtig: es hat eine 1500 km lange Küste am Roten Meer und mit Assab und Massawa zwei Hafenstädte. Der Imperialismus konnte es sich daher nicht leisten, Eritrea in die Unabhängigkeit zu entlassen. 1952 wurde Eritrea zur Konföderation mit Äthiopien gezwungen und zehn Jahre später vom Negus zur bloßen Provinz degradiert. Bis in die 50er Jahre hinein gab es große Unterschiede treas. In Äthiopien gab es so gut wie keine kapitalistischen Produktionsbeziehungen, während sie in Eritrea relativ entwickelt waren. In Eritrea gab es Industrie und die gesellschaftliche Struktur war differenzierter. Im Rahmen seiner Föderation mit Äthiopien gab es ein autonomes Parlament, das über einen Haushalt und eine Polizei verfügte. Eritrea hatte damals eine eigene Fahne; Staatssprachen waren Tigrinya und Arabisch. Es gab eine herrschende Schicht, die sich aus kleinen Industriellen und Grundbesitzern zusammensetzte; daneben ein starkes Kleinbürgertum und eine große Masse von Arbeitern in den Städten wie auf dem Lande. Aus dieser sozialen Differenzierung erklären sich zum Teil auch die unterschiedlichen Positionen, die in den 60er Jahren in der Befreiungsbewegung auftreten sollten - abgesehen von ethnischen und religiösen Reibungen sowie der Einmischung der Nachbarstaaten.
Rasche Autspaltung der Befreiungsbewegung
Die Befreiungsbewegungen in Eritrea begannen mit ihren Aktivitäten 1958. Damals zwang eine brutale Repression die eritreischen Arbeiter ins Exil in den Sudan oder nach Saudi-Arabien. Im Exil wurde die Eritreische Befreiungsfront (ELF) geschaffen. Das Nasser-Regime in Ägypten ermutigte die den islamischen Bevölkerungsteil repräsentierende ELF und gab ihr Möglichkeiten mili tärischer Ausbildung. Die politische Linie der ELF war jedoch unklar. Sie versuchte nicht, zu so zentralen Fragen wie der Agrarreform ein Programm zu entwickeln. Unter der diktatorischen Führung von Idris Mohammed Adem gab es keine innere Demokratie. Neue Mitglieder, die aus der gebildeten städtischen Jugend dazustießen, opponierten dagegen und wurden unterdrückt und ausgeschlossen.
Zuvor noch führte die äthiopische Armee eine vernichtende Offensive gegen Eritrea und zwang Zehntausende eritreischer Bauern zur Flucht nach Sudan. 1969 spalteten sich drei Gruppen von der ELF ab. Zwei davon vereinigten sich 1970 zur Eritreischen Volksbefreiungsfront (EPLF).
Anfangs war die EPLF sehr klein. Sie mußte nicht nur gegen die äthiopische Armee kämpfen, sondern auch gegen die ELF. Deren Führung hatte sich unter dem Namen ELF-Revolutionärer Rat rekonstituiert und begann 1972 den ersten von zwei Bürgerkriegen gegen die EPLF. Die konservativen arabischen Staaten unterstützten die ELF (RC) und fürchteten sich vor der zunehmend revolutionären Politik der EPLF. In der EPLF wuchsen nunmehr ebenfalls die internen Auseinandersetzungen; 1975 wurde eine oppositionelle Gruppe ausgeschlossen. Der Auslandsverantwortliche der EPLF, Osman Saleh Sabbe, unterzeichnete 1976ohne Genehmigung ein Vereinigungsabkommen mit der ELF und wurde ausgeschlossen. Er gründete die Eritreische Befreiungsfront - Volksbefreiungsfront (ELF- PLF). Dem Konflikt lag eine wichtige Frage zugrunde. Sabbe fürchtete, durch die marxistische Ideologie der EPLF könne diese die Unterstützung der westlichen Länder und der konservativen arabischen Staaten verlieren. Die EPLF dagegen traute der ELF und den hinter ihr stehenden Kräften nicht. Sie wollte die volle politische Unabhängigkeit, selbst um den Preis, die Unterstützung von Ländern wie Saudi- Arabien zu verlieren.
Bis 1981 hatten die ELF(RC) und die ELF-PLF erheblichen Einfluß. Insbesondere erstere war auf dem Lande stark
verankert. Die arabischen Staaten waren sehr besorgt über die wachsende Intervention der UdSSR und Kubas in Äthiopien. Sie übten auf alle drei Gruppierungen Druck aus, einen Kompromiß zu finden und sich mit dem Gedanken eines autonomen Eritrea in Föderation mit Äthiopien anzufreunden.
Für die EPLF war dies inakzeptabel. Sie stellte Bedingungen an die Verhandlungen mit dem Derg (dem in Äthiopien seit dem Sturz des Negus regierenden Militärrat). Dieser sollte erst zustimmen, „die eritreische Frage auf friedlichem Wege zu lösen und ohne Vorbedingungen mit Verhandlungen (zu) beginnen" *. Die EPLF wandte sich gegen den Status als autonome Region und forderte, die Verhandlungen müßten mit der „vereinigten obersten Führung" von ELF und EPLF geführt werden. Allen wurde deutlich, daf die EPLF nicht bereit war, ihre politische Linie fallenzulassen. Seit 1981 haben die arabischen Staaten daher intensive Anstrengungen unternommen, die verschiedenen Fraktionen außerhalb der EPLF zu vereinigen. Anfang 1985 fand in Khartum eine Vereinigungskonferenz statt, die aber nicht sehr erfolgreich verlief. Die verschiedenen Gruppen werden jedoch weiterhin von ihren ständig wechselnden Unterstützern in der Region kräftig finanziert, damit sie ihre diplomatischen Aktivitäten und auch, zumindest im Falle der ELF, ihre Übergriffe auf die EPLF fortsetzen können. 1982 gab es eine positive Entwicklung: unter Kräften der ELF, die von der EPLF über die Grenze zum Sudan getrieben worden waren, entstand eine Opposition. Sie gründeten eine neue Organisation (ELF - Zentralkommando) unter dem Motto „ Wir kehren zurück!" Nach einigen Diskussionen mit der EPLF kehrten sie in der Tat nach Eritrea zurück und führten gemeinsame Aktionen mit der EPLF durch, behielten jedoch ihre eigene Organisation bei. Heute finden erneut Diskussionen zwischen beiden Organisationen statt, und eine Vereinigung scheint möglich. Die EPLF gibt zu, daß sie von der Regierung Somalias in irgendeiner Weise unterstützt wird, die mit dem Derg über die Region Ogaden im Süden Äthiopiens im Konflikt liegt. Die sudanesische Regierung toleriert die Anwesenheit der EPLF im Sudan und den Nachschubtransport über Port Sudan, obwohl es darüber zwischen der neuen Regierung des Sudan und dem Derg Verhandlungen gegeben hat. Der Derg möchte, daß der Sudan der Eritrean Re- * Tigre liegt im Norden Äthiopiens. Die Tigre, die Oromo im Suden, die Afar an der Grenze zu Djibuti und die Somali in Ogaden führen ebenfalls Befreiungskämpfe. Die Tigre People's Liberation Front (TPLF) errang 1983/84 im Windschatten der EPLFeinige Siege.
lief Association die Einfuhr von Nah- wahrscheinlich durch grofe sowjetische rungsmitteln über diesen Hafen unter- Lieferungen ersetzt, darunter Artillerie sagt. Für Eritrea wäre das ein harter und Flugzeuge. Der Derggibt ein Drittel Schlag. Es müßte dann die Nahrungs- seines Haushalts für Rüstung aus und mittel mit Hilfe von Kamelkarawanen schuldet inzwischen dem Warschauer über die Grenze bringen, was sehr kost- Pakt 3 Mrd. $. spielig wäre. Der Derg hat zu verstehen Hinter dem sowjetischen Blankogegeben, daß er im Gegenzug darauf ver- scheck für die Politik des Derg verbergen zichten würde, die Sudanesische Volks- sich strategische Interessen. Die Sow befreiungsarmee zu unterstützen, die im jetunion hat in diesem Teil der Welt nichtarabischen Süden des Sudan unter keine anderen Verbündeten. Ihre Mari- Führung von Oberst John Garang für nestützpunkte auf den eritreischen Ineine Form der Unabhängigkeit von seln im Roten Meer sind für die sowjeti- Khartum kämpft sche Flotte im Indischen Ozean Die Eritreische Volksbefreiungsar- unverzichtbar. Über das Rote Meer mee (EPLA), der bewaffnete Arm der können auch alle übrigen im Schwarzen EPLF, operiert inzwischen in Divisions- Meer stationierten Flottenteile den Instärke. Sie verfügt über Erfahrungen dischen Ozean erreichen. Bis 1977 hatte und strategische Kapazitäten, die für die Sowjetunion Somalia aktiv untereine irreguläre Armee außergewöhnlich stützt — und daher auch schon seit den sind. Die EPLF kontrolliert heute etwa 50er und 60er Jahren die Unabhängig- 75 bis 80 % des Territoriums von Eri- keit Eritreas. Heute ist sie jedoch zum trea. Im Februar 1984 hat die EPLA in 48-stündiger offener Feldschlacht ein 20 000 Mann starkes Heer der Athiopier gen die Eritreer bedingungslos. an der Küste des Roten Meeres geschla- Bis 1975 haben die Kubaner die eritreigen und dabei 3000 Gefangene gemacht. sche Befreiungsbewegung als militärische Ausbilder und Berater unterstützt. Kuba schickte jedoch 1977 mehrere tau- SUDAN Alphểna Rotes ERITREA send Soldaten nach Äthiopien, um Guibut Meer Athiopien im Ogaden-Krieg gegen So malia zu unterstützen, nachdem die UdSSR zugunsten Äthiopiens die Seite gewechselt hatte. Castro weigerte sich JEMEN jedoch, Truppen nach Eritrea zu A.R. schicken, da Eritrea ein internes Pro- ALEO TIGRE blem Äthiopiens sei, das einer politischen Lösung bedürfe. Diese Haltung Wichtige Straße •Maichew ist jedoch sehr problematisch. Die kubanischen Truppen sind gut ausgebildet und diszipliniert. Wenn mehrere tausend von ihnen in Äthiopien stationiert Im April folgte eine Kommandoopera- sind, entlasten sie damit ebensoviele tion gegen die Luftwaffe des Derg auf äthiopische Elitetruppen, die dann für dem Stützpunkt von Asmara, bei der 33 den Kampf gegen die Eritreer zur Verfü- Flugzeuge und Hubschrauber zerstört gung stehen. Deshalb steht die EPLF der wurden. Zur Zeit hat der Derg seine Präsenz kubanischer Truppen in Äthio- Truppen aus der Region Tigre* und pien äußerst kritisch gegenüber, obwohl aus dem Osten zurückgezogen, um sie in konzentrierten Angriffen gegen die sie die Errungenschaften der kubani- EPLA zu werfen. Zugleich bombardiert schen Revolution anerkennt. sie massiv die Dorfbevölkerung und verfolgt eine Politik der verbrannten Erde. Das Programm der EPLF Damit will sie die Bauern terrorisieren und zur Flucht drängen, damit die EPLF Das Programm der EPLF behandelt in ihre Unterstützungsbasis verliert. Die erster Linie die Agrarreform, die Rechte äthiopischen Streitkräfte haben auch die der Frauen, Alphabetisierung, Bil- Stadt Tessenei wieder eingenommen - dung und die Gesundheitsversorgung ein hoffentlich nur vorübergehender Die Agrarreform sieht vor allem die Auf Rückschlag. teilung des Landes der Großgrundbesit- Doch die äthiopische Armee, die fast zer und der reichen Bauern vor. Ineinem ausschließlich aus Wehrpflichtigen be- Gebiet, das die EPLF 1981 von der ELF steht, wird große Schwierigkeiten ha- erobert hat, haben alle, die kein Land ben, die sehr motivierten und diszipli- hatten, Parzellen erhalten; ein Teil des nierten Kräfte der EPLA dauerhaft zu Landes wird gemeinschaftlich bewirtschlagen. Ihre Rekruten wissen nicht, schaftet. Hungersnot und Dürre haben wofür sie kämpfen,und wollen heim. Die jedoch ungeheure Verwüstungen ange Verluste, die die EPLA in den vergange- richtet; in den Dürrezonen mußten viele nen anderthalb Jahren der äthiopischen Bauern vorübergehend in Flüchtlingsla- Armee beigebracht hat, wurden sehr gern untergebracht werden. Die Eritre- Fortsetzung auf Seite 25
Nr. 25/1 - 5/86 die Internationale