Jean-Jacques Laredo sprach in Paris mit dem Vertreter der EPLF in Frankreich, Andebhran W. Jean-Jacques Laredo: Wie wurde die Seit den 40er und 50er Jahren versucht Eritreische Volksbefreiungsfront (EPLF) das Volk Eritreas auf verschiedenen Wegegründet? gen mit friedlichen Mitteln sein Recht Andebrhan W. Giorgis: Die eritrei- auf Selbstbestimmung durchzusetzen. sche Frage hing von Anfang an und in 1956 beteiligten sich Arbeiter, Studen erster Linie mit der Entkolonialisierung ten und Intellektuelle an einer Demon- Afrikas zusammen. Eritrea ist wie Liby- stration der Gewerkschaft der Eritreien und ein Teil Somalias eine ehemalige schen Arbeiter; die äthiopische Armee Kolonie Italiens. eröffnete das Feuer auf sie und verletzte 500 Menschen. Damals wurde klar, daß 1941 wurden die Italiener von den das Recht auf Selbstbestimmung nicht Briten geschlagen, die in Ostafrika allier- mit friedlichen Mitteln zurückerobert te Truppen befehligten. Eritrea stand werden konnte. So wurde die Eritreische dann elf Jahre, bis 1952, unter britischer Befreiungsbewegung gegründet, deren Besatzung. Nach dem Abschluß der Pa- Ziel die Vorbereitung des bewaffneten riser Friedensverträge 1947 diskutierten Kampfes war. die vier Großmächte Frankreich, USA, 1961 brach der bewaffnete Kampf im Großbritannien und die UdSSR über die Westen Eritreas aus. Die Führung der Zukunft der ehemaligen italienischen Eritreischen Befreiungsfront (ELF) war Kolonien und einigten sich darauf, daß feudaler und bürgerlicher Natur, sie war Libyen und Somalia unabhängig werden unfähig, den wirklichen Charakter der sollten. In Bezug auf Eritrea konnten sie eritreischen Gesellschaft zu erkennen sich jedoch nicht einig werden, weil Eri- und ein Kampfprogramm zu formulietrea eine große strategische Bedeutung ren, das die unterschiedlichen gesellhat. Die Frage wurde der UNO vorge- schaftlichen Kräfte um sich hätte schalegt. Die USA, die zum neuen neokolo- ren können. Anders gesagt, der nialen Herren von Haile Selassies Äthio- nationale Befreiungskrieg muß zuminpien geworden waren, unterzeichneten dest formal alle nationalistischen Kräfte mit diesem ein Abkommen über Militär- einbeziehen. Er muß seinem Inhalt nach hilfe, das ihnen im Gegenzug die Errich- demokratisch sein. Der größte Teil der tung einer Militärbasis in Asmara, der Eritreer sind Bauern und Arbeiter. Für Hauptstadt Eritreas zusicherte. sie bedeutet Unabhängigkeit nicht ein- USA übten nun Druck aus, daß Eritrea fach die Ersetzung deräthiopischen Faheinwilligte, Teil einer Konföderation ne durch die eritreische, sondern eine mit Äthiopien zu werden — durchaus grundlegende Umwälzung der eritreimit dem Hintergedanken, Äthiopien schen Gesellschaft. Der Kampf muß zukönne später Eritrea annektieren. gleich ein nationaler und ein demokrati- Obwohl sich einige Länder der Drit- scher sein; er muß ein Programm haben, ten Welt und die Sowjetunion sowie das jene Kräfte anzieht und ihre Ziele andere sozialistische Länder diesem Plan verwirklicht. widersetzten und die sofortige Unab- Zu Beginn war die politische Linie der hängigkeit für Eritrea forderten, wurde ELF nicht so klar auf ein nationales oder die von den USA vorgeschlagene Reso- demokratisches Programm festgelegt. lution von den Vereinten Nationen an- Es gab innerhalb der ELFeinen Konflikt genommen; Eritrea wurde Teil der darum, der 1970 zur Spaltung und zur äthiopischen Föderation. 1962 setzte Gründung der Eritreischen Volksbefrei- Haile Selassie diese Regelung einseitig ungsfront (EPLF) führte. Sie stand in außer Kraft und annektierte Eritrea ein- Opposition zur ELF. Elf Jahre lang gab fach; es wurde nunmehr zur 14. Provinz es ständig Bürgerkrieg zwischen beiden Äthiopiens erklärt. Vom historischen Organisationen. Es ging um die Frage und rechtlichen Standpunkt aus ist der politischen Linie. Sollte eine klare die eritreische Frage alsoeine der Vollen- nationale und demokratische Strategie dung der Entkolonisierung Afrikas. verfolgt werden, verbunden mit einer sozialistischen Orientierung? Sollte der bewaffnete Kampf verbunden werden mit grundlegenden gesellschaftlichen Umwälzungen in den befreiten Gebieten? Die Frage der Agrarreform z.B. beschränkte sich nicht allein auf die Verteilung von Land I, sie umfaßte auch die Förderung von Genossenschaftsfarmen.
Es ging auch um den Bau von Schulen, Krankenhäusern, die Verbesserung der ärztlichen Versorgung, den Kampf gegen den Analphabetismus und in gewissem Sinne um die Vorbereitung einer neuen Gesellschaft.
So gab es zwei Formen des Kampfes:
den territorialen bewaffneten Befreiungskampf, um weitere Gebiete und mehr Menschen zu befreien, und zugleich den gesellschaftlichen, politischen und ökonomischen, um die alte Gesellschaft in eine neue zu verwandeln. Der Kampf nahm daher zugleich einen nationalen und einen Klassencharakter an. Die Haltung der ELF dagegen war folgende: ,Erst müssen wir kämpfen, um den äthiopischen Kolonialismus zu verjagen, dann werden wir, wenn wir die Unabhängigkeit erlangt haben, die Klassenfragen angehen." Das war eine klassische Etappentheorie. Wir waren der Auffassung, daß beide Kämpfe zugleich geführt werden müften. Das ist im gro- Ben und ganzen unser politischer Grundsatz.
J.J. Laredo: Kannst etwas mehr über den Charakter der eritreischen Gesellschaft sagen? Und zweitens etwas über die Art der Organisation in den befreiten Gebieten?
A. W. Giorgis: Um die eritreische Gesellschaft heute zu verstehen, muß man auf die Periode der italienischen Herrschaft zurückgreifen, besonders die faschistische Periode nach der Machtergreifung Mussolinis. Dieser hatte den Plan, in Ostafrika ein riesiges italienisches Reich zu schaffen, zu dem Eritrea das Sprungbrett darstellen sollte. Deshalb begann ein Prozeß rascher Industrialisierung. Es wurden Eisenbahnen und große Straßen gebaut, Festungen wurden ausgebaut, Städte gegründet und Fabriken eingerichtet. In relativ
kurzer Zeit, zwischen 1920 und 1940, gab es eine so rasche Industrialisierung. daß in den 40er Jahren etwa 20 % der Bevölkerung Eritreas in den Städtenlebte. Dies war eine der höchsten Urbanisierungsraten in der Dritten Welt. Es kam zu einem Prozeß ökonomischer Integration. Verschiedene Teile Eritreas wurden miteinander durch Transport- und Kommunikationsmittel, Zuzug der Bevölkerung in die Städte und in die Industrie verbunden. Menschen aller sozialen Schichten, aus verschiedensten Regionen und verschiedener Nationalität trafen sich. So entstand die eritreische Nation. Damit haben wir auch die Basis für den eritreischen Nationalismus mit einer sozialen Kraft als Avantgarde. 80% der Bevölkerung sind Bauern, da von sind aber wiederum 60 - 70 % Landarbeiter, die übrigen sind kleinbürgerliche Bauern etc. Die eritreische Gesellschaft läßt sich im wesentlichen als feudal-kapitalistisch bezeichnen. Auf dem Lande herrschen feudale Produktionsverhältnisse. In unserem national-demokratischen Programm versuchen wir, dem Proletariat die führende Rolle zuzuweisen. Die führende Rolle der Arbeiterklasse kann aber nur dann gesichert werden, wenn es eine solide Allianz zwischen den Arbeitern und den Bauern gibt, in der natürlich auch die revolutionären Intellektuellen eine sehr wichtige Rolle spielen. Wenn wir von der national-demokratischen Revolution in Eritrea sprechen, dann geht es um eine Revolution, in der sich Eritrea vom Joch des äthiopischen Kolonialismus zu befreien sucht, in der das eritreische Volk aber auch von der Rückständigkeit befreit werden soll — von der feudalen wie der kapitalistischen. Unsere Front ist eine national-demokratische Front mit sozialistischen Zügen.
D. Laredo: Haltet Ihr die befreiter Gebiete für eine Vorwegnahme der kunf tigen Gesellschaft?
A. W. Giorgis: Die befreiten Gebiete stellen heute mindestens 85 % des Gebiets von Eritrea dar. Es wird dort ohne Staat regiert. Wir haben eine sehr gut organisierte Infrastruktur, die in allen befreiten Gebieten funktioniert. Wir haben eine Reihe von Schulen und Krankenhäusern. Wir verfügen über das, was man die künftige industrielle Basis Eritreas nennen kann. Und wir stellen das meiste, was wir brauchen, selber her, selbst die Arzneien. So haben wir im Keim die wirtschaftlichen, gesellschaftlichen und politischen Grundlagen eines staatlichen Systems. Ich kann Euch genauer erklären, wie wir uns in den Dörfern der befreiten Gebiete organisieren. Obwohl wir überzeugt sind, das Volk zu vertreten, kämpfen wir dafür, daß das Volk selbst über seine Zukunft entscheidet. In den Dörfern gibt es eine Dorfversammlung, die unabhängig von der EPLF entscheidet. Sie wählt ihre eigenen Führer. Sie wählt eine Exekutive mit Unterabteilungen, die sich um die Sicherheit, das Land, die Verwaltung, die Miliz u.a. kümmern. Diese Organisationsform in den Dörfern verästelt sich bis hinunter auf die Ebene der Straßen und bis hinauf auf die nationale Ebene, die Gesetzgebende Versammlung, die die Regierung wählt.
Für die Agrarreform werden die Bauern in drei Kategorien eingeteilt: die armen, die mittleren und die reichen. In unserem politischen Schulungsprogramm und in unserer anleitenden Arbeit zielen wir darauf ab, dals die ärmsten Schichten der Bauern im Bündnis mit den mittleren die politische Macht erobern. Natürlich sind die reichen Bauern, sofern sie unser Programm der Landverteilung akzeptieren, willkommen, sich an der national-demokratischen Revolution zu beteiligen. Unser Kampf ist einer der längsten nationalen Befreiungskämpfe der Geschichte. Von 1961 bis sagen wir 1974 war er vor allem ein Guerillakampf. Von 1974 bis 1976 geriet mehr oder weniger in Bewegung. Von 1976 bis 1978 oder sagen wir ruhig bis heute, in den letzten neun Jahren, wurde der Krieg konventionell geführt. Die ganze Zeit über führten wir drei Formen des Krieges: einen Stellungs- oder Grabenkrieg, um die befreiten Städte und Gebiete zu verteidigen; einen Bewegungskrieg, um die äthiopischen Garnisonen in den umkämpften Gebieten zu zerstören oder um neue Gebiete zu erobern; und schließlich haben wir auch in verschiedenen Regionen Eritreas den Guerillakrieg fortgesetzt, um die Versorgungslinien des Feindes zu durchbrechen und seine Kommunikationswege zu stören.
Es gibt keine genauen Statistiken, jedenfalls habe ich sie nicht, aberich werde Euch ein Beispiel geben, wie kostspielig dieser Krieg ist. 1982 haben die Athiopier ihre offiziell erste Großoffensive gestartet, die Operation Roter Stern; in Wirklichkeit war es ihre sechste Offenșive. Vier Monate hintereinander griffen sie ununterbrochen an, verloren dabei alle Schlachten, 4300 Mann wurden ge- 1982, als wir nach 51 Tagen. Aampt die Stadt Barentu befreiten, hatten sie 11450 Mann verloren - 4200 waren getötet, 1050 gefangengenommen und 6000 verwundet worden. 10 500 äthiopische Mannschaftsdienstgrade oder Offiziere sind heute Kriegsgefangene. Will man die Gesamtzahl der Getöteten oder Verwundeten errechnen, muß man das mal 15 oder 20 nehmen. Auch auf unserer Seite hat der Befreiungskampf ca. 100 000 getötete und verletzte Kämpfer und vor allem Zivilisten gefordert. Der Chef der politischen Abteilung der äthiopischen Armee hat 1984 erklärt, Äthiopien habe zwischen 1978 und 1984 150000 bis 200 000 Mann verloren. Der Krieg wird vor allem im Nahkampf geführt. Die Athiopier sind uns in der Ausrüstung mit schweren Waffen überlegen, sie haben mehr Panzer und mehr Artillerie. Wir gleichen das aus, indem wir vor allem den Nahkampf suchen und dabei vorwiegend Handgranaten einsetzen. J.J. Laredo: Ende der 70er Jahre kämpften kubanische und sowjetische Offiziere und Militärberater an der Seite der äthiopischen Streitkräfte. Wie steht es heute damit?
A. W. Giorgis: Im Oktober 1977 hatten wir den größten Teil Eritreas befreit, auch die meisten wichtigen Städte, mit Ausnahme der Hauptstadt und vier weiterer Garnisonen. Zu jener Zeit war die äthiopische Armee gänzlich geschlagen. Bis dahin war sie von den USA und von Israel unterstützt worden. Sie war geschlagen, und der Fall von Asmara war nur noch eine Frage der Zeit. Da intervenierte die Sowjetunion in großem Maßstab. Die kubanische Armee traf ein, griff aber hauptsächlich in den Krieg zwischen Äthiopien und Somalia um die Kontrolle Ogadens ein. Nach Eritrea kamen mechanisierte Einheiten der südjemenitischen Armee, Soldaten der DDR, sowjetische Berater, insgesamt etwa 3000 Militärexperten. Die ganze äthiopische Operation wurde der Leitung von Marschall Wassily Petrow, dem stellvertretenden Verteidigungsminister der Sowjetunion und Kommandeur des sowjetischen Heeres unterstellt; er koordinierte alle äthiopischen Offensiven. Der Charakter des Krieges änderte sich. Es ging nicht um den Krieg der Eritreer gegen die Äthiopier, denn letztere waren geschlagen. Es ging um einen Krieg gegen die Intervention einer Großmacht undihrer Verbündeten. Wir haben das Kräfteverhältnis neu eingeschätzt und einen strategischen Rückzug in den Norden angetreten, wo das Terrain für uns günstiger ist. Von Juli 1978 bis Ende 1983 führten wir einen Defensivkrieg.
Die Äthiopier haben mit der Unterstützung der Sowjetunion, Libyens, Südjemens und der DDR versucht, im Sturm unsere strategischen Basen zu erobern, auch Nakfa, die Hauptstadt der zweitgrößten Provinz Eritreas, die seit ihrer Befreiung im März 1977 zum Symbol des eritreischen Widerstands geworden war. Sie führten sieben Großoffensiven gegen Nakfa und die strategische Basis im Nordwesten. Sie alle scheiterten. Wir konnten unsere befreiten Gebiete und unsere strategischen Basen erfolgreich verteidigen. In dieser Phase haben wir, im Januar 1984, die Stadt
Tessenei befreit. Im März 1984 haben wir den nordöstlichen Teil der Provinz Sahel einschließlich des Küstenstreifens befreit. Während einer spektakulären Operation gegen eine athiopische Luftwaffenbasis in Asmara haben wır 33 äthiopische Flugzeuge am Boden zerstört. Wir sind an allen Fronten auf dem Vormarsch. Im Juli 1984 haben wir die Stadt Barentu befreit. So haben wir im großen und ganzen das Kräfteverhältnis umkehren können. Wir sind noch nicht wieder zur Offensive übergegangen, aber wir stehen kurz davor. J.J. Laredo: Welche Rolle spielen die Frauen im Kampf?
A.W. Giorgis: Die Frauen spieleneine außergewöhnliche Rolle. Sie stellen etwa 30 % unserer Armee. In der Befreiungsfront bekleiden sie Positionen auf allen Ebenen. Es gibt kein Gebiet in der EPLF, auf dem Frauen nicht eine sehr wichtige Rolle spielen. Sie sind Kämpferinnen, Kommandantinnen und aktiv in den verschiedenen Spezialabteilungen. Diejenigen, die Länder besucht haben, in denen es nationale Befreiungskämpfe gegeben hat, Vietnam, China, Angola, Mozambik, sagen, daß die praktische Rolle der Frauen in Eritrea am weitesten fortgeschritten ist. Obwohl es ineinigen Gegenden Eritreas eine starke feudale Tradition gibt, wo die Frauen noch verschleiert gehen und manchmal nicht einmal ihre Männer anschauen dürfen, sind auch dort heute Frauen Vorsitzende von Dorfversammlungen.
Die Ruinen des gegen eine Übermacht verteldigten Nakla Die Rolle der Frau in der eritreischen Gesellschaft hat sich von Grund auf in wirklich revolutionärer Weise verändert. Innerhalb der EPLF und auch in der eritreischen Gesellschaft insgesamt ist es uns gelungen, alle rechtlichen Barrieren gegen die Gleichheit niederzureifen. Wir haben die wichtigsten Einrichtungen aufbauen können, die später zur vollständigen Befreiung der Frauen führen werden. Wir glauben, dais es die Integration der Frauen in den Produktionsprozeß ist, die die Gleichheit für die Frauen garantiert. Das ist die Hauptsache. Der Kampf darum muß jedoch weitergehen, wir können uns nicht mit dem begnügen, was wir erreicht haben. .). Laredo: Welche Folgen hat di fungersnot tur den eritreischen befrei ungskampf gehabt?
A. W. Giorgis: Es hat seit vier Jahren nicht mehr geregnet, wir hatten eine schreckliche Dürre. Die am meisten betroffenen Regionen waren Nordäthiopien und Eritrea. In Nordäthiopien sind etwa eine Million Menschen gestorben. Eritrea war am härtesten betroffen, aber durch unsere Anstrengungen konnten wir einigen hunderttausend Menschen das Leben retten.
In Eritrea ist die Hungersnot nicht nur die Folge einer Naturkatastrophe, sondern auch der Kriegspolitik, die von Äthiopien geführt wird. In allen befreiten Gebieten bombardiert die äthiopische Luftwaffe die Ländereien, die Schulen, die Krankenhäuser. Das Militärregime versucht, die Hungersnot als Waffe einzusetzen, um das eritreische Volk zur Kapitulation zu zwingen, zumindest seinen Widerstand zu schwächen. Es herrscht Dürre, aber hätten wir Frieden, könnten wir die Wasserreserven nutzen, die wir haben. Wir bräuchten dann nur Beton und Stahl, um Dämme zu bauen. Zu einem großen Teil ist die Katastrohe in Äthiopien und Eritrea von Menschenhand gemacht, weil alle menschlichen und materiellen Ressourcen im Krieg vernutzt werden. Wir wollen, daß die demokratischen und Menschenrechte unseres Volkes anerkannt werden, aber die Äthiopier verweigern uns dies. Wir führen einen gerechten Krieg und die A thiopier einen ungerechten — aber die Folgen sind alldiemal katastrophal. Die Zerstörung ist riesig. Die Äthiopier zerstören in den befreiten Gebieten Dörfer, sie zerstören Vorratshäuser, ja sogar die Dämme, die wir zur Bewässerung bauten. Die äthiopische Kriegsführung hat also in sehr hohem Maße zur Hungersnot beigetra- Wir haben unsererseits versucht, die Folgen gering zu halten. 1985 haben wir uns auf Hilfeleistungen für die Bevölkerung konzentriert. Unsere Priorität ist der Krieg, aber jetzt mußten wir auch gegen den Hunger kämpfen. Wir haben bisher 43 Versorgungsstationen in den befreiten Gebieten errichtet. Wir konnten die Leute von der Flucht nach Sudan abhalten und haben ihnen durch die ERA geholfen. Aber dies alles hat dennoch keinesfalls ausgereicht, sodaf wir nicht behaupten können, wir hätten das Problem gelöst.
J.J. Laredo: Habt Ihr internationale Hilfe erhalten?
A.W. Giorgis: Wir haben Hilfe von den skandinavischen Ländern und von regierungsunabhängigen Organisationen aus Europa und den USA erhalten. Anfänglich wurden so 5, später 15 % des Bedarfs gedeckt. Gemessen an unseren Bedürfnissen ist das wirklich nicht viel. Wir haben die äthiopische Regierung zu einem Waffenstillstand aufgerufen. Die äthiopische Regierung hat eine gro- Be Menge an humanitärer Hilfe erhalten, mit der sie ihre Armee füttert. Wir haben an die regierungsunabhängigen Organisationen und sogar an die heltenden Regierungen appelliert, ihre Sendungen eigenhändig zu verteilen. Wir sind für einen Waffenstillstand, damit diese Organisationen sowohl in den von Äthiopien kontrollierten als auch in den be. freiten Gebieten ihre Hilfe verteilen können. Die Regierung ging jedoch darauf nicht ein: ihre Politik ist es, uns durch Hunger zu unterwerfen.
Auf Seite 31 Ist ein Hinweis auf Adulis, das englischsprachige Auslandsorgan der EPLF, zu finden.
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