Vom 1. - 3. November traf Spaniens Frauenbewegung sich zu den Jornadas de Barcelona. 4000 Frauen aus dem ganzen Land und allen Schichten nahmen daran teil, selbst Bäuerinnen aus Das folgende Interview gab Justa Montero, eine bekannte Feministin, Mitinitiatorin der Bewegung für freie Abtreibung und Mitglied des Politischen Büros der LCR, der spanischen Judith Baker: Während der Jornadas de Barcelona führtet Ihr zwei Abtreibungen durch, illegale zumindest im Falle der beiden Frauen, und tratet hernach damit an die Öffentlichkeit. Warum diese Initiative, was ist ihre politische Bedeutung? Justa Montero: Unsere Gründe waren ganz einfach, daß das von der Regierung der PSOE eingeführte Abtreibungsgesetz eine Beleidigung für die Frauen darstellt. Nur in 3 % der Fälle sind Abtreibungen demnach legal: bei Vergewaltigungen, bei Gefahr der Mißbildung des Embryos oder bei ernsten Gesundheitsproblemen für die Frau. Und diese 3 % müssen auch noch von einem besonderen Ausschuß anerkannt werden und sich von zwei Ärzten Zertifikate besorgen (im Falle von Vergewaltigung auch noch eins von der Polizei). Die Anwendung des Gesetzes wird außerdem noch dadurch erschwert, daß Ärzte „aus Gewissensgründen" ablehnen dürfen und die meisten Krankenhäuser die Durchführung einer Abtreibung verweigern. Immer mehr Frauen greiten wieder aut Hinterhot-Abtreibungen zurück.
Die Versammlung der Frauen, die die Jornadas besuchten, unterstützte einhellig die Durchführung einer Abtreibung bei zwei Frauen, die vom Gesetz nicht zugelassen sind (eine davon war minderjährig), um die absurden Grenzen des Gesetzes aufzuzeigen. Nach der Veröffentlichung tauchte die Polizei in den Räumen des Kongresses auf, um die Frauen zu finden, die die Abtreibung durchgeführt hatten, und die beiden Patientinnen zu finden. Wir waren jedoch darauf vorbereitet: 3000 Frauen hatten ein Dokument unterzeichnet, in dem sie die kollektive Verantwortung für die Durchführung der Abtreibungen übernahmen. Das Geheimnis blieb wohlbehütet, und die Polizei konnte die Namen nicht herausfinden. Alle linken Parteien und die Gewerkschaften unterstützten die Aktion der Frauen. Und nach einer Woche Skandalgeschrei in der Presse mußte der zuständige Richter den Fall wegen mangels an Beweisen schließen. Die Frauen in der Bewegung sind sich
dessen bewußt, daß das einzige Ziel dieser Art Aktion die Entlarvung des Gesetzes ist. Es handelt sich um eine Kampfform. Niemand soll glauben, es sei ein angemessener Weg, den sozialen Bedürfnissen der großen Masse der Frauen gerecht zu werden. Die Bewegung will nicht in irgendeiner Art von „Selbsthilfe"- Arbeit involviert werden. Vielmehr geht es uns um die Durchsetzung der Forderung, dals Abtreibungen kostenlos im Rahmen des Gesundheitswesens durchgeführt werden. Wir haben diese Forderung schon seit Jahren erhoben, und die Arbeiterkommissionen (CCOO, KP-geführte Gewerkschaft), verschiedene Basisorganisationen und die Parteien der Linken (mit Ausnahme der PSOE natürlich) haben sich im Laufe der Zeit dazu durchgerungen, diese Forderung mitzutragen: Derecho al aborto, las mujeres decidimos! (Recht auf Abtreibung, die Frauen sollen entscheiden!")
J. Baker: Um welche weiteren Themen haben sich die Frauen in letzter Zeit mobilisiert?
J. Montero: Eines der zentralen Themen war der Kampf gegen die Militarisierung der Gesellschatt und den Verbleib Spaniens in der NATO. Antimilitaristische Frauenkommissionen wurden aus der Frauenbewegung heraus gebildet, die gleichzeitig mit der Friedensbewegung verbunden waren. Sie haben an allen Friedensdemonstrationen teilgenommen, besonders unter frauenspezifischen Forderungen. Vor kurzem wurden Proteste vor Schulen, Krankenhäusern und dem Gesundheits- und Bildungsministerium organisiert, um mehr Schulen und mehr Arbeitsplätze für die Frauen einzuklagen, deren Arbeitslosenrate bei 25 % liegt.
Vergangenen Winter gab es Demonstrationen vor Rüstungsfabriken, an denen sich Tausende von Frauen beteiligten. Dabei ging es neben dem Austritt aus der NATO vor allem um die Umwidmung des Rüstungshaushalts in einen sozialen, der Mittel zur Besserung der Lage der Frauen bereitstellt. Die Parole lautete: »Weder Krieg, der uns vernichtet, noch Frieden, der uns unterdrückt!«
J. Baker: Wie erklärst Du Dir die Stärke der unabhängigen Frauenbewegung im spanischen Staat, verglichen mit dem Niedergang in den meisten Ländern Europas und Nordamerikas?
J. Montero: Die erste Erklärung liegt vielleicht darin, daß diese Bewegung, die vor zehn Jahren im Kampf gegen Franco entstand, von Anfang an eine enge Verbindung zu den linken und extrem linken Parteien hatte und infolgedessen eine radikale Orientierung.
Ich glaube, daß ein noch wichtigerer Grund in der Kontinuität liegt und wir in dieser Dekade durch unsere Kampagnen und Massenaktionen bedeutendes politisches Gewicht erhielten. Wir konnten nicht nur Frauen aller sozialer Schichten erreichen, die Bewegung war auch in der Lage, die unterschiedlichen Bewuftseinslagen aller dieser Frauen zu integrieren. Daß eine nationale Koordination der Bewegung bestand und wahrend guten und schlechten Zeiten aufrechterhalten wurde, erlaubte es, die verschiedene Themen der Kämpfe und Debatten zusammenzubringen, sodaß sie sich gegenseitig eher stärkten. Der Vergleich ihrer verschiedenen Erfahrungen hat viele Frauen gelehrt, daß sie bei allen Kämpfen dem gleichen Gegner gegenüberstehen.
Schließlich glaube ich, daß eine der größten Stärken der Bewegung unseres Landes darin liegt, daß Feministinnen lernten, ihr Sektierertum zu überwinden und die Meinungen von Frauen mit anderen Standpunkten zu respektieren. J. Baker: Und all dies kam bei den Jornadas im November zum Ausdruck? J. Montero: Absolut! Besonders sprang die Anwesenheit so vieler junger Frauen ins Auge, 16- bis 17-jähriger, die beim Kongreß ihre eigenen Arbeitsgruppen bildeten, um ihre Probleme zu Hause, in der Schule und in der Freizeit, in den Diskotheken oder mit der Sexualität zu besprechen. Alle waren auch überrascht von der hohen Zahl der vertretenen Arbeiterinnen, die ihre spezifischen Probleme in die Diskussion der Arbeitsgruppen einbrachten.
Sie waren allein über Plakate und Flugblätter der Frauen und über das Weitererzählen angesprochen worden. In der Presse hatte kein Wörtchen gestanden, obwohl wir zwei Tage vorher in Madrid und Barcelona Pressekonferenzen abgehalten hatten. Die Bevölkerung erfuhr erst nachträglich von dem Kongreß; die Zahl von 4000 versammelten Frauen gelangte erst durch die beiden demonstrativen Abtreibungen in die Nachrichten.
Wir empfanden alle, wie sehr die Bewegung doch seit der ersten Konferenz gereift ist, die wir 1979 in Granada abhielten. Damals war eine nicaraguanische Frau, die das Wort ergriff, ausgezischt worden. Diesmal wurde einer Vertreterin Nicaraguas gegen Ende das Wort erteilt. Sie sagte uns, wie sehr sie von der ihr in Europa und besonders im spanischen Staat erwiesenen Solidarität bewegt sei, und erklärte, wie wichtig es für europäische Feministinnen sei, den Kampf der Frauen in Nicaragua als Teil ihres eigenen Kampfes zu verstehen. Als sie geendet hatte, standen alle Frauen auf, einige mit Tränen in den Augen, und riefen: »Nicaragua vencera!«. Es war ein Augenblick intensiver Emotion und ich glaube ein Zeichen des großen Fortschritts, den die Frauenbewegung im spanischen Staat gemacht hat. Anzeige
Studien • zu Zentralomeriko
Istmo =====E
EX TRA === Gaby Gottwald
Paul Schwarz
STIFTUNGSPOLITIK im Ausland zum Beispiel:
ZENTRALAMERIKA
Preis: 3.- DM
Die Hefte eind erhältlich ober den Buchhandel (ISSN 0724-0716) oder direkt beim Herousgeber. Einzelhelt DM 4-; Deppelhert DM 8, Zentralemerte a V.
Achternemetral 10.12 D 4400 Monater
Nr. 24/1|| - 4/86 die