Inprekorr 1971–1992

Archiv der Internationalen Pressekorrespondenz der IV. Internationale

Mit den sozialistischen Ländern aller Richtungen

Inprekorr Nr. 18, 15. August 1972 · S. 27-15 · 780 Wörter

China Sowjetunion

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Gegenüber der Feindschaft der Vereinigten Staaten, mit denen sie 1969 die diplomatischen Beziehungen abgebrochen haben, und gegenüber der Gleichgültigkeit Westeuropas ihnen, wie sie sagen, den Rücken kehrt, haben sich die südjemenitischen Führer aus Notwendigkeit wie aus ideologischem Entschluß bewußt den sozialistischen Ländern aller Richtungen zugekehrt.

China, so scheint es, hat am promptesten seine Hilfe angeboten. Schon vom Februar 1969 an, also noch vor der Machtergreifung des linken Flügels der Nationalen Front, versorgten etwa 20 Ärzte, von denen einige die Akupunktur betrieben, im Krankenhaus des Volkes mitten im armen Stadtviertel 'Crater' kostenlos die Kranken. 400 bis 600 Personen werden dort täglich behandelt. Die, mit denen wir gesprochen haben, waren alle stark von der Effektivität und der Freundlichkeit dieser seltsamen Asiaten, die überdies die Landessprache sprachen, beeindruckt. Die vom Personal des Hauses gefertigte ""Wandzeitung" zeugte von ihrer Ausstrahlungskraft. In den Texten und naiven Zeichnungen werden die Errungenschaften der Kulturrevolutios und die politischen und sozialen Siege des Maoismus gefeiert.

Aber auch die Sowjets, deren Rolle in der Armee gezwungenermaßen diskreter ist, scheuen sich nicht, in den Kasernen Material in eigener Sache zu verbreiten, und auch das verhin ===== S. 15 | Inprekorr_19720815_018_015.jpg ===== dert die Regierung Süd-Jemens nicht. Die Demokratische Volksrepublik Jemen ist eines seltenen Länder der Welt, wo die zwei Supermächte des Kommunismus, ohne vom ame kanischen Imperialismus gestört zu werden, sich frei auseinandersetzen können, und s tun das in einem ideologischen Krieg ohne Erbarmen. Die Nachrichtenagentur "Neues Ch verteilt Bulletins, in denen der "Sozialimperialismus" der Sowjetunion heftig angegri wird, die sowjetische Nachrichtenagentur "Nowosti" ihrerseits denunziert in ihren vierze tägigen Ausgaben die wirtschaftlichen Thesen des Maoismus, die "Militarisierung " des nesischen Volkes und den "kleinbürgerlichen, chauvinistischen und reaktionären Geist Führer von Peking.

Die Mitglieder der Nationalen Front und die Kader des jemenitischen Staates lesen, di tieren und kommentieren die vorliegenden Thesen; manchmal nehmen sie sehr heftig fü eine oder andere Position Stellung. Indes weigert sich die Front, Stellung haben wir en ""Von Anfang an" , erklärte uns ihr Generalsekretär Abdel Fattah Ismail, ren sowjetischen und chinesischen Genossen, die zuerst uns gegenüber mißtrauisch ware daß wir entschlossen sind, strikte Neutralität in einem Konflikt zu wahren, den wir als dernatürlich und sehr schädlich für die nationale Befreiungsbewegung in der ganzen We für das internationale Prolefariat und für das sozialistische Lager selbst halten, des vision nur den Interessen des Imperialismus dient."

Die Verantwortlichen, die von dem Prinzip ausgehen, daß "die verschiedenen sozialis Systeme aus unterschiedlichen Konjunkturen entstanden sind, aber auf den gleichen wis schaftlichen Prinzipien bauen" und in gleicher Weise zu achten sind, stellen alle Führ kommunistischen Welt auf die gleiche Ebene. So kann man in den Büros der Behörden, Gewerkschaftshaus, in den Landwirtschafts- oder Fischereigenossenschaften, in den Kase und auf den öffentlichen Plätzen Abbildungen von Karl Marx und Lenin, Mao und Bres sowie eigenartigerweise von Kim II Sung, des Chefs des nordkoreanischen Staates, dess Unterstützung vor allem auf kulturellen Gebiet sehr geschätzt wird, sehen. Die Neutralität der Regierung heißt jedoch nicht, daß die Verantwortlichen und Milita nicht Präferenzen und Sympathien hätten. Zwar ist es unmöglich zu messen, welche An hungskraft der eine oder andere Pol des Weltkommunismus auf sie ausübt. Doch verschi dene übereinstimmende Zeichen lassen darauf schließen, daß der Stern Pekings sehr sch sinkt. Die chinesisch-amerikanische Annäherung, die chinesische Unterstützung für die kommunistischen Regime von Sudan und von Pakistan, die Sperre der materiellen Hilfe die Partisanen von Erythrea nach der Aufnahme der diplomatischen Beziehungen zum Ko von Äthiopien und der - wie versichert wird - erhebliche Rückgang der Waffenlieferung für die Partisanen von Dhofar nach der Anerkennung durch Peking der Unabhängigkeit ausgesprochen konservativen Emiraten des Persischen Golfes - das alles hat je nach dem entweder Er staunen oder Entrüstung bei all denen hervorgerufen, die im Maoismus e "revolutionäre Alternative" zum sowjetischen Marxismus zu sehen glaubten. Es mag Zufall oder auch Zeichen der Entwicklung sein, daß die Lokalbehörden zum ers Mal offiziell im Hafen von Aden ein sowjetisches Geschwader zur gleichen Zeit empfin als der V. Kongreß der Nationalen Front stattfand. Die Sitzungen, zu denen alle Chef diplomatischen Vertretungen der östlichen Länder eingeladen und zugegen waren, wuro vom chinesischen Botschafter boykottiert: er ließ sich durch einen seiner Mitarbeiter ve ten. Außerdem war die Partei Mao Tse-tungs die einzige unter den kommunistischen Po en der ganzen Welt, die den Teilnehmern des Kongresses keine Glückwunschadresse ge: hat. Die Führer, die offensichtlich überrascht waren, haben diese Haltung als "unerkl bezeichnet.

Wie dem auch sei, siegen wird in diesem Wettkampf diejenige Macht logischerweise, am besten in der Lage ist, der jungen Republik die Mittel zu liefern, eine dramatische wirtschaftliche Situation zu meistern und dem scharfen militärischen Druck, dem sie vor Sedten seiner Nachbarn ausgesetzt ist, zu widerstehen.

(ERIC ROULEAU. Aus LE MONDE 27 bis 31. Mai 197: