Mukalla. - Vor unseren Augen wird die Verschwörung ausgeheckt. Ein Dutzend Männer mit runzligen, gegerbten Galgengesichtern, mit enganliegenden Unterkleidern unbestimmbarer Farbe, darüber die an der Hüfte zusammengebundene "Fouta" ( jemenitischer Rock), diskutieren leise, im Schneidersitz auf dem Boden hockend. Ein beißender Geruch durchzieht den winzigen verrauchten Raum. Seine feuchten, modrigen Wände werden nur mangelhaft von einer Lichtöffnung erhellt, durch die man auf Felder sieht. Gegen die Wände sind NPREKORR 15.8.72 S. 19
Jagdgewehre gelehnt. Die "'Verschwörer" wollen mit Gewalt die großen "feudalen"' Landbesitze nehmen. Zwei unter ihnen sind ganz offensichtlich keine Landarbeiter. In ihren Ratschlägen an die Gesprächspartner nehmen sie - allerdings auf ziemlich primitive Art und Weise - auf Engels und Mao bezug. Es handelt sich um zwei Lehrer, die in Foa, einem landwirtschaftlichen Ort etwa zwanzig Kilometer von Mukalla, die "Aktivisten " der nafionalen Front, der herrschenden Partei, bilden.
Etwas abseits von der Gruppe verfolgt ein Mann, der wie ein Pirat aussieht - zumindest so, wie man sich die Seeräuber vorstellt, die jahrhundertelang die südarabische Küste heimgesucht haben - still aber mit Kennermine, wie die Intrige geschmiedet wird. Offensichtlich ist er über den Plan befriedigt. Er ist etwa 30 Jahre alt, groß und massiv, von brutalem, urwüchsigen Aussehen, so als würde er gleich sein "kalaschnikoff", sein untrennbares Maschinengewehr, das auf seinen Knien liegt, ergreifen. Sein wettergebräuntes Gesicht ist grob, aber die zusammengekniffenen Augen funkeln vor Boshaftigkeit, Mißtrauen und Hin terlistigkeit. Batam ist der allmächtige Direktor der Sicherheitspolizei der Region Mukalla. Er war uns besuchen gekommen, sobald wir uns im ehemaligen Sultanspalast, in dem heute sowohl die Parteizentrale als auch ein Gästehaus untergebracht sind, niedergelassen haben Ohne Umschweife zu machen, wollte er sofort wissen, wie sich die Situation in Frankreich nach der Revolution vom Mai 68'* entwickelte. Er war früher Lastwagenfahrer, dann Par tisan im Unabhängigkeitskrieg und ist in Ostdeutschland geschult worden, bevor er mit der Aufrechterhaltung der Sicherheit in einer der Regionen, die sich am meisten dem "wissenschaftlichen Sozialismus " widersetzt, beauftragt wurde.
"Bourgeois", sagte er uns geringschätzig, als er uns vom Balkon des Sultanspalastes das Panorama des pittoresken Hafens von Mukalla zeigte: herrschaftliche Villen sind in den felsigen Abhang des ockerfarbenen Berges eingesetzt; kubische, symetrische, eng aneinandergepreßte Gebäude mit Fensterchen wie Schießscharten reihen sich um die Bai und die kleinen Buchten, dahinter die riesige smaragdgründe Fläche, auf der Schaluppen und Segel• boote aus einem anderen Jahrhundert schaukeln.