Inprekorr 1971–1992

Archiv der Internationalen Pressekorrespondenz der IV. Internationale

Ein übermässiger Spontaneismus

Inprekorr Nr. 18, 15. August 1972 · S. 21-22 · 691 Wörter

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In der Praxis sind indessen die Ergebnisse nicht so glänzend, wie man zu glauben geneigt wäre. Während sich die Bavern entgegen ihren innersten Uberzeugungen sich genötigt sahen sich zu "revoltieren , haben andere ( und manchmal diesselben) das Maß überschritten. An manchen Orten floß Blut, ohne daß man genau bestimmen konnte, wie groß der Anteil des "Klassenkampfes" und wie groß der Anteil finsterer Abrechnungen daran war. Seit dem letzten Sommer haben Partei und Regierung, die Gefahr liefen, durch diesen über mäßigen "Spontaneismus " die Zuneigung eines großen Teiles der Bevölkerung zu verlieren, energische Maßnahmen ergriffen, um die Situation wieder in den Griff zu bekommen ( obwoh diese Maßnahmen das Problem noch nicht aus der Welt geschaffen haben, wie der Fall der

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Bauern von Foa zeigt). Die Bauernaufstände brechen jetzt auf Initiative der Interessierten und zu dem von ihnen selbst gewählten Zeitpunkt aus, aber unter wachsamer Kontrolle der Nationalen Front. Die Bauernkomitees, die obligatorisch gewählt werden, müssen sich gew senhaft an die Höchstbesitzgrenze, wie sie vom Gesetz festgelegt wird, halten, selbst wen diese ihnen zu großzügig scheint. '"Wir haben die Absicht'' , sagte uns in dieser Hinsicht de Präsident Robaya, "die Kleinbauern nach und nach durch Errichtung von Genossenschaften in Landarbeiter zu verwandeln.

Im Augenblick kümmern sich die meisten dieser Genossenschaften - deren Beitritt für die Bas ern obligatorisch ist - ausschließlich um An- und Verkauf. Sie liefern billig Saatgut, Dünger und Kredite und sorgen für den Verkauf der Produkte. Die Verantwortlichen sind mit diesem System nicht zufrieden, da es die Parzellierung des Landes und mithin die Selbstversorgung wirtschaft aufrechterhält. Im besten Fall wird dadurch die Entstehung eines ländlichen Kapi talismus gefördert, ohne jedoch zu einer merklichen Entwicklung der Produktion zu führen, was eben das Kennzeichen des mechanisierten Großbetriebes ist. Aus diesen Gründen orienti sich die Regierung auf die Schaffung von Produktionsgenossenschaften ( in der Art der Kolcho sen) und Staatsgütern (Sowchosen), die ihrer Ansicht nach die Bedürfnisse des Landes befrie digen und das Mehrprodukt liefern könnten, das zur Industrialisierung notwendig ist. Schor jetzt funktionieren 21 Produktionsgenossenschaften und 24 Staatsfarmen im Lande. Eindruckvoll sind die Erfolge der Staatsfarm Lenin, der größten der Republik, die im 3. Gov vernorat liegt. Sie ist 1970 auf 200 Feddan, die von einem Sultan konfisziert wurden, erri tet worden und hat ihre Fläche innerhalb von 2 Jahren aufgrund systematischer Inkulturnahn der umgebenden Wüste versechsfacht. 'Eine schöne Eroberung , sagte der Direktor, als er uns mit dem Finger die Grenzlinie zwischen trockenem, sandigen Boden und reichen grünen Kulturen, die sich bis an den Horizont erstrecken, zeigte. 'Vor Ende dieses Jahres werden wir der Steppe noch weitere 1000 Feddan abgenommen haben", fügte er hinzu. Wenn man die enthusiastischen Worte von Mohsen Abou Oteif, einem ehemaligen Lehrer, der aus Leidenschaft zur Landwirtschaft kam, hört, so ist man stark geneigt, ihm zu glauben. Er verfü auch über kostbare Vorteile: günstige Bankkredite, moderne Maschinen, gut bezahlte ( und untergebrachte) Arbeiter und Techniker, ein mehr oder weniger eingespieltes Selbstverwaltungssystem, alles trägt dazu bei, die Leninfarm zum Musterunternehmen zu machen. Indes ist allgemein gesehen das landwirtschaftliche Experiment trotz seiner Originalität und seiner unleugbaren Qualitäten nicht überzeugend: die landwirtschaftliche Produktion, die schon unter dem Kolonialregime sehr reduziert war, geht klar zurück. Manche sagen, do es für eine Beurteilung noch zu früh sei. Andere schieben die Verantwortung sowohl auf das Agrarreformgesetz, das in ihren Augen zu zaghaft ist, als auch auf die Praxis der Bauernauf stände: letztere, so behaupten sie, rufen Anarchie hervor, wo sie doch in einem Land mit fortschrittlicher Regierung nicht zu rechtfertigen sind.

Der Staatschef weist diesen Einwand entschlossen zurück. Seine Antwort, die man auf Sprud bändern, die im ganzen Lande von einem Ende zum anderen hängen, lesen kann, faßt sein Philosophie auf diesem Gebiet zusammen: "Die Aufstände der Bauern und des Volkes in alle Sektoren bilden eine Herausforderung der Massen nicht nur gegenüber den Konterrevolutio nären, sondern auch gegenüber den revolutionären Führern, die somit auf ihre Fähigkeit, die Bedürnisse und Wünsche des Volkes zu befriedigen, geprüft werden." Der Präsident Ro baya stellt Batam, dem "subversiven" Polizisten von Mukalla, sozusagen ein gutes Führungszeugnis aus. Für ihn wie für die anderen Führer "stirbt eine Revolution ab, sobald sit von Bürokraten übernommen wird."