Inprekorr 1971–1992

Archiv der Internationalen Pressekorrespondenz der IV. Internationale

Die Waffen denen, die aufbauen

Inprekorr Nr. 18, 15. August 1972 · S. 24-25 · 753 Wörter

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Die "nationale und demokratische" Revolution wird seitdem auf mehreren Fronten fortgeführt. Die erste Zielscheibe bildeten, wie das so sein muß, die Instrumente der Herrschaftsausübung. Der Offentliche Dienst, die allgemeine und die Sicherheitspolizei und die Armee werden gesäubert, auseinandergenommen, restrukturiert und "demokratisiert"': in dem gros sen Lager der 22. Brigade unweit von Lahej, dem wir unvermutet einen Besuch abstatteten, fraternisieren Offiziere und Soldaten, reden sich mit ihren Vornamen sowie mit "Genosse "Bruder" an und kommen regelmäßig zusammen, um über die alltäglichen Probleme, über die "Richtigkeit der erhaltenen Direktiven"' und über internationale und innenpolitische Fragen zu diskutieren. Jede Einheit der südjemenitischen Armee ist mit einem politischen Leiter" versehen, der mit der ideologischen Schulung der Rekruten beauftrsgt ist. Letztere, die früher unter den fanatischsten Stämmen ausgewählt wurden, müssen heute obligatorisch aus der Arbeiter- und Bauernschaft stammen.

"Die eigentliche Natur unserer Armee hat sich gewandelt, ihre Hauptaufgabe ist nun nicht mehr, Krieg zu führen, sondern Seite an Seite mit dem übrigen Volk aufzubauen", , sagt uns einer der Politkommissare, Leutnant Salah Ahmed, der aus einer Familie ehemaliger Sklaver stammt.

Ein paar Kilometer weiter weg haben etwa 100 Soldaten auf Wüstengebiet eine Staatsfarm gegründet, eine unter vielen an den Grenzen. Sie gleichen den "Nahal"'- Kibbutzim von Israel. Diese Bauernsoldaten teilen ihre Zeit zu gelichen Abschnitten militärischem Training, Studium und körperliche Arbeit auf.

Die Rekruten widmen mehrere Stunden am Tag der technischen Ausbildung, die von Experten aus Aden geleitet wird, aber auch ihrer politischen und ideologischen Erziehung. Das Progra umfaßt 4 Gebiete: Einerseits Philosophie und Politische Okonomie, andererseits die nationa len Befreiungsbewegungen und die Avantgardepartei. Der Unterrichtsstoff war vervielfältigt, und wir konnten sehen, daß er in klaren, einfachen Worten redigiert war. Dabei hatte eine unserer Gesprächspartner ein Exemplar auf arabisch der "Prinzipien politischer Okonomie des französischen kommunistischen Philosophen Georges Politzer in der Hand; ein anderer las ein Handbuch mit dem Titel "Fünf Artikel des Genossen Mao , ein dritter bereitete an diesem Tag gerade ein Referat über "'Staat und Revolution"' von Lenin vor. 'Wir wollen vo allen sozialistischen Erfahrungen auf der Welt, welche es auch sind, lernen" , erklärt einer von ihnen, als er unser Erstaunen wahrnimmt.

"Unsere Jungen wissen nun, gegen wen sie kämpfen", sagt Kapitän Ahmed Salah Elewa zu uns. Eines ist sicher: Nie werden sie ihre Waffen gegen Arbeiter und Bauern richten. " Der Präsident des Ministerrats, Ali Nasser, hat uns seinerseits erklärt: " Im Gegensatz zu vielen anderen Ländern ist unsere Armee gegen die weitverbreitete Krankheit der 'Pronunciamentos immunisiert".

Wie sollte die Armee auch in der Lage sein, so etwas durchzuführen, vorausgesetzt sie hätt! eines Tages die Versuchung, die Macht zu ergreifen? In der ganzen Republik, in den ländlich und städtischen Regionen und an den Grenzen werden Zehntausende von Milizsoldaten, Ar beitern, Bauern und Fischern bewaffnet, trainiert, indoktriniert und fortwährend mobilisier sowohl gegen den "Klassenfeind" als auch gegen die "ausländischen Interventionisten" (d 24 INPREKORR 15.8.72

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h. die Stämme der Republik Jemen, Saudiarabien und die Vereinigten Staaten). Zu den Milizen und den "Volksstreitkräften - noch eine autonome paramilitärische Struktur, deren Mitglieder vor allem unter den Stämmen rekrutiert werden-- kommen die Militanten der ver schiedenen Massenorganisationen hinzu, des Gewerkschaftsverbandes ( der 45 000 Mitglieder zählt), der Jugend, der Frauen usw., über die ohne Gewaltenteilung die allmächtige und vielarmige Nationale Front herrscht.

Die Front, aus der die sich im Aufbau befindliche "Avantgardepartei" entstehen soll, besitzt schon alle Merkmale einer monolithischen Organisation mit eiserner Disziplin, geführt nach den Prinzipien des "demokratischen Zentralismus". In den Monaten der Vorbereitung des V. Kongresses, der im März stattfand, fanden von der Basis bis zum Gipfel kollektive Selbstkritiksitzungen von unerhörter Härte und Strenge statt. Führer und einfache Mitglieder mußten stunden-, manchmal tagelang auf persönliche Fragen antworten, die von ihrer sozialen Herkunft über ihre Haltung gegenüber den wichtigsten Ereignissen der letzten 10 Jahre bis zu ihrem derzeitigen Lebenswandel gingen. Zwei Genossen, die aufgefordert wurden, ihre politisch oder moralisch schimpfliche Haltung zu rechtfertigen, konnten die Anklagen ihrer Genossen und das herrschende Inquisitionsklima nicht ertragen; sie begingen Selbstmord... Paradoxerweise legen die Führer der Nationalen Front einen weniger sektiererischen, ja sogar relativ liberalen Geist gegenüber den anderen Organisationen, die noch existieren, an den Tag: den Kommunisten und den Baasisten, die in der Regierung jeweils von Abdallah Badib und von Anis Mohamed Yehya repräsentiert sind. Ihre Ansichten sind weitaus weniger radikal als die der Verantwortlichen der Nationalen Front, aber sie teilen nichtsdestoweniger deren wesentliche Optionen. Verhandlungen zur Integration dieser beiden Parteien - insbesondere der KP, die von Anfang an den bewaffneten Kampf gegen die Engländer unterstützt hat - können bald zu einem Ergebnis kommen.