Inprekorr 1971–1992

Archiv der Internationalen Pressekorrespondenz der IV. Internationale

Das wahre Ausmass des britischen 'Abzugs'

Inprekorr Nr. 18, 15. August 1972 · S. 5-6 · 536 Wörter

Großbritannien USA und Kanada

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Der seit 1968 vorgesehene Rückzug der britischen Streitkräfte aus der Halbinsel, der 1971 parallel mit der Gründung einer Föderation der verschiedenen Emirate des Golfs zur Erhaltung des imperialistischen Friedens in diesem Gebiet gehen sollte, bedeutet auf keinen Fall, daß der britische Imperialismus plötzlich sein Bündel schnürt, ohne seinen Anteil zu fordern. Es handelt sich eher um eine Umstrukturierung als um einen Rückzug, der drei charakteristische Momente besitzt:

1.- Der Aufschwung der revolutionären Kämpfe in besagtem Gebiet zwingt Großbritannien dazu, seine Strategie zu ändern und neokoloniale Formen der Herrschaft zu übernehmen, die denen des amerikanischen Imperialismus ähnlich sind. Den örtlichen Marionettenregierungen soll der Schein eines selbständigen Lebens gegeben werden. Die neue Föderation der augenblicklich 6 Emirate am Persischen Golf illustriert diese neue Politik. 2.- In Wahrheit kann von massivem Abzug der britischen Truppen überhaupt keine Rede seine Das Gespenst der Revolution hatte bereits 1968 die Herrscher der Emirate veranlaßt, den Vor achlag zu machen, daß sie die Stationierungskosten der britischen Truppen übernehmen. Wenn damals der britische Verteidigungsminister offen geantwortet hatte, daß Großbritannien nicht Handel mit weißen Sklaven für Scheiche spielen wolle, so ist London jetzt viel zuvorkommender geworden: die zukünftige Armee der Föderation wird aus einem Kern von 2 000 TOS-Truppen bestehen, der von etwa 30 britischen Offizieren angeführt wird. Die Armee des bedeutendsten Emirats der künftigen Föderation, von Abu Dhabi, die 8 000 Mann stark ist, wird weiter hin von 400 vertraglich verpflichteten britischen Offizieren geführt und besitzt eine Luftwaffe von 50 Flugzeugen, die zur Hälfte von ebenfalls vertraglich verpflichteten britischen Offizieren gesteuert werden. "Die militärische Präsenz Großbritanniens soll also erhalten bleiben, wenn auch in diskreterer Form, um die nationalen Gefühle nicht zu verletzen... Diese Präsenz muß in jedem Fall die Souveränität der verbündeten Staaten einschränken; diese sind gezwungen, die strategischen Erwägungen Londons bezüglich dieses Gebiets zu berücksichtigen."( 1)

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3. - Nichtsdestoweniger ist die gegenwärtige Umstrukturierung, auch wenn man ihre Bedeutun nicht überschätzen darf, bezeichnend für den Niedergang des britischen Imperialismus in dies Gegend zugunsten des nordamerikanischen Imperialismus. In diesem Sinn ist die Föderation ein Versuch, dem wachsenden Einfluß der USA zu begegnen. Man könnte daher von einer ge wissen Rivalität zwischen den USA und Großbritannien sprechen. In Wirklichkeit stellt sich a gesichts der revolutionären Gefahr der britische Imperialismus genau so wie die übrigen impe listischen Mächte, ob sie an Einfluß auf der Halbinsel verlieren oder nicht, hinter die ameril nische Politik. Da sie sich der Aufgabe nicht ganz gewachsen fühlen, vertrauen die Briten de nordamerikanischen Imperialismus die Verteidigung ihrer Interessen an. Sie haben sich nicht g rührt, als die Meerenge von Hormuz von Persien, dem Hauptverbündeten des US-Imperialisn besetzt wurde. Auch die Scheichs akzeptieren abgesehen von einigen verbalen Protesten die Rolle des Polizisten, die Persien im Golf einnimmt. Diese Gefügigkeit, die global mit der wirtschaftlichen Vormachtstellung Amerikas über die übrigen kapitalistischen Länder zusamme hängt, erklärt sich hier aus der Tatsache, daß jede Stockung in der Erdölproduktion des Nahe Orients unverzüglich vor allem Europa treffen würde, das momentan von diesem Gebiet in ganz anderem Ausmaß abhängt als die USA. Auf der anderen Seite gehören mehr als 50 % der Verarbeitung und des Vertriebs von Erdöl in Europa amerikanischen Gesellschaften.