Inprekorr 1971–1992

Archiv der Internationalen Pressekorrespondenz der IV. Internationale

Das Krebsgeschwür von Dhofar befällt Maskat und Oman

Inprekorr Nr. 18, 15. August 1972 · S. 11-13 · 1.658 Wörter

Arabische Welt und Golf Iran Trotzki und Geschichte

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Ein Volk, das aus der Industriewelt nur das Gewehr und die Petroleumlampe kennt, kämpft tagtäglich gegen den Imperialismus, seine moderne zivilisierté Barbarei, gegen seine nach dem letzten Stand der Militärtechnik ausgerüsteten Armeen. Mit der Guerilla von Dhofar bricht der Klassenkampf in eine Gesellschaft ein, die bislang immer abseits vom Weltgeschehen gestanden hatte, die Revolution der "Verdammten dieser Erde" jener Halbinsel sprengt die Stammesstrukturen eines Landes, das geknechtef vom Imperialismus in extremer Rückständigkeit gehalten wurde, wo jeder Zugang zum technischen und industriellen Fortschritt unterbunden war. Die weltweite Realität des Kapitalismus hat sich der Politik der Befreiungsfront von Dhofar sehr früh aufgezwungen. In diesem Gebiet, das nach manchen Aussagen noch nicht aus der Vorgeschichte herausgetreten ist (J.P. Viennot in "Le Monde Diplomatique' vom Januar 1970), entsteht die radikalste Bewegung der arabischen Welt mit dem Bewußtsein, daß nur die sozialistische Revolution diesem Lande Unabhängigkeit und wirtschaftlichen Fortschritt bringen kann. Die Prediger der Revolution in Etappen mögen sich dabei auf die Zunge beißen: Haben wir hier nicht einen geradezu ins Auge springenden Beweis für die geschichtliche Wirklichkeit der permanenten Revolution? Ist das nicht ein Beweis für die Tatsache, daß die spezifischen Züge einer nationalen Wirtschaft "in immer größerem Maße die Elemente einer höheren Einheit bilden, die sich Weltwirtschaft nennt" , daß sie in der Epoche des Imperialismus nichts als "das letztliche und allgemeinste Resultat der ungleichmäßigen historischen Entwicklung sind (Trotzki: Die permanente Revolution), daß schließlich "ein unterentwickelt gehaltenes Land, das den fortgeschrittenen Ländern nachfolgen will, sich dabei an kein klassisches Schema einer Nachfolgeordnung halten kann" ( Trotzki: Geschichte der Russischen Revolution). In Dhofar, dieser westlichen Provinz des Sultanats von Maskat und Oman, bekräftigt die revolutionäre Führung, die den Todeskampf gegen den Imperialismus aufgenommen hat, daß allein die Diktatur des Proletariats an der Spitze der unterdrückten Nation und der bäuerlichen Massen die Aufgaben der demokratischen Umwälzung und der nationalen Befreiung lösen kann. Hinter der scheinbaren Unabhängigkeit des Sultanats von Maskat und Oman verbergen sich eine Präsenz britischer Militärs, die ihresgleichen sucht, und die absolute Schwäche, wenn nicht gar Abwesenheit jeglicher einheimischer Verwaltung. "Die einzige Schule des ganzen Sultanats in der Hauptstadt Maskat ist für die Familie des Sultans reserviert. In Dhofar gibt es nicht eine einzige Landstraße außer der strategischen, die zum Stützpunkt von Salalah führt; keine Schule, keine Klinik, keine sozialen oder kommunalen Einrichtungen ( Wasser, Elektrizität usw.)... Das Regime des Sultanats hat sich wirklich alles mögliche einfallen lassen, um der Bevölkerung jeglichen Zugang zum technischen und industriellen Fortschritt zu verbauen: die er drückenden Steuern und die verschiedenen zusätzlichen Auflagen haben den Handel in Dhofar Praktisch ruiniert, einem Agrargebiet, das zu den reichsten der Halbinsel zählte und einst

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landwirtschaftliche Produkte exportierte...; währenddessen untersagen die in Kraft befindlichen Vorschriften praktisch jegliche normale menschliche Tätigkeit - vom Radiohören oder Kau eines Transistorradios bis zum Verlassen des Landes, sei es auch aus gesundheitlichen Gründer was jedoch eine beträchtliche Auswanderungsbewegung in die Emirate des Golfes nicht ver hindert. Der Sultan selbst besitzt in Dhofar, wo er seine Sommerresidenz errichtet hat, reich bewässerte Gärten und Plantagen(...), auf denen er eine Sklavenarmee für sich arbeiten läßt. "(Viennot, idem)

So sieht das vom Imperialismus eingesetzte und immer wieder zurechtgekittete Regime aus, gegen das sich Ende 1964 die Befreiungsfront von Dhofar bildete, die am 9. Juni 1965 ihre erste militärische Operation durchführte. In ihr verbanden sich die Kämpfer dreier Organisafionen: die Wohlfahrtsvereinigung von Dhofar, die Freien Soldaten von Dhofar und vor allen die dortige Sektion des MNA. Sie folgte der Entwicklung der gesamten Bewegung der Arabisc Nationalisten ( MNA). Ihr linker Flügel kämpfte für die Anerkennung des Marxismus-Leninismus und der Notwendigkeit des bewaffneten Kampfes. Der 2. Kongreß der Befreiungsfront (FL von Dhofar im September 1968 war eine historische Wende: Die alte Führung wurde ausgescho tef, einige ihrer Elemente hatten mit der Idee eines unabhängigen Dhofar geliebäugelt und di Ausdehnung des Kampfes auf die ganze Halbinsel verheimlicht; der neue Name der Befreiungs font wurde "Volksfront zur Befreiung des besetzten Arabischen Golfes (F.P. L. G.A. O.)"; Vertreter der verschiedenen revolutionären Organisationen aus den Emiraten am Arabischen Golf nahmen bereits an diesem Kongreß teil. Dort wurden die "explizite Annahme des Marxis mus-Leninismus und die Ablehnung jeder Form bürgerlichen Nationalismus sowie "das Prinzip des langandauernden Volkskrieges als grundsätzliche Kampfmethode" beschlossen. Die Folge war die Ausdehnung des bewaffneten Kampfes auf alle Emirate und die Entstehung weiterer Guerillagruppen, vor allem im Inneren von Oman. Das Endziel der FPL ist nicht die bloße Unabhängigkeit des Dhofar und nicht einmal von Maskat und Oman, sondern die Errichtung eines vereinigten arabischen Staates unter Einschluß von Dhofar, Oman und den Emiraten der Piratenküste sowie Qatar, Bahrein und Kuweit.

Heute ist Dhofar praktisch ein befreites Gebiet: Die imperialistischen Streitkräfte sind an de Küste in Salalah, der Haupstadt von Dhofar und eine der wichtigsten britischen Basen, konzel triert. In den befreiten Gebieten haben sich neben der "Volksarmee für die Befreiung"' auch "Volksmilizen gebildet, die die Verwaltung und den Schutz der Dörfer, die Sammlung von Nachrichten und den Transport der Verwundeten übernommen haben. Auch die Frauen sind dor organisiert, in Dhofar ist das Recht auf Scheidung für die Frauen anderkannt - einzig in der arabischen Welt. Die Ehefrau kann sich sogar wegen "ideologischer Unverträglichkeit" von ihrem Mann trennen. Die Schulung in den Ausbildungslagern der FLP, deren hauptsächliche Themen Internationalismus und Klassenkampf sind, ist frei von jeglichem religiösen Einfluß. Viele Guerillakämpfer bekennen sich offen zum Atheismus. Der Internationalismus der Befreiungsfront manifestiert sich eindeutig in ihrer Position gegenüber den in die Emirate ausgewan derten Perser, in deren Reihen die Schah-Diktatur einen iranischen Chauvinismus nährt, um ihn für eigene imperialistische Ziele nutzbar zu machen. "Wir betrachten die Frage der iranischen Auswanderung in die Emirate am Arabischen Golf nicht unter einem national-chauvinistischen Blickwinkel. Viele iranische Emigranten sind aus proletarischen oder zumindest sehr bescheidenen Verhältnissen, wenn sie auch durch die Ideologie der herrschenden Klassen im Iran beeinflußt sind, die die Annexion des Archipels von Bahrein durch den Iran fordern. Wir bemühen uns, einen gemeinsamen internationalistischen Kampf der arabischen und persischen Proletarier in den Emiraten zu entfalten, und zwar gegen den Imperialismus, die arabi sche Reaktion, die persische Autokratie und die kapitalistischen ErdölgeselIschaften." ( Vienno idem)

Die Ausdehnung des Kampfes auf die Halbinsel hat nun mit der Fusion der F.P. L. G.A. O. und der National-Demokratischen Front für die Befreiung von Oman und des Arabischen Golfes (F. N. D. L. O.G.A. ) vom Januar 1972 eine organisatorische Bestätigung erfahren; die

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F. N.D. L. O.G.A. hatte am 12. Juni 1970 im Innern Omans (Usche. at Lachdar) einen Guerillaherd gebildet. Die neue Organisation, Vorhut im Kampfe der Arbeiter und Bauern auf der Halbinsel, gab sich den Namen "Volksfront für die Befreiung Omans und des Arabischen Golfs" (F.P. L. O.G.A.). Der III. Kongreß der F.P. L. G.A. O. vom Juni 1971 hatte übrigens die Dringlichkeit unterstrichen, "das Schlachtfeld des Volkskampfes zu erweitern und die gegen den Feind gerichteten Gewehre zu vermehren' und deshalb "ernsthafte Bemühungen mit dem Ziel der Vereinigung der patriotischen und revolutionären Organisationen in diesem Gebiet" in Angriff zu nehmen. Auf diesem Kongreß wurde ebenfalls beschlossen, "den gesamten Boden der befreiten ländlichen Gebiete in kollektives Eigentum des ganzen Volkes zu verwandeln" sowie "die Spuren der sklavenhälterischen Beziehungen zu tilgen und den Besitz an Menschen in den ganzen befreiten Gebieten zu untersagen". In Bezug auf den arabischen Raum wurde auf diesem Kongreß erneut die Unterstützung für die Demokratische Volksrepublik Jemen bekräftigt, dem soliden Hinterland der anschwellenden Befreiungsbewegung im Golf nd auf der Halbinsel" und betont, daß es notwendig und wichtig ist, die Beziehungen zwischen der Befreiungsfront und den breiten Volksmassen in sämtlichen Distrikten der Volksrepublik Jemen zu entwickeln"

III. UND WAS NUN ?

Die F.P. L. G. A. O., heute F.P. L. O.G.A. steht im Kampf gegen eine der wichtigsten imperialistischen Koalitionen überhaupt; durch die Ausdehnung des Kampfes auf die gesamte Arabische Halbinsel bedroht sie den status quo einer für den Weltimperialismus lebenswichtigen Region. Wegen ihrer radikalen Orientierung und des gänzlichen Fehlens von Illusionen über die bestehenden arabischen Regime, seien sie nun offen reaktionär oder mit einem schüchternen Schleier von Fortschrittlichkeit getarnt, ist sie im Kampf auf sich selbst gestellt, wobei sie nur auf ihre eigenen Kräfte und die Unterstützung der Volksmassen zählen kann. Ihre Versorgungsbasis und politische Stütze, der Süd-Jemen, ist die Zielscheibe der Angriffe der Konterrevolution: offen wie Saudi-Arabien, das im September und Oktober 1970 Sezessionsversuche im 5. und 6. Distrikt (Hadramaut) ermunterte, oder getarnt wie der Druck der Sowjetunion oder der lokalen Statthalter des Nasserismus, die auf die ökonomischen Schwierigkeiten des neuen Staates setzen. Ist unter diesen Bedingungen ein Sieg möglich? Für Revolutionäre ist diese Frage für sich genommen uninteressant; so gestellt ist sie nichts als die alte Leier der Reformisten und Kapitulanten jeden Schlages, denn "Weltgeschichte zu machen wäre sicherlich eine sehr gemütliche Angelegenheit, wenn der Kampf nur mit unfehlbar günstigen Aussichten aufgenommen werden würde"( K. Marx, Brief an Kugelmann vom 17. April 1871, wo er die kritisiert, die im Namen des Realismus, der dem schuldhaften Romantismus gegenübergestellt wird, behaupteten, daß die Sache der Kommune von Paris von vornherein aussichtslos war). Wichtig hierbei ist, die Bedeutung dessen, was im Kampf auf der arabischen Halbinsel auf dem Spiele steht, zu begreifen, hier stehen sich eine der radikalsten Bewegungen der arabischen Welt und die imperialistische Barbarei in ihrer wilden Zerstörungswut gegenüber. Worauf es ankommt, ist zu verstehen, was bislang die Stärke des linken Flügles der südjemenitischen FNL und später der F.P. L. G.A. O. ausgemacht hat. Worauf es ankommt ist, auf den strategischen Prinzipien zu bestehen, sie aufrechtzuerhalten, gründlicher auszuarbeiten und zu propagieren, damit die Erfolgsaussichten der Armenauf der Halbinsel im Kampf gegen alle Reichen: Emire, Sultane, Scheiche oder Könige, die sich von den Subsidien des Imperialismus und der Erdölgesellschaften nähren, entschieden weniger ungünstig sind.