Jakob Moneta _Mensch ärger Dich nicht," schrieb er im April 1964 in die Zueignung seiner Autobiographie Ein Traum der nicht entführbar ist-. In seinem Leben, das 1909 begann und am 8. Januar dieses Jahres erloschen ist, hat er viele Mächtige herausgefordert, die es ihm gründlich heimzahlten. Die Nazissteckten ihn wegen seiner Beteiligung am illegalen betrieblichen Siemens Lautsprecher zehn Jahre in Zuchthäuser und Konzentrationslager. Er aber hat sie überlebt, obwohl er auf den „Todesmarsch" von Auschwitz nach Buchenwald geschickt wurde, obwohl er den Aufstand der Häftlinge in Buchenwald mitgemacht hat.
Walter Ulbricht ließ ihn, mit der Hilfe seines in die IG Metall-Zentrale eingeschleusten Agenten, Hans Bayerlein, 1961 von Westberlin aus in die DDR verschleppen und zu 13 Jahren Haft wegen , Hochverrats" verurteilen. Heinz Brandt war für die Agitation in der SED-Bezirksleitung Berlinals Sekretär verantwortlich gewesen, als er - um einer drohenden Verhaftung zu entgehen — 1958 mit seiner Familie in den „Westen" ging und Redakteur von metall wurde. Dank einer internationalen Solidaritätskampagne mußte er in der DDR -nur- drei Jahre, meist in Einzelhaft, absitzen.
Nach seiner Freilassung sagte er: „Ich fühle mich zum dritten Mal auferstanden! Das erstemal war es im März 1933, als ich nach den Mißhandlungen in der Berliner SA- Kaserne Hedemannstraße freigelassen wurde; das zweite Mal, als wir KZ-Häftlinge von Buchenwald am 11. April 1945 endlich frei waren, und nun bin ich zum dritten Mal auferstanden!"
Aber schon einige Tage später machte er Arger auf einer Pressekonferenz als er — mitten in der Periode des Kalten Krieges — erklärte: er sei 1958 aus der DDR nicht in die Bundesrepublik gegangen, „um hier Kalter Krieger zu werden und für die atomare Aufrüstung einzutreten". Die eigentliche Sensation seines dramatischen Falles sei nicht der Menschenraub, sondern seine Freilassung. Diese überraschende Geste von Walter Ul. bricht komme sicher nicht von ungefähr. „Wenn dieser Menschenraub, der nicht der erste war, der letzte gewesen ist, wenn ich selbst dazu beitragen kann, die Haßmauer, die beiderseits errichtet worden ist, ein wenig abtragen zu helfen, so soll das der Dank sein, den ich der menschlichen Gesellschaft für all das abstatten möchte, was sie zu meiner Schicksalswende beigetragen hat... Ich komme zurück, wie ich gegangen bin, und setze dort fort, wo ich auf so verbrecherische Weise unterbrochen wurde: im Kampf für die Rechte der Arbeiter und Angestellten, als Redakteur der IG Metall".
Nachdem Heinz Brandt 1974 in den „Unruhestand" trat, wie er es nannte, trat er gleich wieder ins Fettnäpfchen, weil er den „Atomfilz" aufdeckte, der einen höheren ÖTV- Funktionär, der im Aufsichtsrat einer Elektrizitätsgesellschaft sals, zum Fürsprecher eines Atomkraftwerks machte. Von der Berliner IG Metall wurde daraufhin ein Antrag auf Ausschluß von Heinz Brandt aus der Gewerkschaft gestellt. Vor allem Redakteure von was tun haben damals eine Unterschriftenkampagne gegen den Ausschluls gestartet. Fast 10.000 Unterschriften wurden dem Vorstand der IG Metall überreicht. Heinz Brandt blieb so Metaller und gründete den - Aktionskreis Leben-, der eine breite innergewerkschaftliche Kampagne gegen Atomkraftwerke und für Umweltschutzentfaltete.
Der Aufstand der Arbeiterklasse in Polen fand ihn unter den Mitbegründern von -Solidarität mit Solidarnośc-, einem Komitee, das sich die politische Unterstützung der ersten autonomen Massengewerkschaft im „sozialistischen" Polen zur Aufgabe machte. Heinz kamen hierbei seine Erfahrungen im Arbeiteraufstand von Ostberlin (Juni 1953) zugute, über dener den politisch überzeugendsten Bericht als „Insider" — als Mann des damaligen SED-Apparates — verfaßt hatte. In seiner Autobiographie, die 1967 erschienen ist, schreibt er: „Dem Spießer erscheint es als Tragödie, wenn Ordnung und Ruhe und Obrigkeit durch explosive Volksausbrüche zerrüttet werden... Dem preußischen Funktionär wiederum ist jede spontane Re- 17. suspine Trache, weiler nennes diesen Nicht deshalb nenne ich der oder jenem Mangel fehlschlug, unterdrückt werden konnte Ich bezeichne ihn deshalb so, weil seine Helden, die Massen, genau wie in der klassischen Tragödie, ihren Untergang gerade mit der Aktion herbeiführten, die ihn hatte verhindern sollen. Sie bewirkten das Gegenteil von dem, was sie bezweckten: Sie zerstörten durch ihre Aktion gerade jenen Ansatz, den sie hatten entwickeln wollen." So erstaunlich diese Analyse von Heinz Brandt klingt, so wichtig ist die Lehre, die er daraus zieht, daß dieser Aufstand — wie auch 1956 in Ungarn — gerade in dem Augenblick ausbrach, als in der Führung der Partei und des Staates Kräfte die Oberhand gewannen, die für weitgehende Reformen eintraten. Er folgerte, hier sei etwas geschehen, das zur theoretischen Analyse herausfordert," und er zitiert den Ausspruch von Robert Havemann: „Die schöpferische Kraft der Spontaneität der Volksmassen, aber auch ihre Blindheit und Ohnmacht sind Fragen, die uns heute nicht weniger beunruhigen als vor fünfzig Jahren Rosa Luxemburg- Es war zugleich die Stärke und die Schwäche von Heinz, daß er das Neue spürte, daß er Fragen nachging, die andere in ihrer selbstgerechten Gewißheit gar nicht stellten. Aber er gelangte auch auf Irrwege, wenn er zu rasche Antworten gab — vor allem in den letzten Jahren, als er sich durch sein Bündnis mit Gruhl innerhalb der Grünen ebenso isolierte wie durch sein Fehlurteil über Nicaragua, das für ihn schon dadurch abgeschrieben" war, daß es gezwungen war, die Revolution mit Waffen aus der Sowjetunion zu verteidigen. In seiner Danksagung für die Verleihung der Ehrendoktorwürde durch die Universität Osnabrück rückte Heinz Brandt von der „Vision" Rudolf Bahros ab, die bedeute, daß wir noch hinter die neolithische Revolution" zurückfielen. Er bejahte die neue Technologie als human, also alternativ anwendbar" . Er stellte sich auf die Seite von Wolf Biermann, der dem voller Bomben hängenden Himmel seine trotzige „rabenschwarze Zuversicht" entgegenstellt. Denen, die glauben, der Computer, der Roboter, der Mikro. prozessor sei dem Menschen überlegen, sagte Heinz: „Die Denkmaschine kann nie erbringen, was dem Menschen wesenhaft eigen ist. Wir können dem Menschen die Wißbegier, die Schaffenskraft, die Deutungskunst, den Darstellungstrieb genau so wenig rauben, wie die Trappisten oder der Zensor ihnen die Sprache abgewöhnen konnten. Einfach darum, weil es dem Menschen nicht gegeben ist aufzuhören, Mensch zu sein. Es sei denn, er bereitet sich den Untergang."
Sein Motto lautete: , Wahrnehmen, wasist — und nicht verzweifeln! Aussprechen, was ist! Wißbegierig die Welt interpretieren, im Bemühen, sie zu verändern, daß sie erhalter bleibt!"«
Das ist genau der Heinz Brandt, der auf vielen Stationen seines Lebens unser politischer Kampfgenosse war, trotz manchen Streits, den wir miteinander ausfochten.