Inprekorr 1971–1992

Archiv der Internationalen Pressekorrespondenz der IV. Internationale

Sozialismus, ein Modeslogan?

Inprekorr Nr. 174, November 1985 · S. 15-17 · 1.350 Wörter

Südafrika

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Im Organ des ANC, Sechaba, Juli/August 1985, polemisiert „Mzela" gegen das „azanische Manifest" des National Forum. Kritik an der Freiheitscharta ist in letzter Zeit von einem Komitee gekommen, das sich selbst National Forum nennt und das von gewissen Individuen als organisatorische Opposition zur United Democratic Front (UDF) ins Leben gerufen wurde. Auf seiner Gründungskonferenz nahm das NF eine Anzahl von Resolutionen sowie ein „Manifest des azanischen Volkes" an, das als Alternativdokument zur Freiheitscharta verstanden werden soll. So schrieb es die Rand Daily Mail am 13. 6. 1983: ....ein anderer Versuch zur Einheit wurde vom National Forum Committee gestartet, das vor allem aus Black Conscionsness- Gruppen besteht. [...] Das National Forum ist laut Mr. Mkhabela von der AZA- PO keine Organisation, sondern nur ein Komitee mit dem Zweck, gemeinsame Diskussionen zwischen schwarzen Gruppen zu fördern."

Zum Ende dieser National Forum- Konferenz (es hat seither weitere gegeben, um das „Manifest" zu ratifizieren) wurde das „Manifest des azanischen Volkes" (von dem wir im folgenden als azanisches Manifest sprechen werden) angenommen, das den „rassischen Kapitalismus" als den echten Feind der unterdrückten Menschen Südafrikas identifiziert und sich für die Errichtung einer antirassistischen, sozialistischen Republik starkmacht. Leser der südafrikanischen Presse werden sich daranerinnern, wie sogar das Magazin The Pace (ein Magazin, das zwar gut bei der Darstellung der Welt der Showstars sein mag. die südafrikanische Realität jedoch nicht geradezu gut wiedergibt) in der Ausgabe vom September 1983 die „historische" Bedeutung dieses azanischen Manifests kommentierte:

„Die unterdrückten Menschen haben jetzt zwei Dokumente, die klarstellen, worum es in dem Kampf gehen soll: die Charta einerseits und das Manifest, das der Linie des Black Consciousness folgt, andererseits."

Man kann sich über die Unfähigkeit dieses Magazins nur wundern, die Bedeutung der Freiheitscharta in der Geschichte Südafrikas zu verstehen... Seite IS

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Die Organisatoren der Konferenz des National Forum werden uns höchstwahrscheinlich erzählen, daß sie ein Forum . der Diskussion organisiert haben, das die Einheit des unterdrückten Volkes gegen Bothas Verfassung und Koornhofs völkermörderisches Gesetz" zu schaffen. Es besteht nicht der geringste Zweifel, daf jeder Versuch gut ist, das unterdrückte Volk zu einem entschlossenen Kampf gegen die betrügerische Verfassung und die Todesgesetze zu einen. Keiner sagt etwas dagegen, daß die Einigung die höchste Aufgabe aller politisch bewußten Südafrikaner ohne Rücksicht auf ihre ideologische Überzeugung ist und bleibt. Aber das Banner der „Einheit" darf kein Täuschungsmanöver sein; der Ruf nach Einheit darf nicht zu einem Mittel der Verschleierung entzweiender Aktivitäten und Absichten werden, die, so wird gehofft, die Massen unseres Volkes dann nicht werden sehen können.

Heute, wo wir auf dem Höhepunkt der Bemühungen stehen, eine Einheitsfront der Liebhaber von Freiheit und Demokratie gegen Bothas Verfassungsbetrug stehen, als die Masse unseres Volkes sich schon um die Freiheitscharta sammelte, als jeder vom Wunsch bewegt war, die Einheit des Volkes gegen die Unterdrückung zu stärken und die politische Stärke und das moralische Prestige unseres Freiheitskampfes in der Gründung der United Democratic Front zu demonstrieren — ausgerechnet dann rief das National Forum Committee plötzlich, ohne die geringste erkennbare Notwendigkeit, zu einer Konferenz, um irgendein „Manifest des azanischen Volkes" zu verabschieden. Kann ein solches Handeln Einheit genannt werden? Was die Kritiker der Freiheitscharta betrifft, so bedeutet ihre Verspottung eines wahrlich repräsentativen historischen Volkskongresses, der die Freiheitscharta verfaßte, und ihre gleichzeitige Mißachtung der überwältigenden demokratischen Meinung der Massenbewegung, die heute in Südafrika Gestalt annimmt, ihre Distanzierung von jenen feierlichen Forderungen nach der Volksdemokratie im besten Fall Opportunismus und im schlimmsten Funktionalismus...

Jedoch ist für die Vertreter des azanischen Manifests diese politische Haltung der Freiheitscharta nicht revolutionär genug, denn sie, als die Meister der Theorie des Sozialismus, wollen eine sozialistische Arbeiterrepublik in „Azania" erreichen! So sagr's der Generalsekretär der AZAPO in der Oktober - Nummer von Drum:

„Das Problem mit der Charta scheint zu sein, daß sie von der kapitalistischen Struktur kooptiert werden kann. Das Manifest des azanischen Volkes ist sozialistisch. Die Charteristen bilden einen Block... sie laufen in eine Sackgasse." Ja, es stimmt, wie wir später noch en detail erklären werden, anders als das azanische Manifest (das sozialistisch sein will) basiert die Freiheitscharta auf den historischen Realitäten unserer Landes, und eine dieser Realitäten besteht darin, daß alle schwarzen Menschen, Arbeiter wie Nichtarbeiter, national unterdrückt werden und folgerichtig deswegen in einer nationaldemokratischen Revolution stehen. Die Freiheitscharta macht deshalb die Notwendigkeit der Schaffung einer Volksregierung als grundsätzliche Alternative zur rassistischen Apartheid- Herrschaft geltend Vielleicht sind die Protagonisten des azanischen Manifests aufrechte Sozialisten und nicht „ideologisch verlorene politische Banditen" , wie Zinzi Mandela sie nannte - dennoch, ihre eventuelle Aufrichtigkeit ist nicht der Punkt. Wir wissen von einer Menge Sozialisten in Südafrika, die vor unserer Freiheitscharta einen großen Respekt haben und auch (wenn nicht gar mehrals alle anderen) für ihre Realisierung kämpfen. Der Punkt ist: wieso verachten die „sozialistischen" Herren von Azania ein demokratisches Programm für eine Volksrepublik? Warum wollen sie (um des Sozialismus willen) die national-demokratische Revolution überspringen, und damit die politischen Interessen des ganzen Volkes?|...] Das wahre Wesen der jetzigen Phase unserer Revolution ist nicht die Erreichung des Sozialismus, sondern, wie auch in der Freiheitscharta widergespiegelt, die Gewinnung der Volksdemokratie, einer echten Republik, in der die Macht beim Volke liegt, beim ganzen Volke! Die Verfasser des azanischen Manifests sehen die revolutionäre Bedeutung dieses Schritts nicht, also die Notwendigkeit des Kampfes für die echte nationale Unabhängigkeit und Selbstbestimmung. Nelson Mandela sagte im Juni 1956 in der ANC-Zeitschrift Libera- Oliver Tambo, Präsident des ANC tion in einem Artikel des Titels •Freiheit, noch während wir leben«: „Zwar verkündet die Charta demokratische Änderungen weitreichender Natur, aber sie ist keineswegs eine Vorlage für ein sozialistisches Programm, sondern dient der Vereinigung von verschiedenen Klassen und Gruppierungen im Volke auf demokratischer Grundlage. Im Sozialismus besitzen die Arbeiter die Staatsmacht. Sie und die Bauern halten die Produktionsmittel in Händen, das Land, die Fabriken aller Art. Alle Produktion dient dem Gebrauch, nicht dem Profit. Die Charta verfolgt solche weitreichenden ökonomischen und politischen Veränderungen nicht. Ihre Erklärung, „Das Volk soll regieren!" macht erkennbar, daß nicht an die Ubertragung der Macht an eine bestimmte soziale Klasse gedacht ist, sondern an alle Menschen dieses Landes, seien sie Arbeiter, Bauern, Freiberufler oder Kleinbürger.

Es stimmt, daß mit der Forderung nach der Verstaatlichung der Banken, der Goldminen und des Landes, die Charta einen Vernichtungsschlag gegen die Finanz- und Goldmonopole und die Agrointeressen führt, die jahrhundertelang das Land ausgeplündert haben und das Volk zur Knechtschaft verdammt. Aber ein solcher Schritt ist zwingend, da die Verwirklichung der Charta kaum, wenn nicht völlig unmöglich ist, solange nicht diese Monopole zerschlagen und der nationale Reichtum dem Volk übertragen werden. Wenn diese Monopole zerstört werden, dann wird der Ausbeutung weiter Teile der Bevölkerung durch die Grubenkönige und Landjunker ein Ende gemacht, und es wird eine Hebung des Lebensstandards stattfinden. Gerade weil die Charta immense Möglichkeiten zu einer allgemeinen Verbesserung der materiellen Lage aller Klassen und Gruppen bietet, zieht sie so viel an Unterstützung auf sich.

Sogar in Südafrika, wo die nationale Unterdrückung allen Unterdrückten die Notwendigkeit der Vereinigung und der Ubereinkunft über die Kamptziele zu diktieren scheint, gibt es immer erstaunliche Unterschiede in den ideologischen Richtungen. Und unsere Bewegung verdankt ihre heutige Gestalt unc Stellung dem erbitterten Kampt, den sic über die Jahre (auch in den eigenen Reihen) um ideologische Klarheit geführt hat gegen engstirnigen nationalen Opportunismus, Liberalismus, ultralinke trotzkistische Kinderei und so weiter. Es klingt unglaublich, aber unser wirkliches Leben und unsere tatsächliche Geschichte machten genau diesen ideologischen Kampf erforderlich.

Häuptling Luthuli sagte einmal in einer Erklärung als Vorsitzender Ende 1955: „Da wir einen Kampf um die Freiheit uns vorgenommen haben, scheint es Fortsetzung Seite 25

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Nr. 22/II - 11/85 Internationale

John Ross / Ernest Mandel