Inprekorr 1971–1992

Archiv der Internationalen Pressekorrespondenz der IV. Internationale

Nairobi

Frauen sollen zur Politik schweigen

Inprekorr Nr. 173, Oktober 1985 · S. 25-27 · 1.568 Wörter

Frauen Nahost und Palästina USA und Kanada Südafrika

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Nairobi: Frauen sollten zu Politik schweigen Manipulation durch die US-Delegation und Bespitzelung durch die Polizei Kenias kennzeichneten das Forum regierungsunabhängiger Organisationen anläßlich der UNO-Konferenz. Ros Young war Teil der Delegation einer lassen, wurde ihnen organisatorische Sa- Ros Young botage zum Gebot der Stunde, um sicherzustellen, daß nur eine minimale Anzahl von Frauen durch die Anmelde- Die Teilnehmerinnen des Forums ka- bürokratie durchfindet und sich eine Fimen aus nationalen Befreiungsbewegun- nanzierungsmöglichkeit für die Reise gen wie der SWAPO (Namibia), der nach Kenya verschafft. Die USA hatten PLO, dem ANC (Südafrika), der die Regierung von Kenya dazu gebracht, FLNKS (Neukaledonien), aus Eritrea Hotelraum zwangszuzuweisen, um die und Ost-Timor; aus schwerzen Frauen- Zahl der möglichen Störenfriede niedrig gruppen, Flüchtlings- und Immigrantin- zu halten, und strikte Visumskontrollen nengruppen, Organisationen von einge- bei der Einreise durchzuführen. borenen Völkern, Hilfs- und Entwick- Die Delegierten der SWAPO hatten lungsagenturen, Friedensbewegungen, ziemliche Schwierigkeiten, in das Land Lesbengruppen und christlichen Orga- rein zu kommen. Andere Frauen wiedernisationen. Das Forum gab Gelegenheit um wurden von der Ausreise aus ihrem zu gemeinsamen Versammlungen, Dis- Heimatland abgehalten, bespielsweise kussionen, zum Ideenaustausch, von- Palästinenserinnen aus den von Israel einander zu lernen und Kontakte für die besetzten Gebieten, denen die Reisegekommende Arbeit zu knüpfen. Es han- nehmigung entzogen wurde und die nun delte sich nicht um eine formelle Konfe- unter Hausarrest stehen. renz und stand in keiner offiziellen Be- Aber gerade weil viele Frauen mitbeziehung mit der UNO-Versammlung kommen hatten, daß die USA versuchnahebei, sowie es keinen Einfluß auf die werden zu Abschlußdokumente hatte, die die jeweiligen Regierungsgesandten eifrig zu- ten Monaten umso mehr, um nach Kesammenbastelten. Jedoch war dieses nia zu kommen. So drängte der Frauen- Forum von beiden Versammlungen die rat der SWAPO in Angola seine bedeutendere, weil dort viele der anwe- Unterstützerinnen, auf jeden Fall hinzusenden Frauen Basisorganisationen ver- fahren, da die USA vorhatten, 2000 Detraten, weil sie diejenigen waren, die für legierte und Teilnehmerinnen zu senihre Rechte als Frauen, als Schwarze, als den, die verhindern sollten, dals wichtige Arbeiterklasse und Unterdrückte tat- Themen wie der Kampt für die Unab. sächlich kämpfen. Und indem frau dort hängigkeit Namibias überhaupt auf den allemöglichen Leute traf, die sich in ei- Tisch kommen. nem konkreten Kampf befinden, konnte frau mal umfassend feststellen, was international so alles läuft. Bei der Eröffnungszeremonie mußten die Veranstalterinnen zugeben, daß sie Behinderung von der Antwort auf den Aufruf überdurch die USA rascht waren: 14 000 waren gekommen, aber fristgerecht hatten sich nur 2000 Frauen angemeldet! Andere Es gab Versuche, die Durchführung ei- organisatorische Mittel wurden dann nes solchen Forums zu umgehen, da die eingesetzt, um die Debatten über Nami- USA fürchteten (zurecht, wie sich her- bia, Südafrika oder den Zionismus zu ausstellte), daß es zu einer Plattform für isolieren. Es gab über 1000 Arbeitsgrup- Angriffe auf die Politik der USA werden pen, und es wäre einmal interessant zu würde. Nachdem sie einmal damit ge- wissen, nach welchen Kriterien die Zuscheitert waren, es nicht stattfinden zu weisung von Tagungsräumen und -zeiten ausgetüftelt wurde, denn gerade die wichtigsten Arbeitsgruppen hatten oft die winzigsten Räume...

Frauen im nationalen Befreiungskampf

Zweifellos war der Brennpunkt des ganzen forums die Frage, ob „Frauenangelegenheiten" separat von den Kämpfen gegen den US- und westlichen Imperialismus, gegen Apartheid und Rassismus, gegen Kolonialismus und Neokolonialismus — also von „Politik" — gesehen werden können.

Frauen aus dem pazifischen Raum sprachen von den Folgen der jahrzehntelangen Atomtests westlicher Mächte in ihrer Region für ihre Völker. Sie berichteten vom Kampf der Kanaken um die Unabhängigkeit vom französischen Kolonialismus, vom Kampf der Ureinwohner Australiens und Neuseelands um Selbstbestimmung, Menschenrechte und Landrechte. Indianische Frauen aus Nicaragua berichteten von ihrer Unterstützung und Verteidigung der Revolution, daß jedoch wegen ihrer Marginalisierung in der Revolution und ihrer. besonderen Diskriminierung ihre Nicht anerkennung durch die Sandinisten den USA die Gelegenheit lieferte mit verlogenen Parolen viele aus ihrem Volk für die Seite der Konterrevolution zu gewinnen. Es wurde berichtet von der. guatemaltekischen Junta, die mit technischer Hilfe aus Israel einen umfassenden Völkermord an den Ureinwohnern betreibt (die 80 % der Bevölkerung stellen!), Frauen sehen sich in der ganzen „Dritten Welt" zusätzlicher Repression ausgesetzt, Angriffen auf das Grundrecht der Kontrolle über den eigenen Körper. Experimente mit Medikamenten, vor allem Verhütungsmitteln, zwangsweise Massensterilisation finden unter dem Deckmantel von Forschung und Bevölkerungspolitik statt.

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Der Triumph des Forums lag darin, daß endlich einmal auf einer internationalen Zusammenkunft Frauen aus Befreiungsbewegungen aus der ganzen Welt in der Mehrheit und überlegen waren. In vielen Arbeitsgruppen wurde den Frauen nahegelegt, nicht über Politik zu reden, aber man konnte ihnen nicht den Mund verbieten. Eine SWAPO-Frau berichtete nachher, wie in ihrer Arbeitsgruppe über Gefängnisse versucht wurde, sie an einem Bericht über ihre Erfahrungen in südafrikanischen Gefängnissen zu hindern. Die amerikanischen Frauen, die die Arbeitsgruppe anleiteten, wollten eine Diskussion über Sozialarbeit im Gefängnis, anstatt sich damit auseinanderzusetzen, warum es überhaupt Gefängnisse gibt, und wer darin vor allem einsitzt: Schwarze, Ausgebeutete, politische Gefangene. Die schärfsten Auseinandersetzungen fanden über die Palästina-Frage statt. Um Glaubwürdigkeit für sich zu gewinnen, bestanden die Zionisten (aus Israel, den USA und Europa) auf der Behauptung, der Zionismus ist die nationale Befreiungsbewegung der Juden", und jede Kritik an Israel (wegen seiner Politik in Palästina und seiner international konterrevolutionären Rolle) komme Antisemitismus gleich. Sie hatten schwarze Frauen aus den USA heran- Eröffnung der UNO-Konferenz in Nairobi Sie her?" In die Arbeitsgruppe West-Papua drang indonesische Sicherheitspolizei ein und photographierte alle. Ein iranischer Mann versuchte eine iranische Frau tätlich anzugreifen, die gegen das Khomeini-Regime gesprochen hatte... Alle diese Beispiele sorgten für eine gewisse Nervosität, und obwohl sich die Frauen in Bezug auf ihre eigenen Kämpfe nicht zum Schweigen bringen ließen, so war doch eine gewisse Zögerlichkeit zu bemerken, über das Geschehen in Kenya wir eintrafen, um einen guten Eindruck davon zu hinterlassen, was US- und westliches Geld so alles für Afrikaleisten könnte. Jedenfalls wurde uns von Elend und Hungersnot auf dem flachen Land berichtet, von den Arbeitsbedingungen der Beschäftigten bei Multis und von den Slums um Nairobi herum, vom Frauengefängnis Langata, das schlimmer als jedes Männergefängnis sein soll, von der Zwangssterilisierung von Frauen auf dem Lande und dem massenhaften Ge- • drückung der Juden zen. Und während zwar einige „linke" Zionistinnen mit Palästinenserinnen in einen Dialog traten, weigerten sich die übrigen, überhaupt die Existenz von Palistinenser/inne/n anzuerkennen. Es wurde deutlich, daß die Linien der Debatte sich seit dem Forum von 1975 nicht verschoben hatten, nur die Unterstützung für die Palästinenser ist seit der israelischen Invasion im Libanon 1982 gewachsen.

Überall Polizei

Eine herausragende Erscheinung des Forums war die ständig sichtbare Präsenz von Sicherheitskräften. Bewaffnete und uniformierte Polizisten patrouillierten über den Campus und durch die Schlafsäle der Delegierten; vor jedem Hotel und jedem Tagungsraum wurden Sicherheitsüberprüfungen durchgeführt, und Polizisten lungerten vor den meisten Räumen während der Sitzungen. In den „politischen" Arbeitsgruppen waren ständig Zivile anwesend, die an ihren Anzügen mit kleinen dreieckigen Ansteckern leicht zuerkennen waren. Frauen, die im Friedenszelt in offener Debatte gesprochen hatten, wurden aufs plumpste angesprochen und ausgequetscht: „Wie ist Ihr Name? Höchst interessant, Ihre Rede, haben Sie sie auch niedergeschrieben? Wo kommen selbst zu sprechen. Aus gut unterrichteten Kreisen wurde bekanntgegeben, daß Student/inn/en, die als Hilfsarbeitskräfte für das Forum eingestellt worden waren, angewiesen wurden, bei den Arbeitsgruppen dabeizusein, genau mitzuhören und mitzuschreiben und Bericht zu erstatten. Die Eingriffe der kenyanischen Regierung waren jedenfalls vielzählig, vom Rausschmiß von Teilnehmerinnen aus Hotels, um UNO-Delegierten Platz zu machen, über den Versuch, das Friedenszelt zu schließen (als die Frauen dort über die Rolle des bewaffneten Kampfes diskutierten), bis zur Beschlagnahme aller Filme für das Filmforum, weil diese erst die Zensur passieren müßten — das Filmforum konnte praktisch nicht stattfinden. Auch wurde die Erlaubnis für eine Demonstration vom Forum zur UNO- Konferenz verweigert — aber wen überrascht das, da in Kenya ja alle Demonstrationen verboten sind Aber die ständige Bespitzelung und Schikanierung hatte auch einen positiven Effekt. Viele Frauen wurden erst nicht das „demokratische" Land ist, das sie aus den Medien kennen. Es verbreiteten sich auch Informationen über das, was wegen der internationalen Zusammwenkunft außerhalb geschah. Prostituierte und die Ärmsten der Armen waren in einer großen Säuberungsaktion aus Nairobi herausgeschafft worden, bevor brauch von Depoprovera sowie von den häufigen Prostituiertenmorden durch US-Soldaten aus dem Marinestützpunkt Mombasa. Die drückende politische Repression in Kenya brachte in den letzten Monaten brutale Angrifte auf die Student/inne/n mit sich (bei Polizeiübergriffen im Februar kamen 17 um und über 100 wurden verwundet). Zahlreiche Student/inne/n oder beispielsweise der Gelehrte Maina wa Kinyattisitzen auf Dauer im Gefängnis... und während das Forum lief, wurden zwölf der Putschführer von 1982 im Gefängnis durch den Strang hingerichtet. In jeder Hinsicht lernten wir also in Nairobi die Lektion, daß unser Kampf um Frauenbefreiung nicht vom Klassenund Rassenkampf getrennt werden kann oder auch nur jeweils für sich analysiert. Maheim/Holt/Heinen* Frauen und Arbeiter-• bewegung Deutschland vor 1914 Frühe Sowjetunion

Spanischer Bürgerkrieg

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Dreifach Opfer: