Die Lageder Arbeitenden in der Sowjetunion • Diese Darstellung von Gewicht und Differenzierung der Arbeiterklasse in der UdSSR erschien zuerst in Research in Political Economy Nr. 7, Greenwich, Connecticut, 1984; auf Deutsch in Gegenstimmen Nr. 19 und 20, der in Österreich herausgegebenen sozialistischen Zeitschrift zu Fragen Osteuropas. Krawtschenko ist kanadischer Ukrainer. Bohdan Krawtschenko
In den ersten Jahren der „kommunistischen Regimes" war der schwache Punkt die Bauernschaft. Eine Kombination aus Repression und Schaffung von Sicher- , rung in Gestalt von Möglichkeiten einer heitsventilen für die ländliche Bevölkesozialen Mobilität in den wachsenden städtischen industriellen Sektor half, die ländliche Unzufriedenheit zu entschärfen. Heute ist die Achillesferse des Regimes die Arbeiterklasse, und wir sind Zeugen eines beispiellosen Anstiegs des Selbstbewußtseins dieser Klasse: die Erfahrung Solidarność in Polen; der Streik der rumänischen Bergarbeiter 1976, der das Jiu-Tal lahmlegte und mit der Gründung einer ,Freien Arbeitergewerkschaft" einherging, die Tausende Mitglieder hatte, bevor sie unterdrückt wurde; die anhaltende Streikwelle in Jugoslawien; und nicht zuletzt die drei Versuche, in der Sowjetunion nichtoffizielle Gewerkschaften zu etablieren. Teilweise beruht der Aufruhr der Arbeiter auf konjunkturellen wirtschaftlichen Schwierigkeiten, aber es gibt ebenso fumdamentalere Ursachen. Dieser Aufsatz wird einige davon innerhalb des sowjetischen Kontextes untersuchen. Die Sozialstruktur der UdSSR
Die Sozialstruktur der Sowjetunion schafft eine besondere Schwierigkeit für die Machtausübung der Elite. Anders als die Sozialstruktur von entwickelten kapitalistischen Ländern ist die sowjetipilmmusich weniger opleten der Großbourgeoisie und dem Proletariat zahlreiche Zwischenschichten von altem und neuem Kleinbürgertum. Diese Schichten erweitern die soziale Basis der kapitalistischen Vorherrschaft, in der taglichen politischen Arena ermöglicht deren Existenz einen beträchtlichen Handlungsspielraum für die herrschende Klasse. Die Klassenstruktur der Sowjetunion ist dagegen bemerkenswert homogen. Mit der Abschaffung des Privateigentums an Produktionsmitteln und der Kollektivierung der Landwirtschaft verschwanden Bourgeoisie und Kleinbürgertum aller Schattierungen. Dafür dehnte sich die Größe der Arbeiterklasse durch die Industrialisierung gewaltig aus. Heute ist das Ausmaß der Proletarisierung der sowjetischen Gesellschaft wahrscheinlich das höchste irgendeiner Industriegesellschaft, und folgerichtig die soziale Polarisierung am meisten zugespitzt; die soziale Basais der sowjetischen Herrschaftselite ist wahrscheinlich die schwächste unter den privilegierten Gruppen einer Industriegesellschaft. Bedenkt man, daß vor nur 55 Jahren die Arbeiterklasse bloß 12 % der sowjetischen Bevölkerung stellte, ist dies ein weitreichender Wandel. Bei der Analyse des Stands der Proletarisierung in der UdSSR oder der Grö- Be der Arbeiterklasse haben die sowjetischen Experten einen offenkundigen Vorteil gegenüber ihren Kollegen, die diese Frage in einem westlichen Kontext untersuchen wollen. Sowjetische Statistiken gebrauchen den Terminus „Arbeiterklasse" , wenn sie die sozialen Daten präsentieren. Aber wie definieren sie diese Klasse? - Die Klassiker des Marxismus-Leninismus definierten die Arbeiterklasse als jene, die der Produktionsmittel beraubt sind; jene, die als Lohnarbeiter vom Kapital beschäftigt werden; jene, die Mehrwert für die Eigentümer an Produktionsmitteln erzeugen; jene, die in der Sphäre der materiellen Produktion arbeiten und die materielle Werte erzeugen, ohne die es keinen Mehrwert geben kann; jene, die körperlich arbeiten. Mit der Abschaffung von Kapitalismus und Markt sind die ersten Charakterisierungen nicht mehr anwendbar und die dritte wurde umdefiniert. Da das Wertgesetz in der UdSSR nicht wirksam ist, erzeugt die Arbeiterklasse keinen Mehrwert, sondern ein Mehrprodukt. Daher schließen sowjetische Statistiken in den Begriff Arbeiterklasse all jene ein, die in der materiellen Produktion tätig sind und deren Arbeit als „vorwiegend körperlich" charakterisiert wird. Aber die Unterscheidung zwischen materieller und nichtmaterieller Produktion wird nicht rigoros angewendet: Servierpersonal" und „Wachen" ; solche also, die nicht an der Realisierung des Mehrprodukts beteiligt sind und deren Arbeitsgang ungelernt und routinehaft ist und einige körperliche Aktivität beinhaltet, werden auch der Arbeiterklasse zugezählt.
Verwendet man diese Definition, so bemerken wir eine dramatische Stärkung der Arbeiterklasse als „Klasse an sich". Numerisch wuchs die Klasse von 23,9 Millionen 1940 auf 79,6 Millionen 1981; in Prozent der gesamten werktätigen Bevölkerung ausgedrückt wuchs sie von 36,2 % 1940 auf 60,8 % 1982.(1] Tatsächlich ist jedoch das reale Gewicht der Arbeiterklasse höher, als diese Zahlen andeuten. Während die offizielle Definition der Arbeiterklasse im großen und ganzen zufriedenstellend ist, werden zwei Gruppen aus der Arbeiterklasse ausgeschlossen, die dies nicht sein sollten: die Kollektivbauern und jene, die die sowjetischen Soziologen Angehörige der „Arbeiterintelligentsia" nennen.
Kollektivbauern sind von der Mitgliedschaft in der Arbeiterklasse deswegen ausgeschlossen, weil sie formell ihre Produktionsmittel besitzen. (Staatsfarmen, Sowchosen, werden als Teil der
Arbeiterklasse betrachtet.) Aber das Kriterium der Eigentümerschaft ist ziemlich fiktiv, wendet man es auf die Kolchosbauern an; übrigens wird es nicht auf das Land selbst angewandt. Die Verwaltung der Kolchosen unterscheidet sich in keiner Weise von der anderer sowjetischer Unternehmen. Keine hat wirtschaftliche Autonomie. Sie können Preise, Vorratshaltung, Kauter und Produkte nicht selbst festlegen. Die Hauptfunktion davon, als Eigentümer bezeichnet zu werden, liegt darin, ein Lohnsystem festzulegen, dessen Zweck es ist, die Einkommen in der Landwirtschaft künstlich niedrig zu halten. Dieses System des Trudod, basierend auf dem Arbeitstag, wurde 1966 abgeschafft, als die Breschnew-Führung erkannte, daß nur durch die Steigerung der materiellen Anreize auch eine Steigerung der Arbeitsproduktivität in der Landwirtschaft eintreten könnte. Heute erhalten Kolchosbauern ein garantiertes Mindesteinkommen und Löhne nach Stückwerktarifen ähnlich denen in der Industrie.
Auch der Gebrauch eines privaten Landstücks sollte nicht als Kriterium verwendet werden, um Kolchosbauern von Sowchosbauern zu unterscheiden. Die Bedeutung des Privatlands für das Gesamteinkommen der Kolchosbauern ist gesunken. Heute ist es praktisch unmöglich, klare Trennlinien zwischen Kollektivbauern und Arbeitern auf staatlichen Farmen zu ziehen. Mit der wachsenden Ausdehnung des Status einer Sowchose auf Kolchosen ist „das einzige, was sich ändert, der Mantel. Tatsächlich ist der wesentliche Unterschied zwischen Arbeitern und Kolchosbauern der, daß letztere keinen Inlandspaß besitzen, um sie künstlich von Arbeitsplätzen in der Stadt abzuhalten. [2] Komplette Proletarisierung der Bauernschaft
Wird im sowjetischen Kontext zwischen „Arbeitern" und „Bauern" unterschieden, so wird damit ein methodischer Irrtum begangen. Der Ort der Beschäftigung wird mit der Klassenzugehörigkeit verwechselt: Land - Stadt, Bauer - Arbeiter. Sechzig Jahre nach der Kollektivierung sind die sowjetischen Kollektivbauern keine Bauern mehr, sondern Landproletarier mit einem entsprechenden Bewußtsein. Ihre Forde rungen nach höheren Löhnen, kürzerer Arbeitswoche, Mechanisierung manueller Tätigkeiten und besseren sozialen, kulturellen und Bildungseinrichtungen unterscheiden sich nicht von denen der Industriearbeiter. Signifikanterweise war, wenn die Unzufriedenheit der Kolchoslandarbeiter einmal einen organısierten öffentlichen Ausdruck fand, die Art des Protests die des Streiks. Auch wenn historisch der kleine indi- die von den sowjetischen Statistikern viduelle Warenproduzent im Dorf ein genannten Zahlen aussagen. sehr unsicherer Verbündeter des städti- Es ist hier wichtig festzuhalten, daß schen Proletariats war, so ist dies heute wachsende Teile der gewöhnlichen nicht mehr der Fall. Die objektive Basis Intelligentsia, vor allem niedergradules Jahrhundete alten Antagonismus ierte Ingenieure und Techniker, Jobs in zwischen Stadt und Land wurde mit der der Industrie als Facharbeiter annen- Abschaffung des Privateigentums an men. Dies hat sehr viel mit der: sich Produktionsmitteln beiseitegeräumt. verschlechternden materiellen Lage der Kolchosbauern, die nur ein Drittel der gewöhnlichen Intelligentsia zu tun. Obländlichen Bevölkerung darstellen, soll- wohl die Elite — jene, die die Kontrolle ten in die Arbeiterklasse „aufgenom- über das Mehrprodukt haben — wiedermen" werden, was dann deren Anteil auf holt ein Ansteigen des Lebensstandards 74,2 % der Beschäftigten 1982 steigert. versprochen hat, war sie unfähig, dies Sehr oft wird bei der Definition der einzulösen. Diese Elite verwaltet die Arbeiterklasse als jene, die „vowiegend" Wirtschaft, aber sie hat große Schwierig mit „körperlicher Arbeit" befaßt sind, keiten, sie zu planen, wie Hillel Ticktin nicht die Art der Arbeit in Betracht so einleuchtend darstellt. Da die Arbeigezogen, sondern das Niveau der for- ter in einer weit besseren Position sind, mellen Ausbildung. Es gibt eine Ten- Normen, Lohngruppen und Stückzahdenz, jene mit entweder einer höheren len zuändern, als die Intelligentsia, wirkoder einer spezialisierteren Ausbildung te sich die Tendenz zur Reallohnerhöals teil der white collar-Gruppe in der hung zu ungunsten der letzteren aus. Fabrık zu zählen - eine ohnehın ziem- Zum Beispiel war 1940 das monatliche lich elastische Kategorie, die alle Kopfar Durchschnittseinkommen eines Tech- ›eiter umfaßt. M. N. Rutkewitsch be nikers, der in der Industrie beschäftigt rechnete, daß 10 % derer, die zur white war, um 115 % höher als das Durchcollar-Gruppe gezählt werden, tatsäch- schnittseinkommen eines Industriearlich als Facharbeiter angestellt waren.[3] beiters; 1981 war es nur noch um 13 % Wenn Rutkewitsch recht hat, dann ist höher. Daher ist es nicht überraschend, das Gewicht der Arbeiterklasse, gemes- wenn es viele junge Ingenieure und sen an der berufstätigen Gesamtbevöl- Techniker vorziehen, Facharbeiter in kerung, nochmal beinahe 2% größer, als der Produktion zu werden, vor allem, da BiHR Danke Danke Genosse Bitte. Danke Hier Genosse Genosse Bite Genosse Bitte dankes Doltos Ingenieur Genossin Doitor, Genosse Doktor Protesços / genosse Genosse Professor Ingenieur Professor Die Intelligenzja am Fließband
sie in ihrem eigenen Beruf eine beträcht- Die erste Änderung in der Zusammenlich niedrigere Autstiegserwartung als in setzung der Industriearbeiterklasse ist der Vergangenheit haben. Bereits 1970 die gewachsene Bedeutung der Jugendliwar in der sowjetischen Industrie ein chen. Bis vor kurzem wurden die Reihen Viertel aller Personen mit Technikerdi- der Industriearbeiterschaft noch vor alplom als Arbeiter eingestellt. Dies ist lem von erwachsenen bis dahin nicht eine Gruppe, die in einer künftigen Al- berufstätigen Teilen der Bevölkerung, lianz zwischen dem Proletariat und brei- vor allem Hausfrauen, oder von Arbeiteren Schichten der Intelligetsia eine tern anderer Wirtschaftsbranchen, insentscheidende Rolle spielen könnte. besondere der Landwirtschaft, aufge- Durch das Fehlen eines Warenfetischs füllt. In der gegenwärtigen Periode erleichtert ein hohes Niveau der Proleta- stammt der Nachschub der Arbeiterrisierung die klare Erkenntnis von sozia- klasse zunehmend aus der Jugend des len Beziehungen. Dies versetzt die so- städtischen proletarischen Sektors selwjetische Elite in einen ziemlichen ber. Nach L. Danilow machte der Zu- Nachteil, vergleicht man sie mit den strom der jungen Arbeiter 1961 - 1965 herrschenden Gruppen in anderen Ge- 29,1 % des Arbeitskräftebedarfs aus, sellschaften. Das ungemein gestiegene 1966 - 197057,3 % und 1971 - 1975 mehr gesellschaftliche Gewicht der Arbeiter- als 90 %.[4] Bereits 1970 war die Hälfte klasse von geschätzten 76 % der beschät- aller Arbeiter in der UdSSR unter dreitigten Bevölkerung bedeutet, dais die Big. Im Gegensatz zu ihren Eltern ist Klasse mehr Fähigkeiten als in der Ver- dies eine Arbeiterklasse, die keine direkgangenheit besitzt, ihre Interessen gel- te Erfahrung mit den Schrecken der Statend zu machen. Zu diesem Prozeß trägt lin-Ära hat. Sie haben höhere Erwartunauch eine Anzahl wichtiger Änderungen gen und sind weniger ängstlich, dies in der Struktur der Arbeiterklasse bei. Eine Begleiterscheinung der Erneue- Strukturwandel rung der Arbeiterklasse ist das Entstein der Arbeiterklasse hen eines erblichen städtischen Proletariats. Rutkewitsch und F. P. Filippow Studieren, immer nur studieren!
Mein Sohn der Klassenverräter schrieben in der Zusammenfassung der Ergebnisse einer Studie:
»Je niedriger das Alter, desto höher ist das Gewicht von Arbeitern, die aus Arbeiterfamilien stammen, und desto niedriger ist das Gewicht von Arbeitern aus Bauernfamilien... Derselbe Trend zeigt sich in der dritten Generation. Je jünger die Arbeiter, desto öfter sind sie Enkel von Arbeitern und nicht von Bauern... Dies zeigt eine relative soziale Stabilität."[5] In dieser Studie über ein Werk im Ural sind 70 % aller Arbeiter unter zwanzig Enkelkinder von Arbeitern. Auf der anderen Seite waren 100 % der Spazialisten Nachkömmlinge von Spezialisten. Mehrere andere Studien zeigen, daß diese Tendenz in allen Regionen der UdSSR existiert. Eine Untersuchung, die 1978 bei Arbeitern in der Maschinenindustrie von Leningrad durchgeführt wurde, zeigt, daß 90 % der Arbeiterklasse entstammen, hingegen 80 % des ausgebildeten wissenschaftlichen Personals in die Intelligentsia hineingeboren waren.[6] Damit hat sich das erste erbliche Proletariat in großem Maßstab in der UdSSR gebildet. Wie Gordon und Klopow feststellen, hebt ein erbliches Proletariat das kulturelle Niveau der Arbeiterklasse und das Bewußtsein ihrer selbst als sozialer Kraft. Stabile Gemeinschaften der Arbeiterklasse in städtischen Gebieten sind entstanden, die ein Netzwerk von informellen sozialen Beziehungen anbieten, das für die organisierte oder spontane Klassenaktion so wichtig ist. In den ersten Jahren der Industrialisierung waren die Grenzen zwischenden sozialen Gruppen extrem fließend. Komplette Schichten von Facharbeitern wurden für verantwortungsvolle Positionen in Staat, Partei und Wirtschaftsapparat rekrutiert und ausgebildet. Mit dem Ende der ursprünglichen Akkumulation und grölferen sozioökonomischen Anderungen verknöcherte die Sozialstruktur der UdSSR; die soziale Mobilität (d.h. Mobilität, die auch eine Anderung im Sozialstatus umfaßt) ist dramatisch gesunken. Eine wichtige Anderung hier ist die Tatsache, daß sich im Gegensatz zur Vergangenheit der Schlüssel zum sozialen Aufstieg vonden nicht ausgebildeten, aktivistischen Gruppen hin zu einem allgemeinen System der Ausbildung verlagerte. Formale höhere Ausbildung, nicht nur Aktivismus, wurde zur unerläßlichen Zutat für jede höhere Position.
Auf der anderen Seite wurde höhere Ausbildung zum Reservoir des Nachwuchses der Kopfarbeiter und der Intelligentsia; diese Gruppe rekrutiert sich nun aus sich selbst. Zum Beispiel gaben zwei Drittel der Studenten an der Swerdlowsker Staatsuniversität im Jahre 1966 an, ihren sozialen Ursprung in der Intelligentsia oder bei den Kopfar-
beitern zu haben. Im Fall der Woronescher Staatsuniversität waren es über 67 %. Die soziale Kluft zwischen der Arbeiterklasse und der herrschenden Schicht vertieft sich.
Zur selben Zeit, da es mehr Möglichkeiten für Jugendliche aus der Arbeiterklasse zur höheren Ausbildung gibt, hat eine Revolution der Erwartungen stattgefunden. Laut einer Studie über die Leningrader Jugend „werden die Pläne und Erwartungen im Leben der sowjetischen Jugend von einer einzigen Tendenz charakterisiert — einem Streben nach höherer Ausbildung und danach, einen eigenen Platz in der Sphäre der hochqualifizierte intellektuellen Arbeit zu finden. "[7)
Eine immer größere Zahl von Jugendlichen der Arbeiterklasse schließt die Schule mit einem Examen einer höheren Stufe mit der Erwartung ab, einen Platz an der Universität zu finden. Allerdings ist jetzt der Zutritt zu den Institutionen der höheren Bildung eine Prozedur mit überaus scharfem Wettbewerbscharakter geworden, bei der die Chancen der Jugendlichen aus der Arbeiterklasse unvermeidlich sinken. Eine Folge davon ist die Tatsache, daß ein viel höherer Prozentsatz der Jugend, die Teil der Arbeiterklasse wird, eine abgeschlossene höhere Schulausbildung besitzt. Indem man der Jugend der Arbeiterklasse soziale Mobilität anbot, wirkte höhere Ausbildung als wichtiges Sicherheitsventil gegen die Unzufriedenheit der Arbeiter. Diese Rolle kann sie inzwischen nicht mehr spielen.
Die sowjetische Führung sieht sich jetzt nicht mehr einer Arbeiterklasse gegenüber, die von ihrem Ursprung her bäuerlich ist, mit einem niedrigen Ausbildungsniveau und einer dementsprechenden Erwartungshakung. Dieser Wandel trat zu einer Zeit ein, als das Regime, das mit enormen wirtschaftlichen Problemen und einem Mangel an Arbeitskräften zu kämpfen hat, verstärkt Anstrengungen unternahm, die Arbeitsproduktivität durch eine intensivere Arbeitsorganisation zu verbessern. 1972 etwa war jeder dritte Arbeiter der UdSSR an einem Fließband beschäftigt. Dieser Automatisierungsprozeß hatte zur Folge, daß noch begrenztere Aufgaben mit noch weniger intellektuellem Gehalt ausgeführt werden müssen. Das Problem der Unzufriedenheit mit der Arbeit in der UdSSR verschlimmert sich, weil die Zahl der Ausgebildeten rascher steigt als die der interessanten Jobs. „Der Übergang zu einer verallgemeinerten höheren Schulbildung, so wünschenswert sie einerseits ist, wird dieses Problem nur noch verstärken," sagt Churbanow.[8] Wie sowjetische Forscher gezeigt haben, wächst die Unzufriedenheit der Arbeiterklasse mit der Fließbandarbeit. Eine Studie, die Mitte der 60er Jahre in Leningrad durchgeführt wurde, zeigt, daß 40 % der jungen Arbeiter mit dem Inhalt ihrer Arbeit unzufrieden waren. 1976/77 war diese Zahl bereits auf 65 % gestiegen. Die besser ausgebildeten jungen Arbeiter konfrontieren das Regime mit einem neuen Problem. Das Management hat keine Antwort auf die Bedürfnisse dieser neuen Arbeitskraft. Es betrachtet diese „Bildungsrevolution" mit Besorgnis und „bevorzugt für die Arbeit in seinen Abteilungen... Arbeiter, die nur fünf oder sechs Jahre Schulausbildung genossen haben.*[9] Spannungen zwischen den Nationalitäten
Heutzutage ist es eine bekannte Tatsache, daß es in der Sowjetunion eine Krise in den Beziehungen zwischen den Nationalitäten gibt. Die Wurzel dieses Problems liegt in der kulturellen, sozialen, wirtschaftlichen und politischen Dominanz der russischen Elite und in deren Unwillen, die Macht mit den neuerdings aufgetauchten nichtrussischen Eliten anderer Nationalitäten zu teilen. Betriebliche Friedenskundgebung in Armenien Das Wiederaufleben eines ungezügelten rüssischen Chauvinismus hängt seinerseits wiederum mit einer viel tiefergehenden sozialen Krise zusammen. Durch das Anstimmen eines russischnationalistischen Tons erhofft sich die Elite, bedeutende Teile der russischen Öffentlichkeit unter ihrer Hegemonie halten zu können.
Obwohl der Virus des großrussischen Chauvinismus traditionellerweise an der Mehrheit der russischen Arbeiter vorso wurden doch in der Vergangenheit große Teile der russischen Arbeiterklasse, die in nichtrussischen Republiken leben, davon infiziert. In den nichtrussischen Republiken widersetzten sich die russischen Verwaltungsleute und Arbeiter der ökonomischen Dezentralisierung ebenso wie der kulturellen und politischen Autonomie.[10] Da in den meisten dieser Republiken die russischen Arbeiter in dem bißchen Industrie, das es dort gibt, dominieren, wurde diese Position denn auch im Namen der „Diktatur des Proletariats" durchgesetzt. Mangels einer städtisch-indu- , striellen Basis hatten die nationalen Benichurusischen Republiken in den 20er die sich innerhalb der Jahren entwickelt hatten, nur ein geringes soziales Gewicht und waren leicht zu bezwingen.
Heute zeigt sich ein geändertes Bild. Anhand von zwei Republiken kann dieser Wandel verdeutlicht werden. 1939 • stellten in der Ukraine, größte nichtrussische Republik, die Russen 54 % der Arbeiterklasse, in Aserbeidschan, der größten kaukasischen Republik, 48 %. Bereits 1959 war der Anteil der Russen auf 26 bzw. 28 % gesunken.[...] Es wurde öfter behauptet, daß die sinkende Mobilität soziale Unruhen МИРОЛЮБ hervorruft. In den Republiken nimmt diese Unzufriedenheit häufig nationalistische Züge an und schafft so eine potentiell explosive Situation. Gemessen an abgeschlossener höherer Bildung gehö ren die Ukrainer zu den Bestausgebilde ten in der Sowjetunion. Dennoch sank zwischen 1955 und 1971 der Prozentsatz der Ukrainer unter den Oberstufenjahrgängen von 69 auf 60%. Die Folge davon ist, dafs ihr Gewicht innerhalb der Intelligentsia dieser Republik in jenem Jahrzehnt stationär blieb: 52 % 1959 und 54 % 1970.75 % der Bewohner dieser Repu blik waren Ukrainer: 1970 konnten fas 60 % der Ukrainer nur Ukrainisch sprechen — die Aufnahmeprüfungen zu den Universitäten finden jedoch auf Rus-
sisch statt. Allerdings belegen Untersuchungen, daß die Kenntnis des Russischen in der Arbeiterklasse am minimal.
Als 1965 die ukrainische Parteiführung unter P. Schelest eine „Ukrainisierung" vorschlug, um den Ukrainern Aufstiegsmöglichkeiten zu erottnen, wurde diese Entschließung von Moskau abgewürgt. Als Ergebnis kam es zu einer ungewöhnlichen Entwicklung. Früher war die russische Arbeiterklasse besser ausgebildet als die ukrainische. Heute jedoch werden junge Hochschulabsolventen in großer Zahl Arbeiter, da es für sie keine anderen Möglichkeiten gibt. So stellen in Moskau Sekundarstufenabgänger 55 %, in der Ukraine aber 63 % der neueingestellten Arbeiter. [...] Dies ist ein weiterer wesentlicher Grund, warum die Ukraine das wichtigste Zentrum von Agitation in der Arbeiterklasse der ganzen Sowjetunion ist.
Atomisierung
Die sowjetische Arbeiterklasse hat sich im letzten Jahrzehnt stark gewandelt. Aber das System der Arbeitsverhältnisse, der Beschränkungen der Rechte der 'Arbeiter, das Fehlen einer echten Teilnahme an der Betriebsführung haben sich nicht gewandelt.
Im wesentlichen gibt es heute zwei Wege für die Teilnahme der Arbeiter an der Wirtschaftslenkung. Beide zeigen aber auch eine extreme Schwäche der Arbeiterklasse auf, ihre Atomisierung. Zum einen gibt es da die Gewerkschaften. Mit ihrem bekannt hohen Organisierungsgrad von 98 % der beschäftigten Bevölkerung bleiben sie im Kern ein „Transmissionsriemen" zwischen der herrschenden Partei und der Klasse, obwohl die Theorie vom Transmissionsriemen, die Stalin 1926 aufgestellt hatte, eigentlich als solche nicht mehr anerkannt ist. Sie erfüllen sowohl eine Rolle im Management als auch in der Verwaltung. Nach der offiziellen Ideologie besitzen sie eine Doppelfunktion. Einerseits sollen sie die Arbeiter erziehen, d.h. in erster Linie ihnen Arbeitsdisziplin einschärfen. Zum anderen sollen sie sie aber verteidigen und repräsentieren. Allerdings ist diese Verteidigungsund Vertretungsfunktion in Wirklichkeit sehr stark dadurch beschränkt, daß die Gewerkschaften keinerlei Autonomie vom Parteiapparat haben und die Gewerkschaftsvertreter selbst auf Werksebene nicht gewählt, sondern ernannt werden. Manchesmal führte diese Prozedur zu grotesken Erscheinungen. So war zum Beispiel der frühere Gewerkschaftsvorsitzende Scheljepin zunächst KGB-Chef, bevor er höchster Gewerkschafter wurde.
SOWJETISCHE „ARBEITER!
STÄRKT DiE, ARBEITSDISZI
Zum zweiten gibt es — seit 1921 — die In einer nicht vom Markt regulierten sogenannten Produktionskonferenzen. Wirtschaft, die das Stadium der ur- Sie bestehen aus Management und Ar- sprünglichen Akkumulation hinter sich beitern und sollen gewährleisten, daß die gelassen hat, ist das Fehlen von Selbst- Stimme der Arbeiter bei der „Sicherung verwaltung eine Bremse für die künftige der erfolgreichen Arbeit des Unterneh- Entwicklung der Produktivkräfte der mens, der Erfüllung und Übererfüllung Gesellschaft. Die erste Aufgabe der Indes Produktionsplans, der Entwicklung dustrialisierung, nämlich die wesentlichdes sozialistischen Wettbewerbs, der all- sten Elemente der kapitalistischen gemeinen Produktivitätssteigerung" ge Technik zu übernehmen, konnte auf jehört wird.[11] Es ist also kein Wunder, ner Basis durchgeführt werden, die daß diese Produktionskonferenzen sehr durch die Verstaatlichung der Industrie oberflächliche Institutionen sind. Sie gelegt wurde. In einem nationalisierten treten selten zusammen, wie auch zahl- Wirtschaftssystem erfordern Qualität, lose Artikel in sowjetischen Zeitungen technologische Innovationen und intenteststellen, sie behandeln nur vergleichs- sives Wachstumauch Arbeiterselbstverweise geringfügige Angelegenheiten, waltung. Damit der wirtschaftliche und die Zahl der Arbeiter, die sich daran Fortschritt auch qualitativ weitergeht, beteiligen, ist gesunken. müssen die Produktionsmittel vollständig vergesellschaftet werden. Wirwollen In der sowjetischen Wirtschaftsfüh- im folgenden uns mit den Problemen rung ist die sogenannte „sozialistische befassen, die sich für die Arbeiterklasse Theie, Interessant ist Ver du die ergeben, wenn das Wirtschaftssystem weder durch Marktmechanismen noch überwältigende Mehrheit der Arbeiter durch sozialistische Solidarität gekenndiesen Eckpfeiler in Frage stellt. Eine der zeichnet ist. äußerst seltenen Befragungen, durchgeführt vom Jugendverband Komsomol. Allgegenwärtiger von 900 Fabrikarbeitern aus der ganzen UdSSR kam zu dem Ergebnis, daß „nur Repressionsapparat vereinzelte Individuen sich der Idee widersetzen, die Werksleitung zu wählen. Es wird oft gesagt, daß die sowjetische 76 % derer, die für Wahlen eintraten, eine repressive Gesellschaft ist. Das erwähnten, daß mit einem solchen Sy stimmt, aber es ist nicht der springende stem die Produktion effizienter würde. Punkt. Andere Regimes (z.B. in Chile (12) oder Südafrika) übertreffen an schierer
Brutalität die UdSSR bei weitem. Was einzigartig an den Mechanismen der Kontrolle in der Sowjetunion ist, ist die absolut durchgehende Durchdringung der Zivilgesellschaft vom Staat, die Vermittlung jeglicher bedeutenden menschlichen Aktivität durch den Staat und die Fragmentierung und Atomisierung der Bevölkerung.
So lautet das gute Resumee von I. Meszaros: „In einer kapitalistischen Gesellschaft können sich die Individuen auf keine andere Weise als als isolierte Indiduen realisieren. Im Gegensatz dazt ‹önnen sie sich in einer bürokratiscł ‹ollektivierten Gesellschatt gar nicht als Individuen realisieren, sondern nur als Angehörige ihrer sozialen Einheit."[13] Mit der Beseitigung von Markt und Arbeitslosigkeit und dem Mangel an Arbeiterdemokratie ist diese vollkommene Durchdringung der Gesellschaft dereinzige wirksame Mechanismus der gesellschaftlichen Kontrolle, den die sowjetische Elite zur Verfügung hat. Die Existenz einer monolithen offiziellen Ideologie liefert keine adäquate Begründung für das Ausbleiben von dramatischen Arbeiterprotesten. Die offizielle Ideologie, das kodifizierte Dogma, dient nicht zur Legitimation der Privilegien der herrschenden Gruppe und ihrer Macht über die Gesellschatt. Die rituellen Feststellungen der Parteiführer darüber, daß die Arbeiterklasse die führende Kraft der Gesellschaft sei etc., verlieren ihre Wirksamkeit, da sie in scharfem Kontrast zur bestehenden Sozialstruktur stehen. Um ihre Funktion zu erfüllen, muß die offizielle Ideologie einige Ähnlichkeit mit der Wirklichkeit aufweisen. Zu glauben, daß die offizielle Ideologie einen wichtigen Beitrag bei der Fälle von Bürokratismus und Amtsschimmel mit ständiger Autmerksamkeit in der Leitung vertolgt. Das Interesse der Leser wächst bei Fragen des Ausbaus demokratischer Praktiken im Wirtschaftsmanagement, größerer Offenheit, verpflichtender Diskussionen über anstehende Entscheidungen, Entwicklung von Kritik und Selbstkritik." Um die Kontrolle über die Gesellschatt aufrechtzuerhalten, hat die herrschende Gruppe einen beeindruckenden Repressionsapparat geschaffen. Wasihn charakterisiert, ist nicht seine besondere Brutalität, sondern seine durchgehende Macht über die Gesellschaft. Das grundlegende Prinzip der Staatsintervention in die Zivilgesellschaft ist, daß alle Interaktion zwischen Individuen und Gruppen vom Staat und seinen Organisationen vermittelt und kontrolliert sein muß.
Die Verästelungen dieses gesellschaftlichen Kontrollmechanismus sind ein komplexes Diskussionsfeld. Hier wollen wir drei Konsequenzen behandeln. Erstens ist das Regime ungewöhnlich schlecht gerüstet, mit den grundlegendsten ökonomischen Forderungen umzugehen. Themen wie Lohn- und Preis- Gesellen dig einen lich al deschene der Zivilgesellschaft ausgekämpft werden und nur selten in Politik umschlagen, nehmen in der Sowjetunion unmittelbar einen politischen Charakter an. In dieser Gesellschaft sind wirtschaftliche Forderungen der Arbeiter auf Fabrikebene tatsächlich gleichzeitig Forderungen an den zentralen politischen Apparat.
Das Beispiel Polens zeigt insbesondere folgendes: Die Regierung Gierek stürzte wegen der Reaktionder Arbeiter auf die Anküpdigung von Preiserhöhungen bei Lebensmitteln. Diese Situation rührt daher, daß die Wirtschaft völlig zentralisiert ist und die Unternehmen wenig Autonomie besitzen. Das Politbüro in Moskau legt die Schlüsselindikatoren der Wirtschaftspläne fest; Lohnskalen sind gleichfalls zentral bestimmt. Somit ist ein wichtiger Faktor der inhärenten Instabilität des sowjetischen Regimes, daß es nicht in der Lage war eine ökonomische Praxis in der Arbeiterklasse sich entwickeln zu lassen. Dies war bis zu einem gewissen Grade in Jugoslawien wegen der Fortexistenz des Marktes möglich. In der UdSSR werden dagegen selbst die simpelsten ökonomischen Forderungen als Bedrohung des Staates gesehen. Gleichzeitig wissen die Arbeiter, daß die volle Wucht des Staates auf sie niederfahren wird, sollten sie nur einen bescheidenen ökonomischen Protest organisieren, und sie sträuben sich lange, bevor sie so etwas tun. In so einer Situation gibt es wenig Spielraum für zusätzlichen Wandel. Die Spannungen erreichen unter der Oberfläche einen Siedepunkt und brechen als oft gewaltsame, sponatene Arbeiterrevolten aus. Viele solcher Vorfälle wurden für die UdSSR dokumentiert, für Osteuropa gleichfalls.
Absentismus
Die zweite Auswirkung dieser Form der Kontrolle über die Arbeiterklasse ist es, den Protest zu atomisieren und zu individualisieren. Es ist wichtig hervorzuheben, daß die Penetration durch die Geheimpolizei nicht nur auf der Makro- Sowjetische Arbeiter haben höhere Konfrolle über ihr Arbeitstempo als ihre westlichen Kolleg/innlen Abwiegelung von Unzufriedenheit in der Arbeiterklasse leisten würde, wo die Widersprüche doch so schreiend sind, bedeutet zu argumentieren, dais „Gehirnwäsche" auf Massenebene tatsächlich eine lebensfähiger Mechanismus der sozialen Kontrolle sein könnte. Es gibt auch einige indirekte Beweise dafür, daß die sowjetischen Arbeiter die offizielle Ideologie bęstenfalls mit einem hohen Ausmals an Skepsis betrachten. So stellte schon 1967 die /swestija, das zentrale Regierungsorgan, in einer von ihr durchgeführten Studie fest, dals von 25 000 befragten Lesern nur 32 % der Arbeiter, 22 % der Frauen und 21 % der Kolchosarbeiter mit der Darstellung ihres Schicksals durch die Zeitung zufrie. den waren. „Eine ernsthafte und alarmierende Beobachtung" , schrieb der Herausgeber über diese Ergebnisse. Eine andere Untersuchung von /swestija kam zu dem Ergebnis, dais nur 18 % ihre: Leserschaft Artikel las, die als ideologisch oder politisch klassifiziert waren. Andererseits wurde der Kampf gegen
ebene besteht, sondern bis in die Wohnungen und Arbeitsstätten reicht. Die sowjetische Arbeiterklasse arbeitet im Kontext eines Fabrikregimes, wo jeder Beschäftigte zusätzlich zum internen Paß auch ein Arbeitsbuch mit sich tragen muß, in dem seine/ihre Arbeit verzeichnet ist und jede abweichende Aktivität festgehalten wird, wo ein Emptehlungsschreiben der ersten Werksabteilung — der für Sicherheit nötig ist, um eine andere Beschattigung zu finden. Unter diesen Umstander wird ein Gutteil der industriellen Unzufriedenheit durch Akte einerseits der Verzweiflung, wie in den riesigen Alkoholismusraten, ausgedrückt, andererseits durch Fernbleiben von der Arbeit, Absentismus, und hohe Fluktuation. Die Arbeitsfluktuation in der Sowjetunion ist außerordentlich hoch, und sowjetische Ökonomen schätzen den jährlichen Verlust der Wirtschaft dadurch auf drei bis fünf Milliarden Rubel. Sowjetische Soziologen ihrerseits gestehen ein, dafs hohe Fluktuationsraten „eine besondere Art der Kritik an gewissen Unzulänglichkeiten in der Arbeitssphäre ausdrücken."[14] Die Konflikte verschärfen sich durch ständig steigenden Streß als Ergebnis einer rigideren Arbeitsorganisation, der Einführung von Fließbändern usw. Sowjetische Arbei- • ter haben im Gegensatz zu ihren westlichen Kollegen keine organisierte Form, um zurückzuschlagen: ihre Antwort ist unorganisiert und individuell. Schließlich, und paradoxerweise, haben die sowjetischen Arbeiter, obwohl sie als Klasse machtlos sind, als Individuen mehr Kontrolle über ihren individuellen Arbeitsprozeß als Arbeiter in kapitalistischen Ländern. Betrachtet man die Arbeitsnormen oder etwa die Bandgeschwindigkeiten, so sieht man, dals die sowjetischen Arbeiter ihre Rate weit besser kontrollieren können als im Kapitalismus. Diese Tatsache, daß die Arbeitsnormen so schlapp sind, wird in der sowjetischen Presse ständig bejammert. Mitursache dafür ist, daß der Werksleitung das Nötige fehlt, um die Arbeiterin eine effizientere Produktion zu zwingen. Weder materielle Anreize noch die Drohung mit Arbeitslosigkeit können angewandt werden, noch gibt es größere Bußen für Ausschußproduktion. Anstrengungen zur Einführung einer höher mechanisierten Arbeitsorganisation stellen nun den Versuch des Regimes dar, die Kontrolle des einzelnen Arbeiters über seinen Arbeitsgang zu reduzieren.
Das Problem des Regimes ist es, wiees die Arbeiter dazu bringen kann zu produzieren, und dies ist Teil des generellen Problems, wie man die Eigeninteressen der Individuen mit den Gesamtinteressen der Gesellschaft in Einklang bringen kann. Materielle Anreize spielen in der UdSSR eine weit geringere Rolle als im Westen. Der Koeffizient der Einkommen sank von 5,4 1946 auf 2,6 1976. Im wesentlichen beruht dies auf zwei Dingen: dem fortschreitenden Verschwin- Bender Suckrau und zweisens der Tatsache, daß die Arbeiter heute viel rascher als früher eine durchschnittliche Lohngruppe erreichen. In einer Periode des Mangels an Arbeitskräften ist das Management eher bereit, von vornherein höhere Lohngruppen anzubieten, um Arbeiter für sich zu gewinnen. (In der UdSSR sind sechs Lohngruppen üblich, die meisten Arbeiter sind in drei und vier.) Außerdem stellen der sogenannte „sozialistische Wettbewerb" und Bonusgelder eine derart unbedeutende Summe dar, daß sie als materielle Anreize unwichtig sind (anders sieht es bei den Managern selbst aus). Dazu kommt noch, daß Geld eine völlig andere Rolle spielt als im Westen. Da die Güterversorgung konstant schlecht ist, erhält die Elite ihre Privilegien großteils in nichtmonetärer Form, sondern durch Zugang zu Waren in Geheimläden beispielsweise.
Auch sieht sich der sowjetische Arbeiter nicht mit der Drohung der Arbeitslosigkeit konfrontiert. Eine der letzten Errungenschaften der Oktoberrevolution, die der Arbeiterklasse nicht weggenommen wurde, ist die Sicherheit des Arbeitsplatzes. Obwohl unter der sowjetischen Elite das Gefühl weit verbreitet sein mag, daß die UdSSR künftig einen „Arbeitslosenpool" bräuchte, um das Wachstum nochmal zu steigern, kann das Regime derart drastische Maßnahmen nicht einführen ohne das Risiko massiver Proteste. Partielle Experimente zur Intensivierung der Arbeitsproduktivität durch Entlassungen und Umschichtungen — etwa das Schtschekino- Experiment - wurden versucht, aber nichts wurde getan, um das Recht aut Arbeit zu beeinträchtigen.
Trotz ökonomischen Reformen ist der Hauptindikator für die Planerfüllung nach wie vor der quantitative Ausstois, für Ausschuls gibt es wenig Sank tionen. Dies wiederum bringt ernsthafte Schwierigkeiten bei der weiteren Mechanisierung der Arbeit mit sich. Größere Mechanisierung erfordert größere Qua- • lität und Genauigkeit, die wiederum mehr Qualitätskontrolle und Aufsicht verlangen. Die Mechanisierung hat in der UdSSR zu einigen paradoxen Kesultaten geführt. Einerseits hat sich die Zahl der Aufseher und Kontrolleure allein zwischen 1959 und 1972 verdoppelt. Andererseits wurde die Qualität der Produkte nicht erhöht. Folge: die Zahl der zusätzlichen Arbeitskräfte für Reparaturen ist in die Höhe geschossen damit waren die Produktivitätssteigerungen aus der Mechanisierung wieder paralysiert. Schon 1965 reparierten viermal soviel Menschen Maschinen als sie Maschinen herstellten.
Die Individualisierung des Arbeitsprozesses in der Sowjetunion zeigt, daf die Produktion dringend der Sozialisierung bedarf. Versuche, die Produktion ohne Arbeiterkontrolle zu sozialisieren, werden für das Regime zunehmend schwieriger sein. Selbst einige sowjetische Zeitschriften stellen fest, daß einige Formen der Arbeiterkontrolle essentiell seien, um die Produktion zu verbessern.[15] Andererseits kann Arbeiterkontrolle nicht eingeführt werden, ohne auch die Mechanismen der sozialen Kontrolle zu tilgen, die das gegenwärtige Regime an der Macht halten. Aber die herrschende Schicht könnte angesichts der Forderungen einer breiten, zunehmend jüngeren und gebildeteren Arbeiterklasse langsam an Elan verlieren, um sich einem Wandel noch zu widersetzen. [1) Narodnoje chosiaistwo SSSR 1922-1982, Moskau 1982.
(2) Stroitelsture kommanisma, Moskau 1966. (3] M.N. Kutkewitsch, O ponjati) intelligentzi kak sotzialnogo słoja sotzialistit scheskogo obchtschestura (Überdas Konzept der Intelligentsia als soziale Schicht der sozialistischen Gesellschaft), in Nautschyne Doklady Wystschej Tschkoly Nr. 4, Moskau 1966.
(4) L. Danilow, Sokrachischenije rotschnogo trudatrashnij faktor ratzionalnogo ispolso trunnija trodowych resursow (Die Senkung der Jahresarbeitszeit als wichtiger Faktor einer rationellen Arbeitskräfteplanung), in Kommanist Nr. 9, Moskau 1977.
[5] M.N. Rutkewitsch/ F.P. Filippow, Sotzialnije peremechtschenija (Bevölkerungsverschiebungen). Moskau 1970.
[6] L.A. Gordon/ E.W. Klopow, Sotzialnoje rasuitje rabotschego klassa SSSR (Die soziale Entwicklung der Arbeiterklasse der UdSSR), in Woprory Filosofij Nr. 2. Moskau 1972 [7) N.P. Konstantinowna/ O.W. Stakanowa/ O.I. Chkaratan, Peremeny y sotzialnom oblike raborschich r epocha rasuitogo sozialisma (Veränderungen in der sozia len Zusammensetzung der Arbeiterklasse in der Epoche des fortgeschrittenen Sozialismus), in Woprosy Istorij Nr. S. Moskau 1978.
[8] W. Tschurbanow, Molodoj raborschij i nesoderscha. telnij trad (Der junge Arbeiter und die ungelernte Arbeit). in Molodoj Kommunist Nr. 6. Moskau 1972. (9) A. Janow, Rabotschaja tema (Die Arbeiterfrage), in Nouj Mir Nr. J, Moskau 1971.
(10] W. Bielotzerkowsiki, Stroboda, erlast i obstuennost (Die Freiheit, die Macht und das Eigentum), München 1977.
(11] Robert Conquest (Hrsg.), Industrial Workersin the USSR. London 1967. S. 183.
[12] 1.iteraturnaja Gaseta Nr. 8. Moskau 1977. (19] Istwan Meszaros, Marx' Theoryof Alienation, London 1970, S. 269.
[14] J.G. Antonsenkow, Opyr isledouannija peremeny Trada 1: promychlennosti (Untersuchungsergebnisse über Veränderungen von Industriebelegschaften). Nowosibirsk 1969.
(15] Siche dazu Inprekorr Nr. 169. Mai 1985.
Nr. 22/1 - 10/85 die Internationale
Die Notwendigkeit einer revolutionären Internationale
Teill
John Ross / Ernest Mandel
In der Bundesrepublik Deutschland ist es - als Zusammenschluß schon verankerausgehend von gemeinsamen Erfahrun- ter nationaler Organisationen oder von gen und Positionen im Streik um die 35- vornherein den Aufbau nationaler Partei- Stundenwoche, der 1984 geführt wurde, zu en begleitend - als auch um die historieiner Debatte auf Leitungsebene zwischen sche Tradition der IV. Internationale und der deutschen Sektion der IV. Internationa- ihren Wert als Kern einer künftigen revolule, Gruppe Internationale Marxisten (GIM) tionären Masseninternationale. und der Kommunistischen Partei Deutschlands (KPD) gekommen, ob eine Vereini- Um dieser Debatte Stoff zu liefern, veröfgung beider Organisationen realistisch ist fentlichen wir hier einen Text, der in Inter- Deren Verlaut war bislang positiv, erste national Marxist Review Nr. 1 im Frühjahr Plattformentwürfe wurden vorgelegt und 1982 veröffentlicht wurde. So manches die Diskussion darüber in die Ortsgliede- konkrete Beispiel aus dem Leben der IV. rungen getragen. Internationale könnte durch Aktuelleres
Neben der Frage des Charakters der Staa- ersetzt werden. Jedoch bestand nicht die ten, in denen eine antikapitalistische Revo- Möglichkeit, den Text so ausreichend zu lution stattgefunden hat, ist die der inter- kürzen, daß er auf den acht gelben Seiten nationalen Organisierung die wichtigste Platz finden würde, ohne ihn zu sehr zu Differenz zwischen beiden Organisatio- verstümmeln. Wir bitten deshalb um Vernen. Es geht dabei sowohl um die Art, wie ständnis für eine Wiedergabe in Fortseteine Internationale gebildet werden kann zung.
Vi. 173, Oktober 1985 Seite 17
1.
Die Internationalisierung der Produktivkräfte
Von Anbeginn an war der Kapitalismus auf den Weltmarkt orientiert. Internationaler Handel in spezialisierten Gütern, Export von in den kapitalistischen Ländern, die zuerst industrialisiert wurden, hergestellten Gütern, Importe von Gütern aus „unterentwickelten" Ländern und Eroberung von Märkten in diesen Ländern begleiteten jeden Schritt der kapitalistischen Produktionsweise nach vorne. In seiner Natur als Agens der Produktivkräfte schon war und ist der Kapitalismus ein Weltsystem. Jede überlegene Produktionsweise, die den Kapıtalismus ablöst, wird notwendig einen noch internationaleren Charakter annehmen als der Imperialismus. Alle Konzepte eines „Sozialismus in einem Lande" sind nicht bloß von einem politischen, sondern auch von einem unmittelbar ökonomischen Standpunkt aus reaktionär wie utopisch.
Die weltweite Ausdehnung des Kapitalismus nahm jedoch eine ungleiche und kombinierte Gestalt an. Moderne industrielle Massenproduktion aus den entwickelten kapitalistischen Ländern zerstörte die vorkapitalistischeen Formen (Selbstversorgung, Handwerk und anfängliche Manufaktur) in den Ländern unter ihrer Herrschaft, ohne deshalb dort auch zu einem massiven Wachstum moderner Industrie zu führen.
Folglich wird auch die Weltwirtschaft mehr und mehr zu einer Einheitsstruktur zugunsten der imperialistischen Zentren. Überspezialisiert auf die Hebung und Ausfuhr von Rohstoffen und mit einer durch die Exportchancen geformten Industrie sind die abhängigen Länder auf Gedeih und Verderb dem Auf und Ab der Rohstoffpreise und den Fluktuationen des Weltmarkts ausgeliefert. Selbst die Ökonomien, die ein wenig industrielle Entwicklung erreicht haben, bleiben von der Lage in den imperialistischen Zentren abhängig: und auf der anderen Seite erleiden die schwächsten neokolonialen Ökonomien schwere Rückschläge, die riesige Massen armer Bauern und Arbeiter zu einer Entwicklung von Elend zu Hunger verdammen. Soziale Ungleichheit steigert sich zu politischer Instabilität und Krisenhaftigkeit.
Im Spätkapitalismus (einer Unterperiode des imperialistischen Zeitalters, die mit dem Ende des Zweiten Weltkriegs einsetzte) zeigt das Entstehen von multinationalen Konzernen klarer als alles andere eine neue und höhere Phase der Internationalisierung der Produktivkräfte. Nicht mehr nur zeigt sich diese Internationalisierung im Welthandel oder der weltweiten Kapitalbewegung, sondern auch in einer zunehmend internationalen Organisation der Produktion selber. Die multinationalen Konzerne organisieren eine internationale Arbeitsteilung ihrer selbst, lassen Ersatzteile auf dem einen Kontinent herstellen und montieren auf einem anderen, sie verschieben die Herstellung eines Produkts von einem Land, von einem Kontinent zum anderen.
Es gibt keinen besseren Beweis dafür, daß nicht nur das (kapitalistische) Privateigentum, sondern auch der Nationalstaat durch das Niveau der Produktivkräfte überholt worden ist. In vielen Bereichen der Industrie haben wir heute eine so entwickelte Technik, ja sogar einzelne Maschinen, dais sie nur profitabel angewandt werden können, wenn sie für ein Dutzend Länder gleichzeitig arbeiten. Alle wirtschaftlichen Kernprobleme, vor denen die Menschheit heute steht — die Überwindung von Hunger und Unterentwicklung in der Dritten Welt; die Sicherstellung der Vollbeschäftigung; die Unterordnung der „sponatanen" Entwicklung von Wissenschaft und Technik unter die Lebensinteressen der Menschheit - können nur in internationalem Maßstab gelöst werden. Aber es klafft noch immer ein gähnendes Loch zwischen diesem objektiven Bedürfnis und dem durchschnittlichen Bewußtseinsstand, der zur Lösung nötig ist. Wie immer humpelt das Bewußtsein hinter der objektiven Realität hinterher.
Die Idee der uneingeschränkten „nationalen Souveränität", die so lange fortschrittlich ist, wie sie gegen Reste des Feudalismus und gegen den Imperialismus gerichtet ist, wird reaktionär, wenn sie auf den Aufbau einer gemeinsamen sozialistischen Welt angewandt wird, einer Weltföderation Sozialistischer Republiken. Dies erklärt auch, wieso alle Versuche der Bürokratien der deformierten und degenerieten Arbeiterstaaten, den „Sozialismus in einem Land" aufzubauen, rückständig bleiben und als unerreichbar scheitern. Keine rationale Planung der Ressourcen der Welt zugunsten einer raschen Überwindung der Unterentwicklung, des Hungers und des Elends, des Ausgleichs der Ungleichheiten zwischen „reichen" und „armen" Nationen ist möglich, wenn jedes Land es „aus eigener Kraft" schaffen will, seine „eigene" Stahlindustrie begründen will, seine „eigene" Autoindustrie, seine „eigene" Elektronikindustrie, ohne Rücksicht auf die Kosten und die großen Vorteile einer internationalen Arbeitsteilung. Dies wird umso mehr bei Revolutionen in fortgeschritten industrialisierten Ländern der Fall sein.
Sicher, die Art, in der die internationale Arbeitsteilung unter dem Kapitalismus funktioniert oder in der die privilegierte Bürokratie, die in der UdSSR die Macht usurpiert hat, nach ähnlichem Schema verfährt, nämlich auf der Basis der Ungleichheit, hat die Zweifel und Vorurteile gegenüber internationaler Solidarität bei vielen Völkern (in Asien, Osteuropa und sonstwo) gewaltig anwachsen lassen. Aber dies ist kein Grund für revolutionäre Marxist/inn/en, die Augerf vor dem Offensichtlichen zu verschließen, daß ein Weltsozialismus nur auf einem höheren Niveau der internationalen Organisation und Planung des wirtschaftlichen und politischen Lebens möglich ist. Dies wird nur möglich sein, wenn die vielen Einschränkungen der „nationalen Souveränität" von der Masse der Arbeitenden frei akzep tiert werden, die im Weltsozialismus ihr eigenes Schicksal auf der Basis striktester Gleichheit zwischen den Nationen bestimmen werden. Eine solche freiwillige Einsicht ist ohne ein hohes Maß internatio nalistischer Erziehung und Organisierung ausgeschlossen. 2.
Der Klassenkampf ist international Von ihrer Natur her, also durch ihre Bindung an Privateigentum, Konkurrenz, Ausbeutung und Ungleichheit, ist die Klasse der Kapitalisten und ihrer Anhängsel (aus den Teilen der Kleinbourgeoisie, die ihre Ideologie teilen) organisch zu einer weltweiten Lösung der Probleme der Menschheit unfähig. Die große Lücke zwischen der objektiven Internationalisierung der Produktivkräfte zum einen und zum anderen dem Überleben des bürgerlichen Nationalstaats wird von allen nur denkbaren internationalen Institutionen und Regelungen zugekleistert. Wirft man aber mal einen genaueren Blick auf die Operationsweise dieser Mechanismen, so wird man immer entdecken, daß sie zugunsten einer bestimmten Kapitalistengruppe (meistens der stärksten) verläuft und zuschaden anderer, aber auch zugunsten des Kapitals insgesamt und zuschaden der Ausgebeuteten und Unterdrückten der ganzen Welt.
Der Kapitalismus kann nicht wachsen, ohne zugleich die Lohnarbeit mitwachsen zu lassen. Die Kapitalakkumulation hat als Quelle den Mehrwert, der nur von lebendiger Lohnarbeit erwirtschaftet werden kann. Deshalb begleitet den Kapitalismus von Beginn an der Kampf zwischen Arbeit und Kapital.
Dieser Klassenkampf jedoch steigert sich nicht fortlaufend und findet nicht zu jeder Zeit bewußt statt. Er macht Schwenks heftigster Art durch (umfassende Massenstreiks, umfassende politische Massenaktionen, vorrevolutionäre Lagen, revolutionäre Kämpfe um die Macht). Aber auch wenn er auf Sparflamme kocht, findet er doch täglich auf der Fabriksebene statt, vorangetrieben von den Kapitalisten selbst. Jede Maschine, die neu ins Werk kommt, jeder Versuch der „Rationalisierung" der Arbeitsorganisation ist ein Versuch des Kapitals, der Arbeit mehr Mehrwert abzupressen; jede Entlassung eines/r Arbeiters/in ist ein Versuch, die Arbeiterklasse zu schwächen. Von Zeit zu Zeit beantworten die Arbeitenden diese ununterbro. chenen Angriffe, diese tägliche Führung des Klassenkampfs durch den Klassenfeind mit einer massiven, statt einer individuellen oder stückweisen Aktion. Diese Massenreaktion reicht von Streiks zur höchsten Form des proletarischen Klassenkampfs, dem Kampf für den Sturz der Staatsmacht der Kapitalisten und ihres Eigentums, für den Sieg der Revolution.
Je höher das Niveau der Internationalisierung von Kapital und Produktivkräften, desto mehr wird auch der Klassenkampf international. Um einmal auf die elementarste Entwicklung dieser Art zurückzugreifen, schon in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts versuchten die Unternehmer Streiks durch eine Umdirigierung der Aufträge in andere Länder oder den „Import" ausländischer Arbeitskräfte zu brechen. Eine nationalistische Reaktion der Streikenden, der Versuch, die „Fremden" als Feinde hinzustellen, spielten den Unternehmern in die Hände und erwiesen sich bald als unwirksam, auch nur, einen Streik zu gewinnen. Längerfristig konnte es nur den Kapitalisten helfen, die Arbeiterklasse dauerhaft zu spalten, indem in ihr der Geist der Konkurrenz und des Streits zwischen verschiedenen Nationen verankert würde, der für das Kapital normal ist, aber gegen die Interessen der Arbeit.
Erfahrung lehrte die Arbeitenden rasch, daß die beste Antwort auf diese Manöver der Kapitalisten die Ausdehnung des Streiks und der gewerkschaftlichen Organisierung auf eine internationale Ebene ist. Dies war einer der wichtigsten Gründe, weswegen Marx und Engels schon 1864 die Gründung der I. Internationale, der Internationalen Arbeiterassoziation, zuwege bringen konnten.
Im Gegensatz zur kapitalistischen Klasse hat die arbeitende Klasse keine an das Eigentum gebundene Neigung zur Konkurrenz. In ihren Grundinteressen, sogar von der Form ihrer Arbeit in den Fabriken her, in denen sie sich gegen den Klassenfeind verteidigen muf, ist sie auf Kooperation und Solidarität angewiesen. Und da das Kapital zunehmend in internationalem Maßstab operiert und den Klassenkampf internationalisiert, ist die Arbeiterklasse zu einer Ausdehnung von Kooperation und Solidarität auf internationaler Ebene gezwungen, sonst kann ste sich schon im voraus geschlagen geben, bei einem Spiel, wo die Karten völlig zu ihren ungunsten ausgegeben wurden Wahr ist, daß das proletarische Bewußtsein wieder und wieder hinter den tatsächlichen Bedürfnissen des Kampfes hinterherhinkte. Wieder und wieder erzielte die Bourgeoisie - und die ihr dienstbare Arbeiterbürokratie — mit Nationalismus, Rassismus und Chauvi nismus in der Spaltung der Arbeitenden Erfolge, brachte sie gegenein- "ander in Rage und verhinderte den Zusammenschluß gegen den Klassenfeind. Und immer wenn dies geschah, immer wenn die Arbeiterklasse in der Wahrnehmung ihrer internationalistischen Mission versagte, zeigte es sich, daß die Kapitalisten davon den Vorteil hatten und die Arbeitenden vernichtend geschlagen wurden. So beugte sich zu Beginn des Ersten Weltkriegs die Mehrheit der europäischen Arbeitenden zuerst dem immensen Druck der bürgerlichen chauvinistischen Propaganda, die in ihre Reihen von jenen Führern ihrer Massenparteien und -gewerkschaften hineingetragen worden war, die selber vor der imperialistischen Bourgeoisie kapituliert hatten. Dies bedeutete den Zusammenbruch der Zweiten Internationale. Die Arbeiter von 1914 gingen davon aus, ineinen Krieg zur „nationalen Verteidigung" zu ziehen, wo es sich in Wahrheit um einen imperialistischen Raubkrieg handelte. Und sie mußten einen schweren Preis zahlen. Millionen wurden von ihren jeweiligen Klas senbrüdern anderer Länder getötet. Für Zigmillionen sank der Le bensstandard rasant, weil die Klassenkollaboration mit den Unternehmern hingenommen, Versprechen, nicht zu streiken, im Namen der „nationalen Einheit" gegeben worden waren. Es wurde dann für die Internationalisten — zu Kriegsbeginn eine Minderheit — möglich, zunehmende Kreise der Arbeiterklasse davon zu überzeugen, daß Internationalismus weder ein utopisches Wolkenkuckucksheim sei noch ein abstraktes „Ideal", dem sich nur eine kleine Avantgard verpflichten kann, sondern reale Möglichkeit ist, die dem unmittel baren gemeinsamen materiellen Interesse der Arbeitenden aller Länder entspricht.
Ähnlich waren die Arbeitenden beim Beginn reaktionärer, konterrevolutionärer Kriege zur Wiedereroberung von Kolonien wie dem des französischen Imperialismus gegen die algerische Revolution ab 1954 von chauvinistischen und rassistischen Vorurteilen beeinflußt, zumal diese nicht von den Führungen der Massenorganisationen mutig bekämpft wurden. Sie hielten sich von ihrer klaren Pflicht zur Solidarität mit dem Freiheitskampf derer fern, die auch gegen ihre eigenen Ausbeuter kämpften. Auch hier mußte ein großer Preis gezahlt werden: Tausende Tote und im Falle Frankreichseine Bedro hung der eigenen elementaren demokratischen Freiheiten, die im Sturz der Vierten Republik und ihrer Ersetzung durch einen bonaartistischen starken Staat unter General de Gaulle 1958 gipfelte Diese Erfahrung half den kleinen internationalistischen Minderhei ten, Teile der Arbeiterklasse für einen Kampf gegen den schmutzigen Krieg zu gewinnen, für eine Oppositiongegen die „Kriegsanspannungen" mit allen Mitteln.
Die Notwendigkeit, den Klassenkampf auch auf internationaler Ebene zu führen, ist auch in neueren Beispielen verdeutlicht worden. Heute, wo multinationale Konzerne die Produktion auf weltweiter Basis organisieren und Politik zu allererst Weltpolitik ist, ist sogar streng nationaler Ebene zu lösen, zunehmend schwieriger. schon der Versuch, Probleme der wirtschafrlichen Verteidigunzum Beispiel wurde die westeuropäische Stahlindustrie in den letzten drei Jahren von einer tiefen Strukturkrise erfaßt, während der über 100 000 Kollegen in zwölf Ländern entlassen wurden. Jedoch wurden die westdeutschen Stahlarbeiter in ihrem ersten exemplarischen Streik für die 35-Stundenwoche alleine gelassen, die, international erobert, alle die genannten Arbeitsplätze gerettet hätte. Genauso wurde die Kampfkraft der britischen Stahlarbeiter trotz aller Ent schlossenheit unterhöhlt, weil kein ernsthafter Versuch unternommen wurde, internationale Solidarität zu organisieren. Es gab keinen tatsächlichen Boykott des Stahls aus europäischen Hochöfen, mit europäischen Lastwagen und Bahnen, über europäische Häfen. Selbst eine nur begrenzte Zahl entschlossener Gewerkschafter, die ihre Aktionen in allen europäischen Ländern koordiniert hätten, hätte hierin einen Teilerfolg erringen können, ja sogar einen solchen Druck ausüben, daß in ihren jeweiligen Gewerkschaftsstrukturen schließlich internationale Solidarität die Oberhand gewonnen hätte. Diese Beispiele zeigen, wie die internationale Wirklichkeit des Klassenkampfes ihren Stempel den sozialen Prozessen aufdrückt. Sie zeigen die Pflichten und Chancen der Arbeiterklasse und der Revolutionäre. Die objektive Notwendigkeit des proletarischen Internationalismus ist äußerst simpel gegeben; im Klassenkampfist jede Niederlage der einen Seite ein Sieg für die andere — und dies gilt national wie international.
Die Bourgeoisie hat dies vollkommen verstanden. Ihre führenden Kreise haben ein äußerst entwickeltes internationales Bewußtsein. Ihre konterrevolutionären Organisationen (NATO, EG, ASEAN, Verteidigungspakte usw.) und Operationen (Vietnam, Putsch in Bolivien, Intervention am Persischen Golf, El Salvador) beschränken sich nicht auf das Nationale, sondern haben voll internationalen Umfang. Was auch immer es an einzelnen Meinungsverschiedenheiten zwischen ihnen geben mag, bei den wichtigsten konterrevolutio nären Operationen kooperieren sie miteinander.
Im Gegensatz dazu ist das Proletariat schwer behindert durch stalinistische, eurokommunistische und sozialdemokratische Irreführer und leidet jedesmal aufs neue, wenn es seinen internationalistischen Verpflichtungen nicht nachgekommen ist. Schließlich war das Versagen der Zweiten Internationale im Kampfgegen den Imperialismus schon in der Katastrophe der Schlachtfelder des Ersten Weltkriegs geendet.
Das Versagen der Arbeiterbewegung in Britannien, Solidarität mit Irland zu zeigen, schuf nicht nur die Teilung dieses Landes, sondern auch eine ultrareaktionäre Enklave im britischen Staat. Das Versagen der Führungen der Arbeiterbewegung der imperialistischen Länder, sich mit den Kämpfen gegen die stalinistische Bürokratie in Osteuropa zu solidarisieren, öffnet ultrarechten Strömungen Tür und Tor, die nun unter dem Mäntelchen von , Verteidigerinnen der Demokratie" auftreten können.
Parallel dazu hat die Arbeiterbewegung immer dann gewonnen, wenn sie internationale Solidarität übte, selbst wenn dies anfangs aus konfusen und unklaren Motiven heraus geschah.
So führte die wachsende Unwilligkeit portugiesischer Arbeiter und Jugendlicher, in den Kolonialkriegen in Afrika zu kämpfen, zum Vordringen dieser Stimmung auch in der Armee und schließlich zu Krise und Sturz der gehaßten faschistischen Diktatur von Salazar und • Cactano 1974 in Portugal selbst.
Ein anderes eindrucksvolles Beispiel, zumal es aus kleinsten Anfängen innerhalb des weltgrößten Imperialismus begann, war die Bewegung gegen den Vietnam-Krieg. Der Beginn der offenen militärischen Aggression der USA in Vietnam Mitte der 60er Jahre stieß nicht von Anfang an auf Opposition. Aber der ständige Blutzoll, die Folgen für die Wirtschaft und das enthüllte nackte Gesicht der imperialistischen Aggression in den Augen der Jugend steigerten die Gegnerschaft zum Krieg. Die Internationalisten, die am Anfang nur eine kleine Minderheit waren und kleine Protestaktionen durchführen konnten, waren gegen Kriegsende in der Lage, die Aktionen von Hunderttausenden anzuführen, und fanden sich auf der Woge populärer Emotionen emporgehoben. Der Ausgang des Kampfes, angespornt vom unlaublichen Heroismus des vietnamesischen Volkes, rils die ameri anische herrschende Klasse in die schwerste Niederlage ihrer gesam ten Geschichte.
Internationalismus ist also nicht das spezielle Besteck", die „exotische Vorliebe" oder die „Utopie" der revolutionären Marxist/inn/en. Er verändert unmittelbar das Kräfteverhältnis und erhöht die Chancen von Siegen der Arbeiterklasse in allen Ländern. Die Notwendigkeit einer internationalen Organisation der Avantgarde der Arbeiterklasse ist nicht nur in den ökonomischen Realitäten der heutigen Welt verwurzelt, sondern auch in den Realitäten des täglichen Klassenkampfs. _Proletarische Emanzipation kann nur eine internationale Tat sein." [Engels zu Lafargue am 27. Juni 1893] Die politische Grundlage des proletarischen Internationalismus
Zumindest seit dem 20. Jahrhundert (zum Teil auch schon im 19.) führen die inneren Widersprüche des Kapitalismus zu periodischen gewaltsamen Ausbrüchen. Die imperialistische Epoche wird zur Epoche der Kriege, Revolutionen und Konterrevolutionen. Und genauso wie die Kriege nehmen die Revolutionen und Konterrevolutionen immer mehr die Form von internationalen Revolutionen und internationalen Konterrevolutionen an.
In der Tat hat im 20. Jahrhundert keine einzige Revolution stattgefunden, die nicht durch internationale Entwicklungen angetrieben worden wäre und sich nicht in andere Länder ausgedehnt „Die Krise der Menschheit ist die Krise der proletarischen Führung- ." Die Führung, die erforderlich ist, ist diejenige, die den Massen hilft, diesen Abstand zwischen ihrem Bewußtsein und der objektiven Realität zu verringern. Eine Führung, die sich den internationalistischen Aufgaben stellt, die Arbeiterbewegung im Geiste des Internationalismus umerzieht. Der einzige Internationalismus, der am Ende entscheidend ist, ist der, der in der Praxis eingelöst werden kann — und dies ist, letztlich nur durch den Aufbau einer tatsächlichen Internationale möglich, die ihrem Namen entsprechend funktio. niert.
4.
Der Kampf um eine revolutionäre Internationale in der Geschichte
Genau wegen dieser objektiven Notwendigkeit im Klassenkampf, seine „organisatorischen" Schlußfolgerungen mit der politischen Analyse in Einklang zu bringen, ist auch die ganze Geschichte der Arbeiterbewegung mit der des Ringens um die Schaffung einer wirklichen revolutionären Internationale verwoben. Die Vorstellung, nationale revolutionäre Parteien würden ausreichen oder starke nationale revolutionäre Organisationen müßten zuerst gebildet wer- • Deutschland, Österreich, Ungarn und teilweise Italien über. 1936 Die chinesische Revolution von 1946/49 dehnte sich nach Korea, Indochina, Indonesien und Malaya aus. Die indochinesische trug den Funken nach Algerien. Die algerische Revolution zeitigte Folgen in Angola, Mozambik und Guinea-Bissau. Die kubanische Revolution war in ganz Lateinamerika zu spüren. Und jetzt entfaltet sich die nicaraguanische Revolution vor unseren Augen in ganz Mittelamerika, besonders in El Salvador.
Genauso aber, wie wir schon gesehen haben, organisiert sich die Konterrevolution in internationalem Maßstab. Sie ist nicht zufrieden mit der Finanzierung und Bewaffnung der herrschenden Klasseneines jeden Landes, das von der Revolution bedroht wird, um diese an der Macht zu halten oder nach ihrem Sturz wieder dahin zu bringen. Sie organisiert wirtschaftliche und finanzielle Erpressung und Blockaden gegen jede Revolution. Sie organisiert internationale Söldnergruppen, um revolutionäre Regimes zu destabilisieren und zuderen Sturz beizutragen. Wenn dasalles nicht reicht - und die Kräfteverhältnisse im Hinterland des Imperialismus es erlauben — organisiert sie die offene militärische Intervention auf Seiten der lokalen Konterrevolution im Bürgerkrieg (Finnland 1918, Rußland 1918/20, Polen 1920, Spanien 1936, China 1946/49) oder greift alleine gegen die Revolution ein (China in den 30ern, Korea 1950/53, 30 Jahre lang zuerst der französische, dann der US-Imperialismus in Vietnam, Algerien 1954/62).
Die Internationalisierung von Revolution und Konterrevolution gibt die politische Basis der Notwendigkeit einer revolutionären Internationale ab. Der Erfolg einer Revolution hängt nicht nur von nationalen Faktoren ab. Eine revolutionäre Führung muß daher nicht nur die nationale, sondern auch die internationale Lage in Betracht ziehen.
In unserem Zeitalter können die Aufgaben einer Internationale nicht mehr bloß auf die Verhinderung von Streikbruch durch internationale Solidarität beschränkt werden. Ihre Aufgaben gewinnen einen ständig weiteren politischen Umfang. Sie muß gewährleisten, daß die internationale Arbeiterklasse und die unterdrückten Völker, die für die nationale und soziale Befreiung aufstehen, sich nicht weltweiten imperialistischen Bündnissen und deren Gewalt in völlig aufgelöster Form gegenübersehen — sonst wird der Sieg wesentlich schwieriger zu erringen, der Presi für ihn viel höher, und Niederlage könnte das Ergebnis sein.
den, bevor man mit dem Aufbau einer Internationale beginnen kann, ist schlicht falsch.
So wird die Frage nicht beantwortet, wie man ein Minimum an programmatischer und organisatorischer Kohärenz zwischen nationalen Organisationen sicherstellen kann, die voneinander unabhängiaufgebaut werden. Es beantwortet nicht die Frage, wie eine internationalistische Erziehung möglich sein soll ohne die praktische Erfahrung einer dauernden gemeinsamen internationalen Aktivität. Besonders beantwortet es nicht die Frage, wie eine zureichende Analyse einer extrem komplexen internationalen Situation und Entwicklung die Aktivitäten der Revolutionäre anleiten kann, die nicht dem Test einer gemeinsamen Praxis in den meisten Teilen der Welt ausgesetzt sind, vermittelt über Organisationen und Kader, die Mitglied ein und der gleichen Weltpartei sind. Es wird nicht verstanden, daß Sammeln eines größtmöglichen Erfahrungsschatzes durch internationale Organisation, formelle Organisation einer Internationale, Eingreifen auf internationalem Maßstab nicht der Schaffung starker nationaler Führungen und starker nationaler Parteien zuwiderlaufen und widersprechen, sondern helfen. Dies wird durch die Geschichte der gesamten revolutionären Bewegung bestätigt und entspricht auch deren Natur.
In gewisser Weise waren die erste Internationale in der Geschichte des Marxismus Marx und Engels selbst - zwei Menschen, die nie in ihrem Leben zuerst eine nationale Organisation aufgebaut haben, sondern immer gleichzeitig, ob mit Massen- oder Minikräften, eine Internationale mitschufen (Bund der Kommunisten, die geplante Internationale mit dem Chartisten-Führer Ernest Jones, Erste Internationale, Zweite Internationale). Es ist eine Binsenweisheit. dieaber in ihrer Bedeutung voll begriffen werden sollte, daß der Marxismus von Anfang an kein nationales, sondern ein internationales Produkt war, wie es in jener Formel lautet: „Das Produkt dewtscher Philosophie, französischer Politik und britischer Nationalökonomie". Marx und Engels formten sich selbst und ihre Ideen von Anfang an auf dem weitesten internationalen Terrain — auf das sich ihr Blickfeld gelenkt hatte, um Antworten auf die Erfordernisse des revolutionären Kampfs in Deutschland zu finden.
Führte diese „Obsession" mit internationalen Entwicklungen, die Weigerung, einfach bloß nationale Organisationen statt immer inter. nationale aufzubauen. Marx und Engels dazu, den Boden der „natio nalen Realitäten und Besonderheiten" unter den Füßen zu verlieren,
wie manchmal behauptet wird? Wohl das Gegenteil! Gerade weil sie Flügel in der deutschen Partei und beteiligte sich an der russischen völlige Internationalisten in Praxis und Ideen waren, sie am Revolution von 1905 und den internen Auseinandersetzungen der deutlichsten die entscheidenden universellen Momente des histori- russischen Partei, hinzu kam Arbeit für die Zweite Internationale. schen Prozesses sahen, gelangten Marx und Engels zum mit Abstand Und es sollte diese internationale Strömung werdên, die in Deutschbesten Verständnis des revolutionären Prozesses ihres eigenen Lan- land am realistischsten und revolutionärsten war, im Gegensatz zu des, Deutschlands. Welche Fehler sie auch im einzelnen begingen, sie allen Predigern der „nationalen Besonderheiten". schlugen doch die besten Taktiken vor, verstanden die konkrete Lage in jedem Schritt, griffen ein. Ihre internationale Basis führte sie zur besten nationalen Linie, während die Kräfte, die Kirchturmspolitik betrieben, von Irrtum zu Irrtum taumelten.
Und legten nicht Marx und Engels gleichfalls ihre ,Unfähigkeit Und welchen Schluß zog Luxemburg daraus? Daß sie etwa zu zum Parteiaufbau" oder ihre „Unfähigkeit zum Verständnis der exzessiv internationalistisch gewesen sei? Nein, im Gegenteil, daß die nationalen Besonderheiten" in ihren späteren. Tätigkeiten an den gesamte Arbeiterbewegung nicht international genug organisiert gewe Tag? Nicht im geringsten! Sie waren es, die es am besten verstanden, sen war. Dies schrieb sie unmittelbar nach der Katastrophe des die Erste Internationale und ihre Sektionen aufzubauen, die die August 1914 und dem Zusammenruch der Zweiten Internationale: Bedeutung der Pariser Kommune und den Weg nach vorne für sie „Der Schwerpunkt der Organisation des Proletariats als Klasse ist die erfaßten sowie für den Kampf in Deutschland. In seiner Agitation für Internationale." Sie dachte auch nicht daran, diese auf einen „Auseine Arbeitermassenpartei ohne programmatische Vorbedingungen •tausch von Ideen" zu beschränken, sondern stellte sich dabei eine wirkliche internationale Organisation vor.
KOMMUNISTE TEVOLUIDNAR
PASTE
IGUE MA ASTE REVOLUTIO
SUISS M- (eine Labour Party) in Britannien war Engels seiner Zeit 20 Jahre im Ein zweites großes Beispiel war das der Bolschewisten selber. Die Verständnis der Entwicklungsrichtung dieser Arbeiterbewegung dringende Notwendigkeit revolutionärer Ideen und Lösungen, ge voraus, wenn man ihn mit den aut die sogenannten nationalen schaffen durch den Druck des Klassenkampfs in Rußland seit dem Realitäten" Fixierten vergleicht. ausgehenden 19. Jahrhundert, verbunden mit dem erzwungenen Exil Dies ist eine generelle Regel der Entwicklung der internationalen von Zehntawsenden politischen Oppositionellen, gab der russischen revolutionären Bewegung, eine die den objektiven Grundcharakter Partei ein Netzwerk von Denkern und Beobachtern, eine internatiovon Politik, Wirtschaft und Klassenkampf widerspiegelt. Die Kräfte nale Erfahrung, wie sie auf der Welt ihresgleichen suchte. Lenin sagte, sind am korrektesten und revolutionärsten auch auf dem nationalen die russische Partei sei die, die mit dem jeweils „letzten Wort" auf der Feld, die ihre revolutionäre Erfahrung nicht nur in einem Lande internationalen Szene der Ideen und Trends am besten vertraut gesammelt haben, sondern am internationalsten geprägt sind. Dies gewesen sei. Dies war nicht nur eine abstrakte, sondern auch eine können wir mit einigen besonders einleuchtenden Tatsachen aus der materielle Frage. Die russische Politik wurde völlig von der Weltpoli- Geschichte der Arbeiterbewegung belegen. tik beherrscht. Beiden Revolutionen, 1905 und 1917, ging ein Krieg Der revolutionärste und zugleich internationalistischste Flügel der voran. Die russischen Revolutionäre hatten wegen ihres Exils prakdeutschen SPD war der praktisch von Liebknecht und politisch von tisch in jedem Land Kontakte. Die Übersetzung von revolutionärer Luxemburg geführte. Gerade Luxemburg war völlig in internationale Literatur jeglicher Varietät ins Russische war der in jede andere Erfahrungen und Standpunkte eingetaucht. Im geteilten Polen gebo- Sprache bei weitem voraus. Die Bolschewisten, immerhin nachweisren, hatte sie die Chance, Aktivistin von drei Parteien zugleich zu lich die Partei, die die „nationalen Besonderheiten Rußlands" versein: der polnischen, der russischen und der deutschen. Zeitgleich standen hat, war die internationalste Partei der ganzen Zweiten arbeitete sie am Aufbau einer polnischen Organisation, führte einen Internationale.
Nr. 173, Oktober 1985 Seite 21
Die Bolschewisten zogen wie Luxemburg beim Bruch der Internationale nicht den Schluß, „zu international" gewesen zu sein. Diese Schlußfolgerung wurde nicht von den Revolutionären gezogen, sondern von den Reformisten der Sozialdemokratie, die nach dem Wendepunkt von 1914 nie mehr eine Organisation auch nur mit so einer minimalen Verbindlichkeit schufen wie die Zweite Internationale. Die Bolschewisten kamen vielmehr zu der Auffassung. daß sie nicht ausreichend international gewesen sei, was sich am Fehlen einer formellen Struktur festgemacht habe. Dieser Fehler, zweifelsohne einer der Gründe für Lenins zu spätes Verständnis des Ausmaßes der Bürokratisierung der SPD, war das Übel, das sie nach dem entsetzlichen Schock und der Lehre von 1914 am meisten zu vermeiden versuchten.
Von Beginn des Krieges an machten sich die Bolschewisten daran, eine neue internationale revolutionäre Organisation zu bilden; dies schlug sich zuerst in den Absichtserklärungen von Zimmerwald und Kienthal nieder, später in der Gründung der Kommunistischen Internationale. Die russische Revolution gab ihnen die Gelegenheit, eine revolutionäre Internationale auf Massenebene zu schaffen. Sich dazu entschlossen hatten sie jedoch schon vor 1917. Als Trotzki sich ab 1933 darauf einstellte, nicht nur eine oder mehrere nationale Parteien zu bilden, sondern von Anfang an eine anderen Führer der revolutionären Bewegung beschritten hatten. Alle diese großen revolutionären Führer und die Avantgardeströmungen, für die sie standen, empfanden die Notwendigkeit internationaler Organisierung, die Notwendigkeit, gleichzeitig eine Internationale und nationale Parteien aufzubauen. Das ergab sich für sie aus der Wirklichkeit des internationalen revolutionären Prozesses selbst. Alle, die sich heute nicht auf dieses simultane Vorgehen verständigen, fallen hinter die fortgeschrittensten Schlußfolgerungen und die fortgeschrittenste Praxis der internationalen revolutionären Bewegung zurück und folgen der falschen „Logik" der Reformisten und Zentristen.
Die Notwendigkeit und Richtigkeit dieser Aufgabenstellung zeigt sich auch dann, wenn der Erfolg nicht total ist. Die Erste Internationale verbreitete den Marxismus und eine anfängliche Organisierung der Arbeiterklasse in praktisch alle fortgeschrittenen kapitalistischen Länder. Die Zweite Internationale schuf in vielen der wichtigsten Länder der Erde die ersten Massenorganisationen der Arbeiterklasse. Ähnlich deutlich ist es bei der Kommunistischen Internationale, trotz ihrer schließlichen Degeneration. Sie erreichte nicht nur programmatische, sondern auch materielle Erfolge für die Weltrevolution und die Arbeiterklassen.
Als Sowjetrußland mit dem deutschen und dem österreichisch-ungarischen Imperialismus zu einem Frieden unter katastrophalen Bedingungen gezwungen war, weite Strecken seines Territoriums aufgab, nur um dem Arbeiterstaat eine Atempause zu verschaffen, unternahmen die Bolschewisten gleichzeitig alles in ihrer Macht Stehende, durch Agitation, Propaganda und Finanzierung den deutschen Revolutionären zu helfen. Im Gefolge der breiten Wirkung, die ihre (darunter insbesondere 1 rotzkis) Agitation bei den deutschen und österreichischen Arbeitern und Soldaten hatte, der organisatorischen Hilfe für die Revolutionäre (undauch der revolutionären Schulung und Organisierung der österreichischen und ungarischen Kriegsgefangenen in Rufland) wurde das Herannahen der Revolution in Deutschland, Österreich und Ungarn bis zum Höhepunkt im November 1918 gewaltig beschleunigt, kaum sechs Monate nach der Unterzeichnung des Vertrags von Brest-Litowsk.
Als der britische Imperialismus sich 1920 auf ein militärisches Eigreifen im Krieg zwischen Polen und Rußland vorbereitete und damit der Sturz des sowjetischen Regimes real drohte, die durch Jahre des Kriegs und des Bürgerkriegs erschöpft war, waren die Appelle der Kommunistischen Internationale an die britische Arbeiterbewegung, aktiv sich der Kriegsvorbéreitung entgegenzustellen, von großem Erfolg gekrönt. Ein Aktionskomitee, das die Labour Party und den TUC zusammenfaßte, rief für den Fall einer britischen Militärintervention zum unbegrenzten nationalen Generalstreik auf und zur Gründung örtlicher Aktionskomitees zur Vorbereitung des Generalstreiks. In 400 Städten des Landes folgte man diesem Aufruf. Unter dem Druck dieser internationalistischen Haltung sah der britische Imperialismus von einem direkten Eingreifen in den russisch-polnischen Krieg ab. Ein Krieg zwischen Britannien und Sowjetrußland konnte vermieden werden, und Sowjetruß land konnte durch die koordinierte Aktion der europäischen Arbeiterklasse gerettet werden.
Die chinesische Revolution erreichte in den frühen 20er Jahren ein neues Stadium; es kam zu einer massiven Konfrontation zwischen den chinesischen Intellektuellen, Studenten, Arbeitern und Teilen der Bourgeoisie einerseits und dem Imperialismus andererseits. Sowjetrufsland gab China massive Militärhilfe und half, den antiimperialistischen Widerstand im breiten Maßstab zu organisieren. Esstimmt natürlich, daß durch die falsche Politik des Hinterherlaufens gegenüber der bürgerlichen Guomintang diese Hilfe in derersten Phase zur blutigen Niederlage der chinesischen Arbeiterklasse im April 1927 führte und Chiang Kaichek zur Errichtung einer Diktatur für die nächsten zwanzig Jahre verholfen wurde. Aber man kann nicht bestreiten, daß die sowjetische Hilfe in den 20ern entscheidend zur Verhinderung einer direkten Unterwerfung Chinas unter den Imperialismus beitrug und damit der Schaffung der KPCh und ihrer Entwicklung zur Massenpartei einen machtvollen Impuls gab, was indirekt zum Sieg der dritten chinesischen Revolution von 1949 beitrug, also zum schließlichen Sturz des Kapitalismus, egal was die konterrevolutionäre Politik der Sowjetbürokratie gegenüber China späterhin auch gewesen sein mag Wirtschaftlich, sozial wie politisch finden Revolutionäre heute eine zunehmend internationalere Wirklichkeit vor. Die zu lösenden Aufgaben, die sich aus der Realität des Klassenkampfs ergeben, sind mehr und mehr auf einer internationalen Ebene angesiedelt und verlangen nach internationaler Koordination. Deshalb ist es für die heutige Arbeiterbewegung entscheidend, sich ihre Ursprünge wieder anzueignen — die Traditionen des Internationalismus, der der Inbegriff der ersten revolutionären Arbeiterorganisationen war, der von Marx und Engels und der der Kommunistischen Internationale in ihrer revolutionären Periode. Die Lösung der schon damals gestellten Aufgaben ist eine dringliche Notwendigkeit des Klassenkampfs: im Weltmaßstab den Kampf zum Sturz des Kapitalismus zu koordinie. ren und die Anstrengungen zur Lahmlegung der internationalen Konterrevolution zu koordinieren. Wenn diese internationalistischen Aufgaben nicht aufgegriffen werden, dann wird die Arbeiterbewegung, wie die Geschichte schon gezeigt hat, in gewaltige Niederlagen, blutige Verluste und Rückschläge hineingeführt. Aber gerade auf diesem Feld bleibt deas Massenbewußtsein weit hinter der Wirklichkeit zurück. Die Massen wurden von den reformistischen Führungen jahrelang fehlerzogen, die sie statt des Internationalismus die Verteidigung des „eigenen" Vaterlandes und damit ihrer „eigenen" Kapitalisten gegen die Arbeitenden und Unterdrückten des Rests der Welt lehrten.
Die Notwendigkeit einer neuen Führung
Mit der Degeneration der Kommunistischen Internationale in ein einfaches Werkzeug der Außenpolitik der Sowjetbürokratie wurde die Abwesenheit einer lenkenden und koordinierenden Kraft in den internationalen revolutionären Kämpfen grausam spürbar — zumal diese Kämpfe schließlich nicht aussetzten. Statt der spanischen Revolution zu helfen, erwürgte die stalinisierte Komintern sie und erleichterte so Hitlers Eroberung Europas (einschließlich seiner" Aggression gegen die Sowjetunion unter günstigsten Ausgangsbedingungen).
Anstatt der revolutionären Offensive der griechischen, italienischen und französischen Arbeitenden 1944 - 1948 zu helfen, lieferte Stalin sie dem westlichen Imperialismus aus (nur in Jugoslawien [und Albanien, d.Red.] wurde ein ähnlicher Versuch von den jugoslawischen Kommunisten selbst unterbunden. Anstatt von Anfang an Unterstützung für die indochinesische Revolution zu organisieren, gaben Stalin, Chruschtschow und Breschnew ihr nur häppchenweise Unterstützung und verhinderten zwar ihren Zusammenbruch im Angesicht des Imperialismus, aber schoben damit den Sieg, der schon früh hätte errungen werden können, um Jahrzehnte hinaus. Die wirtschaftlichen Folgen von 30 Jahren Aggression reichen in hohem Maise hin, um auch die noch nach dem Sieg stattfindenden Tragödièn zu erklären.
Der Bedarf an einer neuen Internationale war deshalb von dem Moment an abzusehen, wo die Komintern aufgehört hatte, noch als ein Instrument der Weltrevolution zu dienen, sprich vom historisch entscheidenden Ereignis der Machtübernahme Hitlersan. Dies ist die politische Basis des Kampfs um die Vierte Internationale seit diesem Zeitpunkt.
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Permanente Revolution oder „Sozialismus in einem Land"
Daß die russische Revolution sich nicht siegreich auf industrielle Schlüsselländer in der Periode von 1917 - 1923 ausdehnte, führte zu ihrer Isolation in einem vergleichsweise rückständigen Land. Dadurch setzte ein Prozeß der Bürokratisierung des Sowjetstaats unc der Kommunistischen Partei selber ein, der dann auch zum Nieder gang der Kommunistischen Internationale und letztlich ihrer Zerstörung als Werkzeug der Weltrevolution führte. Dieser Prozeß, dessen politischer und ideologischer Ausdruck der Stalinismus ist, wider spiegelt, dais die neue privilegierte Schicht der Sowjetbürokratie wenn sie auch keine neue herrschende Klasse ist - der sowjetischen Arbeiterklasse die Ausübung der politischen Macht wegnahm. Sie konzentriert die Kontrolle über den gesellschaftlichen Überschuß in den eigenen Händen, monopolisiert zugleich die politische Macht in allen Sphären der Gesellschaft und nutzt diese zur Verteidigung ihrer Privilegien, die im Vergleich zum Lebensstandard des russischen Arbeiters und des russischen Bauern ziemlich groß sind. Die erste Grundrevision des Marxismus, die dieser Machtusurpation der Sowjetbürokratie entsprach, war die Ausarbeitung jener Theorie, nach der eine voll entwickelte sozialistische Gesellschaft in Rußland aufgebaut werden könne, in Isolation vom Rest der Welt die Theorie des „Sozialismus in einem Lande". In dieser Theorie kam der grundlegende Konservativismus der Sowjetbürokratie zum Vorschein, ihre Abkehr von der Weltrevolution hin zur Aufrechterhaltung des internationalen status quo, der friedlichen Koexistenz mit dem Imperialismus oder später dann der Aufteilung der Welt in Einflußsphären zwischen Sowjetbürokratie und internationalem Kapitalismus.
Die revolutionären Marxist/inn/en haben niemals die Sowjetunion, ihre Arbeiterregierung, aufgerufen, künstlich irgendwo Revolutionen zu „provozieren", sie durch militärische Abenteuer in fremden Ländern zu „fördern" , oder andererseits „sich zurückzulehnen und abzuwarten", bis die internationale Revolution triumphiert hat, bevor die Entwicklung der Sowjetökonomie in Richtung auf den Sozialismus ingang gesetzt würde. Jedoch haben sie voll begriffen, daß das Schicksal der Sowjetunion (einschließlich der Entwicklung und der Varianten ihrer Binnenstruktur) aufs Innigste und letztlich mit dem Ausgang der Klassenkämpfe auf Weltebene verbunden blieb. Genauso wie die internationale Arbeiterklasse die Pflicht hat, die Sowjetunion gegen Versuche zu verteidigen, dort den Kapitalismus zu restaurieren, so hatte die Sowjetunion die Pflicht, der Weltrevolution zu helfen und sie in allen Fällen zu fördern, wo revolutionäre Massenkämpfe und tiefe revolutionäre Krisen in einem oder mehreren Ländern deutlich die objektiven Chancen für einen weiteren revolutionären Sieg zeigten. Diese gegenseitige Pflicht entspricht einem gegenseitigen Interesse.
Jede Niederlage der Weltrevolution schwächt durch Stärkung des Imperialismus objektiv die Sowjetunion. Genauso würde die Wiederherstellung des Kapitalismus in der Sowjetunion (oder anderen Ar beiterstaaten) den Weltimperialismus gewaltig stärken und damit objektiv die Weltrevolution, das Weltproletariat und die antiimperialistischen Kräfte in der ganzen Welt schwächen. •Der Bruch mit der klassischen Doktrin des proletarischen Internationalismus, wie sie von der Kommunistischem Internationale seit Entstehen des ersten Arbeiterstaats ausgearbeitet worden war, war ein Bruch mit den Interessen der Weltrevolution und deshalb des Weltproletariats. Der Schaden für das Weltproletariat war unermeßlich, vermeidbare, unnötige Niederlagen einer ganzen Reihe von Revolutionen luden zugleich auch den sowjetischen Arbeitenden vermeidbare, unnötige Opfer bei der Verteidigung ihres Staates auf Die schwersten Konsequenzen traten aber erst später zutage, obwohl Trotzki und die Linke Opposition in der Sowjetunion sie gleich vorhergesehen hatten.
Die Theorie vom „Sozialismus in einem Lande" impliziert die Unterordnung der Interessen der Arbeiter der Welt unter die angeblichen Interessen eines „sozialistischen Bollwerks" (in Wirklichkeit die Interessen der Sowjetbürokratie, im Unterschied zu denen des Sowjetstaats oder -proletariats als solchem). Diese Unterordnung führt auch in den Worten Trotzkis zu einer messianischen Funktion" eines besonderen Landes oder zumindest der Bewegung der Arbeiterklasse (der kommunistischen Bewegung) und des Proletariats dieses Landes. Kein Gesetz aber wird die Messiasrolle des _Nationalkommunismus" an ein Land (die Sowjetunion), und nur ein Land, binden können. Vielmehr wird sie, wenn einmal alle Führer und Kader aller Kommunistischen Parteien unter dem Stalinismus die Theorie vom „Sozialismus in einem Land" assimiliert haben, bei Bedarf in jedem anderen Land reproduziert werden, in dem der Kapitalismus gestürzt wurde.
So betrachtete sich die KPCh nach Ausbruch des sino-sowjetischen Konflikts als neue „Bastion der Weltrevolution" anstelle der Sowjetunion, in der angeblich nunmehr der Kapitalismus wiederhergestellt war. Und damit wurden allemöglichen ekelhaften konterre volutionären Verbindungen mit reaktionärsten bürgerlichen Kräf ten in der ganzen Welt gegen die Sowjetunion im Namen der „ Verteidigung der sozialistischen Festung" China gerechtfertigt (mit dem Schah des Iran, mit den Militärdiktatoren Pakistans, mit dem US-Imperialismus, mit Sadat, mit dem Schlächter Chiles, Pinocher, mit Franz-Josef Strauß). Die letzte tragische Konsequenz der falschen Doktrin des „Nationalkommunismus" ist der offene Krieg zwischen „sozialistischen Ländern" ", für den ausschließlich die regicrenden Bürokratien verantwortlich sind, nicht aber das Proletariat oder der Sozialismus oder Kommunismus.
Die Notwendigkeit einer demokratisch-zentralistischen Internationale
Die bitteren Früchte des „Nationalkommunismus" sind auch gesteigerter Nationalismus und gegenseitiges Mißtrauen zwischen den Nationen, auch nach dem Sturz des Kapitalismus. Mißtrauen gegen jede Form von internationaler Organisierung wurde in wichtigen Teilen der, weltweiten Arbeiter- und revolutionären Bewegung hervorgerufen. Sie sahen die desaströse Erfahrung des Stalinismus in allen Varianten und Produkten wie des Maoismus und identifizieren nun „Internationalismus" mit Unterordnung der Interessen der Arbeitenden und Revolutionäre verschiedener Länder unter die Manöver des bürokratisierten Staatsapparats eines Landes. In einer Überreaktion gegen den internationalen stalinischen bürokratischen Zentralismus (der Führer der französischen KP, Maurice Thorez, schuf den Satz: Proletarischer Internationalismus bedeutet heute Solidarität mit der Sowjetunion in wirklich jeglicher Situation.*) schütteten viele Revolutionäre schließlich das Kind mit dem Bade aus und verwarfen jede Form internationalen demokratischen Zentralis- Dies ist historisch zwar verständlich, bedeutet jedoch nicht nu inen Schritt hinter die objektiven Bedürfnisse dês Klassenkampt: zurück, sondern auch hinter die theoretischen und praktischen Errungenschaften von Anfang unseres Jahrhunderts. Trotz ihrer ober flächlichen, und nicht selten demagogischen, Anziehungskraft muß diese Auffassung als Weg nach vorne völlig zurückgewiesen werden. Genausowenig wie Revolutionäre die Idee der Diktatur des Proleta riats oder gar des Klassenkampfs zurückweisen können, bloß weil sie so monströs verzerrt und geschändet wurden durch Stalin, können sie