Nur noch wenige 10 000 „Halsabschneider aus dem Wald" leben in Polen. Doch es geht darum, Polen und Ukrainer auseinanderzubringen, damit nicht auch in der UdSSR freie Gewerkschaften entstehen. Arthur Wilkins
In dem Roman - 1984- von George Orwell bilden die Sitzungen „zwei Minuten Haß" eine der Techniken für die ideologische Beherrschung durch die totalitäre Macht. Auch wenn das System des „oligarchischen" Kollektivismus" nur der Phantasie von Orwell entsprungen ist und nicht in Polen existiert, gibt es im Arsenal der polnischen Bürokratie doch etwas, was an die „zwei Minuten Haß" von Orwell erinnert. Letztes Jahr — eben im Jahr Orwells — wurde diese Methode gegen den Priester Jerzy Popieluszko verwendet, was eine Gruppe von Agenten des Staatssicherheitsdienstes, der Geheimpolizei, zum Verbrechen trieb. 1984 aber wurde das System der „zwei Miruten Haß" aber auch gegen das ukrainische Volk eingesetzt. Monate hindurch und in offensichtlicher Absprache gab die offizielle Presse die sogenannte , Wahrheit über den kriminellen Charakter des ukrainischen Nationalismus" und über die Untaten der „barbarischen Horden nationalistischer Ukrainer" vor 40 Jahren zum besten. Die Kämpfer der nationalen Befreiungsbewegung der Ukraine, die acht Jahre lang (1943 - 1951) einen bewaffneten Kampf zuerst gegen den deutschen Imperialismus, dann gegen die stalinistische Tyrannei führten, wurden als „wildgewordene Henker" dargestellt, als „faschistische Kopfabschneider aus dem Wald", und ihre Taten wurden , Verbrechen gegen die Menschlichkeit" gleichgesetzt.
Nach den Informationen, die wir erhalten haben, wurde diese Kampagne direkt vom Innenministerium inszeniert, das heißt von der Polizei, die in Polen die wichtigste staatliche Instanz ist, die sich mit dem Thema der Nationalitäten beschäftigt. Aus diesem Ministerium stammten die Texte, die in der Presse veröffentlicht wurden. In unterschiedlicher Art nahmen die Presseorgane aller Fraktionen der Bürokratie an dieser Kampagne teil, angefangen mit dem pseudoliberalen Wochenblatt Polityka, das von Vizepremier Rakowski kontrolliert wird, über Slowo Powsszechne, der Zeitschrift der „sozial progressiven Katholiken", also der Katholiken, die, ohne sich zu schämen, mit jeglichen bürokratischen Machthabern zusammenarbeiten, bis hin zu Rzeczywistość, dem Organ der harten Stalinisten und extremen Nationalisten. Ohne die geringste Scheu stützte sich letzteres Blatt auf eine Erklärung der Nationalen Partei von 1943, einer Formation, die die chauvinistischsten bürgerlichen Strömungen und Großgrundbesitzer vertrat und schon immer an vorderster Front der Unterdrückung seitens der Polen in der Ukraine und Weißruß. land gestanden war.
„Die ukrainische Gesellschaft, die ihre Unreife, je ihre Degenerierung durch Massenverbrechen unter Beweis stellt, verurteilt sich selbst. Die Primitivität und die Schwächlichkeit der ukrainischen Gesellschaft verhindern ihre eigene Entwicklung®[1] Zum Verständnis der derzeitigen antiukrainischen Kampagne muß man an die geschichtlichen Ereignisse erinnern, welche die bürokratischen Machthaber bei dieser Kampagne ausnutzen. Nach dem Scheitern der Roten Armee im Krieg gegen Polen 1920 bildeten die westlichen Gebiete der Ukraine (und auch Weißrußlands) bis 1939 einen Teil des polnischen bürgerlichen Staates. Dieser Staat wandte gegenüber der ukrainischen Bevölkerung, die zu 90% bäuerlich war, die traditionelle Politik der herrschenden polnischen Klassen in diesen Gebieten an: eine Politik der nationalen Unterdrückung, der kulturellen Diskriminierung, der wirtschaftlichen Ausbeutung und der erzwungenen Assimilierung. 1930 befahl Marschall Jozet Pitsudski, der polnische Staatschef, als Vergeltung für terroristische Aktionen durch ukrainische Nationalisten, der Armee und der Polizei, die ukrainischen Dörfer zu „befrieden". Auf diese Art und Weise wurde die Grunderfahrung eines ganzen Volkes gegenüber Polen und den Polengeschmiedet, "heißtes in einem Buch, das kürzlich in Warschau im Untergrund erschien und das die Beziehungen Polens zu seinen östlichen Nachbarn zum Thema hat. „Es war ein Verbrechen. Ein Verbrechen, das wir teuer zu bezahlen hatten."[2] Es verursachte die Rache der ukrainischen Bauernschaft 1943, von der später die Rede sein wird.
Andererseits war die Westukraine das traditionelle Zentrum der ukrainischen Nationalbewegung, insbesondere Galizien, das man das „Piemont der Ukraine"[3] nannte. Eine gewisse Zeit lang zeigte diese Bewegung „Sowjetophilie" und wandte sich der sowjetischen Ukraine zu, die nach der Oktoberrevolution eine große Anziehungskraft auf die Bauern, die Arbeiter, die Kleinbourgeoisie und sogar die griechisch-katholischen (unierten) Priester des polnischen Teils der Ukraine ausübte. Diese Situation änderte sich völlig nach den ab scheulichen Verbrechen des Stalinismus in der Zeit der Zwangskollektivierung der Landwirtschaft, die in der sowjetischen Ukraine zu Hungersnot und zum Tod von an die 6 Millionen Bauern führte sowie zu Massakern innerhalb der ukrainischen Intelligentsia und der nationalen kommunistischen Kader. Trotzki schrieb 1939, kurz vor dem Einmarsch der sowjetischen Truppen in die Westukraine: „Nirgends nahmen die Restriktionen, die Säuberungen, die Repressionsmaßnahmen und ganz allgemein sämtliche Formen bürokratischer Räuberei eine derart mörderische Gewalttätigkeit an wie in der Ukraine im Kampf gegen die mächtigen und tief eingewurzelten Bestrebungen der ukrainischen Massen nach mehr Freiheit und Unabhängigkeit. Für die totalitäre Bürokratie wurde die sowjetische Ukraine zu einer bloßen Verwaltungseinheit eines Wirtschaftsraums und einer Militärbasis der Sowjetunion."[4)
Nirgends nahmen die Repressionsmaßnahmen eine derart mörderische Gewalttätigkeit an wie in der Ukraine.
Nach den stalinistischen Verbrechen, erklärte Trotzki damals, wollen die ukrainischen Massen nicht mehr in der Sowjetunion leben oder an sie angeschlossen sein. Sie streben im Gegenteil an, einen unabhängigen Nationalstaat der Arbeiter und Bauern zu schaffen. Die Arbeiter von Rußland und der ganzen Welt ,müssen sogar heute die Ursachen verstehen für den ukrainischen Separatismus sowie die latente Kraft und die historische Legitimität, auf die er gründet, und sie müssen dem ukrainischen Volk ohne jede Einschränkung erklären, daß sie bereit sind, mit all ihren Kräften die Lösung einer unabhängigen sowjetischen Ukraine zu unterstützen, im Rahmen eines allgemeinen Kampfes gegen die autokratische Bürokratie wie auch gegen den Imperialismus.*[5] Nach dem Angriff des deutschen Imperialismus auf die Sowjetunion entwickelte sich in der Westukraine ein nationaler Befreiungskampf. Die Organisation der Ukrainischen Nationalisten (OUN) setzte sich an die Spitze dieses Kampfes, und 1943 gründete sie auf dem Lande eine Ukrainische Aufstandsarmee (UPA), die bald auf 40 000 Kämpfer anschwoll. Früher war die OUN eine rechte Organi-
sation gewesen, die terroristische Aktionen gegen den polnischen gegenseitigen Überfälle einzustellen und gegen die gemeinsamen Staat ausgeführt hatte und stark zum Faschismus neigte. Ihre Hoff- Feinde Hitler und Stalin auf der Grundlage der Anerkennung des nung war, daf Deutschland die Bildung eines unabhängigen ukraini- Rechts der ukrainischen Nation, einen unabhängigen Staat zu grünschen Staates akzeptieren würde. Die blutige Repression gegen de, zusammenzuarbeiten, zurückgewiesen. jegliches Zeichen ukrainischen Nationalismus und die Politik bruta- Es sind in erster Linie diese Ereignisse, die die Bürokratie heute er Ausbeutung der ukrainischen Massen, wie sie von den Nazis in ausschlachtet. Nicht nur, daß sie die historischen Hintergründe der Gang gesetzt wurde, heilte die OUN schnell von ihren reaktionären Massaker von 1943 verheimlicht und die historische Verantwortung Illusionen. Gleichzeitig fand eine tiefgehende ideologische Wende in verschweigt, die der polnische Teil dabei als Unterdrücker hat. Sie der OUN statt. Ihre Expeditionsgruppen, die in die sowjetische übergeht auch die reaktionäre Politik der politischen und militäri- Ukraine, seit 1941 von den Nazis besetzt, eindrangen, knüpften schen Institutionen des polnischen Untergrundstaates in der West- Kontakte mit der örtlichen Bevölkerung dieses Teils der Sowjetuni- ukraine während der Nazi-Besetzung hinsichtlich der nationalen on. Nach vielen Diskussionen mit diesem Volksteil, dessen Bewußt- Frage. Der Historiker Jerzy Tomaszewski wird sogar von der Presse sein durch die Errungenschaften der Oktoberrevolution und den des Regimes angeklagt, weil er auszusprechen gewagt hatte, dal die Rahmen der nachkapitalistischen Gesellschaft geprägt war, und vor Massaker an der Zivilbevölkerung von beiden Seiten verübt wurden allem unter dem Druck der politischen Bestrebungen der Arbeiter- und die Aktionen des polnischen Widerstands gegen die ukrainischen klasse des Donbas (des wichtigsten Kohlebeckens der Ukraine und Bauern auf keinen Fall als Selbstverteidigung eingestuft werden der UdSSR), beschlossen OUN und UPA ein Programm für eine können. Die offizielle Presse spricht von ,Propagandamaterial aus Revolution, die nicht nur national, sondern auch sozial sein sollte. der Küche der ukrainischen Nationalisten, in dem das gleiche gesagt Die unabhängige Ukraine, die aus dem Kampf gegen Hitler und wird wie von diesem polnischen Historiker".[8] und von anderem gegen Stalin" entstehen sollte, sollte ein demokratischer Staat ohne Material, das „von Zionisten phantasiert und völlig aus der Luft Kapitalisten und Grundbesitzer sein, ohne „die parasıtare Kaste der gegriffen ist wie das, was der Professor Jerzy Tomaszewski den bolschewistischen Magnaten", ohne Unterdrückung einer Nation polnischen Lesern serviert." Die Zeitschrift Rzeczywistośé unterdurch eine andere und ohne Ausbeutung des Menschen durch den stellt, daß „dunkelhäutige Touristen aus dem Westen" versuchen, Menschen, ein Staat, der auf dem gesellschaftlichen Eigentum an den gewisse polnische Wissenschaftler zu kaufen, damit sie solche Ideen Produktionsmitteln gründet und seine klassenlose Gesellschaft auf- wie die von Tomaszewski von sich geben, und beschuldigt diesen, baut. „den Polen ins Gesicht zu spucken." Das Blatt fügt hinzu, daß die öffentliche Präsentierung der Nachforschungen Tomaszewskis über Die unabhängige Ukraine polnischen Wissenschaft und auch unserem Vaterlande mehrschaden die vergangenen Beziehungen zwischen Ukraine und Polen der sollte ein demokratischer Staat als nutzen würde, was uns, den Bürgern nicht gleichgültig sein kann!"[9] In der offiziellen Presse wird der ukrainische revolutionäre ohne Kapitalisten und Grund- Nationalismus und der Befreiungskampf der ukrainischen Massenals besitzer sein. eine faschistische Bewegung, die mit Hitler verbündet war, dargestellt. Sie wirft alles in einen Topf, spricht von der UPA und zweien von den Nazis aufgestellten Formationen, der ukrainischen Hilfspo- Daß die ukrainischen Nationalisten sich unter dem Druck der lizei und der SS-Division Galizien, als seien es die beiden Flügel sowjetischen Wirklichkeit für ein Programm der sozialen Revolution derselben Bewegung. Was dem ganzen die Krone aufsetzt, ist, daß entschieden, bestätigt die These Trotzkis, daß die soziale Revolu- sich die offizielle Presse dabei auf das „politische Gedankengur" der tion, auch wenn sie in der Sowjetunion durch die Bürokratie und ihre chauvinistischsten und imperialistischsten Strömungen der polni- Partei verraten wurde, in den Eigentumsverhältnissen und im Be- schen Rechten stützt, wie das Zitat der Rzeczywistość aus der beschäwuftsein der Werktätigen fortlebt. Das wurde auch von Pierre Frank menden Erklärung der Nationalen Partei von 1943, das wir bereits in seinem Bericht auf dem III. Weltkongreß der IV. Internationale erwähnten, beweist.
1951 hervorgehoben: , Was wir von der ukrainischen Unabhängigkeitsbewegung in dieser Frage gelernt haben, ist recht bezeichnend. Diktatur Polens nicht neu. Der polnische Stalinismus hat seit Beginn Als Konsequenz der Spaltung der Ukraine vor dem Zweiten Welt- seiner Herrschaft in der nationalen Frage eine chauvinistische Politik krieg hatte die ukrainische nationalistische Bewegung in Polen zur verfolgt. Schon 1945 proklamierte die „ Volks"-Macht, daß der polni- Bildung von Unabhängigkeitstendenzen in der sowjetischen Ukraine sche Staat national homogen sein müsse. Mehr oder weniger offen beigetragen. Aber auf der anderen Seite hatte der Unterschied im bekannten sich die aufeinanderfolgenden Führungsmannschaften zu sozialen System dieser beiden Teile der Ukraine zur Evolution der dieser „Tradition", mit der die Gewerkschaft Solidarnośé auf ihrem I. ukrainischen Nationalisten in Polen hin zur Übernahme gesellschaft- Kongreß 1981 zu brechen versuchte, als sie das demokratische Prinzip licher Eigentumsverhältnisse, wie sie in der sowjetischen Ukraine der „Republik der Nationen" proklamierte. Die ukrainische Bevölkeexistieren, geführt. Das ist ein Phänomen, das wir nicht vergessen rung, die innerhalb der nach dem Zweiten Weltkrieg festgelegten dürfen."[6] Der neue revolutionäre Nationalismus, der sich zum polnischen Grenzen verblieb, fiel diesem totalitären „Ideal" zum demokratischen Sozialismus hinentwickelte, errang die Unterstützung der Massen in der Westukraine, die vor 1939 ein Teil Polens war. Als die sowjetische Armee 1944 in dieses Gebiet eindrang, stieß der Kreml auf die erste massive Bewegung einer politischen Revolution auf seinem Staatsgebiet.
Als im Jahre 1943 die UPA gegründet wurde, standen in Wolhynien und Podolien die ukrainischen Bauern in blutigem Konflikt mit den polnischen Landbesitzern. Auf beiden Seiten kam es zu Massakern an der Zivilbevölkerung. Die polnischen und ukrainischen Widerstands organisationen gegen die Nazis nahmen auf beiden Seiten daran teil.
Die deutschen Behörden, die an der Entwicklung des Antagonismus zwischen Polen und Ukrainern höchst interessiert waren, versäumten es nicht, Ol ins Feuer zu gießen. Das gleiche taten die sowjetischen Partisanengruppen, die ein Interesse daran hatten, daß unter den unterdrückten ukrainischen Massen, die die nationale und soziale Befreiung unterstützten, Pogrome provoziert wurden. Mit ihrem Krieg gegen den deutschen Imperialismus nahmen die ukrainischen Massen zugleich ihre Revanche für die nationale Unterdrückung, die sie durch die polnische Bevölkerung erlitten hatten. Waren doch die polnische Widerstandsbewegung und die Machthaber des polnischen „Staates im Untergrund" der ukrainischen nationalen Bewegung feindlich gesinnt wie immer.[7] Sie waren der Ansicht, daß die Westukraine in Zukunft zu Polen gehören sollte, und sie wollten den Vazyl Mizemy, territorialen Gewinn des bürgerlichen Staates im Osten bewahren. Kommandant der lemkischen Die polnische Heimatarmee (AK) hatte die Vorschläge der UPA, die Abteilung der UP A, gefallen Nr. 171, Juli 1985 Seite 19
Opfer. Gleich nach dem Krieg wurde die große Mehrheit dieser Bevölkerung (erliche hunderttausend Personen) infolge einer Vereinbarung mit dem Kreml in die sowjetische Ukraine zwangsdeportiert, darunter traditionell geschlossen stalinistische Dörfer, trotz allen Protesten alter ukrainischer Kommunisten.
Die bewaffneten Trupps der UPA widersetzten sich diesen Deportationen mit der Waffe in der Hand und verteidigten die ukrainische Bevölkerung gegen die Plünderungen, Pogrome und Morde, welche der Sicherheitsapparat, die Miliz und die Armee „Volks"-Polens sowie bewaffnete Trupps polnischer chauvinistischer Siedler verübten. Zu dieser Zeit begannen bewaffnete Gruppen aus der ehemaligen AK, die dem stalinistischen Regime Widerstand leisteten, praktisch mit der UPA zusammenzuarbeiten. Sie trugen zum Schutz der ukrainischen Bevölkerung vor Verfolgungen bei, agitierten innerhalb der Miliz und der Armee gegen die antiukrainische Repression und organisierten Hilfsleistungen für ukrainische Bauern in polnischen Dörfern. Unter Bruch mit der alten Linie der AK nahmen sie somit eine demokratische Haltung in der ukrainischen Frage ein, und manche Führer dieser Guerilla-Gruppen erkannten die Bestrebungen des ukrainischen Volkes nach nationaler Unabhängigkeit alsrechtens an.
Die ukrainische Frage wurde in „Volks"-Polen schließlich 1947 gelöst. Damals war nur noch eine einzige Gruppe ukrainischer Ethnie auf polnischem Gebiet übrig geblieben, die Lemken in den Karpaten. Die polnische Armee unternahm eine Operation, die sogenannte Aktion Weichsel, für die zehntausende Soldaten mobilisiert wurden. Ihr Zweck war, die ganze Volksgemeinschaft der Lemken zu deportieren und die UPA zu zerstören. Die Lemken verteidigten hartnäckig ihr Recht, auf dem Land zu leben, das sie seit Jahrhunderten bewohnten. Es war die Partisanen-Kompanie aus Lemko-Bauern unter der Führung von Stepan Khrin, einem der besten militärischen Führer der UPA, die die härtesten Schlachten lieferte underfolgreich die Taktik offensiver Überfälle gegen die feindlichen Truppen anwandte. Die polnische Armee deportierte 150 000 Lemken in den Norden und Westen Polens, wo sie zerstreut und dazu verdammt wurden, „einen höheren Grad an Polnischkeit zu erlangen", also sich zu assimilieren.
Die polnische Armee deportierte 150 000 Lemken in den Westen, wo sie verdammt wurden, einen „höheren Grad an Polnischkeit"
zu erlangen.
Vergessen wir nicht, daß der Chef des polnischen bürokratischen Regimes, der General Jaruzelski, dank diesem kriminellen Pogrom gegen die Lemken sein Offizierspatent erwarb. Bis zum heutigen Tage ist es verboten, von dem Schicksal zu sprechen, das der polnische Stalinismus die Lemken erleiden ließ. Erst in den Zeiten der politischen Revolution konnte die Presse davon reden. In der demokratische Presse wurde das Drama der Lemken zweimalin Erinnerung gerufen: 1957 durch die Wochenzeitung Po Prostu, dem Organ der „Oktoberlinken", und 1981 in Tygodnik Solidarność, dem wöchentlichen Zentralorgan der Gewerkschaft Solidernesé. Das Land der Lemken wurde ganz von Bewohnern geleert. Daraufhin mußten sich die UPA-Abteilungen in die sowjetische Ukraine zurückziehen, wo sie sich in die dortigen Einheiten eingliederten. Noch einige Jahre lang führten sie einen mutigen Kampf; aber schließlich wurden sie von den NK WD-Formationen gnadenlos ausgerottet. Im März 1950 wurde General Taras Tschuprynka (Roman Schuchewitsch), der Oberkommandierende der UPA, in der Nähe von Lwow (Lemberg) gefangengenommen undermordet. Kurz darauf wurden die letzten ukrainischen Gruppen von Guerilleros, die bis zuletzt in den Karpatenwäldern für die Eliminierung dieses „Gefängnisses der Nationen", wie sie die stalinistische Sowjetunion nannten, gekämpft hatten, besiegt.
_Wenn man die Verluste in der Revolution 1917 - 1920, die der Zwangskollektivierung und der Säuberung von 1930 und die des Zweiten Weltkriegs zusammenzählt, dann stellt man fest, daß sie mehr als die Hälfte der männlichen und ein Viertel der weiblichen Bevölkerung der Ukraine ausmachen. Zusammen mit den Menschen wurden die Traditionen, die Gedanken, die Errungenschaften und die Hoffnungen von ganzen Generationen zerstört. Angesichts dieser Hekatombe ist es beachtlich, daß die ukrainische Gesellschaft nach dem Kriege noch die Kraft aufbrachte, ihre nationalen Bestrebungen an den Tag zu legen. Noch beachtlicher ist dann der Aufschwung der ukrainischen Dissidentenbewegung in den 60er Jahren, ein erneutes Zeugnis dafür, wie hartnäckig der menschliche Geist sein kann.*[10] Wie kommt es, daß die polnische politische Polizei, die sich normalerweise nicht um die Geschichte kümmert, sich plötzlich - 1984 — für den ukrainischen Nationalismus vor 40 Jahren interes siert? Wieso begann die Presse des Regimes auf einen Wink des Innenministeriums hin, auf Teufel-komm-raus das Thema ,, Ukrainer gleich Bandit und Faschist" den Lesern einzuhämmern, wasleiderbei einem Teil des polnischen Volkes auf ein Echo stößt? Ansonsten war es ja die jüdische Minderheit gewesen, die der chauvinistischen Bürokratie als Zielscheibe von Kampagnen gedient hatte und be schuldigt worden war, an den „zionistischen Verschwörungen" gegen die polnische Nation und den Sozialismus teilgenommen zu haben Heute sind zum erstenmal „gewisse Elemente" der ukrainischen Minderheit Objekt ähnlicher Anwürfe. Es heißt, die ehemaligen Soldaten der UPA und die ehemaligen Mitglieder der OUN, „die in den 40 Jahren europäischen Friedens nichts gelernt haben, krochen in Polen, als das Chaos herrschte und man die Zügel schleifen ließ, wieder aus ihren Löchern.*[11] Also zur Zeit der politischen Revolution von 1980 - 1981. Warum hackt man gerade auf dieser Minderheit herum, die im übrigen systematisch diskriminiert wird, die nicht das Recht hat, frei ihre nationale Kultur zu entwickeln und ihre Sprache zu behalten, die nur über einen schwindsüchtigen Kulturverein verfügt, der direkt unter der Kontrolle des Innenministeriums steht? In der Sowjet-Ukraine stieß der Kampf von Solidarność unter Arbeitern und Intelligenz auf breites Echo.
Die Antwort auf diese Frage muß man auf der anderen Seite der Grenze suchen. In der Sowiet-Ukraine. insbesondere in ihrem westlichen Teil, stieß der Kampf von Solidarność unter den Arbeitern und in der Intelligenz auf erhebliches Echo. Zahlreiche ukrainische Dissidenten sahen in der sozialen Bewegung der polnischen Werktätigen ein nachahmenswertes Beispiel und eine positive Alternative gegenüber den Erfahrungen der Bewegung zur Verteidigung der Menschenrechte in der UdSSR, die von der Arbeiterklasse isoliert ist. Im Februar und März 1983 tauchten in den Fabriken der Westukraine Flugblätter auf, in denen zum Streik und zur Unterstützung von Solidarność aufgerufen wurde. Im März 1984 wurden Flugblätter der polnischen Organisation Kämpfende Solidarität auf Russisch und Ukrainisch verteilt. Darin rief man zur Bildung von Gruppen auf nach der Art derer, die es in Polen gibt: unter dem Banner der Selbstverwalrung, der Solidarität und der Unabhängigkeit. Ein Würdenträgerder KP der Westukraine, Petro Sardatschuk, schrieb im theoretischen Organ der KPdSU, Kommunist, Nr. 12/84 von Moskau aus, gerade als ob er erklären wollte, warum die polnische Bürokratie ihre Kampagne gegen die Ukrainer führt:
„Der Klassenfeind versucht mit seinem ideologischen Ablenkungsmanöver aus der Geschichte und der besonderen geopolitischen Lage der Vorkarpaten-Zone Profit zu schlagen," und daß die Grenzgebiete der Ukraine „in vorderster Front der ideologischen Konfrontation stehen," daß man hier dauernd den Rauch antisowjetischen Feuers riecht." Die Anspielungen auf die Gefahr der polnischen Gesellschaftsbewegung sind nur allzu deutlich. Kurz zuvor, im Herbst 1983, regte sich die sowjetisch Presse darüber auf, daß in Polen subversive Umtriebe gegen die sowjetische Ukraine geführt würden und von dort aus die Spionagezentren des westlichen Imperialismus die ukrainischen Dissidenten dazu anstacheln würden. von Solidarność zu lernen und „die Methoden der schleichenden Konterrevolution", die man in Polen erprobt hätte, „an die sowjetischen Verhäktnisse anzupassen."
Seit Jahrzehnten fürchtet sich der Kreml vor der Befreiungsbewegung des ukrainischen Volkes, der größten unterdrückten Nation Europas, die das zweitgrößte Land des Kontinents bewohnt. Gemäß dem Kriterium eines Mittels von Oberfläche, Bevölkerung und Wirtschaftskapazität macht die Ukraine 20% der UdSSR aus. Der Kreml ist sich bewußt. daß es eben die ukrainischen Massen waren, die die
erste politische Revolution gegen seine Herrschaft durchführten. Der stalinistische Haß gegen den ukrainischen Nationalismus der 40er Jahre hat bis heute nicht nachgelassen. Nach wie vor werden sowjetische Bürger verurteilt und exekutiert mit der Begründung, der UPA anzugehört zu haben. Der Sohn von General Roman Schuchewytsch befindet sich immer noch im Gefängnis, weil er sich seit 35 Jahren weigert, sich von seinem Vater zu distanzieren; der frühere UPA-Kämpfer Danylo Schumuk, der vor dem Kriege ein kommunistischer Aktivist gewesen war, wurde kürzlich von amnesty international als ältester politischer Gefangener der Welt ermittelt. Die nationalen Bestrebungen der Ukraine sind ein Pulverfaß. Sie entwickeln sich im Gleichschritt mit der ukrainischen Arbeiterklasse, die 75 % der Gesamtbevölkerung der Ukraine repräsentiert. Diese gehört zur am besten ausgebildeten in der UdSSR und blickt auf eine lange Erfahrung mit Kämpfen zur Verteidigung ihrer Rechte zurück. 1962 führte sie im Donbas großangelegte Streiks, die sich zu halben Aufständen entwickelten. Die nationale Frage ist immer enger mit der Arbeiterfrage verknüpft. Als Arbeiter befinde ich mich auf der untersten Stufe der sowjetischen sozialen Leiter und spüre ganz direkt die wirtschaftliche, soziopolitische und nationale Unterdrückung," schrieb 1980 der Arbeiter Mykola Pohyba aus einem Arbeitslager.[12] Im Kreml wie in Warschau erregt der Gedanke Panik, was eines Tages passieren könnte, wenn die sozialen Bewegungen in Polen und in der Ukraine ein Bündnis schließen würden. Den nationalen Haf zwischen Polen und Ukrainern zu schüren, bildet also eine typisch vorbeugende Maßnahme. In Polen ist sie in den Augen der Bürokratie umso notwendiger, als in den letzten beiden Jahren die Untergrundpresse von Solidarność und die unabhängigen Verlage der Geschichte und den Perspektiven der polnisch-ukrainischen Beziehungen ziemlich viel Platz einräumten und die Ursachen für den traditionellen Antagonismus auf der Grundlage einer demokratischen Erziehung und im Geiste der gegenseitigen Solidarität gegenüber dem gemeinsamen Feind erklärten. Diese Aktivität von Solidarnośéim Untergrund ist ein wichtiges Element zur Bildung eines demokratischen Bewußtseins in der nationalen Frage und zur Entwicklung einer Strategie der sozialen Bewegung in Polen. Kürzlich lieferte die Inprekor in polnischer Sprache einen Beitrag zu dieser Arbeit. Sie veröffentlichte ein umfangreiches Dossier über die ukrainische nationale Frage und stellte die UPA in ihren richtigen historischen Kontext. Die Redaktion der polnischen Inprekor ist der Ansicht, daß die revolutionären Sozialistinnen und Sozialisten Polens die Parole in ihr Programm aufnehmen müssen, die Trotzki 1939 ausgab: „Für eine freie und unabhängige Räte-Ukraine der Arbeiter und Bauern!" Sie vertreten auch die Meinung in Polen, daß es ohne eine unabhängige Ukraine kein selbstverwaltetes Polen geben wird.
POLAND
WARSAW* — Present borders •• Polish borders before 1939 UPA zone of operation ISP-VERLAG
Winfrled Woll
Polen
Der Winter gehört den Krähen 3 13 Dazcier TYSI. N KON.Nr Kat zur m tkacken Erettund eklere Jem egeom Volk
Jon Krig. Der Lavr franmer der Sablenar, in dor tch dhe prode Mebrhet des pednhon folko fur eie denekrarsche und durer waltere Gewllchaft nadulekre. tand cin ahes Ende Der mun henanbrechode W'inter webör ikr Krahe spoln wrow Janozehke.
I7. Jube 1984 ENr Üntengrundersder Rader
Solidarnié ülemittelt eile Subduritan adresse ao die streikenden botsschen Berg arbeiter und denunzier Jaruzelskr Streikhre cheriense durch Kohleexporte nach ling Land. Eine internatonalistische Stimnse sus unerwarteter Kichtueg) Müglicherei cine vengensene, verdrängte Stimme Die Grun dung der 10 Millionen Mitglieder starken Ge isp-pocket 6 werkschart Sohdarnos: 1980/N1 w arkeine Epi 312 Seiten, sode. Die Gewerkschafe lebs endlenstet om Uin lsp pocket 6 DM 15.50 [1] Jedrzej Seret, - 7 ragedia kresow» (Die Tragödie des östlichen Grenzlandes), Rzeczywistojé Nr. 32. 1984.
(2) Kazimierz Pdlaski, -Bialorusini, Litwini, Ukraincy: nasi wrogowie czybracial- (Sind Litauer, Ukrainer und Weißrussen unsere Feinde oder unsere Brüder und Schwestern?). Slowo, Warschau 1984, S. 75. Auszüge aus diesem Buch ertschienen in der Pariser Osteuropa-Solidaritätszeitschrift L: Alternative Nr. 31, 1985. (3) Piemont (Turin) war der Teil Italiens, von dem aus die bürgerlichen Revolutions und Einigungsbestrebungen, schließlich erfolgreich, immer wieder ihren Ausgang nah. men.
[4) Writings of Leon Trotsky 1938 - 39, Pathfinder Press, New York 1974. S. 302 f. (S) Writings of Leon Trotsky 1939 - 40, Pathfinderr Press, New York 1977, S. 53. [6) Pierre Frank, -Evolution of Eastern Ewrope-, in _Class Party and State an the Eastern European Revolution", Education for Socialists Series der Socialist Workers Party, New York 1969, S. 51.
(7) Uber den Untergrundstaat während des Krieges in Polen und die Heimatarmee siche ron Arthur Wilkins und Cyril Smuga; • Les véritables origines de la République Populairein Inprecor Nr. 189, 4.2.1985.
[8) Jacek E. Wilczur, -Nawroty do zlej przeszlośći- (Noch einmal zur traurigen Vergangenheit), Przeglad Tygodniowy Nr. 26, 1984.
[9] J. Seret, a.a.O.
[10) Bohdan Krawtschenko, «The Great Ukrainian Famine-, in L Alternative Nr. 24. 1983, S.50.
stole Nr. So, 1.-Pogrobowcy Stepana Bandery- (Die Erben des Stepan Bandera), Rzeczui- [12] Offener Brief des Arbeiters Mkola Pohyba, in Cabiers du Samizdat Nr. 78, 1981,S. *Kier INE
Foress CIma:
BLACK SEA