In dem folgenden Ausschnitt aus einem umfangreichen Interview werden die Schwankungen in der Politik des revolutionären Vietnam dargestellt. Pierre Rousset
Als vor zehn Jahren Saigon fiel und zu Ho Chi Minh-Stadt wurde, wurden aliseitige Impulse für neuen revolutionären Elan in ganz Südostasien erwartet. Und heute...
...ist die Dynamik des Sieges zweifelsohne aufser aut den Philippinen gebrochen, 1] vor allem in Thailand. Die thailändische KP steckt in einer tiefen Krise, die Guerilla-Bewegung hat sich weitgehend aufgelöst, und die extreme Linke ist gespalten, sehr geschwächt und völlig in der Defensive.[2] Auch die Vietnamesen sind in der Defensive. Sie glauben nicht mehr an eine rasche Ausweitung der revolutionären Kämpfe in den angrenzenden Ländern. Sie sind jetzt abhängiger als je von der Unterstützung durch die Sowjetunion. Sie versuchen die Front der ASEAN- Staaten[3] in der Kambodscha-Frage aufzuspalten. Und es wird schwer sein, das gegenseitige Mißtrauen auszuräumen, das jetzt die vietnamesische KP von den übrigen revolutionären Formationen in dieser Weltgegend trennt. Dennoch wurden gewisse Kontakte weiter gepflegt oder wieder geknüpft. Ein Kern von thailändischen Militanten bleibt mit Laos verbunden, wo die thailändische KP bis 1979 größere Ausbildungslager unterhielt, und es heißt, sie hätten eine neue Partei gegründet; aber es ist schwierig, dahinterzukommen, ob das wirklich von Bedeutung ist. Außerdem hat die thailändische KP selbst oder haben zumindest die „jungen" Elemente, die Generation der 70er Jahre, die trotz der Krise in der Partei geblieben und nun Mitglieder des Zentralkomitees sind, vorgeschlagen, wieder in Kontakt zu treten. Ein vietnamesischer Diplomat, der in Bangkok seinen Dienst tat, ist im letzten Jahr sogar aus Thailand ausgewiesen worden, weil er eingewilligt hatte, einen von ihnen zu treffen. Die Krise im heutigen Vietnam hat sicher ihre objektiven Gründe in den ungeheuren Kriegsschäden, der imperialistischen Boykottpolitik und der Haltung der chinesischen Bürokratie... Aber man muß auch die falsche Politik in Betracht ziehen, die die Führung der VKP nach 1975 verfolgt hat, um dann erst auf die ausgewachsene Krise zu reagieren. Daß sie insgesamt zuerst jahrelang eine falsche Linie verfolgte, die auf allen Ebenen schwere negative Auswirkungen hatte, das hat das Zentralkomitee in Spektakulärer Art und Weise mit seiner offiziellen Selbstkritik vor dem V. Parteitag im März 1982 eingeräumt.[4] Ernüchterung nach dem Siegestaumel
Da ist zu nächst die wirtschaftliche Ebene. Der 5. Fünfjahresplan (1976 - 1980) hatte derart hohe Produktionsziele, daß er einen regelrechten Gewaltmarsch auf den Gebieten Energie, Industrie und Landwirtschaft darstellte. 1980 hätte das Land Getreide im Wert von 21 Millionen Tonnen Reis ernten sollen. Dabei produzierte es 1976 erst 13,5 Millionen, und die Erzeugung fiel 1878 auf 12,2 Millionen, um bis 1980 wieder auf 14,3 Millionen anzusteigen. Es war ein eindeutiger Reinfall. Die Kohleförderung sollte bis 1980 auf 10 Millionen Tonnen steigen. Obwohl die vietnamesische Theorie über die wirtschaftliche Entwicklung sehr vorsichtig ist und großer Wert auf die Entwicklung der Landwirtschaft und der Leichtindustrie gelegt wird, wurden entscheidende Ressourcen Großprojekten in der Energiegewinnung, insbesondere Wasserkraftwerken, sowie anderen industriellen Projekten gewidmet, die es Vietnam erlauben sollten, innerhalb von 20 Jahren zu einem Industrieland zu werden. Hatte die Führung während des Krieges verstanden, wie wichtig das Gleichgewicht zwischen den regionalen und lokalen Wirtschaftsgebieten ist, so war sie jetzt ganz der Faszination von Großprojekten erlegen, wie sie der Weltbank ebenso wie der sowjetischen Bürokratie teuer sind, erlegen. Die meisten dieser Großprojekte mußten dann aber wieder aufgegeben oder unterbrochen werden, und die Hoffnung auf einen großen Sprung nach vorn in der Industrie ist verflogen. Man kommt nun wieder auf ausgewogenere Formen der Industrialisierung zurück.
Auf der politischen Ebene hatte das Politbüro, obwohl die Kader der (südvietnamesischen) Nationalen Befreiungsfront (NLF) und der Partei davor gewarnt hatten, die schnelle Wiederververeinigung des Landes beschlossen. Institutionell war diese bereits 1976 insbesondere mit der Abhaltung von Parlamentswahlen abgeschlossen. Ich persönlich hatte jahrelang geglaubt, das sei kein schwerwiegendes Problem, da die Wiedervereinigung taktisch ab dem Siep vom 30. April 1975 imgange war. Von diesem Zeitpunkt ab gab es nur noch eine führende Partei, eine einzige Armee und einen einheitlichen Beamtenstab, auch wenn aufgrund der großen Unterschiede zwischen dem Norden und dem Süden die Politik in den beiden Teilen verschieden war. Aber die Tatsache, daf die Provisorische Revolutionäre Regierung (PRG) im Süden fast von heute auf morgen verschwand und das Land institutionell überstürzt vereinigt wurde, scheint sehr wohl schwere negative politische Konsequenzen gehabt zu haben, weil der eigenständige politische Prozeß im Süden so nicht zur Reife kommen konnte. Das hat mit zur Schärfe der Spannungen bis hinein in die VKP und die FNL beigetragen.
Auf der sozialen Ebene ist im Süden die Kollektivierung der Landwirtschaft viel zu rasch angelaufen. Zumindest auf dem Papier existierten 1979 mehr als 13 240 Produktionsbrigaden, die für die erste Etappe der Kollektivierung notwendig sind und jeweils zwischen 30 und 50 Hektar Land bearbeiten. In darauffolgenden Jahren waren an die 10 000 von ihnen wieder verschwunden; das Land befindet sich nun meist in privatem Besitz, dessen Überschüsse frei verkäuflich sind, wobei der Staat zu für die Bauern günstigen Bedingungen sich als Autkäuter einschaltet. Neue Wirtschaftszonen wurden dort eingerichtet, wo durch den Krieg Dörfer und Land zerstört worden waren. 400 000 Personen aus Saigon/Ho Chi Minh-Stadt, die sich im Krieg übermäßig aufgebläht hatte, wurden umgesiedelt, um diese wü-
sten neuen Zonen zu bevölkern. Aber da diese Maßnahme politisch wie infrastrukrurell viel zu wenig vorbereitet worden war, wurde sie höchst unpopulär. Es scheint, dals 60 % der in die neuen Wirtschaftszonen verschickten Personen in den Monaten unmittelbar nach ihrer Versebickung schon wieder illegal in die Hauptstadt zurückkehrten. Im Norden wurde der Übergang zur „sozialistischen Großproduktion" verkündet. Aber das Regime stieß auf sehr starken gesellschaftlichen Widerstand als es im Namen der wirtschaftlichen Effektivität die Dorfgemeinschaften zugunsten von Kommunen größerer Dimension auflösen wollte.
International zeigte die VKP plötzlich kein Interesse mehr an der Solidaritätsbewegung und ließ diese zerfallen. Die vietnamesische Regierung richtete ihre Bemühungen aufgrund ihrer Wirtschaftspolitik auf die westlichen Regierungen aus. Aber die Versuche, sich dem Westen zu öffnen, wurden von dén USA schroff und etwas hinterhältiger von Westeuropa und Japan abgelehnt. Es scheint, daß die Führung der VKP vom internationalen Prestige ihres Landes so überzeugt war, daß sie nicht mit dem Konflikt rechnete, der 1978 mit China ausbrechen sollte, verschärft durch die Auseinandersetzungen mit den Roten Khmer. In all diesen entscheidenden Jahren war die Informations- und Propagandaarbeit auf internationaler Ebene sträflich vernachlässigt worden, sodaß in der scharfen Phase des Konflikts die Roten Khmer und China in der Öffentlichkeit in der Initiative waren. Auch hier mußte das vietnamesische Regime einen hohen Preis zahlen, weil es eine Frage außer Acht gelassen hatte.
Aber nicht nur linksradikale Fehler wurden gemacht. Ich habe schon erwähnt, daß die Politik der vietnamesischen Regierung in den ersten Jahren nach dem Sieg eine Öffnung insbesondere gegenüber dem kapitalistischen Europa und Japan beinhaltete. Aus der Art und Weise, wie diese Politik durchgeführt worden ist, kann mai: schließen, das die Führung den Widerstand unterschätzte, der sich innerhalb des imperialistischen Blocks zeigte. Ging doch in der internationalen Politik der VKP eine Zeit lang der Aufruf zurevolutionären Kämpfen in der Region und zur „Stärkung des sozialistischen Lagers" mit den Versuchen einher, multilaterale Beziehungen nicht nur mit der UdSSR und China, sondern auch mit dem Westen zu entnickeln. Die nagative Antwort aus Europa und aus Japan stärkten den „harten" Flügel der Partei. Dann blieben nach dem Bruch mit China die UdSSR und ihre Verbündeten fast die einzigen Freunde Vietnams mit Ausnahme einiger Drittweltländer vom Typ Indiens. Wenn der übertriebene Optimismus zu einer Politik der Öffnung geführt hatte, so förderte jetzt der „Realismus" das Gefühl, man befinde sich in einer belagerten Festung.
Internationale wie nationale Bourgeoisie unterschätzt Nehmen wir ein anderes Beispiel — aus dem Gebiet der Innenpolitik. Esscheint, daß die Führung der VKP in der Dynamik des Sieges auch die Handlungsmöglichkeiten eines inneren Feindes, der Händler-Großbourgeoisie chinesischen Ursprungs von Saigon-Cholon, unterschätzt hat. Im Namen der „nationalen Einheit" und der „Versöhnung" — nicht gerade linksradikale Steckenpferde — ergriff man nur einige begrenzte Mals nahmen gegen diesen wichtigen Sektor der einheimischen Bourgeoisie. Dieser Händlerklasse gelang es aber, eine Mau-