Was man im Volk sät, geht nicht verloren Rigoberta Menchu, führend im Kampf der Bauern, über den Widerstand gegen den Terror in Guatemala aus Pensamiento Propio
Interview von 2 Gerry Foley
In den letzten Jahren ist Guatemala als das Land bekannt geworden, das in puncto Menschenrechtsverletzungen, Ausrottung der eingeborenen Bevölkerung und Repression allgemein an erster Stelle steht. Rigoberta Menchu, eine Vertreterin der Bauernkämpfe, ist, nachdem sie in jüngster Zeit acht Monate lang mit dem Widerstand lebte, tief beeindruckt: „Mein Volk ist bewundernswert." Der Völkermord in Guatemala, der von der Diktatur Lucas Garcias begonnen und dann von Rios Montt und Mejia Victores fortgesetzt wurde, den drei Präsidenten, die in den letzten Jahren aufeinander folgten, hat derartige Ausmaße, daß die internationale öffentliche Meinung sich erregte. Jeder siebte Einwohner hat direkt die Strategie der Counterinsurgency zu spüren bekommen, mit der die soziale Basis der Guerilla zerschlagen und vernichtet werden soll.
Die Guerilla-Organisationen haben es nach zwei Jahren des Rückzugs fertiggebracht, die Repression zu überleben, ihre Kader neu zu organisieren und die Streitkräfte der Regierung wieder in Schwierigkeiten zu bringen. Hauptakteure in diesem Volkskampf sind die Bauern, vor allem die eingeborenen.
„Es beeindruckt sehr zu sehen, wie es Zehntausende von Bauern fertigbringen zu überleben, und das jetzt seit mehr als zwei Jahren, völlig am Rande des herr schenden politischen Systems, völliş Chajul in der Provinz Quiche losgelöst von seinen Machtstrukturer and seinen sozialen und wirtschaftlicher Organisationsformen. Diese Teile der Bevölkerung, die einen mehr oder weniger hohen Grad von Bewußtsein und Organisation zeigen und sich inmitten steiler, bewaldeter Berge aufhalten, nennen wir die ,Bevölkerung im Widerstand', " erklärt uns Rigoberta Menchu. Organisierte
Selbstverteidigung
Warum sich die Bevölkerung spontan weigerte, ihren Ursprungsort zu verlassen, trotz der Bestialität der Armee, das kann man nicht verstehen, wenn man nicht die Craverbundenheit in der guatemaltekischen Kultur, vor allem der indianischen, berücksichtigt. „Die Leute konnten einfach ihren Acker nicht verlassen, sie konnten sich ein Leben außerhalb der Erde, wo sie geboren wurden, die sie ernährt hat und in der die Ihren ruhen, einfach nicht vorstellen." Monatelang hat die Armee die kleinen Höfe niedergerissen, die Ernten verbrannt und die Leute massakriert. Folge dieser Linie ist, daß eine Million Menschen heimatlos wurden. Die Mehrheit davon wurde in „Strategische Dörfer" gesteckt, während der Rest entlang der mexikanischen Grenze lebt oder versucht, in den Städten und den Plantagen an der Südküste sein Dasein zu fristen.
Der politisch bewußteste Teil hat sich in die Berge zurückgezogen und in Lagern organisiert. „Die Lager haben neuartige Probleme aufgeworfen. (...] Zum Bei-. spiel müssen jetzt mehrere Völkerschaften zusammenleben, die vor dem Kriege jede ihre eigene Region hatten. Ich habe Lager besucht, wo man zusätzlich zum
Spanisch bis zu acht Sprachen sprach „Die Männer widmen sich der Aufgaund gänzlich verschiedene Lebensfor- be, das Gebiet zu kontrollieren und zu men und Kulturen koexistierten. Es gab überwachen, das Lager schützen und Katholiken, Protestanten, Anhänger Botschaften in andere Lager derselben der überlieferten indianischen Religio- Gegend zu schicken. Es gibt zwischen neh, und trotzdem hat man es fertigge- ihnen ein Kommunikationssystem, das bracht, sich gegenseitig zu respektieren, fast so schnell funktioniert wie das Teleja solidarisch zu sein. Wennzum Beispiel phon. Wenn die Armee an irgendeiner die Katholiken ein Kind tauften, dann Stelle in das Gebiet eindringt, wird sie taten sie das nach ihrem Ritus, aber sie sofort ausfindig gemacht, und alle Bauluden die ganze Gemeinschaft ein — und ern werden gewarnt. Es gibt ein Alarmkeiner ist dagegen, daf ein Kind getauft und ein Rückzugssystem sowie Notpläwird. Die Indianer vollführen andere Ze. ne, nach denen sich die Bevölkerung remonien, aber auch hier sind alle zuge- während des Rückzugs zerstreut und gen. Heiraten zwischen verschiedenen dann wiederfindet. Auf diese Art und Völkern sind noch selten, aber einige Weise sind viele Menschenleben geretgibt es jetzt schon, während es sowas tet worden."
früher nie gab." Aber die Bevölkerung begnügt sich Die neue soziale Organisation, die die- nicht damit zu entkommen. Sie hat auch ser Lage entsprang zwang eine eigen- ihre eigenen Formen der Selbstverteidiständige Macht zu schaffen, in die die gung. „Macheten und Messer haben in Häuplinge jedes Stammes sich teilen. Die der Verteidigung nicht viel Sinn, denn Existenz von Häuptlingen ist fur die Ein- die Armee verfügt über Maschinenge geborenen eine Tradition. Aber sie hät- wehre. Die Bevölkerung hat keine andeten sich nicht in dieser Art neu organisieren ren Waffen als Fallen, in denen Spitzen können, wenn sie nicht überdies über viel aus sehr hartem Holz stecken. Man zieht praktische Erfahrung in der Politik ver- an den Stellen Gräben um das Lager fügt hätten. Sie koordinieren das Leben herum, von denen man annimmt, daß die der Gruppe, die Selbstverteidigung, die Armee sie passieren könnte. Jeder Pfahl Produktion und die Verteilung der ver- hat seine Funktion. Sie sind miteinander schiedenen Aufgaben. durch Lianen verbunden, und zwar so. Rigoberta Menchu