Inprekorr 1971–1992

Archiv der Internationalen Pressekorrespondenz der IV. Internationale

Chronik 1983-1985

Inprekorr Nr. 168, April 1985 · S. 5-9 · 3.467 Wörter

Gewerkschaften und Streiks Großbritannien

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Chronik 1983 1. September: lan McGregor übernimmt den Posten des Vorsitzenden des NCB.

14. September: Streik gegen die Schließung der Grube Monktonhall in Schottland.

21. Oktober: Die NUM beginnt mit dem Überstundenboykott gegen Grubenschließungen und eine 5,2 %-Lohnerhöhung durch das NCB. Die Rekordvorräte von 24 Millionen Tonnen Kohle sollen reduziert werden. Laut NUM betrug der Produktionsverlust in der ersten Woche 300 000 Tonnen.

1984 S, März: In Yorkshire beginnt ein Streik gegen die Schließung der Grube Cortonwood.

6. März: Das NCB verkündet Pläne zur Senkung der Kapazität um 4 Millionen Tonnen, was den Verlust von 20 000. Arbeitsplätzen bedeutet. Alle Bergarbeiter von Yorkshire und Schottland werden in den Streik gerufen.

8. März: Die Exekutive der NUM heißt die Streiks in Yorkshire und Schottland gut und sanktioniert im vorhinein andere Regionen, die eventuell auch in den Streik treten möchten.

12. März: Fliegende Posten aus Gebieten, die schon streiken (Yorkshire, Schottland, Kent, Durham) bewegen die meisten anderen Regionen gleichzuzichen.

14. März: Das NCB erlangt eine einstweilige Verfügung, daß Streikposten aus Yorkshire nicht mehr außerhalb auftreten dürfen. 8000 Polizisten rücken in Nottinghamshire ein.

15. März: David Jones, 24, kommt beim Streikpostenstehen vor der Grube Ollerton um.

26. März: Die NUM fordert den TUC auf, sich aus dem Arbeitskampf rauszuhalten.

29. März: Die Führer der Bahn-, Transport- und Stahlgewerkschaft kommen überein, keinen Kohleverkehr zuzulassen.

›. April: Die Bergleute in Nottinghamshire entschei den sich, normal zu arbeiten.

23. April: Eine außerordentliche De- Iegiertenkonferenz der NUM be schließt eine einfache Mehrheit stati wie bisher 55 % als nötig, um einen nationalen Streik auszurufen. 12. Mai: Erste nationale Kundgebung der Bergarbeiterfrauen in Barnsley: 10 000 nehmen teil.

23. Mai: Die ersten Gespräche zwischen NCB und NUM verlaufen ergebnislos.

25. Mai: Massenstreikposten versuchen zu verhindern, dal Koksaus Orgreave zum Stahlwerk Scunthorpe transportiert wird.

30. Mai: Arthur Scargill wird in Orgreave festgenommen.

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8.-13. Juni: Neue Gespräche NCB- NUM, die scheitern.

1S. Juni: Ein zweiter Berg mann, Joe Green, wird vor dem Kraft werk Ferrybridge getötet (von einem LKW überfahren).

18. Juni: Heftige Kämpfe bei Orgrea- 27. Juni: Eisenbahner streiken in London 24 Stunden zur Unterstützung der NUM. Die Führer der Stahlgewerkschaft erklären, jede Kohle zu akzeptieren.

S. Juli: Neue Gespräche.

dem Bergarbeiterstreik steht. Die Verhandlungen machen Fortschritte. renz der NUM ander de Staturen in 11. Juli: Disziplinarangelegenheiten trotz Verbot durch Gericht. Gericht erklärt Beschluß für nichtig. 18. Juli: Verhandlungen brechen zusammen. Scargill klagt die Regierung an, dafür gesorgt zu haben. 21. Juli: Hafenarbeiter beenden Streik.

31. Juli: Gericht verurteilt die NUM- Region Südwales zu einer Strafe von 50 000 & wegen verbotener Streikposten und ordnet die Beschlagnahme des Vermögens an.

10. August: Sonderdelegiertenkonte renz der NUM weist Angebote de NCB zurück und erhöht die disziplinarische Kontrolle in den Statuten. 11. August: 30 000 Bergarbeiterfrauen demonstrieren in London. 3. September: TUC-Kongreß beschließt Unterstützung der Bergleute, jedoch die wichtigsten Gewerkschaften wie Elektriker und Kraftwerksbeschäftigte sind dagegen.

9.-1S. September: Neue Gespräche zwischen NCB und NUM, die wieder scheitern.

23. August: Zweiter Hafenstreik. 18. September: Zweiter Hagfenstreik endet.

28. September: Die Steigergewerkschaft NACODS, ohne die in den Gruben nicht gearbeitet werden kann, stimmt mit 82,5 % für den Streik. Gericht erklärt den Streik in Derby für żeial und den in Yorkshirefrinoffi- 1. Oktober: Riesige Unterstützung für NUM auf dem Labour-Parteitag aber Kinnock greift die Gewalt der Streikposten an. Scargill und NUM werden wegen Mißachtung des Ge richts verurteilt, da sie den Streik in Yorkshire weiter füroffiziell erklären. 10. Oktober: NUM zu 100 000 ≤ verurteilt wegen Mißachtung des Ge- 15. Oktober: Gespräche zwischen NUM, NCB und Vermittlungsausschuß ACAS scheitern.

16. Oktober: NACODS ruft für den 25. zum Streik auf.

19. Oktober: Arbeiter der Kraftwerkestimmen mit 84 % gegen Unterstützungsaktionen für die NUM.

24. Oktober: NACODS zicht den Streikaufruf zurück wegen eines Komprpmißangebots des NCB, da von der NUM abgelehnt wird der britische Bergarbeiterstreik in der Gesellschaft verursacht hat. Auf dem Höhepunkt des Streiks hatte Thatcher die NUM den „inneren Feind" genannt und Scargill mit dem argentinischen General Galtieri verglichen. Und Finanzminister Nigel Lawson sagte, alle Kosten des Streiks seien gerechtfertigt, wenn nur die Niederlage der NUM gesichert werde. Die Kosten dieser politischen Investition übertreffen die des Malvinen-Kriegs um mehr als das Doppelte. Die Kosten für Ersatz-Brennstoffe und die Polizeieinsätze werden aut 3 Mrd. & geschätzt, 140 £ auf jede beschäftigte Person im Lande. Die Börsenmakler Simon & Coates meinen, die Kosten für die Wiederaufnahme der Produktion würden dem noch mal 700 Mio. S hinzufügen. Sie kommen auf einen Gesamtverlust von 2 % des Bruttosozialprodukts.

Für viele Vertreter des liberalen Establishments bedeutete das Vorgehen der Polizei und der Gerichte während des Streiks einen Schritt zum starken Staat, weg von der „Regierung durch Konsens" zu einer „Regierung des Zwangs" In Britannien ist die Polizei theoretisch den lokalen Behörden unterstellt, die sie auch aus den lokalen Steuern bezahlen. Aber während des Streiks wurde jedoch dieser Schein der Rechenschaftpflichtigkeit gegenüber den Kommunen beiseitegeschoben. Es wurde eine 10 000 Mann starke nationale mobile Einsatztruppe aufgestellt, die nur dem National Reporting Centre untersteht. Diese Zentrale wurde nach dem Bergarbeiterstreik von 1972 eingerichtet und zum erstenmal gegen die Revolte der schwarzen Jugendlichen der Innenstädte eingesetzt. Von ihrem Sitz in London aus berief diese Zentrale Polizisten aus dem ganzen Lande ein, um die Bergwerksregionen zu besetzen und dabei die örtliche Polizei faktisch auszuschalten. Das Ausmaß dieses Polizeieinsatzes und die Vorgehensweise im Sinne von Aufstandsbekämpfung gaben der Polizei das Erscheinungsbild einer Besatzungsstreitmacht.

Die Regierung entschied sich dafür, nicht die soeben erst angenommenen Gewerkschaftsgesetze anzuwenden, sondern der Polizei freie Hand zugeben, den Umständen angemessene Verbrechen bei Festnahmen zu finden. Die Sorge um eine zu große Konzentration von Macht in den Händen des Zentralstaats (im Gegensatz übrigens zu der ständigen Propaganda der Regierung über die Befreiung des Individuums von der dauernden Einmischung des kollektivistischen Staats) hat Spaltungen im Inneren der Tories an einer anderen Front ausgelöst - bei der Frage der Kommunalregierungen. Um Einsparunzen bei den sozialen Dienstleistunger lurchzusetzen, hat die Regierung eir Gesetz eingebracht, das die Möglichkeiten der Stadträte beschränkt, örtliche Steuern zu erheben oder die Sozialleistungen zu vermehren. Außerdem sollen die Räte der Großstädte, darunter das Greater London Council, aufgelöst werden, da dort die Konservativen in der Opposition gegenüber einer linken Politik stehen, wie sie zum Beispiel Ken Livingstone in London vertritt. Der Fall des Pfund Sterlings und die daraus resultierende Zinserhöhung hat die Krise innerhalb der Tories weiter angeheizt.

Nicht nur mußten die Steuersenkungen, das Herzstück der Politik der Regierung für dieses Jahr, auf unbestimmte Zeit verschoben werden, sondern es wurden härtere Kreditbeschränkungen nötig, die wiederum den verprochenen Aufschwung abwürgen. Dieser Aufschwung und die Reduzierung des Rekordniveaus der Arbeitslosigkeit (offiziell jetzt 13 %) sind für Thatcher nun überlebenswichtig, um sich bei den Wahlen 1988 an der Macht halten zu können.

Obwohl die Wahlen immerhin noch drei Jahre entfernt liegen, sind viele konservative Abgeordnete reichlich nervös geworden wegen der Aussicht, ihren Sitz zusammen mit der Regierungsmacht einzubüßen. Auf höchster Ebene hat sich Expremier Heath zum Sprecher dieser Strömung gamacht, auch viele andere ehemalige Minister gehören dazu; sie rufen nach einer Kehrtwende in der Wirtschaftspolitik.

Auseinandersetzung von langer Hand geplant Es ist eine Tatsache, daß Thatcher diese Niederlage ein Jahrzehnt lang geplant hat. Nach dem Sturz der konservativen Regierung Heath 1974 durch einen Bergarbeiterstreik wurde von der Strategiegruppe der Tories ein geheimer Bericht erstellt, der die Kohlebranche als das „wahrscheinliche Schlachtfeld" einer kommenden Regierung Thatcher darstellte. Sie empfahl einen Sechs- Punkte-Plan:

- Einrichtung einer großen mobilen Polizeistreitmacht, um Massenstreikposten zu verhindern; - Einstellung aller Beihilfen an Streikende; - Aufstockung der Kohlevorräte, insbesondere bei den Kraftwerken selbst; - Vorbereitung auf das Einführen von Kohle; Anwerbung von nicht gewerkschaftlich organisierten LKW-Fahrern, um die Kohle auch zu transportieren; - Umrüstung auf Doppelfeueranlagen Kohle-Öl in den Kraftwerken.

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Alle diese Maßnahmen waren zu Beginn des Streiks abgeschlossen und wurden in großem Maßstab angewandt. Aber die Bergleute hatten auch ihre eige nen Pläne autgestellt, um denen des Geg ners entgegenzuwirken.

Trotz der erstickenden Präsenz der Polizei in den Revieren blieben Massenstreikposten eine Dauererscheinung während des ganzen Streiks; bei einigen Gelegenheiten kamen über 10 000 zusammen. Sobald Bergarbeiter als Streikposten verhaftet wurden und ihnen eine zukünftige Streikpostentätigkeit verboten wurde, übernahmen ihre Ehefrauen diese Aufgabe. Der Polizeieinsatz in den Kohlerevieren steigerte eher die Entschlossenheit der Bergwerksgemeinden, anstatt den Streik zu hemmen. Die Senkung der Beihilfen für die Familien erst auf 15 §, dann auf 14 { hatte zwar großes Elend zur Folge, aber ein umfassendes Netz der Solidarität in Britannien wie im Ausland führte der Bewegung der Bergarbeitertrauen Millionen von Pfund zu, wodurch diese in der Lage war, die wesentlichen Mittel zum Überleben bereitzustellen.

Jedoch war der Schlüssel zum Erfolg des Streiks nicht diese Verteidigungsmaßnahmen, sondern angesichts der großen Vorräte bei den Kraftwerken die Fähigkeit, einen vollständigen Stoppdes Kohletransports zu erreichen, sowie der Ersetzung von Kohle durch andere Brennstoffe. Zu diesem Zweck waren die Bergarbeiter auf die Unterstützung der übrigen Gewerkschaften angewiesen. Auf dem Papier wurde diese Unterstützung auf dem TUC-Kongrei im September 1984 gegeben, als die Füh rung sich von der Wucht des Streiks und von ihrer Basis unter Druck gesetzt fühlte, für eine Unterstützung zu stimmen. Aber schon bald merkte man, daf die Führer des TUC nicht die Absicht hatten, beispielsweise die in der Resolution vorgesehenen Solidaritätsstreiks der Kraftwerksbeschäftigten auch umzusetzen. Stattdessen verfolgten die TUC-Führer eine sogenannte Doppelstrategie: einerseits den Bergarbeitern mit so viel Geldmitteln zu helfen, daß sie weiterstreiken können; andererseits diese Hilfe auszunutzen, um die NUM zu erpressen, den Arbeitskampf mit dem Ausverkauf ihrer Mitglieder in der entscheidenden Frage der Grubenschlie- Bungen zu beenden.

Der Wendepunkt des Streiks war im September erreicht, als die Regierung merkte, daß der TUC keinesfalls die versprochene Solidarität gewähren würde. Das Kabinett weigerte sich nun, der Gewerkschaft noch irgendwelche Zugeständnisse zu machen, und unterlief immer wieder die Verhandlungen der Gewerkschaft mit dem NCB oder der Vermittlungsagentur der Regierung. Der krönende Akt des Verrats seitens des TUC war im Februar der Versuch von Norman Willis, dem Generalsekretär, der NUM ein Abkommen aufzuzwingen, daß zwischen ihm, Thatcher und dem Kohlemanagement geschlossen worden war.

Dieses Abkommen, das in der entscheidenden Frage das Zugeständnis macht, das NCB dürfe Gruben aus wirtschaftlichen Gründen schließen, ist inzwischen die Grundlage, auf der die NUM nach Wunsch der Regierung kapitulieren soll.

Diesem Verrat wurde vom Führer der Labour Party, Neil Kinnock, aufs prompteste beigesprungen.

Vom Anbeginn des Streiks zeigte Kinnock seine Feindseligkeit gegenüber dem Streik; er verglich Arthur Scargill mit einem britischen General des Ersten Weltkriegs, der seine Soldaten ohne Hoffnung auf einen Sieg ins Gefecht führt. Kinnock ließ nicht nur außer Acht, daß der Gewerkschaft der Streik von der Regierung aufgezwungen worden war, sondern übersah auch geflissentlich, daß der Streik gewonnen werden könnte, wenn die Gewerkschaftsihre Führerschaft dazu nutzen würden, dem Transport von Kohle ein Ende zu setzen. Kinnock warf sein „linkes" Image ab, das ihm überhaupt nur zum Sieg bei den Leitungswahlen in der Labour Party verholten hatte, und stellte sich voll hinter das Argument des rechten Flügels der NUM, eine landesweite Urabstimmung sei die Vorbedingung für einen Streik. Verrat durch TUC, Verrat durch Labour

Diese Forderung war schon von jeder Establishment-Figur lauthals vorgebracht worden, inklusive Margaret Thatcher. Ihr Ziel war es, die Antwort der Bergarbeitergewerkschaft auf die Provokation durch das NCB abzubremsen und den Medien Zeit zu geben, mit ihrer Giftkampagne gegen den Streik auf Trab zu kommen. Wenn es eine nationale Urabstimmung gegeben hätte, die eine Niederlage erlitten hätte, wären in der Tat auch örtliche Streikaktionen gegen Grubenschließungen unmöglich geworden — das hatte sich im Jahr davorschon erwiesen. Deshalb entschied sich die NUM-Führung für den Versuch, den Streik durch fliegende Streikposten der Basis über das Land auszudehnen. Diese Kampagne war dann im wesentlichen erfolgreich. Gebiete wie South Wales, die eigentlich sich gegen die Teilnahme an einem Streik entschieden hatten, wurden durch Streikposten aus Schottland, Yorkshire und Kent überzeugt und blieben bis zum Ende fest. Ja sogar Nottinghamshire machte in der ersten 25. Oktober: Gericht verordnet Beschlagnahme des gesamten Vermögens, nachdem NUM sich weigerte, die 200 000 € Strafe zu zahlen. S. November: NCB bietet allen Bergarbeitern, die zur ARbeit zurückgehen einen Weihnachtsbonus an, in einigen Fällen über 1000 S. * 13. November: Etwa 5000 sind daraufhin zur Arbeit offiziell zurückgekehrt.

28. November: TUC bittet um Gespräche mit der Regierung.

30. November: Ein Tory wird als Vermögensverwalter der NUM eingesetzt.

3. Dezember: Sonderdelegiertenkonferenz der NUM beschlißt, mit diesem nicht zusammenzuarbeiten.

12. Dezember: Region Nottinghamshire beschließt Anderung der Statuten als ersten Schritt des Bruchs mit der NUM.

1985 7. Januar: 1200 kamen laut NCB in der ersten Januarwoche an die Arbeit zurück.

10. Januar: NUM-Führung erklärt die Region Nottingham für suspendiert, wenn sie sich nicht unterwirft. 21. Jannar: Die Regierung legt ihr Veto gegen alle weiteren Gespräche zwischen NUM und NCB ein.

27. Janwar: Große Streikaktion der Eisdenbahner in Solidarität mit Kollegen, die wegen Unterstützung der NUM verfolgt wurden.

29. Januar: NCB verlangt schriftliche Bestätigung, daß NUM SChlie- Bung von unwirtschaftlichen Gruben gutheißt.

19. Februar: TUC trifft sich mit Thatcher und verhandelt mit NCB. 22. Februar: NUM-Konferenz weist Abkommen TUC-NCB zurück.

24. Februar: 80 000 demonstrieren in London zur Unterstützung der NUM. 3. März: NUM-Delegierte beschlie- Ben 98:91, den Streik abzubrechen. Eine Minderheit unter Scargill war für die Fortführung.

S. März: Die meisten Regionen kchren zur Arbeit zurück, aber Kent und Schottland nicht. Streiken bis Ende der Woche weiter. Spontane Aktionen in verschiedenen Gruben.

8. März: Tausende BErgarbeiterfrauen auf einer Kundgebung zum Internationalen Frauentag in Chesterfield.

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Woche mit. Aber die rechte Führung, die sich dort schon seit Jahrzehnten an der Macht hält, weigerte sich, ihren Mitgliedern die Anweisung zu geben, bei den Streikposten mitzumachen. Auf diesem Wege schufen sie das künstliche Monster, die „Bewegung zurück zur Arbeit" des National Working Miners Committee.

Es hätte auch keine Garantie dafür bestanden, daß Regionen, die gegen einen Streik stimmen, dann wenn sie auf nationaler Ebene überstimmt worden wären, sich daran auch gehalten hätten. In Bersham, einer Grube in North Wales, fand sogar später eine Abstimmung statt, wo dann die Funktionäre des Ortsvereins die Männer trotzdem wieder zur Arbeit zurückführten — zwei Tage nachdem sie sich für Streik entschieden hatten.

Ein Beschluß, eine Urabstimmung durchzuführen, hätte dem rechten Flügel nur die Möglichkeit gegeben, gegen den Streik sein Veto einzulegen, aber andersrum keine Garantie zu haben, daß er eine positive nationale Entscheidung akzeptieren würde.

Nachdem Kinnock mit seiner Kampagne zum Thema Urabstimmung gescheitert war, verlegte er sich auf die Frage der Gewalt bei Streikposten. Er stellte das Problem als „Gewalt von beiden Seiten" dar, wobei er die Gewalt der Bergleute als „unbritisch" titulierte. Auf der Konferenz der Labour Party verurteilte Kinnock zu gleichen Teilen beide Seiten, obwohl die Delegierten mit überwältigender Mehrheit beschlossen hatten, die Gewalt der Polizei zu verurteilen. Er rief die Partei auf, Respekt vor den Gesetzen zu zeigen, wenn sie die Wahlen gewinnen wolle.

Jedoch widerlegen die Tatsachen Kinnocks Behauptung, der Streik käme der Labour Party wahlmäßig in die Quere. Bei den Wahlen zum Europaparlament im Juni 1984 — auf dem Höhepunkt der Schlacht um das Kokswerk Orgreave — schaffte die Labour Party rasante Siege. Der Erfolg war da am ausgeprägtesten, wo der linke Flügel die örtliche Führung innehatte und sich ganz offen mit dem Kampf der Bergarbeiter verbunden gezeigt hatte.

Daß Kinnock so wenig Solidarität mit den Bergarbeitern an den Tag legte, ist natürlich nicht bloß eine Fehleinschätzung, sondern er erkannte und fürchtete die Kräfte, die sich in der Arbeiterbewegung um den Streik herum sammelten. Hier sind die Worte Arthur Scargills auf der Abschlußkundgebung der gro- Ben Demonstration am 23. Februar 1985 in London: „In diesem Kampf haben wir das Entstehen völlig neuer Dimensionen in der britischen Politik gesehen. Tatsächlich haben sich hunderttausende Menschen direkt und indirekt engagiert, um der National Union of Mineworkers zu helfen. Wir haben Gruppen von Unterstützern nicht nur hierzulande, sondern in der ganzen Welt. Ein neues Phänomen, die Entstehung der Frauen- Unterstützungsgruppen, hat die Arbeitenden nicht nur hierzulande, sondern in allen Teilen Europas inspiriert. Was das Establishment noch nicht kapiert hat, ist, daß wir in der Lage waren, unsere eigene Widerstandsbewegung zu schaffen, die mit der zu vergleichen ist, die während des zweiten Weltkriegs operierte.

Ein neues Bündnis

Die Idee eines neuen Widerstandsbündnisses in der britischen Gesellschaft, geführt durch die Industriearbeiterschaft, versuchte die NUM während des ganzen Kampfes zu popularisieren.

In den Gewerkschaften waren Bergarbeiter die treibende Kraft hinter der sogenannten Dreierallianz aus Bahn-, Stahl- und Kohlegewerkschaften, die gegen die Zerstörung ihrer Branchen geschaffen wurde. Wegen der Weigerung der Führung der Stahlgewerkschaft, eine Blockade über die Kohle zu verhängen, zerfiel diese Allianz während des Streiks. Aber das Bündnis der Eisenbahner mit den Bergarbeitern blieb fest und wurde zur Grundlage eines neuen erweiterten Bündnisses mit den Transportgewerkschaften. In der kommenden Periode wird dieses Bündnis wiederum von zentraler Bedeutung sein, da die Eisenbahnen als nächste auf der Abschußliste von Thatcher stehen.

Außerhalb der Arbeiterbewegung haben sich die Berleute mit der Bewegung gegen Atomkraftwerke und gegen Atomwaffen und für einseitige Abrüstung verbündet. Die Berarbeiterfrauen haben ihre Versammlungen für andere Aktivistinnen geöffnet und einen festen Pakt mit den Friedensfrauen von Greenham Common geschlossen.

Die NUM hat auch ihre Aktivitäten in der Labour Party erhöht. Zahllose Bergarbeiter und Bergarbeiterfrauen sind während des Streiks der Partei beigetreten; der gegenseitige Kontakt hat sich enorm verfestigt, da die Basis der Partei die meisten der über 400 Solidaritätskomitees initiiert hat.

In der Labour Party verfolgte die NUM einen Kurs auf dem linken Flügel. Sie war die einzige nennenswerte Gewerkschaft, die die autonome Organisierung von Schwarzen innerhalb der Partei unterstützte, für die vollständige Plattform der Frauenfraktion stimmte und die Forderungen der Homosxuellen unterstützte.

Die von der NUM im Verlauf des Kampfes gebildete Kräfteallianz, die ihren politischen Ausdruck innerhalb der Labour Party findet, ist erstmalig eine Annäherung an einen klassenkämpferischen linken Flügel innerhalb der britischen Arbeiterbewegung, seit die Britische Kommunistische Partei in ihrer frühen Zeit das National Minority Movement in den Gewerkschaften und das National Left Wing Movement innerhalb der Labour Party bildete. Jedoch besteht eines der dringendsten Probleme dieser Strömung im Mangel eines festen organisatorischen Zusammenhangs. Sie ist keine Kraft, die die Tories angehen könnte, ohne dabei von der Sabotage des rechten Flügels verhindert zu werden.

Daß es vor dem Streik der Bergarbeiter in den Gewerkschaften gar keine solche Strömung für geschlossene Streikaktion gegeben hat, schwächte den Kampf gegen die rechte Führung erheblich. Andere, schwächere Sektoren der Arbeiterbewegung werden dieses Manko noch mehr zu spüren bekommen als die NUM, wenn sie demnächst in den Kampf gegen Thatcher treten müssen. Eine solche Strömung müßte auch um Führungen vom Typ Scargills kämpfen, um Führungen, die jegliche Form der Klassenzusammenarbeit zurückweisen und die Massenaktion der Arbeiterklasse gegen die Tories befürworten. Ein solcher Kampf wird auch in der Labour Party seinen Ausdruck finden. Zwar ist Kinnocks linke Glaubwürdigkeit durch seine Taten während des Streiks am Boden zerstört, aber der Einheitsimpuls, um den nächsten Wahlkampf zu führen, könnte seine Stellung uneinnehmbar machen. Aber auf allen anderen Ebenen der Partei wird es Kämpfe längs der Scheidelinie geben, die der Bergarbeiterstreik gezogen hat. Schritte zur Organisierung der Linken der Labour Party und der Gewerkschaften sind schon eingeleitet. Scargill und Tony Benn unterstützen diesen Prozeß zwar, aber halten sich bislang noch von einem kräftigeren Eingreifen zurück. Eine starke, einheitliche Führung ist nötig, wenn die riesige linke Bewegung, die um den Streik herum entstanden war, konsolidiert werden soll und nicht im Sande verlaufen. Die Maßnahmen zur Organisierung der Linken werden nicht die Frage der Führung der ganzen britischen Arbeiterklasse lösen, die beim Streik so drastisch bloßgelegt worden sind. Aber sie sind der nächste Schritt zur Bildung einer wirklichen „Partei der Arbeit" anders als die Verräter Kinnock und Willis jeden einzelnen Kampf der Arbeiterklasse als Teil des Kampfes für den Sozialismus führt.

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