Dieser Artikel soll keine ausführliche Analyse Denn die letzten militärischen und politische des Weges ersetzen, den der palästinensische Wiipisoden dieser Krise haben auch den letzte derstand seit seiner Entstehung in den sechziger derer, die den historischen Kontext aus den Au- Jahren genommen hat. Eine solche Analyse ist gen verloren hatten, in Verwirrung gestürzt. Wir umso notwendiger, als unter den Revolutionären versuchen hiermit, diesen Kontext noch einmal in in der ganzen Welt große Konfusion herrscht, wie groben Zügen in Erinnerung zu rufen und auf die die derzeitige Krise der PLO einzuschätzen ist. Nach der Niederlage der arabischen Regime im Sechs-Tage-Krieg des Juni 1967 gegen Israel erlebte der palästinensische Widerstand einen mächtigen Aufschwung als autonome bewaffnete Bewegung der Massen.
Von Beginn an war er in zwei Hauptströmungen gespalten: in die rechte nationalistische Mehrheitsstromung, wie sie von der Fatah-Führung um Yassir Arafat vertreten wird, und in die linke nationalistische Strömung mit der Volksbefreiungsfront (PFLP)
von Georges Habash und deren verschiedenen Abspaltungen.(1] Die lange Degeneration der PLO
Da die arabischen Regime sich diesem Massenphänomen nicht frontal entgegenstellen konnten, entschieden sie sich dafür, es für sich zu vereinnahmen. Deshalb beschlossen sie, den palästinensischen Widerstand, der 1969 zur PLO geworden war, in einer kontinuierlichen Flut von Millionen von Dollarn zu ertränken. Hauptnutznießer dieses Geldes war natürlich die Fatah; Saudi-Arabien insbesondere unterstützte nur diese und sonst keine andere Organisation. So hatten bereits 1969/70 Verschwendung und Miß wirtschaft bei Fatahein Ausmaß erreicht, wie man es bislang bei nationalen Befreiungsbewegungen nicht kannte.
Im Austausch gegen diese massive Finanzierung durch die arabischen Erdölmonarchien sorgte die Arafat- Führung, wenn nötig mit Waffengewalt, in der gesamten palästinensischen Widerstandsbewegung dafür, wichtigsten Ereignisse der vergangenen jüngster Periode ausführlicher einzugehen.
daß ihr Prinzip der „Nichteinmi- Beirut, der Hauptstadt des Luxus schung in die inneren Angelegenhei- und der Korruption im Nahen Osten, ten der arabischen Länder" geachtet zurückzogen, beschleunigte ein Phäwurde. Was dieses Prinzip heißt, wur- nomen beträchtlich, das unsere libde am deutlichsten in den siebziger anesischen Genossen als bürokrati- Jahren in Jordanien. Hier sind die sche Degeneration und Verbürger- Mehrheit der Einwohner Palästinen- lichung der Fatah-PLO beschrieben ser, ganz abgesehen von den Bewoh- haben.[2] nern der Westbanks, die 1967 von Mit diesem sozialen Prozeß mußte Israel besetzt wurden. Bereits 1968 natürlich auch eine politische Ententwickelte sich der palästinensische wicklung einhergehen. Zum Aus- Widerstand zu einem regelrechten druck kam diese Entwicklung im Juli Gegenstaat, eine Doppelherrschaft 1974, als der Palästinensische Natioentstand, die sich rasch zugunsten der nalrat — man nennt ihn oft das palä- PLO hin entwickelte. Dennoch ver- stinensische Parlament, aber in Wirk. wahrte sich die Arafat-Führung der lichkeit ist dieser dergestalt zusam- Fatah strikt gegen die Aufrufe der mengesetzt, daß der Arafat-Führung palästinensischen Linken, die hasche- eine bequeme Mehrheit garantiert ist mitische Monarchie, traditioneller - der Nationalrat auf seiner 12. Sit- Bündnispartner des Imperialismus, zung sich dafür aussprach, einen zustürzen. Sie setzte es durch, daß bei Kleinstaat auf einem Teil des palästiden immer häufiger auftretenden nensischen Territoriums anzuvisie- Konflikten zwischen der jordani- ren. Dabei hatte erst zwei Jahre zuvor schen Armee und dem palästinensi- noch die PLO selbst dieses Ziel als schen Widerstand eine ausschließlich liquidatorische Formel abqualifidefensive Linie eingenommen wurde. ziert, die im Widerspruch zur Sache König Hussein von Jordanien kämpf- der palästinensischen Nation stehe, te um die Liquidierung des palästi- denn deren Formel laute ,Befreiung nensischen Widerstands in seinem Palästinas", wie es auch im Namen Lande, jedoch al Fatah suchte dessen aller ihrer Organisationen zum Aus- Koexistenz mit dem palästinensi- druck kommt. In Wirklichkeit war schen Widerstand aufrechtzuerhal- die PL.O zu einem bürgerlichen büroten. Deshalb kam es zu etlichen von kratischen Staatsapparat ohne eigeder al Fatah-Führung ausgehandelten nes Territorium geworden. Deshalb Teilrückzügen, bis hin zur Evaku- ließ sie auch ganz natürlich das revoierung der Städte und zur Konzentra- lutionäre Ziel, den zionistischen tion der Kämpfer in einer isolierten Staat zu zerstören, zugunsten eines Zone, wo die jordanische Armee dann viel realistischeren fallen, einer mit 1971 bei den Massakern des „Schwar- ihm ausgehandelten Lösung in Form zen September" keine große Mühe eines Ministaats auf den Westbanks hatte, sie zu vernichten. und im Gaza-Streifen, der neben Isra- Daß die besten Kämpfer des Wi- el angeblich unabhängig sein und in derstands dabei geopfert wurden und friedlicher Koexistenz mit diesem leseine Führungsinstanzen sich nach ben solle; und das auf Teilen Palästi-
nas, die dem jordanischen undägyptischen Staat einverleibt gewesen waren und von Israelerst 1967 besetzt wurden.
Immerhin boykottierten damals bestimmte Organisationen des palästinensischen Widerstands um die Volksbefreiungsfront von Habash die PLO-Führung und bildeten die „Ablehnungsfront".
Das höchste Stadium der Kapitulation
Über die Rolle die die Arafat-Führung der PLO im libanesischen Bürgerkrieg von 1975 und 1976 sowie anschließend spielte, wäre sehr viel zu sagen. Wir werden davon jetzt nur die Hauptsachen aufzeigen.
Besonders sind für diese Periode die Beziehungen des palästinensischen Widerstands mit dem syrischen Regime von Hafez al Assad wichtig. Bis 1976 hatte dieser die Arafat-Führung gegen die Ablehnungsfront unterstützt, die von Libyen und dem Irak gestützt wurde. Damals glaubte er sich in der Lage, aus einer Position der Stärke haraus im Rahmen der Genfer Konferenz zu einer globalen Regelung zwischen Israel und den Arabern zu kommen. Im Jahre 1975 hatte er sich mit dem palästinensischen Widerstand im Libanon verbündet, um die amerikanische Politik von Henry Kissinger, die einen Sonderfrieden zwischen Ägypten und Israel zum Ziel hatte, scheitern zu lassen. Tatsächlich geriet diese Politik im Libanon auch in große Schwierigkeiten. Und die US-Regierung des Gerald Ford mußte auch dem syrischen Regime nachgeben und mit ihm einen Kuhhandel eingehen, bei dem die Amerikaner einen globalen Frieden gegen die Leistung Syriens versprachen, die bürgerliche Ordnung im Libanon wiederherzustellen. Dieser amerikanisch-syrische Flirt sollte nicht lange währen. Mit dem Wahlsieg von Menachem Begin in Israel und dann dem Besuch des ägyptischen Präsidenten Anwar al Sadat in Israel im Jahre 1977 kam ein Prozeß ingang, der zu der israelisch-amerikanisch-ägyptischen Vereinbarung von Camp David führte und der Syrien in Opposition zur amerikanischen Politik im Nahen Osten setzte. Jetzt wurde das syrisch-palästinensische Bündnis wieder geschlossen. Der palästinensische Widerstand selbst hielt wieder fest zusammen, denn die Organisationen der Ablehnungstront brachen mit dem Irak, der sich Saudi- Arabien und nach 1979 sogar Ägypten annäherte, und kamen Syrien wieder entgegen.
Die „friedliche Lösung" schienenttierten im übrigen auch die Linksnawenn sie seit 1974 ihren Verbleib unter den Fittichen der Arafat-Führung mit der Tatsache rechtfertigten, daß letztere ja eine rechtsabweichlerische Utopie verfolge, die keinerlei Chance habe, einmal Wirklichkeit zu werden, und daß sie selber sich niemals zum Steigbügelhalter einer amerikanischen Lösung machen lassen. Mit der Invasion in den Libanon durch die israelische Armee im Juni 1982 wurden all diese Berechnungen über den Haufen geworfen. Die Arafat-Führung hatte schon in den ersten Tagen der Belagerung von Beirut mit dem Sonderbeauftragten der USA, Philip Habib, Verhandlungen über die Bedingungen für den Abzug der palästinensischen Kämpfer aufgenommen, anstatt allein schon das Prinzip dieses Abzugsabzulehen, den die israelische Führung zusammen mit Gemayel und Reagan forderten. Bei diesen Verhandlungen ging es nicht so sehr umdie konkreten Bedingungen des Abzugs und über Garantien für die Unverletzlichkeit Beiruts und der palästinensischen Flüchtlingslager, denn später stellte sich ja mit den Massakern von Sabra und Shatila heraus, wie weit es mit dem Habib-Plan her war. Die Diskussionen drehten sich vor allem um die politischen Bedingungen für den Abzug der Palästinenser aus Beirut. Arafat versuchte für den Abzug die amerikanische Anerkennung seines PlatzeS bei einer „Regelung" des palastınensischen Problems einzu handeln. Das ist der Hintergrund sei nes falschen Versprechens: „Wenn wir Beirut verlassen, dann nur, um nach Palästina zu gehen."
Es war nicht nur Zufall, daß Reagan seinen neuen Plan genau an dem Tag bekanntgab, an dem das letzte PLO- Kontingent Beirut verließ. Wenige Tage später regte König Hussein von Jordanien jordanisch-palästinensische Gespräche an, um über die institutionellen Verbindungen zu diskutieren, die zwischen seinem König- InPreKorr 161, 20.2.1984 eich und dem künttigen palastınen ischen Gebilde in den Westbank und dem Gaza-Streifen eingerichtet werden müßten, wie es vom amerikanischen Plan vorgesehen ist. Ohne zu zögern, handelte Arafat mit Hussein, dem größten arabischen Henker des palästinensischen Volks, den Plan einer jordanisch-palästinensischen „Konföderation" und einer gemeinsamen Delegation für die Verhandlungen mit mit den USA und Israel, also in Camp David, aus. Mithilfe kaum verhüllter Formulierungen ließ er den Palästinensischen Nationalrat, der im Februar 1983 in Algier zusammengetreten war, die groben Linien dieser Politik hinunterschlucken. Im April war Arafat fast soweit, eine Vereinbarung mit Hussein bekanntzugeben; deren wichtigste Punkte wurden den Kadern der al Fatah vorab mit geteilt. Als die Opposition cindringlich davor warnte, mufste er darauf verzichten. Für Arafat ist das nur aufgeschoben und nicht aufgehoben.
Palästinensische Rebellion und syrische Opposition gegen Arafat
Die nationalistische Linke innerhalb der al Fatah, die schon die Evakuierung von Beirut nur mit größtem Widerwillen akzeptiert hatte und im Lichte der Massaker von Sabra und Shatila beurteilen konnte, was von den Versprechungen Arafats zu halten war, konnte nicht noch mehr Kröten schlucken. Der Vorwand, Arafats Linie des nationalen Verrats sei sowieso unrealistisch und müsse daher ohne Konsequenzen bleiben, war zusammengebrochen. Zum erstenmal fügte sich die Linie Arafats in einen glaubwürdigen Anwendungsrahmen ein, den des Reagan-Plans. Und das konnte die nationalistische Linke umso weniger akzeptieren, als ihr harter Kern aus palästinensischen Offizieren und Soldaten besteht, die 1970 aus der jordanischen Armee desertiert waren, um an der Seite des palästinensischen Widerstands zu kämpfen. Welchen Zorn diese Kämpfer auf eine Führung entwickelten, die ihnen dreizehn Jahre nach dem „Schwarzen September" nichts weiter vorzuschlagen hatte, als unter das Protektorat des haschemitischen Regimes zurückzukehren, kann man
InPreKorr 161, 20.2.1984 leicht vorstellen! Die nationalistische Linke unter Führung von Abu Musa, Abu Khaled und Abu Saleh warnte also Arafat eindringlich davor, ein Abkommen mit Hussein zu schlie- Ben.
Andererseits hatte auch das syrische Regime, das im: Reagan-Plan völlig übergangen wird - von den Golan-Höhen, dem einzigen 1967 besetzten arabischen Landstrich neben Ost-Jerusalem, der von Israel annektiert wurde, ist nirgands die Rede - Arafat vor einem Abkommen mit Hussein gewarnt. Aus offensichtli- Arafat in Tripoli, North Lebanon(DR) chen Gründen ist Syrien gegen ein Camp David II, weil es dadurch gegenüber Israel völlig isoliert würde. Das erklärt, warum die Opposition Syriens gegen die Linie Arafats immer mehr zunahm, sowohl direkt als auch vermittels der al Saika (Blitz), der von Syrien kontrollierten palastinensıschen Organisation, als die Verhandlungen zwischen den beiden Partnern begannen. Zu erwähnen ist auch die Opposition Libyens gegen Arafat, was ganz seiner Politik bezüglich der Vereinigten Staaten und der arabischen nationalen Frage entspricht. Zwar ist al Saika sehr wohl ein Instrument des syrischen Regimes und die Volksbefreiungsfront — Generalkommando von Ahmed Sibril eine von Libyen bezahlte und mit Syrien eng verbundene Gruppe, aber es ist irreführend, die nationalistische Linke von al Fatah in denselben syrischen Sack zu stecken. Waren doch Abu Musa und seine Genossen die hartnäckigsten Kämpfer gegen das syrische Regime 1976, als dieses versuchte, den palästinensischen Widerstand in Übereinkunft mit Washington mundtot zu machen. Bis 1983 hatte sie überhaupt keine Beziehungen zu Syrien; dies überließen sie der al Fatah-Führung. Aber seit dem Sommer 1982 verfügt der palästinensische Widerstand im Libanon nicht mehr über ein autonomes Gebiet, und all seine Kräfte agieren von Territorien aus, die unter syrischer Kontrolle stehen. Deshalb kann man den Dissidenten der al Fatah, als sie sich zu einer autonomen Kraft aufwarfen, nicht vorwerfen, sie hätten Bündnisbeziehungen zu Syrien gehabt. Was man aber kritisieren kann und muß, daß sind die Modalitäten ihrer Betiehungen zum syrischen Regime. Darauf kommen wir weiter unten zurück. Jedenfalls ist klar: die Spaltung als eine Manipulation Syriens zu bezeichnen, ist eine Lüge, mit der Arafat das Klima vergiften will.
Die Spaltung von al Fatah
Nicht nur daß diese Spaltung nicht von Damaskus aus manipuliert wurde, sie wurde sogar von Arafat selbst provoziert, denner wollte die Verbindung zur palästinensischen Linken und zur syrisch-libyschen Achse abbrechen, um beim Beitritt ins Lager der reaktionären, mit dem US-Imperialismus verbündeten Regime seine Hände freizuhaben.
Alles deutet darauf hin. Einige Tage nach Unterbrechung seiner Verhandlungen mit Hussein ernannte Arafat für das Oberkommando der al Fatah-Truppen im Libanon Leute, die ihm ganz ergeben sind und von denen man weiß, daß sie im Juni 1982 aus dem Kampf gegen die israelische Invasion desertiert waren. Außerdem befahl er den bekanntesten Führern der nationalistischen Linken, nach Tunesien ins Exil zu gehen. All diese Entscheidungen konnten nicht befolgt werden. Abu Musa und seine Genossen hatten gar keine andere Wahl mehr als die Rebellion. Sie lehnten also die Maßnahmen von Arafat ab und stellten ein Programm auf, dessen wichtigste Forderungen waren: Einberufung eines demokratischen Kongresses der al Fatah zur Definition der Linie der Organisation, Bildung eines Gremiums zur Kontrolle der Finanzen für al Fatah und PLO (bislang standen die Finanzen den Leitungsmitgliedern frei zur Verfügung), Abbruch der Verhandlungen mit König Hussein, kein Projekt einer jordanisch-palästinensischen Kontoderation und Intensivierung des bewaffneten antizionistischen Kampfes.
Es kam gar nicht infrage, daß Arafat auf einem demokratischen Kongreis, wie die linke Opposition ihn forderte, eine Konfrontation mit dieser eingehen würde. Dieses Terrain wäre für ihn sehr ungünstig gewesen. Deshalb beschloß er, die Sache bis zu bewaffneten Auseinandersetzungen mit den Dissidenten auf die Spitze zu treiben und auf dem Boden der „militärischen Disziplin" zu handeln. So konnteer die politischen und innerorganisatorischen Gegebenheiten des Konflikts verwischen. Arafat ging noch weiter; er beschulgigte das syrische Regime öffentlich, die Rebellion gegen ihn organisiert zu haben und das zu einem Zeitpunkt, wo es nicht nur falsch war, sondern wo die Führer von Damaskus nach dem Abbruch seiner Verhandlungen mit Hussein sich ihm gegenüber noch konziliant zeigten und ihre Vermittlung zur Beilegung der Krise innerhalb der al Fatah vorgeschlagen hatten.
Arafat wollte, indem er einen Konflikt mit ihnen vom Zaune brach, zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen: seine Verbindungen mit einem Regime abbrechen, das mit seinem Jordanien-Flirt nicht einverstanden ist, und seinen Konflikt mit den Dissidenten derart in ein falsches Licht• rücken, daß die palästinensischen Massen, vor allem die der von Israel besetzten Gebiete, an der Nase herumgeführt werden. Arafat stellte mit seinen mächtigen Kommunikationskanälen den Konflikt mit den von Syrien unterstützten Dissidenten als einen Kampf gegen die Vorherrschaftsabsichten Syriens dar, einen Kampf um die „Autonomie der palästinensischen Entscheidungsfähigkeit"
Sämtliche Vermittlungsbemühungen und Vorschläge zur Beendigung der Kämpfe zwischen den beiden Fraktionen von al Fatah und zu seiner demokratischen Beilegung wurden von Arafat abgelehnt. So mußte die vom Exekutivkomitee der PLO im letzten Sommer in Tunis auf seiner Sitzung eingesetzte Vermittlungskommission ihre Aktivitäten abbrechen und im Oktober eine Erklärung herausgeben, in der festgestellt wird, daß ihre Vorstellungen von den Dissidenten akzeptiert, von Arafat aber abgelehnt worden seien — aus gutem Grunde, sahen sie doch vor, daß eine demokratische Debatte organisiert wird.
Die Kämpfe im nördlichen Libanon
Arafat war entschlossen, die Sache folgerichtig bis zum Ende durchzuziehen, bis zum völligen Bruch mit den Dissidenten und der syrisch-libyschen Achse einerseits und zur Anlehnung an die Gruppierung der arabischen Regime, die sich auf die USA stützen, nämlich Saudi-Arabien Jordanien, ja selbst Ägypten, andererseits.
Letzten September begab er sich auf einem ägyptischen Frachtschiff über Zypern nach Tripoli im nördlichen Libanon, wo die Truppen, die ihm treu geblieben waren, sich zusammengefunden hatten. Die übergroße Mehrheit der in der Bekaa-Ebene gegenüber der israelischen Armee stationierten Kämkfer hatte sich in der Zwischenzeit den Dissidenten angeschlossen. Arafat organisierte die Liquidierung jeglicher Opposition gegen seine Politik in den Lagern nahe Tripoli und dann in der Stadt selbst. Die „Bewegung der islamischen Vereinigung", ", eine integristische sunnitische Bewegung, die mit der „Moslem-Brüderschaft" ", besonders seinem syrischen Zweig, in Verbindung steht, wurde von al Fatah bewaffnet, ausgebildet und finanziert, sie machte sich daran, mit tatkräfti. gem Beistand der Leute Arafats ihr Vorherrschaft über die Stadt zu er richten. Diese Organisation erreichte im Oktober mit einer regelrechten Offensive gegen die Sektion der Kommunistischen Partei in Tripoli ihren Höhepunkt. Mehr als 50 Genossen wurden dabei massakriert. Die libanesische KP gab in einer Erklärung dazu bekannt, daß die Truppen Arafats bei der Ermordung ihrer Mitglieder die Hauptrolle gespielt haben. Zur gleichen Zeit nahm Arafat im Hafen der Stadt Tripoli ganze Schiffsladungen von Waffen und Munition in Empfang, die vom ägyptischen Präsidenten Mubarak geschickt worden waren. Er bereitete sich auf eine Schlacht vor, die auferund seiner Umtriebe unausweich. ich herannahte, die er bewuist provo zierte. Dabei gab er sich keinerlei Illusionen über die Möglichkeit hin, InPreKorr 161, 20.2.1984 daß er seinen Gegnern, die in der Überzahl waren und noch von Syrien unterstützt wurden, siegreich Widerstand würde leisten können. Das war auch gar nicht seine Absicht. Für ihn ging es vielmehr darum, den Konflikt noch mehr zu dramatisieren, den er als syrisch-palästinensische Auseinandersetzung darzustellen sich bemühte, unter Verwischung seiner innerpalästinensischen Dimension, um schlieislich den Rest seiner ruppen nach Tunesien, Algerien, den Irak und nach Nord-Jemen zu evakuieren, wo sie unter die Kontrolle der dortigen Regime gestellt werden, solange sie noch nicht nach Jordanien überführt werden können. Arafat hatte sich schon lange mit dem Prinzip der Räumung des Libanon abgefunden. Über deren konkreten Modalitäten war er schon lange in Verhandlungen mit dem Regime von Gemayel getreten, was die Rebellen im Mai 1983 denunziert hatten.
Insofern kann man sagen, daß Arafat ereichte, was er bezweckte: einen Sieg für seine Politik, nichteinen militärischen Sieg. Und da er beiläufig aucheinen Gefangenenaustausch aushandelte und im belagerten Tripoli bekanntgab, seine Beziehungen zu Hussein seien von einer totalen Übereinstimmung nicht mehr weit ent- ===== S. 20 | Inprekorr_19840220_161_020.jpg ===== InPreKorr 161, 20.2.1984 fernt, erreichte Arafat, dai seine Leute unter der Flagge der UNO und mit französischer Marineeskorte evakuiert wurden. Von Tripoli bis zum Treffen mit Mubarak führt eine gerade Linie, nicht nur eine Schiffahrtslinie.
Die Grenzen der Dissidenten Wenn Arafat gelungen ist, bislang die breiten palästinensischen Massen über seine Orientierung an der Nase herumzuführen, dann zum Teil auch wegen der politischen Mängel seiner Gegner, die allein in der Lage wären, jene für ihre Sache zu gewinnen, die dissidente Fraktion von al Fatah. Diese entwickelte sich seit dem Mai 1983 in Form eines heterogenen Blocks aus Leuten, die mehr oder weniger radikal in Opposition zur Arafat-Linie stehen, von der radikalen sich auf den Marxismus berufenden Linken, wie sie von Khaled vertreten wird, über den kleinbürgerlichen Natienalismus eines Abu Musa und den prosowjetischen Sympathien eines Abu Saleh bis hin zu Karrieristen und Opportunisten, die sich wenig um Prinzipien kümmern. Die bei der ganzen Gruppe vorherrschende Orientierung entspricht der Linie, die al Fatah seit ihrer Gründung hatte, gegen die Abweichung von Arafar. Natürlich ist es Pflicht der revolutionären Marxisten, das Programm der Dissidenten gegen Arafat zu unterstützen. Aber dabei müssen sie zugl eich deren politische Grenzen und Irrtümer kritisieren, allem voran aber die Art ihrer Beziehungen zum syrischen Regime. Statt aufgrund einer falschen und politisch kurzsichtigen Analyse eine „strategische Allianz" mit diesem Regime einzugehen, hätte sich die nationalistische Fraktion von al Fatah in Distanz zu diesem halten und sich jegliche Einmischung in ihren Konflikt mit Arafat verbitten müssen. Das hätte sie politisch in den Augen der palästinensischen Massen, die weit weg vom Schuß sind, nur stärken können. Das ist keine „ultralinke" Kritik. Wir rufen die Dissidenten nicht dazu auf, heute das syrische Regime zu bekämpfen; aber wir sind der festen Überzeugung, daß es ihr ohne große Schwierigkeiten möglich gewesen wäre, das syrische Regime aus dem Konflikt mit Arafat herauszuhalten.
Zumindest hätten sie sich weigern können, an irgendeinem Kampf gegen die Truppen Arafats teilzunehmen, in dem die Kräfte intervenieren, die vom syrischen Regime manipuliert werden. Sie hätten abseits stehen müssen von den Kämpfen im Norden des Libanon, wie das die Volksbefreiungsfront von George Habash und die Demokratische Front von Nayif Hawatmeh getan haben.[3] Dann wäre ihnen nicht passiert, daß sie mit der Vereinbarung der syrischen Führer mit Arafat unter Vermittlung Saudi- Arabiens eine Ohrfeige erhielten, ohne daß sie auch nur konsultiert worden wären, gemäß der Arafat seine Truppen aus dem Libanon abzog, während die Dissidenten von Beginn an erklärt hatten, daß sie diesen Abzug kategorisch ablehnten und nur Arafat ihre Forderungen aufzwingen wollten.[4] Diese Mängel der nationalistischen Fraktion von al Fatah zeigen wieder einmal, wie notwendig es ist, eine revolutionäre, proletarische Tendenz innerhalb des Kampfes der Palästinenser aufzubauen. Nur eine derartige Tendenz mit einer konkreten strategischen Sicht der notwendigen Wechselwirkung zwischen dem palästinensischen Kampf und der arabischen Revolution könnte diese beiden in Übereinstimmung miteinander führen. Sie könnte die notwendigen taktischen Bündnisse des palästinensischen Widerstands auch wirklich in taktischen Grenzen, die nicht kompromittieren, halten. Unsere Genossinnen und Genossen von der Revolutionär Kommunistischen Gruppe im Libanon bemühen sich, die fortgeschrittensten Militanten der kämpfenden palästinensischen Linken für diese Einsicht zu gewinnen. 22.1.1984 [1] Aus einer dieser Spaltungen entstand die _demokratische Front für die Befreiung Palästinas" von Nayif Hawatmeh.
[2] Vergleiche Inprecor vom 13.2.1975. (3] Zwischen der Volksbefreiungsfront von Ha. bash, die lange den radikalnationalistischen Flügel des palästinensischen Widerstands ausmachte, und der prosowjetischen Demokratischen Befreiungsfront von Hawatmeh gibt es nur bestimmte politische Nuancen.
[4] Im Gegensatz zu Arafat hatte die Dissidenz die Vorschläge, welche Viksbefreiungsfront und Demokratische Front zusammen zur Einstellung der Kampfhandlungen in Tripoligemacht hatten, akzeptiert. Als die syrisch-saudische Vereinbarung bekannt wurde, wurde sie vom Rundfunk der Dissidenten wie auch von den beiden erwähnten Organisationen kritisiert. Danach rief der Sender der Dissidenten in besonderen Ansprachen an die Truppen von Arafat diese dazu auf, im Libanon zu bleiben, und versprach, ihre demokratischen Rechte würden respektiert. isp-Verlag
Ernest Mandel
Karl Marx - Die Aktualität seines Werks
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ISBN 3-88332-072-2 136 Seiten, DM 15,isp-Verlag
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