Inprekorr 1971–1992

Archiv der Internationalen Pressekorrespondenz der IV. Internationale

Einige Lehren der sandinistischen Revolution

· Inprekorr Nr. 157, 1. Oktober 1983 · S. 22-30 · 5.976 Wörter

Mittelamerika Gewerkschaften und Streiks

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Debatte über Taktik im bewaffneten Kampf Anläßlich des vierten Jahrestages des Sturzes Analysen über die Entwicklung der sandinistider Somoza-Diktatur in Nikaragua drucken wir schen Revolution seit Juli 1979, die bereits in der hier die wichtigsten Auszüge eines in Perspectiva Resolution des Vereinigten Sekretariats der Vier- Internacional, Nr.2,Mai/Juni 1982 veröffentlichten Internationale vom 30. Oktober 1980 dargeten Artikels ab. Perspectiva Internacional ist eine in legt wurden, auf Deutsch erschienen in Brasilien in Zusammenarbeit mit InPreKorr erscheinende Zeitschrift.

InPreKorr128, 12-82. Hingegen wird auf die Probleme, die sich der FSLN am Vorabend des Nicht in diesem Artikel wiedergegeben sind die Die Revolution in Nikaragua ist Ausdruck einer spezifischen Verbindung zwischen dem Kampf gegen die Diktatur und gegen den Imperialismus. Seit dem Rückzug der amerikanischen Truppen 1933 stand die somozistische Diktatur in enger Verbindung mit dem Imperialismus. Die Nationalgarde, die zu Beginn der dreißiger Jahre von amerikanischen Beratern aufgestellt wurde, um die Aufrechterhaltung der Ordnung nach ihrem Abzug zu garantieren, war eine brutale Verkörperung dieser Bindung. In diesem strukturellen Rahmen haben die tiefgehenden Veränderungen sich abgespielt, die im Verlauf der letzten zwanzig Jahre in der Gesellschaft Nikaraguas auftraten.

Die Bildung des mittelamerikanischen gemeinsamen Markts zu Beginn der sechziger Jahre hat einen relativen Aufschwung der industriellen Tätigkeit ermöglicht. Der Industrialisierungsgrad des Landes hat zwischen 1950 und 1970 von 13 auf 19% zugenommen. Diese Entwicklung führte zu einer explosionsartigen Steigerung der Baumwollproduktion ab 1950 von 3000 t auf 125000 t 1965, wie auch bei anderen exportfä- Sieges der Revolution stellten, und auf die Diskussionen, die es in ihr gab, eingegangen. higen Agrarprodukten, dem Kaffee, Katastrophe infolge der ausländidem Zucker, den Bananen, dem schen Kredite und der internationa- Tabak. len Hilfe ein rapides Wachstum Diese Veränderungen haben eine erlebt. Aber das Wiederaufbauprospürbare Ausweitung des inneren gramm hat vor allem die Spekulation Markts bewirkt. Auch entwickelte genährt, besonders bei den Grundsich ein ländliches und städtisches stücken. Sie bewirkte, daß trotz des Proletariat. leichten Aufschwungs dieser Jahre Vor der sandinistischen Revolu- zwischen 1969 und 1974 292 Fabriken tion lebte die Mehrheit der Bevölke- schließen mußten, also mehr als ein rung bereits in den Städten. Dennoch Drittel der überhaupt im Lande umfaßte das Landproletariat 40% der vorhandenen. aktiven Bevölkerung und die städtische Arbeiterklasse nur 10%, also Der Sieg der ,Muchachos' etwa 75 000 Personen 1978 bei einer aktiven Gesamtbevölkerung von Die fünf Jahre des revolutionären 700 000. Auch in den Reihen der Bourgeoisie ist eine Differenzierung Kampfes bis zum Sturz der Somozazwischen der mit dem Diktator Diktatur nahmen von dieser Situa- Somoza verbundenen Oligarchie und tion ihren Ausgangspunkt. 1974 wird den durch die Expansion der sechzi- Somoza durch Wahlbetrug bestätigt. ger Jahre begünstigten Schichten Ein Teil der oppositionellen Bouraufgetreten. geoisie, die vom Besitzer der Tages- Ab 1967 geriet Nikaragua dann in zeitung La Prensa Pedro Joaquin eine Phase wirtschaftlicher Depres- Chamorro dazu gedrängt wird, boysion, während der die Wachstumsr- kottiert die Wahlen und bildet im Dezember desselben Jahres die rhythmen sich gegenüber der Periode Demokratische Union der Befreiung 1948 bis 1966 verlangsamten. Trotzdem kam es zu einem wirtschaftlichen (UDeL). Parallel dazu gelingt der Miniboom nach dem Erdbeben von Sandinistischen Nationalen Befrei- 1972. Tatsächlich haben die Investi- ungsfront (FSLN) eine spektakuläre Geiselnahme. Zahlreiche Würdenttionen in den beiden Jahren nach der räger und Persönlichkeiten des Regi-

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mes werden gegen politische Häftlinge ausgetauscht. Diese parallel Vorgeschmac kaufnie Einben cinen die Entwicklung vier Jahre später, auf den Wettlauf zwischen der sandinistischen Revolution und den Reformbestrebungen der oppositionellen Bourgeoisie. 1975 und 1976 gibt es eine fürchterliche Unterdrückungswelle. Als Antwort auf den Handstreich der Sandinisten verkündet Somoza das Kriegsrecht. Er beschafft sich außergewöhnliche Mittel, um die revolutionäre Bewegung zu vernichten. Zahlreich sind die Mitglieder und Führer der FSLN, die ihr Leben lassen müssen, darunter ihr Gründer Carlos Fonseca Amador. Die extrem schwierige Lage führt zu Uneinigkeiten und Spaltungen in der sandinistischen Front, die in drei Tendenzen auseinanderbricht: in die Tendenz »Langanhaltender Volkskrieg" und die »Proletarische Tendenz« zuerst, später kommen die »Terceristas« hinzu, die so heißen, weil sie die dritte Tendenz waren.

1977 glaubt Somoza, daß er mit der Guerilla fertig geworden sei. Der Kriegszustand wird aufgehoben und Verhandlungen werden vorgeschlagen. Dies stellt seine Anpassung an die Politik des amerikanischen Präsidenten Carter dar, der sich dem revolutionären Aufschwung in der Region dadurch widersetzen will, daß er die Diktaturen und Oligarchien Mittelamerikas drängt, innere Reformen mit dem Ziel durchzuführen, ihr internationales Image zu verbessern. Aber ab Oktober nehmen die Sandinisten ihre militärischen Aktionen in den Städten wieder auf, besonders in Masaya und San Carlos im Süden der Hauptstadt Managua. Im November veröffentlichen zwölf unabhängige Persönlichkeiten, unter dem Zeichen •Gruppe der Zwölf« bekannt, im Exil einen Appell zu einer nationalen Lösung des inneren Konflikts, die auch die »Terceristas* einschließen solite.[2] Eine Wendung in der Situation tritt ein, als Pedro Joaquin Chamorro im Januar 1978 ermordet wird. Die Unternehmer antworten daraufhin mit einem Generalstreik, dem paro patronal vom 24. Januar bis zum 6. Februar. Während dieses Streiks greifen die Sandinisten die in der Nähe des Nikaraguasees gelegenen Garnisonen von Rivas und Granada an. Im Februar erhebt sich der Bezirk Monimbo bei Masaya fast spontan. In dem Maße, wie die unterdrückten Massen die Szene betreten und die revolutionären Streitkräfte an Boden gewinnen, beginnt die oppositionelle Bourgeoisie mit ihren Angeboten zur Aussöhnung und zum Kompromiß mit der Diktatur.

Im Juli kehren Die Zwölf« ins Land zurück. Zwischen der UDeL, der Demokratischen Bewegung Nikaraguas (MDN), der bürgerlich liberalen Gruppe um Alfonso Robelo, der Sozialistischen Partei Nikaraguas (PSN), der traditionellen KP, und dem »Terceristas«-Flügel der FSLN wird die Breite Oppositionsfront gebildet (FAO). Parallel dazu entsteht die Vereinigte Volksbewegung (MPU), die Massenorganisationen der Bevölkerung umfaßt, die Gewerkschaften, die Studentenbewegung, die Frauenbewegung, die Komitees etc.

Im August ruft die FAO erneut zum Generalstreik auf und wieder gleichzeitig besetzt ein Kommando der Sandinisten unter Eden Pastora, dem Commandante »Cero*, den Nationalpalast und erwirkt die Freilassung von 83 politischen Häftlingen, darunter Tomas Borge, Mitglied der nationalen Leitung der FSLN. Im September ruft die FSLN zum Aufstand auf. Er bricht in mehreren Städten gleichzeitig aus, aber Spezialeinheiten der Nationalgarde schlagen die Aufstandsherde einen nach dem anderen nieder. Eine fürchterliche Repressionswelle führt zuetwa 10000 Todesopfern.

Nun meint Somoza, den Kräften der Revolution eine dauerhafte Niederlage beigebracht zu haben und mit der in der FAO zusammengeschlossenen Bourgeoisie Verhandlungen aufnehmen zu können. Mit Unterstützung des US-Imperialismus schickt die Organisation Amerikanischer Staaten (OAS) eine Vermittlungskommission. Diese Manöver werden im November 1978 von »Den Zwölf« und den »Terceristas« angeprangert; beide ziehen sich aus der FAO zurück.

Praktisch wischt dieser Bruch einen der entscheidenden Gründe für die Spaltung der sandinistischen Kräfte vom Tisch, die Frage der Art des Bündnisses mit der Bourgeoisie. Es kommt alsbald zu einer Annäherung zwischen den drei Bestandteilen der FSLN, die im Januar 1979 zur Gründung einer vereinigten Führung und im März schon zur Vereinigung der drei Tendenzen führt.

Zwischenzeitlich entsteht im Februar 1979 Nationale Patriotische Front (FPN). Die UDeL nimmt im Unterschied zur FAO an ihr nicht mehr teil. Der Übergang von der FAO zur FPN beleuchtet das veränderte Kräfteverhältnis, die Verschiebung des Kampfzentrums von der oppositionellen Bourgeoisie zum Proletariat und zu den Volksmassen und die wachsende Hegemonie der sandinistischen Front bei der Führung des Kampfs.

Im April zeigt die Abwertung des Cordobas um 42% die Tiefeder Wirtschaftskrise und führt zu einer Verschärfung der sozialen Situation, auch für die Schichten der Kleinbürger. Um ihr zu begegnen, versucht der US-Imperialismus, der die Situation seinen Händen entgleiten sieht, die OAS als Deckmantel für eine direkte militärische Intervention in Nikaragua zu gebrauchen. Außenminister Cyrus Vance erklärt, daß die Vereinigten Staaten beabsichtigen, Truppen nach Nikaragua zu schicken, wenn die Situation es erfordere." Nur Argentinien gibt seine Zustimmung» für die Entsendung einer solchen ‚Friedenstruppe'. Es gelingt dem Imperialismus nicht, die Zustimmung der OAS oder einer nennenswerten Zahl lateinamerikanischer Staaten für ein direktes Eingreifen zu erhalten. Dies bedeutet für Somoza das Ende.

Am4. Juniruft die Front den Generaistreik aus. Am 10. Juni erhebt sich die Bevölkerung von Managua. Am 16. Juni wird die Provisorische Regierung für den Nationalen Wiederauf bau gegründet. Am 17. Juli flieht Somoza. Urcuyo, den er als Übergangspräsidenten eingesetzt hat, verlangt von den Aufständischen die Waffen niederzulegen und verkündet, bis 1981 im Amt bleiben zu wollen. Er bleibt es aber nur für zwei Tage. Der Elan des Volkes verjagt auch ihn und beschleunigt den

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Zusammenbruch der Reste der Nationalgarde.

Am 19. Juli hält die Regierung für den Nationalen Wiederaufbau in Managua ihren Einzug

Die Entwicklung der Strategie der FSLN

Weil sie das Erbe von Augusto Cesar Sandino, des „Generals der freien Männer" , der in den dreißiger Jahren einen bewaffneten Kampf gegen die amerıkanischen Besatzer geführt hatte, bevor er im Februar 1934 von Somoza ermordet worden beansprucht, kann die FSLN als antiimperialistische oder kleinbürgerliche Organisation erscheinen. Aber ihr Profil ist viel genauer und schärfer zu umreißen. Es handelt sich nicht um eine rein antiimperialistische Organisation, vergleichbar der algerischen Nationalen Befreiungsfront oder entsprechenden Befreiungsfronten in Afrika.

Durch ihre Bezugnahme auf die kubanische Revolution ist die sandinistische Front mit einer Strömung der internationalen Arbeiterbewegung verbunden. Ihr Beitrag auf der Konferenz der Solidarischen Organisationen Lateinamerikas (OLAS) in Havanna 1967 gehörte zu den radikalsten. Auch die Interpretation des sandinistischen Erbes setzt den Akzent auf den Klasseninhalt des antiimperialistischen Kampfs: „Nur die Arbeiter und Bauern gehen den Weg zu Ende" ', meinte der »General der freien Männer«.

Die Zeugnisse und Berichte über die Reihen der sandinistischen Front am Vorabend des Sturzes von Somoza zeigen, daß sich nicht nur die zentrale Führung, sondern auch die Mehrheit der mittleren Kader der Front offen zum Marxismus und Sozialismus bekannten, und dies mit einer Klarheit und in einem Ausmaße wie dies bei Fidel Castros Bewegung des 26. Juli auf Kuba 1959 nicht der Fall gewesen war.[3] Wichtige Spaltungen haben sich 1974 in der Front unter den Schlägen der Repression ergeben und haben 1975 , zum Auseinanderbrechen der FSLN geführt. Die Meinungsverschiedenheiten betrafen die Bilanz der bewaffneten Aktionen, wie sie von den Guerilleros durchgeführt worden waren, die Geiselnahme im Dezember 1974, die Somoza zum Vorwand nehmen konnte, das Kriegsrecht zu verhängen, und die schwache Beteiligung an den Arbeiterkämpfen von 1974 und 1975, was es der PSN erlaubte, ihre gewerkschaftliche Verankerung zu verstärken. Im Oktober 1977 hebt Somoza das Kriegsrecht auf, aber die »Terceristas« unternehmen alsbald neue bewaffnete Aktionen in Masaya und San Carlos. Ausgehend von diesen Aufständen vom Oktober 1977 entwickeln sich nach dem Bericht des Genossen Joaquin Cuadra[4] die tiefsten Gegensätze. Nach seiner Aussage reichen sie aber bis 1974 zurück: „Der erste von uns, der von einer Strategie des Aufstands gesprochen hat, war der Gründer Carlos Fonseca Amador. Seit Dezember 1974 fanden ernste Diskussionen in Havanna innerhalb des Kommandos statt, die Operation gegen das Haus

Chema Castillo durchgeführt hatte (Geiselnahme im Hause einer somozistischen Persönlichkeit, d.U.). Deutlich kämpften zwei Positionen gegeneinander. Die einen wollten weiterhin Kräfte sammeln und in den Bergen des Nordens eine Guerillatruppe aufbauen, gemäß der allgemei- Idee „langanhaltenden Volkskriegs". Die anderen, vor allem die um Carlos Fonseca, Humberto Ortega und Jaime Wheelock, wollten in die Offensive gehen und sich den bewohnten Zonen nähern. Um eine Spaltung zu verhindern, wurde eine Bastardlinie angenommen, die besagte, daß man ,für den Kampf um den Sozialismus' das Konzept des „langanhaltenden Volkskriegs" anwenden müsse, daf aber im Kampf gegen die Diktatur es erlaubt sei, von einer Entwicklung zum Aufstand zu sprechen.

Dies ist ein zumindest paradoxer Kompromiß. In der Tat wurde die Idee eines „langanhaltenden Volkskriegs" von zahlreichen politischmilitärischen Organisationen zu Beginn der siebziger Jahre geteilt, auch in Ländern mit einer starken Arbeiterklasse wie Chile oder Argentinien. Sie war Ausfluß einer logischen, doch formalen Überlegung, die man so zusammenfassen kann: „Im Falle eines Sieges über die Diktatur wird der Imperialismus eingreifen, um eine Entwicklung zum Sozialismus zu verhindern. deswegen muß man schon heute den Kampf gegen den Feind von morgen beginnen." Es bleibt jedoch das Problem, daß allein die Vorbereitung der Schlachten von morgen keine ausrei- Sieg im laufenden Kampf sicherzustellen. In der Diskussion von 1974 sind sich die späteren »Proletarios* um Wheelock mit den »Terceristas« einig in der Perspektive des Aufstands, den sie im Nahmen einer ersten gegen die Diktatur gerichteten Etappe des Kampfs rechtfertigen. Aber das Heranschieben der Gefechtsfelder gegen die Kräfte der Diktatur an die städtischen und bewohnten Gebiete bedeutet, dai sich die Streitkräfte der Guerilla zunehmend auf die proletarischen Schichten stützen müssen, deren gegen Diktatur und Kapitalismus gerichtete Erwartungen nur schwerlich zweigeteilt werden können. Tatsächlich verstärkt die Strategie des Aufstandes die Dynamik der permanenten Revolution, sobald sie eine enge, mılitarısche Konzeption verläßt und sich auf die Mobilisierung und Organisierung der Massen stützt.

Die Volkskriegstendenz der FSLN verfocht eine klassischere guerillaistische Position. Für ihre Kämpfer ging es darum, von auf dem Lande verankerten Kernen der Guerilla auszugehen, um Kräfte zu sammeln und nach und nach zu einem Bewegungskrieg: dann zu einem Stellungskrieg und schließlich zu einem völligen militärischen Sieg zugelangen. Sie sah hastige Initiativen zur Entfesselung von Aufständen als gefährliche Abenteuer, die viele Menschenleben kosten. Die Volkskriegstendenz stand im Rufe, in ihren Reihen mehr überzeugte Marxisten zu haben als die »Terceristas-, die sie verdächtigte, enge Verbindungen zu gewissen Teilen der anzisomozistischen Bourgeoisie zu pflegen. Als ein Mitglied dieser Tendenz kurz vor dem Sieg im Juli 1979 über die Bedeutung der Vereinigung der Sandinisten befragt wurde, kam die Antwort, man könne in ihr nur ein taktisches Bündnis sehen, weil „man bei den »Terceristas* bereits die Bourgeoisie vorfindet."

Die „Proletarische Tendenz" vertrat eine Orientierung, die ausdrücklich den Kampf gegen die Diktatur mit dem für den Sozialismus verband.

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Sie zog konkrete Schlußfolgerungen aus ihrer Aufstandsperspektive, besonders über die Bedeutung des Aufbaus von Massenorganisationen in den Städten. Wheelock kritisierte auf sehr deutliche Weise die Orientierung der „Volkskriegstendenz". Er gibt zu, daß die Revolution in Nikaragua einen Aspekt des nationalen Befreiungskampfs überdeckt hat: „In Nikaragua haben wir keinen blutigen Klassenkampf gekannt, wieetwa in El Salvador. Es hat keinen Bürgerkrieg gegeben. Hier haben alle gegen die Diktatur gekämpft, auch wenn die Arbeiter und Bauern am meisten betroffen waren. Der Inhalt des politischen Kampfs ähnelte dem eines nationalen Befreiungskriegs in dem Sinne, daß wir von der Nationalgarde in Schach gehalten wurden, die von den Vereinigten Staaten während einer direkten Intervention aufgestellt worden war und sich auch später wie eine regelrechte Besatzungstruppe gebardete."[5] Es gab, wie sich Wheelock ausdrückt, eine Ähnlichkeit, doch keine Gleichheit. Sicherlich gebärdete sich die Nationalgarde wie eine Besatzerarmee. Doch nicht mit gleichen Resultaten. Das begreift Wheelock sehr genau vom Gesichtspunkt der taktischen Aufgaben aus, wenn er erklärt: „In jener Zeit (1975- 76) sagten wir, daß der Imperialismus der Hauptfeind sei, daß der Kampf lang sein würde, dais man sich deswegen in den abgelegensten Winkeln der Berge einrichten müßte, um von da aus Krieg zu führen. Dies wäre im Falle eines nationalen Befreiungskampfs gegen eine ausländische Intervention richtig, wenn man einem übermächtigen Eindringling die Stirn bieten muß, der über eine im historischen Sinne gewaltige Macht verfügt, aber über nur schwache Verbündete. In diesem Fall muß das Terrain tatsächlich das Gebirge sein und die Methode die Guerilla. Aber wer wollte uns in die Berge folgen? Niemand! Damit das Volk gegen die Imperialismus kämpft, muß es die Gringos im Land vorfinden und im Begriff sein zuzuschlagen. Der Rückzug in die Berge brachte außerdem den Nachteil, uns von den Arbeitern zu entfernen und eine Reihe von äußerst wichtigen Aufgaben unerfüllt liegen zu lassen, wie die Organisierung der Arbeiter an ihren Arbeitsplatz oder die der Bauern, we immer sie sich befanden. Denn in den nördlichen Gebieten, wo wir unsere Lager aufschlugen, gab es nur wenig Bauern. Beinahe wären wir dahin gekommen, eine dem revolutionären Prozeß gegenläufige Einheit zu bilden. Man sprach nicht von der Diktatur. Wir sagten, der Imperialismus ist der unmittelbare Feind. Gewissermaßen die weiter wegliegende Wirklichkeit. Aber wir mußten auf den konkreten und nicht auf den allgemeinen Feind verweisen, den Imperialismus als solchen. Wir konnten zu unseren Kämpfern über die Ziele des Kampfs sprechen, nicht aber Ratschläge für den Augenblick finden. Wir gaben keine Antworten bezüglich der sich konkret stellenden Aufgaben: die Arbeiter zu organisieren, ihr Bewußtsein zu heben, sie zu bewattnen, die Logistik aufzubauen und Kräfte zu sammeln. Wir sind also in die Städte heruntergekommen und haben alle sozialen Klassen zum Streik geführt, denn wir waren immer dafür, die drei Formen des Kampfs ineinandergreifen zu lassen, die in der Schlußoffensive sich so meisterlich verbanden: den Streik, den Aufstand der Städte und den bewaffneten Kampf, ob als Guerillakampf oder regulärer. Dies sind drei historische Formen des Kampfs, die wir nicht erfunden haben. Man kann die Pro bleme einer Revolution nicht lösen, indem man sagt: Wir müssen alle Guerilleros sein! Dagegen haben wir uns gewandt."[6] Was im Nachhinein augenfällig erscheinen mag, war bei den bewartneten revolutionären Bewegungen zu Beginn der siebziger Jahre durchaus keine Banalität, als die Waffe zur absoluten Scheidelinie der Revolu s tion geworden war. Später entdeckte man dann, daß es auch einen bewaff. neten Reformismus gab und das Gewehr nur so viel wog wie die sozialen Kräfte, die nach ihm griffen. Gleichzeitig kann man aus der Rede Wheelocks auch ersehen, was das Mißtrauen der Anhänger des „langanhaltenden Volkskriegs" es wecken konnte. Er spricht davon, im Streik und im Aufstand gegen die Diktatur alle gegen die Diktatur eingestellten sozialen Klassen miteinzubeziehen. Doch in der Praxis sind dies die Kampfformen der proletarisierten Schichten par excellence. Der ganze Ablauf des Kampfs. vom Streik der Unternehmer im Januar 1978 bis zur Schlußoffensive im Juni 1979 zeigt dies, wie er genauso die wachsende Hegemonie der sandinistischen Front ans Licht bringt.

Die »Terceristas« sind mit der Aufstandsbewegung vom Oktober 1977 aufgetaucht. Bis dahin gab es nur die beiden anderen Tendenzen in der FSLN. Sie gehen von einer Kritik der Orientierung , der Volkskriegstendenz aus, die sie als eine sterile Taktik des „passiven Kräftesammeins" anse-

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hen. Humberto Ortega, einer der Vertreter der »Terceristas*, meint: „Ich nenne eine Politik , passives Kräftesammeln' , wenn sie nicht in die konjunkturellen Entwicklungen eingreift. Jene Passivität zeigt sich auf der Ebene der Bündnıspolitik. Auch zeigt sich Passivität in unserem Glauben, man könne Waffen anhäufen, sich organisieren, Menschen zusammenbringen, ohne gegen den Feind zu kämpfen und ohne die Massen daran zu beteiligen. Nicht, daß wir das nicht wollten, wir dachten nur, daß, wenn wir die Zügel zu sehr lockern würden, wir angegriffen und vernichtet würden."[7] Im selben Interview präzisiert Ortega, daß die strategische Diskussion, die sich im Gefolge des Staatsstreichs von General Pinochet im September 1973 entwickelte. sich um zwei Punkte drehte: „Der Guerillakampf, dessen Achse das Gebirge sein würde, oder der bewaffnete Kampf, dessen Achse die Massen varen... In Wahrheit haben wir immer an die Massen gedacht, aber wir sahen in ihnen nur eine Unterstützung für die Guerilla, die der Nationalgarde Schläge versetzen sollte. Die Wirklichkeit war ganz anders. Es war die Guerilla, die den Massen als Unterstützung gedient hat, damit diese mittels des Aufstnds den Feind vernichten konnten. Trotzdem hatten wir alle jene Idee. Die Praxis hat unsere Ansichten verändert. Wir haben begriffen, daß wir um zu siegen unsere Guerilleroeinheiten nicht nur zur Aktion führen, sondern es auch so tun mußten, daß die Massen aktiv am bewaffneten Kampf teilnehmen konnten, denn die bewaffnete Vorhut konnte niemals ausreichend Waffen zusammenkriegen, um den Feind zu vernichten." Deshalb schlußfolgert er: „Unsere Aufstandsstrategie hat sich immer um die Massen und nicht um einen militärischen Plan gedreht. Dies muß klar sein. "[8] Der andere Aspekt der Orientierung der »Terceristas« war ihr Offensein für Bündnisse mit der antisomozistischen Bourgeoisie. Diese Perspektive wird von Ortega selbst als aus der militärischen Offensive folgend dargestellt: „Seit Oktober 1977 hat die FSLN nur die Art des Kampfs geändert, indem sie von einer defensiven zu einer offensiven Kampfführung übergegangen ist. Gleichzeitig hat sie sich zum erstenmal aut taktische politische Bündnisse eingelassen, was zu jener Zeit gewagt war."[9] Dieses , Wagnis' war übrigens einer der Streitpunkte mit den „Volkskrieglern" und den „Proletariern" bis zum Bruch der FAO im Oktober 1978.

In dieser Formulierung scheint die Linie der »Terceristas* stark von Voluntarismus und militärischem Avantgardismus geprägt zu sein. Sie geht von der Vorstellung aus, daß das Ansichreißen der militärischen Initiative ein Kräfteverhältnis schafft, das es ohne großes Risikoermöglicht, mit der oppositionellen Bourgeoisie auf politischem Gebiet breite Bündnisse einzugehen. Ihre Schwäche besteht darin, daß sie sich schlecht mit der Eigeninitiative der Massen verträgt, die sowohl die militärischen Pläne wie auch die Bündnisse mit der Bourgeoisie durchkreuzt.

Stressen beschen reletaricher und „Terceristas« in ihren Konzeptionen der Massenbewegung. Während die »Proletarier« in der Organisierung der Volksbewegung gerade die Basis des Aufsatandsvorhabens sehen, entwickeln die »Terceristas« eine substitutionalistische Position, die Gefahr läuft, jederzeit in manipulatorische oder paternalistische militärische Praktiken ausarten zu können. Ortega hat dies übrigens unumwunden zugegeben, und zwar im Hinblick auf die militärischen Aktionen des Oktober 1977, die Somozas Wahlszenario durcheinanderbrachten: „Einige Sektoren der Linken, die sich der Gewerkschaftsarbeit widmen, meinten, daß diese Aktion die Organisation durcheinanderwirbeln und die Umgruppierung der Massenbewegung stören würde; doch es kam nicht so. Natürlich traf die Repression die sichtbare, legale Organisation der Massen, aber sie konnte die Organisation in ihrer wirklich revolutionären Dimension nicht zerstören. Diesen Gesichtspunkt zu akzeptieren hätte bedeutet, dem Imperialismus in die Falle zu gehen, die darin bestand, eine bürgerlich-demokratische Öffnung anzubieten, an der auch die Gewerkschaftsbewegung teilnehmen sollte. Wir wollten lieber, daß eine solche kastrierte Gewerkschaftsbewegung gar nicht erst aufkam."[10] Die militärische Offensive hatte also explizit das Ziel, die von der Diktatur versuchte demokratische Öffnung zum Scheitern zu bringen.

Der Verlauf des revolutionären Prozesses hat in der Schlußphase zu einer Uberwindung der vergangenen Streitigkeiten geführt und die früheren Positionen verändert. Während des Unternehmerstreiks vom Januar 1978 antworten die »Terceristas« wie gewohnt, indem sie gleichzeitig bewaffnete Initiativen in Rivas und Granada ergreifen. Aber der spontane Aufstand in Monimbo im Februar bedeutet eine Wende der Situation. Sie kündet den Eintritt der Volksmassen in den Kampf an. Ihre Radikalisierung erschreckt die oppositionelle Bourgeoisie und drängt sie mehr und mehr auf die Linie der Kompromißlösungen mit Imperialismus und Diktatur.

Humberto Ortega gibt selbst zu, dals der Aufstand vom September 1978 durch den Druck der Massenbewegung ausgelöst wurde. „In der Tat konnten wir zum Aufstand nicht nein sagen. Die Massenbewegung hatte einen solchen Umfang angenommen, daf die Vorhut sie nicht mehr zu steuern vermochte. Wir konnten uns dieser Massenbewegung nicht widersetzen, diesem Strom. Alles, was wir tun konnten, war, uns an die Spitze zu stellen, um ihn etwas zu leiten und ihm eine Führung zu geben."[11] Jener Aufstand vom September 1978 kostete aber das Leben von tausenden von Menschen. Somoza vermeinte, damit einen entscheidenden Sieg gelandet zu haben. Es handelte sich aber gewissermaßen nur um die ‚Julitage' der nikaragüensischen Revolution - nach dem Bilde des Juli 1917, der die Oktoberrevolution ankündigte —, eine Generalprobe, deren politische und militärische Lehren für die Vorbereitung der Schlußoffensive vom Juni 1979 gezogen wurden.

Auf die Frage, warum sie im Mai zur Schlußoffensive aufgerufen haben, antwortet Ortega: „Weil eine Reihe objektiver Bedingungen sich immer günstiger gestalteten: die Wirtschaftskrise, die Abwertung des Cordoba, die politische Krise. Und weil wir nach den Septemberereignissen begriffen hatten, daß es notewendig war, gleichzeitig und in der gleichen Strategie Massenaufstände auf nationaler Ebene mit der Offensive der Streitkräfte an der Front und einem nationalen Streik, an dem auch

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die Unternehmer sich beteiligten oder ihn unterstützten, zu verbinden. Wenn wir diese drei strategischen Faktoren nicht zur gleichen Zeit und auf dem gleichen strategischen Gebiet zusammengezogen hätten, wäre der Sieg nicht möglich gewesen. Wir hatten schon mehrmals zum nationalen Streik aufgerufen, aber ohne ihn mit der Offensive der Massen zu verbinden. Die Massen standen schon auf, aber ohne Verbindung zum Streik und während die militärischen Möglichkeiten der Avantgarde noch zu schwach waren. Und die Avantgarde hatte dem Feind bereits Schläge versetzt, aber ohne daß die beiden anderen Faktoren eingetroffen wären. Im September gelang es zum erstenmal, diese drei Faktoren bis zu einem gewissen Grade, wenn auch nicht vollständig, zu verbinden, denn wir haben den Prozeß noch nicht völlig in der Hand gehabt. Nach dem September haben wir in einem internen Rundschreiben dargelegt, daß es keinen Triumph geben würde, wenn es uns nicht gelänge, diese drei Faktoren zu verknüpfen."[12] Die strategische Achse war also der mit dem Aufstand verbundene Streik, was durch das Auftauchen eines neuen Schlagworts in diesen letzten Monaten des Kampfs gut ausgedrückt wird: „Der Streik riecht nach Gewalt und nach Pulver" , also: der Streik kündigt den Aufstand an. heiten Nikaraguas unter Somoza nicht aus den Augen verlieren. Die Arbeiterklasse stellte dort nur 10% der aktiven Bevölkerung dar und davon waren nur 10%, also 1% der aktiven Bevölkerung, gewerkschaftlich organisiert, als der Sturz des Regimes bevorstand.

Die ersten Ziele des Kampfes sind also die Erlangung der demokratischen Freiheiten und eine radikale Landreform. Die Revolution muß sich beginnt als demererche eini antiimperialistische.

In diesem Rahmen haben die sandinistischen Führer niemals verschwiegen, daß sie das Bündnis mit der oppositionellen Bourgeoisie als ein taktisches und zeitlich begrenztes ansehen. So warnt Wheelock deutlich vor den wirklichen Zielen der bürgerlichen Verbündeten der FSLN. Er beschuldigt sie, mit der Staatsmacht paktiert" und dann, nach der Niederlage des Aufstands vom September „versucht zu haben, Verrat zu begehen, und an allen Manövern beteiligt gewesen zu sein, die während der Vermittlungsbemühungen stattfanden." Und noch klarer erklärt er, sie habe mithilfe Venezuelas und Perus versucht, ihre eigene Guerilla aufzubauen, aber, so fährt er fort: „Sie hatten nicht die Mittel, die Massen Es stimmt nicht zu sagen, sie seien immer an unserer Seite gewesen. Man kann sogar sagen, daß einige Teile jedenfalls bis zum Schluß gekämpft haben, damit die Alternative, die wir darstellen, nicht zum Sieg gelange. Drei Tage vor unserem Machtantritt befanden sich noch drei oder vier Herren

Triumph verhindern wollten und Manöver veranstalteten, uns den Sieg zu stehlen.

Auch für Humberto Ortega stellt die sandinistische Hegemonie das Schlüsselproblem dar. Die Bündnisse sind dem untergeordnet. Eher als um Bündnisse, meint er, „handelt es sich um intelligente Manöver... Wirhaben mit niemandem ein Bündnis geschlossen. Diesen Begriff zu gebrauchen, hieße der Eintachheit eines Klischers nachgeben. Ich möchte meine Worte mit einem Beispiel aus den internationalen Problemen verdeutlichen. Ein Land, in dem der revolutionäre Prozeß sich konsolidiert hat, wie in Kuba, muß trotzdem für seine Entwicklung immer auf das Verhältnis der äußeren Kräfte achten. Es muß seine Beziehungen zu Mexiko aufrechterhalten und sie auf Lateinamerika und die anderen nichtsozialistischen Staate:: ausweiten. Das selbe gilt auch fu; mächtigere Länder, ja für alle. Wir haben nur eine Politik gemacht, die uns Entwicklungsmöglichkeiten ein- ZENTRALE SPENDENKONTEN

Vom Sturz der Diktatur zur sozialistischen Revolution

Für die Mehrheit der sandinistischen Führer besteht kein Zweifel, daß der Kampf mit dem Sturz der Diktatur nicht beendet ist. Es handelt sich dann um einen Kampf für den Sozialismus. Ihre ganze Erziehung im Lichte der kubanischen Revolution und die Thesen der Konferenz der OLAS gehen in diese Richtung. „Entweder sozialistische Revolution oder Karikatur der Revolution" sagte einst Ernesto Che Guevara. Auch ihre Interpretation des obengenannten berühmten Satzes von Sandino über die Rolle der Arbeiter und Bauern bestätigt dies.

Im historischen Rahmen ist das industrielle Proletariat die bewegende Kraft im Kampf um den Sozialismus. Wir dürfen aber die Besonder- Nicaragua: Informationsbüro Nicaragua c.V., Friedrichstr. 10, S600 Wuppertal, Stadtsparkasse Wuppertal (BLZ 330 5000), Kto. 976 738, Kennwort "Nicaragua' El Salvador: Informationsstelle El Salvador, Siebengebirgsalle 81, 5000 Köln 41, PschA Köln, Postscheckkto. 332276 - 507 für den Krieg in Bewegung zu bringen. Ihren Kämpfern untersagten sie das Lesen revolutionärer Literatur. Sie waren unfähig, eine Revolution zu machen wie die, die wir gerade erfolgreich durchführen. Geschichtlich gesehen waren sie als Vorhut bereits erledigt.

Guatemala: Informationsstelle Guatemala c.V., Mainstr. 29, 8000 München 2, PschA München , Kto 2081 59 - 802, Kennwörter: Flüchtlinge, Verfolgte Kirche, URNG-Volksorganisationen, Öffentlichkeitsarbeit Honduras: Bianca Brand, 2000 Hamburg. Sonderkonto, PschA Hamburg. Kto. 529 759 - 202, Stichwort. Volksorganisationen/FUP 25

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brachte. Um dies zu erreichen, haben wir auf Bündnisse zurückgegriffen. Unser Problem war, die Somozadiktatur zu stürzen, die Macht zu ergreifen und die Revolution zu machen." (14] Der Sturz der Diktatur ist nicht der Schlußpunkt, sondern der Ausgangspunkt der sozialen Umwälzung. Mit dem Sturz der Tyrannei verändert sich die Doppelherrschaft, bleibt aber bestehen. Vorher bestand eine Situation der Doppelherrschaft zwischen der Diktatur und der Nationalgarde auf der einen und der revolutionären Massenbewegung auf der anderen Seite. Nach dem 19. Juli 1979 nimmt die Doppelherrschaft einen präziseren Klasseninhalt an, zwischen der auf das Privateigentum gestützten Bourgeoisie, die nach wie vor 70% der Landwirtschaft und 80% der Industrie beherrscht, und der proletarischen Revolution hinter ihrer sandinistischen Avantgarde. Als der Sieg näher rückte, haben die Sandinisten mit der Bourgeoisie ein Abkommen geschlossen, in dem sie ihr Garantien über die Organisierung der zukünftigen Staatsmacht gaben. Sie drehten sich um folgende drei Punkte:

- Schaffung einer aus fünf Mitgliedern bestehenden Junta des nationalen Wiederaufbaus, mit zwei Sandinisten (Daniel Ortega, Moises Hassan), zwei Bürgerlichen (Alfonso Robelo, Violeta Chamorro) und Sergio Ramirez für die »Gruppe der Zwölf». - Die Fusion der Sandinistischen Volksarmee (EPS) mit den Resten der Nationalgarde.

- Die Errichtung eines Staatsrats, in dem die bürgerlichen Organisationen die Mehrheit haben sollten. Ob es sich anfangs um einen ehrlichen Kompromiß oder ein ,intelligentes Manöver' gehandelt hat, um mit Humberto Ortega zu sprechen — Tatsache ist, daß das wirkliche Kräfteverhältnis dieses Abkommen in wenigen Tagen hinweggefegt hat. Zuerst wurde offenbar, daß sich die FSLN mit Sergio Ramirez die Mehrheit in der Regierungsjunta gesichert hatte, denn dieser war nicht einfach bloß Schiedsrichter zwischen den Vertretern der Front und denen der Bourgeoisie.

Dann hat das falsche Manöver von Urcuyo, der sich am 18. Juli krampfhaft an die Macht hängte, die Radikalisierung der Massen überstürzt und schließlich zum Zusammenbruch der Nationalgarde geführt.

Fast Punkt für Punkt wiederholte sich der vergebliche Versuch von General Cantillo am ersten Januar 1959, die Revolution auf Kuba zu verhindern. Jener Versuch mittels eines Militärputsches in letzter Minute den Revolutionären den Sieg aus der Hand zu nehmen, führte zu einem fast einwöchigen Generalstreik, der die entscheidende Rolle beim Sturz der Diktatur spielte. Als Cantillo seinen konterrevolutionären Versuch startete, verfügte er noch über eine fast intakte Armee, über die polizei, die traditionelle Presse und über vielfältige politische Unterstützung. Der Streik schliefslich hat das Kräfteverhältnis umgesturzt. In Nikaragua hat der Ansturm des Volkes gegen Urcuyo jede konkrete Perspektive beseitigt, irgendeine Fusion zwischen Nationalgarde und EPS durchzusetzen.

Schließlich hat die FSLN 1980 selbst die Initiative ergriffen, die Zusammensetzung des Staatsrats zugunsten der von ihr beeinflußten Massenorganisationen zu ändern. Diese Entscheidung führte zum Austritt von Robélo und Chamorro aus der Regierungsjunta im März 1980. Sie wurden durch Arturo Cruz und Rafael Cordoba, zwei bürgerliche Vertreter, die von der sandinistischen Führung selbst ausgesucht wurden, ersetzt. Dies Beispiel läßt überhaupt keinen Zweifel an der wirklichen Machtquelle innerhalb der Junta. In der Tat bestand die sandinistische Politik nach dem Sturz Somozas darin, sich der Kontrolle der politischen und militärischen Macht zu versichern, aber auf wirtschaftlichem Gebiet Bündnisse mit der Bourgeoisie zu schließen, in der Form der ,gemischten Wirtschaft'. Aber bei jedem Kräftemessen mit der Bourgeoisie auf politischem Gebiet hat sich die FSLN unnachgiebig gezeigt: Aufbau der Volksmilizen seit Anfang 1980, Veränderung der Zusammensetzung des Staatsrats, Weigerung, die von Robelos Demokratischer Bewegung Nikaraguas (MDN) seit August 1980 verlangten Wahlen abzuhalten. Unter der Bedingung, daß sie die politische Macht fest in den Händen halten, scheint es den Sandinisten möglich, auf wirtschaftlichem Gebiet Zugeständnisse an die Bourgeoisie zu machen und sich bei der Geschwindifkeit des revolutionären Prozesses nachgiebeg zu zeigen. Das führt uns zu einem anderen Thema. Natürlich schreibt kein Gesetz im voraus vor, welches genau der Rhythmus der Enteignungen der bürgerlichen Besitztümer sein muß, um zur Sozialisierung der Wirtschaft zu gelangen. In Rufsland wurden die Bolschewiki durch den Bürgerkrieg gezwungen, viel schneller zu solchen Maßnahmen zugreifen, als es ursprünglich vorgesehen war. es ist aber illusorisch zu glauben, dais das im Verlauf des Kampfs geger die Diktatur errungene Vertrauen der Volksmassen ein unveränderliches Kapital sei, daß es ein für allemal errungen ist. Solange es der Bourgeoisie gelingt, die Grundlage ihrer wirtschaftlichen Macht zu bewahren, nämlich das Privateigentum an den Produktionsmitteln, wird sie nicht darauf verzichten, ihre Möglichkeiten im nationalen Maßstab zu nützen und vor allem die enorme internationale Unterstützung zu gebrauchen, um die Autorität der revolutionären Macht zu untergraben und sie zu spalten versuchen. Es ist bezeichnend, daß Robelo zum gleichen Zeitpunkt, als er heftige Angriffe gegen die Sandinisten wegen ihres fehlenden Pluralismus vortrug, den Vereinigten Staaten die Einstellung der Hilfeleistung vorwarf, denn diese half den Privatsektor stärken.

Es ist nun normal zu sagen, daß der Sozialismus nicht sofort verwirklicht werden kann, besonders in einem so verarmten Land, das auch noch durch

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einen Bürgerkrieg mit 40 000 Toten und 100 000 Versehrten ausgeblutet wurde. Man muf aber ergänzen, daf die sozialistische Revolution den notwendigen Abschluß bildet, um die demokratischen Errungenschaften und die nationale Unabhängigkeit zu sichern. Natürlich darf man Abschluß und Ausgangspunkt nicht durcheinanderbringen. Man kann die [1] Siehe zu diesem Thema die Artikel von Oscar Rene Vargas, die in der lateinamerikanischen marxistischen Zeitschrift Coyoacan, die in Mexiko erscheint veröffentlicht wurden: ,Nikaragua, Wirt- 4/6-81. schaft und Revolution', Nr. 10, 10/12-80, Nr. 12, [2] Der sandinistische Führer Bayardo Arce spricht heute von der sandinistischen Gruppe, bekannt als -die Zwölf•". ,Nikaragua,Revolution", Cuba Socialista, Nr. 1, 12-81.

Entwicklung des Bewußtseinsstands Aber wenn man auch die Etappen der Massen nicht einfach übersprin- der Bewußtseinsbildung der Massen gen. Diejenigen, die zum Opfer bereit waren, um Somoza zu verjagen, kön- berücksichtigen muß, so sollte nen zur selben Zeit zahlreiche Vor- sogleich hinzugefügt werden, daß es urteile besonders auf religiösem keine chinesische Mauer, keinen Gebiet behalten. Die tägliche Erfah- Bruch zwischen der Lösung der rung des Kampfs, die Alphabetisie- demokratischen Aufgaben und dem rungskampagne zählen mehr bei der Beginn der Lösung der sozialistischen Hebung des Bewuftseins der Volks- Aufgaben der Revolution gibt. massen als ein verbaler und abstrakter Radikalismus.

(3) Das geht besonders aus zahlreichen Zeugnissen [6] Ebenda, S. 73 ervor, die von dem für Le Monde arbeitenden Jour- [7] Interview Humberto Ortegas mit Marta Harnalisten Francis Pisani aufgezeichnet worden sind, der necker. Granma, franz. Ausgabe, 27.1.1980 duras ab bis zum Sturz Somozas begleitet har. Diese die sandinistische Offensive von der Grenze zu Hon- (8) Ebenda Zeugnisse sind auf Französisch in einem Buch veröf- (9) Muchachos, S. 98 fentlicht mit dem Titel Muchachos: Tagebuch eines (10) Ortega-Interview Zeugen der sandinistischen Revolution, Edition (11) Ebenda Encore, Paris 1980. (12) Ebenda (4) Muchachos, S. 81 (13] Muchachos. S.224 (5) Ebenda, S. 183 (14] Ebenda, S. 145 FILN

R POWER SRIDINISTA PUER

July 19 in León. Banner says, "All weapons in hands of the people make this Sandinista power invincible." Nuevo Diario

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Indien

Amar Jasani