EI Salvador: Die Rolle der Volkskirche
Interview mit einem Priester von Jean-Pierre Beauvais, Mitte April 1983. Das folgende Interview wurde von Jean-Pierre Beauvais ge- Nonnen, die sagen, »christlicher Glaube und revolutionäres Engaführt. Es wurde in der Wochenzeitung der französischen Sektion gement sind kein Widerspruch«, die sagen, »Religion und Revoluder Vierten Internationale Rouge vom 18. März veröffentlicht. tion verbinden sich im Dienst an den Erniedrigten.« Vorab Beauvais Einleitung zum Interview: Die Heftigkeit der Verurteilungen des Papstes weisen auf das Ausmaß der Spaltungen und Konflikte hin, die Mittelamerikas
Die Reise Papst Johannes Pauls II. durch sechs mittelamerika- Katholiken zerreißen, wo jedes Jahr der revolutionäre Aufschwung nische Länder, Belize und Haiti hatte zum Zweck, das Gewicht und machtvoller wird. die Autorität der Kirche in einem der katholischsten Gebiete der Die wachsende Macht dieser Volkskirche ist heute ein wichti- Welt wieder zu stärken. ger Faktor, der über den Ausgang der Mobilisierungen und Kämp- Sei es in Costa Rica oder in Honduras, der Papst machte abge- fe der Völker dieser Region mitentscheidet, und wird es in den sehen von den üblichen demagogischen Gesten sehr deutlich, wel- kommenden Jahren erst recht sein. Das gilt für das revolutionäre che Art der Autorität er wiederherstellen wollte. Es war die der ka- Nicaragua, das von imperialistischer Intervention bedroht ist, die tholischen Hierarcien, der Wachhunde der unterdrückerischen und von der Reaktion im Landesinnern gestützt wird. Es gilt aber auch ausbeuterischen Regime, die die Frontlinie im Krieg gegen die »un- für El Salvador, wo mehr als irgendwo anders sich ein großer Teil menschlichen Kollektivismen, die die Menschenwürde erdrücken«, des Klerus auf die Seite derer, die gegen die herrschende Junta darstellen, wie es der Heilige Vater in einer großen religiösen Zere- kämpfen, gestellt hat. monie zur anderen wiederholte. Salvador und Das folgende Interview wurde mit einem aktiven Mitglied der Guatemala-Stadt erteilte er der Diktatur durch sein Schweigen die Volkskirche El Salvadors geführt. Es handelt sich um einen Bau- Absolution für den Massenmord. ernpriester, ein Mitglied der christlichen eucharistischen (Basis-) Nach Managua kam er zur Unterstützung des wahren Führers Gemeinden, die sich im Nationalen Koordinationskomitee der der reaktionaren Opposition gegen die Regierung der Sandinistas, Volkskirche El Salvadors organisiert haben. des Erbischofs der Stadt Monsignore Obando y Bravo, und nahm Im Bürgerkrieg, der dem salvadorianischen Volk aufgezwunbei der Verdammung »dieser absurden und gefährlichen Volkskir- gen wurde, hat er sein Lager eindeutig gewählt. Und zwar nicht das che«, kein Blatt vor den Mund. Dies ist die Kirche der Priester und von Johannes Paul II. - Können wir davon sprechen, daß es in El - Wir geben allem, was die Front (FDR- Salvador zwei Kirchen gibt? FMLN) tut, unsere kritische Unterstützung. Wir sind aber als CONIP nicht Mit- - Wie überall in Lateinamerika gibt es jetzt glied, da wir keine politische Partei sind, zwei Arten von Kirche im Land. Eine ist sehr traditionalistisch und konservativ. Sie die um die Macht kämpft. Wir sind ein Teil repräsentiert eine Minderheit, kontrolliert der Kirche, die dem Volke dienen will. In diesem Geiste versuchen wir in der aber die Spitzen der Hierarchie. Die ande- CONIP cinen politischen Pluralismus aulre. bei der auch einige dem Volke nahesterechtzuerhalten. Eine Menge CONIP-Mithende Bischöfe dabei sind, umfaßt weite glieder gehören zu gar keiner politischen Teile des Klerus und die Mehrheit der Lai- Partei, eine Menge anderer gehören zu veren. Wirklich neu ist dieser Zustand jedoch schiedenen Tendenzen der Front. nicht. Es ist schon seit etwa zwanzig Jahren Die Mehrheit derer, die gegen die DiksO.
Sehen wir uns nur mal den Vorsitzen- tatur sind, sind Christen, einschließlich vieler Guerilleros.
den der Bischofskonferenz an. Er hat zusätzlich den Rang eines Obersten der Ar- - Was sind die Aktivitäten der Basisgemeinmee. Ich spreche über Monsignore Alvarez. den?
Sein Büro ist ständig voll mit Militär. Und was den Vizevorsitzenden der Bischofskon- - Wir arbeiten in drei verschiedenen Gebie ferenz anbelangt, so ist er für seine offenen ten: in den von der FMLN kontrollierten Denunziationen bei seinen Predigten be- Gebieten - das sind 40% des nationalen kannt. Er denunziert wohlbekannte Prie- Territoriums -, in den vom Regime San Saister und seine Katecheten. Etliche von ih- vador kontrollierten Zonen und außerhalb nen sind nach solchen Denunziationen er- Von den cucharistischen Gemeinden des Landes unter den Flüchtlingen in Meximordet worden. toren die meisten zum Koordinationsko- ko, Nicaragua und Honduras. Ich habe die Fotokopie eines Briefes in mice der Volkskirche (CONIP) in El Sal- Im von den Revolutionären kontrolder Hand, den er an die Nationalgarde vador. Diese Gemeinden entstanden vor lierten Gebiet stärken wir die cucharistisandte, um einen seiner Priester anzu- ungefähr fünfzehn Jahren. Die meisten von schen Gemeinden, die schon seil Jahren schwärzen. Fünf Tage später wurde besag- ihnen bestehen aus Bauern. Die anderen existieren, und nehmen an allen Aufgaben ter Priester von vier Mitgliedern der Garde sind in den Städten, besser: in den Vorstad der Bildungsarbeit teil, an der Organisation ermordet, als er die Messe las. ten. Das Bestehen dieser Gemeinden en: des Gesundheitsdienstes und an der Land- Ein anderer Bischof ist ein großer spricht einer bestimmten Vorstellung von wirtschaft. Landbesitzer. Er hat die Leute, die auf sei- der Rolle und den Aktivitäten von Priestern In den Regierungsgebieten ist die Lage nen Besitztümern arbeiten, zu den Waffen und Nonnen. völlig anders. Die Arbeit ist dort aufgrund gerufen, um die »Terroristas« zu erledigen, Wir glauben, ihre Aufgabe kann nicht der Unterdrückung schwierig. Die Arbeit also die Kämpfer der FMLN nur sein, die Christen zu einem christlichen der Gemeinden ist eine Arbeit in Katakom- Andererseits ist Monsignore Rivera y Leben zu ermutigen, sondern sie sollten ben'. Wir durchleben Erfahrungen, die de Damas in San Salvador ein ehrbarer Bi- auch das selbe Leben wie diejenigen füh- nen der ersten Christen ahnlich sind schof. Er ist dem Volke zugeneigt und der ren, die sie zu erreichen suchen, indem sie Wir müssen uns heimlich treffen, um einzige, mit dem die eucharistischen Ge- mit diesen Arbeit und Probleme teilen. die Messe zu zelebrieren und gemäß den Sa meinden in Dialog treten können. In den kramenten zu leben. Einige Priester und höchsten Kreisen der Hierarchie kümmert Nonnen mußien ihre Pfarreien verlassen. allein er sich ernsthaft darum, eine Beendi- • Welche Position nimmst du bezüglich des um unter Leuten zu leben, wo sie sicher ge gung des Bürgerkriegs zu erreichen. Bürgerkrieges ein? hen können. unerkannt zu bleiben.
Du mußt dir vorstellen, daß viele Bauern wegen »Besitz von subversivem Mate- Salvador-Solidaritätstreff in Genf riala verhaftet wurden, allein weil sie die Bibel und ein Bild von Monsignore Romero hatten.
Die Gemeinden haben trotz aller Unterdrückung und Verfolgung ihre Arbeit in diesen Gebieten fortgesetzt und ein Programm humanitärer Aktivitäten entwickelt, besonders unter denen, die aus ihren Wohnorten auf dem Lande fliehen mußten. In den Gebäuden der Kirche gibt es jetzt viele Flüchtlingszentren. An diesen Stellen trifft auch die international Hilfe Unglücklicherweise haben wir nicht die Mittel, alle aufzunehmen, die gezwungen waren zu fliehen, all die Bauern, die die Hauptmasse der Flüchtlinge aus dem Landesinnern ausmachen. Wie könnten sie auch alle in den begrenzten Zentren leben? Das drückendste Problem ist dabei nicht Lebensmittelknappheit oder elende sanitäre Einrichtungen. Es ist vor allem ein psychologisches, da diese Masse von Leuten nichts zu tun, keine Arbeit hat.
Schließlich versuchen wir außerhalb von El Salvador unter den in anderen mittelamerikanischen Ländern und Mexiko sich ansammelnden Flüchtlingen Gemeinden aufzubauen. Sie kommen dort in einem Schockzustand an. Alle sind sie Opfer des Krieges. Mitglieder ihrer Familien sind ermordet worden, ihre Wohnungen sind zerstört worden, sie sind völlig mittellos. Eine ganze Reihe humanitärer Aufgaben müssen durchgeführt werden. Arbeit muß für sie gefunden werden, Medizin, Kleidung. Augenblicklich gibt es laut dem UNO- Hochkommissariat etwa eine Million salvadorianischer Flüchtlinge in den verschiedenen mittelamerikanischen Ländern und in Mexiko, während 300000 innerhalb des Landes »auf Wanderschaft« sind. Das zeigt das Ausmaß der Aufgabe.
Die Lage dieser Flüchtlinge ist fast immer verzweifelt, besonders in Honduras. Wir haben eine Kampagne durchgeführt, daß die Behörden in Honduras aufhören, salvadorianische Flüchtlinge zu unterdrücken, zu mißhandeln oder zu ermorden. - Habt ihr irgendeinen Einfluß in der Armee, unter den Soldaten?
- Ein Großteil der Armee ist darauf getrimmt, ihre eigenen Brüder zu ermorden. Seit acht Jahren bekommen die Soldaten »zu ihrer Erziehung« eine kleine Broschüre. Da steht drin, daß das Leben eines Soldaten das von zehn Zivilisten wert ist, daß die Träger der Uniform die Verteidiger des Landes gegen den Kommunismus sind und Verteidiger der Kirche gegen kommunistische Priester und Nonnen. Sie erfahren, daß sie Gottes Segen haben, wenn sie töten, solange sie nur Kommunisten töten. Trotz all diesem gibt es Soldaten, die sich mit der Opposition gegen dieses Regime identifizieren. Einige von ihnen sind desertiert oder möchten es gerne tun. Aber dabei gehen sie ein schweres Risiko ein, da in vielen Fallen die ganzen Familien von Deserteuren hingemordet wurden.
Vom 18. bis 20 Februar 1983 hat in Genf in der Schweiz das 5. Koordinationstreffen der (west-)europäischen Solidaritätskomitees mit El Salvador stattgefunden. Daran haben Vertreter aus vielen Ländern teilgenommen: aus Österreich, Belgien (mit je einer Delegation für den frankophonen und für den flämischen Landesteil). Dänemark, Spanien, Frankreich, Großbritannien, Niederlande, Italien, Norwegen, Portugal, Bundesrepublik Deutschland, Schweden und Schweiz. Von den isländischen Komitees wurde ein Telegramm geschickt, in dem sie ihre Unterstützung zum Ausdruck brachten.
Die Eröffnung dieses Treffens fand in Form einer Kundgebung unter dem Titel »Solidarität mit El Salvador« statt, an der etwa 200 Leute teilnahmen; es sprachen ein Vertreter der Schweizer Solidaritätskomitees sowie Francisco Herrera, Vertreter der Revolutionär-Demokratischen Front/Nationalen Befreiungsfront Farabundo Marti (FDR/FMLN). Der Schweizer Genosse stellte die Bedeutung der Solidaritätsarbeit in einem Land heraus, das für seinen Rassismus und seine Fremdenfeindlichkeit gegenüber den Arbeitsemigranten bekannt ist, nämlich die Schweiz, und er ging darauf ein, daß es notwendig ist, daß die europäischen Solidaritätskomitees die Einheit mit den Kämpfen gegen den imperialistischen Militarismus herstellen. Schließlich faßte er die Ziele des S. europäischen Koordinationstreffens der Solidaritätskomitees zusammen: Verbesserung der Koordinierung der Arbeit in Westeuropa und des Erfahrungsaustauschs sowie Aufbau der Weltfront der Solidarität mit dem Volk von El Salvador (vgl. Bericht über die Gründung in »Inprekorr« Nr. 5/82) in Westeuropa. Vor dem Redebeitrag des Vertreters der FDR/FMLN wurden vom Podium aus Kommuniqués verlesen, die von verschiedenen Organisationen geschickt worden waren (insgesamt knapp dreißig). Darunter waren Grußbotschaften des chilenischen MIR (Bewegung der Revolutionären Linken), der uruguayischen PVP (Partei des Siegs des Volks), der Genfer Sektion der PCE (Kommunistische Partei Spaniens), des Sozialistischen Solidaritätskomitees mit den Oppositionellen in den Ländern des Ostens (CSSOPE, in der romanischen Schweiz), der Frente Polisario (Volksfront für die Befreiung von Seguiete! Hamra und Rio de Oro, aus der Arabisch- Saharauischen Demokratischen Republik), der Schweizer Botschaften von Vietnam und Nicaragua. Auch aus der Schweizer Arbeiterbewegung wurden Solidaritätsadressen an das Treffen gerichtet, u.a. von der Sozialistischen Arbeiterpartei (SAP/PSO/PSL), der Schweizer Sektion der IV. Internationale.
Francisco Herrera von der FDR/FMLN unterstrich die Respektierung der Autonomie der Salvador-Solidaritätskomitees, die Bedeutung und die notwendige Verstärkung dieser internationalen Aktivität und verurteilte die Eskalation des im- • 10 perialistischen Interventionismus. Außerdem analysierte er die aktuelle Lage in El Salvador auf politischer und militärischer Ebene. Da die FDR/FMLN als Organisation nicht an den Diskussionen teilgenommen hat, führte der Genose Francisco Herrera die allgemeinen Linien an, an denen sich die Solidaritätsarbeit orientieren solle: sich gegen die imperialistische Intervention stellen; nach Mitteln suchen, um die internationale Presse mit der Wirklichkeit innerhalb von El Salvador bekannt zu machen; »triumphalistische Redeweisen« vermeiden, denn die Wirklichkeit ist hart und der Feind sehr mächtig; für die Freilassung der politischen Gefangenen kämpfen; einen Dialog suchen, der eine »würdige Lösung im Interesse des Volkes« sicherstellt, was mit der immer breiteren Anerkennung der FDR/FMLN auf internationaler Ebene verbunden ist; die Wiedereröffnung der Nationaluniversität in San Salvador fordern, die seit 1980 geschlossen ist. Die Diskussionen auf diesem Treffen haben es den Delegierten der Komitees aus den einzelnen Ländern möglich gemacht, die vielfaltigen Schwierigkeiten besser zu begreifen, die der Organisierung und Ausweitung der Solidaritätsbewegung im. Wege stehen und die zum Teil länderspezifisch, zum Teil allen gemeinsam sind. Zum Beispiel haben in Italien, in Norwegen, in Schweden, in Dänemark und in den Niederlanden die Beziehungen der Solidaritätskomitees zu den wichtigsten politischen und gewerkschaftlichen Kräften öfters in einheitlichen Kanıpagnen Ausdruck gefunden. Das ist in Frankreich und im spanischen Staat nicht der Fall, wo die Komitees aufgrund der sektiererischen Haltung der Kräfte, die in der Arbeiterbewegung dieser Länder die Mehrheit hinter sich haben, an den Rand gedrängt wurden. Diese Probleme müssen in Zukunft eine Lösung finden, damit es möglich wird, daß sich die Solidaritätsbewegung weiterentwickel und auf der Höhe dessen steht, was in Mittelamerika auf dem Spiel steht.
In Anbetracht der Verantwortung, die die internationale Solidarität hat, haben die Solidaritatskomitees ein europäisches Sekretariat geschaffen, das im Rahmen des Möglichen ihre Aktivitäten und die Rundreisen von Delegationen der salvadorenischen revolutionären Massenorganisationen in Westeuropa koordinieren wird. Die Solidaritätskomitees haben außerdem bekräftigt, daß sie die Weltfront der Solidarität unterstützen und verbreitern wollen, indem sie die Kampagnen unterstützen und zur Koordinierung beitragen, die seitens der internationalen Struktur für den Oktober 1983 und den 22. Januar 1984 vorgesehen sind (zum Gedenken an die Gründung der FMLN im Oktober 1980 bzw. an den Bauernaufstand 1932). Die Revolutionäre werden ihren Teil zur Verstärkung der Solidaritätsbewegung mit dem Kampf des salvadorenischen Volkes beitragen und sich mit allen Kräften für den Erfolg der Kampagnen der Weltfront der Solidarität beitragen.
Peru:
Der repressive Kurs der Regierung Belaunde Terry
Interview mit Hugo Blanco, Lima, 13. Januar 1983 Fernando Belaunde Terry hatte als Kandidat von seiner Ver- der Hand laufen und dabei rufen: »Terrorist! Heute nacht komgangenheit als ehemaliger Präsident der peruanischen Republik, men wir in dein Haus. Wir werden deine Eingeweide essen und deider am 3. Oktober 1968 durch den Staatsstreich der »reformisti- nen Kopf in Stücke schlagen!« schen« Militärs gestürzt wurde, profitiert, um sich in den Präsi- Der Kampf gegen die Guerilla der Gruppe »Sendero Luminodentschaftswahlen vom 18. Mai 1980 erneut wählen zu lassen. In so« (»leuchtender Pfad«) wird benutzt, um das politische und soden vergangenen drei Jahren hat sich der repressive Kurs des Regi- ziale Leben des Landes noch mehr zu militarisieren. Der Kriegsmimes der »Accion Popular« (AP) ohne Unterlaß verstärkt: heute nister Luis Cisneros Vizquerra forderte vor kurzem »alle guten Peschickt Belaunde sogar die Armee vor, um die »Guerilla« in der ruaner, mit und ohne Uniform« zur Unterstützung gegen »Sendero Provinz Ayacucho zu unterdrücken. Parallel dazu führt seine Luminoso« auf (»La Republica«, Lima, 29.12.1982).