Die kurdische Frage - von Livio Maitan, 25. April 1982 - (aus »Quatriême Internationale« Nr. 9, Juli-Sept. 1982). gung von erheblicher Bedeutung waren. Das liegt unter anderem Die kurdische Nationalfrage wurde traditionell von der internatiodaran, daß im Rahmen der Neuordnung des internationalen Synalen Arbeiterbewegung links liegen gelassen. Die Il. Internationastems und der Beziehungen zwischen den Großmächten, wie er le befaßt sich erst auf ihrem Kongreß in Zürich im August 1930 davom Jalta-Abkommen symbolisiert wird, einfach kein Platz war mit, als ein armenischer Delegierter die Repression erwähnte, die für ein unabhängiges Kurdistan: ein solches würde unweigerlich zu auf die Revolte des Berges Ararat folgte, und eine Protesterklärung einer Krise in mehreren Staaten einer Weltgegend, die für das geannehmen ließ. Die Bilanz der III. Internationale, die immerhin samte Gleichgewicht von entscheidender Bedeutung ist, führen. seit ihrem II. Kongress (1920) wiederholt Diskussionen zur natio- Selbst die Vierte Internationale nahm nie ausdrücklich zur nalen und kolonialen Frage eröffnet hatte, ist auch nicht stolzer. kurdischen Frage Stellung, auch wenn in Protesterklärungen gegen Niemals wurde zu irgendeinem Zeitpunkt eine Resolution angedie Repression wiederholt auf das Recht des kurdischen Volkes auf nommen zum kurdischen Probelm, und dieses wurde auch nicht in Selbstbestimmung Bezug genommen wurde). Derzeit wird die allgemeineren Texten erwähnt. Sogar nach dem Zweiten Weltkrieg Frage in der Vierten Internationale diskutiert, und dieser Artikel erregte das Problem nur in kleinen Kreisen Aufmerksamkeit, obsoll ein Beitrag dazu sein.
wohl Ereignisse geschahen, die für die kurdische Nationalbewe- HISTORISCHE PRÄMISSEN formal ihre Autonomie unter der Herrschaft ihrer eigenen Beys (Stammestührer)
Es ist unmöglich, hier eine - wenn auch bei, die indes zu Feudalherren des Reiches nur summarische - Zusammenfassung der wurden und unter anderem in Notfallen mi- Geschichte der Bevölkerung der Gegenden litärische Truppen stellen mußten. Denn zu geben, welche dem heutigen Kurdistan die Kurden wurden jahrhundertelang in die entsprechen. Der Ursprung des kurdischen Auseinandersetzungen zwischen den beiden Volkes geht sehr weit zurück, nämlich bis Reichen mit hineingezogen; dabei versuchins dritte Jahrtausend vor unserer Zeitrech- ten sie ohne große Gewissensbisse, hin und nung. Zwischen dem dritten Jahrtausend her zu lavieren. Einige Fürstentümer stanund dem 12. Jahrhundert gab es alteinge- den übrigens unter der Oberherrschaft des sessene Völker, die jedoch in der Periode Schah von Persien, andere wiederum waren zwischen dem 19. und dem 16. Jahrhundert unabhängig. Jedenfalls gab es unaufhörlich mit eingewanderten Stämmen indo-curopa- Konflikte: prinzipiell hielten die osmaniischer. Ursprungs verschmolzen. In jünge- schen Sultane die Abkommen nicht ein, rer Zeit werden die Kurden bei Klassikern sondern versuchten, die Fürstentümer einwie Strabon, Xenophon und Titus-Livius fach zu annektieren. Es gibt Autoren, die erwähnt. Insbesondere Xenophon spricht sind der Meinung, daß man aufgrund all in seinen berühmten Anabasen von den dieses Hin-und-Hers und der relativen Un- Kardukoi, den Ahnen der heutigen Kur- abhängigkeit gewisser Fürstentümer davon den. In der Feudalepoche, die sich durch ei- sprechen kann, daß der kurdische Natione starke Tendenz zur Seßhaftwerdung von nalgedanke bis ins 16. Jahrhundert zurückvormals nomadisierenden Stämmen aus- reiche (immerhin kommt der erste Text in zeichnet, bildeten sich - seit dem 11. und kurdischer Sprache - eine indo-curopäische vor allem dem 14. und 15. Jahrhundert Sprache der iranischen Gruppe wie das Pern.u.Z., nach den Mongoleneinfallen - zahl- sische oder das Afghanische - aus dem 7. reiche Fürstentümer. Diese hielten sich -mit Jahrhundert). Ideologisch geschen kann Auf-und-Ab und zahlreichen Veränderun- der große Dichter Ehmed Khani, der zwigen - bis ins letzte Jahrhundert. schen 1650 und 1706 lebte und das Epos Sie wurden in den Kampf zwischen Mem-O-Zin verfaßte, als der Erste angesedem Osmanischen Reich und dem Schah hen werden, der den Nationalgedanken von Persien hineingezogen. Einen Wendepunkt in dieser Geschichte bildet Das 19. Jahrhundert ist von zahlrei- Schlacht von Tschaldyran im Jahre 1514, chen Kämpfen der wichtigsten Fürstentüals der osmanische Sultan Selim den Schah mer um ihr Unabhängigkeit gegen das Os- Ismail schlug. Die Kurden standen auf der manische Reich gekennzeichnet. Manche Seite der Türken, also der Sieger. Religiöse Autoren - wie der Russe Basile Nikitine Gründe hatten dabei eine Rolle gespielt: die setzen das erste Stadium der modernen kur- Perser waren nämlich Schiiten, während dischen Nationalbewegung in dieser Zeit die Kurden wie die osmanischen Sultane an, auch wenn es eigentlich Kämpfe unter sunnitischen Glaubens waren. Im Jahre der Führung von »feudalen« Herren wa 1515 wurde zwischen dem osmanischen ren, bei denen es gleichzeitig um deren rela- Reich und den kurdischen Fürstentümern tive Autonomie und um ihre althergebrachein Abkommen geschlossen. Letztere - es ten Privilegien ging. Die wichtigsten Aufwaren anfangs 15 an der Zahl - behielten stände waren: - der Aufstand des Fürstentums von Bahan (1806) unter der Führung von Abdurrahman Pascha; - der Aufstand der Bibas (1808); - der Kampf von Mir Mohammed, dem Herrscher des Fürstentums von Soran, der den Ehrgeiz hatte, den ganzen iranischen Teil von Kurdistan zu erobern bzw. zu befreien (1835); - der Aufstand von Bedir Khan-bek, dem Emir von Botan seit 1821, den manche als einen der Unabhängigkeitshelden des 19.
Jahrhunderts ansehen und dem es jedenfalls - wenn auch nur für eine kurze Zeit gelang, seine Herrschaft über einen guten Teil von Kurdistan (1843-1846) zu errichten; - der Aufstand von Yezdan Shern, der ziemlich weite Gebiete erfaßte (1853-1855):
- der Aufstand von Scheich Obeidullah, an dem zur gleichen Zeit osmanische und iranische Kurden teilnahmen (1879-1880).
Gegen Ende dieses ersten Stadiums wurde die erste kurdische Zeitschrift (zweisprachig: kurdisch und türkisch) gegründet. Sie hieß »Kurdistan« und kam zuerst in der Schweiz, dann in London heraus als Sprachrohr der kurdischen Patrioten. Sie übersiedelte nach Istanbul nach dem Aufstand der Jungtürken (1908), der den Beginn des zweiten Stadiums der kurdischen Nationalbewegung einläutete. Allmählich begannen die Kurden, sich für ihre elementarsten nationalen Rechte und Freiheiten zu organisieren. So entstanden insbesondere die » Vereinigung für die Entwicklung und den Fortschritt von Kurdistan«, die eine (1) Leo Trotzki erwähnt die Kurden in cinem Artikel von November 1912 ober die armeniche Frage. Darin denunziert er. daß die Kurden bei der Repression gegen die Armenier gemeinsame Sache machen. Von den Aufständen der Kurden gegen die Türken schreibt er nichts (s. The Balken Wars 19/2 - 1913, New York, 1980. S. 240 - 243).
Zeitschrift herausgab, und die »Vereinigung für die Verbreitung der Bildung unter den Kurden«, welche eine kurdische Schule in Istanbul gründete. All das sollte indes nur ein kurzes Zwischenspiel sein. Hatte das neue Regime bei seinem Antritt noch proklamiert, daß alle Nationalitäten des Reiches gleichberechtigt seien, so sollte es alsbald seine Haltung ändern und einen heftigen Angriff gegen die nicht-türkischen Nationalitäten vom Zaum brechen, in erster Linie gegen die Kurden. Schon 1909 wurden die Vereinigungen und Zeitschriften wieder verboten.
Ein drittes Stadium begann am Ende des Ersten Weltkrieges. Zum ersten Mal kam die Frage der Bildung eines unabhängigen Kurdistan auch auf diplomatischer Bühne auf die Tagsordnung (Großbritannien, damals die entscheidende Macht in dieser Weltgegend, ließ während einer kurzen Zeit durchblicken, daß es im Prinzip für eine solche Lösung sei, und Frankreich pflichtete bei). Wieder entstanden Clubs und Vereinigungen, vor allem in Istanbul, aber diesmal auch in anderen Städten der Türkei. Die wichtigste Vereinigung war die »Vereinigung für die Entwicklung Kurdi- Stans«, die Abdel Kader zum Präsidenten und Emir Ali Bedir Khan zum Vize-Präsidenten hatte. Ziemlich bald schälten sich verschiedene Strömungen insbesondere an der Frage: Autonomie oder Unabhängigkeit? heraus. Abdel Kader wurde zum Hauptsprecher der Autonomie-These, fEmir Ali der Unabhängigkeits-These. Der Konflikt führte schließlich zur Bildung von zwei rivalisierenden Organisationen der Kurden von Istanbul: des »Kurdischen Sozialen Bundes« von Emir Ali und des »Bundes der Kurden und von Kurdistan« von Abdel Kader.
Der Vertrag von Sèvres 1920 war eine schwere Enttäuschung für die Kurden, die sich eine günstige Lösung auf der diplomatischen Bühne erhofft hatten. Zwar wurde in dem Vertrag die »lokale Autonomie für die Gegenden, wo das kurdische Element vorherrscht«, anerkennt, und auch die Möglichkeit einer Unabhängigkeit von der Türkei nicht ausgeschlossen. Aber die Verwirklichung dieser Unabhängigkeit hing von einer Reihe von Bedingungen ab; unter anderem mußte der Rat des Völkerbundes anerkennen, daß »diese Bevolkerung dazu Jahig« ist, unabhängig zu sein. Außerdem wurde das Gebiet des etwaigen Kurdistan ziemlich eingeschränkt. Und schließlich wurden zusätzlich Bedingungen für das Gebiet von Mossul, das später dem irakischen Staat einverleibt wurde, aufgestellt. Wie dem auch sei, jedenfalls blieb der Vertrag von Sèvres Papier und mit ihm auch die wenigen für die Kurden positiven Aspekte. Mit dem Vertrag von Lausanne (1923) wurde die Lage auch nicht besser - durch ihn wurde nur die koloniale Aufteilung des kurdischen Gebietes zwischen der Türkei und dem Iran sowie zwischen Syrien und • dem Irak festgelegt.
Mit dieser Aufteilung wurden die elementarsten Interessen und Bestrebungen des kurdischen Volkes flagrant verletzt, und sie führte zu einer Reihe von Aufständen in den beiden Jahrzehnten zwischen den Weltkriegen.
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- Hans Hauser: »Die Kurden, Stiefsöhne Allahs«, Herbig aktuell München-Berlin 1979. - Jürgen Roth: »Im wilden Kurdistan«, Signal-Verlag 1980. Zuerst entwickelte sich eine Bewegung, auf einem Kongreß im Jahre 1927 gegründie auf Ismail Agha zurückgeht, einem Mann, der unter dem Namen Simko be- . Im Jahre kannt wurde. Er begann 1918, auf irani- 1928 begann Ihsan Nuri, ein Major der türschem Gebiet aktiv zu werden, und schlug kischen Armee, der am Kongress von 1927 1920 mit einem offenen Aufstand los, des- teilgenommen hatte, mit militärischen Aksen proklamiertes Ziel ein »unabhängiges tionen in der Gegend des Berges Ararat. Er Kurdistan« war. Auf ihrem Höhepunkt kommandierte mehrere Tausend Mann und hatte diese Rebellion ein ziemlich weites gründete die Republik des Ararat-Berges. Gebiet unter Kontrolle Im September 1930 wurde diese Republik Dann gab es mehrmals Revolten von eingenommen, aber der Kampf zog sich in Scheich Mahmud. Die erste wurde 1919 - diesem Gebiet noch etwa zwei Jahre lang 1920 gegen die britische Besetzung des süd- hin. Wie gewohnt folgten grausige Represlichen Kurdistan geführt. Die zweite Episo- sionsmaßnahmen der Kampfeinstellung. de fand 1922 statt: Mahmud stellte ein »Ka- Als letztes folgt dann der Aufstand binett von Kurdistan« aus aucht Ministern von Dersim (heute Tunceli) im türkischen zusammen und rief sich selbst zum »Schah Teil Kurdistans. Hauptanführer war der von Kurdistan« aus; mehrere Monate lang »Generalissimus« Seyid Reza, und 1937 ererschien das Gesetzblatt »Sonne von Kurdistan«. Zwei Jahre später wurde Mahmud reichte die Revolte ihren Höhepunkt. Seyid geschlagen; aber deshalb gab er noch lange Reza schrieb ein Manifest, das zu den benicht auf. Ende 1930 rief er zu seinem letz- merkenswerten Texten dieser Epoche geten Aufstand auf, wurde aber im darauffol- hờng (4), genden Jahr endgültig geschlagen. 1925 wird der türkische Teil Kurdi- (2) Nach manchen Quellen soll der Kongress in der Gegend des Berges Araral statigefunden stans von cinem neuen Aufstand erfaßt, haben, nach anderen im Libanon. Die Zeit ist den Scheich Said anführte und der ein Jahr auch unklar: Frühling oder August? später mit der Hinrichtung von zahlreichen (3) Kutschera meint, die Kämpfer des Khoybun Aufständischen zu Ende ging. hatten die Theorie des revolutionaren Her- Eine umfassendere Aufstandsbewe- des» im Guerillakampf schon weine Generation gung wurde in den Jahren 1927 - 1928 und vor den lateinamerikanischen Theoretikerna theoretisiert.
1931 -1932 vom Khoybun initiiert. Der Khoybun (»Selbst Sein«) ist ein Komitee, (4) In dem Text wird die Unterdrückung der das unter nicht aufgeklärten Umständen Kurden und die Repression gegen sie denunziert. Formal ist er an einen »Minister« gerich tet, aber an welchen, das weiß man nicht.
Auch nach dem Zweiten Weltkrieg blieb Kurdistan gespalten. Das kurdische Volk ist also unter fünf Staaten aufgeteilt. Die Zahl der Kurden übersteigt 15 Millionen: mehr als 5 500 000 sind unter iranischer Herrschaft (Zahlen von 1975), mehr als 6 200 000 unter türkischer Herrschaft (1970), 2 800 000 unter irakischer Herrschaft (1975) und 825 000 unter syrischer Herrschaft (1976), während 278 000 sowjetische Bürger sind (1970)(5).
Die Kurden sind also ihres Nationalstaates und überhaupt ihrer elementarsten Rechte, welche ethnische Minderheiten haben müßten, beraubt, und sie werden systematisch diskriminiert, ja regelrecht entnationalisiert.
EINE NATIONALE FRAGE
Die kurze historische Synthese, die wir oben skizzierten, zeigt schon, daß es zweifelsohne eine kurdische Nation gibt. Zu dieser Schlußfolgerung gelangte im übrigen auch die ernsthaftesten Autoren, die sich mit dieser Frage beschäftigten, und das unabhängig von ihren besonderen Standpunkten und politischen Schlußfolgerungen. Im Vorwort zur Anthologie (Textsammlung) »Les Kurdes et Kurdistan« schreibt Maxime Rodinson eindeutig: »Die Rechte des kurdischen Volkes dürften für jedermann außer Zweifel stehen. Hier haben wir ein ganz spezifisches Volk, das eine gut umrissene Sprache spricht (auch wenn man im Iran anderes behauptet), auf einem zusammenhängenden Gebiet lebt, eine besondere Kultur besitzt und in seiner übergroßen Mehrheit die kulturelle Assimilierung, zu der man es zwingen will, ablehnt, und das tausendfach seit mehr als Hundert Jahren bewies, daß es sich bewußt ist, eine besondere ethnisch-nationale Gruppe zu bilden, welche ihre eigenen politischen Institutionen haben muß und das Recht, autonom seine Entscheidungen zu treffen. Mit den strategischen und taktischen Entscheidungen der früheren und heutigen kurdischen Führer, die oft zu negativen Auswirkungen führten, und vielleicht noch mit vielen anderen Sachen kann man einverstanden sein oder nicht. Aber die von mir aufgezählten Merkmale, welche die Besonderheit des kurdischen Volkes ausmachen, sind objektive Tatsachen, die man nicht wegreden, die kein ernsthafter Beobachter abstreiten kann.« In seiner soziologischen Studie über die Kurden kommen Basile Nikitine, ein ehemaliger Diplomat des zaristischen Rußlands, zu folgendem Ergebnis: »Zusammengefaßt: wir sind der Meinung, daß es eine kurdische Nation gibt, obwohl man sich sowohl in der Türkei als auch in Persien weigert, dies zuzugeben, wodurch im ubrigen all die Maßnahmen, welche diesem Volk gegenüber seit Ende der Feudalepoche ergriffen wurden, nicht gegriffen haben.« Und Chris Kutschera schreibt: »Mit ihrer Sprache, ihrer Kultur, ihrer Religion und ihren Traditionen bilden die Kurden eine der ältesten Nationen des Nahen Ostens.« Immerhin mußte auch die irakische KP - die doch in der kurdischen Frage (wie in vielen anderen!) spektakuläre Wendungen machte und bestimmt nicht als ein Beispiel für den konsequenten Kampf um das S. S
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Einflußzonen der Siegermächte und Hauptgebiete der Kurdenaufstände 1925 - 1937 (aus B. Nikitine, a.a.O., S. 202)
Recht der Kurden auf Selbstbestimmung der Staaten, die es unterdrücken. In manangeführt werden kann - in einem ihrer chen Fallen wurde ihm auch das elementar- Texte ausführen: ste Recht genommen, in seiner eigenen »Das kurdische Volk im Irak ist inte- Sprache zu sprechen (in den von der Türkei graler Bestandteil der kurdischen Nation, beherrschten Gebieten ist die kurdische die auf einem bestimmten Gebiet besteht, Sprache in den Schulen seit 1925 verboten, nämlich Kurdistan, das heute zwischen der desgleichen dürfen Bücher und Zeitungen Türkei, dem Iran und dem Irak aufgeteilt ist. Die Kurden bilden eine Nation mit all den Merkmalen, die zu einer Nation gehö- (5) Nach dem jüngsten Artikel von G. Charen, insbesondere: eine feste, historische liand soll es jetzt 18 Millionen Kurden geben gebildete Gruppe von Leuten mit einem ge- (Le Monde vom 13. April 1982). meinsamen Gebiet - auch wenn dies durch (6) Ein Artikel über die irakische KP und die die Imperialisten aufgeteilt wurde -, einer kurdische Frage wurde in der Zeitschrift der ligemeinsamen Sprache sowie der Möglich- banesischen revolutionären Marxisten im No. keit, daß eine nationale, auf die nationale vember und Dezember 1973 veroffentlicht (s. Befreiung und Einheit hin orientierte Wirt- Inprecor Nr. 5-6, 1974). In der Schlußfolgerung des von uns angeführten Textes spricht schaft aufgebaut wird. «(6) sich die irakische KP für die Autonomie im Selbst die irakische Baath-Partei. de- Rahmen des irakischen Staates aus. Auf einer ren Verantwortung für die blutigsten Re- Konferenz 1953 hatte sie dagegen von Selbstbestimmung gesprochen.
pressionsfeldzüge gegen die Kurden weltweit bekannt ist, sah sich 1968 - 1969 ge- (7) S. den Text, der auf dem Siebten Regional. zwungen, »die Existenz der kurdischen Na- kongress der Baath-Partei Ende 1968 - Anfang tion« anzuerkennen(?). 1969 angenommen wurde. Außerdem erkannte die Baath im Abkommen vom II. März 1970 Das kurdische Volk war und ist Opfer mit der DPK »die kurdische Sprache als affieiner klassischen nationalen Unter- zielle Sprache neben dem Arabischen in den drückung. Es konnte nicht nur seinen eige- Gebieten. wo die Mehrheit der Bevölkerung kurdisch ista, an. Zur Politik der Baath-Partei nen Staat nicht schaffen, sondern verfügte siche auch Settlement of die Kurdich Problem auch über keinerlei Autonomie im Rahmen in Irak, Ath-Thawra, Bagdad.
auf Kurdisch nicht erscheinen). Noch viel weniger kann das kurdische Volk sich frei seine eigenen Organisationen schaffen. In den wenigen Fallen, in denen das unterdrückende Regime Konzessionen machen mußte (zum Beispiel im Irak und jetzt zuletzt im Iran), ging es um nur zeitweilige Errungenschaften, die ziemlich schnell von neuen Repressionswellen abgelöst wurden. Was die Ebene der Wirtschaft angeht, so gleichen die Beziehungen zwischen den nicht-kurdischen und den kurdischen Regionen innerhalb der verschiedenen Staaten ziemlich genau den klassischen Beziehungen zwischen Mutterländern und Kolonien (Industrieprodukte werden gegen Rohstoffe ausgetauscht, wobei der Preis der ersteren gegenüber dem Preis der letzteren immer mehr steigt - die klassische Entwicklung der terms of change). Wenn man einen Begriff verwenden will, den Marx hinsichtlich Irlands benutzte und den die italienischen Marxisten hinsichtlich dem Mezzogiorno gebrauchen, so bilden die kurdischen Gebiete eine Art von »Nebenland«, das zu einer untergeordneten Stellung der Unterentwicklung verdammt ist sogar in Bezug zu anderen Gebieten der Staaten, die ja alle direkt oder indirekt durch den Imperialismus unterentwickelt und ausgebeutet werden. Im Falle des Irak, wo die kurdischen Gebiete über erhebliche Erdölreserven verfügen, werden die Erdöleinkommen vor. der Zentralgewalt vereinnahmt und in einer Art wieder verteilt, die völlig die kurdischen Gebiete benachteiligt. Abgesehen von den »normalen« Unterdrückungsmechanismen ist das kurdische Volk zusätzlich noch periodisch Opfer massiver Versuche, es zu zerstreuen und zu »entnationalisieren«, wobei die tragischsten Falle schon hart an Völkermord grenzen. Um ganz summarisch unter den bedeutendsten Epochen nur einige zu nennen: Wahrend des Ersten Weltkriegs organisierte die türkische Regierung die Deportation von insgesamt 700 000 Personen, von denen ein guter Teil auf Zwangsumsiedlungs- Marschen ums Leben kam (ein Massaker, das nur dem Massenmord an den Armeniern 1915 nachsteht). Wieder war es die türkische Regierung, welche zwischen 1925 und 1928 ein Programm zur »Umsiedlung« von ungefahr einer Million Personen annahm, und vom Winter 1932 an wurden tatsächlich Hunderttausende von Kurden in die anatolischen Steppen deportiert. Wir erwähnten bereits die Repression, welche die Aufstände der 20er und 30cr Jahre begleitete oder diesen folgte; nach Schätzung der türkischen Kommunistischen Partei wurden innerhalb von dreizehn Jahren etwa eineinhalb Millionen Kurden massakriert oder deportiert. Und um auf eine jüngere Epoche zu kommen: die Zahl der Repressionsopfer, welche die irakischen Regierungen in den 60er und 70er Jahren machten, geht in die Hunderttausende (nach Berechnungen wurden allein in den Jahren 1975/1976 an die 200 000 Kurden in andere Regionen »verbracht«). Schließlich sollen nach Angaben der DPK mindestens 15 000 Leute - überwiegend Zivilisten - im derzeitigen Kampf der Kurden im Iran getötet worden sein.
Schon allein die Tatsache, daß all das die nationale Bewegung nicht zerstören noch die tiefgehenden Bestrebungen der Kurden auf nationale Rechte und Unabhängigkeit ersticken konnte, bestätigt klar und deutlich, daß die kurdische Nation existiert.
Diese Nation hat ihre feste Absicht bewiesen, ihre Identität zu verteidigen und ihre Unabhängigkeit durchzusetzen im bewaffneten Kampf gegen die Staaten, die sie unterdrücken: für uns ist dies das letztlich entscheidende Kriterium. Wir erwähnten bereits die Bewegungen und Aufstände im Zeitabschnitt zwischen den beiden Weltkriegen. Noch während und gleich nach dem Zweiten Weltkrieg fing der Kampf der Kurden wieder mit gewaltiger Kraft und beispiellosem Opfermut von neuem an. 1943 brach im irakischen Teil Kurdistans die Revolte von Barzani los, welche die irakische Armee zum Rückzug zwang, und dauerte bis 1945. Die britische Royal Air Force mußte direkt in massiver Weise intervenieren, und erst nach dieser Intervention zogen sich die Aufständischen auf iranisches Territorium zurück. Kurz darauf wurde gerade iranisch-Kurdistan zum Schauplatz einer der hervorstechendsten Episoden im kurdischen Befreiungskampf der Gegenwart. Am 22. Januar 1946 wurde in Mahabad eine unabhängige kurdische Republik ausgerufen; ihr Präsident wurde Qadi Mohammed. Eine unabhängige Armee wurde auf die Beine gestellt, und man schloß ein Abkommen mit der Regierung ab, die sich gerade zu der Zeit auch in Aserbeidschan gebildet hatte. Diese Mini-Republik blieb nicht einmal ein Jahr lang am Leben - bis zum 15. Dezember genau. Aber solange sie existierte, übte sie eine starke Anziehungskraft aus. Kurden aus anderen Gebieten begaben sich dorthin und nahmen an ihrer Verteidigung teil (das war insbesondere mit den kurdo-irakischen Truppen von Barzani der Fall). Eben in dieser Periode wurde die DPK (Demokratische Partei Kurdistans) gegründet, die ursprünglich für alle Kurden angelegt war.
In noch jüngerer Zeit bewies die kurdische Nationalbewegung ihre Lebenskraft noch einmal im Widerstand und den periodischen Aufständen der Kurden des Irak. Ismet Vanly zögerte nicht, von einem »fünfzehnjährigen Befreiungskampf« zu sprechen, der 1961 begann und mit der Nicderlage von 1975 endete. Eigentlich wechselten zwischen 1958 und 1975 Konzessionen und demagogische Manöver der Regierungen von Bagdad mit Perioden brutaler Repression ab. Wiederholt nahmen kurdische Vertreter an der Regierung teil mit der Illusion, daß nun die Rechte ihres Volkes endlich anerkannt würden. Aber auf alle Vereinbarungen und alle Kompromisse folgten jedesmal Rückzieher und regelrechte Verrate: deshalb brachen immer wieder neue Konflikte aus, zumeist von umfassendem Ausmaß(8), Der kurdischen Nationalbewegung unter Barzani gelang es auf ihrem Höhepunkt, ein starkes Bollwerk zu bauen, wo außer den Flüchtlingen etwa eineinhalb Millionen Kurden lebten und wo ein Kabinett mit neun Ministern fungierte, welches die Rolle einer regelrechten Regierung einnahm.
Zu dem Zeitpunkt, wo diese Zeilen geschrieben werden, verlagert sich der Schwerpunkt des Kampfes der Kurden in den iranischen Teil von Kurdistan. Ganze Regionen werden bewaffnet gegen die Angriffe und die blutigen Repressionsakte des iranischen Staates verteidigt, der auch im Gewande der »Islamischen Republik« keineswegs auf den unterdrückerischen Zentralismus des alten Schahregimes verzichtet hat.
WAS FÜR EIN KURDISTAN?
Aus all diesen Gründen ist es elementare Pflicht für revolutionäre Marxisten, nicht nur das Recht des kurdischen Volkes auf Selbstbestimmung zu bekräftigen, sondern auch für die Unabhängigkeit Kurdistans einzutreten. Es ist möglich, daß aus politisch-taktischen Überlegungen heraus es zu bestimmten Zeiten besser erscheinen mag, dieses Ziel nicht als unmittelbares, kurzfristiges Ziel vorzuschlagen; aber vom prinzipiellen Gesichtspunkt her und auf der Ebene der Gesamtstrategie ist da keinerlei Zweideutigkeit erlaubt.
Hinzukommt, daß unter dem Gesichtspunkt einer revolutionären Strategie ein zusätzlicher Grund dafür spricht: wenn das kurdische Volk die Unabhängigkeit erringt, entstehen günstigere Bedingungen für den revolutionären Kampf in der gesamten Region, weil sich damit die Krise der bürgerlichen Staaten, welche die kurdischen Minderheiten unterdrücken, verschärfen würde(9).
Das Problem der Kurden in der Sowjetunion ist zweifelsohne ein spezifisches. Die Tatsache, daß die Sowjetunion ein Arbeiterstaat ist, spricht nicht notwendigerweise gegen die Forderung nach Selbstbestimmung der Kurden. Indes müssen zwei zusätzliche Elemente berücksichtigt werden:
Erstens ist die Zahl der Kurden in der Sowjetunion relativ gering, und außerdem verfügten sie nicht über ein zusammenhăngendes Gebiet (sie sind nämlich über verschiedene Republiken zerstreut): zweitens erfreuen sie sich im Vergleich zu den Kurden in den anderen Ländern relativ privilegierter Bedingungen, was die Rechte und Freiheiten hinsichtlich der Sprache und der Kultur angeht. Außerdem gibt es in der Sowjetunion keine kurdische Nationalbewegung, die mit der in den anderen Staaten dieser Region vergleichbar wäre (zumindest nach den Informationen, die uns zur Verfügung stehen)(Io).
(8) S. zu diesem Thema der dritten Teil des Buches von Chris Kutschera. Le mouvement no- lional kurde, Paris 1979. (9) Das wird auf andere Weise durch A. H. Krulich-Ghassemlou bestatigt, der schreibt: -Die DPK des Iran weiß nur zu gut, daß sie den ganzen Nahen Osten entstabilisieren würde, wenn sie die Einheit der Kurden des Iran, des frak, Syriens und der Türkei forderie... Die DPK sicht die Lösung vielmehr in einem Bund autonomer Republiken im Iran und darüber hinaus- (Le Monde Diplomatique, Juli 1979). (10) Helène Carrère d'Encausse erwähnt die Kurden nur fochtig in ihrem Buch aber die -Revolte der Nationen in der SUa, L'empire éclatée, Paris 1978.
Deshalb scheint es uns nicht möglich zu sein, für diesen spezifischen Fall die Lösung, die für das Gesamtproblem gilt, vorzuschlagen. Eventuell könnte man für die Kurden, die sowjetische Staatsbürger sind, verlangen, daß sie das Recht haben müssen, in ein unabhängiges Kurdistan umzuziehen und/oder die doppelte Nationalität zu besitzen.
Wie wir sagten, ist es Ziel der Revolutionäre, daß ein unabhängiges Kurdistan geschaffen wird. Dieses unabhängige Kurdistan muß gleichzeitig ein vereintes Kurdistan sein, also alle Gebiete umfassen, die von Kurden bewohnt werden und heute den verschiedenen Staaten gehören. Dieses Ziel ist umso wichtiger, als die Projekte, welche in der Vergangenheit von konservativen, ja reaktionären Führungen verfolgt wurden, die Unabhängigkeit (oder Autonomie) von diesem oder jenem kurdischen Gebiet unabhängig oder auf Kosten der anderen vorsahen, was eine der Hauptursachen dafür war, daß sie scheiterten (weiter unten werden wir auf dieses Problem zurückkommen). Natürlich bedeutet unsere Orientierung nicht, daß die nationale Befreiung notwendigerweise zur gleichen Zeit in allen kurdischen Gebieten stattfinden muß(iI). Sie bedeutet, daß das vereinigte Kurdistan ein strategisches Ziel ist, das man nie aus den Augen verlieren oder konjunkturellen politischen Alternativen opfern darf. Schließlich müssen die revolutionären Marxisten erklären, daß sie für die Errichtung eines kurdischen Arbeiterstaates kämpfen. Nur ein Arbeiterstaat, zu dem eine Dynamik der permanenten Revolution tendiert, kann garantieren, daß die nationalen demokratischen Ziele des kurdischen Volkes voll durchgesetzt, die Bedürfnisse der ausgebeuteten Massen befriedigt und eine wirkliche Entwicklung der Wirtschaft verwirklicht wird - und daß sich die Perspektive zu einer Föderation der sozialistischen Republiken der ganzen Region eröffnet.
Die strategische Perspektive der Revolutionäre kann also nur lauten: ein unabhängiges, vereintes und sozialitisches Kurdistan.
SOZIALE UND POLITISCHE
KOMPONENTEN DER
NATIONALBEWEGUNG
Im ersten Teil unseres Artikels erwähnten wir schon, wie sich die kurdische Nationalbewegung herausschälte, indem wir ein Schema von aufeinanderfolgenden Perioden skizzierten. Welches war und ist das Wesen dieser Bewegung, wie drückte sie sich früher und wie drückt sie sich heute politisch aus?
Abgesehen von den unbestreitbaren gemeinsamen Zügen gibt es regionale Besonderheiten, die letztlich durch die Integration der Kurden in verschiedene Staaten bewirkt wurden. Um den iranischen Teil Kurdistans als ersten zu nehmen: hier hatten lange Zeit die Großgrundbesitzer und überhaupt die Notabeln das größte Gewicht. Sogar innerhalb der Regierung der Republik von Mahabad waren die Großgrundbesitzer, die Kutschera die »Feudalherren« nennt, und die Kaufleute in der Mehrheit. Der Chef der Regierung, Qadi Mohammed, kam aus einer Familie von Intellektuellen und religiösen Würdenträgern; sie waren Scheichs und Richter (Qadi bedeutet ja Richter) und gleichzeitig reiche Besitzer von Dörfern in der Gegend von Kokan.
In den darauffolgenden Jahrzehnten wurden die kleinen und mittleren Bauern zum Hauptbestandteil der Bewegung, nicht zuletzt aufgrund der Pseudo-Reform unter dem Schah, welche die Grundbesitzer wenn auch nur zu einem gewissen Ausmaß traf. Auch das Gewicht des ländlichen Proletariats nahm zu. Die Industriebourgeoisie blieb nach wie vor sehr schwach; dagegen entwickelte sich eine »neue« Kleinbourgeoisie im Verwaltungs- und Dienstleistungssektor. Derzeit wird der Widerstand praktisch von der gesamten Bevölkerung unterstützt: abgesehen von den Peschmergas soll es Zehntausende von bewaffneten Bauern geben®2).
Auch in dem von der Türkei beherrschten Gebiet stand die Nationalbewegung lange Zeit unter der Fuchtel der traditionellen Chefs. Kendal spricht sogar von einer Bewegung der Herrschaften, die erst nach und nach eigentlich bürgerliche Züge bekam. Immerhin spielten von Anfang an die Kurden von Istanbul (und später von anderen Städten auch) eine beträchtliche Rolle. Es war in Istanbul, wo 1908 die ersten Vereinigungen entstanden und wo sie am Ende des Ersten Weltkriegs wieder auftauchten. Und es war auch in den Städten, wo Anfang der 60er Jahre sich die demokratische und sozialistische Bewegung der Türkei entwickelte, in der die späteren Kader der kurdischen Bewegung ihre Lehre machten. Die größten Gruppen kurdischer Proletarier sind ja auch in den Vororten der Großstädte zusammengeballt (insbesondere von Istanbul, Izmir und Ankara). Die Bewegung erlebte vor allem in den beiden letzten Jahrzehnten Veränderungen, die eng mit dem sozio-ökonomischen Wandel in Zusammenhang stehen. Obwohl die vorkapitalistischen Beziehungen und Stammesstrukturen immer noch überwiegen, drang das Kapital auf dem Lande ein - unter anderem mit der einen Konsequenz, daß die Landflucht massenhafte Formen annimmt. Die Industrie behielt ihre bescheidenen, ja handwerkliche Dimension bei. Das Proletariat konzentriert sich auf den Bergwerkssektor, der vom Staate kontrolliert wird. Was die kurdische Bourgeoisie im eigentlichen Sinne angeht, so ist sie weitgehend in das unterdrückerische Regime integriert, hat also in der Nationalbewegung kein entscheidendes Gewicht. Eine wichtige Rolle spielt in dieser Gegend auch die Kleinbourgeoisie, auch die auf dem Lande. In den irakischen Gebieten wurde die Bewegung der 60er und 70er Jahre von der überwiegenden Mehrheit der Bevölkerung unterstützt. Einer Bevölkerung, die vom bäuerlichen Element bestimmt wird, auch wenn sich insbesondere im Zuge der Erdolförderung die Industrie entwickelte. Indes nahmen neben den großen Kontingenten, die von den Bauern gestellt wurden, vor allem in der letzten Phase des Kampfes auch ziemlich viele Intellektuelle und Studenten (von denen ein Teil aus dem Ausland mit abgebrochenem Studium zurückkehrte) teil.
Diese Bewegung stand unbestreitbar unter der Hegemonie des Generals Mustafa Barzani, einer Persönlichkeit, die in vieler Hinsicht schillernd, ja widersprüchlich ist. Barzani vollführte spektakuläre politische Wendungen, die unter anderem in seinen wechselhaften Beziehungen zur PDK und seiner internationalen »Bündnisse« oder Kompromisse und Verpflichtungen zum Ausdruck kamen. Aber in sozialer Hinsicht kann man bei dieser Person zweifelsohne von Kontinuität sprechen: er drückt vor allem die Interessen und Auffassungen der Großgrundbesitzer und traditionellen Chefs aus, die über ihn doch im großen und ganzen die Vorherrschaft in der Bewegung behielten. Übrigens stammt Barzani selbst aus einer Scheich-Familie des Barzani- Stammes, dem unter anderen auch Scheich Ahmed, der Führer der Kurdenaufstände in den dreißiger Jahren, angehörte. Nach der Niederlage von 1975 trat die Bewegung der irakischen Gebiete in eine Phase der Neuzusammensetzung, auch vom sozialen Gesichtspunkt aus. Schließlich gibt es eine kurdische Bewegung innerhalb der Emigration in Westeuropa, wo es mehr kurdische Arbeiter gibt als in Kurdistan selbst. Da diese Arbeiterklasse aber in einer ganz anderen Wirklichkeit integriert ist, als sie im Ursprungsland herrscht, kann sie keine direkte Rolle in der nationalen Bewegung spielen. Aber sie kann Nützliches beitragen durch Stärkung bestimmter Organisationen, Schulung von Kadern und Solidaritätsaktivitäten. Der erste Ansatz zu einer kurdischen Partei geht auf das Jahr 1920 zurück: Kurden, die in der Türkei lebten, wollten eine demokratische kurdische Partei gründen. Aber der Versuch verlief im Sande, vor allem deshalb, weil das Innenministerium die notwendige Genehmigung nicht erteilte. 1942 wurde in Mahabad das Komala i Jiani Kurdistan (Komitee für das Leben von Kurdistan) auf Initiative von Nationalisten kleinbürgerlicher Herkunft hir gegründet (13) . Dieses Komitee nahm unter anderem auch Kontakt mit Hewa (Hoffnung) auf, einer Organisation, die 1941 auf irakischem Gebiet gegründet worden war als Zusammenschluß mehrerer Gruppen, die der Linie der irakischen KP ziemlich nahe standen; Hewa unterstützte Barzani (11) Es nützt natürlich wenig. darüber Spekulationen anzustellen, wie das z.B. Ismet Chériff Vanly in einem Interview tut, wo er unter anderem sagt: »Es scheint möglich und vielleicht sogar rationeller zu sein, daß, bevor die Kurdenbewegung in ihrer Gesamtheit zum Erfolg kommi, zuerst Bundesstaaten im Irak, im Iran, in der Türkei und vielleicht auch in Syrien gegründer werden, wobei das kurdische Volk in jedem seiner Staaten zuerst getrennt und demokratisch mit den anderen Volkern dieser Lander einen Bund eingehen würde, » (April 1959). (12) S. den Artikel von A. R. Ghassemlu in Le Monde vom 9. April 1982.
(13) Hochtwahrscheinlich nahmen Nationalisten an der Gründung von Komala teil.
1943 und brach 1945 in verschiedene Fraktionen auseinander(i4).
Wie wir bereits erwähnten, wurde die DPK (Demokratische Partei Kurdistans) 1945 in Mahabad gegründet. Gewissen Quellen zufolge soll Qadi Mohammed auf Anraten der Sowjets hin dazu die Initiative ergriffen haben. Die Führer des Komala waren nicht begeistert von der Aussichte, sich in der gleichen Partei zu organisieren wie Qadi Mohammed, weil sie befürchteten, daß dieser sie dominieren werden. Aber ihr Widerstand blieb ohne Erfolg, und praktisch wurde das Komala von der DPK, deren Präsident Qadi Mohammed wurde, aufgezogen. Konflikte brachen auch in der Frage aus, ob die neue Partei alle Kurden (oder nur die des Irans) zur Zielgruppe haben sollte: ihr Programm, das im Wesen nationalistisch und kleinbürgerlich war und sich auf die Forderung nach Autonomie konzentrierte, sprach nämlich nur vom iranischen Gebiet. Barzani war dafür, eine getrennte Partei für den irakischen Teil Kurdistans zu bilden, während Qadi Mohammed offenbar dagegen opponierte (unter den Irakern wurde die Einheitsthese von Ibrahim Mohammed vertreten). Jedenfalls wurde 1946 eine irakische Sektion gegründet, die sich in die DPK des Irak umwandelte (ihr Gründungskongress fand am 16. August 1946 statt)"»).
Erst sehr viel später, nămlich im Jahre 1965, entstand die DPK der türkischen Gebiete, 1967 die DPK des syrischen Teils mit fder Forderung im Programm, daß die Kurden als ethnische Gruppe anerkannt werden sollten.
Wir können hier nicht im Detail aufführen, wie es den verschiedenen Sektoren der kurdischen Bewegung ging; es gab zahireiche Konflikte, die oft zu Spaltungen oder gar zu regelrechten Kämpfen führten. Was den türkischen Teil angeht, so braucht man nur daran zu erinnern, daß die DPK, die von nationalistischer Ideologie war und sich aus Handwerkern, Intellektuellen und Großgrundbesitzern zusammensetzte, sich schon 1969 spaltete zwischen der DPK der Türkei (Tendenz Said Elji) und der DPK in der Türkei (Tendenz Sivan); letztere soll für die völlige Unabhängigkeit von der Türkei gewesen sein. Heutzutage soll die DPK der Türkei vor allem in den Gebieten nahe der syrischen und irakischen Grenze fest verankert sein. Auf ihrem Kongress im Oktober 1977 sprach sie sich für die Unabhängigkeit und für die Öffnung hin zum Marxismus- Leninismus aus. Im Grunde jedoch bleibt sie konservativ(16)
Links davon berufen sich die meisten Organisationen inzwischen auf den Marxismus und betonen die führende Rolle des Proletariats. Özgürlük (Freiheit) ist eine Organisation, die man als pro-sowjetisch und anti-chinesisch bezeichnen kann; sie unterzeichnete 1980 eine gemeinsame Erklärung mit der DDKD und der KUK. Sie ist für die Unabhängigkeit Kurdistans von der Türkei und für eine Föderation mit cinem demokratischen türkischen Staat. 1978 wurde sie erheblich geschwächt durch eine Spaltung, die zur Bildung einer anderen Organisation führte, der Özgürlak Yolu (Weg der Freiheit). Die DDKD (Demokratische und Revolutionäre Kulturvereinigung, in der BRD: KKDK = Verein der Arbeiter und Demokraten Kurdistans) geht auf das Jahr 1974 zurück: ideologisch beruft sie sich auf den Marxismus, und sie tritt für die Unabhängigkeit der vier Teile von Kurdistan ein. Die KUK (Partisanen für die Befreiung Kurdistans) ging aus einer Abspaltung der DPK 1977 hervor; sie ist marxistisch orientiert und ist für eine Lösung ähnlich der vonÖzgürlük. Weiter gibt es Rizgari (Befreiung), die auch für die Unabhängigkeit der vier Gebiete Kurdistans ist. dann Kurıulus (Befreiung), eine Organisation, die Anfang der siebzige Jahre von Studenten mit castristischen Gedanken gegründet wurde, die stalinistische Züge aufweist, aber sowohl die Moskauer wie die Pekinger Bürokratie kritisiert, und schließlich die PKK (Kurdische Arbeiterpartei), die heftige innere Auseinandersetzungen um die Frage des bewaffneten Kampfes erlebte und nach den jüngsten Verlautbarungen nach dem Staatsstreich in der Türkei sehr hart von der Repression betroffen wurde 17)
Was den Iran angeht, so kannte die DPK, die unter dem Schah-Regime viel zu leiden hatte, ein meistens sehr stürmisches internes Leben. 1956 veröffentlichte sie ihr erstes Gesamtprogramm, das die Bildung einer demokratischen iranischen Republik beinhaltete, im Rahmen derer die Kurden dann ihre eigene Regierung und ihr eigenes Parlament haben sollten. Auf dem Kongreß von 1964 ließ ihr damaliger Haupt führer Abdalla İsshaki den Führer von 1946 Qadi Mohammed, noch posthum zum »Verräter« stempeln und die progressiveren Tendenz der Partei als »revisionistisch« verurteilen. 1969 kam nun Abdalla dran, nach einer Linkswende ausgebootet zu werden. Auf dem Kongreß von 1973 kam die DPK wieder auf ihre ursprünglichen Positionen zurück, entschied sich für den bewaffneten Kampf gegen das Schah-Regime und forderte die »nationalen Rechte des kurdischen Volkes«. Heute stellt die DPK unter der Führung von A. R. Ghassemlu die bei weitem stärkste Kraft im iranischen Kurdistan. Sie ist Migleid des Nationalen Widerstandsrates (des Iran), arbeitet also außer mit den Mudschahidin auch mit Bani Sadr zusammen, der sich doch, als er Präsident gewesen war, der Autonomie Kurdistans widersetzt hatte. Sie fordert nach wie vor die Autonomie im Rahmen des iranischen Staates(18)
Eine Zeitlang scheinen die Feddayin Khalą und eine Gruppe um einen religiösen Würdenträger, den Scheich Ezzadin Hosseini, gewissen Einfluß gewonnen zu haben. Aber derzeit ist die einzige aktive Organisation neben der DPK das Komala, das marxistisch orientiert ist und den Aufstand propagiert, um eine »Demokratische Revolutionäre Republik«(19) zu schaffen. Wie wir sehen, entstand die DPK des Irak im Jahre 1946 und hatte gleich zu Anfang ihrer Existenz schwere innere Konflikte. Barzani nahm am Gründungskongreß nicht teil, schickte aber jemanden in seiner Vertretung. Bereits ein Jahr später verlor er jeden Kontakı zur Partei: nach cinem langen Marsch, der als »Rückzug der 500k in die Geschichte des kurdischen Widerstands eingehen sollte. flüchtete er in die Sowjetunion, wo er bleiben solite, bis das Regime Kassem an die Macht kam (1958). In ihrem ersten Programm fordert die DPK eine Landreform, die Verbesserung der Lebensbedingungen der Arbeiterklasse, Reformen auf wirtschaftlichem und sozialem Gebiet (darunter die Nationalisierung der natürlichen Ressourcen) und die Autonomie von Kurdistan. Sie bildete die »Nafionale Front« zusammen mit der » Volkspartei« von Aziz Cherif, der National- Demokratischen Partei und der irakischen KP. Später wurde sie radikaler (s. insbesondere die Beschlüsse auf ihrem Dritten Kongreß vom Januar 1953). Sie entschied sich für einen kurdischen Bundesstaat innerhalb einer irakischen Republik und übernahm den Marxismus-Leninismus als Ideologie. Im Jahre 1955 führte der Tendenzkampf, der nie zum Stillstand gekommen war, zum Bruch zwischen der von Ibrahim Ahmed geführten DPK und der »Progressiven Front« unter Hamza Abdalla. Aber im folgenden Jahr vereinigten sie sich wieder: die Partei hieß nun VDKP (Vereinigte Demokratische Kurdische Partei). Als Barzani aus der Sowjetunion zurückkehrte, bootete er Ibrahim Ahmed aus und übernahm die Kontrolle der Partei in Zusammenarbeit mit Hamza Abdalla (Anfang 1959). Unter dem Kassem-Regime, das die Unterstützung der Sowjetunion genoß, näherte sich die VDKP den Positionen der irakischen KP: Wortradikalismus gegenüber dem »Imperialismus, der Reaktion und dem Feudalismus« und Forderung nach nationalen Rechten der Kurden im Rahmen des irakischen Kurdistan (Manifest von 1959). Aber auf dem Vierten Kongress wechselte die DPK wieder ihre Führung: Hamza Abdalla mußte abtreten, und Ibrahim Ahmed wurde wieder Generalsekretär. Unter seinen Mitarbeitern finden wir Jalal Talabani, der später zu einem der Hauptwidersacher von Barzani werden sollte(20). Auf dem Fünften Kongreß, der bereits im Mai 1960 stattfand - daß die Kongresse so rasch aufeinanderfolgten, zeigt die dauernden Schwankungen, welche ihrerseits mit der rasch wechselnden Lage im Irak insgesamt zusammenhingen - wurde die VDKP wieder zur DPK und bekannte sich nach wie vor zum Marxismus-Leninismus; aber mit (14) Was der Hewa alles geschah, sicht in dem Buch von Kutschera S. 150 f.
(15) Als Barzani in die Sowjetunion zurückkehrte, sprach er sich für eine einzige kurdische Partei aus, aber seine Erklärung hatte keine praktischen Folgen.
(16) Wenn sich nationalitische Bewegungen oder Organisationen zum Marxismus- Leninismus bekennen, kann das eine gewisse Radikalisierung ausdrücken (oder vielleichı cine opportunistische Haltung gegenüber der So. wjetunion); es heißt jedenfalls nicht automatisch, daß man sich in die internationale Arbeiterbewegung integriert.
(17) S. z.B. Le Monde Diplomatique vom September 1980.
(18) S. den bereits zitierten Artikel in Le Monde vom 9. April 1982. S. auch zum Thema Repression gegen die DPK Le Monde vom 21. April 1982. Vor drei Jahren unterzeichnete die DPK einen Pakt mit der Armenischen Front. (19) S. Komala, Translation series Nr. 2, April 1982
Rücksicht auf ihr Bündnis mit Kassem ließ sie »vorübergehend« die Forderung nach Autonomie unter den Tisch fallen. Nach dem Bruch mit Kassem nahm sie nach etlichem Hin-und-Her den Widerstand auf (1962). Zu dieser Zeit war Barzani nicht in der Lage, sie zu kontrollieren: deshalb erklärte er nicht nur, daß er nicht Mitglied sei, sondern daß er auch nie Mitglied gewesen sei! Sein Bruch mit der Partei wird jedenfalls im April 1964 besiegelt, als Barzani in einer Verlautbarung der DPK, weil er ein Abkommen mit dem irakischen Regime abgeschlossen hatte, verurteilt und als die »größte Gefahr für die kurdische Revolution« gebrandmarkt wird. Aber Barzani berief flugs seinen eigenen Parteikongreß ein (Con Fünften), auf dem unter anderem die Berufung auf den Marxismus-Leninismus gestrichen wurde. So gab es von da an zwei DKP, die von Barzani und die von Ibrahim Ahmed und Talabani. Letztere flüchteten in den Iran und verloren erheblich an Einfluß, während Barzani die kurdische Festung organisierte, die, wie wir schon sahen, bis 1975 Widerstand leistete. 1966 cinigten sie sich mit dem irakischen Regime und blieben in Bagdad; sie organisierten sogar Kampftruppen gegen Barzani. Ihre politisch-ideologische Rechtfertigung ist die gleiche wie die der irakischen Baath-Partei: die Front verläuft zwischen einem fortschrittlichen, anti-imperialistischen Regime auf der einen und den feudalen philo-imperialistischen Kräften, zu denen Barzani gehört, auf der anderen Seite.
In der Phase der Neu-Zusammensetzung, welche nach der Niederlage (1975) begann, scheint sich die DPK wieder zu radikalisieren unter einer provisorischen Führung, die sich auf einer Konferenz für das Recht der Kurden auf die Selbstbestimmung und für eine Zusammenarbeit von Vertretern der verschiedenen Teile Kurdistans aussprach. Talabani aber gründete den Patriotischen Bund von Kurdistan aus dem Zusammenschluß dreier Bewegungen auf einem Kongreß im September 1977, der sich für die Autonomie entschied. Es folgten heftige Auseinandersetzungen zwischen »Talabanisten« und »Barzanisten« bis hin zu blutigen Zusammenstössen. 1979 gründet Mahmud Osman die Vereinigte Sozialistische Partei von Kurdistan. Schon vorher waren die Kurdische Nationalunion (für die Anerkennung einer »echten Autonomie im Rahmen einer unabhängigen Republik Irak«(21) und das Komala (Marxisitsch- Leninistische Komitee) entstanden. (20) Uber die Personlichkeit Talabanis sicht ciniges in dem bercits angeführien Artikel von Le Monde Diplomatique, September 1980; außer. dem wird darin ein » Befreites Gebiete nahe der irakischen Grenze beschrieben, in dem sich die Vertreter verschiedener Partcien und Bewegungen niedergelassen hatten. Was die Linie der DPK/Provisorische Führung angeht, s. The Historical Place auf the Kurdish National Libe. ration Movement, September 1977. SCHIERIGKEITEN UND
WIDERSPRÜCHE
Nach Jahrzehnten des Kampfes, nach Jahrzehnten von Teilsiegen und sehr harten Niederlagen ist es nun Zeit, eine Bilanz zu ziehen, denn das ist die unabdingbare Voraussetzung dafür, daß sich eine neue Phase der Nationalbewegung entwickelt und daß sie erfolgreich endet.
Als erstes muß man von einer ganz elementaren Feststellung ausgehen. Kurdistan liegt in einer Gegend, in der seit jeher Großmächte tätig sind, direkt oder indirekt. Diese waren durchaus fähig, zeitweilig Aufstände oder Widerstandsbewegungen zu begünstigen und aus taktischen Gründen anzuheizen, ja sogar sich in diplomatischen Erklärungen für die Kurden aussprechen, ohne daß sie jemals wirklich im Sinne hatte, daß ein unabhängiger kurdischer Staat entsteht. Die kurdische Nationalbewegung stößt immer wieder auf dieses Hindernis, das man nicht unterschätzen darf. Sie stößt auch immer wieder auf Regime, die zumeist antidemokratisch sind, die ohne weiteres zu den blutigsten Repressionsmaßnahmen greifen und die, wie Chaliand hervorhebt. »wie Persien und noch mehr die Türkei auf eine lange staatliche Tradition zurückblicken können.«
Zweitens sind die traditionellen Strukturen - manche Autoren nennen sie »Jeudal«, andere »Stammes«-Strukturen; tatsächlich handelt es sich um verschiedene widersprüchliche sozio-ökonomische und politische Strukturen, die übereinander gelagert sind - sehr zäh, was zu widersprüchlichen Ergebnissen führt. Nikitine zum Beispiel bemerkt ganz richtig, daß sich dadurch Kurdistan leichter von ausländischen Eroberern schützen konnte, weil es so seine Identität wahren konnte; aber gleichzeitig bilden sie ein beträchtliches Hindernis auf dem Wege zur kohärenten Herausbildung einer richtigen Nation und eines unabhängigen Nationalstaates. Von daher geschen entstanden durch die Umwälzungen der Strukturen, welche seit dem Ersten Weltkrieg und vor allem in den letzten Jahrzehnten stattfanden, günstigere objektive Bedingungen (22), Ganz allgemein kann man sagen, daß die vorherrschenden sozio-ökonomischen Strukturen und die dadurch bedingte klassenmäßige Zusammensetzung der Nationalbewegung scharfe Widersprüche hervorbrachten und den Befreiungskampf gewaltig hinderten.
Als Beispiel braucht man nur an die Konflikte erinnern, welche innerhalb der Republik von Mahabad ausbrachen: bestimmte Stämme standen ihr sehr feindlich gegenüber, weil sie Tabak für den iranischen Markt anbauten und ihnen der Bruch mit dem Iran schadete. Archie Roosevelt Jr., der die Probleme von Mahabad eingehend untersuchte, machte im übrigen folgende Bemerkung, die gar nicht dumm ist: » Wie schon bei den früheren Versuchen bewirkte vor allem die fehlende Einheit der Kurden selbst, daß er (der Versuch von Mahabad) scheiterte. Ein großes Dilemma des kurdischen Nationalismus besteht darin, daß seine Führer und seine Mitglieder aus den Reihen der aufgeklärtesten Städter kommen müssen, während er seine militärische Kraft immer aus den Stämmen und deren Führern zog, die weder genügend Phantasie noch genügend Bildung hatten, um die Regierungsmacht aus anderen Gründen als aus Beutegier und Profitsucht zu schwachen.«
Die Erfahrung der kurdischen Hochburg im Iran, welche sehr viel größere Dimensionen annahm, führt zu den gleichen Schlußfolgerungen. Kurz nach der Machtübernahme durch Kassem brach ein kurdischer Aufstand aus, der aus dem einfachen Grunde, weil er nicht die Bauern mobilisieren konnte, rasch zerschlagen wurde. Und es hat seinen guten Grund, wenn die Bauern still hielten: Der Aufstand war nămlich Sache der traditionellen Chefs, die wegen der an sich zaghaften Agrarreform vom September 1958 in helle Aufregung geraten waren. Anfang der sechziger Jahre zögerte die DPK ziemlich, bevor sie sich voll im Kampfe engagierte. Ibrahim Ahmed erklärte einem Journalisten von Le Monde (12. März 1963), die Bauern hätten ihnen einen Krieg »aufgezwungen«, den sie, die Führer, gar nicht wollten, weil sie ihn von vornherein für aussichtslos hielten. Etwas später gestand er demselben Journalisten: »Ich möchte Ihnen nicht verheimlichen, daß wir fürchten, daß sich die Bauern entfesseln«. In Wirklichkeit war, wie Kutschera ganz richtig betont, für die kurdischen Bauern das Hauptproblem die Landfrage, während die DPK sich um diese Frage herumzudrücken versuchte, um sich nicht mit den traditionellen Chefs zu überwerfen, welche über die Barzani-Führung letztlich über die Bewegung insgesamt entschieden. Drittens muß man daran erinnern, daß die Führer und die Organisationen der kurdischen Bewegung zumeist davon abgesehen haben, für ihr Land die Unabhängigkeit zu fordern. Sie erhoben diese Forderung nur zu gewissen Zeiten und in widersprüchlicher Art. Außerdem suchten sie im allgemeinen nur nach Lösungen für ein einziges kurdisches Gebiet, unabhängig oder gar auf Kosten der anderen. Dieser Linie entspricht auch die bereits traditionelle Haltung, daß man die Autonomie oder die Unabhängigkeit zu erreichen versucht mit- (21) Zur Kurdischen Nationalunion siche Inprecor (frz.) Nr. 56 von 1976.
(22) Der kurdische Autor Kendal nennt Kurdistan synthetisch »/eudain, wo »die Stammesorganisation stark vorherrschta. Basile Nikitine beschreibt die Beziehung zwischen dem Stammesführer und seinen Untertanen unter dem Feudalsysteme und unterscheidet folgendermaßen zwischen dem Feudalherren und dem Stammesführer: »Diese beiden Funktionen können manchmal zusammenfallen, sind aber im alleemeinen verschieden voneinander. Ein Feudolherr herrscht oft über mehrere Stamme, und nur bei den Stämmen, denen er nicht in Erbfolge vorsteht, kann man von drückenden Feudalleistungen sprechen, welche Zwecken dienen, die nicht immer die des Stammes sinde (S. 144- 146). Dazu übernimmt er die Auffassung von Viltchevsky, nach dem -der Niedergang des Feudalwesens in Kurdistan auf die Tatsache zurückzuführen ist, daß die kurdischen Feudalherren ihre Untertonen zu stark auspressten und dadurch schließlich die Grundlagen ihrer militärischen Starke untergruben- (S. 187).
hilfe der Großmächte und/oder eines der Anrainerstaaten. Barzani gibt da das beste Beispiel. Bis 1945 setzte er auf die Hilfe Großbritanniens (schon vor ihm hatten manche diesselbe İllusion in den zwanziger Jahren gehegt, z.B. Abdel Kader und Bedir Khan). Dann unternahm er Anstrengungen, die Unterstützung der Sowjetunion zu gewinnen (obwohl diese sowohl das unabhängige Aserbeidschan als auch die Republik von Mahabad fallengelassen hatte), und jahrelang schien er das Vertrauen Moskaus zu genießen. Ab 1967 kam er mit dem Schah des Iran und sogar über die CIA mit dem amerikanischen Imperialismus (1970) überein. Das Ergebnis ist bekannt. 1975 schloß der Schah durch Vermittlerdienste Algeriens eine Vereinbarung mit dem Irak und überließ innerhalb von Stunden die Kurden ihrem Schicksal. Wen wunderts, daß die verzweifelten Appelle Barzanis an Washington ohne Echo blieben?
Dazu muß man sagen, daß die kurdische Bewegung einen außerordentlich hohen Preis dafür zahlen mußte. Der Bruch zwischen der Bewegung im Irak und der im Iran war nicht zu umgehen. Barzani ging so weit, kurdische Führer des Irans ermorden und andere den Henkern des Schah ausliefern zu lassen. Mit der Konsequenz, daß seit 1973 die iranische DPK gute Beziehungen mit der irakischen Regierung pflegte und ein Büro in Bagdad aufmachte. Nun stand eine hirnrissige »Einheitsfront« der irakischen Baath-Partei mit der iranischen , DKP einer ebenso hirnrissigen Front von Barzani und dem Schah Reza Pahlewi gegenüber. Barzani erklärte zynisch: » Wir sind bereit, im Einklang mit der amerikanischen Politik in dieser Region zu handeln, wenn die Vereinigten Staaten uns vor den Wölfen schützen. Wenn sie uns stark genügend unterstützen, könnten wir die Erdölvorkommen von Kirkuk kontrollieren und deren Ausbeutung einer amerikanischen Gesellschaft übertragen. Das ist unser Gebiet, und die Nationalisierung war ein Akı gegen die Kurden« (Washington Post, Juni 1973). Tatsächlich wurde keinerlei Aktion gegen die Erdölquellen unternommen. Leider scheint man die Lehren daraus nicht gezogen zu haben. Nach dem Sturz des Schahs, als das neue Regime seinerseits die Kurden angriff, spielte Talabani eine Vermittlerrolle auf Kosten des Widerstands. Massood Barzani bekam volle Bewegungsfreiheit im Iran und erhebliche Hilfe. Im Austausch dafür zögerten seine Anhänger nicht, sich praktisch ganz auf die Seite Teherans zu stellen in dem neuen Krieg, der nun gegen die iranischen Kurden losging (23)
Chaliand betonte, wie sehr die kurdische Bewegung im Irak davon bestimmt wurde, daß die kurdische Gesellschaft in ihrer Entwicklung verspätet ist, und kam zu folgender Schlußfolgerung: »Die Führung konnte mit ihrem Selbstverständnis sich nicht über ihre eigene Gesellschaft heben und die Massen mitreißen, wie das anderswo revolutionären Führungen gelang. Abgesehen von dem schweren Nachteil, der von der geopolitischen Situation kommt, ist dieser Punkt entscheidend; in ihm kommı die Hauptschwäche der kurdischen Bewegung zum Ausdruck: die Zurückgebliebenheit ihrer Eliten, ein historisches Erbe, das schwer auf dem nationalen Schicksal lastet und die Krise der kurdischen Gesellschaft fortdauern läßt.«
Mit anderen Worten: die kurdische Bewegung ist tief geprägt durch die Kombination und relative Opposition eines traditionellen Aspekts, der die soziologische Schwerfälligkeit zurückgebliebener Gebiete widerspiegelt, und eines modernen Aspekts, der in der Organisierung als Partei und bis zu einem gewissen Maße auch in ihrer Ideologie sowie die seines Hauptführers zum Ausduck kommt. Aber die sozialen Umstände sowie die Anpassung, die die Unterordnung unter die gegebenen internationalen Umstände bewirkten, daß der erstere Aspekt ein viel entscheidenderes Gewicht erhielt als der letztere. Deshalb war das Ergebnis katastrophal.
WAS FÜR EINE REVOLUTIONÄRE
PARTEI
Es wäre eine grobe Vereinfachung, würde man aus einer Strategie, die ein unabhängiges, vereintes und sozialistisches Kurdistan zum Ziele hat, automatisch die Schlußfolgerung ziehen, daß jetzt eine einzige Partei der kurdischen Revolutionäre aufzubauen sei.
Auch die historischen Vorläufer, an die man denken könnte, erlauben nicht. nur diese Schlußfolgerung gelten zu lassen. Obwohl offensichtlichte Unterschiede vorhanden sind, scheint uns doch die Debatte um die polnische Frage, welche im Jahr 1896 geführt wurde, am meisten Anhaltspunkte zu liefern. »Wenn die Polen der drei Teile Polens sich nach dem Prinzip der Nationalitäten für die staatliche Befreiung Polens organisieren«, sagte Rosa Luxemburg damals, »warum sollen dann die verschiedenen Nationalitäten Österreichs nicht genauso vorgehen? Warum sollen sich die Elsässer nicht gemeinsam mit den Franzosen organisieren, usw.? Kurz: damit wären den nationalen Kämpfen und nationalen Organisationen Tür und Tor geöffnet. Statt der Arbeiterorganisation gemäß den politischen und staatlichen Gegebenheiten würde man jetzt dem Prinzip der Organisation nach der Nationalität huldigen, ein Vorgehen, daß oft gleich am Anfang schiefgeht. Statt politische Programme, die den Interessen der Klasse entsprechen, würde man nationale Programme ausarbeiten.« Immerhin setzte sich Rosa Luxemburg in der Praxis selbst für die Unabhängigkeit ihrer Partei ein, auch wenn im Prinzip die polnische Partei seit 1905 Mitglied der Sozialdemokratischen Arbeiterpartei Rußlands war.
Lenin betonte, daß die Partei über die nationalen Spaltungen hinweg geeint sein müße. Und Trotzki war für ganz rigorosen Zentralismus im Rahmen einer einzigen Partei und gegen »jegliche nationalistische Ansteckung«. Seiner Meinung nach hatte die Partei die Aufgabe, »so eng wie möglich vermittels freiwilliger Klassendisziplin die Werktätigen der verschiedenen Nationen in einer einzigen Struktur für alle zu verbinden.« Die Bolschewistische Partei »lehnt. es schlichtweg ab, die Parteistruktur nach dem national-föderativen Prinzip auszurichten... Eine revolutionäre Organisation ist nicht der Prototyp des künftigen Staates, sondern nur ein Instrument, um diesen zu schaffen« (Geschichte der Russischen Revolution).
Dieses Prinzip ist sicher gültig. Indes kann nicht abgestritten werden, daß das Proletariat der unterdrückten Nationalitaten besondere Interessen, Bedürfnisse und Bestrebungen hat, die im Rahmen einer einzigen vereinten Partei vielleicht nicht genügend zur Geltung kommen.
Was Kurdistan angeht, so liegt die Hauptschwierigkeit darin, daß man es im Befreiungskampf nicht mit einem, sondern mit vier Unterdrückerstaaten zu tun hat. Den verschiedenen Gebieten gemeinsam ist die nationale Unterdrückung; aber es gibt Verschiedenheiten aufgrund des historischen Kontextes, der vergangenen Kampferfahrungen, der besonderen Bedingungen, die den Kurden in den verschiedenen Staaten auferlegt sind, sowie aufgrund der Tatsache, daß unterschiedliche organisatorische Formen existieren. Wenn die DPK so rasch als pan-kurdische Partei auseinanderbrach, so kann man das sicher vor allem ihren Führern und deren Opportunismus und Verrat zuschreiben. Aber darin kam doch auch die objektive Schwierigkeit zum Ausdruck, den kurdischen Kampf vermittels einer einzigen Partei zu führen. Für die revolutionären Marxisten ist das Problem heute umso schwieriger, als sie nur erste Ansätze einer revolutionären kurdischen Partei bilden. Die Frage muß also unter Berücksichtigung der derzeitigen Umstände diskutiert werden, wobei sicher nicht die strategische Ausrichtung auf eine einzige Partei der kurdischen Revolution aus dem Auge verloren werden darf.
Schließlich muß auch noch ein taktischer Einwand berücksichtigt werden. Unsere strategische Parole - für ein unabhängiges, vereintes und sozialistisches Kurdistan - kann nicht in der gleichen Form von allen revolutionären Marxisten vorgebracht werden. Die türkischen, iranischen und irakischen revolutionären Marxisten müssen den Akzent auf den Kampf um Selbstbestimmung und Unabhängigkeit legen; ob das kurdische Volk aber in einem einzigen Staat vereint und ob es sozialistisch sein will, das hat es nur selbst im Kampf zu entscheiden. Die kurdischen revolutionären Marxisten stellen zwar die Forderung nach Unabhängigkeit in der Einheit auf den ersten Platz, verschweigen aber dabei nicht. daß es ihnen letztlich um die Errichtung eines kurdischen Arbeiterstaates geht. Sie führen aus, daß eine wirkliche Unabhangigkeit, eine wirkliche Vereinigung nur möglich ist durch einen Kampf, dem die Dynamik der permanenten Revolution innewohnt, verknüpfen aber die Forderung nach Unabhängigkeit nicht mit Bedingungen. Sie suchen die Einheit mit allen Kraften, die für dieses Ziel kämpfen. (23) Massood ist einer der zahlreichen Sohne von Mustafa Barzani. Letzterer starb 1979 im Exil.
Nachdruck aus »Inprekorr« Nr. 123 vom 10. April 1980. Die Kurdenfrage in der Türkei Seit nunmehr einem Jahr geistert wieder der Begriff Separatismus" durch die Schlagzeilen der bürgerlichen Zeitungen in der Türkei. „Separatismus" ist neben den wirtschaftlichen Problemen, dem Staatshaushalt und dem „Terrorismus" eines der Hauptgesprächsthemen im Ministerrat, im Parlament sowie zwischen Staatspräsident und Kanzler. Am 14.4.79 stellten 6 parteilose Minister - ehemals Mitglieder der reaktionären Gerechtigkeitspartei Demirels - der damaligen sozialdemokratischen Ecevit- Regierung ein Ultimatum: wenn die Regierung nicht eindeutig zum „Separatismus" Stellung beziehe, sähen sie sich genötigt, die Regierung zu verlassen. Seit mehr als 10 Jahren versucht der monatlich tagende Nationale Sicherheitsrat, dem Problem des „Separatismus" Herr zu werden.
Was sich hinter dem Gespenst „Separa-