Inprekorr 1971–1992

Archiv der Internationalen Pressekorrespondenz der IV. Internationale

Editorial

Das Massaker von Sabra und Schatila

Inprekorr Nr. 9 (148), 7. Oktober 1982 · S. 3-4 · 960 Wörter

Nahost und Palästina

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Zwar wurde das Massaker an mehr als tausend Palästinen sem in den Lagern Sabra und Schatila vom 16. bis zum 18. September von den reaktionären libanesischen Milízen begangen, aber es steht völlig in der Logik der Aggression, welche Israel seit drei Monaten im Libanor lurch führt.

Menahem Segin erreichte. daß die palästinensischen Kămpfer abzogen. Aber damit konnte er sich nicht zufrieden stellen. Jegliche Anhäufung palästinensischer Bevölkerung ist ein potentielles Widerstandsnest gegen die Emiedrigun gen und Verbrechen durch den zionistischen Staat Mit der Ermordung von Beschir Gemayel als Vorwand zerriß die israelische Regierung die noch nicht einen Monat alten Vereinbarungen und schickte ihre Truppen nach West-Beirut. Angeblich, um Sicherheit und Ordnung zu garantieren. In Wirklichkeit aber machte die zionistische Armee den Weg für die Mörderbanden und für Pogrome frei.

Ein Sprecher der israelischen Armee erklärte, sie wären in West-Beirut einmarschiert, weil es die Stadt "von alzu säubem"

liedern und Führem einen schweren Schlag zu versetzen Die zionistischen Truppen erledigten diese schmutzig Aufgabe: sie durchkämmten die Stadtviertel, die Häuser und Flüchtlingslager mit regelrechten Schwarzen Listen, die von ihren Geheimdiensten erstellt worden waren. Man kann noch nicht genau abschätzen, wieviel Leute verhaftet und mit unbekanntem Ziel abtransportiert worden sind. Aber dieses Untemehmen zeigt schon deutlich, was tür ein Regime der zionistische Staat in Beirut zu errichten gedenkt.

Die Repression gegen die fortschrittlichen libanesischen Kräfte wurde indes in den Hintergrund gedrängt vom Massaker an den Palästinensem, das die reaktionären líbanesischen Milizen mit der Billigung der israelischen Armee, die ihnen den Zugang zu den Lagem ermöglichte und ihre Absichten genau kannte, begingen.

Auf furchtbare, tragische Art und Weise wurde jetzt der Beweis dafür gelietert, eine welch notwendige Rolle die Palästinensische Befrelungsorganisation (PLO) für die Selbstverteidigung der Palästinenserlager spielte. Ihr Rückzus lieferte Zehntausende von Palästinensem auf Gnade un‹ Ungnade fhren schlimmsten Feinden aus.

Auch dafür, was der Habib-Plan und die Rolle der Internationalen Einsatztruppen eigentlich bedeuten, wurd jetzt der Beweis geliefert. Durch den Abzug der PLO Kampfeinheiten beherrschte die zionistische Armee das Feld. Kaum war die Intemationale Einsatztruppe abgezogen, ergriff Ariel Sharon die erstbeste Gelegenheit, un lies militärisch zu nutzen Es ist von zweitrangiger Bedeutung, ob die Urheber des Gemetzels von Sabra und Schatila nun Phalangisten von Beschir Gemayel oder Söldner des Kommandanten Haddad waren. Dieser Massenmord paßt genau in die Logik des vom zionistischen Staat geführten Ausrottungskrieges, und dabei kennt man keine Hemmungen, sich auch solcherUnmenschen als Handlanger und Verbündete zu bedienen. Niem and kann dadurch in die Irre geführt werden: die Hände von Begin. Sharon und threr imperialistischen Schutzherren, allen voran des amerikanischen Imperialismus, sind mit dem Blut dieses Massakers beschmutzt. ja wahrscheinlich war, ind sie kannten auch genau die Sie alle wußten nur zu gut daß ein Massaker möglich, potentiellen Täter.

* 3 Aber sie taten nichts, um es zu vermeiden. Im Gegenteil, sie erleichterten es den Mördem noch, ihre Aufgabe zu erfüllen. Danach kann man in Washington, Paris Rom. Ryad, Damaskus und auch Moskau, dessen Schweigen und Passivität viel zur Isolation der Palästinenser beigetragen hat, in aller Ruhe Krokodilstränen vergießen. Mit der Krise, die nach der Ermordung von Bechir Gemayel und dem Massaker an den Palästinensem ausbrach, wird indes deutlich, daß die Imperialisten und Zionisten große Schwierigkeiten haben, ihre Siege über die PLO und die Libanesische Nationalbewegung abzurunden. Stabilisierung eines starken Staates im Libanon, die Zionisten anstreben, und die neokoloniale Lösung eines palästinensischen Mini-Staates, den sich gewisse imperialistische Kreise wünschen stehen noch in weiter Feme. Zahllose zentrifugale Kräfte sind am Werk, die nicht immer mit den Sorgen und Wünschen von Israel oder Washington in Einklang zu bringen sind. Außerdem gibt es nach wie vor Differenzen zwischen den Plänen von Israel, den Plänen von Washington und den Vorschlagen, welche die arabischen Staaten in Fes im Einverständnis mit der PLO vorbrachten.

Das Projekt, den libanesischen Staat um die Familie Cemavel und die Phalange. die sie aufgestellt hat, neu aufzubauen, hängt jetzt wieder in der Luft, selbst wenn Amin Gemayel den Platz seines Bruders Beschir als Prisident der Republik Libanon einnimmt. Zwar zeigen die Reaktionen auf die Ermordung des letzteren deutlich, wie stark die politische Degression ist und welch schwere Pressionen am Werke sind. daß die nationale Einheit über die widersprüchlichen sozialen Interessen hinweg verwirklicht Fast alle 1fbanesischen Krifte einschließlich der KP und der. "Libanesischen Organisation Kommunistischer Aktion " nahmen an den Trauerfeierlichkeiten für den ermordeten Beschir Gemavel teil. Aus allen politischen Richtungen waren Lobgesänge für den toten Henker der Palastinenser von Tall el-Zaatar zu hören, für einen Mann. der erbarmungslos seine Rivalen im eigenen, christlichen Lager liquidiert hatte. In der ganzen Welt konnte man Nachrufe lesen, die einfach ekelerregend sind. Aber vor diesen Reaktionen bis zum Neuaufbau eines starken libanesischen Staatsapparats ist noch ein weiter Wer. Was die Bewegung der Arbeiterklasse und der Anti-Imperialisten in der ganzen Welt angeht, so muß ihr Entsetzen über das Massaker von Sabra und Schatila nicht in stum mer Resignation zum Ausdruck kommen. sondern in einem neuen Aufschwung der Mobilisierung und der Solidarität Die politischen Parteien, Gewerkschaften und Massenorganisationen müssen jetzt dringend handeln, um sich dem zionistischen Untemehmen zu widersetzen und neue Massaker zu verhindem.

- Zionistische Armee raus aus dem Libanon! - Völlige Unterstiltzung fir die palästinensischen Flüchtlinge und die fortschrittlichen libanesischen Kräfte: sie milssen sich selbst gegen die zionistischen Truppen, die Phalange-Milizen und die Söldner des Massenmörders Haddad verteidigen können!

- Sofortige Freilassung der palästinensischen und libanesischen Gefangenen!

- Die demokratischen Rechte und Freiheiten im Libanon helt - maten nicht guiser ed Versammlungsfiel- - In formations- - Unterstützung der Widerstandsbewegungen in den besetzten Gebieten der West Banks und von Gaza, Unterstützung der israelischen Antikriegsbewegung! Inprecor, 19. September 1982

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