Inprekorr 1971–1992

Archiv der Internationalen Pressekorrespondenz der IV. Internationale

Offensive der Reaktion in Westbengalen

· Inprekorr Nr. 12, 5. Februar 1972 · S. 5-7 · 1.462 Wörter

Indien und Südasien

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OFFENSIVE DER REAKTION IN WESTBENGALEN ++++ +++++++ +++++++++++ Während die Augen der Welt auf die indische Invasion und "Befreiung" von Ostbengalen gerichtet waren, führte die indische Regierung einen Angriff gegen linksgerichtete Kräfte im eigenen Land durch. In der Woche vom 2l. bis 28. November ( als die Invasion tat sächlich begann) kam die Hälfte der indischen paramilitärischen Zentralen Reservepolizei in Westbengalen an. Etwa 10 000 Linke wurden als festgenommen gemeldet. Gemai dem Gesetz zur Vorbeugung gewaltsamer Aktivitaten, das vor einigen Monaten verabschiedet worden ist, können politische Häftlinge bis zu einem Jahr ohne Gerichtsverhandlung festgehalten werden. Viele, die schon früher festgenommen wurden, sitzen tatsächlich schon länger als ein Jahr wegen der riesigen Zahl derer, die auf ihre Verhandlung warten. Das Gesetz läuft Anfang 1972 aus, aber es sind Anzeichen vorhanden über Vorbereitungen, politische Gefangene in speziellen Zentren zusammenzufassen.

Im Gefängnis von Alipore fand am 26. November ein Massaker statt, dessen genaue Ausmasse und Umstände unklar sind und wahrscheinlich auch bleiben. Polizei und Regierung haben zugegeben, daß sechs Personen getötet und 237 verletzt wurden; aber nach anderen Berichten wurden bis zu 50 sofort getötet, während viele der Verletzten zwischen Tod und Leben schweben. Von offizieller Seite wird behauptet, es habe sich um Ausbruchsversuche gehandelt die Gefangenen hätten Steine und Ziegel geworfen, die ratlosen Wärter in Selbstverteidigung gehandelt. Es fällt schwer, hieran zu glauben: bewaffnete Polizei stand außerhalb des Gefängnisses Wache und verhinderte Fluchtversuche, daß Tore oder Mauern beschädigt worden seien, wurde nicht gemeldet; alle Opfer sind mit Gewehrkolben erschlagen worden. Das Gefangenenmassaker von Alipore war das sechste größere Massaker dieser Art während der letzten 12 Monate und das x-te, wenn man all die isoliert oder inadäquat gemeldeten Todesfälle in Gefängnissen zählt. Morde an Gefangenen sind immer häufiger die Antwort auf Angriffe der "Naxaliten ' oder der der Kommunistischen Partei Indiens ( Marxisten-Le-

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ninisten), der maoistischen Partei, die im April 1969 gegründet wurde und von China offiziell anerkannt ist. Seit Anfang 1970 konzentriert sich die Politik der Partei darauf, einzelne Grundbesitzer, Geschäftsleute, Geldverleiher, Polizisten und politische Feinde zu , und zwar in der ländlichen Gegend von Pandschab, Andhra Pradesh, Orissa, Bihar, Westbengalen und mehr und mehr in Kalkutta-City. Zweifellos haben Festgenommene KPI- ML Kader rebelliert und mehrmals Gefängnisausbrüche versucht: sie sind stolz darauf, und einige der Gefängnisschlachten sind das Ergebnis dieser Bemühungen. Am 22. April 1971, dem zweiten Gründungsj biläum der Partei, und am 2. Mai haben z. B. gefangene Naxaliten im Gefängnis von Dum Dum rebelliert und auf dem Gefängnisturm die rote Fahne gehißt. Am 14. Mai gelang 50 Gefangenen die Flucht. Daraus entstand im Gefängnis selbst ein Kampf zwischen 150 jungen Naxaliten und bewaffneten Wachen und Gefängniswärtern. 32 Gefangene wurden mit Gewehrkolben erschlagen und der Rest schwer verwundet. Viele der Getöteten waren bis zur Unkenntlichkeit verstümmelt worden; ihre Verwandten konnten sie nicht mehr identifizieren.

Noch häufiger wurden offenbar Ausbruchsversuche inszeniert. Man sagt den Gefangenen, sie seien gegen Kaution freigelassen, man führt sie zu den Toren, und man erschießt sie dann 'auf der Flucht. Soweit man das beurteilen kann, passierte das am 15. Dezember 1970 im Gefängnis von Midnapore, wo 9 kommunistische Bavern ermordet wurden, und im Januar 1971 in Bershampur, wo 7 Untersuchungsgefangene getötet wurden. Ahnliche Vorfälle Birbhum, Cooch Behar, Siliguri, Kurseong und dreimal von Alipore gemeldet.

Die KPI-ML war am häufigsten Opfer dieser Massaker. Aber die parlamentarische Kommunistische Partei Indiens ( Marxisten), die in Kerala und Westbengalen hcoh organisiert ist, wird ebenfalls in wachsendem Maße angegriffen. Die Partei berichtet von 30 Mitgliedern, die in den 8 Monaten vor Juni 1971 in Gefängnissen erschossen wurden, und von insge - Manndern, die in Bart, Beliaghat, Salt Lake und Diamond Harbour getötet wurden, weil sie sich angeblich "ihrer Festnahme widersetzten" Gefängnismorde haben sich überdies von Westbengalen auf den Nachbarstaat Bihar ausgeweitet. Am 7. Juli randalierten Gefangene in Patna, nachdem einer von ihnen unter ver dächtigen Umständen gestorben war. Während des Aufruhrs brachen 10 Gefangene aus, darunter 5 Naxaliten; 2 wurden getötet, 42 verwundet. Im Gefängnis von Hazaribag gab es am 25. Juli keine Beweise für einen Aufstand oder für Ausbruchsversuche; trotzdem wurden irgendwie 17 Gefangene getötet und 27 durch Kugeln verwundet. Ein regelmäßig auftreten der Zug bei diesen Vorkommnissen ist, daß faschistische Banden von besonders ausgesuchten Wärtern und gefangenen Kriminellen diese Exekutionen ausführen, oft nach sadistischen Folterungen. Ihre Nebeneinkünfte werden aus den Lebensmittellagern der Gefängnisse besorgt.

Nur von den Gefängnismorden zu sprechen, wäre jedoch irreführend, da seit Monaten einzelne Morde und Massenmorde an mutmaßlichen Anhängern der Naxaliten auch außerhalb der Gefängnisse verübt werden. Zusätzlich zu geheimen nächtlichen Morden wurden vergangenen Sommer in Beliaghat, Noapara und Howrah ganze Gruppen öffentlich umgebracht. In Howrah wurden 12 Naxaliten ermordet und ihre Häuser und Läden zerstört, worauf der aus Zivilisten bestehende Mob, der die Morde pflichteifrig ausgeführt hatte, seine Waffen bei der Polizeistation des Ortes wieder abgab. Das schlimmste Massaker des Sommers pas sierte am 12./13. Au ust in der Gegend von Cossipore - Baranagar. Ein Angestellter der regierenden Kongreßpartei war von einem Unbekannten ermordet worden. Darauf wütete ein bewaffneter Mob von 1000 Menschen in einem Umkreis von 2 Meilen, zerrte Jugendliche aus den Häusern und legte Feuer in den Läden derer, die verdächtigt wurden, Extremisten zu verstecken. Einige Leichen wurden in den Ganges geworfen, andere auf Schub- S. 6

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karren weggeschafft. 17 Stunden lang tat die Polizei nichts, während über 150 Jugendliche auf bestialische Weise ermordet und ihre Namen auf einer Liste aufgeführt wurden, die man in der Kutighat-Straße auf ein improvisiertes Gerüst nagelte. Ganz wenige der Jungen waren bei den Naxaliten aktiv gewesen; die meisten waren Freunde oder Nachbarn oder Leute, die ein- oder zweimal mit bekannten Naxaliten geredet hatten.

Solange die Ermordeten als "Naxaliten" bezeichnet wurden, tat die Öffentlichkeit nichts. Viele Leute fanden, die KPI-ML habe durch ihren eigenen Terrorismus faschistische Attacken provoziert. Die parlamentarische KPI/ M selbst wurde beschuldigt, sie habe nicht nur die KPI/ML nicht verteidigt, sondern sogar ihre Kader der Polizei verraten, und es gab auch Morde unter den beiden Parteien. Jetzt allerdings hat die Regierung durch die chauvinistische Kriegshysterie eine ideale Gelegenheit, auch die gut organisierte parlamentarische KPI/M "dranzukriegen"' Das liberale Blatt 'Economic and Politica/ Weekly' berichtet: "Die kaltblütige, kalkulierte Liquidierung der Linken schreitet in Westbengalen schne!! voran... Massive Angriffe gegen KPI/M Stützpunkte, von bewaffneter Polizei und bewaff neten Kongreßbanden gemeinsam durchgeführt, Erschießungen von Jungen und Mädchen auf offener Straße, unmenschliche Grausankeiten an inhaftierten Männern und Frauen und Fälle, wo Menschen lebendig verbrannt wurden" sind an der Tagesordnung im freien Indien. Aber bis jetzt haben die Liberalen wenig gesagt, ein trauriger Gegensatz zu 1938, als der 90-jährige kranke bengalische Dichter Tagore in Kalkutta eine Massenversammlung durchführte, um gegen die Erschießung zweier Gefangener im Internierungslager Hijli durch die Briten zu protestieren. Heute rekrutieren die Erben Ghandis ohne Unterschied Gangster und Mörder in die regierende Kongreßpartei, zweifellos um ihre Gegner rechtzeitig loszuwerden vor den Wahlen in Westbengalen, die für Februar angesetzt sind. Sogar die pro-Moskau Kommunistische Partei Indiens war gezwungen, eine Protestnote zu veröffentlichen - während sie gemeinsam mit der Kongreßpartei ein riesiges Fest in Kalkutta organisierte, um die "Befreiung " von Bangla-Desh zu feiern.

Am Tage nach der Kapitulation der pakistanischen Streitkräfte sagte Indira Gandhi über die Regierungen von Indien und Pakistan, als sie Verhandlungen anbot: "Es gibt mehr Dinge, die uns gemeinsam sind, als solche, die uns trennen. " Das trifft zu: Beide sind Schlächter von Kommunisten, von Jugendlichen, von jeglichen Menschen, die die Erhaltung ihres veralteten Gesellschaftssystems stören. Und der 'Sozialistische lock'? Zum Kotzen! Die Regierung Chinas gab eine zinslose Anleihe von 100 Millionen Dollar an Yahya Khans Diktatur im April, auf dem Höhepunkt der Massaker an ostbengalische Intellektuelle, Revolutionäre, Arbeiter und Bauern. Im Dezember bewaffnete die Sowjetunion die indische Regierung und deckte sie im Sicherheitsrat, während Indien sich ausländischen Aggressionen schuldig machte und Ostbengalen für die Awami-Liga abzwackte - zweifellos um einem Linksruck in der Revolution, die sich dort vorbereitete, entgegenzutreten; zum Teil auch, um die eigenen Schlächtereien in Ostindien zu verbergen, außerdem vielleicht, um einen Anspruch auf den indischen Ozean anzumelden im Rahmen eines sowjetischen Versuchs, China einzukreisen. Die Opfer sind die Revolutionäre und die einfache Bevölkerung von Indien und Pakistan. Das weiß die KPI/M sicher sehr gut. Ihre Parole "Yahya Khan - Indira Gandhi Ek Kai (Yahya Khan und Indira Gandhi sind dasselbe) wiederholt nur in anderen Worten Frau Gandhis Ausspruch selbst. Die Antwort der Parteiführung auf den Angriff war, mit der Revolutionären Sozialistischen Partei und dem Vorwärts-Block eine gemeinsame Front zu bilden für die Kommunalwahlen in Burdwan/Westbengalen. Sie wird jedoch bald den Abwehrkampf beginnen müssen oder untergehen.

(Devi Arad. Aus RED MOLE Nr. 36 vom 7. Februar 1972)