Nach sechswöchigem Streik haben die britischen Bergleute einen bemerkenswerten Sieg er rungen. Der Staat als Unternehmer hatte ihnen 7,5 % Lohnerhöhung geboten, während sie 25 % gefordert hatten ( und die Lebenshaltungskosten im letzten Jahr um 11 % gestiegen sind und man für dieses Jahr mit nochmal 7 % rechnet). Dank ihrer beispielhaften Kombativität haben sie jetzt Ergebnisse erreicht, die im Durchschnitt über 21 % Lohnerhöhung lie gen. Diese Zahl sagt alles, sie macht jeden Kommentar überflüssig. S. 24 INPREKORR 15.2.72
Wir haben schon im vorhergehenden Artikel geschrieben, daß die [ergarbeiter sich in Wirklichkeit für die ganze Arbeiterklasse von Großbritannien schlugen. Der konservativen Regierung ist es letztes Jahr gegen die Arbeiter und A. gestellten der Post, der Elektrizitätswerke und der Gemeinden gelungen, die nominalen Lohnerhöhungen so einzuschränken, daß das praktisch auf eine Reduzierung der Reallöhne hinauslief. Sie war fest entschlossen, an der "Höchstgrenze" von 7 bis 8 % Lohnerhöhung festzuhalten. Bevor sie die Wirtschaft wieder anzukurbeln und die Arbeitslosigkeit • es git jetzt mehr als 1 Million Arbeitslose zu verringern suchte, war es für die Unternehmerklasse und ihrer Regierung besonders wichtig, daß ein so kämpferischer Sektor der Arbeiterklasse eine schmählich Niederlage erleide, um jeden Versuch, die erlittenen Lohneinbußen wieder aufzuholen, sobald sich das Kräfteverhältnis auf dem Arbeitsmarkt etwas verändert, im Keime zu ersticken. Die Tories suchten sich dazu die Bergarbeiter aus: denn unter den Avantgardesektoren der Arbeiterklasse - Automobilarbeiter, Stahlwerker, Hafenarbeiter - ist es derjenige, dessen wirtechaftliche Position am schwächsten ist. Durch die fortwährende Reduzierung der Arbeitsplätze, die Grubenstillegungen und die schwindende Bedeutung der Kohle überhaupt wird die Schlagkraft der Bergleute zweifelsohne geschwächt. Aber die Heath-Regierung hat einen groben Rechenfehler begangen. Sie hielt die relative Schwächung für eine absolute Schwächung. Wodurch die englische Wirtschaft zusätzlich zu den Lohnerhöhungen in sechs Wochen 100 Millionen Pfund Sterling verlor. Hätten die Unternehmer während der Tarifverhandlungen schon solche Konzessionen gewährt, dann hätten sie sich den Streik sparen können. Der Emporkömmling Heath hat sich verrechnet.
WARUM DER STREIK GEWANN
Die Tories hatten sowohl die Empfindlichkeit der britischen Wirtschaft auf eine Unterbrechung der Kohlezufuhr mitten im Winter als auch die bewundernswerte Kampfkraft der Bergarbeiter unterschätzt. Nur deshalb, weil die Bergleute länger durchhielten als vorgesehen, obwohl sie oft nur noch Fürsorgeunterstützung bekamen, hat der Streik schließlich nach und nach die ganze britische Wirtschaft gelähmt. Die Elektrizitätswerke stellten eines nach dem anderen ihre Produktion ein. Die Stromsperren wurden immer länger. Bald mußten die Fabriken jede Arbeit anhalten.
In erster Linie jedoch konnte dieses Ergebnis aufgrund der beispielhaften Kombativität der Bergleute erlangt werden. Denn es waren die massiven Streikposten um die Elektrizitätswerke herum, die, oft von vielen Studenten, Genossen von Avantgardeorganisationen und anderen Arbeitern verstärkt, verhindert haben, daß die fehlende Kohle durch Dieselöl er setzt oder durch Einfuhr von Kohlereserven aus Großbritannien oder aus dem Ausland ausgeglichen wurde. Durch die massenhafte und beispielgebende Aktivität der Streikposten hat sich die Lage völlig verändert, und was zu einer halben Niederlage werden drohte, wurde zu einem glänzenden Sieg.
Der Streik hätte viel schneller siegen können, wenn der T. U.C. - Gewerkschaftsbund kollektive Solidaritätsmaß nahmen anderer Berufsgewerkschaften mit den Bergleuten beschlos sen hätte. Aber er hat in dieser Aufgabe vollständig versagt. Der Streik hätte vor allem dann schneller siegen können, wenn die Gewerkschaft der Elektrizitätsarbeiter, die bei Ausbruch des Bergarbeiterstreiks ebenfalls gerade Tarifverhandlungen führte, den armseli-
gen Kompromiß, den man ihr anbot, zurückgewiesen und sich am Streik beteiligt hätte. Bei einem gleichzeitigen Streik der Bergleute und der Elektrizitätsarbeiter hätte die Regierung sich in wenigen Tagen geschlagen geben müssen. Frank Chapple, der ultrarechte Führer der Elektrizitätsgewerkschaft, dessen Stimme für die Ablehnung eines Streiks den Ausschlag gab, muß jetzt vor seinen Mitgliedern verantworten, warum er ohne Streik 7,5 % akzeptiert hat, während die Bergleute mit Streik 21 % erreicht haben. Sicher wird es ihm schlecht dabei er gehen. Viele Gewerkschafter werden die nötigen Konsequenzen ziemen. DIE WIRTSCHAFTLICHEN UND POLITISCHEN AUSWIRKUNGEN DES STREIKS
Durch die Kapitulation der Heath-Regierung vor den Bergleuten kurz nach dem Abschluß des Tarifabkommens mit Chrysler, das den Automobilarbeitern weit mehr als die von den Tories als Höchstgrenze festgelegten 7 bis 8 % brachte, ist die ganze Wirtschaftspolitik der Konser vativen zunichte gemacht worden. Die anderen Sektoren der britischen Arbeiterklasse, die vor Tarifverhandlungen stehen, werden einer nach dem anderen Forderungen aufstellen, die vielleicht so hoch sein werden wie die von den Bergleuten erreichten 21 % - jeder gibt zu, daß das ein Sonderfall war - , die aber zumindest wesentlich höher liegen werden, als Regierung und Unternehmer zu gewähren bereit waren. Der ganzen Politik des Einfrierens der Reallöhne und der Wirtschafts rationalisierung' auf Kosten der Arbeiterklasse kann jetzt Einhalt geboten werden... ( Auf Entlassungen und Betriebsschließ ungen müssen die Arbeiter mit Betriebsbesetzungen antworten, nicht mit "Weiterarbeiten' wie bei der Clyde-Werft. Streiks müssen nach den beim Bergarbeiterstreik gewonnenen Kampferfahren, insbesondere hinsichtlich der mobilen Streikposten, zu einem Generalstreik zum Sturz der Tory-Regierung ausgeweitet werden.)
Wenn Heath durch einen Generalstreik gestürzt würde, wenn die britische Arbeiterklasse die Erfahrung ihrer enormen politischen außerparlamentarischen Kraft machen würde, dann würden die parlamentarischen Illusionen beträchtlich kleiner werden. Eine so an die Regierung gelangte Labour-Führung wäre wäre dann viel eher Gefangene der Arbeiterklasse als diese Gefangene der falschen Spielregeln des bürgerlichen Parlamentarismus. Darüber täuscht sich auch die britische Bourgeoisie nicht, die klügste der Welt in der kaltblütigen Einschätzung der Klassenbeziehungen. Am Tage nach dem Sieg der Berarbeiter lesen wir im "Observer" vom 20. Februar "Die Regierung ist sich jetzt bewußt, daß die effektivsten Streikführer nicht nur ökonomische, sondern auch politisch Ziele verfolgen. In der Tat ist der Einsatz des Streiks für politische Ziele jetzt keineswegs mehr ein Geheimnis von Verschwörern, sondern er wird von einem wesentlichen Teil der Labour-Party befürwortet und unterstützt.
Die Krise der britischen Wirtschaft und Gesellschaft ist eine sehr tiefe Strukturkturkrise. Die Koinzidenz des Bergarbeiterstreiks mit dem Bürgerkrieg in Irland, der Krise um den Beitritt Großbritanniens zum Gemeinsamen Markt und der um die Kapitulation der Tories vor den Rassisten Rhodesiens spiegelt die Tiefe der Widersprüche wider, vor denen der britische Imperialismus steht. Das traditionelle Bild Großbritanniens mit seinem zivilisierten, demokratischen, gutmütigen und versöhnlerischen Anstrich hält der Schärfe dieser Widersprüche nicht mehr stand. Dieses Bild zerbricht an allen Ecken. Wenn kein sozialistischer Ausweg aus der Krise gefunden wird, dann droht den englischen Arbeitern zum ersten Mal seit 150 Jahren eine autoritäre, ja blutige Lösung.
(E.P.G. Gekürzt aus LA GAUCHE Nr. 8 vom 25. Febr. 1972)
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