Inprekorr 1971–1992

Archiv der Internationalen Pressekorrespondenz der IV. Internationale

Bei Charta 77 und VONS

· Inprekorr Nr. 114, 6. Dezember 1979 · S. 17-18 · 1.355 Wörter

Tschechoslowakei

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Sympathisanten des VONS und der Charta im hinteren Teil eines großen altehrwürdigen Kaffeehauses. Draußen Eine Reportage von JEAN-YVES POTEL ertönt eine Polizeisirene, die meine Aufmerksamkeit auf sich zieht. Die Anwesenden lächeln. „Sie" werden nicht in dieses Kaffee kommen.

Wir bekämpfen nicht den Sozialismus. sonder das Regime". präzisiert Zdena Tominova Sie macht eine Pause und sagt dann: „Was ich sagen werde ist hart, aber es ist notwendig: es ist dus Regime. das den Sozialismus benutzt, um seine Macht und seine Privilegien zu bewahren". Diese 38-jährige Frau, Dolmetsch und Autorin von Novellen und philosophischen Essais, ist niemals einer politischen Partei beigetreten. Sie hat aber immer die briderliche Hilfe" der Truppen des Warschauer Pakts von 1968 abgelehnt. Das hat genügt, um aus ihr eine Rebellin zu machen, um sie zu veranlassen. die Charta 77 zu unterschreiben. Heute fungiert sie als eine der drei offiziellen Sprecher der Charta.

„In allen Gesellschaften". sagt sie. ,genügen die Gesetze allein nicht. Man muß sie auch anwenden, ständig nachprüfen, ob sie angewendet werden". Das ist die Rolle des VONS. Die Charta 77. die rund 1200 Unterzeichner zählt. kämpft für die Anwendung der demokratischen Grundrechte, die von der Verfassung und der Regierung anerkannt wurden: Versammlungsfreiheit. Koalitionsrecht, Recht auf freie Weitergabe von Ideen und Schritten. Das KOMITEE FÜR DIE VERTEIDIGUNG DER ZU

UNRECHT VERFOLGTEN PERSONEN (VONS) „hat sich zum Ziel gesetzt, die Falle jener Leute zu untersuchen, die verfolgt oder eingekerkert werden, weil sie ihre Meinung frei geäußert haben. Und auch die Falle von Opfer polizeilicher und juristischer Willkür. "

Im April 1978 gegründet, zählt das VONS 22 Mitglieder. Nach den Verhaftungen des vergangenen Mai haben sich 12 neue Mitglieder zum VONS bekannt. Ihre Namen und Adressen ebenso wie die Statuten des Komitees wurden dem Prager Gemeindegericht übermittelt, wie es das Gesetz vorschreibt. Die internationale Menschenrechtsföderation hat das VONS soeben als seine offizielle Sektion in der CSSR anerkannt.

Die Plattform des VONS unterscheidet sich also nicht von der der Charta 77, aus deren Reihen das Komitee ja hervorgegangen ist. Aber es konzentriert seine Tätigkeit auf eine ganz bestimmte Aufgabe und vereint besonders aktive Leute. Seit seiner Gründung hat es 139 Kommuniques veröffentlicht und rund 70 Fälle von Repression und Behördenwillkür behandelt. Die Adressen und Namen der Mitglieder des Komitees werden im ganzen Land verbreitet. insbesondere in Böhmen und Mähren. Sie sammeln auf diese Weise Informationen über Verurteilungen und Gesetzesverstöße der Polizei und Justiz. Die Opfer sind in der Mehrzahl Jugendliche oder Arbeiter. einige von ihnen isoliert in kleinen Provinzstädten oder Dorfern. Die Macht der Unkenntnis

Die Stärke der Unterdrückung fußt zum Teil auf der Unkenntnis der Vorfälle durch die Bevölkerung. Diese Verurteilungen bleiben geheim, während das Zentralorgan der KPC. Rude Pravo" seine Zeit damit verbringt. die Errungenschaften des „Sozialismus" zu preisen und eine glänzende Zukunft anzukündigen. „Schwachsinn, nichts als Schwachsinn in diesem Blatt* konstatiert vor mir ein Sympathisant des VONS. während er die Tagesausgabe der „Rude Pravo" durchblättert. Das war am Dienstag. an dessen Abend das Urteil im Prozeß gegen die Charta- Aktivisten verkündet werden sollte. Die einzige „Information" über das Ereignis liefert ein kanadischer Leser. Er schreibt. daß die Dissidenten besser daran täten. gegen die Grausamkeit und Unterdrükkung. die in den kapitalistischen Ländem herrscht. insbesondere in den USA und Kanada, aufzutreten, statt das Bild des Sozialismus im Westen zu beschmutzen. Wenn das VONS präzise Informationen

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über die tägliche Repression und Willkür verbreitet, wirkt es also als echter Spielverderber für eine Bürokratic, die von sich behauptet, im Namen der Arbeiterklasse zu sprechen. Es ist schwierig in Westeuropa die Bedeutung dieses Kampfes zu begreifen. Man kann das nicht einmal mit der Situation, die unter den faschistischen Diktaturen herrscht. vergleichen. Denn dort - im Gegensatz zu Pinochet deispielsweise - unterzeichnen Husak und seine Gehilfen die Abkommen von Helsinki. halten Reden im Namen der Arbeiterklasse und der internationalen Arbeiterbewegung, proklamieren und verankern mn ihren Gesetzen sämtliche demokratischen Rechte.

Es ist dieser permanente Widerspruch zwischen Worten und Taten, den sich die Aktivisten der Charta und des VONS zu Nurze machen. Man schätzt die Zahl der politischen Gefangenen auf mehrere hundert". sagt mir eine Aktivistin des VONS. Enige haben sıch bloß geweigert, einen Text. in dem die Charta verurteilt wird, zu unterschreiben, oder ärger noch, wie der Fall einer Frau, die auf ihrem Arbeitsplatz gekündigt wurde „weil sie sich weiterhin mit ihrem Mann traf. der die Charta 77 unterzeichnet hatte". Wir beschaftigen uns aber nicht nur mit diesen Fällen". , betont man mir gegenüber: „Da sind auch die Jugendlichen, die den Wehrdienst verweigem, diejenigen, die wegen einer Schlagerei mit der Polizei ein bis zwei Jahre im Gefangnis sitzen... Keine Flucht in die Illegalität Die Forderung nach Anwendung der Gesetze ist also subversiv in der CSSR. Das ist zumindest die Meinung der Regierung und des Prager Gerichts, die soeben die sechs Aktivisten des VONS für ihre LEGALEN Aktivitäten verurteilt haben. „İmmerhin", hat Jiri Dienstbier seinen Richter ironisch zugerufen, hätte das VONS in den fünfziger Jahren existiert. hätte es vielleicht nicht so viele Verurteilungen gegeben; vielleicht hatte unser verehrter Präsident Husak nicht so lange im Gefängnis sitzen müssen!". Aber dieser „Legalismus" ist auch eine Stärke. Als ich in Prag mit meinen vorsorglich versteckten Adressen ankam, rechnete ich mit gehei. men Zusammenkünften an dunklen Stellen. Nichts von alldem.

In das größte Kaffee der Stadt, das „Slavia". gleich gegenüber dem Nationaltheater. hat man mich eingeladen. Alle Welt hat sich dort während des Prozesses getroffen, alle Tendenzen und Strömungen vereint. Blue Jeans, Parkas, lange Haare, Mädchen in Hosen, sie sind alle da, jung in der Mehrzahl, vor sich die großen Gläser Pilsner Biers. Von Zeit zu Zeit Die Repression flüstert jemand einem der Anwesenden etwas ins Ohr, dann verlassen zwei, drei Diese Angst ist die wichtigste Waffe Leute das Kaffee, um zu einer Sitzung des Regimes. Nicht die Angst vor dem zu gehen. Gespannt bei Herannahen des Gefängnis, aber die Furcht. seinen Urteils, agieren sie gemeinsam mit einer Arbeitsplatz zu verlieren und all das, was beeindruckenden Solidarität. man sich mühselig erschaffen hat. Ein Unterzeichner der Charta 77 wird ständig Alle Meinungen werden akzeptiert. Die überwacht. Er ist die meiste Zeit hindurch Charta und das VONS zählen Aktivisten arbeitslos, und wenn er was findet, so verschiedenster Tendenz: Katholiken, entspricht das keinesfalls seiner Qualifika- Liberale. Trotzkisten, Sozialdemokraten tion. Philosophen werden Nachtwächter. oder Anarchisten Seite an Seite. Sie Ingenieure Fensterputzer. Die Prämien, diskutieren frei über ihre politischen die einen wichtigen Teil des Gehalts aus- Ideen und die Zukunft ihres Kampfes. machen, bleiben aus. Ein Arbeiter erleidet Alle bekennen sich als Aktivisten und eine sofortige Verschlechterung seiner Unterzeichner der Charta und diskutieren Arbeitsbedingungen. Das Telefon wird ungeniert mit den anwesenden Auslän- einem gesperrt, und wenn man in einer dern. Und auch während die Bullen staatseigenen Wohnung logiert, wird man erscheinen und die Personalien der hinausgeworfen. Anwesenden überprüfen, diskutieren sie weiter, so als wäre nichts vorgefallen. Sie, Der Philosoph Julius Tomin, der vor sie weigern sich kurzerhand ihre Persona- drei Wochen seine Stelle als Nachtwächter lien vorzuzeigen. in einem Zoo verloren hat, erzählt uns seinen Alltag: „Zwei Polizisten haben es Eine Entschlossenheit, die beeindruckt. sich vor meiner Wohnungstür im Stiegen- Aber man täte falsch daran, zu verallge- haus mit einem Funkgerät gemütlich meinern. Wenn man sich auch nicht mehr gemacht. Sie essen dort und spielen den in der Stalin'schen Epoche befindet, wo ganzen Tag lang Dame. Sie hindern die man mit einem Bekenntnis zur Opposition Leute daran, bei mir auf einen Kaffee auch gleich eine Fahrkarte in den Gulag hereinzukommen. Selbst die KInder, die löste, so verfügt das Regime doch über meinen Sohn besuchen wollen, werden andere Methoden, mit deren Hilfe es die weggeschickt. Meine Freunde trauen sich Opposition zu einem Randdasein verur- nicht mehr, mich zu besuchen. " Im Juni teilt. „Die Informationen kommen nicht wird seine Frau, Zdena Tominova, in alle spontan", bemerkt ein Aktivist des einem Stiegenhaus von maskierten Indi- VONS, ,manchmal glauben die Leute, viduen überfallen und geschlagen. Er wir seien Provokateure, viele haben Angst begibt sich sofort ins Spital und erscheint sich an uns zu wenden". also nicht bei der Arbeit. Am nächsten