Vorbemerkung
Hugo Blanco, einer der bekanntesten revolutionären Führer in Lateinamerika, besuchte kürzlich Nicaragua. ,Ich bin nach Nitaragua gekommen, um zu lernen" sagte Blanco nach seiner Ankunft am 29. August. Blanco . Abgeordneter in Perus Konstituierender Versammlung bis zu deren Auflösung im Juli, interviewte Arbeiter, Bauern und Führer der Sandinisten, während er eine Reihe von Städten, darunter Managua, Matagalpa, Masaya, Granada und Chinandega besuchte. Sein besonderes Interesse galt der von der FSLN initiierten Landreform. Bekannt geworden durch ihre Führung der Landreformbewegung in La Convencion und den Tälern von Lares in Peru Anfang der 60er Jahre, verbrachte Blanco die meisten Jahre seither im Gefängnis oder Exil. 1978 war es schließlich möglich. nach Peru zurückzukehren, nachdem er in der Wahl zur Konstituierenden Versammlung mehr Stimmen als jeder andere Arbeiterkandidat erhalten hatte.
Während seines Besuches in Nicaragua sammelte Blanco viele Informationen, um in Peru eine Solidaritätsbewegung mit der Revolution in Nicaragua aufbauen zu können. Das folgende Interview wurde in Managua von Fred Murphy aufgenommen.
+ + + Frage: Du bist jetzt eine Woche hier, was sind deine stärksten Eindrücke der Revolution in Nicaragua?
Antwort: Glücklicherweise bewegt sich der revolutionäre Prozeß vorwärts. In Peru fürchteten wir, daß er stagniert oder eventuell sogar zurückgeht, weil, wie es oberflächlich betrachtet erschien, in der provisorischen Regierung einige bürgerliche Politiker teilnahmen.
Darüberhinaus schien der Aufruf, die Waffen abzugeben, ein negatives Zeichen zu sein. Von unseren Erfahrungen aus anderen Revolutionen wissen wir. daß eine derartige Politik von denjenigen verfolgt wird, die eine Revolution bremsen oder zurückdrängen wollen. Aber an Ort und Stelle sieht die Situation viele optimistischer aus. Zur Zeit befindet sich die reale Macht in den Händen der FSLN. • In der Frage der Bewaffnung erfuhren wir, daß konterrevolutionäre Somozabanden noch im ganzen Land aktiv sind. Natürlich können, wenn jeder eine Waffe tragen kann, die Somozisten diese Waffen dazu benutzen, die Bevölkerung anzugreifen. Deshalb glauben wir, es ist korrekt, dats die Bevölkerung die Waffen behält, aber in organisierter Weise - durch die Volksarmee und die Milizen - um die Somoza- .banden zu entwaffnen.
Das sind keine Abstraktionen, sondern konkrete Fragen, wie sie im konkreten Fall in Nicaragua auftauchten. Auf dem Lande konnten wir die Fortschritte der von dem Institut für Agrarreform (INRA) initiierten Landreform sehen. Die Bauern nahmen sich das Land von den Großgrundbesitzern. Sie beschränkten sich nicht auf den Besitz von Somoza, sondern holten sich auch Land von anderen Grundbesitzern, die das Land den Bauer gestohlen hatten, oder sie besetzten Land, das dem Staat gehörte. Auch die Arbeiterklasse erreichte etwas. wie die Bezahlung von zwei Monatslöhnen, die die Arbeiter als Bezahlung für den Streik in den letzten zwei Monaten des Krieges forderten. Diese Maßnahme wurde von der Regierung veranlaßt, die von den Unternehmern verlangte, daß sie den Arbeitern ihre yerlorenen Löhne zahlen.
Es gibt eine große Welle der gewerkschaftlichen Organisierung in der ,Sandinistischen Arbeiter-Föderation" (CST). Es könnten noch viele andere Fortschritte der Arbeiterklasse erwähnt werden. Viele Beschwerden der Arbeiter wurden berücksichtigt.
Aber unglücklicherweise wurde ein Großteil der Industrie in Nicaragua von Somozas Bombardierungen zerstört. Die Produktion steht noch still. Der Krieg war sehr brutal und Nicaragua befindet sich zur Zeit in einer wirtschaftlich schwierigen Situation. Der Imperialismus versucht dies zur Stärkung des bourgeoisen Sektors auszunutzen.
Ich glaube, daß die Sandinistische Regierung wirklich weiter gehen möchte, aber sie sieht sich mit vielen Problemen konfrontiert und der Fortschritt der Revolution in Richtung Sozialismus ist noch nicht garantiert. Es ist möglich, daß der kapitalistische Sektor stärker wachsen wird.
Eine große Schwäche der Revolution in Nicaragua ist das Fehlen von Organisationen der Massen. Die Sandinisten sind sich dessen bewußt und versuchen, Massenorganisationen in allen Bereichen - der Armee, unter den Arbeiter, Bauern, Jugendlichen und den Bewohnern der Armenviertel - zu unterstützen. Solange das Volk unorganisiert ist, ist es natürlich schwieriger, der Bourgeoisie entgegenzutreten.
Die Anstrengungen der Sandinisten, die Bevölkerung zu organisieren, zeigen, daß sie an einem Fortschreiten interessiert sind. Obwohl wir nicht mit all ihren Taktiken, die sie benutzen, übereinstimmen, ist es klar, daß die Sandinisten wirklich
für die Organisierung der Massen sind und deshalb auch für das Vorantreiben der Revolution, weil die Organisierung der Massen am besten diesen Fortschritt garantiert.
Das zeigt uns, daß die Sandinisten, auch wenn wir mit allen ihren Taktiken nicht einverstanden sind, den Kapitalismus nicht schützen und die Revolution nicht aufhalten, sondern sie voranzutreiben versuchen.
Selbst hinsichtlich ihrer Taktiken ist es schwer, sie ohne Kenntnis der aktuellen Lage zu kritisieren.
Ich glaube, dab der Fortschritt der Revolution zum großen Teil von der Haltung der übrigen Welt Nicaragua gegenüber abhängt. Deshalb haben die Revolutionäre überall auf der Erde eine große Verantwortung. Das bedeutet. eine breit angelegte Solidaritätskampagne für Nicaragua zu starten, wo nicht nur die Revolutionare sondern alle jene einbezogen sind, welche meinen, daß das Volk von Nicaragua nicht als Folge der Barbarei Somozas umkommen darf Wir müssen die Menschen auf der ganzen Welt zur Hilfe für das Volk von Nicaragua aufrufen, damit es über sein Schicksal selbst entscheiden kann.
Außerdem brauchen wir eine Kampagne. um jeden militärischen Angriff auf das Volk von Nicaragua, das schon sehr viel unter Somozas Völkermord gelitten hat. zu verhindern.
Wir müssen auch gegen jeden indirekten Angriff auf das nicaraguanische Volk kämpfen wie beispielsweise die knausrige Art der Hilfeleistung, einer Hilfe, die das Volk in großem Ausmaß benötigt. Länder. die soviel Nahrungsmittel wie die USA oder Kanada produzieren, sollten an die Regierung von Nicaragua direkt und schnell Hilfe schicken. Bis jetzt aber ist dies nicht geschehen: ganz im Gegenteil. sie schickten leere Versprechungen. Somoza gewährten sie Hilfe - Mithilfe bei der Ermordung des Volkes von Nicaragua, jetzt halten sie die Hilfe, welche das Volk zum Leben braucht, zurück. Es ist wichtig. eine internationale Kampagne aufzubauen, die so stark ist, dal sie diese Heuchelei beendet und dem Volk von Nicaragua eine offene und direkte Hilfe verschafft.
Frage: Wir gingen aufs Land, um uns über die Landreform zu informieren. Kann man diese Landreform hier mit derjenigen unter der Regierung Velasco Alvardo in Peru vergleichen?
Antwort: Ich kann bis jetzt nicht viel über die Landreform hier sagen, weil noch vieles in der Planung steckt oder gerade erst durchgeführt wird.
In einigen Gebieten wurde das Land an Bauer, die es bearbeiten, übergeben. Ich hoffe, daß in der Praxis die Entscheidungen der Bauern respektiert werden. In anderen Gegenden, die ich besuchte, forderten Landarbeiter Gerechtigkeit in vielen Fragen, die ihr Arbeitsverhältnis betrafen, und es schien, daß es auch erfüllt wurde.
Ich hörte mir die Erklärungen von (Sandinistenführer Jaime) Wheelock an - er ist mit der Agrarreform und Planung heauftragt - sie scheinen in Ordnung zu sein. Ich weib nicht sehr viel uber die Landwirtschaft Nicaraguas. doch das wenige. was ich kenne. zeigt Ahnlichkeiten mit Peru. Es gibt indianische Landgemeinden. Kleinbauern und Grotgrundbesitz. Das alles gibt es auch in Peru.
In Peru beabsichtigen wir die Verstaatlichung des groben mechanisierten Grundbesitzes unter der Kontrolle der Arbeiter. Wir planen eine Landneuverteilung für die Bauem der nicht mechanisierten Betriebe sowie für jene, die tatsächlich ihr eigenes Stück Land haben wollen. Die Bauern. welche eine indianische Gemeinde nach der Art des primitiven Kommunismus bilden wollen. sollen dies auch tun kónnen. Die Pläne des hiesigen Ministeriums für Agrarreform sind ähnlich, aber ich kann jetzt noch nicht viel dazu sagen. wie sie ausgeführt werden, denn es war mir nicht möglich. viel anzusehen.
Die Verstaatlichung von Somozas Landbesitz ohne Entschadigung erscheint mir besonders wichtig. Das gerade ist der Unterschied zur peruanischen Landreform, wo der Oligarchie Abfindungen bezahlt wurden, mit deren Hilfe sich die Großgrundbesitzer in Industriekapitalisten verwandelten. Ich glaube. dati hier kein Cent an Somoza gezahlt wurde. und das ist auch richtig so. Schlieblich holte er nicht nur ein paar Plennige. sondern Millionen von Dollars aus Nicaraguas Landwirtschaft und anderen Produktionsbereichen heraus.
Frage: Wird die Revolution in Nicaragua deiner Meinung nach Auswirkungen für das übrige Lateinamerika haben? Antwort: Ich denke, daß sie grobe Auswirkungen in Lateinamerika haben wird, weil es seit der kubanischen Revolution keinen so großen Sieg mehr gab. Der Sturz, Somozas und der Aufstand der Massen Nicaraguas zum Kampf für Selbstbestimmung wird natürlich überall in Lateinamerika Auswirkungen zeigen. Wir können schon feststellen, daß nicht nur in Honduras, Guatemala und El Salvador die Völker ihren Kampf verstärkt haben. sonder auch in Ländern wie Costa Rica die Arbeiter durch die Revolution in Nicaragua ermutigt wurden. stärker zu kämpfen.
Selbst in Ländern wie Peru haben grote Demonstrationen zur Unterstützung Nicaraguas stattgefunden. In Paraguay. wohin Somoza geflohen ist. haben Studentenorganisationen und andere Gruppen demonstriert, um gegen die Aufnahme durch die Regierung von Paraguay zu protestieren. Besonders wichtig daran ist. daß dies gerade in Paraguay geschah, weil dort eine Diktatur herrscht. die mit der Somozas vergleichbar ist.
Frage: Die peruanische Regierung und andere Mitglieder des Andenpaktes sowie Panama. Costa Rica, Venezuela und Mexiko versprachen, den revolutionären Fortschritt in Nicaragua nach dem Sturz Somozas zu unterstützen. Welche tatsächliche Rolle spielten bzw. spielen diese Regierungen?
Antwort: Hätten sie das Volk von Nicaragua im Kampf gegen Somoza tatsächlich unterstützt, so hätten sie als erstes die Rolle des amerikanischen Imperialismus bei der Aufrechterhaltung der Diktatur verurteilen müssen. Das taten sie nicht. Damit ist gezeigt, dat sie das Volk von Nicaragua wirklich nicht unterstützt haben.
Auch jetzt könnten sie ähnliche Hilfe leisten wie Kuba, das 1000 Lehrer und 200 Leute aus dem medizinischen Bereich sowie Medikamente und andere Hilfsgüter schickte. Sie könnten alle dasselbe tun. aber sie tun es nicht.
Somoza-Streitkräfte. Jedes Stadtteilkomi- Stadtteilkomitees tee hat ein Büro, ein Casa Sandinista"
Dies ist das „Casa Sandinista" fur den Monsenor Lescano-Stadtteil. Das Buro.
personal hier arbeitet auf freiwilliger Basis
Nach ihrer Arbeit verbringen sie den Rest „Wir organisieren uns, um unsere ihrer Zeit hier. um zu arbeiten Sandinistische Revolution zu verteidigen"
Die Mitglieder der Sandinistischen Be freiungsfront (FSLN) hier vertreten che Positionen der FSLN und machen sich ein Bild von den Bedürfnissen des Volkes ».
dab die Regierung der provisorischiet Vorbemerkung Auf diese Weise werden alle. die in den Junta damit beginnen kann. Plane aus/u Blocks leben, in die Strukturen der Stadı- arbeiten.
Im folgenden Artikel wird einem teil CDS integriert. Zu unseren Hauptautgaben hier im „Militant"-Reporter von einem Führer Casa Sandinista gehort das Vorantreiben des Komitees im Monsenor Lescano Die Komitees treffen sich einmal in von politischen Diskussionen und de Stadtteil beschrieben, wie die Stadtteil- der Woche. Die verschiedenen Stadteil- Durchführung einer Schulungskampagne Komitees in Managua organisiert sind. komitees in einem bestimmten Gebiet su dab dic Bevolkerung ein klares Ver wählen einen Rat. Diese Rate beraten die ständnis unserer Aufgahen, und wie diese + + notwendigen Dinge und ubermitteln den am besten zu lösen sind, bekommt verantwortlichen Stellen die Vorschläge
Zivile Verteidigungskomitees und der Bevolkerung. Zum Beispiel ist Zur Zeit führen wir eine Diskussion Volksaktionskomitees wurden schon vor wichtig. das Wasserproblem zu losen. weil über den Plan zum Nationalen Wiederaufdem Aufstand gebildet. als wir die Not- viele Leitungen wahrend des Krieges ge- bau, so erfährt die Bevölkerung die Pläne wendigkeit sahen, das Volk zu organisie- brochen sind. auch ein Großteil der der Junta und der Fuhrung der FSLN. ren. um auf die Möglichkeit eines Krieges offentlichen Beleuchtung vorbereitet zu sein. Betrieb. Es mub eine Lösung gefunden Im Bereich von Managua ist das „Casa werden. die Lebensmittel gleichmabig Sandinista" von Ricardo Morales A vile Wir brauchten Leute, die Medizin und unter den Beschaftigten zu verteilen. damit beauftragt. die Beziehungen unter Lebensmittel beschaffen konnten und den Massenorganisationen, wie den Stadtwelche, die die Leute anweisen konnten. Zur gleichen Zeit entwickeln wir teilkomitees, der Sandinistischen Gewerkin ihren Häusern Schutzräume zu bauen. verschiedene Aktivitaten, um diese Pro- schaft, der Sandinistischen Jugendorganium gegen die Bomben und Granaten ge- bleme zu lösen. Zum Beispiel. als die sation und anderen Organisationen dieser schützt zu sein Wir brauchten Komitees Regierungsjunta erklärte. dah es notwen- Art, zu koordinieren. zur Zivilverteidigung. Versorgung und dig sei. alle leeren Gebaude auszuräuchern. medizinischen Versorgung. aber auch um einer Verseuchung vorzubeugen. führ- Täglich kommen Leute von überall Sicherheitskomitees. die in der Gegend len die Stadtteilkomitees diese Arbeit auf her, die sich organisieren wollen. In herumstreifende paramilitärische Somo- der Grundlage eines vorbereiteten Plans diesen ersten Monaten nach dem Aufstand zistengruppen aufspurten. zeigte die Bevölkerung ein wirkliches Bedürfnis nach Organisierung.
Nach dem Sieg des Aufstandes uber. Wir haben auch eine Miliz in jedem nahmen wir die Aufgabe. unsere Sandi- Stadtteil. Sie sind unabhangig von den Wir sind zur Zeit dabei, dieser Revolu-