Inprekorr 1971–1992

Archiv der Internationalen Pressekorrespondenz der IV. Internationale

Bangla Desh nach dem Krieg: Eine ziemlich provisorische Stabilisierung

Inprekorr Nr. 11, 15. Januar 1972 · S. 10-11 · 1.041 Wörter

Indien und Südasien

Unkorrigierter maschineller Text (OCR). Jede Seite verweist auf ihren Scan; vor dem Zitieren bitte dort prüfen.

Die durch die indischen Panzer an die Macht gelangte Awami-Liga hat die feste Absicht, den Mobilisierungs- und Radikalisierungsprozeß des bengalischen Volkes zu bremsen, wobei sie sich die Früchte der Ausbeutung der bengalischen Massen, die zuvor der herrschenden pakistanischen Clique zufielen, aneignen will. Aber das ist nicht so einfach. Zunächst läßt der wirtschaftliche Zustand des Landes, einmal vom Cyclon des vergangenen Jahres, darauf durch die massive Zerstörung seitens der pakistanischen Armee und schließlich durch den Krieg angegriffen, nur wenig Spielraum, was keine wirklichen Zugeständnisse an die durch diese Ereig nisse hart betroffene und vom Hungertod bedrohte Bevölkerung zuläßt, die in einigen Gebieten unter Anleitung der revolutionären Gruppen sich vom Feudalismus und vom Geldwucher befreit hat. Die offensichtlichen Okonomischen Interessen der indischen Bourgeoisie an Bangla - Desh sind ein weiteres Problem für die Awami-Liga, die gezwungen ist, Indira Gandhi für ihre militärische und politische Hilfe gewisse Gegenleistungen zu erbringen. Daher sucht die Regierung von Bangla - Desh so eifrig um wirtschaftliche Hilfe bei der Sowjetunion und den osteuropäischen Ländern nach. Als Gegenleistung bietet sie der Sowjetunion die Möglichkeit, in dieser Gegend der Welt politisch Fuß zu fassen, sowie die Legalisierung der prosowjetischen KP, die sich sowieso seit Beginn der Ereignisse einfach an die Rockschöße der Awami-Liga gehängt hat.

Aber das schwerwiegendste Problem für die entstehende bengalische Bourgeoisie ist das Fehlen eines strukturierten Staatsapparats, mit dem sie ihre Herrschaft durchsetzen könnte. Das war der Hauptgrund dafür, daß Mudschibur Rahman im März 1971 gezögert hatte, die Unabhängigkeit zu proklamieren. Heute spitzt sich diese Situation aufgrund der Entwicklung von bewaffneten revolutionären Gruppen und dem Zerfall Pakistans zu. Zwar trägt der Abzug der pakistanischen Truppen und die Rückkehr Mudschibur Rahmans zu einer vorläufigen Beruhigung der bengalischen Massen bei. Aber die revolutionären Gruppen sind nicht vernichtet, noch nicht einmal entwaffnet, und ihr proklamiertes Ziel ist im Gegensatz zu dem der prosowjetischen Revisionisten die Errichtung einer "Volksdemokratie" leugbare Unterstützung in der Bauernschaft, der Arbeiterklasse und im radikalisierten Klein bürgertum eingebracht hat. Das Verbleiben der indischen Truppen in Bangla-Desh erscheint daher als einzige Lösung für die Awami-Liga.

DIE POLITIK INDIENS

Zwar hat Indien ein Interesse daran, Bangla Desh mit Westbengalen wirtschaftlich zu vereinen (wie dies vor der Teilung 1947 der Fall war), aber sein vordringlichstes Ziel ist, jegliche Art von revolutionärer Entwicklung in diesem Raum zu vernichten. Obwohl die Stationierung indischer Truppen in Bangla-Desh daher zeitweilig mit den gegenwärtigen Bedürf nissen der Awami-Liga übereinstimmt, bringt dies doch mögliche Gefahren für die lokale Bourgeoisie. Die bengalische Bevölkerung ist nicht bereit, eine fremde Besatzung im Interesse der einheimischen Feudalen und Bourgeoisie hinzunehmen, dies umsoweniger, als der Sinn der indischen Truppenstationierung ja der ist, repressive Aktionen durchzuführen. An- S. 10

Seite 11

dererseits ist es der Awami-Liga trotz aller Anstrengungen n ch in-. a ungen, die "Mukti Bahini' durch Umwandlung in Armee- und Polizeikräfte zu : Jmen, weshalb sie sich nicht erlauben kann, die indische Armee, die ihr zur Macht verholfen hat, abziehen zu lassen. Deshalb wurde mit Nev-Delhi ein Vertrag abgeschlossen, wonach die indischen Soldaten in Bangla-Desh "solange wie notwendig" bleiben werden.

Da der in Bangla-Desh sich entwickelne revolutionäre Kampf sich direkt gegen die lokale Bourgeoisie richtet, die sich noch nicht als Klasse, die fähig wäre, ihre eigenen Interessen militärisch zu vertreten, konstituiert hat, erscheint diese lokale Bourgeoisie immer mehr als ein Spielzeug Indiens, was dem Kampf für den Sozialismus noch den weiteren Aspekt der nationalen Befreiung hinzufügt.

BHUTTO U AKISTAN

Da die herrschende pakistanische Clique ihrer Einkommensquellen in Ostbengalen beraubt ist und ca. 600 000 DM pro Tag für den Unterhalt der Besatzungsarmee in Bangla-Desh hat aufbringen müssen, war sie gezwungen, eine Reihe wirtschaftlicher und politischer Maß nahmen zu treffen, die direkte Angriffe auf die Massen darstellen: massive Aussperrungen ( 400 000 Textilarbeiter wurden entlassen), Preiserhöhungen ( in 3 Monaten: 100 % bei Fleisch, 25 % bei Ol und Bekleidung), direkte Repression bei Streiks, Kriegsrecht usw. Die militärische Niederlage macht ihr Verbleiben an der Macht angesichts der Unzufrie denheit in der Bevölkerung äußerst prekär. Junge Offiziere griffen wahrscheinlich mit Unterstützung der USA ein, um die diskreditierten Generäle davonzujagen und eine starke Regierung aufzustellen, die sich mit der linken Demagogie Bhuttos schmückt. Dieser, der mit Yahya Khan direkt verantwortlich für die Massaker in Bengalen ist, muß nun ein ausgeklügeltes Gleichgewicht zwischen einer Armee, deren never Chef Repräsentant der äußersten Rechten ist, und dem pakistanischen Volk finden. Darum hat er die Regierung und die Staatsführung mit seiner Familie und seinen Freunden besetzt und eine Reihe von Maßnahmen ergriffen, die "links" zu sein scheinen, aber nur Augenwischerei sind, da sie nichts wen man dem statten siel, konnten die Arbeiter ich Bauern au bestimmte Gedanken kommen... Wenn er nach der Niederlage den bengalischen Nationalismus als Tatsache anerkennen muß, wird ihn die Situation der nationalen Minderheiten in Pakistan, besonders in Belutschistan, wo er gegen die Mehrheit der Bevölkerung eine Regierung seiner Partei ( der P.P.P. = Fortschrittliche Volkspartei) eingesetzt hat, schließlich zwingen, sehr schnell seine Klassenposition zu enthüllen.

Trotz des chauvinistischen antipakistanischen Geschreis hat die indische Armee die Truppen "Erbfeindes" nicht physisch vernichtet. Dies hat die bürgerlichen Kommentatoren verwundert, die darin den Wunsch Indira Gandhis sehen wollten, die Gefangenen als Tauschobjekte zu benutzen. Aber der Grund des Problems liegt anderswo, und die höfliche, ja sogar freundliche Art, mit der die indischen Generäle ihre feindlichen Kollegen behandelt haben, beweist, daß die indische Armee sehr wohl begriffen hat, daß diese pakistanische Armee im Grunde die gleichen historischen Interessen wie sie vertritt (nämlich die der Bourgeoisie und des Imperialismus), und dies trotz zeitweiliger und lokaler Differenzen. Diese Armee zu zerstören hätte bedeutet, sich des besten lokalen Verbündeten im Rahmen eines zukünftigen Klassenkrieges auf dem indischen Subkontinent zu entledigen und die pakistanische Regierung ihres konterrevolutionären Instruments gegen die Massen ihres eigenen Landes zu berauben.

Die Bourgecisien von Indien und Pakistan bereiten sich auf den gleichen Kampf vor. Sie wissen, daß trotz des Verrats der indischen KP, der Marxistischen KP Indiens und verschiedener maoistischer Gruppen Indiens und Pakistans die gegenwärtige Stabilisierung der Situation nur eine vorläufige ist.

(L. Rafael. Aus ROUGE Nr. 139 vom 8. 1. 1972)