Inprekorr 1971–1992

Archiv der Internationalen Pressekorrespondenz der IV. Internationale

Spanien

Gewerkschaftsbewegung und Frauenbefreiung

Inprekorr Nr. 104, 23. Mai 1979 · S. 21-23 · 1.590 Wörter

Frauen Gewerkschaften und Streiks Spanischer Staat

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Es war auf einer Versammlung der damals noch illegalen Arbeiterkommissionen (Comisiones Obreras, CCOO) in Madrid, daß vorgeschlagen wurde, autonome Strukturen als Instrument und Druckmittel innerhalb der Organisation, um die spezifischen Forderungen der arbeitenden Frauen zu verteidigen. Damit begann die Diskussion über die Diskriminierung der Frau.

Nach diesem von linken Flügel der Gewerkschaft vorgebrachten Vorschlag sollten getrennte Wahlen von Frauen in die Führungsgremien stattfinden, um deren bis dahin äußerst schwache Vertretung in diesen Organismen aufzufüllen. Es war zu der Zeit, als auch in Spanien die ersten massiven Frauenversammlungen stattfanden, wo man zum ersten • Mal Anklagen hören konnte, daß die Arbeiterbewegung die Unterdrückung der Frau verschwiegen und vergessen hatte. Eine Arbeiterbewegung, die eben einen ihrer wichtigsten Siege über die Diktatur errungen hatte: die Generalstreiks vom Januar 1976.

Die Gewerkschaft konnte diese Anklagen nicht auf sich sitzen lassen. Der Vorschlag kam an, und noch bevor die Führung der CCOO offiziell Position bezogen hatte, fanden schon die ersten Treffen von Arbeiterinnen statt. Auf diesen (illegalen) Versammlungen nahmen Dutzende von Frauen in Madrid (150), Valencia und Barcelona teil.

So kamen die Arbeitenden dazu, spezifische Fragen der Frauenunterdrückung und Diskriminierung zu diskutieren, sowie welchen Platz der Kampf dagegen bei der Arbeiterklasse und im Klassenkampf insgesamt einnehmen soll. Man begann auch zu diskutieren, ob es für die Gewerkschaft notwendig sei, eine spezifische Struktur für die Frauen einzurichten, damit sie auch in der Lage ist, ihre Aufgaben gegenüber diesem Teil der Arbeiterklasse, der immerhin die Hälfte ausmacht, wahrzunehmen.

Gleichzeitig mit diesen Diskussionen entwickelten sich die ersten praktischen Erfahrungen. Diese Praxis dauerte fast zwei Jahre, in welchen die Frauenversammlungen in den Gewerkschaften sich immer mehr ausbreiteten, bis der erste Kongreß der Arbeiterkommissionen stattfand. Alle Regionen und alle Nationalitäten, insbesondere die fortgeschrittensten, arbeiteten Programme zu den spezifischen Forderungen der arbeitenden Frau aus: auf den lokalen Kongressen wurden alle wichtige F.a-terangen bur diredung. Scheidung, Recht auf Arbeit) beschlossen sowie die internen Strukturen, die sich in der Praxis schon durchgesetzt hatten, Strukturen, die einerseits mit der Führung der Gewerkschaft verbunden sind und andererseits für alle Frauen, die Mitglieder sind, offenstehen. So entstanden die Frauensekretariate.

Auf dem ersten Kongreß der Arbeiterkommissionen wurde im Programm die Existenz einer (spezifischen) Unterdrükkung und Überausbeutung der arbeitenden Frau" ausdrücklich anerkannt. Es wurde betont, daß schon jetzt der Kampf gegen diese Situation aufgenommen werden muß, ein Kampf, den die Gewerkschaften nicht links liegen lassen können, der ihrer Ansicht nach untrennbar mit dem Klassenkampf verbunden ist.

WAS SIND DIE

FRAUENSEKRETARIATE?

Diskussionen und Praxis vor dem Kongreß zeigten ihre Auswirkungen, und heute sind sich die männlichen Kollegen bewußter, daß nur die Frauen selbst, die ihre Stimme erhoben haben, die die Arbeit angepackt und die ersten Sekretariate geschaffen haben, die ihre Forderungen verteidigt und damit auch die Vorurteile, welche bei den Arbeitern grassieren, bekämpft haben, daß diese Frauen fähig sind, den doppelten Kampf zu führen, der notwendig ist auf der sozialen Ebene einerseits, um ihre Forderungen durchzusetzen, und innerhalb der Gewerkschaft andererseits, damit diese ihre Forderungen aufnehmen und die gesamte Arbeiterklasse sich dafür einsetzt. ontarine vor Aus diesem Grund hatten die Frauensekretariate von Beginn an einen klar feministischen, kämpferischen Charakter als Frauenversammlungen, obwohl nirgendwo bestimmt wurde, daß nur Frauen daran teilnehmen könnten (als Teil der Gewerkschaften sind sie Männern nicht verschlossen, aber in der Praxis hat sich durchgesetzt, daß alle Gewerkschaften die Bildung von Frauenversammlungen anstreben sollen). So entstanden Frauensekretariate auf der Ebene jedes Gremiums der Gewerkschaft, bei den Exekutivkommissionen und den Branchensekretariaten (Chemie, Druckindustrie, Textil usw.), was deutlich macht, welchen Einfluß die Frauenbewegung auf die arbeitenden Frauen hat. Und eine ganze Anzahl wichtiger Kämpfe von Frauen um ihre Rechte stießen auf großes Echo in den Gewerkschaften und trugen dazu bei, die Ziele der Frauensekretariate bekannt zu machen.

Die Frauensekretariate machten sich daran, die wichtigsten Probleme der arbeitenden Frauen anzupacken, und arbeiteten dazu ein Programm aus. Im Januar 1978 berief die Regierung Gewerkschaftswahlen ein. Das war die Gelegenheit für die Sekretariate, die erste

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Kampagne im ganzen Lande zu führen; es war die erste Gelegenheit, ihr Programm überall unter den arbeitenden Frauen zu propagieren, die alten Vorurteile zu bekämpfen und zu versuchen, daß ein Maximum von Frauen den Wahlen teilnimmt und sich auf die Kandidatenliste der Klassengewerkschaften setzen läßt, während schon abzusehen war, daß die gelben Gewerkschaften die alten Schemen wieder aufwärmen würden (vor allem bei den Technikern und.. den, Behörden- Angestellten).

Die Ergebnisse dieser ersten Wahlen sprechen eine deutliche Sprache. Das Argument, daß die Frauen mehr an den Unternehmern orientiert seien, wurde widerlegt; die Klassengewerkschaften gewannen dort, wo die Frauen in der Mehrzahl sind, und wenn sie bei den Technikern verloren, dann nicht aufgrund der Frauenstimmen, sondern der Stimmen der leitenden Angestellten und der Gelben. Daß aber die Frauen in den kürzlich gewählten Betriebskomitees doch sehr schwach vertreten sind, macht klar, wie wenig sie sich in der Arbeitswelt engagieren. Ihre Proportion ist etwa halb so groß wie bei den letzten Wahlen der vertikalen Gewerkschaft. Die Arbeiter und die Klassengewerkschaften müssen also noch eine große Strecke zurücklegen. Das Jahr 1979 begann mit den Tarif. auseinandersetzungen, unter denen einige besonders die Frauen betreffen (Chemie, Textil usw.), und die Frauensekretariate, die heute gestärkt sind, sorgen dafür, daß die Forderungen der Frauen mit eingebracht werden:

- Gegen die diskriminatorischen Lohnkategorien, gleicher Lohn für gleiche Arbeit; • Gegen die Diskriminierung bei Einstellungen und Beförderungen; für das Recht, den Arbeitsplatz während der Schwangerschaft zu wechseln, für die Einhaltung einer bestimmten Proportion von Frauen in den Betriebsbelegschaften' usw. Sie verbanden solche Forderungen mit den Rechten der Betriebskomitees: Vetorecht der Komitees gegen leitende Angestellte, die sexistischen Verhaltens beschuldigt werden, Kontrollrecht des Komitees bei den Einstellungsgesprächen usw.

FRAUENKAMPF

UND KLASSENKAMPF

Der Kampf ist nicht leicht. Die Wirtschaftskrise hat sich verschärft, und es gibt jetzt zwei Millionen Arbeitslose, die schwer auf die derzeitigen Tarifauseinandersetzungen lasten. Das wissen die Unternehmer, und sie fühlen sich sehr stark. Andererseits beginnen die Arbeiter, diese Forderungen zu verstehen und zu verteidigen, aber sie sehen sie nicht als besonders wichtig an, sie glauben nicht, daß man bis zum Kampf kommen könne, um sie durchzusetzen. Trotz allem ist es ein Schritt nach vorn. Und ein sehr wichtiger Schritt. Diese Forderungen fanden ihren Platz auf fast allen Forderungslisten, und auf fast allen Versammlungen sind Frauen aufgestanden, um sie zu verteidigen. So werden allmählich die reaktionärsten und diskriminatorischsten Auswüchse abgeschafft, und die Unternehmer waren wiederholt gezwungen, zurückzustecken. So sind zum Beispiel die Zusatz-Lohnkategorien (die ziemlich ausschließlich Frauen betrafen, die extrem niedrige Löhne in der chemischen Industrie verdienten) abgeschafft worden, oder der Arbeitsplatz darf jetzt während der Schwangerschaft in der Textilindustrie gewechselt werden.

Auch wenn die Frauensekretariate noch sehr schwach strukturiert sind, hat der Kampf darum, daß die Frauen an den gewerkschaftlichen Aktivitäten teilnehmen und daß eine ganze Reihe feministischer Forderungen von diesen verteidigt werden, bereits dazu geführt, daß die Gewerkschaft eine Reihe von wichtigen Kämpfen gegen die Diskriminierung der Frauen konkret unterstützte. Das bezeichnendste Beispiel ist zweifelsohne Andalusien, wo die Arbeitslosigkeit derart drückend ist, daß es schon zu mehreren Ausbrüchen mit schweren Zusammenstößen kam. Die Regierung sah sich gezwungen, Hilfe in Form von Gemeinschafts-Arbeitsstellen" bereitzustellen (das sind Gelder, mit denen Arbeit für zwei bis drei Tage in der Woche finanziert werden soll, aber nur für ein Familienmitalied), wovon die Frauen ausgeschlossen waren. Obwohl in manchen Dörfern der Provinz Cordoba großes Elend und sogar Hunger herrschen, kam es zu lokalen Generalstreiks, die fünfzehn Tage andauerten, damit die „Gemeinschafts-Arbeitsstellen" ПНН!! auch Frauen zur Verfügung gestellt werden. Und heute hat man erreicht, daß zwei Mitglieder einer Familie solche erhalten können. Übrigens wurden in mánchen Dörfern die Generalstreiks von den arbeitslosen Männern und Frauen solidarisch geführt. In anderen kam es zu Zusammenstößen.

Wichtig ist auch der Kampf, der in Valencia mit Unterstützung der Gewerkschaft entbrannte, damit einige Arbeiterinnen wieder eingestellt werden, die als , unehrsame Quertreiberinnen" enlassen worden waren!

Auf einer anderen Ebene steht die Teilnahme der Gewerkschaften an der Kampagne zum 8. März, die bedeutete, daß die Gewerkschaften mit einer Reihe von gemeinsamen Forderungen zu Problemen der arbeitenden Frauen mit den feministischen Organisationen zusammentrafen. Allerdings gab es dabei etliche Spannungen und Streitereien um größtenteils oberflächliche Probleme (Demonstrationsort, Farbe der Spruchbänder usw.), die die Skepsis und Ablehnung eines - minoritären, aber zunehmenden - Teils der Feministinnen widerspiegelten, daß gemischte Organisationen (Gewerkschaften, Parteien) Forderungen der Frauen übernehmen; diesen Feministinnen fällt es schwer, an den ehrlichen Willen der Arbeiterbewegung zu glauben, einen historischen, unverzeichlichen Irrtum zu korrigieren: den, die Forderungen zur Verbesserung der Situation der Frau und zur Beendigung ihrer Diskriminierung

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auf den zweiten Platz gestellt oder über- Frauensekretariate nehmen an den Grehaupt unter den Teppich gekehrt zu mien zur Koordination der Frauenbewehaben. gung teil, und die gemeinsamen Aktivitäten, wo sich lohnabhängige Frauen mit Diese Genossinnen scheinen die anderen, auch zum Kampf um ihre Methode des ewigen Mißtrauens einzu- spezifischen Probleme organisierten wenden: wenn die Forderungen nicht Frauen treffen, stärken diese Verbindung aufgenommen werden, ist das schlecht; Diese Zusammenarbeit, diese gegenseitige wenn sie es sind, ist es noch schlimmer. Unterstützung ist ein entscheidender Schritt zur Stärkung des nicht-sexistischen Immer mehr gewerkschaftlicher Flügels der Frauenbewegung; dabei muß in den drin finermieg de mais. Gewicht gegeben werden gegenüber solchen feministischen Organisationen, welche mehr Wert darauf legen, daß ihre Abzeichen und ihre Positionen zur Geltung kommen, und der Akzent muß auf die Notwendigkeit gelegt werden, die Frauen zu organisieren und auf die Gesamtheit der Massenbewegung und ihrer Organisationen einzuwirken. Belgien: